Veranstaltungsprogramm

Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Tagung.
Bitte wählen Sie einen Ort oder ein Datum aus, um nur die betreffenden Sitzungen anzuzeigen. Wählen Sie eine Sitzung aus, um zur Detailanzeige zu gelangen.

 
Sitzungsübersicht
Sitzung
3.1: Slot 3-A
Zeit:
Donnerstag, 19.09.2019:
15:30 - 17:30

Ort: A (Seminarraum K31)
Institut für Theaterwissenschaft, Grunewaldstr. 35, 12165 Berlin

Zeige Hilfe zu 'Vergrößern oder verkleinern Sie den Text der Zusammenfassung' an
Präsentationen

Das beflügelte Auge – Zum Fliegen in der Romantik und im phantastischen Film der Gegenwart

Chair(s): Volker Pietsch (Stiftung Universität Hildesheim)

In Flug und Schweben findet die romantische Literatur die sinnlichen Ausdrucksformen ihrer Ideale, als Denkfiguren ihrer Poetik wie auch als Bewegungen ihrer Protagonisten. Schwebend ist „das Ganze festzuhalten, selbst dem Verborgensten nachzuforschen und das Entlegenste zu verbinden“ (F. Schlegel: ÜBER GOETHES MEISTER) und nicht nur die Seele spannt weit ihre Flügel aus (Eichendorff: MONDNACHT), auch wer mit dem fremden Kind spielt, fliegt buchstäblich den Luftschlössern entgegen (Hoffmann: DAS FREMDE KIND). Gleichsam werden die Entwicklungssprünge der Filmkunst durch Flüge markiert – von der entfesselten Kamera im Stummfilm bis hin zum Gleiten durch die Tiefen des 3D-Kinos. In diesem Panel möchten wir uns drei Arten des Fluges im aktuellen Film widmen: dem Schwirren der Fliegen, dem Flug auf dem Drachen und den Superhelden, wie sie sich über die Städte aufschwingen. Unsere Leitfragen sind dabei: Wie verwirklicht und reflektiert der Film seine medialen Möglichkeiten im Motiv des Fliegens und wie verhält sich der phantastische Film der Gegenwart dabei zur Selbstreflexion der Romantik in deren programmatischen und fiktionalen Texten? Stets stellen die Figuren mit den Grenzen des Mediums zugleich weitere Schranken in Frage, zwischen Mensch und Tier, Rausch und Ratio: Die Fliege besetzt und penetriert Menschenkörper, Drache und Kind domestizieren und befreien einander, und im Superhelden treten menschliche und animalische Anteile in ein symbiotisches Verhältnis ein. Superhelden versuchen, die Menschenmassen des urbanen Labyrinths zu überschauen und zu ordnen und tragen doch zur Entgrenzung zwischen Gesetz und rauschhafter Selbstverwirklichung bei, transzendieren Kriminalität und Selbstjustiz zur Kunstform. Drachen können den Reifeprozess ebenso wie den Größenwahn ihrer adoleszenten Bezwinger befördern. Fliegen verkörpern den profanen Alltag und vermögen gleichsam, die größten Rationalisten in den Wahnsinn zu treiben und klinischste Laborbedingungen zu verunreinigen.

 

Beiträge des Symposiums

 

Die Fliege – Die unzähmbare Kreatur

Julia Goldlust
Stiftung Universität Hildesheim

Fliegen, so unbedeutend und lästig sie im alltäglichen Leben auch erscheinen mögen, entfalten auf der Kinoleinwand eine eigentümliche Wirkmacht, ähnlich der, wie sie F. Schlegel der romantischen Poesie beimisst: „zwischen dem Dargestellten und dem Darstellenden, frei von allem realen und idealen Interesse“, schwirrt ihr Körper auf den „Flügel[n] der poetischen Reflexion“ durch die Filmwelt, um den Raum des Audiovisuellen mit Facettenaugen, gleich „einer endlosen Reihe von Spiegeln“ (ATHENÄUM-FRAGMENTE), zu reflektieren.

Dieser Vortrag wird die Fliege als Anlass zur medialen Selbstreflexion der Filmkunst untersuchen. Ist der Schwebezustand konstitutiv für die Programmatik der Romantik, so lässt sich die Fliege insofern in diese Tradition setzen, als dass sie zur Mediatorin zwischen Auditivem und Visuellem wird. So potenziert sie das romantische Vorhaben der synergetischen Verschmelzung verschiedener Kunstformen, bleibt sie doch im permanenten Wandel stets ungreifbar. Das Motiv der Verwandlung – ein zentrales strukturelles Moment zahlreicher Heldenreisen – findet man auch in Filmen wie Cronenbergs THE FLY, wenn auch in verpuppter Form, bearbeitet und dekonstruiert. Der Vortrag wird aufzeigen, wie anhand der Fliege andere Formen des Wandels gestaltet werden, da sie semantisch und symbolisch zwischen alltäglicher Einöde, Tod und einhergehenden Zersetzungsprozessen schillert. Treibt sie somit Protagonisten zum Wahn, lotet sie dabei die Möglichkeiten und Grenzen der audiovisuellen Darstellbarkeit aus. Die Fliege bedingt einen ständigen Wechsel zwischen Einstellungsgrößen und zwischen Hors-Champ und Hors-Cadre, wenn sie im Zoom als schauerliche Kreatur erscheint oder man sie in der Totalen oder auch im Off nur hören kann, ihre charakteristischen Störgeräusche dafür aber zum spannungsstiftenden Vibrato der Streicher anschwellen. So lenkt der Störfaktor den Blick auf die blinden Flecken, die im glanzvollen Schein der Lichtspiele oftmals überblendet und unbemerkt bleiben.

 

Flugdrachen – Feuerbringer der globalen Media Franchises

Volker Pietsch
Stiftung Universität Hildesheim

Drachen repräsentieren häufig das globale Vernichtungspotential der Menschheit. Oft verleihen Sie der modernen Angst vor Massenvernichtungswaffen archaische Gestalt, dann wieder wird an ihrer selbst vom Aussterben bedrohten Art das Anliegen des Naturschutzes in fantastische Welten übertragen. Auf einer intimeren Ebene treten sie aber auch in spiegelbildliche Verhältnisse zu Menschen. Die Initiationsprüfung der Drachenzähmung wird zum Symbol für die prekäre Balance von Ängsten und Begehren der Adoleszenz. Im Flug wird das messianische wie das apokalyptische Potential dieser Triebkräfte verwirklicht: Drachenreiter erheben sich im Einklang mit ihrer Natur in himmlische Höhen oder heben ab in tyrannische Hybris. Mal verkörpert der entfesselte Drache die Befreiung der geknechteten Umwelt, mal überzieht er als Folge dieser Unterdrückung das Land mit Feuer. Die Rowling-, Martin- und Tolkien-Adaptionen greifen diese Traditionen auf, aber bringen auch den medialen Wandel des 21. Jahrhunderts zum Ausdruck: Im Drachenflug wird vollendete Harmonie zwischen Naturpanoramen und Computeranimation angestrebt, zwischen Schauspielern und digitalen Kreaturen. Er sprengt auch die Ketten des zweidimensionalen Raums. Die im Kern romantische Hoffnung der frühen Filmtheorie auf eine Errettung der äußeren Wirklichkeit kollidiert mit dem romantischen Ziel einer Synthese zwischen Künstlern, Werk und Publikum. Die Ambivalenz dieses synästhetischen Versprechens, bei dem es sich nicht zuletzt um eine Marketing-Idee handelt, findet ihr Sinnbild darin, dass Drachen als Schatzhüter an den Boden gefesselt sind, bevor sie die Schwingen ausbreiten können. Mit der neuen Kontinuität der Serien zieht auch psychologischer Realismus in den Mythos ein: So begleiten die Flugübungen langfristige Entwicklungsschritte. Wandeln sich so romantische Drachenreiter zu gesellschaftlich handlungsfähigen Trägern des aufgeklärten Bildungsideals? Und werden aus Drachen Haustiere, die genauso gut auch Besen sein könnten?



 
Impressum · Kontaktadresse:
Datenschutzerklärung · Veranstaltung: GFF 2019
Conference Software - ConfTool Pro 2.6.129
© 2001 - 2019 by Dr. H. Weinreich, Hamburg, Germany