Veranstaltungsprogramm

Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Tagung.
Bitte wählen Sie einen Ort oder ein Datum aus, um nur die betreffenden Sitzungen anzuzeigen. Wählen Sie eine Sitzung aus, um zur Detailanzeige zu gelangen.

 
Sitzungsübersicht
Sitzung
6.2: Slot 6-B
Zeit:
Freitag, 20.09.2019:
15:30 - 17:30

Chair der Sitzung: Christian Rüdiger, Freie Universität Berlin
Ort: B (Seminarraum II)
Institut für Theaterwissenschaft, Grunewaldstr. 35, 12165 Berlin

Zeige Hilfe zu 'Vergrößern oder verkleinern Sie den Text der Zusammenfassung' an
Präsentationen

Alles Seemannsgarn? Phantastisch-Romantische Strukturen und Motive in den Käpt’n Blaubär Clips

Hendrick Heimböckel

Friedrich-Schiller-Universität Jena, DFG Graduiertenkolleg Modell Romantik, Deutschland

Die Anfänge der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur liegen in der Romantik. Bis heute haben sich einzelne Geschichten aus Hauffs "Almanachen", aus den "Kinder- und Hausmärchen" der Brüder Grimm und E.T.A. Hoffmanns "Nussknacker und Mausekönig" durchgesetzt. Ihre Wirkung zeigt sich nicht nur in unzähligen Neuauflagen, sondern auch im Film und anderen ästhetischen Formen.

Das Genre des Märchens hat seit den Anfängen des Films eine ungebrochene Kontinuität. Konkrete Adaptionen phantastischer Kinder- und Jugendliteratur der Romantik finden sich seit der frühen Phase des Films und wurden im Dritten Reich, in der DDR, der West-BRD, den U.S.A. und der BRD wiederholt aufgegriffen und verfilmt.

Was jedoch bei der deutlich hervorstechenden Kontinuität phantastisch-romantischer Plots der Kinder- und Jugendliteratur im Film unberücksichtigt bleibt, ist eine Transposition und Differenzierung von phantastisch-romantischen Topoi und Verfahren. Ein Beispiel hierfür ist die Reflexion auf die Wirkung der Poesie in Form des Buch-Topos, der sich von Novalis‘ "Heinrich von Ofterdingen" über E.T.A. Hoffmanns "Elixiere des Teufels" bis hin zu Michael Endes "Unendliche Geschichte", Cornelia Funkes "Tintenherz"-Romane und Walter Moers "Zamonien"-Romane erstreckt.

Ein filmisches Erbe phantastisch-romantischer Verfahren und Topoi tritt die Clip-Serie "Käpt’n Blaubärs Seemannsgarn" an, die seit den frühen 1990ern allwöchentlich am Ende der Unterhaltungs- und Bildungsserie für Kinder "Sendung mit der Maus" gezeigt wird. Der Beitrag wird sowohl die Transposition narrativer Verfahren als auch Topoi von romantischer Prosa sowie Kinder- und Jugendliteratur in einzelnen Clips aus der "Käpt’n Blaubär"-Serie analysieren. In diesem Zusammenhang werden zum einen allgemeine Strukturen der Serie als auch einzelne Motive in ihren romantisch-phantastischen Filiationsbezügen fokussiert. Anhand der Vergleiche werden zum Abschluss Thesen über die Funktion dieser Verfahren und Motive aufgestellt.



Fantastische Unschlüssigkeit und romantische Reflexion in aktuellen kinder- und jugendmedialen Inszenierungen

Stefanie Jakobi

Universität Bremen, Deutschland

"Only a baby would believe that a tree – seriously, a tree – had walked down the hill and attacked the house." (Ness 2015: 54)

Die obig zitierte Textstelle aus Patrick Ness’ A Monster Calls ist nur ein Beispiel aus dem Bereich der aktuellen (fantastischen) Kinder- und Jugendmedien, in dem die Unsicherheit der kindlichen und jugendlichen Figuren gegenüber den fantastischen Begebenheiten thematisiert wird. Sichtbar wird an Conors – der Hauptfigur in Ness’ Roman – Überlegungen das von Tzvetan Todorov definierte „Moment dieser Ungewißheit [sic]“ (Todorov 2013: 34). Todorovs Verständnis des Fantastischen, welches er wiederholt an den Lesenden, dessen Bewertung oder Lesehaltung bindet (vgl. ebd. 55), eröffnet zudem die Frage nach der Verbindung von fantastischer Literatur und metanarrativen und -fiktionalen Erzählverfahren bzw. nach der Funktion von Literatur und Medien als Reflexionsraum. Eine Verbindung, die sich bereits in Friedrich Schlegels Ausführungen zur Universalpoesie findet:

"Und doch kann auch sie am meisten zwischen dem Dargestellten und dem Darstellenden, frei von allem realen und idealen Interesse auf den Flügeln der poetischen Reflexion in der Mitte schweben, diese Reflexion immer wieder potenzieren und wie in einer endlosen Reihe von Spiegeln vervielfachen." (Schlegel 1964: 182)

Der geplante Vortrag sucht anhand exemplarischer Einzelanalysen aufzuzeigen, inwiefern insbesondere aktuelle kinder- und jugendmediale Inszenierungen das von Todorov benannte Moment der „Ungewißheit [sic] “ (Todorov 2013: 34) aufgreifen und darüber metanarrative und -fiktionale Elemente als poetische Reflexionsorte über die Möglichkeiten und Grenzen des Erzählens installieren.

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Ness, Patrick: A Monster Calls. London: Walker Books, 2015

Sekundärliteratur

Todorov, Tzvetan: Einführung in die fantastische Literatur. Berlin: Wagenbach, 2013.

Schlegel, Friedrich: Kritische Schriften. 2. Aufl. Hrsg. v. Wolfdietrich Rasch. München: Hanser, 1964.



„Der Tod in Terry Pratchetts Scheibenwelt-Romanen“

Janine Ludwig

Dickinson College, Universität Bremen, Deutschland

Pratchetts Scheibenwelt-Romane versammeln eine eklektizistische Mischung aus Mythen, Motiven aus mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Sagen/Märchen und folkloristischen Elementen. Dies ist (im Ge-gensatz etwa zu Tolkiens „Mittelerde“) von Beginn an als parodistischer Spiegel unserer heutigen Welt angelegt. Einer der Kniffe Pratchetts besteht darin, bestimmte Muster beim Leser als bekannt vorauszuset-zen, sie aber ironisch zu brechen; dies ist eine der Hauptquellen seiner Komik.

Die erste Frage ist, auf welches Mittelalter ein Autor Bezug nimmt und wie nah dies an der Wirk-lichkeit ist. Schließlich gibt es kaum ein Zeitalter, über das so viele ungenaue Bilder in den Köpfen der Öffentlichkeit herumspuken. Schon die „Entdeckung“ des Mittelalters durch die Romantik hat in Deutsch-land zu manch verfälschtem Bild geführt, das Aufwachsen mit Märchen tat ein Übriges. Insofern ist die Frage nach den Quellen des Autors nicht nur eine produktions-, sondern auch rezeptionsästhetische. Zu beachten ist, dass Pratchett sich u.a. auf britische, irische, walisische Sagentraditionen bezieht und zugleich mit internationalen Religionen und Mythen jongliert.

Aus dem Figurenarsenal diverser dem Mittelalter entstammende Figuren würde sich „Gevatter Tod“ anbieten (besonders im Vergleich zu dem Namensvetter in Grimm’schen Märchen). TOD ist einer der bekanntesten Figuren der Scheibenwelt und taucht in fast allen Büchern auf. Er bezeichnet sich selbst als „anthropomorphe Personifikation“ und ist mit allen Insignien aus verschiedenen Mittelalter-Überlieferungen, besonders den Darstellungen während der ersten Pest-Epidemie in Europa, ausgestattet: Sense, lange Kutte, Skelett, Totenschädel, Stundenuhren, Lebensbücher. Im Laufe der Romane wird er zunehmend anthropomorphisiert und mit modernen Phänomenen konfrontiert; vom barocken „Totentanz“ bis zur Ersetzung durch mechanisch-industriellere Kollegen (inkl. des tief in der Romantik verwurzelten Themas Mensch und Technik).



Romantische Monster in deutschsprachigen Mash-up Novels – Identifizierungen der Millennial-Generation anhand von Susanne Picards "Die Leichen des jungen Werther"

Sandra Aline Wagner

Mary Immaculate College, University of Limerick, Irland

Johann Wolfgang von Goethes "Die Leiden des jungen Werther" (1774) konnte der Monster-Mash-up-Welle, die vor einer Dekade über literarische Klassiker weltweit hinwegrollte, nicht entkommen – durch das Re-Writing des Briefromans in Susanne Picards Mash-up "Die Leichen des jungen Werther" (2011) wurde nicht nur Goethes Werk parodiert, sondern auch romantische Zombie-Komödien à la "Warm Bodies" (2010) karikiert. Der romantische Zombie ist, wie Szanter und Richards in ihrer wegweisenden Publikation "Romancing the Zombie" (2017) festhalten, eine charakteristische Trope für die Generation der Millennials, die gleichzeitig die wachsende Polyvalenz der Zombiefigur seit den 1930er Jahren reflektiert. Der Zombie ist nicht länger nur eine Metapher für unsere Ellenbogengesellschaft oder für kulturelle Invasionsängste, sondern auch für den Millennial selbst: der romantische Zombie repräsentiert das Verlangen nach Individualität sowie die von der Generation erfahrene Emotionslosigkeit, die durch die Digitalisierung des Liebeslebens und die daraus folgende Trennung von Liebe und Sexualität verursacht wird. Gleichzeitig ist die Millennial-Generation in ihrer Identitätsentwicklung durch das zunehmende Verschwimmen von sozialen Grenzen und Rollenbildern verunsichert.

Der romantische Zombie reflektiert ferner einen idealen Daseinszustand für Millennials, die unter dem Druck der Leistungsgesellschaft und der Schnelllebigkeit der zeitgenössischen Gesellschaft leiden: Der Zombie hat keine Pflichten, keine Geldsorgen, keine sozialen Beschränkungen – eben dieser Aspekt wird auch in Picards "Die Leichen des jungen Werther" thematisiert. Der Vortrag zielt darauf ab, die Unterschiede zwischen dem romantischen Zombie und dem Romero-esquen Zombie aufzuzeigen, und untersucht, inwiefern die Parodie der Zombie-Romanze in Picards Mash-up Aspekte der Identitätsfindung und Liebesvorstellungen der Millennial-Generation widerspiegelt.



 
Impressum · Kontaktadresse:
Datenschutzerklärung · Veranstaltung: GFF 2019
Conference Software - ConfTool Pro 2.6.128
© 2001 - 2019 by Dr. H. Weinreich, Hamburg, Germany