Veranstaltungsprogramm

Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Tagung.
Bitte wählen Sie einen Ort oder ein Datum aus, um nur die betreffenden Sitzungen anzuzeigen. Wählen Sie eine Sitzung aus, um zur Detailanzeige zu gelangen.

 
Sitzungsübersicht
Sitzung
3.2: Slot 3-B
Zeit:
Donnerstag, 19.09.2019:
15:30 - 17:30

Ort: B (Seminarraum II)
Institut für Theaterwissenschaft, Grunewaldstr. 35, 12165 Berlin

Zeige Hilfe zu 'Vergrößern oder verkleinern Sie den Text der Zusammenfassung' an
Präsentationen

Modalitäten des Eskapismus: Zur Redefinierung des Verhältnisses zwischen Fantastik und Wirklichkeit

Chair(s): Tobias Haupts (Freie Universität, Deutschland)

Gemeinhin wird eine eher undurchlässige Grenze zwischen dem Fantastischen und dem Realistischen gezogen, obgleich sich beide ästhetischen Modi oftmals durch eine Abgrenzung zu- und ein Verwiesensein aufeinander definieren. Besondere Aufmerksamkeit wird hierbei meistens auf den Vorwurf des Eskapismus´ gerichtet, welcher der Fantastik innewohnen soll und von welchem sich realistische Modi jeglicher Art abzugrenzen scheinen. Diese generalisierende Abwertung des Fantastischen durch seine inhärente Verbindung zum Eskapismus und die damit einhergehende Trennung zwischen Fantastischem und Realistischem ist jedoch allein deswegen immer schon problematisch, weil sie wichtige Fragen zu ersticken droht: Denn was bedeutet Eskapismus im Spannungsfeld Fantastik-Realismus überhaupt? Und ist der Eskapismus dabei ein einzig der Fantastik vorbehaltener Modus? Lassen sich Aspekte der Fantastik auch in scheinbar realistischen Repräsentationen der Welt finden? Kurz: sind diese beiden Modi tatsächlich so klar voneinander zu unterscheiden oder lässt sich ihr Spannungsfeld in einer kritischen Analyse fruchtbar machen?

Um sich diesem Fragenkomplex anzunähern, widmet sich das Panel in vier Vorträgen der Frage, inwieweit sich Elemente fantastischen Erzählens und vor allem fantastischer Ästhetik in audiovisuellen Medien wiederfinden lassen, die sich nicht direkt dem Genre der Fantasy zuordnen lassen.

 

Beiträge des Symposiums

 

Realität und Romantik: Ästhetische Überhöhung in THE REVENANT (Alejandro González Iñárritu, 2015)

Lukas Wesslowski
DFFB

„Based on a true story.” Mit dieser Texteinblendung beginnt der Film THE REVENANT (USA 2015) des mexikanischen Regisseurs Alejandro González Iñárritu. Partiell versucht sich der Film zunächst tatsächlich an einer den verbürgten historischen Ereignissen angenäherten naturalistischen Inszenierungsstrategie. Lange Plansequenzen, die Verwendung von natürlichem Licht, das Drehen an Originalschauplätzen, und die detaillierten Darstellungen der Handlungen der Figuren sollen die Glaubwürdigkeit des Gezeigten erhöhen.

Doch immer wieder wird diese Art der Inszenierung gezielt unterlaufen. Durch die spektakulären Naturaufnahmen und die traumartigen Rückblenden öffnet sich THE REVENANT für einen anderen ästhetischen Modus und öffnet damit auch die dargestellte Welt über die Grenzen des Realen hinaus. Nicht nur narrativ werden durch die Einbindung indigener Rituale Verbindungen zum Übersinnlichen hergestellt, auch durch die spezifische Inszenierung der Natur und ihrer mystischen Phänomene entwickelt der Film in vielen Sequenzen eine Sprache des Fantastischen und verwandelt die reale Geschichte eines Überlebenskämpfers in eine Erzählung über Tod und Auferstehung. Aus der physischen wird so eine spirituelle Reise.

Der Vortrag versucht durch eine filmanalytische Annäherung, die Fantastik in THE REVENANT als ästhetischen Modus zu begreifen, der sich auch in einem Film mit starkem Realitätsbezug erkennen lässt und geht der Frage nach, inwieweit ein solcher Modus zu einer Überhöhung des Dargestellten beitragen kann. Irreale und eskapistische Elemente sollen entgegen ihrer ansonsten oftmals negativen Konnotation nicht als Schwächen, sondern als Potenzial fantastischen Erzählens und Inszenierens begriffen werden.

 

Down the rabbit hole: Eskapismus als Mittel der Konfrontation mit der Wirklichkeit in Woody Allens „Midnight in Paris“

Sebastian Lange
FU Berlin

In „Midnight in Paris“ stoßen zwei Welten, oder besser gesagt, zwei Zeiten aufeinander. Zum einen das gegenwärtige Paris, in welchem der Protagonist Gil mit seiner Verlobten die Zeit mehr übersteht als wirklich genießt und zum anderen das Paris der Goldenen Zwanziger, dessen Nachtleben von rauschenden Feiern, großen Persönlichkeiten und Romanzen geprägt zu sein scheint. Der Trailer zum Film betitelt diesen Umstand folgendermaßen: „Paris after midnight is magic“. Man könnte auch sagen: fantastisch. Denn treffenderweise wird „Midnight in Paris“ meist mit eben jenem Eskapismus in Verbindung gesetzt, welcher die Fantastik auszumachen scheint. Gil wird in diesem Zusammenhang gewissermaßen zur Personifikation eines „escapist need to withdraw from the present in order to take shelter in a glorified, utopian past” (Eubanks: Memory and Nostalgia in Woody Allen’s “Midnight in Paris”, 2014.). Doch lässt sich die klassische Dichotomie zwischen Eskapismus und Wirklichkeit überhaupt nachzeichnen? Der Film nämlich problematisiert diese Polarität entschieden. So gelangt Gil erst durch seine Reisen in dieses zweite, verklärte Paris zu jener Epiphanie, die ihn seine eigene Wirklichkeit konfrontieren lässt; erst indem er das sprichwörtliche „rabbit hole“ hinunter rutscht, kann ihm der Aufstieg zur Raison gelingen. Daran anschließend stellt sich die Frage, wie weit dieser neu definierte Eskapismus geht.

Die Narration allein kann hierauf keine Antworten geben. Der Vortrag betrachtet daher im Besonderen das Wechselspiel zwischen den romantisierenden Ästhetiken des modernen und vergangenen Paris und geht der Frage nach, wo die Fantastik in "Midnight in Paris" aufhört. Der Status des Eskapismus als etwas, das genuin fantastisch ist und "dem Realen" gegenüber steht, soll hinterfragt und umgedacht werden.



„Beide Welten gesund.“ Michael Endes Die unendliche Geschichte als Antwort auf die Eskapismus-Debatte

Dana Steglich

Universität Bonn, Deutschland

Michael Endes Roman Die unendliche Geschichte wurde – wie im Call for Papers selbst angesprochen – zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung in Deutschland zwiespältig aufgenommen: Einerseits machte der enorme Publikumserfolg den Roman rasch zum Kultbuch, andererseits verurteilten große Teile der Literaturkritik, die von Ideen der literature engagée dominiert wurde, Endes Text als Aufforderung zur Weltflucht und der Vorwurf des Eskapismus verfolgte Ende weiterhin.

Dabei ist Die unendliche Geschichte nicht nur ein Manifest für die Kraft der Fantasie, sondern gerade auch eine literarische Antwort auf die Eskapismus-Debatte, die in der Bundesrepublik zu Endes Zeiten geführt wurde, die sein Werk massiv betraf und die Ende als Autor unendlich frustrierte. Die Handlung des Romans führt nämlich jenen Eskapismus, den Kritiker_innen dem Buch negativ anlasteten, explizit vor: Der Protagonist Bastian flüchtet, wortwörtlich, vor den Problemen seines Lebens in Atréjus Geschichte und droht, sich darin zu verlieren.

Was kritische Stimmen zur Aufrechterhaltung ihres Vorwurfs außer Acht lassen müssen, ist, dass Ende im Grunde einen Bildungsroman schreibt, der die anfängliche Dichotomie von oppressiver Realität und romantisch-naiver Fantasiewelt durch Bastians Entwicklung und Erkenntnisgewinn zum Ende hin auflöst.

In meinem Vortrag möchte ich daher Die unendliche Geschichte auf ihren Stand als Paradebeispiel für die Erklärung und Vielschichtigkeit von ‚Eskapismus‘ diskutieren. Dazu gehört eine grundsätzliche Definition dessen, was im literaturwissenschaftlichen Diskurs eigentlich gemeint ist, wenn von ‚Eskapismus‘ die Rede ist und wie der Begriff historisch von unterschiedlichen Wertungsagenden ausgehend gerade in wissenschaftlichen und literaturkrtitischen sowie poetologischen Perspektiven auf fantastische Literatur genutzt wurde.



„That looks romantic, doesn’t it?“: Zur Fortschreibung des romantisch-fantastischen Musikdramas in der Musical-Serie "Galavant"

Laura Zinn, Alexandra Müller

Justus-Liebig-Universität Gießen, Deutschland

Die Epoche der Romantik erweist sich nicht nur als wichtiger Ausgangspunkt für die Etablierung des Fantastischen in der Literatur, auch in die Opernhäuser zieht durch die Verwendung neuer Stoffe aus der Geister- und Sagenwelt und einer sich von der ernsthaften italienischen Oper abwendenden romantisch-komischen Musikästhetik Ende des 18. Jahrhunderts das Übernatürliche ein. Der Vortrag möchte die Traditionslinie dieser romantisch-fantastischen Musiktheaterformen untersuchen und aufzeigen, wie sie durch eine ästhetische und strukturelle Rezeption zu Wegbereitern für die anglo-amerikanischen 'musical comedies' wurden und bis heute als Traditionslinie motivisch, erzähltechnisch und visuell in der Musical-Fantasy-Serie "Galavant" (USA, Fogelman, 2015-2016) nachwirken, indem sie weitergeführt, modernisiert, parodiert und/oder subvertiert werden. Die Fortschreibung romantisch-fantastischer Motive lässt sich etwa anhand des märchenhaften Sujets und Figurenrepertoires, der Präsentation der übernatürlichen Handlungselemente (Fantastisches als ambivalentes Kippmoment, Idee des Goldenen Zeitalters, romanhaft-abenteuerliche Heldenreise), des romantiktypischen Settings (anachronistisch-fantastische Mittelalterdarstellung, Orientalismus, volkstümliches Kolorit) sowie bildsprachlicher Topoi und ikonischer Zitate (Darstellung der Geistersphäre als 'ballet blanc') veranschaulichen. Gleichzeitig persifliert die Serie sowohl ihr romantisches Erbe als auch ihr fantastisches Thema in Wort, Bild und Musik durch die Verwendung von metafiktionalen Techniken wie Selbstreferenz, Fiktionsironie, Illusions- und Stimmungsbrechung – also literaturästhetische Verfahren, die selbst grundlegend im Kontext einer frühromantischen Poetologie theoretisiert wurden (man denke etwa an die Idee der romantischen Ironie und der Parekbase, wie sie etwa Friedrich Schlegel in den Lyceums- und Athenäums-Fragmenten als Bezugspunkt romantischer Kunst skizziert, oder Jean Pauls Theorie des romantischen Humor).



 
Impressum · Kontaktadresse:
Datenschutzerklärung · Veranstaltung: GFF 2019
Conference Software - ConfTool Pro 2.6.129
© 2001 - 2019 by Dr. H. Weinreich, Hamburg, Germany