Veranstaltungsprogramm

Sitzung
Wechselspiele geschlechtlicher Be- und Ent | Grenz | ungen
Zeit:
Mittwoch, 16.03.2022:
14:00 - 16:00

Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 21

980 9785 3820, 440605
Sitzungsthemen:
11. Frauen- und Geschlechterforschung in der Erziehungswissenschaft, Ohne Kommission, qualitativ, theoretisch, Deutsch

Präsentationen

Wechselspiele geschlechtlicher Be- und Ent | Grenz | ungen

Chair(s): Alina Zils (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Deutschland), Mart Busche (Alice Salomon Hochschule Berlin)

Fragen machtvoller Reproduktion und Möglichkeiten der Verschiebung und Überschreitung von Normen stellen zentrale Problemstellungen der Erziehungswissenschaft dar. Für die pädagogische Praxis lässt sich der Anspruch formulieren, die pädagogische Ermöglichung von Handlungs- und Selbstbestimmungsräumen für Heranwachsende im Horizont dieser Problemstellung zu reflektieren. Dies gilt insbesondere für die Bedeutung von pädagogischem Handeln in vergeschlechtlichten Ordnungen: Nicht erst seit der Einführung des Personenstands „divers“ stellt Geschlecht einen offensichtlichen Schauplatz gesellschaftlicher Aushandlungen dar, vielmehr erweitern und begrenzen sich geschlechtliche Handlungsweisen unablässig in ihrem praktischen Vollzug und bedürfen daher der professionellen Reflexion. Anhand empirischer Forschungsarbeiten werden Routinen und Praktiken der Be- und Entgrenzung von Geschlecht in den Fokus genommen und diskutiert, welche Anforderungen sich daraus an professionelles Handeln ergeben.

 

Beiträge des Panels

 

Ir_relevanz von Geschlecht auf dem Spielplatz

Alina Zils
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Deutschland

Im Rahmen meiner Forschungen zur Ir_relevanz eines geschlechtlichen Subjekts im Kontext von Kindern auf dem Spielplatz wird in dem Beitrag auf der Grundlage des erhobenen Materials gezeigt, dass den unterschiedlichen Formen des Umgangs mit Geschlecht – unabhängig ihrer ‚Progressivität‘ – eine Reproduktion von Geschlechterungleichheit inhährent ist. Vor dem Hintergrund der eigenen erzieherischen Handlungspraxis der Eltern dokumentieren sich Orientierungsrahmen, die das aufgeworfene Strukturproblem einer dichotomen Geschlechterordnung different handhaben. Doch je präsenter ein allgemeines gesellschaftliches Bewusstsein im Hinblick auf Geschlechtergleichheit bzw. Geschlechtergerechtigkeit vorhanden ist, desto latenter und versteckter wirken die Mechanismen der Reproduktion von Geschlechterungleichheit. Trotz des geförderten geschlechtsübergreifenden Spiels wird der Junge* beim als mädchen*haft aufgerufene Spiel enger geführt resp. begrenzt im Vergleich zum jungen*haft aufgerufenen Spiel – somit eine Art Wechselspiel zwischen Ent- und Begrenzung.

 

Post-souveräne Männlichkeiten?

Mart Busche
Alice Salomon Hochschule Berlin

Anhand der rekonstruktiven Analyse von alltagsbezogenen Interviews mit 14- bis 16-jährigen Cisjungen werden männlichkeitsbezogene Anfechtungssituationen im Sinne fremdinduzierter Echtheitsprüfungen in den Blick genommen. Bei diesen Anfechtungen handelt es sich um Situationen, in denen die Performanz von Geschlecht und/oder Sexualität infrage gestellt wird, denen sich die gemeinte Person nur schwer entziehen kann und die nicht selten eine gewalthaltige Antwort zu erfordern scheinen. Fokussiert werden dabei nichtgewalttätige Positionierungen und die darin aufscheinenden sozialen Imperative und ihr Subjektivierungspotenzial. Normen der Nichtgewalttätigkeit werden beispielsweise in verschiedene Überlegenheitskonstruktionen eingebunden oder erscheinen als Bestandteil einer Caring Masculinity.

Hierbei soll das Potenzial post-souveräner Männlichkeitskonstruktionen, in denen die eigene Fragilität und Verletzbarkeit gewiss ist, ausgeleuchtet werden: Inwieweit kann Geschlechterreflexion in der Pädagogik dazu beitragen, Männlichkeiten* und andere Geschlechter zu ermöglichen, durch eine Normaneignung, „die sich gegen deren geschichtlich sedimentierte Wirkungen richtet“ und als auflehnendes Moment interpretiert werden kann, die „Zukunft durch den Bruch mit der Vergangenheit begründet“ (Butler 1998: 225)?

 

„Kosmetik, Körper und Kritik. Performative Geschlechterpraxis und die Grenzen der Kritik“

Prof. Dr. Britta Hoffarth
Stiftung Universität Hildesheim

Kosmetische Praktiken von Mädchen* stehen in eigentümlich doppelter Spannung zu feministischen Widerstandserwartungen an die jüngere Generation einerseits und gesellschaftlichen Normalitätserwartungen der Elterngeneration andererseits. Während problematisiert wird, dass Schminken heteronormative Geschlechterrepräsentationen und kapitalistische Arbeitsordnungen reproduziert (vgl. Wolf 1996, McRobbie 2010) und das kosmetische Handeln der Mädchen* am eigenen Körper die Wirkmacht repressiver Körpernormen spiegelt (vgl. Maassen 2008), wird vornehmlich durch die Elterngeneration Kritik an der potentiellen Frühsexualisierung der geschminkten Mädchenkörper geübt (vgl. Hoffarth 2021, Dangendorf 2012). In der je unterschiedlich begründeten Kritik jugendlicher Körperpraktiken werden Grenzen implizit zum Thema: etwa Selbstbestimmungsgrenzen, moralische Grenzen oder Grenzen sozialer Differenzkategorien wie etwa Altersgrenzen.

Dabei wird, so soll in meinem Beitrag problematisiert werden, ausgeblendet, dass die Praxis des Schminkens selbst in verschiedener Hinsicht als Arbeit an den Grenzen intersektionaler Kategorien fungiert. Gleichwohl lässt sie sich nicht als widerständige Praxis souveräner Akteur*innen verstehen, die die begrenzende Kraft etwa heterosexueller Normen in ihrem Handeln vergegenwärtigen und ideologiekritisch befragen. Das ent-grenzende Moment des Handelns liegt vielmehr in der Widersprüchlichkeit sozialer Normen, die auf den Körper bezogen sind, selbst.

 

Die Willkürlichkeit, Widersprüchlichkeit und Gewaltförmigkeit binärer Geschlechterkonstruktionen, -grenzen und -inszenierungen am Beispiel der Bildungsarbeit mit Videoclips

Dr. Tamás Jules Fütty
Europa-Universität Flensburg

Anhand fokussierter Reflexion in der Rolle als Leitung von Fortbildungen und Workshops für pädagogische Fachkräfte und Schüler*innen zum Thema Geschlechterdiversität werden verwendete Videoclips auf ihre Potentiale der Be- und Entgrenzung von binär vergeschlechtlichten Geschlechterkonstruktionen, -grenzen und -inszenierungen beleuchtet. In Anlehnung an Butlers Performativitäts- sowie Subjektivierungsansatz liegt der Fokus auf Widersprüchen und Willkürlichkeit hinsichtlich der binären Geschlechternormativität sowie ihrer gleichzeitigen gewaltförmigen Durchsetzung als auch Widersetzungen (Butler 1990, 2004). Subjektivierung wird hierbei als paradoxe Fremd- und Selbstunterwerfung unter hegemoniale Normen zur Erlangung von Subjektstatus, Intelligibilität und Handlungsfähigkeit (und damit auch der Subversion) verstanden (Butler, 1997, 10; vgl. 2001, 26). Exemplarisch wird an didaktisch-inhaltlich eingebetteten Videoclips die Bedeutung von Affekt und ‚sich-in-Bezug setzen‘ für die theoretische Wissensvermittlung von pädagogischen Fachkräfte diskutiert, als auch für die Reflexion der eigenen geschlechtlichen Subjektivierung und Sozialisierung, die tagtäglich als Doing Gender sowie pädagogisch (subtiles) Tun und Handeln reproduziert werden: bspw. das selbstverständliche ‚Einlesen‘ und ‚Zuweisen‘ von binär codierten Kleidungsstücken oder Toilettenräumen. Gleichzeitig wird kritisch das Augenmerk auf transformierte Othering-Praktiken zur Selbstdistanzierung und Abgrenzung gerichtet.