Veranstaltungsprogramm

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Sitzungsübersicht
Sitzung
1.1: Slot 1-A
Zeit:
Donnerstag, 19.09.2019:
10:00 - 12:00

Chair der Sitzung: Hauke Lehmann, Freie Universität Berlin
Ort: A (Seminarraum K31)
Institut für Theaterwissenschaft, Grunewaldstr. 35, 12165 Berlin

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Präsentationen

Fliegende Teppiche und melancholische Monster. Märchen als Spielmaterial in Forced Entertainments „And on the 1000th night”

Robin Junicke

Ruhr-Universität Bochum, Deutschland

Märchen und orale Erzähltraditionen sind fest im kulturellen Gedächtnis (nicht nur) europäischer Kulturen eingebunden. Die hier abgerufenen Tropen und Figuren werden von einer breiten Mehrheit unmittelbar erkannt und dekodiert.

In der Arbeit And on the 1000th Night der britischen Performancegruppe Forced Entertainment wird dieser Erzählvorgang zum Spiel. Immer wieder von vorne beginnen die Performer*innen immer neue Geschichten zu erzählen, werden unterbrochen, abgelöst – starten von neuem. Damit einher gehen Taktiken und Strategien, Narration, Narrative Strukturen und Erwartungen ins Spiel zu bringen und für die improvisierte Dramaturgie zu instrumentalisieren.

Dabei stellt sich die Frage, auf welchen Ebenen hier die Narrative zum Spiel werden: In den Köpfen der Rezipienten, in der Dramaturgie der Performance, in den Strategien und Taktiken der Performer*innen und darüber hinaus? Dieser Vortrag folgt den Überschneidungen dieser Perspektiven und analysiert die Interferenzen von Märchen im kollektiven Gedächtnis und spielerische Strukturen im Performance-Beispiel.



Romantische Verpuppungen: Alice in Ghostland

Christine Lötscher

Universität Hildesheim / Universität Zürich, Deutschland

Die viktorianische Romantik mit ihrem Flair für das Ornamentale, für Nonsense und das Material der Künste verfügt über spezifische ästhetische Möglichkeiten, Paradoxa an der zu Oberfläche zu gestalten. Am deutlichsten manifestiert sich dies in Lewis Carrolls Alice-Büchern (1865/1871), wie Gilles Deleuze in Logik des Sinns aufzeigt: An die Stelle von Zeichen, auf einen Sinn in der Tiefe verweisen, tritt die fortlaufende Einheit der Vorder- und der Rückseite. Diese Figuration ist eine von vielen, die nicht zur Ruhe kommen, weder in den Alice-Büchern selbst noch in den Künsten des 20. und 21. Jahrhunderts. Insbesondere im Genre des Horror und des Weird lässt sich eine Transmission viktorianisch-romantischer Poetiken nachzeichnen. Dabei handelt es sich um eine Konstellation widersprüchlicher und unvereinbarer ästhetischer Figurationen, die man als Alice-Maschine bezeichnen kann.

In meinem Vortrag möchte ich mich auf einen Aspekt der Alice-Maschine konzentrieren, der sich mit dem Stichwort Verpuppung fassen lässt. Carrolls viktorianische Alice befindet sich in einem paradoxen Prozess der Verpuppung und Entpuppung: die Abenteuer im Wunderland setzen die zyklische Zeitlichkeit des vorpubertären Mädchen-Seins der linearen Zeitlichkeit des zur Gesellschafts-Puppe Heranwachsenmüssens entgegen; die Logik der Metamorphose wird umgedreht, und ausgerechnet in der Verpuppung entpuppt sich das selbstbestimmte weibliche Subjekt, das sich dem gewaltsamen Zugriff auf seinen Körper widersetzen kann. Wie diese paradoxe Metamorphose funktioniert, möchte ich an der äußerst drastischen Inszenierung dieser Figuration in Pascal Laugiers GHOSTLAND (2018) herausarbeiten. Sie gewinnt im Film eine gendertheoretisch-politische Dimension, indem sie die brutale andere Seite der gepflegten viktorianischen Oberfläche freilegt, in atemlosen, grotesken Bildern.



Bechdel-Test Note 1?: Nekromantik 2 (1991) von J. Buttgereit

Julie Miess

Freie Wissenschaftlerin, Deutschland

Die Karikatur „The Horror Boys of Hollywood“ (Arnold Steig, Vanity Fair, 1935) zeigt die berühmtesten Monsterhelden und Mad Scientists des Gothic Horror: etwa Boris Karloff als Frankensteins Monster, Charles Laughton als Dr. Moreau, Bela Lugosi als Dracula und Henry Hull als Wolf Man. Die wenigen weiblichen Figuren im Bild sinken als Opfer in den Armen der Horror Boys darnieder.

Das männliche Monster als Raubtier ist traditionell mit der Vorstellung einer starken Subjektposition verbunden, die durchaus auch verheißungsvoll sein kann. Dem entspricht das typische kulturelle Bild des weiblichen Opfers, von der verfolgten Unschuld der Gothic novel bis zur Scream Queen des Slasherfilms, die wenn, dann höchstens Opferheldin sein kann (Carol Clovers female victim-hero oder final girl).

Ist das Monster doch einmal weiblich konnotiert, verkörpert es eine wenig verheißungsvolle Andersartigkeit, von der mythologischen Gorgone Medusa bis zur bösen Mutter von Norman Bates. Die Macht des weiblichen Monsters erschöpft sich entweder in seiner Attraktivität, wie bei der Femme fatale, oder es ist auf spezifisch ekelhafte Weise erschreckend (Barbara Creeds beispielhaftes Monstrous Feminine, 1993).

Seit den 2000er Jahren werden im Zuge von Renaissancen des Gothic Horror nicht nur Genreklassiker neu entdeckt – aktuell It und Pet Sematary – sondern auch Macht/Trieb/Begehrensverhältnisse neu definiert.

Bis heute hat jedoch wurden diese Verhältnisse kaum jemals so wirkungsvoll umgekehrt wie in Jörg Buttgereits Nekromantik 2 aus dem Jahr 1991. Inwiefern besteht dieses Werk den queerfeministischen Bechdel-Test in beispielloser Weise? Ist Nekromantik 2 wirklich ein Liebesfilm und wenn ja, warum? In welchem Verhältnis steht die radikale Loner-Figur Monika zu den Protagonistinnen neuerer Body Horror-Filme? Wie würde das Bild „The Horror Girls of Hollywood & Beyond“ heute aussehen, wer würde in den Armen dieser Monsterheldinnen niedersinken?



Romancing The Monster: Monströses Begehren im zeitgenössischen Horrorfilm

Thomas Morsch

Freie Universität Berlin, Deutschland

Laut Jeffrey Jerome Cohen, der mit seinem Buch Monster Theory (1996) einen der Begründungstexte des Forschungszweigs der Monster Studies verfasst hat, zeichnen sich die in unserer Kultur virulenten Monster dadurch aus, dass sie stets auf etwas Anderes als sich selbst verweisen: „the monster signifies something other than itself“ (S. 5). Auf ein solch semiotisches und referenzielles Verständnis des Monströsen haben sich theoriehistorisch stets solche Ansätze bezogen, die das Monster als Chiffre eines zum Beispiel gesellschaftlich (und damit im weitere Sinne moralisch, ökologisch, ökonomisch etc.) Verdrängten begreifen, so etwa in den einschlägigen Arbeiten zum Horrorfilm von Robin Wood.

In jüngere Zeit sind aber in ganz verschiedenen filmkulturellen Zusammenhängen eine Reihe von Monsterfilmen entstanden, deren Inszenierung das Monster bewusst gegen eine Lektüre als Chiffre von etwas anderem in Schutz zu nehmen scheint, und die statt dessen die karnale Insistenz des Monströsen ins Zentrum rücken. In diesen Filmen wird das Monster als nicht zuletzt sexuelles Spektakel vorgeführt und zum Objekt eines illegitimen Begehrens.

Dieser neuen Qualität des Monströsen soll in Filmen wie Spring (Justin Benson & Aaron Moorhead 2014), Der Nachtmahr (Akiz 2015) und La región salvaje (Amat Escalante 2016) sowie im Kontext von Perspektiven der aktuellen „Monster Studies“ (vgl. University of Toronto Quarterly Vol. 87, No. 1, 2018) nachgegangen werden. Gezeigt werden soll, dass die gesellschaftskritische Funktion des Monsters-als-Chiffre in diesen Filmen durch eine andere Form libidinöser und sozialer Disruption abgelöst wird.