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Sitzungsübersicht
Sitzung
Entgrenzungen des Pädagogischen. Schule, Lehrpersonenbildung und soziale Bewegungen 1920 bis 1980
Zeit:
Montag, 14.03.2022:
14:00 - 16:30

Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 23

942 7509 3944, 297531
Sitzungsthemen:
1. Historische Bildungsforschung, Ohne Kommission, historisch, Deutsch

Präsentationen

Entgrenzungen des Pädagogischen. Schule, Lehrpersonenbildung und soziale Bewegungen 1920 bis 1980

Chair(s): Dr. Andrea De Vincenti (Pädagogische Hochschule Zürich, Schweiz), Prof. Dr. Norbert Grube (Pädagogische Hochschule Zürich, Schweiz), Prof. Dr. Andreas Hoffmann-Ocon (Pädagogische Hochschule Zürich, Schweiz)

Im 20. Jahrhundert suchten verschiedene soziale Bewegungen die Gesellschaft zu mobilisieren und mit pädagogisierenden Ambitionen zu verbessern. Ihre grenzüberschreitend global zirkulierenden vielfältigen, (massen)medial verbreiteten Wissensbestände waren mit lokalen Protestformen und verschiedenen gesellschaftlichen Teilbereichen verwoben, so auch mit Bildungs- und Erziehungsinstitutionen. Die AG erkundet bildungshistorisch-vergleichend und quellennah die Verflechtungen der durch Zirkulation entgrenzten verschiedenen, auch pädagogischen Wissen zwischen den Praxisfeldern von Schule, Lehrpersonenbildung und sozialen Bewegungen an deutschen und schweizerischen Fallbeispielen zwischen 1920 und 1980. Diskutiert wird, wie durch soziale Bewegungen forcierte Wissensformen im Bildungsfeld sowohl als Aufbruch und Autoritätsverschiebung, gleichzeitig aber auch als krisenhaft-unübersichtliche, entgrenzende Umordnungen verstanden werden konnten, sodass Wissenskämpfe um das Pädagogische entstanden.

 

Beiträge des Panels

 

Vom ausgegrenzten Dissidententum zum Schulfach: Sozialreformerische Kämpfe um den Lebenskundeunterricht zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Dr. Elija Horn
Ausbildungsinstitut für Humanistische Lebenskunde des HVD Berlin-Brandenburg

Im Jahr 1920 fand in Berlin erstmals ein dezidiert weltlich ausgerichteter Werte- und Moralunterricht statt – der Lebenskundeunterricht. Die Einrichtung dieses Schulfachs war das Ergebnis jahrzehntelanger Bemühungen und Kämpfe von Akteur*innen verschiedener sozialer Bewegungen – sowohl aus dem Kontext proletarischer Kirchenaustrittsbewegungen, sozialdemokratischer Frauenbewegung als auch bürgerlicher Ethik-Gesellschaften. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es Initiativen zur nichtkonfessionellen sittlichen Unterweisung der Jugend, die jedoch keine staatliche Unterstützung fanden und teils Verfolgungen durch die Justiz nach sich zogen. Die Einführung eines weltlichen Lebenskundeunterrichts an staatlichen Schulen vollzog sich in der Weimarer Republik, häufig in reformpädagogischen Versuchsschulen, z.B. an Fritz Karsens Karl-Marx-Schule in Berlin-Neukölln.

Der Vortrag vollzieht anhand von historischen Quellen die Zirkulation politischer und sozialreformerischer Ideen zwischen verschiedenen sozialen Bewegungen und pädagogischen Konzepten und Zielstellungen nach, die in ein institutionalisiertes Schulfach in der Weimarer Republik mündeten. Mit der Quellenanalyse von Assessorenarbeiten, wird ein Bezug zur Lehrkräfteausbildung hergestellt. Schwerpunktmäßig wird der Frage nachgegangen, welche grundsätzlichen Schwierigkeiten die Realisierung sozialer und politischer Ziele mittels Pädagogik für die pädagogische Umsetzung mit sich bringen.

 

Paradoxe Be- und Entgrenzungen in der Lehrpersonenbildung. Wissenszirkulation und -kämpfe im bewegten Zürich 1960-1980

Dr. Andrea De Vincenti, Prof. Dr. Norbert Grube, Prof. Dr. Andreas Hoffmann-Ocon
Pädagogische Hochschule Zürich, Schweiz

Der Beitrag fokussiert im Zeitraum von Bildungsexpansion, Jugend- und Studierendenprotesten am Beispiel Zürichs, wie verschiedene Wissen, die zwischen der Lehrpersonenbildung und sozialen Bewegungen zirkulierten, durch paradoxe und konfliktreiche Aneignungen den Ausbildungsalltag von Lehramtsstudierenden prägten. Die traditionell für angehende Unterrichtende etablierten Wissensordnungen wurden mit Forderungen nach gesellschaftlichem Umbau konfrontiert und um neue, auch wissenschaftliche Elemente, neue Unterrichtsinhalte und didaktisch-dialogische Formen entgrenzend erweitert, um u.a. wahrgenommenen Rollenkonflikten in der Schule – etwa zwischen Förderung der Mündigkeit und Selektion, Autorität und Emanzipation – zu begegnen. Untersucht wird, wie dieses Wissen in der Lehrpersonenbildung mit Forderungen und performativen Ansätzen neuer sozialer Bewegungen verwoben war, etwa bei Leitbildern der Gemeinschaft, Solidarität, Selbstbestimmung, Partizipation, Ganzheitlichkeit, Theorie- und Praxisdebatten. Gleichzeitig lässt sich in der Lehrpersonenbildung wie auch in Gruppen politischer Aktivist*innen eine quasi-kanonisierende und wissensbegrenzende Hinwendung zu pädagogisch-politischen ‘Klassiker’-Texten und Autoren beobachten, die zur (Re-)Legitimierung gesellschaftlicher Positionierungen gebraucht wurden. Quellenfundiert, u.a. anhand von Jahresberichten und Periodika, werden Einblicke in die durch soziale Bewegungen mitgeprägten Wissenskämpfe in der Lehrpersonenbildung gewährt.

 

Grenzverschiebungen schulischer Autoritätsverhältnisse in und durch Schülerzeitungen in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945

Prof. Dr. Joachim Scholz
Ruhr-Uni­ver­si­tät Bo­chum

Im 20. Jahrhundert fand ein Wandel des Verhältnisses zwischen Lehrpersonen und Schüler*innen statt. Quellen aus der Schulpraxis zur Rekonstruktion von Veränderungen der innerschulischen Interaktionsordnung sind eher rar und selten genutzt (Kluchert 2003, 52). Für die Betrachtung der Schüler*innen-Perspektive kommen Schüler*innenzeitungen in Frage, und schon eine erste größere Welle ihrer Gründung zur Zeit der Weimarer Republik deutet eine Tendenz zur Liberalisierung an großstädtischen höheren Schulen an. In der zweiten Nachkriegszeit expandierten Schüler*innenzeitungen sprunghaft, gerade auch im Kontext sozialer Bewegungen. Sie beeinflussten gymnasiale Schulkulturen nicht unwesentlich. Der Beitrag gibt einen Überblick über die Bedeutung von Schüler*innenzeitungen im deutschen höheren Schulwesen des 20. Jahrhunderts für Grenzverschiebungen bei Interaktionen zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen. Er legt einen Schwerpunkt auf die Zirkulation schulkritischer und autoritätsbezogener Wissensformen unter Schüler*innen sowie auf Praktiken des Sich-Arrangierens mit und des taktischen Aufweichens von starren Autoritätsverhältnissen. Gefragt wird nach dem Beitrag von Schüler*innen zur allmählichen Liberalisierung und Enthierarchisierung ihrer Beziehungen zu Lehrpersonen – insbesondere in der Bundesrepublik nach 1945.

Kluchert, G. (2003): Die Entwicklung der Lehrer-Schüler-Interaktion und die Bildungswachstumsschübe. Zur inneren Schulreform im 20. Jahrhundert. In: ZfPäd 49 (1), 47-60.