Veranstaltungsprogramm

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Sitzungsübersicht
Sitzung
7.2: Slot 7-B
Zeit:
Samstag, 21.09.2019:
10:00 - 12:00

Ort: B (Seminarraum II)
Institut für Theaterwissenschaft, Grunewaldstr. 35, 12165 Berlin

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Präsentationen

Wenn unmögliche Welten Wirklichkeit werden. Filmische Modi romantischer Fantastik

Chair(s): Daniel Illger (Freie Universität Berlin)

Das Panel widmet sich drei unterschiedlichen Weisen räumlicher Verfasstheit fantastischer Welten im Film. Erfahrbar werden diese Räume in spezifisch kinematographischen Modi der Romantik.

Die Vorträge unterziehen die Filme THE NEVERENDING STORY (Wolfgang Petersen, 1984), LÅT DEN RÄTTE KOMMA IN (Tomas Alfredson, 2008) sowie EL LABERINTO DEL FAUNO (Guillermo del Toro, 2006) jeweils einer eingehenden Analyse: Welchen Einfluss haben die Materialitäten von Special Effects auf die Poetik ihrer fantastischen Welt? Was geschieht mit dem Ideal romantischer Kindheit in filmisch ausgehandelten Momenten seiner Krise? Wie kann die Materialität einer fantastischen Welt als kinematographische Arabeske erfahrbar werden?

Die genaue Analyse konkreter Sequenzen zeichnet dabei sowohl die Funktionsweise verschiedener, spezifisch audiovisueller Modi romantischer Fantastik nach wie auch die engen Zusammenhänge zwischen dem Weltenbau fantastischer Wirklichkeit und den filmischen Materialitäten ihrer Inszenierungsweisen. Darin soll ausdrücklich auch ein jeweils wirkmächtiges, politisches Potenzial gegenwärtiger Fantastik sichtbar gemacht werden, das sich an die Möglichkeiten bindet, andere und unmögliche Welten in den Blicken kindlicher Protagonist*innen mit den genuinen Fähigkeiten des Films ins Bild zu setzen.

 

Beiträge des Symposiums

 

Die Poetik von "Plüsch und Plastik". Zu THE NEVERENDING STORY (Wolfgang Petersen, 1984)

Yvonne Festl
Freie Universität Berlin

Das Werk Michael Endes wird in der wissenschaftlichen Betrachtung wiederholt in eine Traditionslinie mit der Epoche der Romantik gestellt. Nicht nur „den Zeitgenossen Endes“, wie in der Ausschreibung zu dieser Tagung formuliert, „erschien [Die unendliche Geschichte] als Beginn eines Wiedererstarkens romantischer Sehnsüchte und Ideen innerhalb der Populärkultur“, bis heute setzen sich Literaturwissenschaftler mit dieser These auseinander; werden Parallelen zu Novalis und E.T.A. Hoffmann gezogen.

Doch wendet man sich den Verfilmungen von Endes Stoffen zu, oder besser gesagt der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit denselben, sucht man nicht nur vergeblich nach derartigen Beobachtungen, man findet vielmehr eine Leerstelle vor. So sind zu dem Film, THE NEVERENDING STORY (DIE UNENDLICHE GESCHICHTE, BRD/USA 1984), kaum (film-)wissenschaftliche Beiträge zu finden; und wird doch auf die Verfilmung eingegangen, so gehen diese Auseinandersetzungen selten über ein negatives Qualitätsurteil hinaus, das dem Film (und sei es implizit) unterstellt, der Poetik Endes nicht gerecht zu werden – eine Meinung, die Ende selbst vertrat, der die filmische Umsetzung seines Romans als „gigantisches Melodram aus Kitsch, Kommerz, Plüsch und Plastik“ bezeichnete.

Dabei ist die Poetik dieses anderen, dieses filmischen, Phantásiens durchaus eine eingehende Betrachtung wert. Sich von einem müßigen Eins-zu-eins-Abgleich mit der literarischen Vorlage entfernend, konzentriert sich dieser Vortrag auf die fantastischen Kulissen, die Special Effects und die fabelhaften Wesen des Films: die Animatronics, durch deren Augen Phantásien (wortwörtlich) erst sichtbar wird. Ein weiterer Analyseschwerpunkt liegt auf den kindlichen Figuren, auf Bastian, Atréju und der Kindlichen Kaiserin. Was bedeuten diese filmischen Körper in Verbindung und in der Interaktion mit den oben genannten Kategorien? „Plüsch und Plastik“ sollen in dieser Betrachtung nicht verurteilt, sondern in ihrer Poetik ernstgenommen werden.

 

Ewige Kindheit, ewiger Tod. Romantische Kindheit und vampirische Finsternis in LÅT DEN RÄTTE KOMMA IN (Tomas Alfredson, 2008)

Lars Dolkemeyer
Freie Universität Berlin

In der Romantik entwickelt sich ein Kindheitsideal, das bis heute die Vorstellungen von Kindheit prägt. Dieses Ideal gründet auf zwei Gedanken: Auf der einen Seite stehen die Überlegungen zum Naturzustand bei Jean-Jacques Rousseau, auf der anderen die Theorie der Sprachentwicklung bei Johann Gottfried Herder. Zwei Vorstellungen erwachsen daraus für den Kindheitsbegriff: Der menschliche Lebensabschnitt der Kindheit korreliert mit der Vorstellung von einer Kindheit der gesamten Menschheit, eines außerzeitlichen Naturzustands vor dem Eintreten von Gesellschaft und Geschichte. Aufgabe der Kunst ist es, durch die romantische Vorstellung universeller Poesie einen Ausdruck für diesen kindlichen, unverstellten, noch nicht von Vernunft erfassten Blick auf die Welt zu finden.

Diese gemeinsame Zeitform von Kindheit und Poesie lässt sich auch als spezifisch romantischer Modus der Fantastik beschreiben: Die Ewigkeit unmittelbarer, immer gegenwärtiger Kindheitserfahrung sowie die romantische Idee einer eigengesetzlichen Ewigkeit der Kunst verbinden sich in ihrer Fähigkeit, eigene Zeitlichkeit, eigene Wirklichkeit hervorzubringen.

Was aber geschieht mit dieser Eigengesetzlichkeit von Kindheit und romantischer Fantastik in den Momenten ihrer Krise? Wenn sich nicht die Möglichkeiten des Neuen und Anderen, die Hoffnung einer veränderbaren Welt in den Ewigkeiten der Kindheit ausdrücken, sondern die Dunkelheit ewiger Nacht? Tomas Alfredsons LÅT DEN RÄTTE KOMMA IN (SO FINSTER DIE NACHT, SWE 2008) inszeniert die Freundschaft eines zwölfjährigen Vampir-Mädchens zu einem menschlichen Jungen. Die Ewigkeit kindlicher Erfahrung stößt auf die Unendlichkeit vampirischer Finsternis. Gerade an diesem Riss aber lässt der Modus romantischer Kindheit eine spezifisch kinematographische Wirklichkeit aufscheinen, in der Mensch und Vampir, der sterbliche Junge und das untote Mädchen, zugleich zwar auf ewig getrennt, und doch unendlich vereint sind.

 

Körper auf der Schwelle. Zur Arabeske als filmischer Form in EL LABERINTO DEL FAUNO (Guillermo del Toro, 2006)

Lucia Wiedergrün
Freie Universität Berlin

Eine zentrale Figur des romantischen Denkens stellt die Arabeske dar. In ihrer ornamentalen Form verbindet sich das Eigenrecht eines jeden ihrer noch so kleinen Teile mit der Bedeutung der Gesamtform. Sie entzieht sich dabei bewusst einer konkreten Definition. In ihrer Vielgestalt ist die Arabeske zwar erfahr-, aber nur unzureichend beschreibbar. Eine Möglichkeit eben dieser Erfahrung in filmischer Form bietet EL LABERINTO DEL FAUNO (Guillermo del Toro, 2006). Über Ofelia, seine junge Protagonistin, verwebt der Film die brutale Welt des historischen Spanien unter Franco und eine nicht weniger blutige Märchenwelt miteinander, bis beide untrennbar in der arabesken Form des Films verbunden sind.

Der Vortrag widmet sich dabei der Frage, wie genau diese Gleichzeitigkeit der fantastischen und der historischen Wirklichkeit des Films inszeniert wird, welche Rolle die konkreten filmisch-materiellen Ausgestaltungen dieser Welten dabei spielen und wie Ofelias Körper als materielles Verbindungsstück zwischen diesen zwei Wirklichkeiten in Erscheinung tritt.

Ziel des Vortrags ist es, dabei herauszuarbeiten, dass erst in der Anerkennung der Gleichzeitigkeit dieser zwei Welten innerhalb des Films dessen volles politisches Potential zutage tritt, nämlich die Erfahrung einer unmöglichen Welt. Eine Erfahrung, die jeder faschistischen Ideologie fundamental widerspricht.



 
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