Veranstaltungsprogramm

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Sitzungsübersicht
Sitzung
Solidarität ohne Grenzen
Zeit:
Dienstag, 15.03.2022:
9:00 - 11:30

Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 18

917 4946 0952, 114812
Sitzungsthemen:
3. Interkulturelle und International Vergleichende Erziehungswissenschaft, 8. Sozialpädagogik und Pädagogik der frühen Kindheit, Sektion 2, Kommission Pädagogische Anthropologie, Sektion 3, Kommission Interkulturelle Bildung, Sektion 8, Kommission Sozialpädagogik, qualitativ, theoretisch, Deutsch

Präsentationen

Solidarität ohne Grenzen

Chair(s): Prof. Dr. Marc Hill (Universität Innsbruck), Prof. Dr. Caroline Schmitt (Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, Österreich)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Hans Karl Peterlini (Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, Österreich)

Solidarität bewegt sowohl die Zivilgesellschaft als auch die erziehungswissenschaftliche Diskussion im Kontext von Fluchtmigration, Diversität und Sozialer Arbeit. Spätestens seit dem langen Sommer der Migration erleben wir, wie in Kommunen, Städten sowie regionalen und transnationalen Allianzen kreative Ideen für ein solidarisches Zusammenleben in der Weltgesellschaft entstehen (Schiffauer et al., 2017; Rotter et al., 2021). Zugleich manifestieren sich Abschottungspolitiken gegenüber geflüchteten Menschen (Hark, Villa, 2017). Die Vortragenden nehmen dieses Spannungsfeld zum Ausgangspunkt, um Solidarität mit ihren ein- und ausschließenden Effekten neu zu reflektieren. Sie begeben sich auf die Suche nach dem gesamtgesellschaftlichen Potenzial von Solidarität jenseits eines dichotomen Denkens in ein ‚wir‘ und ‚die anderen‘ (Kessl, Maurer, 2010; Terkessidis, 2017) und befassen sich damit, wie der Solidaritätsbegriff grenzenlos, inklusiv und postmigrantisch konturiert werden kann.

 

Beiträge des Panels

 

Zivile Seenotrettung als solidarische Praxis. Begrenzungen und Möglichkeiten

Prof. Dr. Gudrun Hentges
Universität Köln

Der Vortrag diskutiert Grenzen und Möglichkeiten solidarischen Handelns am Beispiel der zivilen Seenotrettung. Nachdem die italienische Mission ‚Mare Nostrum‘ Ende Oktober 2014 eingestellt wurde, verschärfte sich die humanitäre Katastrophe im Mittelmeer. Von 2014 bis 2020 ertranken nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) mehr als 20.000 Menschen bei dem Versuch, europäisches Territorium zu erreichen. In dem Maße, in dem sich die staatliche Seenotrettung auf dem Rückzug befand, gewann die zivile Seenotrettung an Bedeutung. Aktivist*innen aus der Zivilgesellschaft schlossen sich zusammen, gründeten Vereine, initiierten Crowdfunding Kampagnen und gründeten Organisationen wie Sea Watch, Sea Eye, Pro Activa Open Arms, Mission Lifeline, SOS Méditerranée/Ärzte ohne Grenzen oder Jugend Rettet. Der Vortrag zeigt Initiativen ziviler Seenotrettung und solidarischen Engagements in den Kommunen auf. Er analysiert, dass Aktivist*innen der zivilen Seenotrettung in Übereinstimmung mit dem Völkerrecht handeln und dessen ungeachtet Kriminalisierung und Strafverfolgung erleben, aber von ausgewählten Städten, Gemeinden und Kommunen Unterstützung erfahren. Städte, die sich dem Bündnis ‚Sichere Häfen‘ angeschlossen haben, erklären sich solidarisch mit Menschen auf der Flucht und der Seenotrettung. Insofern bewegt sich Solidarität und zivile Seenotrettung im Spannungsfeld zwischen Kriminalisierung, strafrechtlicher Verfolgung und neuen Perspektiven solidarischen Handelns.

 

Jenseits von Grenzen. Die Stadt als Ort der Solidarität

Prof. Dr. Marc Hill1, Prof. Dr. Caroline Schmitt2, Sophie Schubert1
1Universität Innsbruck, 2Alpen-Adria-Universität Klagenfurt

Die europäischen Regierungen finden im Umgang mit Fluchtmigration keine gemeinsame Lösung. Gleichzeitig sind zivilgesellschaftliche Akteur*innen und geflüchtete Menschen selbst auf der Suche nach Handlungsmöglichkeiten jenseits hegemonialer Grenzziehungen, um das zu bewältigen, was im öffentlichen Diskurs als „Flüchtlingskrise“ bezeichnet wird (Fleischmann, 2020). Mit Blick auf weltgesellschaftliche Herausforderungen wie Fluchtmigration können sich gerade in Städten eine Vielzahl von Menschen über soziale Distanzen, Lebensstile und Weltanschauungen hinweg (Stjepandić, Karakayalı, 2018) unmittelbar und in kurzer Zeit zu solidarischen Allianzen formieren, um gemeinsam zu handeln – darin liegt ein entscheidender Vorteil gegenüber schwerfälligen Machtapparaten wie sie sich in der Europäischen Union und der politischen Verfasstheit von Nationalstaaten zeigen.

In unserem Vortrag fragen wir danach, wie Menschen sich als agierende Subjekte in der Stadt sichtbar machen, soziale und räumliche Bewegungen erzeugen und kollektiv Solidarität herstellen. Anhand von Fallbeispielen aus Deutschland und Österreich analysieren wir Möglichkeiten und Ambivalenzen von Solidarität unter Rekurs auf postmigrantische und inklusive Sichtweisen (Hill, Schmitt, 2021). Wir schließen mit Überlegungen zur Stadt als einem lebensweltlichen Bildungslabor zur Entfaltung einer solidarischen Sozialen Arbeit und Diversitätspädagogik.

 

Vom Krisendiskurs zu einer Grenzen bearbeitenden Alltagspraxis. Solidaritätsbewegungen nach der ‚Flüchtlingskrise‘

Dr. Claudia Lintner
Freie Universität Bozen

Der Vortrag blickt auf die Jahre nach der sogenannten ‚Flüchtlingskrise‘ im Jahre 2015 zurück und beleuchtet die Rolle von Solidaritätsbewegungen. Krise wird verstanden als ein destabilisierender Moment des Übergangs (Habermas, 1973; Oevermann, 2016), der sich in gesellschaftlichen Strukturveränderungen ausdrückt. Im Zuge einer qualitativen Forschungsstudie wurden 30 semi-strukturierte Interviews in den drei EUREGIO-Regionen Tirol, Südtirol und dem Trentino mit Akteur*innen solidarischer Allianzen geführt. Die Ergebnisse zeigen, dass die Entstehung solidarischer Initiativen eng geknüpft ist an Begrenzungen sozialstaatlicher Versorgung und eine institutionelle Überforderung im Umgang mit Fluchtmigration. Vor allem zu Beginn der ‚Flüchtlingskrise‘ war in allen Regionen eine Aufbruchsstimmung festzustellen und solidarische Initiativen formierten sich. Ab 2016 änderte sich die Situation, als die Präsenz geflüchteter Menschen im öffentlichen Diskurs nicht mehr als akuter Notstand dargestellt wurde. Solidarische Initiativen wurden neu gedacht und mussten sich an die Veränderungen anpassen. Im Vortrag werden diese Änderungsprozesse analysiert sowie die Notwendigkeit, die Unterstützung von Solidaritätsbewegungen auch jenseits akuter ‚Krisenmomente‘ als Teil gesellschaftlicher Vielheitspläne und einer Sozialen Arbeit zu verankern, die keine Grenzen zieht und als Menschenrechtprofession (Staub-Bernasconi, 2014) für alle zuständig ist.

 

Grenzen öffnen und Realitäten verbinden. Potenziale politisch-partizipativer Theaterarbeit für eine solidarische Soziale Arbeit

Prof. Dr. Michael Wrentschur
Universität Graz

Ein politisches Theater, bei dem Menschen in benachteiligten Lebenslagen die Bühnen bespielen, bezeichnet Wihstutz (2012) als „Raum sozialer Grenzverhandlung“. Dabei werden Grenzen zwischen den „Verbannten“ einer Gesellschaft und der gesellschaftlichen Öffentlichkeit ästhetisch und sozial „verschoben“ und Themen der sozialen Ungleichheit und Ausgrenzung – sinnlich erlebbar – verhandelt. Dem folgen Idee und Konzeption des „Forumtheaters“ und des „Legislativen Theaters“ (Boal 1998; Wrentschur 2019) als interaktive und politisch-partizipative Theaterform, die Menschen mit Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen dazu einlädt, ihre lebensweltlichen Herausforderungen in theatrale Szenen zu transformieren. Fortführend werden die theatralen Szenen in interaktiven Forumtheateraufführungen mit gesellschaftlichen (und oft politischen) Öffentlichkeiten geteilt und hinsichtlich ihrer Veränderungsmöglichkeiten auf persönlicher, sozialer und politischer Ebene untersucht.

Anhand eines Projektbeispiels zur Thematik „Armut“ wird auf Basis empirischen Materials gezeigt, wie die Theaterarbeit bei den Projektmitwirkenden zu vertiefter Kooperation, Selbstermächtigung und Solidarität führen und wie die interaktiven Aufführungen beim Publikum mehr Verständnis für soziale Problemlagen erzeugen können – als Grundlage für solidarisches und politisches Handeln, das Grenzen überschreitet und bis in Räume politischer Entscheidungsmacht wirken kann.