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Sitzungsübersicht
Sitzung
Die Organisation moralischer Grenzen in sozialpädagogischen Organisationen
Zeit:
Dienstag, 15.03.2022:
14:00 - 16:00

Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 33

979 9782 2284, 577578
Sitzungsthemen:
8. Sozialpädagogik und Pädagogik der frühen Kindheit, 14. Organisationspädagogik, Sektion 4, Kommission Bildungsorganisation, Bildungsplanung, Bildungsrecht, Sektion 8, Kommission Sozialpädagogik, qualitativ, quantitativ, theoretisch, Deutsch

Präsentationen

Die Organisation moralischer Grenzen in sozialpädagogischen Organisationen

Chair(s): Dr. Stefanie Schmachtel (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Deutschland), Prof. Dr. Thomas Klatetzki (Universität Siegen), Dr. Simon Mohr (FH Bielefeld)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Morten Nissen (Danish School of Education, Aarhus University)

Die Arbeitsgruppe widmet sich moralischen Grenzen und Grenzziehungen in sozialpädagogischen Organisationen am Beispiel des Kinderschutzes, der Hilfen zur Erziehung und der Schulsozialarbeit. Entgegen gängigen Konzeptionen, moralisches Handeln als individuelle Handlungsentscheidungen von Professionellen zu verstehen, nimmt sie dieses als organisational konstituiert in den Blick. Präsentiert werden unterschiedliche Ansätze und empirische Daten, mit denen die kollektive Konstituierung, Verschiebung, Überschreitung oder auch Verteidigung moralischer Grenzen in sozialpädagogischen Organisationen systematisch in den Blick genommen und problematisiert wird. Dabei wird der Zusammenhang von Moral, Grenze und Organisation mit unterschiedlichen theoretischen Zugangsweisen beleuchtet und für die organisationstheoretische und sozialpädagogische Debatte fruchtbar gemacht.

 

Beiträge des Panels

 

Emotionen und Grenzarbeit in der Organisation des Kinderschutzes

Prof. Dr. Thomas Klatetzki
Universität Siegen

Der Beitrag beschäftigt sich mit der Rolle der Emotionen und den damit verbundenen moralischen Grenzziehungen in den organisatorischen Sinnstiftungsprozessen der Kinder- und Jugendhilfe (Klatetzki 2019). Sinnstiftungsprozesse basieren auf professionelle Identitäten (Weick 1995), die eine emotionale Basis haben (Cooley 1964). Wie sich mit Hilfe der Appraisaltheorie zeigen lässt, sind Sinnstiftungen daher fortlaufend mit intuitiven Einschätzungen hinsichtlich des Wohlergehens des Selbst verbunden (Lazarus 1991). Werden Sinnstiftung als bedrohlich für das eigene Selbst erfahren, treten negative Emotionen auf; werden sie als für das Selbst förderlich erlebt, kommt es zu positiven Emotionen. Sinnstiftungen sind auf diese Weise mit emotionaler Identitätsarbeit verbunden und diese Identitätsarbeit findet ihren Ausdruck in einer Grenzarbeit (Gieryn 1990), die gerahmt ist durch das partikulare Moralsystem, das Ethos von Organisationen (Klatetzki 2017). Emotionen motivieren auf diese Weise in der Kinder- und Jugendhilfe z. B. Grenzziehungen in Form moralischer Klassifikationen von Klienten (White 2003), Abgrenzungen gegenüber anderen Berufsgruppen (Olk 1986), diffamierende Grenzüberschreitungen angesichts von Kritik (Biesel et al. 2020) und/oder Grenzverteidigungen in Form von systemischen Abwehrmechanismen (Argyris 1990). In dem Vortag wird diese Konzeption verwendet, um die Rolle der Emotion Angst in der Arbeit des Kinderschutzes zu erläutern.

 

Fachliche Grenzüberschreitungen in Organisationen der Kinder- und Jugendhilfe

Dr. Simon Mohr
FH Bielefeld

In diesem Beitrag werden tabuisierte Praktiken der Disziplinierung, Bestrafung und Kontrolle in der Sozialen Arbeit organisationstheoretisch in den Blick genommen. In professionstheoretischen Auseinandersetzungen werden solche als moralisch grenzüberschreitend problematisierte Handlungen zumeist auf spezifische politische Haltungen, punitive Überzeugungen und Qualifizierungsdefizite der Fachkräfte zurückgeführt (z.B. Ziegler 2016). Entlang empirischer Einblicke werden in diesem Beitrag hingegen solche Praktiken als Form der Bewältigung widersprüchlicher (Organisations-)Anforderungen bzw. als organisational „brauchbare Illegalität“ (Luhmann 1964) und damit tolerierte, aber weitgehend tabuisierte Formen der Abweichung von fachlichen Standards diskutiert. Diese als solche zunächst fachlich nicht reflektierbaren moralischen Grenzüberschreitungen werden als Ergebnis des kontingenten Wechselspiels von formalen und informalen Organisationsstrukturelementen rekonstruiert und somit die Organisation sowohl in ihrer konstitutiven Bedeutung für die Analyse als auch die Professionalisierung Sozialer Arbeit näher bestimmt.

 

Moral Distress als Analyse- und Transformationsressource für moralische Grenzarbeit in (sozial)pädagogischen Organisationen

Dr. Stefanie Schmachtel
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Dieser Beitrag führt in das internationale Konzept des „Moral Distress“ (MD) ein und rahmt es auf Basis von Nissens (2012; 2018) kritisch-kulturhistorischem Ansatz zur kollektiven Subjektivierung für die Analyse moralischer Grenzarbeit in pädagogischen Organisationen um (vgl. Schmachtel i.E. a; b; i.A.). MD tritt auf, wenn Akteure aufgrund äußerer Bedingungen und/oder innerer Umstände davon abgehalten werden, in einer ihren Überzeugungen nach moralisch angemessenen Weise zu handeln (z.B. Mareš 2016). Mit Nissen (2012) lässt sich MD kollektiv durch ‚situierte Ideologien‘ vermittelt verstehen, mittels derer Akteure ihr (kollektives) Selbstverständnis und moralischen Grenzen in (sozial-)pädagogischen Organisationen performativ herstellen.

MD bei sozialpädagogischen Akteuren verweist dabei auf die emotionalen Konsequenzen, Vulnerabilitäten und Prekaritäten (z.B. Butler 2016), die sich in der Dialektik zwischen individuellen und kollektiven Subjektivierungsprozessen als interne und externe Konflikte in der situativ-ideologisch hergestellten moralischen Grenzarbeit zeigen (vgl. Schmachtel i.E.). Anhand qualitativer Daten zur MD in der Schulsozialarbeit wird MD als Ansatzpunkt zur Reflexion von sozio-materiell-diskursiv gerahmten Widersprüchen und Dilemmata der sozialpädagogischen Praxis sowie deren Bewältigung und (antizipierten) Bewältigungskonsequenzen produktiv gemacht. Zugleich eröffnet ein so gedachtes MD zentrale transformative Stellschrauben zur Politisierung dieser.