Veranstaltungsprogramm

Sitzung
Prozesse des Lehrer*in-Werdens zwischen Subjektivierungsimpulsen und Habitustransformation
Zeit:
Mittwoch, 16.03.2022:
9:30 - 11:30

Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 07
910 4494 2285, 855189
Sitzungsthemen:
4. Empirische Bildungsforschung, 5. Schulpädagogik, Sektion 5, Kommission Schulforschung und Didaktik, Sektion 5, Kommission Professionsforschung und Lehrerbildung, Sektion 5, Kommission Grundschulforschung und Pädagogik der Primarstufe, qualitativ, theoretisch, Deutsch

Präsentationen

Prozesse des Lehrer*in-Werdens zwischen Subjektivierungsimpulsen und Habitustransformation

Chair(s): Prof. Dr. Tobias Leonhard (Pädagogische Hochschule Zürich, Schweiz)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Petra Herzmann (Universität zu Köln)

Im Forschungsforum werden vier Dissertationsvorhaben vorgestellt, die jeweils Teilaspekte der qualitativen Längsschnittstudie "TriLAN" bearbeiten. Im Gesamtvorhaben werden bei insgesamt 19 Studierenden über drei Jahre des BA-Studiums zur Kindergarten- und Primarlehrperson Studienverläufe als Trajektorien untersucht. Ziel ist, besser zu verstehen, wie Prozesse des Lehrer*in-Werdens zwischen Subjekten, Habitus und den institutionellen Anforderungen der diversen Felder der Lehrer*innenbildung an drei Studienstandorten der Deutschschweiz verlaufen, ohne diese bereits vorgängig gegenstandsnormativ als "Entwicklung" oder "Professionalisierungsprozess" zu fassen.

Die vier DIssertationsvorhaben befassen sich mit Rekonstruktionen des Habitus der Studienanfänger*innen, Adressierungspraktiken und Subjektivierungsprozessen in Lehre und Praktikum, mit Thematisierungsweisen grundlegender fachlicher Bildung in Lehrveranstaltungen sowie der Analyse normativer Ordnungen an den Studienstandorten.

 

Beiträge des Panels

 

Normative Ordnungen in Studiengängen zur Kindergarten- und Primarlehrperson – Rekonstruktion von Adressierungen Studierender in Hochschule und Berufsfeld

Andrea Müller
Pädagogische Hochschule Zürich

Studierende des Lehrberufs bewegen sich im Verlauf ihres Studiums in unterschiedlichen Feldern. Zum einen studieren sie an einer Hochschule, die von ihnen eine nach wissenschaftlichen Prinzipien ausgeführte Arbeitsweise und die Einarbeitung in die Erziehungswissenschaften sowie die Unterrichtsfächer erwartet. Zum anderen verbringen sie einen wesentlichen Teil des 6-semestrigen Studiums im Berufsfeld als Praktikant*in, wo sie sich mit den Ansprüchen dieses Feldes auseinandersetzen.

In diesen Feldern werden Erwartungen und Ansprüche an die zukünftigen Lehrpersonen gestellt, um als Lehrperson, Student*in oder Praktikant*in anerkannt zu werden. In diesem Anerkennungsprozess müssen sich der/die Anerkannte sowie der/die Anerkennende den normativen Ordnungen, die im jeweiligen Feld gelten, «unterwerfen» (Reh & Rabenstein, 2012, S. 230).

Die normativen Ordnungen werden als Set interaktiv aufgerufener Normen, das zumeist implizit bleibt und dennoch deutlich macht, was im jeweiligen Feld gilt, um als angehende Lehrpersonen anerkennbar zu werden, gefasst. Diese normativen Ordnungen werden im vorgestellten Promotionsvorhaben durch beobachtende Teilnahme und audiografische Dokumentation in den verschiedenen Feldern dokumentiert, adressierungsanalytisch rekonstruiert und zueinander in Beziehung gesetzt werden.

Im Beitrag werden Einblicke in die erhobenen Daten und in erste Analysen dieser Daten mit der Adressierungsanalyse möglich und offene Fragen zur Diskussion gestellt.

 

Subjektivationsprozesse auf dem Weg in den Lehrberuf – studentische Umgangsweisen mit den Anforderungen eines Studiums

Ezgi Güvenç
Pädagogische Hochschule Zürich

Studierende bewegen sich im Verlauf des dreijährigen BA-Studiums durch drei weitgehend distinkte Formate: Lehrveranstaltungen als Anlässe kollektiver Auseinandersetzung mit curricularen Inhalten, Praktika als begleitete und didaktisierte Formen der Begegnung und Mitgestaltung von beruflicher Praxis sowie das Mentorat als Format der Begleitung individueller Professionalisierungsprozesse. Im vorgestellten Promotionsvorhaben wird untersucht, wie sich berufsbezogene Subjektivationsprozesse von Studierenden in verschiedenen sozialen Situationen während des Studiums vollziehen und wie sich Studierende sowohl unmittelbar als auch mittelbar mit den berufsbezogenen Anforderungen auseinandersetzen. Das Vorhaben bezieht sich mit der Perspektive auf Adressierungspraktiken auf die Untersuchung von Interaktionen, die in situ in verschiedenen Feldern der Lehrer*innenbildung stattfinden. In diesen Situationen werden ihnen, verschiedene Subjektformen und -positionen zugeschrieben, die adressierungsanalytisch (vgl. Kuhlmann et al. 2017) untersucht werden. Im Vortrag werden die Forschungsfragen, exemplarische Daten zu formatbezogenen Differenzen bzw. Homologien sowie erste Rekonstruktionsbefunde dargestellt.

Literatur

Kuhlmann, N., Ricken, N., Rose, N., & Otzen, A. (2017). Heuristik für eine Adressierungsanalyse in subjektivationstheoretischer Perspektive. Vierteljahresschrift für wissenschaftliche Pädagogik, 93, S. 234-235.

 

Thematisierungs- und Herstellungsweisen grundlegender fachlicher Bildung im Studiengang Kindergarten-/Primarstufe

Melanie Leonhard
Pädagogische Hochschule FHNW

Eine zentrale Aufgabe von Primarlehrpersonen ist die Vermittlung grundlegender fachlicher Bildung. Diese spezifische Form fachlicher Bezugnahme, die sich von Konzeptionen gymnasialer Fachlichkeit grundsätzlich unterscheidet (vgl. Heinzel, 2019; Vogt, 2019), wird in Lehrveranstaltungen der Hochschule zum Gegenstand.

In der Studie werden Lehrveranstaltungen an drei Standorten der Deutschschweiz mit dem Ziel der systematisierenden Beschreibung von Thematisierungs- und Herstellungsweisen grundlegender fachlicher Bildung durch Rekonstruktionen von Interaktionen in (schul-) fachbezogenen Lehrveranstaltungen der Fächer Mathematik, Sprache bzw. Deutsch und des Sachunterrichts bzw. Natur, Mensch, Gesellschaft untersucht, wie sie Studierende während des Grundstudiums besuchen.

Nach inhaltsanalytischer Systematisierung werden prototypische Ausschnitte identifiziert, die anschliessend einer Analyse der Adressierung der fachlichen Gegenstände und der Studierenden als zukünftige Lehrer*innen sequenziell unterzogen werden.

Im Vortrag werden exemplarische Daten sowie die methodische Vorgehensweise zur Diskussion gestellt.

Literatur

Heinzel, F. (2019). Zur Doppelfunktion der Grundschule, dem Kind und der Gesellschaft verpflichtet zu sein – die generationenvermittelnde Grundschule als Konzept. ZfG, 12, 275 - 287.

Vogt, M. (2019). Grundlegende Bildung als Zielvorgabe einer Schule für alle – Deutungsvarianten in der Geschichte der Grundschule in Deutschland. Forschungsperspektiven, 12, 241 - 258.

 

Professionalisierung im Studium zum Lehrberuf – Eine Ent I grenz I ung habitueller Dispositionen?

Adrian Ulmcke
Pädagogische Hochschule FHNW

Dieser Beitrag beleuchtet die Grenzen und Entgrenzungen des individuellen Habitus werdender Lehrpersonen und ihre Bedeutung für den Verlauf von Professionalisierungsprozessen im Studium. Bourdieu entwirft den Habitus als „System von Grenzen“ (Fröhlich & Rehbein, 2014, S. 38). Statt Studierende zu Beginn des Studiums als „unbeschriebene Blätter“ aufzufassen, werden sie hier als Individuen mit jenen bei Bourdieu zu findenden, habitusinhärenten Grenzen verstanden, die den Studienverlauf maßgeblich strukturieren. Inwiefern habituelle Dispositionen Professionalisierungsprozesse im Studium beeinflussen und ob ein Studium zu Grenzverschiebungen oder gar Entgrenzungen habitueller Dispositionen führen kann, ist die zentrale Fragestellung des Beitrags. Innovativer Kern ist neben der sequenzanalytischen Rekonstruktion habitueller Dispositionen (vgl. Kramer, 2019) der besondere Zugriff auf die Empirie der Professionalisierung zukünftiger Lehrpersonen im Studium durch die Triangulation von Interviews und Tagebucheinträgen.

Literatur:

Fröhlich, G., & Rehbein, B. (Hrsg.). (2014). Bourdieu-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Stuttgart: J. B. Metzler.

Kramer, R.-T. (2019). Sequenzanalytische Habitusrekonstruktion. In R.-T. Kramer & H. Pallesen (Hrsg.), Lehrerhabitus. Theoretische und empirische Beiträge zu einer Praxeologie des Lehrerberufs (S. 307-330). Bad Heilbrunn: Klinkhardt.