Veranstaltungsprogramm

Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Tagung.
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Sitzungsübersicht
Sitzung
2.5.b: Berufliche Bildung gestalten
Zeit:
Freitag, 24.05.2019:
13:30 - 14:30

Chair der Sitzung: Eckehard Müller
Ort: BITZ - Raum K1/K2
BITZ Bremer Innovations- und Technologiezentrum, Fahrenheitstraße 1, 28359 Bremen

Präsentationen
13:30 - 13:45

Entwicklung einer Methode zur Identifikation und Offenlegung von impliziten Wissen basierend auf Arbeitsprozessanalysen

Sui Ping Yuen

Universität Siegen, Deutschland

Diese Forschungsarbeit beschäftigt sich mit der Entwicklung einer Methode implizites Wissen möglichst umfassend zu identifizieren und damit eine wichtige Voraussetzung für Lehr-und Lerninhalte zu schaffen, die für den Einsatz der neuen Medien in der beruflichen Bildung eine wichtige zukunftsorientierte Komponente ist.

Ausgehend von dem Michael Polyani’s Paradoxum1 „dass wir mehr wissen, als wir zu sagen wissen“, gibt es ein hohes Maß an Wissen, welches Entscheidungen und Handlungen generiert, die aber nicht verbalisiert werden können und somit als Lehrgegenstand nicht zur Verfügung stehen. Die Entstehung impliziten Wissens, bekannt als ‚tacit knowledge‘, ist ein höchst individueller Prozess von unbewusst reflektierten Erfahrungen. Die Gewinnung dieses Wissens ist zeitaufwendig und geschieht oft zufällig; es scheint, dass die Transferierbarkeit nicht gewährleistet werden kann und häufig unmöglich ist.

Die Ausgangsthese für diese Arbeit ist die Annahme, dass seit Beginn des Computerzeitalters versucht wird, menschliches Wissen auf dem Computer abzubilden mit dem Ziel, bisher von menschlichen Experten entwickelte situativ bedingte Entscheidungen nun vom Computer vollziehen zu lassen. Die Abbildung dieses Wissens durch Algorithmierung ist die Voraussetzung einer digitalisierten Produktion, die im Zusammenhang mit der Digitalisierung der Arbeitswelt im Zukunftsprojekt ‚Industrie 4.0‘ diskutiert wird. Die Algorithmierung dieses Wissens kann nur gelingen, wenn das dazu notwendige Erfahrungswissen identifiziert und verbalisiert werden kann.

In diesem Forschungsansatz wird bei einer Arbeitsprozessanalyse2 im Bereich einer Montage-und Instandhaltungstätigkeit3 eine Methode entwickelt, um das implizite Wissen, ein Bestandteil des Erfahrungswissens, zu identifizieren und offenzulegen. Mit einer Vielzahl von Probanden wird durch mehrfache Wiederholung des Versuches (mit Interviews vor und nach den Versuchen, videoanalytischen Feldbeobachtungen sowie Auswertungen von Messdaten), die Kernelemente des impliziten Wissens identifiziert, herausgefiltert und beschrieben. Die lern-biographischen Entwicklungen sowie die physische Positionierung der Probanden zum Versuchsobjekt werden erfasst, den identifizierten Wissenselementen eine Wertigkeit zugeordnet, die dann auf der Basis von „best-case“ Benchmarks klassifiziert werden können.

Für die Datenanalyse wird der „Design-Based Research“ Ansatz4 angewendet mit Schwerpunkt auf die Analysephase, die sich an Garfinkel’s „unique adequacy (einzigartige Adäquanz)“ 5 ethnosoziologische Vorgehensweise anlehnt. Der Forscher soll sich auf ein Arbeitsumfeld einlassen, um ein allgemeines Verständnis der Procedere und Interaktionen, einschließlich der technischen Arbeitssituation zu erlangen. Dies erfordert eine ständige wechselseitige Orientierung, die durch Aufmerksamkeit, Kompetenz und Vertrauen gekennzeichnet ist6. Dazu versetzt sich die Forscherin in die Rolle der ProbandInnen. Die Anwendung dieser Methode soll die Forschungsfrage „adäquat“ beantworten und jene Fallmöglichkeiten bieten, die angesichts der hohen Differenzierung von Facharbeit in hochspezialisierten Unternehmen heute erforderlich ist.

Zusammenfassend beschäftigt sich diese Forschungsarbeit mit folgende Themen:

- Auseinandersetzung mit der grundlegenden Frage nach der Explizierbarkeit von implizitem Wissen.

- Anwendung einer neuen Form von Wissenschaftsmethodik über den „Design- Based Research“ Ansatz und exemplarisches Aufzeigen dessen Nutzens für den Erkenntnisgewinn.

- Der Versuch eine konkrete Lücke im Konzept der Digitalisierung von Arbeitsprozessen zu schließen und den impliziten Teil des Erfahrungswissens von Facharbeitern zu erfassen.



13:45 - 14:00

Perspektiven in der beruflichen Bildung und der Ingenieurpädagogik – zu neuem Lehren und Lernen mit digitalen Medien

Friedhelm Eicker, Christoph Bohne

bbw – Beruf • Bildung • Wissenschaft, Deutschland

In der beruflichen Bildung und der Ingenieurpädagogik wird um neue Konzepte für die Technische Bildung und die Aus- / Fort- und Weiterbildung der Berufspädagogen gerungen. Die angestrebten Ziele und eingeschlagenen Wege sind mehr oder weniger sinnvoll. In Deutschland sind die Merkmale „guter“ Berufsbildung theoretisch ausgewiesen und sie haben sich grundsätzlich praktisch bewährt – Stichworte hierzu: Kompetenz-, Arbeits- / Handlungs- / Gestaltungsorientierung, Projekt- / Lernfeldbezug, Digital- / Mediengestütztes, Kooperatives / Vernetztes, Selbständiges Lehren und Lernen usw. Trotzdem muss (selbst-)kritisch festgestellt werden, dass die berufliche Bildung und die Ingenieurpädagogik wohl an einem Tiefpunkt angekommen sind: Allen Einsichten zuwider wird in den Hochschulen, Berufsschulen, Betrieben und anderen berufsbildenden Einrichtungen allenfalls partiell auf das Lehren und Lernen abgestellt, das mit den Stichworten bezeichnet wurde. Zu der Problemsituation trägt sicher bei, dass die berufliche Bildung zurzeit nur wenigen Studierenden / Auszubildenden attraktiv erscheint. Die Konsequenz, Seiten- / Quereinsteiger und Umsteiger in der Berufsbildung, verschärft die Situation. Deutschland ist momentan – auch wenn noch nicht ausgeprägt – in einer international vergleichbaren Situation: Es sind sehr unterschiedliche Auszubildende und auch Lehrkräfte aus- / fort- und weiterzubilden. Dementsprechend sind die verfolgten Konzepte zu überdenken. Dabei geht es nicht nur, wie die Einladung zur 14. Ingenieurpädagogischen Regionaltagung 2019 vermuten lässt, um neue Wege in der Berufsbildung und der Ingenieurpädagogik. Vielmehr und zunächst ist das Paradigma auszumachen, das – in Deutschland und international – verspricht, wirklich zu einer erstrebenswerten Technischen Berufsbildung einschließlich der Aus- / Fort- / Weiterbildung der Berufspädagogen zu führen. Es bedarf beruflicher Bildung und Ingenieurpädagogik, die den sehr unterschiedlichen Auszubildenden / Studierenden möglichst selbständig eine „hochflexible“ gestaltungskompetenzorientierte, vernetzte und digital- / medienbezogene Aus- / Fort- / Weiterbildung eröffnet. In unserem Beitrag wird angesprochen, wie dieses möglich wird. Es wird auf Erfahrungen eingegangen, die unter anderem in Projekten zum Lehren und Lernen mit neuen – digitalen – Medien in Mecklenburg-Vorpommern gewonnen werden konnten (EMAG: Entwicklung und Erprobung eines Medienkonzeptes zur Aneignung von Gestaltungskompetenz an vernetzten Lernorten der beruflichen Bildung und LAGL: Lehr-Lernkonzept zur Aneignung beruflicher Gestaltungskompetenz in einer digitalen und vernetzten Lernumgebung im Tourismus und Gastgewerbe).



14:00 - 14:15

Selbstorganisiertes Lernen als Vorbereitung für das lebenslange Lernen im Lehrberuf

Katharina Bartsch1, Christian Daniel2, Claus Emmelmann1

1Technische Universität Hamburg, Deutschland; 2Universität Bremen, Deutschland

Lehrkräfte im Bereich der Metalltechnik stehen heute schon vor der Heraus¬forderung des schnellen Wandels der technischen Inhalte, die sie an Lernende vermitteln sollen. Immer kürzere Innovationszyklen und disruptive Technologien wie die additiven Fer-tigungstechnologien haben die Geschwindigkeit, mit welcher neue technische Inhalte didaktisch und für alle zugänglich aufbereitet werden, bereits überholt. Lehrkräfte müssen daher bereits im Rahmen ihres Studiums in die Lage versetzt werden, sich neue Technologien und Zusammenhänge im Sinne eines lebenslangen Lernens immer wieder (neu) anzueignen. Ein Weg zu diesem Ziel liegt in dem Einsatz selbstorganisierten Lernens in den Lehrveranstaltungen.

In diesem Beitrag soll beleuchtet werden, inwiefern ein entwickeltes Veranstaltungskonzept für das Thema Fertigungstechnik geeignet ist, Studierende im Bereich der Metalltechnik auf den Aspekt des lebenslangen Lernens in ihrem Beruf vorzubereiten. Dazu ist das Veranstaltungskonzept in Anlehnung an die Methode des Gruppenpuzzles ausgestaltet und zur Anwendung gebracht worden, wobei sich an den neun Merkmalsbereichen des selbstorganisierten Lernens nach Sembill [Sembill & Seifert, 2006, S. 101] orientiert wurde. Besondere Aufmerksamkeit wurde hierbei gleichzeitig auf die Förderung von Medien-, Sozial-, Fach- und Personalkompetenz gerichtet. Im Rahmen des Veranstaltungskonzepts erarbeiten sich die Studierenden in der Phase einer Gruppenarbeit eigenverantwortlich und selbstständig exemplarisch Wissen über einen Teil des zu bearbeitenden Themas und Lehrende stehen in coachender Funktion zur Seite. Hierzu steht eingangs eine Vorlage zur Verfügung, die von den Studierenden kritisch hinterfragt und um aktuelle Aspekte ergänzt wird. Darauf folgt eine Expertenrunde, in welcher das Wissen aus der ersten Phase den komplementären Studierenden vermittelt wird. Auf diese Weise erfolgt bei den Lernenden ein Perspektivwechsel und sie sind erst für das eigene und dann für das Wissen der anderen verantwortlich. In der dritten Phase wird das erlernte Wissen zur praktischen Anwendung gebracht, indem die Studierenden eine zu fertigende Baugruppe analysieren, mögliche Fertigungsstrategien diskutieren und eine Bewertung dieser vornehmen. Der abgeleitete Fertigungsplan wird in einem abschließenden Plenum diskutiert. Aus den Ergebnissen der Erprobung und Evaluation sollen abschließend Rückschlüsse gezogen werden, welche Randbedingungen sowie motivationalen Bedingungen für ein erfolgreiches selbstorganisiertes Lernen vorliegen müssen.