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Sitzungsübersicht
Sitzung
Pädagogik, Sexualität und Körperpolitik – Diskurse, Praxen, Erfahrungsräume 1870-1930
Zeit:
Mittwoch, 16.03.2022:
9:30 - 11:30

Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 45

951 7181 7239, 190857
Sitzungsthemen:
1. Historische Bildungsforschung, 11. Frauen- und Geschlechterforschung in der Erziehungswissenschaft, Ohne Kommission, historisch, Deutsch

Präsentationen

Pädagogik, Sexualität und Körperpolitik – Diskurse, Praxen, Erfahrungsräume 1870-1930

Chair(s): Prof. Dr. Sylvia Kesper-Biermann (Universität Hamburg, Deutschland), Prof. Dr. Esther Berner (Helmut-Schmidt Universität / Universität der Bundeswehr Hamburg, Deutschland), Prof. Dr. Carola Groppe (Helmut-Schmidt Universität / Universität der Bundeswehr Hamburg, Deutschland), Prof. Dr. Ingrid Lohmann (Universität Hamburg, Deutschland)

Mit der Frage nach der Rolle von Sexualität als Erfahrungsraum wie als Normengefüge für das Aufwachsen von Jugendlichen sowie für die Lebensweise junger Erwachsener widmet sich das Forschungsforum einem in der Historischen Bildungsforschung erst in Ansätzen behandelten Thema. Im Mittelpunkt stehen Mädchen und Frauen als Adressatinnen pädagogischer Maßnahmen und sozialpolitischen Handelns wie als Akteurinnen sexueller Praxen zwischen 1870 und 1930. Die Beiträge bearbeiten das Themenfeld mit verschiedenen sozialisations- und sozialhistorischen, ideen- und diskursgeschichtlichen Zugängen. Vorgesehen sind materialnahe Analysen mittels eines breiten Spektrums zeitgenössischer Quellen wie Zeitschriften, Erziehungsratgebern oder Umfragen. Sie bieten einen noch weitgehend ungenutzten Fundus für die Rekonstruktion geschlechtlicher Sozialisationsbedingungen und Sexualverhaltens sowie von pädagogischem Wissen und Normen hinsichtlich Sexualität und Geschlecht in Kaiserreich und Weimarer Republik.

 

Beiträge des Panels

 

‚Möglichkeitsräume‘. Zur sexuellen Sozialisation bürgerlicher Mädchen und junger Frauen im späten Kaiserreich

Prof. Dr. Carola Groppe
Helmut-Schmidt Universität / Universität der Bundeswehr Hamburg, Deutschland

Der Vortrag widmet sich der Sexualität bürgerlicher Mädchen und Frauen als Teil ihrer Sozialisation im Kaiserreich. Anhand statistischer medizinischer Erhebungen zur Sexualität männlicher und weiblicher Jugendlicher (z.B. Blaschko 1900, Meirowsky 1915) soll zunächst rekonstruiert werden, was über sexuelle Erfahrungen bürgerlicher Mädchen durch die zeitgenössische Empirie bekannt ist. Die Forschungsliteratur zu diesem Thema ist nach wie vor spärlich (vgl. Jütte 2003, Eder 2002, Gay 1986). Ergänzt wird dies durch die Analyse von Briefen und Aufzeichnungen von Mädchen im späten Kaiserreich sowie zwei Fallbeispiele (Clara Zetkin und die Psychoanalytikerin Karen Horney), um ‚Möglichkeitsräume‘ und Grenzen erotisch-sexueller Begegnungen für bürgerliche Mädchen und Frauen zu erörtern. Zugleich interessiert, wie Eltern und Schule mit dem Thema umgingen. Wie wird über die Sexualität von Mädchen und jungen Frauen kommuniziert und - etwa ab 1900 – auch publiziert (z.B. Kertz 1916)? Hier sollen auch die auf Sexualerziehung zielenden Veröffentlichungen der Sexualwissenschaft (Ivan Bloch, August Forel, Anna Fischer-Dückelmann) und die Debatten der Frauenbewegung über weibliche Sexualerfahrungen und ihre Legitimität herangezogen werden, um die zeitgenössischen Dimensionen des Themas zu erfassen. Ziel ist, Sexualität als Element von weiblichen Erziehungs- und Sozialisationsprozessen im Bürgertum zu rekonstruieren und die These ihrer weitgehenden Tabuisierung in Frage zu stellen.

 

Sittlichkeitsvereine, Jugendschutz und (weibliche) Sexualität (1880-1930)

Prof. Dr. Sylvia Kesper-Biermann
Universität Hamburg, Deutschland

Ende des 19. Jahrhunderts entstanden in Deutschland wie im übrigen Europa Sittlichkeits- und Jugendschutzvereine, die sich gegen Prostitution und generell als unmoralisch angesehenes Verhalten wie voreheliche Sexualität engagierten. Neben der Präventionsarbeit etwa in konfessionellen „Jungfrauenvereinen“ gehörte die Arbeit mit „gefährdeten“ oder „gefallenen“ Mädchen zu den Tätigkeitsbereichen der Vereine (Brinkmeier 2003). Während sie bislang vor allem im Hinblick auf die von ihnen vertretene Sexualmoral sowie das Thema Prostitution untersucht wurden, ist die Frage danach, welche Aussagen sich aus ihren Aktivitäten sowie den von ihnen produzierten Materialien im Hinblick auf die alltägliche Sexualität weiblicher Jugendlicher zwischen ca. 1880 und 1930 ableiten lassen, noch nicht systematisch verfolgt worden. So kann die Analyse des Umgangs mit Schwangerschafts-„Fällen“ in einzelnen Vereinen über das Sexualverhalten von Mädchen und jungen Frauen Aufschluss geben. Ferner liegen die Ergebnisse einer Umfrage zu den „geschlechtlich sittlichen Verhältnisse[n] der evangelischen Landbewohner im Deutschen Reiche“ vor (Wittenberg u.a. 1895/96), die einen bislang selten unternommenen Blick auf den ländlichen Raum erlauben, in dem offensichtlich länger als in den (Groß-)Städten traditionelle Formen der Eheanbahnung einschließlich vorehelicher Sexualität üblich waren.

 

Der Diskurs über Sexualität und sittliche Gefährdung in pädagogischen Zeitschriften und Lexika, ca. 1890–1918

Prof. Dr. Ingrid Lohmann
Universität Hamburg, Deutschland

Mit jugendlicher Sexualität setzten sich bereits in der Spätaufklärung Mediziner und Erziehungstheoretiker auseinander, letztere vor allem aus dem Kreise der Philanthropisten und schon damals im Umfeld „kolonialen Begehrens“ (Zantop), das in Abstufungen von Kultur und Zivilisiertheit gebändigt werden musste. Weniger gut erforscht ist das erneute Wiederaufleben der Thematik hundert Jahre später, diesmal mitten in der kolonialen Realität der imperialistischen Ära des Wilhelminischen Kaiserreichs. Ende des 19. Jahrhunderts nahm in Pädagogik, Psychologie, Psychiatrie und Medizin die Debatte über geschlechtliche „Verirrungen“, „Selbstbefleckung“ bei Jugendlichen sowie die Gefährdung der Sitten durch uneheliche Kinder („Bastarde“) wieder Fahrt auf; etwa ab 1900 ist ein deutlicher Anstieg der Zahl einschlägiger Zeitschriften- und Wörterbuchartikel zu verzeichnen. Anhand ausgewählter Periodika wie „Zeitschrift für Kinderforschung“, „Die Lehrerin“ und „Allgemeine Lehrerzeitung“ sowie Lexika wie Roloffs „Lexikon der Pädagogik“ und Reins „Enzyklopädischem Handbuch der Pädagogik“ wird rekonstruiert, wie der „Geschlechtstrieb“ und seine (rassischen) „Verirrungen“ im pädagogischen Feld im Kaiserreich verhandelt wurden und welche Normalitätsvorstellungen damit verbunden waren. Untersucht wird insbesondere, wie diese sich als Gegenentwurf zu Unsittlichkeit und Unzivilisiertheit präsentierten, die man kolonialisierten afrikanischen Völkern ankonstruierte.

 

Die Erziehung des weiblichen ‚Geschlechts’: Körper- und Geschlechterwissen (1870-1930)

Prof. Dr. Esther Berner
Helmut-Schmidt Universität / Universität der Bundeswehr Hamburg, Deutschland

Mit der Ausdifferenzierung einer Frauenheilkunde bzw. Gynäkologie intensivierte sich im 19. Jh. die Erforschung des „Weibes“ und seiner Körperlichkeit. Das im Zuge dessen generierte Körper- und Geschlechterwissen bot in der Folge eine wichtige Grundlage für die geschlechtsspezifische (Körper-)Erziehung von Mädchen in der Volksschule und in höheren Schulen (Mädchenturnen, Gesundheitslehre) wie im Privaten (Frauengymnastik, Ratgeberliteratur). Dabei lässt sich um die Jahrhundertwende insofern von einem Paradigmenwechsel sprechen, als der Primat der Schonung aufgrund von körperlichen und geistigen leistungsbezogenen Defizitannahmen (etwa vor und während der Menstruation) zunehmend von Empfehlungen einer aktiven Kräftigung des Körpers gerade auch im Hinblick auf dessen Reproduktionsfunktion flankiert wurde. Eingebettet in den nach dem Ersten Weltkrieg verstärkt aufkommenden biopolitischen Diskurs schlugen sich dieses Wissen und davon abgeleitete (Experten-)Tipps in einer zahlreichen Ratgeberliteratur nieder. Der Beitrag fragt nach Transformationen entsprechenden Wissens und dessen Popularisierung. Als Quellengrundlagen dienen sowohl einschlägige anatomische, physiologische und medizinische Lehrbücher wie (körper-)hygienische Ratgeberliteratur zuhanden der Frau. Letztere verfolgte im Wesentlichen den Zweck, die Adressatinnen über das Wesen und die Funktionen ihres (Geschlechts-)Körpers zu informieren und bezüglich dessen Pflege anzuleiten.