Veranstaltungsprogramm

Sitzung
Ethos im Lehrberuf: Pädagogische Haltung an der Grenze zwischen Ethik und Profession
Zeit:
Dienstag, 15.03.2022:
14:00 - 16:00

Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 13
919 1201 4482, 794564
Sitzungsthemen:
2. Allgemeine Erziehungswissenschaft, 5. Schulpädagogik, Sektion 2, Kommission Bildungs- und Erziehungsphilosophie, Sektion 5, Kommission Professionsforschung und Lehrerbildung, qualitativ, theoretisch, Deutsch

Präsentationen

Ethos im Lehrberuf: Pädagogische Haltung an der Grenze zwischen Ethik und Profession

Chair(s): Prof. Dr. Malte Brinkmann (HU Berlin, Deutschland), Prof. Dr. Eveline Christof (Universität für Musik und darstellende Kunst, Wien, Österreich), Prof. Dr. Michael Schratz (Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, Österreich)

Zur Erforschung des Berufsethos von Lehrer:innen gibt es keine klaren Befunde. Gleichwohl gehören Haltung bzw. Ethos zum Kernbestand der Vorstellungen von guten, kompetenten und professionellen Lehrpersonen. In dieser Arbeitsgruppe werden Ergebnisse eines Projektes eines internationalen Forschungsteams vorgestellt. Dieses hat im Zuge der Erstellung eines Manuals für Lehramtsstudierende, das Beispiele aus der unterrichtlichen Praxis enthält, eine pädagogisch-ethische sowie professionstheoretische Neufassung von Ethos als pädagogische Praxis erarbeitet: Ethos wird als Übung in der moralischen Entscheidungsfähigkeit bestimmt. Dieses sowohl theoretische als auch praktische Konzept an der Grenze zwischen Ethik und Profession soll vorgestellt und diskutiert werden, wie es für die Lehrer:innenbildung fruchtbar gemacht werden kann. Ausgehend von einem Unterrichtsbeispiel aus dem Manual werden allgemein-pädagogische, professionstheoretische und hochschuldidaktische Perspektiven aufgezeigt.

 

Beiträge des Panels

 

Haltung zeigen – Haltung üben. Ethos im Lehrberuf

Dr. Severin Sales Rödel1, Kristina-Maren Stelze2, Prof. Dr. Malte Brinkmann1
1HU berlin, Deutschland, 2HU Berlin, Deutshcland

Der Beitrag stellt ethische, bildungs- und übungstheoretische Grundlagen für eine Neufassung von Ethos als pädagogische Praxis vor. Ausgehend von einem Beispiel wird Ethos als moralische Entscheidungsfähigkeit unter Bedingungen von Differenz, Pluralität und Kontingenz bestimmt. Zunächst wird der Stand der Forschung zum pädagogischen und professionellen Ethos diskutiert und Desiderate benannt. Eng am Beispiel werden drei mit Ambivalenzen und Antinomien durchzogenen Dimensionen unterschieden: a) Ethos als situierte Handlung und gelungene Praxis; b) Ethos als Haltung im Kontext von Verantwortung; c) Ethos als leibliche, widerständige Stellungnahme auf der Basis (professioneller) Erfahrung. Daran anschließend wird die übungstheoretische Dimension verdeutlicht. Ethos als moralische Entscheidungsfähigkeit und urteilskräftiges Können basiert auf implizitem Wissen und Erfahrung. Es taucht nur in der Praxis und in je spezifischen situativen, ganzheitlichen, impliziten Erfahrungen auf. Es kann daher nicht im Sinne einer Instruktion oder Information gelehrt werden, sondern muss als moralische Entscheidungsfähigkeit eingeübt werden. Als ein Schritt auf dem Weg zur Entwicklung und Einübung eines professionellen Berufsethos werden schließlich Anschlüsse an unterschiedliche Domänen der pädagogischen Professionalität vorgestellt.

 

Entwicklung von Professionalität zwischen Wissenschafts- und Praxisbezug. Das EPIK-Modell

Dr. Gabriele Schauer, Prof. Dr. Michael Schratz, Robert Pham-Xuan
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, Österreich

Die Aneignung eines professionellen Berufsethos erfolgt in der kritischen Auseinandersetzung mit den strukturellen Anforderungs- und Handlungslogiken beruflicher Praxis. Dieser Entwicklungsprozess kann dabei nicht bewusst gesteuert werden, sondern vollzieht sich implizit durch die explizite Übung moralischer Entscheidungsfindungen. Die professionstheoretische Rahmung konkretisiert sich hierbei durch ein mehrperspektivisches Professionsdomänenkonzept, welches aus komplexen Bündeln von Fähigkeiten, Fertigkeiten, und Haltungen besteht, die wiederum in der schulischen Praxis in Beziehung zum jeweiligen Unterrichtsfach bzw. zur fachdidaktischen Vermittlung stehen. Die Verbindung zwischen dem Domänenkonzept und ethischen Handlungsvollzügen konkretisiert sich domänenspezifisch entlang einer normativ ethischen Vorstellung von Praxis. Durch diese Beziehung können die sich in den Beispielen zeigenden Ambivalenzen auch aus professionstheoretischer Perspektive beleuchtet werden. Hiervon ableitend, sollen die Domänen im Kontext des Übens moralischer Entscheidungsfähigkeit sowie urteilskräftigem Können, als eine professionstheoretische und pädagogische Reflexionsebene für situatives und handlungsproblematisches Handeln sensibilisieren. Die Verbindung zwischen professionstheoretischen und ethischen Implikationen wird als eigenständiger reflexiver Schritt zur Einübung eines Berufsethos anhand des vorgestellten Beispiels exemplifiziert.

 

Ein Manual als professionsspezifisches Instrument zur Einübung eines pädagogischen Ethos

Dr. Evi Agostini1, Prof. Dr. Eveline Christof2, Prof. Dr. Johanna Schwarz3
1Uni Wien, 2Universität für Musik und darstellende Kunst, Wien, Österreich, 3Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, Österreich

Dieser Beitrag stellt das Konzept sowie die theoretische Fundierung des oben beschriebenen Manuals vor, zeigt beispielhaft dessen Umsetzungsmöglichkeiten auf und gibt Einblicke in erste Anwendungen. Es wird der Frage nachgegangen, wie Ethos als moralische Entscheidungsfähigkeit im Sinne der aristotelischen Phronesis in der Lehrer:innenbildung vermittelt werden kann und mit welchen Herausforderungen dabei zu rechnen ist. Dafür werden erstens die unterschiedlichen (hochschul-)didaktischen Schritte vorgestellt, wie das Finden und Begründen unterschiedlicher Lesarten einer Situation, das Durchleben von Phasen der Irritation und Distanzierung sowie das Erkennen und Abwägen alternativer Handlungsmöglichkeiten. Im Durchleben der in den Beispielen aufgezeigten Ambivalenzen wird den ethischen Prämissen Rechnung getragen, dass erstens die ,Angemessenheit‘ einer situativen, praktischen Handlungserfahrung erst im Nachhinein thematisiert, eingeschätzt und beurteilt werden kann und zweitens diese ,Angemessenheit‘ nicht darin besteht, nach normativen Vorgaben innerhalb festgesetzter Grenzen zu handeln, sondern das Besondere an einer Situation wahrzunehmen und im Sinne einer moralischen Entscheidungsfindung darauf zu antworten. Anhand der konkreten Umsetzung und Evaluation sollen abschließend erste empirische Ergebnisse im Hinblick auf die Herausbildung eines pädagogischen Ethos diskutiert werden.