Veranstaltungsprogramm

Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Tagung.
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Sitzungsübersicht
Datum: Donnerstag, 19.09.2019
9:00 - 10:00Registrierung
Foyer 
10:00 - 12:001.1: Slot 1-A
Chair der Sitzung: Hauke Lehmann, Freie Universität Berlin
A (Seminarraum K31) 
 

Fliegende Teppiche und melancholische Monster. Märchen als Spielmaterial in Forced Entertainments „And on the 1000th night”

Robin Junicke

Ruhr-Universität Bochum, Deutschland

Märchen und orale Erzähltraditionen sind fest im kulturellen Gedächtnis (nicht nur) europäischer Kulturen eingebunden. Die hier abgerufenen Tropen und Figuren werden von einer breiten Mehrheit unmittelbar erkannt und dekodiert.

In der Arbeit And on the 1000th Night der britischen Performancegruppe Forced Entertainment wird dieser Erzählvorgang zum Spiel. Immer wieder von vorne beginnen die Performer*innen immer neue Geschichten zu erzählen, werden unterbrochen, abgelöst – starten von neuem. Damit einher gehen Taktiken und Strategien, Narration, Narrative Strukturen und Erwartungen ins Spiel zu bringen und für die improvisierte Dramaturgie zu instrumentalisieren.

Dabei stellt sich die Frage, auf welchen Ebenen hier die Narrative zum Spiel werden: In den Köpfen der Rezipienten, in der Dramaturgie der Performance, in den Strategien und Taktiken der Performer*innen und darüber hinaus? Dieser Vortrag folgt den Überschneidungen dieser Perspektiven und analysiert die Interferenzen von Märchen im kollektiven Gedächtnis und spielerische Strukturen im Performance-Beispiel.



Romantische Verpuppungen: Alice in Ghostland

Christine Lötscher

Universität Hildesheim / Universität Zürich, Deutschland

Die viktorianische Romantik mit ihrem Flair für das Ornamentale, für Nonsense und das Material der Künste verfügt über spezifische ästhetische Möglichkeiten, Paradoxa an der zu Oberfläche zu gestalten. Am deutlichsten manifestiert sich dies in Lewis Carrolls Alice-Büchern (1865/1871), wie Gilles Deleuze in Logik des Sinns aufzeigt: An die Stelle von Zeichen, auf einen Sinn in der Tiefe verweisen, tritt die fortlaufende Einheit der Vorder- und der Rückseite. Diese Figuration ist eine von vielen, die nicht zur Ruhe kommen, weder in den Alice-Büchern selbst noch in den Künsten des 20. und 21. Jahrhunderts. Insbesondere im Genre des Horror und des Weird lässt sich eine Transmission viktorianisch-romantischer Poetiken nachzeichnen. Dabei handelt es sich um eine Konstellation widersprüchlicher und unvereinbarer ästhetischer Figurationen, die man als Alice-Maschine bezeichnen kann.

In meinem Vortrag möchte ich mich auf einen Aspekt der Alice-Maschine konzentrieren, der sich mit dem Stichwort Verpuppung fassen lässt. Carrolls viktorianische Alice befindet sich in einem paradoxen Prozess der Verpuppung und Entpuppung: die Abenteuer im Wunderland setzen die zyklische Zeitlichkeit des vorpubertären Mädchen-Seins der linearen Zeitlichkeit des zur Gesellschafts-Puppe Heranwachsenmüssens entgegen; die Logik der Metamorphose wird umgedreht, und ausgerechnet in der Verpuppung entpuppt sich das selbstbestimmte weibliche Subjekt, das sich dem gewaltsamen Zugriff auf seinen Körper widersetzen kann. Wie diese paradoxe Metamorphose funktioniert, möchte ich an der äußerst drastischen Inszenierung dieser Figuration in Pascal Laugiers GHOSTLAND (2018) herausarbeiten. Sie gewinnt im Film eine gendertheoretisch-politische Dimension, indem sie die brutale andere Seite der gepflegten viktorianischen Oberfläche freilegt, in atemlosen, grotesken Bildern.



Bechdel-Test Note 1?: Nekromantik 2 (1991) von J. Buttgereit

Julie Miess

Freie Wissenschaftlerin, Deutschland

Die Karikatur „The Horror Boys of Hollywood“ (Arnold Steig, Vanity Fair, 1935) zeigt die berühmtesten Monsterhelden und Mad Scientists des Gothic Horror: etwa Boris Karloff als Frankensteins Monster, Charles Laughton als Dr. Moreau, Bela Lugosi als Dracula und Henry Hull als Wolf Man. Die wenigen weiblichen Figuren im Bild sinken als Opfer in den Armen der Horror Boys darnieder.

Das männliche Monster als Raubtier ist traditionell mit der Vorstellung einer starken Subjektposition verbunden, die durchaus auch verheißungsvoll sein kann. Dem entspricht das typische kulturelle Bild des weiblichen Opfers, von der verfolgten Unschuld der Gothic novel bis zur Scream Queen des Slasherfilms, die wenn, dann höchstens Opferheldin sein kann (Carol Clovers female victim-hero oder final girl).

Ist das Monster doch einmal weiblich konnotiert, verkörpert es eine wenig verheißungsvolle Andersartigkeit, von der mythologischen Gorgone Medusa bis zur bösen Mutter von Norman Bates. Die Macht des weiblichen Monsters erschöpft sich entweder in seiner Attraktivität, wie bei der Femme fatale, oder es ist auf spezifisch ekelhafte Weise erschreckend (Barbara Creeds beispielhaftes Monstrous Feminine, 1993).

Seit den 2000er Jahren werden im Zuge von Renaissancen des Gothic Horror nicht nur Genreklassiker neu entdeckt – aktuell It und Pet Sematary – sondern auch Macht/Trieb/Begehrensverhältnisse neu definiert.

Bis heute hat jedoch wurden diese Verhältnisse kaum jemals so wirkungsvoll umgekehrt wie in Jörg Buttgereits Nekromantik 2 aus dem Jahr 1991. Inwiefern besteht dieses Werk den queerfeministischen Bechdel-Test in beispielloser Weise? Ist Nekromantik 2 wirklich ein Liebesfilm und wenn ja, warum? In welchem Verhältnis steht die radikale Loner-Figur Monika zu den Protagonistinnen neuerer Body Horror-Filme? Wie würde das Bild „The Horror Girls of Hollywood & Beyond“ heute aussehen, wer würde in den Armen dieser Monsterheldinnen niedersinken?



Romancing The Monster: Monströses Begehren im zeitgenössischen Horrorfilm

Thomas Morsch

Freie Universität Berlin, Deutschland

Laut Jeffrey Jerome Cohen, der mit seinem Buch Monster Theory (1996) einen der Begründungstexte des Forschungszweigs der Monster Studies verfasst hat, zeichnen sich die in unserer Kultur virulenten Monster dadurch aus, dass sie stets auf etwas Anderes als sich selbst verweisen: „the monster signifies something other than itself“ (S. 5). Auf ein solch semiotisches und referenzielles Verständnis des Monströsen haben sich theoriehistorisch stets solche Ansätze bezogen, die das Monster als Chiffre eines zum Beispiel gesellschaftlich (und damit im weitere Sinne moralisch, ökologisch, ökonomisch etc.) Verdrängten begreifen, so etwa in den einschlägigen Arbeiten zum Horrorfilm von Robin Wood.

In jüngere Zeit sind aber in ganz verschiedenen filmkulturellen Zusammenhängen eine Reihe von Monsterfilmen entstanden, deren Inszenierung das Monster bewusst gegen eine Lektüre als Chiffre von etwas anderem in Schutz zu nehmen scheint, und die statt dessen die karnale Insistenz des Monströsen ins Zentrum rücken. In diesen Filmen wird das Monster als nicht zuletzt sexuelles Spektakel vorgeführt und zum Objekt eines illegitimen Begehrens.

Dieser neuen Qualität des Monströsen soll in Filmen wie Spring (Justin Benson & Aaron Moorhead 2014), Der Nachtmahr (Akiz 2015) und La región salvaje (Amat Escalante 2016) sowie im Kontext von Perspektiven der aktuellen „Monster Studies“ (vgl. University of Toronto Quarterly Vol. 87, No. 1, 2018) nachgegangen werden. Gezeigt werden soll, dass die gesellschaftskritische Funktion des Monsters-als-Chiffre in diesen Filmen durch eine andere Form libidinöser und sozialer Disruption abgelöst wird.

 
10:00 - 12:001.2: Slot 1-B
Chair der Sitzung: Zoé Iris Schlepfer, Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF
B (Seminarraum II) 
 

Das Motiv der magischen Ehe im romantischen Kunstmaerchen: Konstellationen und Deutungsmoeglichkeiten

Boris Maximov

Moskauer Staatliche Lomonossow-Universitaet, Fakultaet fuer Journalistik, Russland

Im Mittelpunkt meines Vortrages soll die sogenannte magische Ehe stehen, ein gaengiges Motiv in den (Novellen)maerchen der Romantik. Es handelt sich dabei um eine Verbindung des jungen Protagonisten mit einer maechtigen Zauberin, die ihn aus dem vertrauten sozialen Milleau herausreisst, ihm meistens uebermenschliche Faehigkeiten verleiht und seine physische wie psychische Existenz auf Probe stellt. Diese Konstellation kommt in zahlreichen Texten der europaeischen Romantik vor - beispielhaft dafuer sind Tiecks Der Runenberg, Hoffmanns Das oede Haus, Eichendorffs Das Marmorbild, Gogols Die Mainacht und Der Wij, Puschkins Pique Dame, La Vénus d'Ille von Mérimée, Andersens Die Schneekoenigin, die Reihe laesst sich leicht fortsetzen. Von “Zauberin” (und von Phantastik schlechthin) darf man deshalb reden, weil das Wesen der (Ehe)partnerin ueber- oder unmenschliche Zuege aufweist: sie ist ein Mannweib, sie gehoert der Vergangenheit an (sei es die graue Urzeit oder das historische Altertum) und ist eigentlich halbtot, sie ist riesig (ueberdimensional), sie uebt eine magnetische Wirkung auf Menschen, sie ist eins mit verschiedenen Naturelementen. Mein Anliegen ist es, die Ambivalenz und den funktionalen Wert dieser Figur herauszuarbeiten. Auf den ersten Blick erscheint sie schaurig und boeswillig, im Endergebnis fungiert sie aber, m.E., als Prueferin, die dem Protagonisten zur (beruflichen) Reifung und zur Eheschliessung verhelfen sollte, selbst wenn sie ihn anscheinend zu verfuehren versucht. Dabei schuert sie die Sinnlichkeit des Protagonisten (bzw. seinen Ehrgeiz). Er laeuft Gefahr, von der maechtigen Prueferin aufgesogen und in ihrem Schoss aufgeloest zu werden. Sein Schicksal haengt groesstenteils von seinen eigenen Entscheidungen ab. Mich wuerde besonders interessieren, wo die Grenze zwischen einem glimpflichen Ausgang und einem Alptraum verlaeuft und – welche (sozialgeschichtlichen, ja biologischen) Entwicklungen die magische Ehe thematisieren soll.



Clemens Brentanos „Ländchen Vadutz“

Celina Müller-Probst

Freies Deutsches Hochstift, Deutschland

Clemens Brentano (1778-1842) ist, obwohl literaturgeschichtlich immer als zentrale Person der sogenannten Heidelberger oder Hochromantik genannt, weder der bekannteste noch ein vielgelesener romantischer Schriftsteller. Wenn sich seine Schöpfungen im kulturellen Bewusstsein etablierten, dann ohne die Verknüpfung zu ihrem Urheber. So denken die meisten Menschen bei der Erwähnung der Loreley, wenn überhaupt an Literatur, dann an Heine und nicht an Brentano, den Erfinder dieser sich als Volkssage tarnenden Kunstfigur.

Im Gegensatz zu den Frühromantikern Novalis und Friedrich Schlegel gibt es von Brentano kein publiziertes literaturtheoretisches Manifest. Seine Ansichten formulierte er überwiegend in Briefen, die erst posthum veröffentlicht wurden, oder stark durch Bildsprache verschlüsselt in seinen Werken selbst. Was sich in seinen Schriften vom Früh- bis zum Spätwerk immer wieder findet, ist die Vorstellung von einem Land der Phantasie, das nach Wolfgang Frühwald mit dem „verlorenen Paradies“ identisch ist. Ein Name, den Brentano für dieses Land verwendet, ist „Vadutz“. Er beschreibt es im Kunstmärchen „Gockel, Hinkel und Gackeleia“ als Traumland seiner Kindheit. Doch wie sieht dieses Traumland Brentanos, als dessen „privatisirenden Besitzer“ er sich sah, aus? Welchen Veränderungen war das Phantasiereich im Laufe von Brentanos Schaffen unterworfen? Was geschieht, wenn das „Land aller Schätze, Geheimnisse und Kleinodien“ mit der wenig phantastischen Lebensrealität in Konflikt gerät? Diesen Fragen und den Parallelen von „Vadutz“ und romantischer Weltanschauung will sich der Vortrag widmen und zeigen, dass es sich bei ihm um ein archetypisches Phantasieland handelt, das sich von späteren literarischen Phantasieländern gar nicht so sehr unterscheidet.



Vom ‚öden Haus‘ zum Großstadtmythos London? Zum Verhältnis der Urban Fantasy zur Raumsemantik der Romantik

Anja Schonlau

Universität Göttingen, Deutschland

In der Urban Fantasy bestimmt die moderne Großstadt Grenzen und Exaltationen des phantastischen Geschehens, so aktuell im fiktiven London, Chicago, New York oder Berlin. Als Ursprung des modernen Großstadtromans gilt der französiche Naturalismus, insbesondere die Werke Zolas. Aber schon die Romantiker entdecken die Stadt, wie Marianne Thalmann bereits 1965 feststellt: Die junge Großstadt Berlin wird nicht nur zur Wahlheimat der Romantiker, sie inspiriert auch topographische Darstellungen, z.B. E.T.A. Hoffmanns 'Das öde Haus'. Das romantische Interesse an der literarischen Großstadt ist paneuropäisch: Ludwig Tiecks Protgonist William Lovell scheitert in London, Rom und Paris. Der Beitrag will der Frage nachgehen, inwieweit die Urban Fantasy in der Gegenwart eine spezifisch romantische Raumsemantik adaptiert. (1.) Zunächst ist am Beispiel von Ben Aronovitch 'Rivers of London' und Simon Greens 'The Harry Dresden Files' zu klären, welche Funktion die Großstadtopographie in der Urban Fantasy hat und welchen Regeln ihre Raumsemantik unterliegt. (2.) Das Ergebnis ist in ein Verhältnis zu den – durchaus heterogenen – Raumkonzeptionen der Romantik zu setzen. Dabei gilt ein besonderes Augenmerk den Seelenräumen der Romantik und dem Stadt-Land-Konflikt.

 
10:00 - 12:001.3: Slot 1-C
Chair der Sitzung: Simon Spiegel, Universität Zürich/Universität Bayreuth
C (Seminarraum III) 
 

The Romance of Wedgwood Fairyland Lustre

Edward Frederick James

University College Dublin, Ireland

The period from roughly 1910 to 1930 was, in the UK, a highpoint for fairy belief and for widespread use of fairies in art and literature. There are the Cottingley Fairies; the finest works by Arthur Rackham, Edmund Dulac and other illustrators; thre development of Elvish by J.R.R. Tolkien; and so on. Much less well known are the superlative creations of the Wedgwood Pottery in Stoke-on-Trent in the series known as Fairyland Lustreware. They were designed by Daisy Makeig-Jones, and produced between 1916 and 1930. They are well known to collectors (pieces sell for €5000 or more), but barely recognised by students of the fantastic. This paper will examine the context and inspiration of Makeig-Jones’s work.



Greater than Gods. Man as Artist.

Cristina Elena Safta

University "1 Decembrie 1918" from Alba Iulia

When critics refer to the influence exerted by John Milton on the romantics, they tend to emphasize the character of the one time opponent of monarchic absolutism which fed into the portrait of rebellious and self-righteous Satan in Paradise Lost. In our opinion, the aesthetic idea underlining the building of Pandemonium by the fallen angels has not been sufficiently explored. Milton had actually shifted the scales of value, had put something in place of the discredited religious myth, and that something was the creation of the cultural order.The post-romantic movements, impressionism and expressionism, and especially the aesthetic decadence set art above all the other values.Another case point is Romanian expressionist poet, playwright, philosopher Lucian Blaga , who refurbished the legendary master mason of the most famous Romanian church on the River Arges as an artist of genius whose nisus formativus makes him sacrifice everything, including his wife and unborn child.Creation, liberty and inferno seem to be interrelated, somehow. This is the triplet “star of the show”. Man was characterized as being more than a god when undertaking the act of creation. Touching on the Romantic universal poetry and the worldmaking of poets such as P.B. Shelly and Keats, this paper seeks to observe the artist who perishes at the expense of his own creation, a utopia turned into a tragedy, as a link to the romantic topos. Borrowing the notion from D.Sipe’s, Text, Image, and the Problem with Perfection in Nineteenth- Century France: Utopia and Its Afterlife (2016), the “afterlife” of utopia is defining for Manole’s story.This notion characterizes a transitional state from romanticism towards modernity. Man’s relationship with God is the predominant theme, but modulated into a poetic art. This study will focus on the notions creation-sufferance-inferno through links to the Biblical teachings, yet commuted to what Baudelaire brought to full bloom in the aesthetics of Evil.



Digital Making with Patchers, Bridge People, and ‘Funny’ Fabbers

Joel Peter Weber Letkemann

Aarhus School of Architecture, Denmark

The field of architectural design has, in the last years, shown an increasing interest in SF. This interest can be as simple as adopting the imaginative freedom that SF inspires, or it may be directed towards SF as a conceptual space to create, test, and critique the utopian speculations of architectural practice or the impact of emerging technology on design. This paper discusses the relationship between 3D printing technologies, non-alienated labour, and urban cultures in William Gibson’s The Peripheral, with additional reference to Virtual Light and All Tomorrow’s Parties from the Bridge trilogy. Each of these novels shows additive manufacturing technology as crucial for the contestation of ownership and belonging in urban futures.

In an overly literal interpretation of world-building, the paper describes how this reading of 3D printing technology becomes becomes a vehicle for experimentation in architectural design. Such experimentation appropriates the estrangement of Gibson’s text as a “site” to re-situate making cultures in relation to new material and technological constraints and opportunities. This interpretation is not only descriptive, but also projective, and the paper showcases built speculations in digital fabrication, with new implications for sustainable, ethical, and aesthetic practices in architectural design.



Romantic Healers in Old and in New Worlds

Maria-Ana Tupan

University of Alba Iulia, Doctoral School, Romania, Romania

The revision of Romanticism in the last two or three decades went deeper than any other revolution in the canonization of western literature demystifying the uncritical association of this literary trend with the revolutionary political ethos in 1789 France, casting light on the conservative, past-oriented yearnings of the major representatives.

Such considerations, however, do not apply to the American scene: whereas Europe turned conservative, with the Great Powers forming suprastatal networks of influence (The Holy Alliance at the Congress of Vienna in 1815 bonding the Kingdom of Prussia, the Austrian and Russian empires, joined a few years later by France and the United Kingdom), America built a political system grounded in the rights of the individual and pursued ”dreams” of self-assertiveness (the ”city on the hill”) in opposition to the European ”concert of nations” model. The fantastic genre, especially the gothic subgenre, was naturally fit for revealing the fear of evil in the collective unconscious. Whereas the high-minded healers or saviours in European romantic fantasy are of noble stock and restored by the social redress plot to their rights usurped by upstarts (The Castle of Otranto, Last Man, The Private Memoirs ...), in America, ancestry is associated with decay and sin (The Fall of the House of Usher, The Purloind Letter, The Passionate Pilgrim, Legends of the Province House, Wieland), while those who remain loyal to the English king (The Legend of the Sleepy Hollow, Peter Rugg, the Missing Man) are imagined to have gone adrift in a loop of time. Our paper is pointing to a necessary dissociation in the romantic canon on either part of the Atlantic instead of subsuming romantic fantasy in English under a common poetics/politics heading.

 
12:00 - 13:30Mittagspause
 
13:30 - 15:002.1: Slot 2-A
Chair der Sitzung: Christian Pischel, Hannah Arendt Edition, FU Berlin, Vanderbilt University Nashville
A (Seminarraum K31) 
 

Auf der Alm, da gibt‘s koa Sünd. Georg Tresslers SUKKUBUS – DEN TEUFEL IM LEIB und der Versuch einer bundesdeutschen Fantastik

Tobias Haupts

Freie Universität Berlin, Deutschland

Georg Tresslers letzter Spielfilm, der 1989 mit dem generischen wie reißerischen Titel SUKKUBUS – DEN TEUFEL IM LEIB Premiere feierte, markiert ein Paradoxon kurz vor dem Ende einer geteilten deutschen Filmgeschichte. Auf der einen Seite nutzt Tressler tradierte Inszenierungen der Natur, deren Genealogie weit in die Geschichte des deutschen Kinos zurückreicht. Das Erhabene des Bergfilms der Weimarer Republik wird hier ebenso aufgegriffen wie die dunklen Seiten des Heimatfilms der 1950er-Jahre. Zudem nutzt Tressler jedoch die Genres der Fantastik, des Horrors und der Fantasy, deren Traditionen im deutschen Kino mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 zum Erliegen kamen und auch nach 1945 innerhalb der nationalen Filmproduktion keine Rolle mehr spielten.

Der Vortrag möchte daher Tresslers Film in vertikaler wie horizontaler Perspektive zum Untersuchungsgegenstand erheben. An welche Traditionen des deutschen Kinos knüpft der Regisseur an? Wie verhält er sich zu den Ideen einer (deutschen) kinematografischen Fantastik? Und welches Potenzial des Genres in der Bundesrepublik, das mit der von Bernd Eichinger produzierten Verfilmung des Michael-Ende-Klassikers DIE UNENDLICHE GESCHICHTE (1984) wenige Jahre zuvor eine wichtige Markierung erfahren hatte, lässt sich aus seiner audiovisuellen Ausgestaltung heraus analysieren?



„Bleib fromm und gut“ – Zur Darstellung von Aschenputtel-Figuren in aktuellen Märchenfilmen und Märchenserien

Svea Hundertmark

Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Das Märchen war eine der zentralen literarischen Formen der Romantik und auch heute noch erfreut es sich großer Beliebtheit, was sich in der Fülle an verschiedenen Märchenadaptionen äußert. Zu den bekanntesten Märchen weltweit zählt Aschenputtel bzw. Cinderella, weshalb es nicht verwundert, dass in den letzten Jahren auch eine Vielzahl neuer Verfilmungen produziert wurde, z.B. Cinderella (Disney, 2015), Aschenputtel (Das Erste, 2011) und Aschenputtel (ZDF, 2010). Aber auch Filme, die sich anderen Märchen widmen, verzichten nicht auf Figuren dieses Typs, wie etwa Into the Woods (Disney, 2014) und The Princess and the Frog (Disney, 2009). Gleiches gilt für Fernsehformate: In der Serie Once Upon a Time (ABC, 2011-2018) ist Cinderella zunächst eine wiederkehrende Nebenfigur, die später in neuer Besetzung zur Hauptfigur avanciert, und bereits in der ersten Staffel von Grimm (NBC, 2011-2017) taucht eine Aschenputtel-Figur als Gegner des Protagonisten auf.

In meinem Vortrag wird anhand der Aschenputtel-Figuren in den oben genannten Filmen und Serien untersucht, auf welche Weise Gender-Diskurse in die Darstellung einbezogen werden. Andere zeitgenössische Märchenadaptionen greifen dieses Thema auf, indem Frauenfiguren von ihren literarischen Vorgängerinnen abgegrenzt werden: sie agieren proaktiv, sie emanzipieren sich und sie kämpfen. Der Umgang mit Aschenputtel scheint dagegen weniger progressiv: Ist der jungen Frau ein glückliches Ende mit dem Prinzen vergönnt, war sie meist brav und hat fleißig geputzt, gekocht und gewaschen. Sofern eine Modernisierung in Hinblick auf Gender-Rollen stattfindet, muss das Märchen (zumindest im ersten Moment) scheitern. Ausgehend von dieser Beobachtung diskutiert mein Vortrag, inwieweit dennoch von einer subtilen Aktualisierung der Aschenputtel-Figur in derzeitigen Märchenfilmen gesprochen werden kann.



Romantik, Fantastik, Moderne: Zur Konstitution magischer Wirklichkeit in Murnaus Faust (1926)

Michael Wedel

Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF, Deutschland

N.N.

 
13:30 - 15:002.2: Slot 2-B
Chair der Sitzung: Thomas Scherer, Freie Universität Berlin
B (Seminarraum II) 
 

Increasing Diversity of Representation: An Unintended Consequence of Fantastic Utopias

BE Allatt

Independent Scholar, United States of America

Literature exists not in a vacuum but is interwoven with its authors and readers in an ongoing dialogue. No matter how utopic and escapist a novel might be, it does not stand alone and is not confined to negotiations of escapism through utopias. Considering recent social movements like #OwnVoices which aim to increase diversity of representation in literature, the impact of escapism in fantastic genres reaches beyond the words written in a novel. As a marginalized reader finds one’s self represented as an escape, one feels not only the comfort of inclusion but also the empowerment of reification — one discovers one’s voice, which is often used to further increase the visibility of marginalized representations in the fantastic. While I intend to briefly contextualize my argument with primary and secondary sources, I do not have to authority to speak beyond my own identity labels. Therefore, much of my argument will rest in a continuation of my current research (in a line of inquiry I introduced to fantastic scholarship at the 2016 GfF in Munster) into representations in the fantastic of non-mononormative romantic relationships. I argued that mononormativity, a term coined by sociologists Piper and Bauer (2006) to refer to the societal assumption of relationships as inherently monogamous, can be used as a theoretical approach to critically examine the fantastic. With respect to the escapism in the Romantic fantastic, as ethically non-monogamous readers increasingly find their identities represented in the fantastic, even more non-mononormative relationships begin to appear in speculative fiction. Similarly, more scholars like me feel comfortable critically examining how non-mononormativity interacts with other theories and themes in fantastic texts. Thus, regardless of the escapism a romantically fantastic utopia offers, the real-world social environment is impacted in a way that offers an avenue for marginalized subjects to realize a sense of belonging and act on it.



Who can live happily ever after? – Minority representation and the dynamics of realism in romance and fantastic literature

Sarah Faber

Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Deutschland

Today, prestige in literature is frequently attached to realism. What exactly ‘realism’ entails becomes a difficult question on closer examination, but its most wide-spread uses seem to refer to either representing a fictional world as similar to our real world as possible, or ‘gritty realism’, i.e., mercilessly showing the dark, bleak and violent aspects of the storyworld. This understanding places both certain genres – including fantasy and other fantastic narratives – and certain types of plots – particularly stories with a happy ending – in the less prestigious corner of ‘unrealistic’ literature.

While it is true that shocking and life-like descriptions of appalling events can be one way of advocating for social and legal change, I think we need to question the full extent of the dynamics of realism and whom they really serve in each individual case. In my presentation, I am going to argue that realism, particularly as an ostensible marker of artistic quality, is not necessarily the best way of framing social criticism and evoking change; realism can, on the contrary, be a tool for reactionary politics, upholding existing privilege and preventing discursive change, adequate representation of minorities and literary experimentation with possible alternatives.

To illustrate this process, I am going to use examples from romance, fantasy and romantic fantasy novels to examine how they employ, or refuse to employ, ‘realist’ techniques of depiction. A particular focus will be the depiction of minorities (people of colour, LGBTQIA, disabled characters and religious minorities) and how their disenfranchised status in society is shown to impact their lives in terms of the plot. It will become clear that (a) realism is a much less objective standard than it is popularly made out to be, and (b) that there is actually great critical potential in intentionally unrealistic modes of depiction, which we should not dismiss out of hand as escapist or meaningless.



Distopia: The politics of fantasy

Runette Kruger

Tshwane University of Technology, South Africa

This paper explores the capacity of fantasy – in its manifestation as world-making praxis – to bring about cultural and sociopolitical renewal, with specific reference to a politically inspired utopia, named distopia. Distopia is a utopia of subversion and of the alter (or, the ‘humanised’ other). The name distopia is a neologism meant to denote dissidence and difference, and purposefully invokes the term dystopia, generally positioned as the opposite of utopia, whilst acting as a utopia – a fantasy in the mode of sociopolitical critique. The term distopia indicates a productive paradoxical dynamic that positions it as the other of both utopia and dystopia, and distopia is offered as the region (time-space inflection) of dissent in the face of oppression, and of voluntary exile from hopelessness, without reverting to a state of naiveté.

This exploration furthermore seeks to identify the friction inherent in the term distopia as useful in dismantling the framing of fantasy as reactive and escapist, in order to re-position it as politically astute world-making which can address current social inequities along numerous vectors such as gender, class, and race.

This contradictory aspect of distopia is lastly applied to a reading of artistic projects such as the New World Embassy (Jonas Staal and Moussa Ag Assarid), Mundane Afrofuturism (Martine Syms), and the poetic constructed and mapped cities of visual artists Bodys Isek Kingelez and Titus Matiyane.

 
13:30 - 15:002.3: Slot 2-C
Chair der Sitzung: Christine Lötscher, Universität Hildesheim / Universität Zürich
C (Seminarraum III) 
 

Fairy-lands Forlorn: Re-enchantment and the Romantic Child in Children’s Fantasy Literature

Franziska Burstyn

Universität Leipzig, Deutschland

While conceptions of childhood have been subject to constant changes throughout the centuries, the notion of the Romantic child as idealized image mapped out by Romantic poets, most prominently William Wordsworth and William Blake, has had a lasting effect on literary depictions of childhood to the present day. Thus, childhood began to be associated with the divine and inherently good and is often used as a signifier for enchantment both in adult and children’s literature and media. Charles Taylor’s A Secular Age (2007) allocates notions of enchantment to the premodern world as opposed to an overall sentiment of disenchantment as a marker for the modern age. By tracing a timeline from premodern enchantment towards disenchantment, which inevitably evokes a desire for a re-enchantment of the world, Charles Taylor also refers to Romanticism as a countermovement to a lost sense of enchantment and an overall critique of disengaged reason.

Based on Taylor’s conceptualisation, this paper will examine prominent ideas of childhood as a location of enchantment and point to various narratives of children’s fantasy in order to assess the interrelation between childhood and fantastic spaces. In fact, secondary worlds, such as Neverland, Narnia or Fantastica, are frequently reserved for child characters and become inaccessible once the child characters grow up. The child's access to fantastic spaces and recurrent encounter with the fantastic point to an affinity of childhood with the realm of Fäerie, an aspect that is also addressed in Tolkien’s essay “On Fairy-Stories”. Accordingly, the Taylor’s dichotomy of enchantment and disenchantment as premodern and modern world order also provide an analogy to childhood as an enchanted state that is eventually outgrown by the disenchantment of adulthood. Therefore, this paper will look at notions of childhood as an enchanted state and thus explore notions of the Romantic child which can still be found in contemporary fantasy narratives.



Rewriting the Romantic Myth of the Child in the later Nineteenth Century

Corina Maria David

1 Decembrie 1918 University of Alba Iulia, Romania

In essence, the Romantics invented our modern idea of childhood”, said Proessor Jonathan Bate in one of his most persuasive Gresham College lectures. Unlike Puritans, who had seen children as sinful creatures who needed moral guidance on the path towards redemption – and their spirit was still alive at the time Chralotte Bronte was writing Jane Eyre – Romantics breathed new life into the concept of childhood which was now associated with innocence and freedom. While most of the Romantics incorporated the theme of childhood in their writings, they did so to preserve the idyllic and to respond to the anxieties aroused by the industrial revolution. However, as the second part of the nineteenth century was marked by Darwin’s theory of evolution, childhood began to be perceived differently, society and adults being considered responsible for the proper shaping of children into sensible adults. The main purpose of the present paper is to restore Charles Kingsley’s The Water Babies, A Fairly Tale for a Land Baby to its one time glory as a remarkable novel which successfully combines the romantic theme of childhood – not in an idyllic, but in a harsh guise - with the scientific intimations of the day. It questions the nature of the fantastic itself which, in the absence of proof to sustain the contrary, may well be as real as any tangible thing: “The most wonderful and the strongest things in the world, you know, are just the things which no one can see. There is life in you; and it is the life in you which makes you grow, and move, and think: and yet you can’t see it.” (The Water Babies: Kindle edition).

 
15:00 - 15:30Kaffeepause
Foyer 
15:30 - 17:303.1: Slot 3-A
A (Seminarraum K31) 
 

Das beflügelte Auge – Zum Fliegen in der Romantik und im phantastischen Film der Gegenwart

Chair(s): Volker Pietsch (Stiftung Universität Hildesheim)

In Flug und Schweben findet die romantische Literatur die sinnlichen Ausdrucksformen ihrer Ideale, als Denkfiguren ihrer Poetik wie auch als Bewegungen ihrer Protagonisten. Schwebend ist „das Ganze festzuhalten, selbst dem Verborgensten nachzuforschen und das Entlegenste zu verbinden“ (F. Schlegel: ÜBER GOETHES MEISTER) und nicht nur die Seele spannt weit ihre Flügel aus (Eichendorff: MONDNACHT), auch wer mit dem fremden Kind spielt, fliegt buchstäblich den Luftschlössern entgegen (Hoffmann: DAS FREMDE KIND). Gleichsam werden die Entwicklungssprünge der Filmkunst durch Flüge markiert – von der entfesselten Kamera im Stummfilm bis hin zum Gleiten durch die Tiefen des 3D-Kinos. In diesem Panel möchten wir uns drei Arten des Fluges im aktuellen Film widmen: dem Schwirren der Fliegen, dem Flug auf dem Drachen und den Superhelden, wie sie sich über die Städte aufschwingen. Unsere Leitfragen sind dabei: Wie verwirklicht und reflektiert der Film seine medialen Möglichkeiten im Motiv des Fliegens und wie verhält sich der phantastische Film der Gegenwart dabei zur Selbstreflexion der Romantik in deren programmatischen und fiktionalen Texten? Stets stellen die Figuren mit den Grenzen des Mediums zugleich weitere Schranken in Frage, zwischen Mensch und Tier, Rausch und Ratio: Die Fliege besetzt und penetriert Menschenkörper, Drache und Kind domestizieren und befreien einander, und im Superhelden treten menschliche und animalische Anteile in ein symbiotisches Verhältnis ein. Superhelden versuchen, die Menschenmassen des urbanen Labyrinths zu überschauen und zu ordnen und tragen doch zur Entgrenzung zwischen Gesetz und rauschhafter Selbstverwirklichung bei, transzendieren Kriminalität und Selbstjustiz zur Kunstform. Drachen können den Reifeprozess ebenso wie den Größenwahn ihrer adoleszenten Bezwinger befördern. Fliegen verkörpern den profanen Alltag und vermögen gleichsam, die größten Rationalisten in den Wahnsinn zu treiben und klinischste Laborbedingungen zu verunreinigen.

 

Beiträge des Symposiums

 

Die Fliege – Die unzähmbare Kreatur

Julia Goldlust
Stiftung Universität Hildesheim

Fliegen, so unbedeutend und lästig sie im alltäglichen Leben auch erscheinen mögen, entfalten auf der Kinoleinwand eine eigentümliche Wirkmacht, ähnlich der, wie sie F. Schlegel der romantischen Poesie beimisst: „zwischen dem Dargestellten und dem Darstellenden, frei von allem realen und idealen Interesse“, schwirrt ihr Körper auf den „Flügel[n] der poetischen Reflexion“ durch die Filmwelt, um den Raum des Audiovisuellen mit Facettenaugen, gleich „einer endlosen Reihe von Spiegeln“ (ATHENÄUM-FRAGMENTE), zu reflektieren.

Dieser Vortrag wird die Fliege als Anlass zur medialen Selbstreflexion der Filmkunst untersuchen. Ist der Schwebezustand konstitutiv für die Programmatik der Romantik, so lässt sich die Fliege insofern in diese Tradition setzen, als dass sie zur Mediatorin zwischen Auditivem und Visuellem wird. So potenziert sie das romantische Vorhaben der synergetischen Verschmelzung verschiedener Kunstformen, bleibt sie doch im permanenten Wandel stets ungreifbar. Das Motiv der Verwandlung – ein zentrales strukturelles Moment zahlreicher Heldenreisen – findet man auch in Filmen wie Cronenbergs THE FLY, wenn auch in verpuppter Form, bearbeitet und dekonstruiert. Der Vortrag wird aufzeigen, wie anhand der Fliege andere Formen des Wandels gestaltet werden, da sie semantisch und symbolisch zwischen alltäglicher Einöde, Tod und einhergehenden Zersetzungsprozessen schillert. Treibt sie somit Protagonisten zum Wahn, lotet sie dabei die Möglichkeiten und Grenzen der audiovisuellen Darstellbarkeit aus. Die Fliege bedingt einen ständigen Wechsel zwischen Einstellungsgrößen und zwischen Hors-Champ und Hors-Cadre, wenn sie im Zoom als schauerliche Kreatur erscheint oder man sie in der Totalen oder auch im Off nur hören kann, ihre charakteristischen Störgeräusche dafür aber zum spannungsstiftenden Vibrato der Streicher anschwellen. So lenkt der Störfaktor den Blick auf die blinden Flecken, die im glanzvollen Schein der Lichtspiele oftmals überblendet und unbemerkt bleiben.

 

Flugdrachen – Feuerbringer der globalen Media Franchises

Volker Pietsch
Stiftung Universität Hildesheim

Drachen repräsentieren häufig das globale Vernichtungspotential der Menschheit. Oft verleihen Sie der modernen Angst vor Massenvernichtungswaffen archaische Gestalt, dann wieder wird an ihrer selbst vom Aussterben bedrohten Art das Anliegen des Naturschutzes in fantastische Welten übertragen. Auf einer intimeren Ebene treten sie aber auch in spiegelbildliche Verhältnisse zu Menschen. Die Initiationsprüfung der Drachenzähmung wird zum Symbol für die prekäre Balance von Ängsten und Begehren der Adoleszenz. Im Flug wird das messianische wie das apokalyptische Potential dieser Triebkräfte verwirklicht: Drachenreiter erheben sich im Einklang mit ihrer Natur in himmlische Höhen oder heben ab in tyrannische Hybris. Mal verkörpert der entfesselte Drache die Befreiung der geknechteten Umwelt, mal überzieht er als Folge dieser Unterdrückung das Land mit Feuer. Die Rowling-, Martin- und Tolkien-Adaptionen greifen diese Traditionen auf, aber bringen auch den medialen Wandel des 21. Jahrhunderts zum Ausdruck: Im Drachenflug wird vollendete Harmonie zwischen Naturpanoramen und Computeranimation angestrebt, zwischen Schauspielern und digitalen Kreaturen. Er sprengt auch die Ketten des zweidimensionalen Raums. Die im Kern romantische Hoffnung der frühen Filmtheorie auf eine Errettung der äußeren Wirklichkeit kollidiert mit dem romantischen Ziel einer Synthese zwischen Künstlern, Werk und Publikum. Die Ambivalenz dieses synästhetischen Versprechens, bei dem es sich nicht zuletzt um eine Marketing-Idee handelt, findet ihr Sinnbild darin, dass Drachen als Schatzhüter an den Boden gefesselt sind, bevor sie die Schwingen ausbreiten können. Mit der neuen Kontinuität der Serien zieht auch psychologischer Realismus in den Mythos ein: So begleiten die Flugübungen langfristige Entwicklungsschritte. Wandeln sich so romantische Drachenreiter zu gesellschaftlich handlungsfähigen Trägern des aufgeklärten Bildungsideals? Und werden aus Drachen Haustiere, die genauso gut auch Besen sein könnten?

 
15:30 - 17:303.2: Slot 3-B
B (Seminarraum II) 
 

Modalitäten des Eskapismus: Zur Redefinierung des Verhältnisses zwischen Fantastik und Wirklichkeit

Chair(s): Tobias Haupts (Freie Universität, Deutschland)

Gemeinhin wird eine eher undurchlässige Grenze zwischen dem Fantastischen und dem Realistischen gezogen, obgleich sich beide ästhetischen Modi oftmals durch eine Abgrenzung zu- und ein Verwiesensein aufeinander definieren. Besondere Aufmerksamkeit wird hierbei meistens auf den Vorwurf des Eskapismus´ gerichtet, welcher der Fantastik innewohnen soll und von welchem sich realistische Modi jeglicher Art abzugrenzen scheinen. Diese generalisierende Abwertung des Fantastischen durch seine inhärente Verbindung zum Eskapismus und die damit einhergehende Trennung zwischen Fantastischem und Realistischem ist jedoch allein deswegen immer schon problematisch, weil sie wichtige Fragen zu ersticken droht: Denn was bedeutet Eskapismus im Spannungsfeld Fantastik-Realismus überhaupt? Und ist der Eskapismus dabei ein einzig der Fantastik vorbehaltener Modus? Lassen sich Aspekte der Fantastik auch in scheinbar realistischen Repräsentationen der Welt finden? Kurz: sind diese beiden Modi tatsächlich so klar voneinander zu unterscheiden oder lässt sich ihr Spannungsfeld in einer kritischen Analyse fruchtbar machen?

Um sich diesem Fragenkomplex anzunähern, widmet sich das Panel in vier Vorträgen der Frage, inwieweit sich Elemente fantastischen Erzählens und vor allem fantastischer Ästhetik in audiovisuellen Medien wiederfinden lassen, die sich nicht direkt dem Genre der Fantasy zuordnen lassen.

 

Beiträge des Symposiums

 

Realität und Romantik: Ästhetische Überhöhung in THE REVENANT (Alejandro González Iñárritu, 2015)

Lukas Wesslowski
DFFB

„Based on a true story.” Mit dieser Texteinblendung beginnt der Film THE REVENANT (USA 2015) des mexikanischen Regisseurs Alejandro González Iñárritu. Partiell versucht sich der Film zunächst tatsächlich an einer den verbürgten historischen Ereignissen angenäherten naturalistischen Inszenierungsstrategie. Lange Plansequenzen, die Verwendung von natürlichem Licht, das Drehen an Originalschauplätzen, und die detaillierten Darstellungen der Handlungen der Figuren sollen die Glaubwürdigkeit des Gezeigten erhöhen.

Doch immer wieder wird diese Art der Inszenierung gezielt unterlaufen. Durch die spektakulären Naturaufnahmen und die traumartigen Rückblenden öffnet sich THE REVENANT für einen anderen ästhetischen Modus und öffnet damit auch die dargestellte Welt über die Grenzen des Realen hinaus. Nicht nur narrativ werden durch die Einbindung indigener Rituale Verbindungen zum Übersinnlichen hergestellt, auch durch die spezifische Inszenierung der Natur und ihrer mystischen Phänomene entwickelt der Film in vielen Sequenzen eine Sprache des Fantastischen und verwandelt die reale Geschichte eines Überlebenskämpfers in eine Erzählung über Tod und Auferstehung. Aus der physischen wird so eine spirituelle Reise.

Der Vortrag versucht durch eine filmanalytische Annäherung, die Fantastik in THE REVENANT als ästhetischen Modus zu begreifen, der sich auch in einem Film mit starkem Realitätsbezug erkennen lässt und geht der Frage nach, inwieweit ein solcher Modus zu einer Überhöhung des Dargestellten beitragen kann. Irreale und eskapistische Elemente sollen entgegen ihrer ansonsten oftmals negativen Konnotation nicht als Schwächen, sondern als Potenzial fantastischen Erzählens und Inszenierens begriffen werden.

 

Down the rabbit hole: Eskapismus als Mittel der Konfrontation mit der Wirklichkeit in Woody Allens „Midnight in Paris“

Sebastian Lange
FU Berlin

In „Midnight in Paris“ stoßen zwei Welten, oder besser gesagt, zwei Zeiten aufeinander. Zum einen das gegenwärtige Paris, in welchem der Protagonist Gil mit seiner Verlobten die Zeit mehr übersteht als wirklich genießt und zum anderen das Paris der Goldenen Zwanziger, dessen Nachtleben von rauschenden Feiern, großen Persönlichkeiten und Romanzen geprägt zu sein scheint. Der Trailer zum Film betitelt diesen Umstand folgendermaßen: „Paris after midnight is magic“. Man könnte auch sagen: fantastisch. Denn treffenderweise wird „Midnight in Paris“ meist mit eben jenem Eskapismus in Verbindung gesetzt, welcher die Fantastik auszumachen scheint. Gil wird in diesem Zusammenhang gewissermaßen zur Personifikation eines „escapist need to withdraw from the present in order to take shelter in a glorified, utopian past” (Eubanks: Memory and Nostalgia in Woody Allen’s “Midnight in Paris”, 2014.). Doch lässt sich die klassische Dichotomie zwischen Eskapismus und Wirklichkeit überhaupt nachzeichnen? Der Film nämlich problematisiert diese Polarität entschieden. So gelangt Gil erst durch seine Reisen in dieses zweite, verklärte Paris zu jener Epiphanie, die ihn seine eigene Wirklichkeit konfrontieren lässt; erst indem er das sprichwörtliche „rabbit hole“ hinunter rutscht, kann ihm der Aufstieg zur Raison gelingen. Daran anschließend stellt sich die Frage, wie weit dieser neu definierte Eskapismus geht.

Die Narration allein kann hierauf keine Antworten geben. Der Vortrag betrachtet daher im Besonderen das Wechselspiel zwischen den romantisierenden Ästhetiken des modernen und vergangenen Paris und geht der Frage nach, wo die Fantastik in "Midnight in Paris" aufhört. Der Status des Eskapismus als etwas, das genuin fantastisch ist und "dem Realen" gegenüber steht, soll hinterfragt und umgedacht werden.



„Beide Welten gesund.“ Michael Endes Die unendliche Geschichte als Antwort auf die Eskapismus-Debatte

Dana Steglich

Universität Bonn, Deutschland

Michael Endes Roman Die unendliche Geschichte wurde – wie im Call for Papers selbst angesprochen – zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung in Deutschland zwiespältig aufgenommen: Einerseits machte der enorme Publikumserfolg den Roman rasch zum Kultbuch, andererseits verurteilten große Teile der Literaturkritik, die von Ideen der literature engagée dominiert wurde, Endes Text als Aufforderung zur Weltflucht und der Vorwurf des Eskapismus verfolgte Ende weiterhin.

Dabei ist Die unendliche Geschichte nicht nur ein Manifest für die Kraft der Fantasie, sondern gerade auch eine literarische Antwort auf die Eskapismus-Debatte, die in der Bundesrepublik zu Endes Zeiten geführt wurde, die sein Werk massiv betraf und die Ende als Autor unendlich frustrierte. Die Handlung des Romans führt nämlich jenen Eskapismus, den Kritiker_innen dem Buch negativ anlasteten, explizit vor: Der Protagonist Bastian flüchtet, wortwörtlich, vor den Problemen seines Lebens in Atréjus Geschichte und droht, sich darin zu verlieren.

Was kritische Stimmen zur Aufrechterhaltung ihres Vorwurfs außer Acht lassen müssen, ist, dass Ende im Grunde einen Bildungsroman schreibt, der die anfängliche Dichotomie von oppressiver Realität und romantisch-naiver Fantasiewelt durch Bastians Entwicklung und Erkenntnisgewinn zum Ende hin auflöst.

In meinem Vortrag möchte ich daher Die unendliche Geschichte auf ihren Stand als Paradebeispiel für die Erklärung und Vielschichtigkeit von ‚Eskapismus‘ diskutieren. Dazu gehört eine grundsätzliche Definition dessen, was im literaturwissenschaftlichen Diskurs eigentlich gemeint ist, wenn von ‚Eskapismus‘ die Rede ist und wie der Begriff historisch von unterschiedlichen Wertungsagenden ausgehend gerade in wissenschaftlichen und literaturkrtitischen sowie poetologischen Perspektiven auf fantastische Literatur genutzt wurde.



„That looks romantic, doesn’t it?“: Zur Fortschreibung des romantisch-fantastischen Musikdramas in der Musical-Serie "Galavant"

Laura Zinn, Alexandra Müller

Justus-Liebig-Universität Gießen, Deutschland

Die Epoche der Romantik erweist sich nicht nur als wichtiger Ausgangspunkt für die Etablierung des Fantastischen in der Literatur, auch in die Opernhäuser zieht durch die Verwendung neuer Stoffe aus der Geister- und Sagenwelt und einer sich von der ernsthaften italienischen Oper abwendenden romantisch-komischen Musikästhetik Ende des 18. Jahrhunderts das Übernatürliche ein. Der Vortrag möchte die Traditionslinie dieser romantisch-fantastischen Musiktheaterformen untersuchen und aufzeigen, wie sie durch eine ästhetische und strukturelle Rezeption zu Wegbereitern für die anglo-amerikanischen 'musical comedies' wurden und bis heute als Traditionslinie motivisch, erzähltechnisch und visuell in der Musical-Fantasy-Serie "Galavant" (USA, Fogelman, 2015-2016) nachwirken, indem sie weitergeführt, modernisiert, parodiert und/oder subvertiert werden. Die Fortschreibung romantisch-fantastischer Motive lässt sich etwa anhand des märchenhaften Sujets und Figurenrepertoires, der Präsentation der übernatürlichen Handlungselemente (Fantastisches als ambivalentes Kippmoment, Idee des Goldenen Zeitalters, romanhaft-abenteuerliche Heldenreise), des romantiktypischen Settings (anachronistisch-fantastische Mittelalterdarstellung, Orientalismus, volkstümliches Kolorit) sowie bildsprachlicher Topoi und ikonischer Zitate (Darstellung der Geistersphäre als 'ballet blanc') veranschaulichen. Gleichzeitig persifliert die Serie sowohl ihr romantisches Erbe als auch ihr fantastisches Thema in Wort, Bild und Musik durch die Verwendung von metafiktionalen Techniken wie Selbstreferenz, Fiktionsironie, Illusions- und Stimmungsbrechung – also literaturästhetische Verfahren, die selbst grundlegend im Kontext einer frühromantischen Poetologie theoretisiert wurden (man denke etwa an die Idee der romantischen Ironie und der Parekbase, wie sie etwa Friedrich Schlegel in den Lyceums- und Athenäums-Fragmenten als Bezugspunkt romantischer Kunst skizziert, oder Jean Pauls Theorie des romantischen Humor).

 
17:30 - 18:00Kaffeepause
Foyer 
18:00 - 18:15Laudatio
Hörsaal 
18:15 - 19:45Mitgliederversammlung
Hörsaal 
19:45 - 21:30SCR: Filmsichtung: WORLDS OF URSULA LE GUIN
Chair der Sitzung: Peter Seyferth, Gesellschaftswissenschaftliches Institut München für Zukunftsfragen

Worlds of Ursula K. Le Guin(Arwen Curry, USA 2018)

Hörsaal