Veranstaltungsprogramm

Sitzung
Entgrenzung als (neue) Anforderung an den Lehrberuf?
Zeit:
Dienstag, 15.03.2022:
9:00 - 11:30

Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 19
949 8077 2260, 267441
Sitzungsthemen:
5. Schulpädagogik, Sektion 2, Kommission Qualitative Bildungs- und Biographieforschung, Sektion 5, Kommission Schulforschung und Didaktik, Sektion 5, Kommission Professionsforschung und Lehrerbildung, qualitativ, theoretisch, historisch, Deutsch

Präsentationen

Entgrenzung als (neue) Anforderung an den Lehrberuf?

Chair(s): Ralf Parade (Universität Kassel, Deutschland), Lea Kallenbach (Universität Rostock), Magdalena Förster (Universität Erfurt), Mia Lücke (Universität Hannover), Dr. Wilfried Göttlicher (Masaryk University)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Thomas Häcker (Universität Rostock)

Vor dem Hintergrund umfassender gesellschaftlicher Wandlungsprozesse wird in den Sozialwissenschaften seit Längerem eine Entgrenzung von Arbeit konstatiert, die im Leittypus des „Arbeitskraftunternehmers“ (Voß & Pongratz 1998) oder der imperativischen Anrufung des „unternehmerischen Selbst“ (Bröckling 2007) kulminiert. Mit Blick auf seine eigentümliche Strukturbeschaffenheit stellt sich nun die Frage, inwiefern auch der Lehrberuf von derartigen Transformationsprozessen betroffen ist und ,Entgrenzung‘ damit zu einer (neuen) Anforderung an den Lehrberuf wird. Im Symposium wird sich dieser Frage sowohl theoretisch als auch anhand empirischen Materials aus Perspektive der Schulentwicklungs-, der Professions- sowie der historischen Bildungsforschung angenähert.

 

Beiträge des Panels

 

Resonanz und Entfremdung in der Schule – Professionalisierung im Kontext gesellschaftlicher und organisationaler Beschleunigung

Lea Kallenbach1, Magdalena Förster2
1Universität Rostock, 2Universität Erfurt

An der Schnittstelle von Schulentwicklungs- und Professionalisierungsforschung entsteht die Frage, wie die Dynamiken der fortwährenden Beschleunigung, Innovationsverdichtung und Effizienzsteigerung in modernen Gesellschaften (Rosa 2005; 2016) die Organisation Schule und das professionelle Lehrer*innenhandeln strukturieren. Formen der Neuen Steuerung (Altrichter & Maag Merki 2016) sind eine Antwort auf Ebene der Organisation: Schulen als teilautonome Organisationen sollen im Rahmen systematischer Schulentwicklung möglichst flexibel und effizient auf diese Veränderungen reagieren. Gleichzeitig werden Erwartungshorizonte an den schulischen Output standardisiert (vgl. Altrichter et al. 2016, 243). Allein in diesen Prozessen lassen sich Entgrenzungstendenzen feststellen.

Mit Blick auf Professionalisierung sind hier strukturtheoretische Überlegungen anschlussfähig, die die Fragen aufwerfen, wie Lehrkräfte die oben skizzierten Spannungsverhältnisse aus der Gleichzeitigkeit der widersprechenden Anforderungen ausbalancieren bzw. mit diesen Entgrenzungstendenzen umgehen und was das für das Relationsgefüge von Lehrkraft und Schule bedeutet. Hierfür beziehen wir uns auf einen weltbeziehungssoziologischen Ansatz (Rosa 2016), der mit den beiden Modi der Resonanz und Entfremdung eben genau dieses Relationsgefüge differenzierter als bisher üblich beschreibbar macht. Exemplarisch werden unsere Überlegungen anhand eigener Forschungsergebnisse (Gercke i. E.; Kallenbach i. E.) illustriert.

 

Entgrenzung und Grenzsetzung im Kontext schulischer Inklusion – Erfahrungswissen Studierender verschiedener Lehramtsstudiengänge  

Mia Lücke
Universität Hannover

Inklusion als die zentrale schulische Reformmaßnahme der letzten 12 Jahre verändert nicht nur das Verständnis von Schule und Unterricht, sondern stellt alle Akteur*innen des Systems Schule vor veränderte Anforderungen und Aufgaben (vgl. Schwohl & Sturm 2010, 14). In diesem Kontext wird Inklusion im zweiten Vortrag als gegenwärtige Handlungsanforderung an den Lehrer*innenberuf herausgegriffen und am empirischen Material untersucht, welche Entgrenzungen und Grenzsetzungen Lehramtsstudierende im Hinblick auf die Anforderungen schulischer Inklusion erfahren. Ausgangspunkt dafür ist, dass sich bereits Lehramtsstudierende – wenn auch nur antizipatorisch – mit veränderten Anforderung von Schule und Unterricht konfrontiert fühlen (vgl. Junge 2020, 249), sie jedoch nicht oder nur begrenzt über handlungsleitendes Erfahrungswissen zur Bewältigung dieser Anforderungen verfügen. Daraus resultiert ein Transformationsdruck bestehender Erfahrungsstrukturen. Vor diesem Hintergrund ist für den Vortrag insbesondere von Interesse, welche der von den Lehramtsstudierenden wahrgenommenen Entgrenzungen sowie Grenzsetzungen als von der eigenen Person ausgehend oder als fremdbestimmt erfahren werden. Die herangezogenen Daten entstammen Gruppendiskussionen mit Studierenden des sonderpädagogischen und des gymnasialen Lehramts, welche unter Anwendung der dokumentarischen Methode (vgl. Bohnsack 2014) rekonstruiert wurden.

 

Erschöpftes Lehrpersonal zwischen Selbstverwirklichung und Entgrenzung

Ralf Parade
Universität Kassel

Über epidemiologische Befunde zu Belastungsfolgen in der spätmodernen Arbeitswelt und ein vermehrtes Auftreten psychischer Erkrankungen im Zuge gesellschaftlicher Transformationsprozesse wird diffizil gestritten (vgl. etwa Dornes 2016; Fuchs et al. 2018). Gleichzeitig besitzen sozialwissenschaftliche Fragen nach den Auswirkungen von entgrenzter Arbeit und damit verbundenen Subjektidealen (vgl. Bröckling 2007; Ehrenberg 2008; Reckwitz 2019) in der Spätmoderne eine derartige Brisanz, dass sie auch mit Blick auf den Lehrberuf Berücksichtigung finden sollten. Zumal auch hier empirische Belege vorzuliegen scheinen, die eine Zunahme des subjektiven Belastungsempfindens sowie ein erhöhtes Burnoutrisiko bei Lehrpersonen konstatieren (vgl. Klusmann & Waschke 2018; Hardwig & Mußmann 2018; Hansen et al. 2020; Seibt & Kreuzfeld 2021). Für den Beitrag wurden im Rekurs auf das Theoriegebäude der Hermeneutischen Wissenssoziologie (vgl. etwa Soeffner 1989; Hitzler et al. 1999) sowie seine diskurstheoretische Erweiterung (vgl. Keller 2011; Bosančić et al. 2019) Biographie- und Diskursanalysen trianguliert, um die subjektivierende Wirkmacht gesellschaftlich objektivierter und in Diskursen zirkulierender Wissensbestände auf erschöpftes und als solches auch medizinisch pathologisiertes Lehrpersonal zu untersuchen.

 

Sozialarbeiter, Fürsorgerin, Heimatforscher und Pionier der Zukunft. Entgrenzungen zwischen Arbeit und Freizeit in Deutungen zur Berufsrolle von Landlehrern und -lehrerinnen, Österreich 1918-1945

Dr. Wilfried Göttlicher
Masaryk University

Deutungen der Berufsrolle von Lehrer*innen, die auf eine Entgrenzung zwischen Arbeit und Freizeit hinauslaufen, sind kein auf die Gegenwart begrenztes Phänomen. Das soll im vorgeschlagenen Beitrag am Beispiel der Debatte über die österreichische Landschule und ihre Reform im Zeitraum 1918 bis 1945 aufgezeigt werden. Im Zusammenhang mit dieser Debatte haben Angehörige der Berufsgruppe zahlreiche Publikationen verfasst, in denen sich Deutungen der eigenen Berufsrolle finden. Typisch für solche Deutungen war, dass sich die Zuständigkeit von Lehrer*innen inhaltlich nicht auf Erziehung und Unterricht für die Kinder und räumlich nicht auf die Schule beschränkte.

Vier spezifische Topoi über die Berufsrolle von ländlichen Lehrpersonen lassen sich herausarbeiten: Zunächst der Landlehrer als ländlicher Sozialarbeiter, die Landlehrerin als mütterliche Fürsorgerin und der Landlehrer als Heimatforscher. Gemeinsam ist diesen Topoi, dass hier das alltägliche Zusammenleben mit der ländlichen Bevölkerung Basis des pädagogischen Wirkens von Lehrer*innen ist. Das impliziert eine Entgrenzung zwischen Arbeit und Freizeit. Eine solche ist auch beim vierten Topos gegeben, der im Zusammenhang mit dem Engagement von (typischerweise männlichen) Lehrern für die Schulreform steht. Auch hier betätigt sich der Lehrer als Pionier der Zukunft weit über die Grenzen seiner unmittelbaren beruflichen Verpflichtungen hinaus.