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Sitzungsübersicht
Sitzung
Ausgegrenzt - zugleich entgrenzt? Erziehung in pädagogischen Institutionen
Zeit:
Dienstag, 15.03.2022:
9:00 - 11:30

Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 37

917 8728 1811, 494922
Sitzungsthemen:
2. Allgemeine Erziehungswissenschaft, Sektion 2, Kommission Bildungs- und Erziehungsphilosophie, Sektion 2, Kommission Qualitative Bildungs- und Biographieforschung, qualitativ, theoretisch, Deutsch

Präsentationen

Ausgegrenzt - zugleich entgrenzt? Erziehung in pädagogischen Institutionen

Chair(s): Thomas Mikhail (Karlsruher Institut für Technologie, Deutschland), Thorsten Fuchs (Universität Koblenz-Landau), Erik Ode (Universität der Bundeswehr München)

Die Vorträge untersuchen mit unterschiedlichen Zugängen Prozesse der Ausgrenzung und Entgrenzung von Erziehung in pädagogischen Institutionen (Kita, Schule, Universität, Betrieb). Leitend ist die These, dass einer weitgehenden Marginalisierung der Erziehung aus dem erziehungswissenschaftlichen Diskurs eine Substitution durch Belehrungs-, Bewahr- und Eingriffsmechanismen nichtpädagogischer Provenienz korrespondiert. Während die institutionalisierte Begleitung in den letzten Jahren weitgehend mit Semantiken rund um Bildung verhandelt wird, scheint das Phänomen der Erziehung dennoch weiterhin wirksam zu sein, wenngleich in modifizierten Formen bzw. Praktiken. Tendenziell – so die Vermutung – liegt deren Akzent nunmehr auf einer sich sublim ausweitenden Verhaltenslenkung und intentionalen Formung des Gegenübers, was in den einzelnen Vorträgen erziehungsphilosophisch und qualitativ-empirisch thematisiert werden wird.

 

Beiträge des Panels

 

Bildung, Betreuung und Erziehung – ein Relationierungsversuch im Kontext frühpädagogischer Institutionen

Melanie Holztrattner1, Isabell Krähnert2
1Universität Salzburg, 2Universität Hildesheim

Der einzureichende Beitrag versteht sich als Problematisierung der frühpädagogisch konstitutiven begrifflichen Trias von Bildung, Betreuung und Erziehung im institutionellen Arrangement der Kita.

In ihrer Funktion als gesellschaftlich ordnende und aus der Familie freisetzende Institution bzw. im Spannungsfeld öffentlicher und privater Erziehung kann die Kita als ein Ort verstanden werden, an dem heterogene Logiken, Zuschreibungen und Interessen aufeinandertreffen, sich überlagern und ausgehandelt werden müssen.

Insbesondere seit dem sog. Pisa-Schock stehen Fragen nach der frühen Bildung bzw. deren möglichst herzustellender Absicherung anhand von Qualitäts- und Professionalisierungsinitiativen im Kontext der Expansion von Betreuungsplätzen in Bildungseinrichtungen im Fokus der (politischen) Debatte. Das hier angedeutete begriffliche Labeling verweist auf die grundlegende Frage nach der Betreuungs- vs. Bildungsfunktion von Kitas sowie auf die gegenwärtig zu konstatierende Abstinenz des Erziehungsbegriffs. Im Vortrag soll, unter Rückgriff auf ethnografisches und mittels dokumentarischer Methode analysiertes empirisches Material ausgelotet werden, in welcher Weise Bildung, Betreuung und Erziehung in frühpädagogischen Einrichtungen relationiert und prozessiert sowie insbesondere auf der Mikroebene von pädagogischen Fachkräften und Kindern als solche verhandelt bzw. hervorgebracht werden.

 

Wert und Wertlosigkeit schulischer Wert(e)erziehung. Problematisierende Diagnosen, systematisierende Reflexionen

Prof. Dr. Thorsten Fuchs1, Dr. Thomas Mikhail2
1Universität Koblenz-Landau, 2Karlsruher Institut für Technologie

Hatte das Thema ‚Wert(e)erziehung‘ im schulpraktischen Diskurs der 1990er Jahre noch Hochkonjunktur und galt es bis in die späten 2000er Jahre auch in erziehungswissenschaftlichen Debatten noch als wichtiges Sujet (Zierer 2010), so verschwindet es seitdem zusehends. Obgleich alle Schulgesetze der Länder sowie maßgebende bildungspolitische Papiere (KMK-Standards Lehrerbildung 2004, Klieme-Gutachten 2003) auf den schulischen Erziehungsauftrag in Verbindung mit Wertevermittlung verweisen bzw. dessen Dringlichkeit hervorheben, tritt er deutlich hinter Bildungsansprüche und Kompetenzorientierung zurück. Die Konsequenz ist: Ebenso wenig wie Wert(e)erziehung in der Schulpraxis noch Anerkennung erfährt, lässt sich für den Diskurs der Erziehungswissenschaft festhalten, dass man ihr darin noch einen reputierlichen Stand attestiert.

Der Vortrag fokussiert die Deszendenz schulischer Wert(e)erziehung als Entgrenzung i.S. der Verlagerung ihres historisch gewachsenen, pädagogisch legitimierten und rechtlich kodifizierten Anspruchs. Über Detailanalysen zum Klieme-Gutachten sowie einer Problematisierung des Konzepts ‚Classroom management‘ wird aufgezeigt, dass eine Fokussierung auf Kompetenzerwerb und Verhaltensregulation nicht allein zur Verkürzung der schulischen Erziehung, sondern zugleich zu einer Unterminierung des Bildungsauftrags führt. Inwieweit sich aus diesen Befunden systematischer Reflexionen und theoretischer Anschlüsse generieren lassen, soll darüber hinaus diskutiert werden.

 

Universität als erziehende Institution? Von einem neuerdings erhobenen maßregelnden Ton in der Wissenschaft

Prof. Dr. Erik Ode, Bernhard Hemetsberger
Universität der Bundeswehr München

Dass die Universität eine pädagogische Institution ist, hat angesichts ihres traditionellen Lehr- und Bildungsauftrags eine gewisse Plausibilität. Aber wird dort auch erzogen? Dieser Gedanke scheint zunächst abwegig. Universitätsangehörige sind Erwachsene, so dass Erziehung notwendig mit dem Anspruch der ‚Hochschulreife‘ und der „unbedingte[n] Freiheit der Frage und Äußerung“ (Derrida 2001, 10) als konstitutive Elemente jeder modernen Universität konfligiert. Dennoch mehren sich derzeit kritische Positionen, die eine zunehmende Begrenzung von Denk- und Sprachräumen beklagen, die als unrechtmäßige Bevormundung wahrgenommen wird. Während die erzieherische Einflussnahme in Universitäten bis ins 19. Jhd. eng umgrenzt war, etwa als Sanktion unerwünschten Verhaltens durch Zwangsmaßnahmen wie physische Einschließungen, haben sich neue Kontroll- und Ahndungspraktiken etabliert, die auf Haltungen und Denkmuster gerichtet sind, und so Konformitätsdruck erzeugen, der zur weltanschaulichen Normierung beitragen soll. Ob jüngere Phänomene wie die Maßregelung durch öffentliche Missbilligung und Ausschluss unliebsamer Positionen (Cancel Culture) oder eingeforderte „Läuterungsdemonstrationen“ (Kostner 2019) als erzieherische Maßnahmen zu diskutieren sind, bildet die Ausgangsfrage des Vortrags. In einem weiteren Schritt soll geprüft werden, auf welche theoretischen Vorläufer diese Entwicklung zurückgeführt werden kann, und ob es sich hierbei um einen unerwünschten ‚Boomerang‘-Effekt handelt.

 

Das Selbst formen. Von der berufsfachlichen Erziehung im klassischen zur selbstbezüglichen Disziplinierung im neoliberalen Diskurs der Berufspädagogik

Dr. Sabine Hering
RWTH Aachen

In diesem Beitrag sollen zwei Diskurse der Berufspädagogik daraufhin rekonstruiert werden, inwieweit sie die Formierung des Selbst konzipieren. Klassische Modelle der Berufspädagogik zwischen den 1920er und 50er Jahren (Kerschensteiner, Spranger) sahen vor, den „Zögling“ zur „Menschlichkeit“ bzw. zum sittlichen „Berufs- und Fachmenschen“ zu erziehen. Wie sich diese Idee der Formung des Selbst als „innovativer Self-Entrepreneur“ (Bertelsmann-Stiftung 2008) im modernen Diskurs der Berufspädagogik wiederfinden lässt, wird ebenso thematisiert wie die zweifache Hinwendung zum Subjekt: sowohl von der sittlichen zur kompetenten Person als auch vom „berufsfachlich geprägten Disziplinarsubjekt“ (ebd., S. 14) zu einem sich selbst disziplinierten Subjekt. Es werden Technologien des „sanften“ Führens aufgezeigt (Bröckling 2019), die als Disziplinierungspraktiken aufscheinen, aber den Charakter von Erziehungseingriffen haben. Indem diese eine klare Zielvorgabe für die Auszubildenden sowie die im Beruf Tätigen formulieren, versuchen sie ihre Adressat:innen in deren grundlegenden Eigenschaften zu verändern und den rezenten Erfordernissen des Arbeitsmarktes anzupassen.