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Sitzungsübersicht
Sitzung
Ent- und Begrenzungen (in) der Heimerziehung: Auf der Suche nach einer Theorie außerfamilialen Aufwachsens
Zeit:
Mittwoch, 16.03.2022:
14:00 - 16:00

Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 22

980 0700 1274, 502109
Sitzungsthemen:
8. Sozialpädagogik und Pädagogik der frühen Kindheit, Sektion 8, Kommission Sozialpädagogik, qualitativ, theoretisch, Deutsch

Präsentationen

Ent- und Begrenzungen (in) der Heimerziehung: Auf der Suche nach einer Theorie außerfamilialen Aufwachsens

Chair(s): Prof. Dr. Karin Bock (Technische Universität Dresden), Martin Grosse (Technische Universität Dresden, Deutschland)

Im und am Handlungs- und Forschungsfeld Heimerziehung offenbart sich eine Begrenzung etablierter erziehungswissenschaftlicher Theorien hinsichtlich ihrer Konzipierung von Erziehungs- und Bildungsprozessen, die vordergründig von einem familialen Aufwachsen ausgehen. Zugleich liegen bisher nur vereinzelt Elemente einer dezidierten pädagogischen Theorie der Heimerziehung vor. In der Arbeitsgruppe, die an die Arbeitsweise des „New Historicism“ kritisch anschließt, werden auf der Grundlage multitheoretischer, multimaterialer und multimethodischer Zugänge Suchbewegungen für eine (sozial-)pädagogische Theorie der Heimerziehung präsentiert und in einer gemeinsamen Plenardiskussion anschließend erörtert.

 

Beiträge des Panels

 

Zwischen Schule und Heim: Zur schulischen Situation von Kindern und Jugendlichen in Heimerziehung

Susanne Siebholz
MLU Halle-Wittenberg

Der Vortrag widmet sich der Frage nach dem Verhältnis Schule–Heimerziehung und der Relevanz dieses Verhältnisses für eine empirisch fundierte Weiterentwicklung der Theorie der Heimerziehung. Ansatzpunkt der Überlegungen sind dabei diejenigen Akteur*innen, auf die sowohl Institutionen der Heimerziehung als auch schulische Institutionen gleichzeitig pädagogisch zugreifen, die also zugleich als „Kinder und Jugendliche in Heimerziehung“ und „Schüler*innen“ konstituiert sind. Während in Deutschland die Schulforschung Schüler*innen, die in Heimerziehung leben, bislang noch nicht in den Blick genommen hat, berücksichtigen einige empirische Studien zur Heimerziehung bereits schulbezogene Fragestellungen. Deutlich werden u.a. in qualitativ- rekonstruktiven Studien die Relevanz von Schule a) in den Biographien von Menschen mit Heimerziehungserfahrungen und b) in den Alltagswelten der untergebrachten Kinder und Jugendlichen, in quantitativen Studien die Bedeutung des gegliederten Schulsystems und von Schule als Instanz, die Bildungszertifikate vergibt. Die Beobachtungen zur Verwobenheit von Schule und Heimerziehung im Medium derjenigen, die durch sie pädagogisch adressiert werden, gilt es aufzugreifen und in ihrem theoretischen Gehalt zu erfassen. Die Idee einer empirisch gehaltvollen Theorie der Heimerziehung, die deren systematische Bezüge zu Schule aufnimmt, erfordert dabei Grenzüberschreitungen zwischen bislang disparaten Zugängen und erziehungswissenschaftlichen Teildisziplinen.

 

Zwischen Umerziehung, ‚Kollektivgeist‘ und Bambule: Heimerziehung als Sozialgeschichte Ost-West

Stephanie Meiland
Technische Universität Dresden

Im Vortrag wird der Frage nachgegangen, inwiefern die Auseinandersetzung mit lebensgeschichtlichen Erfahrungen mit der Institution der DDR-Spezialheime zu einer Weiterentwicklung einer gesamtdeutschen Geschichte der Heimerziehung beitragen kann.
Dazu soll sich zunächst auf Basis von autobiographisch-narrativen Interviews und Jugendhilfe- sowie Heimakten aus einem laufenden Forschungsprojekt zu Spezialheimen in der DDR dem Gegenstand genähert werden, um anschließend verbindende und divergente Elemente einer Heimerziehung als Sozialgeschichte Ost-West herauszuarbeiten. Für eine ‚entgrenzte Theorie der Heimerziehung‘ werden schließlich die Begriffe von „Umerziehung“ und „Kollektiv“ sowohl hinsichtlich der biographischen Rekonstruktionen im jeweils öffentlichen Diskurs um Heimerziehung in Ost und West geprüft und danach gefragt, inwieweit Erziehung als pädagogisches Argument für eine Heimunterbringung jenseits der Herkunftsfamilien fachpolitisch legitimiert wurden. Dreh- und Angelpunkt sind Fragen danach, wie insb. geschlossene Heimunterbringung als pädagogisch entgrenztes und organisatorisch begrenzendes Konstrukt den Eingriff in die zentralen Sozialisationsinstanzen (Familie, Schule, Peers) in den Jugendhilfe- und Heimakten rechtfertigen und wie sich diese Legitimation in die Biographien der Adressat:innen eingeschrieben hat.

 

Zwischen pädagogischem Vermittlungshandeln und Peerorientierung: Heimerziehung als Lernort von Kindern und Jugendlichen

Martin Grosse
Technische Universität Dresden

Auf der Grundlage von Interaktionsprotokollen zwischen Pädagog_innen und Adressat_innen, die im Zuge der Durchführung eines sexualpädagogischen Spiels (Sex-ABC) in der Heimerziehung angefertigt und objektiv-hermeneutisch analysiert wurden, wird in dem Kurzreferat zentral die Frage diskutiert, wie Familialität als eine wesentliche Handlungsstrukturproblematik der Heimerziehung pädagogisch bearbeitet wird. Der Fokus auf Familialität resultiert aus dem Umstand, dass diese im Kontext von Heimerziehung und Sexualität in einer paradoxalen Konstellation zu Tage tritt: Zum einen in der faktischen alltäglichen Abwesenheit der Herkunftsfamilie und zum anderen in der symbolischen Anwesenheit als biographische Erfahrung einer (vorübergehenden und dauerhaften) gescheiterten Familiendynamik. Vor diesem Hintergrund stellt sich die in der Adoleszenz bedeutsame Ablösungsaufgabe von der Herkunftsfamilie als eine paradoxale und zugleich spezifische Herausforderung der Heimerziehung dar. In den bisherigen Analysen artikuliert sich hinsichtlich der aufgeworfenen Perspektive auf Seiten der Pädagog_innen einerseits eine entgrenzende Peerorierentierung, die darin besteht, lebensweltliche Adressat_innenpositionen und Erfahrungen zu übergehen und andererseits mit einer quasi-universalistischen Begrenzung sozialer Lebenswirklichkeiten pädagogisch zu antworten. Die Heimerziehung konturiert sich – vorläufig formuliert – als eine paradoxale Erziehungsagentur.

 

Zwischen Poiesis und Praxis: Das Heim als Herberge von Praxis – nicht Herberge von Kindern

Prof. Dr. Mark Schrödter
Universität Kassel

In der pädagogischen Theoriebildung gibt es eine lange Debatte, ob Erziehung eher als Handeln oder als Herstellen zu begreifen ist oder ob sie Aspekte beider Tätigkeitsformen beinhaltet. Im Vortag wird diese Unterscheidung für eine mögliche Theorie der Heimerziehung diskutiert. Es wird untersucht, inwiefern in der gegenwärtigen Theoriebildung Heimerziehung auf ambivalente Weise zwischen einer Poiesis- und Praxisperspektive hin- und hergeworfen ist. Einerseits scheint sie poietisch als Intervention gefasst und so therapeutisiert zu werden. Andererseits scheint sie praxisförmig als Beziehungsarbeit und Alltagshandeln gefasst zu werden, mit einer Tendenz zur Trivialisierung. In beiden Fällen mag sich ihr sozialpädagogischer Charakter entgrenzen. Im Ausblick wird ein Weg hin zu einer normativen Theorie der Heimerziehung skizziert, die von der Organisation ihren Ausgangspunkt nimmt. Dabei ginge es darum, die Einrichtung nicht mehr bloß als Herberge von Kindern zu konzipieren, sondern als Herberge einer wertvollen Praxis, in die die Kinder und Jugendlichen zu initiieren wären. Diese argumentative Perspektivverschiebung wird als ein Element einer entgrenzenden Theorie der Heimerziehung diskutiert.