Veranstaltungsprogramm

Sitzung
Poster-Cluster: Empirische und theoretische Perspektiven auf Bildung, soziale Beziehungen und Machtverhältnisse
Zeit:
Montag, 14.03.2022:
11:30 - 13:00

Chair der Sitzung: Marie Hoppe, Universität Bremen
Chair der Sitzung: Anne Otzen, Universität Bremen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 03

944 6432 1021, 598600
Sitzungsthemen:
2. Allgemeine Erziehungswissenschaft, 4. Empirische Bildungsforschung, Sektion 2, Kommission Qualitative Bildungs- und Biographieforschung, Englisch und Deutsch in einer Veranstaltung

In diesem Cluster werden acht Poster vorgestellt, davon ein englischsprachiges und sieben deutschsprachige Poster.


Präsentationen

„Schutz und Hilfe bei häuslicher Gewalt- Ein interdisziplinärer Online-Kurs“

Anja Krauß1, Dr. Anna Maier1, Prof. Dr. Barbara Kavemann2, Prof. Dr. Jörg M. Fegert1

1Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/-psychotherapie, Universitätsklinikum Ulm; 22Sozialwissenschaftliches Forschungsinstitut zu Geschlechterfragen SoFFI. F/ Five Berlin,

Jede dritte bis vierte Frau erlebt in ihrem Leben mindestens einmal eine Grenzüberschreitung, indem sie Opfer körperlicher und/oder sexueller Gewalt durch ihren Partner wird. Männer erleben ebenfalls, wenn auch seltener, Gewalt in Paarbeziehungen. Betroffene und deren Kinder sind vielfältigen Risiken ausgesetzt, zu denen neben Armut auch Traumafolgestörungen wie eine PTBS, Depressionen oder Angst- und Suchterkrankungen gehören. Die hohen Betroffenenraten zeigen wie wichtig Wissen und Kompetenzen von Fachkräften in diesem Bereich sind. In Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut SoFFI. F/ Five und dem Forschungszentrum SOCLES wird am Universitätsklinikum Ulm ein interdisziplinärer Online-Kurs zur Thematik „Schutz und Hilfe bei häuslicher Gewalt“ erstellt. Das Projekt hat zum Ziel, Erfahrungen aus 40 Jahren Forschung und Unterstützungspraxis gegen häusliche Gewalt aus unterschiedlichen Perspektiven zu bündeln. Eine Entgrenzung gelingt dem Kurs dabei in zweifacher Hinsicht: Sowohl durch das Format als Online-Kurs als auch durch die interdisziplinäre inhaltliche Ausrichtung des Kurses. So ist die Bearbeitung des Kurses weltweit für alle an Intervention, Schutz und Hilfe bei häuslicher Gewalt beteiligten Fachkräfte (bspw. pädagogische Berufe, Heilberufe, juristische Berufe und weitere) möglich. Während der Projektlaufzeit von 2019 bis 2022 wird der Kurs anhand von zwei Testkohorten (TK) u.a. hinsichtlich Praxisrelevanz und Effektivität der Wissens- und Kompetenzvermittlung evaluiert. Mit zahlreichen anderen Online-Kursen des Universitätsklinikums Ulm konnte gezeigt werden, dass ein Online-Weiterbildungsangebot gut geeignet ist Fachkräfte zu schulen. Die Ergebnisse der ersten TK des Online-Kurses zeigen, dass der Kurs für die Praxis ein Zugewinn an Wissen und Kompetenzen bei Fachkräften schafft.



Aufwachsen mit der Sucht der Eltern – Eine rekonstruktive Studie zu subjektiven Erfahrungswelten und Umgangsweisen

Meike Haefker

Hochschule Emden/Leer, Universität Vechta Deutschland

Der Studie liegt das Interesse an Biografien von Personen zu Grunde, die mit einer elterlichen Suchterkrankung aufwuchsen. Aus der Perspektive des (erwachsenen) Kindes werden biografische Erfahrungen innerhalb der Familie und in anderen sozialen Räumen rekonstruiert. Die Gesamtbiografie eröffnet hierbei den Zugang zu Erfahrungen und Umgangsweisen sowie deren biografische Bedeutung z.B. in Form von Strategien und Ressourcen. Diese Heuristik wird um ein Interesse an der symbolischen Bedeutung von Stigmatisierungs- und Schamerfahrungen ergänzt, ohne dadurch den offenen Blick zu verengen, so dass u.a. diskreditierende Denkmuster und deren Bedeutung untersucht werden, die gesellschaftlich vorstrukturiert sowie kulturell geprägt sind und die eine Biografie beeinflussen können (Dausien 2004/2010). Eingebettet wird die Arbeit in den sich anbahnenden Paradigmenwechsel zur wertebildenden Verstehens- und Umgangsweise in Diskursen der Suchtforschung (Dollinger/Schmidt–Semisch 2007). Suchterkrankungen können nicht nur die Lebenssituation für suchtkranke Eltern problematisieren, sondern häufig auch die der Kinder bis ins Erwachsenenalter (BMG 2017), die nach Goffman (2003) auf Grund ihrer verbundenen Sozialstruktur zum suchtkranken Familienmitglied zu einer stark stigmatisierten Personengruppe in der Gesellschaft gehören. Anhand von biografisch - narrativen Interviews mit den (erwachsenen) Kindern werden mit der Narrationsanalyse (Schütze 1997/2016) biografieanalytisch die subjektiven Lebenswelten und Umgangsweisen untersucht. Darüber hinaus dient die Objektive Hermeneutik (Oevermann 1993/ Garz/Raven 2015) zur Analyse latenter Bedeutungsstrukturen von Scham im Kontext von Stigmatisierung. Über die Triangulation zweier Auswertungsmethoden soll als methodische Neuerung sowohl die Strukturgesetzlichkeit der Wahrnehmungs- und Handlungsmuster von biografischen Prozessen als auch latente Sinnstrukturen regelgeleitenden Handelns zum Gefühl der Scham (Lorenz et al. 2018) und damit die Gesamtstruktur biografischen Erlebens untersucht werden. Der bisher überwiegend quantitative Forschungsstand zur prozesshaft biografisch und familiären Erfahrungswelt der Kinder die unter Einfluss einer elterlichen Sucht heranwachsen, sowie zur Stigmatisierung und der Scham wird um die qualitative und sozialwissenschaftliche Perspektive ergänzt. Die Studienrelevanz besteht darin, eine Idee von biografischen Bedeutungszuschreibungen des Erlebens der familiären Lebenswelt sowie einem gesellschaftlichen Wertebild von internalisierten Selbst- und Fremdbewertungen zu erhalten. Zudem werden Erkenntnisse in einem paradigmatischen Spannungs- und Wechselverhältnis von sozialen und kulturellen Be- und Entgrenzungsprozessen ebenso erwartet wie Vorstellungen zu Statushierarchien gegenüber Kindern aus von Sucht beeinflussten Familien. Auch soll über ein erweitertes Verständnis zu den Phänomenen die Theoriebildung zur Stigmatisierung in Verbindung mit der Scham durch Beschämung ergänzt werden.



Perspektiven von Lehrkräften auf sprachliche Bildung und Deutsch als Zweitsprache während der Corona-Pandemie

Dr. Ina-Maria Maahs, Christina Winter, Kathrin Drews

Universität zu Köln/ Mercator-Institut, Deutschland

In den letzten Jahren wurden die Bedarfe eines sprachsensiblen (Fach-)Unterrichts in sprachlich heterogenen Klassen, der insbesondere auch Schüler*innen, die Deutsch als Zweitsprache erwerben, adäquat fördert, viel diskutiert (vgl. Scheinhardt-Stettner 2017). Seit März 2020 stellt jedoch die Corona-Pandemie völlig neue Herausforderungen an schulisches Lernen in immer wieder neuen Lehr-Lern-Settings. Wie haben Lehrkräfte diese Herausforderungen in Bezug auf eine lerner*innenorientierte sprachliche Bildung wahrgenommen?

Während es bereits eine Reihe von Studien gibt, die die Perspektive der Eltern (vgl. Wildemann & Hosenfeld 2020, Vodafone-Stiftung Deutschland 2020) sowie der Schüler*innen (vgl. Wößman et al. 2020, Irion & Zylka 2020) aufzeigen und als zumeist quantitative, repräsentative Online-Befragungen einen guten Überblick über die Gesamtsituation bieten, existieren bisher wenige qualitative Untersuchungen zur Perspektive der Lehrkräfte. Hier setzt die vorliegende Studie an:

- Wie haben Lehrkräfte die coronabedingten Unterrichtsumstellungen im Kontext sprachlicher Bildung erlebt?

- Inwiefern haben sie dabei besonderen Herausforderungen für Lernende, die Deutsch als Zweitsprache erwerben, wahrgenommen?

- Welche Chancen bieten sich aus Sicht der Lehrkräfte durch die Digitalisierung im Bereich des sprachsensiblen Unterrichtens und Deutsch als Zweitsprache?

Basierend auf bisheriger Forschung zu sprachlicher Bildung, Deutsch als Zweitsprache und sozialer Ungleichheit während der Corona-Pandemie (vgl. Gogolin 2020, van Ackeren et al. 2020, Engzell et al. 2020) wurde ein Interviewleitfaden mit offenen Fragen entwickelt (vgl. Helfferich 2014). Insgesamt liegen neun Interviews von Lehrkräften aus dem Regierungsbezirk Köln vor, die anhand der inhaltlich-strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz (2014) mittels deduktiv-induktiver Kategorienbildung ausgewertet werden.

Die Ergebnisse zeigen zum einen wie Lehrkräfte die Lehr-Lern-Bedingungen sprachlicher Bildung in der Corona-Pandemie 2020/2021 wahrgenommen haben, zum anderen aber auch konkrete Gelingensbedingungen, die sie für einen sprachsensiblen Unterricht im Kontext der Digitalisierung identifizieren. Dabei weisen erste Befunde darauf hin, dass Themen wie Sprachsensibilität, Mehrsprachigkeitsorientierung oder Deutsch als Zweitsprache wenig Beachtung in der Unterrichtsumstellung gefunden haben.



Realitätsbezogene Mathematikaufgaben aus der Perspektive von Bourdieus Habitus – Synthese zweier Forschungsgebiete

Ilja Ay

WWU Münster, Deutschland

Der Umgang mit Realitätsbezügen stellt für das Fach Mathematik ein zentrales Ziel der Bildungsstandards dar (KMK, 2004) und kann Schüler*innen vor zahlreiche Hürden stellen. Insbesondere sozioökonomisch Unprivilegierte können dabei Probleme haben, insofern, als dass die Fähigkeit einem realen Kontext mathematische Strukturen zu entnehmen als kulturelle Kompetenz verstanden werden kann (Piel & Schuchart, 2014). So weisen die in den Bildungsstandards formulierten Fähigkeiten eher Überschneidungen mit der Sozialisation sozioökonomisch privilegierter Haushalte auf, seien es Selbstregulation, adäquates Argumentieren oder Besprechen von Lernstrategien (u. a. Weininger & Lareau, 2009). Einerseits kann gezeigt werden, dass unprivilegierte Schüler*innen beim Bearbeiten offener, realitätsbezogener Aufgaben eher Alltagserfahrungen in den Blick nehmen und dadurch den mathematischen Kern der Aufgabe übersehen (u. a. Lubienski, 2000), während andererseits gezeigt werden kann, dass sie eher den mathematischen Lösungsweg suchen, anstatt die reale Situation ernst zu nehmen (Leufer, 2016).

Es stellt sich die Frage, warum davon ausgegangen werden kann, dass sich derartige Verhaltensmuster auf die soziale Herkunft zurückführen lassen. Einen Ansatz liefert der Soziologe Bourdieu, der einen Zusammenhang erkennt zwischen den Herkunftsbedingungen und den Lebensstilen von Menschen. Als Mediator dazwischen steht etwas, das Bourdieu Habitus nennt. Dieser stellt eine allgemeine Grundhaltung dar und umfasst Verhaltensweisen, Einstellungen, Werte, ästhetische Maßstäbe, etc. Seine Habitus-Theorie besagt letztlich, dass die meisten Handlungen der Menschen keine Intention verfolgen, sondern als Ausdruck ihrer verinnerlichten Dispositionen verstanden werden können (Bourdieu, 1994/1998, S. 167–168).

Bourdieu erklärt dies anhand eines Spiels, bei dem gewisse unausgesprochene Regeln gelten. Auch das Bearbeiten von Mathematikaufgaben kann als Spiel aufgefasst werden (Verschaffel et al., 2000). So kann es dazu kommen, dass gewisse Schüler*innen einen (un)erwünschten Fokus beim Bearbeiten legen. Für gute Spielende – so Bourdieu – müssen Regeln nicht aufgedeckt werden, da Handlungen ganz im Sinne des Habitus zweckgerichtet sein können ohne dabei eine konkrete Intention zu verfolgen (Bourdieu, 1994/1998, S. 168). Die wünschenswerte Intention einer Aufgabe kann insbesondere unprivilegierten Schüler*innen verborgen bleiben, wenn sie beispielsweise aufgrund von Sozialisation weniger Erfahrung beim Spiel sammeln konnten. So schreibt Bourdieu unteren sozialen Klassen einen notwendigkeitsorientierten Habitus zu, der eher Nutzen von Etwas im Blick hat (Bourdieu, 1979/1982). Es stellt sich die Frage, ob unprivilegierte Schüler*innen beim Bearbeiten realitätsbezogener Aufgaben z. B. eine nützliche, alltagsnahe oder eine zweckgerichtete, mathematische Herangehensweise wählen, die beide Ausdruck eines notwendigkeitsorientierten Habitus sein können. Für Erkenntnisse bedarf es empirischer Forschung.



Bedeutung und Erleben von frühkindlicher Freundschaft vor dem Hintergrund globaler Mobilität

Malte Min

PH Heidelberg, Deutschland

Bei meiner Tätigkeit als Leitung des Kindergartens der Deutschen Schule Seoul, Südkorea erlebe ich häufig Kinder, deren Leben durch internationale Mobilität geprägt ist und die sich regelmäßig auf neue Länder, Kulturen, Sprachen und soziale Kontakte einlassen müssen.

Neben der erhöhten Fluktuation in den Kindergartengruppen ist es auch eine durch Heterogenität, Dynamik und Kontingenz geprägte Lebenswelt, welche frühkindliche Freundschaftserfahrungen unter speziellen Vorzeichen stattfinden lässt.

Im Rahmen meines Promotionsprojekts werden mit Hilfe einer qualitativen Studie frühkindliche Freundschaftserfahrungen unter den spezifischen Rahmenbedingungen globaler Familien erforscht.

Hierzu bezieht das Forschungsanliegen zwei zentrale Perspektiven aufeinander:
Es greift die individuellen Erfahrungsperspektiven frühkindlicher Freundschaft auf und erhebt, welche Bedeutung Freundschaft als Konzept hat und wie Freundschaft innerhalb dieser global mobilen Rahmenbedingungen praktisch erlebt wird.

Es fragt aber auch nach Konditionen gegenwärtiger Kindheit und ermittelt, wie diese Konditionen durch die gesellschaftlichen Voraussetzungen global mobiler Familien bestimmt werden.

Die lebensweltliche Perspektive wird dabei über die Kinder erhoben, die gesellschaftstheoretische über deren Eltern.

Insgesamt 10 Eltern-Kinder Paarungen werden getrennt in mehreren Erhebungsphasen mittels leitfadengestützter Interviews befragt. Bei der Erhebung mit den Kindern werden zusätzlich Netzwerkkarten eingesetzt und so durch das physische rekonstruieren von wesentlichen Lebensabschnitten ein zielgruppengerechter Reflexionsanlass erzeugt.

Die Arbeit mit der konstruktivistischen Auslegung der Grounded Theorie (Charmaz 2006; Bryant & Charmaz 2019) bietet die Möglichkeit sich an diese bisher noch wenig erforsche Fragestellung mit größtmöglicher Offenheit und dem Bewusstsein der eignen gedanklichen Standortgebundenheit zu nähern. Diese subjektorientierte Herangehensweise begründet sich auch durch ein Verständnis von Freundschaft als abstrakte, intersubjektiv divergent ausgedeutete und in sozialen Handlungen hergestellte Größe (Allan 1998; Schobin et al. 2016).

Die gedankliche Klammer der Arbeit bildet dabei ein sozialkonstruktivistisches Wirklichkeitsverständnis (Berger & Luckmann 1966), bei dem neben der Konstruktion von Wirklichkeit durch soziales Handeln auch die gesellschaftlichen Aushandlungsprozesse thematisiert werden bei denen subjektive Realität zu übersubjektiver Wirklichkeit gerinnt und damit für den theoretischen Blick der Arbeit ebenso maßgebend sind wie das reflexive Moment dieser Aushärtungsprozesse.



Premising and arguing: The variety in 9/10-year-old children taking on an equity/equality issue in the context of group discussions

Lea Eldstål-Ahrens, Prof. Dr. Niklas Pramling, Dr. Malin Nilsen

University of Gothenburg, Schweden

Within a sociocultural and dialogic perspective on learning (Säljö, 2009; Linell, 2014), argumentation is one of the key cultural practices to be appropriated in order to effectively participate in democratic societies as active citizens (Schwarz, 2009). As such, the practice of arguing can be placed within the triad learning about, through and for democracy (Gollob, Krapf, Ólafsdóttir & Weidinger, 2010). Coming from a sociocultural perspective, capturing the process of appropriation – the gradual taking over or making one’s own of a concept or practice – is of interest. Task premises, i.e., verbal and visual clues, which structure a task and based on which children are supposed to work and/or argue, frame this process. This study aims to analyze and characterize 9/10-year old primary school children’s practice of arguing in collaborative group discussions about the democratic concepts equality and equity. More specifically, the interest lies in answering the research question: How do 9/10-year-old primary school children, in interaction with each other and the teacher, handle the task premises of group discussions about the democratic concepts equality and equity? For this purpose, 13 group discussions of 4-5 children each (total participant n=54) were led and video recorded by the two participating teachers in the school setting. The transcripts, including verbal utterances as well as interruptions, facial expressions, gestures, and laughter were sequentially analyzed based on principles of interaction analysis (Jordan & Henderson, 1995) and sociocultural discourse analysis (Johnson & Mercer, 2019). The results demonstrate the children handling the premises of the given task in three different ways: (1) arguing within the premises, (2) arguing outside the premises or (3) questioning the premises. Each way of handling the premises is more specifically divided into sub-categories, which demonstrate, in more detail, the children’s take on the task. The presentation of excerpts allows for a tracking of the author’s interpretation as well as alternative interpretations. The findings reveal a more dynamic way of understanding tasks than has generally been found in educational research, especially concerning the application of real-life experiences and circumstances in questioning the task at hand (Säljö & Wyndhamn, 1988; Verschaffel et al., 1994; Donaldson, 1978). This amplifies the question of how much room children are given in discussions to develop it into new directions and even question the task’s rationale (Greco et al., 2018). Tasks, even when clarified and re-stated in teacher-student interaction, remain open to interpretation and have to be negotiated in a process of sense making both between the students as part of the group and between the group and the teacher.



Humanismus- und Schulkritik der ,Neuen Radikalen Aufklärung'. Bildungstheoretische Implikationen Marina Garcés‘ politischer Philosophie

Florian Dobmeier

Eberhard Karls Universität Tübingen, Deutschland

Das Poster zeigt in Grundzügen dreierlei auf: (1) den zeitdiagnostischen Ausgangspunkt der Politischen Philosophie der spanischen Philosophin Marina Garcés; (2) die in ihrem Werk formulierte bildungs- und schultheoretische Kritik sowie (3) die Implikationen für erziehungswissenschaftliche Theoriebildungen, die sich aus diesen Herausforderungen ziehen lassen.

Nach einer grundlegenden Reflexion auf das Verhältnis von Pädagogik einerseits und Zeitdiagnosen andererseits (Hastedt 2019; Beillerot und Wulf 2003; Bogner 2018), welches als produktive Irritation in der Umwelt des Systems erziehungswissenschaftlicher Erkenntnisproduktionen gefasst werden kann (Meseth und Lüders 2018), soll Garcés Werk zunächst im epistemischen Status weiter aufgeschlüsselt werden in deskriptiv-explanative und normativ-programmatische Argumentationen andererseits. Einer pädagogische ,redescription‘ unterzogen lassen sich diese überführen in eine bildungstheoretische Beschreibung und Kritik des Schulsystems.

Insbesondere die für ihre Theoriearchitektur zentrale Funktion eines revitalisierten Humanismusbegriffs wird hierbei in seinen pädagogischen Implikationen einer kritischen Würdigung zu unterziehen sein. Denn während die Diskussion um den klassischen Humanismus und Neuhumanismus inzwischen als durchaus theoretisch gesättigt und an Klassikern exemplifiziert gelten kann, ist es weithin ein Desiderat für allgemeinerziehungswissenschaftliche Theoriebildungen, die Bedeutung humanistischer Theoriegehalte in ihren neuen Spielarten von Antihumanismus, Transhumanismus und Posthumanismus zu diskutieren: Gleichwohl die Pädagogik explizit infolge antihumanistischer und anthropologiekritischer Dekonstruktionen den Menschen verabschiedete (Meyer-Drawe 1992; Dust et al. 2014; Wimmer 2019; Wulf und Zirfas 2014) und auflöste in Diskurseffekte (Subjekt), Differenzierungseffekte (Person), Netzwerkpositionen (Knoten) oder hinter Rollen versteckte (Individuum), so findet das ,Menschliche‘ doch immer wieder Einzug, nicht nur ethisch im Kampf gegen das ,Unmenschliche‘ (bspw. Engel 2014), sondern auch sozialtheoriestrategisch für die pädagogische Gegenstandskonstitution (bspw. Göhlich et al. 2018). Grund genug also, sichtbar zu machen, auf welche Weise Garcés für pädagogisierte Humanismen im schulkritischen Kontext anschlussfähig gemacht werden könnte.



Vielfalt bildet! Rassismuskritische Bildungsarbeit gemeinsam gestalten

Derman Aygün1, Dr. Katharina Rhein2, Dr. Olga Zitzelsberger1, Hümeyra Zor1

1TU Darmstadt, Deutschland; 2Verband Deutscher Sinti und Roma - Landesverband Hessen

Die Institution Hochschule – wie nahezu alle Bildungsinstitutionen mit einer Unterrepräsentation von People of Color und Menschen mit Migrationsgeschichte – hat Teil an der strukturellen Reproduktion von Rassismus und sozialer Ungleichheit. Auch die Lehre in den Erziehungswissenschaften orientiert sich bei der Auswahl und der Vermittlung von Inhalten immer noch überwiegend am unsichtbaren Maßstab einer weißen und mittelschichtigen Dominanzgesellschaft. Auf diese Weise werden, teils unbewusst, (strukturelle) Grenzen gesetzt, innerhalb derer sich Hochschulakteur*innen, insbesondere Studierende, bewegen dürfen/können/müssen, wodurch dominante Wissensbestände zementiert und immer wieder reproduziert werden: Wissensbestände, die durchzogen sind von stereotypisierenden und diffamierenden Zuschreibungen sowie rassistischen Unterscheidungsmustern, die sich nachhaltig (und) negativ auf die Bildungsbiographien der Betroffenen auswirken und die – unreflektiert während des Studiums übernommen – von den pädagogischen Fachkräften und Lehrer*innen als Teil ihrer pädagogischen Haltung in ihr Handeln einfließen. Diesen Mechanismus gilt es zu durchbrechen, indem an die Stelle der Reproduktion von rassistischen Denkstrukturen der Aufbau und die Professionalisierung einer rassismuskritischen Haltung von Studierenden rücken. Hochschulen sind Teil des Problems, sie können aber auch Teil der Lösung werden, da sie über das Potenzial verfügen, Diskursansätze zu liefern, Strukturen und Routinen aufzubrechen und so die machtvollen Begrenzungen zu 'entgrenzen'. Wie kann dies geschehen?

Die Aufgabe und Herausforderung besteht nicht darin, nach bereits bekannten Diskriminierungspraktiken innerhalb der Hochschule zu fragen, sondern Reflexions- und Bildungsprozesse bei den Studierenden zu fördern, um diese aufzubrechen und den hochschulischen Zirkelschluss abzubauen. Ein wesentliches Augenmerk muss dabei auf der Öffnung der Hochschule für unterrepräsentierte Perspektiven liegen, sodass eine Entgrenzung von bislang dominierenden Perspektiven erreicht werden kann. Vor diesem Hintergrund solle im Rahmen der Postervorstellung eine Öffnung und die damit einhergehenden vielfältigen Möglichkeitsräume von Bildung und Erziehung zur Förderung einer rassismuskritischen Profession durch den Einbezug externer Expertisen, konkreter von zivilgesellschaftlichen (Migrant*innenselbstorganisationen) sowie außeruniversitären Bildungseinrichtungen, vorgestellt und zur Diskussion gestellt werden. Durch das Heranziehen externer Expertisen und die gemeinsame Entwicklung von Bildungsangeboten für Studierende der Erziehungswissenschaften sowie des Lehramts werden wissenschaftliche Zugänge zum Thema Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung mit außeruniversitärer Bildungsarbeit verschränkt. So wird eine Öffnung der Hochschule vorangetrieben und zugleich zivilgesellschaftliche Organisationen in ihren Expertisen anerkannt.