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Sitzungsübersicht
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 05
922 6850 5746, 480192
Datum: Montag, 14.03.2022
11:30 - 13:00Poster-Cluster: Interkulturelle und international vergleichende Bildungsforschung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 05
Chair der Sitzung: Dr. Christoph Fantini, Uni Bremen

In diesem Cluster werden acht Poster vorgestellt, die alle deutschsprachig sind.

 

Die (Re-)Produktion „europäischer“ Grenzziehungen von Schüler*innen

Saskia Langer

Universität Trier, Deutschland

Die Institutionen der EU empfehlen für die Europabildung die Förderung einer „europäischen Identität“ neben den nationalen Identitäten (Rat der Europäischen Union, 2018). Jedoch existieren gesellschaftlich unterschiedliche Vorstellungen darüber, was „Europa“ respektive „europäische Identität“ konstituiert (Quenzel, 2005). Verschiedene Grenzziehungen zwischen jenem, was als europäisch inkludiert und jenem, was exkludiert wird, werden dabei durch entsprechend variierende Diskurse legitimiert. Dabei wird Europa mitunter nicht differenziert betrachtet, sondern naturalisiert, kulturalisiert, politisiert oder ökonomisiert.

Mit diesen Vorstellungen von „Europa“ werden Schüler*innen in der Familie, im Bildungssystem sowie in den Medien konfrontiert und vor die Herausforderung gestellt, daraus eine eigene (kohärente) Vorstellung zu bilden. Außerdem bieten ihnen diese auch heterogene Identifikationsangebote. Identität wird in diesem Promotionsvorhaben in Anschluss an Parsons (1968) als Rollenidentität verstanden. Seiner Theorie zufolge werden die gesellschaftlichen Erwartungen von den Individuen reflektiert und die Identität als Verknüpfung verschiedener Rollen und Erwartungen gebildet. Auf dieser Grundlage lässt sich für den Themenbereich Europa vermuten, dass verschiedene Erwartungen gleichzeitig an die Individuen gerichtet werden und somit vielfältige europäische Identitäten entstehen können.

In dem Promotionsvorhaben wird den Forschungsfragen nachgegangen, welche Vorstellungen von Europa und somit Grenzziehungen politischer, kultureller und sozialer Art Schüler*innen (re)produzieren, wie sie sich zu diesen positionieren und welche raumbezogenen Identitäten sie bilden. Den Untersuchungsraum bildet die Großregion (Luxemburg, Lothringen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Wallonie und die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens) als transnationaler Bildungsraum. Als Informant*innen werden Schüler*innen der Sekundarstufe I befragt, um eine Vergleichbarkeit zwischen den zu untersuchenden Regionen zu gewährleisten.

Im Forschungsvorhaben werden qualitative und quantitative Methoden verbunden: zuerst wird eine quantitative Fragebogenstudie und im Anschluss werden qualitative Interviews durchgeführt. Idealerweise können in der Auswertung der Fragebogen „repräsentative Akteure“ (Kergel, 2018, S. 69) festgestellt werden, welche dann als Fallbeispiele zum Interview eingeladen werden.

Das Poster spannt einen Bogen von den unterschiedlichen Vorstellungen zu Europa und Europabildung über den Identitätsdiskurs bis hin zu Ansätzen einer empirischen Erfassung.



Ent- und Begrenzung von Bildungsteilhabe junger Geflüchteter im Kontext digitalisierter Bildungswelten

Michi Sebastian Fujii1, Jana Hüttmann2, Prof. Dr. Nadia Kutscher1, Prof. Dr. Henrike Friedrichs-Liesenkötter2, Antonia Dold1, Till Mülheims1, Niko Engfer2

1Universität zu Köln, Deutschland; 2Leuphana Universität Lüneburg, Deutschland

Der Alltag von jungen Geflüchteten ist von Grenzziehungen und -überschreitungen geprägt. So sind junge Geflüchtete mit Grenzen zwischen als auch innerhalb von Staaten konfrontiert: In der Aufnahmegesellschaft können (institutionelle) Barrieren (Lechner et al. 2016) etwa Bildungsteilhabe begrenzen. Digitalen Medien wird einerseits das Potenzial zugeschrieben, Begrenzungen zu überwinden und Bildungschancen zu fördern (Europäische Kommission 2020). Gleichzeitig wird auf Limitierungen des Potenzials digitaler Medien, z.B. angesichts von Ungleichheitsreproduktion, verwiesen (Kutscher/Kreß 2018). Bislang konzentriert sich die Forschung hierzu vor allem auf den formalen Bildungskontext Schule (und blendete beispielsweise andere Bildungsbereiche wie die Kinder- und Jugendhilfe als non-formales Feld aus) und fokussierte einzelne institutionelle Felder ohne hinreichend das Zusammenspiel von formalen, non-formalen und informellen Kontexten zu berücksichtigen (Korntheuer 2016).

Das ethnografische Verbundprojekt „Bildungsteilhabe Geflüchteter im Kontext digitalisierter Bildungsarrangements“ (BIGEDIB) der Universität zu Köln und der Leuphana Universität Lüneburg, gefördert durch das BMBF (Laufzeit 2019-2022), knüpft hier an. Ziel des Forschungsprojekts ist es, Gelingensbedingungen für die (Bildungs-)Teilhabe geflüchteter Jugendlicher im Kontext digitaler Medien in formalen (Schule), non-formalen (Kinder- und Jugendhilfe) und informellen (Freizeit, Familie) Bildungssettings zu rekonstruieren. Über verschiedene Feldphasen folgt das Projekt als multi-sited ethnography (Falzon 2009) insgesamt 27 geflüchteten Jugendlichen (13 bis 21 Jahre) in ihrem (Bildungs-)Alltag. Die Daten aus teilnehmenden Beobachtungen, Feldgesprächen, Interviews und Artefaktanalysen (Lueger/Froschauer 2018; zur Ethnografie: Breidenstein et al. 2015) werden unter Perspektive der Praxistheorie (Schatzki 2016; Bollig/Kelle 2014) mittels der Grounded Theory erhoben und ausgewertet (Strauß/Corbin 1990; Clarke 2018).

Aus einem praxistheoretischen Bildungsverständnis (Asmussen 2020) heraus zeigen sich in den Daten bildungsbezogene Praktiken mit digitalen Medien über Institutionsgrenzen hinweg als transorganisational verortet (Eßer/Schröer 2019). Digitale Artefakte wie das Smartphone nehmen dabei über ihre ‚eigensinnige‘ Beteiligtheit an den jeweiligen Praktiken (Bollig/Kelle 2014) eine zentrale, wenngleich ambivalente Rolle ein. So sind mit der digitalen Durchdringung des Alltags der Jugendlichen und den damit verbundenen Anforderungen auch Hürden für Bildungsteilhabe festzustellen. Vor diesem Hintergrund präsentiert und diskutiert das Poster das ambivalente Wechselspiel zwischen Grenzüberwindung und Grenzziehung im Kontext digitaler Medien für die Bildungsteilhabe geflüchteter Jugendlicher.



Entgrenztes Verhalten - Wie die empirische Erfassung von seelischer Verletzung in der Schule von Diskriminierungsforschung profitieren kann

Clara Overweg1,2

1Humboldt-Universität zu Berlin; 2Projektteam Reckahner Reflexionen zur Ethik Pädagogischer Beziehungen

Verschiedene gesetzliche Vorgaben wie die Kinderrechtskonvention (Art. 19) machen deutlich, dass „seelische Verletzungen“ durch pädagogische Fachkräfte gegenüber Kindern und Jugendlichen unzulässig sind. Im deutschsprachigen Raum ist dieses Konzept bisher empirisch allerdings wenig untersucht (Ausnahmen siehe: Krumm & Weiß 2006, Schubarth & Ulbricht 2015). Im Rahmen des Projekts Reckahner Reflexionen zur Ethik Pädagogischer Beziehungen (z.B. Prengel 2019) wird nun ein Erhebungsinstrument erarbeitet, welches sich mit der quantitativ-empirischen Erfassung des Konzepts auseinandersetzt. Um Herausforderungen und Besonderheiten dessen vorzustellen, bedient sich das Poster an Erkenntnissen aus der Diskriminierungsforschung und beantwortet darin die Frage:

Wie kann die Abgrenzung und Nähe zum Konzept „Diskriminierung“ die Herausforderungen einer empirischen Erfassung von „seelischer Verletzung“ im Schulkontext verdeutlichen?

Zunächst einmal sind sich die Konzepte „Diskriminierung“ und „seelischer Verletzung“ insofern nah, dass es um gesellschaftlich verankerte Machtasymmetrien im Kontext von verschiedenen Differenzlinien geht (z.B. Gomolla & Radtke 2010, Crenshaw 1989). Die Untersuchung seelischer Verletzungen in der Schule muss auch die systematische Asymmetrie zwischen Lehrenden und Schüler:innen in den Blick nehmen (vgl. Oevermann 1996, Helsper & Hummrich 2014) und stellt so insofern eine Erweiterung dar, als dass neben den Differenzlinien auch die Rolle der Schüler:innen generell als vulnerabel klassifiziert wird.

Zweitens zeigt die Frage nach Intention als Kriterium für diskriminierendes Verhalten (z.B. Hormel & Scherr 2010) eine definitorische Unklarheit in der Erfassung seelischer Verletzung auf. So wird in US-amerikanischer Forschung zu „teacher bullying“ Intention teilweise als Kriterium herangezogen (vgl. Burriss & Snead 2018), teilweise explizit ausgeschlossen (vgl. Sylvester 2011). Das Poster argumentiert für eine effektorientierte Operationalisierung, die sich darüber hinaus eher am Umgang mit Fehlern als deren Ursache orientiert (Piezunka, im ersch.).

Drittens weist die Diskriminierungsforschung auf ein mögliches Problem hin: die Tatsache, dass größere Sensibilisierung für Diskriminierung auch zu vermehrter Wahrnehmung führt (vgl. El-Mafaalani et al. 2017). Auch in der Erfassung seelischer Verletzung kann dies zur Herausforderung werden.



Wandel und Dynamik familiärer Generationsbeziehungen im Kontext von Flucht und Asyl

Prof. Dr. Manuela Westphal, Franziska Korn, Anita Hubo, Samia Aden, Dr. Jiayin Li-Gottwad

Universität Kassel, Deutschland

Fluchtbedingte Migration wurde in den vergangenen Jahren in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen intensiv beforscht. Es lässt sich jedoch eine deutliche Forschungslücke an der Schnittstelle zwischen Familien, Erziehung, Flucht und Asyl feststellen (Westphal/Aden 2020). Hier setzt das DFG-Forschungsprojekt „Wandel und Dynamik familiärer Generationsbeziehungen im Kontext von Flucht und Asyl“ (DyFam, 2020-2023) an. Das Projekt nimmt insbesondere Familien aus dem Fluchtkontext Somalia in den Blick.

Familienkonstellationen und Familienleben erfahren im Kontext von Flucht und Asyl multiple Begrenzungen und gleichzeitig auch Entgrenzungen: Familie wird durch bestehende rechtliche und ordnungspolitische Regelungen begrenzt und reguliert. Dies gilt besonders im Hinblick auf Familiennachzug (Aden/Westphal i.E.). Gleichzeitig findet eine Entgrenzung von Familienleben statt, die das alltägliche „doing und displaying family“ (Finch 2007) im Kontext von Flucht und Asyl über nationalstaatliche Grenzen hinweg in einen transnationalen Raum verlagern (können).

Mithilfe von qualitativ-ethnografischen Fallstudien wird der Frage nachgegangen, wie Familie und Familienerziehung im Kontext von Flucht und Asyl hergestellt wird und inwiefern sich Figurationen, Interdependenzen und Eigenlogiken der Familienerziehung wandeln. Das Projektteam besucht Familien deutschlandweit jeweils mindestens fünfmal in ihrem Zuhause. Das entwickelte mehrstufige Verfahren dient zum einen dem Aufbau vertrauensbasierter Forschungsbeziehungen und zum anderen der Erhebung unterschiedlicher empirischer Daten. Zunächst werden gemeinsam mit den Familien familienzentrierte Netzwerkkarten erstellt, um der Frage nachzugehen, wer überhaupt als Familie verstanden wird und dazu gehört sowie welche transnationalen Vernetzungen bestehen. Anschließend werden u.a. mithilfe von Familienfotografien und der Aufnahme von (transnationalen) Familieninteraktionen den Fragen nachgegangen, wie Familie und Familienerziehung symbolisch (displaying) und interaktiv (doing) hergestellt und aufrechterhalten wird. Ein abschließendes reflektierendes Gespräch rundet die Studie ab. Ziel ist es, mit DyFam einen Beitrag zur Theorie der Familienerziehung unter besonderer Berücksichtigung von Flucht und Asyl zu leisten. Hierzu wird auf die Studien von Müller und Krinninger (2016, u.a. in Anlehnung an Elias) sowie an die „participatory family research“ (Walsh 2015, S. 85ff.) aufgebaut.

Das Poster auf dem 28. DGfE-Kongress soll das Forschungsprojekt vorstellen und erste methodische und methodologische Erkenntnisse aus den Zwischenergebnisse aus den ethnographischen Familienstudien vorstellen.



Reflexionsorientierter Umgang mit Ungewissheit im transkulturellen Raum: Das Tricontinental Teacher Training (TTT) für Lehramtsstudierende

Sezen Merve Yilmaz, Dr. Anja Wilken, Prof. Dr. Telse Iwers, Prof. Dr. Andreas Bonnet

Universität Hamburg, Deutschland

Einführung

Ziel von Austauschprogrammen, die Ungewissheit thematisieren, ist es neben den in verschiedenen Kompetenzmodellen dargestellten Selbstkompetenzen auch, die Grenzen des eigenen Denkens und Handelns zu erweitern. Angesichts der wachsenden Diversität im Schulwesen ist ein reflektierter Umgang mit den eigenen impliziten Annahmen (z.B. bezogen auf Migration und damit bedingte Prozesse der (Nicht-) Zugehörigkeit) von Lehramtsstudierenden bedeutsam. Durch die Teilnahme am TTT Projekt erhalten die Studierenden die Gelegenheit, eigene diversitätsbedingte Ungewissheitserfahrungen und damit verbundene subjektive Theorien zu reflektieren. Nachfolgend wird das Projekt und die damit verknüpfte Begleitforschung skizziert.

Projektbeschreibung

Das Projekt „Tricontinental Teacher Training“ zwischen der Universität Hamburg, der University of Education in Winneba und der University of North Carolina at Chapel Hill ermöglicht Lehramtsstudierenden, ein Praktikum an einer Schule an einem der oben genannten Standorte zu absolvieren. Die Studierenden werden über einen Zeitraum von drei Semestern durch Seminare begleitet, in welchen u.a. Ungewissheit als konstitutives Element der pädagogischen Interaktion thematisiert wird. Fokussiert wird dabei die Frage, welchen Einfluss eine kulturelle Dezentrierung (oder: Entgrenzung) im jeweiligen Austauschland auf die eigenen impliziten Annahmen und inneren Paradigmen (z.B. subjektive Imperative) haben kann und wie diese mittels einer theoriegeleiteten Reflexion de- und rekonstruiert werden können.

Begleitforschung

Die Rolle irritierender Erfahrungen und deren transkulturelle Verarbeitung ist bislang wenig empirisch untersucht; deshalb wird das Projekt durch zwei qualitative Studien begleitet.

  • In einer Interviewstudie wird untersucht, wie angehende Lehrkräfte ihre Erfahrungen während eines transkulturellen Austauschprogramms gestalten und verarbeiten. Die Studie konzentriert sich auf die Rekonstruktion des impliziten Wissens der Teilnehmenden im Umgang mit Irritationen und Ungewissheit durch im Austausch gemachte Differenzerfahrungen (Wilken & Bonnet i.E.).
  • Die zweite Fragestellung untersucht, inwiefern die Teilnahme am Projekt eine Reorganisation der (migrationsbezogenen) Subjektiven Theorien der Teilnehmenden bewirkt Groeben et al. (1988).


Im Raum der Bild-ung? Ethnografische Erkundung des Sozialraums Schule aus Perspektive junger Menschen mit Fluchterfahrung

Caroline Junge

Humboldt-Universität zu Berlin, Graduiertenkolleg "Inklusion - Bildung - Schule", Deutschland

In meinem Promotionsprojekt wird der Versuch unternommen, Schule als Sozialraum in den Blick zu nehmen und dadurch den Fokus auf Praktiken jenseits des Unterrichtens zu richten.

Im Rahmen eines inklusiven Forschungsdesigns ist die Forschungsfrage auf die Perspektive von Schüler*innen mit Fluchterfahrung ausgerichtet. Dieser „strategische Essentialismus“ (Spivak 1981) dient dazu, einen Beitrag zu einer systematischen Thematisierung von Migration zu leisten, welche in der Wissenschaftslandschaft ein noch junges Phänomen darstellt. Zugleich soll damit der dominante Diskurs, in welchem der Zusammenhang von Bildung und Migration v.a. im Kontext gelingender Integration (in das bestehende System) diskutiert wird, konterkariert werden (vgl. Mecheril 2013).

Für die ethnografisch-praxeologische Perspektive auf Schule als Sozialraum sind zum einen die (Raum-) Erfahrungen der Schüler*innen sowie zum anderen Praktiken der Subjektivierung von Interesse. Zentral ist hierbei die These, „dass die Schule eine Alltagswelt darstellt, in der deutlich mehr geschieht als Schulunterricht“ (Hillebrandt 2014, S. 429). Methodologisch soll dieses mehr als Schulunterricht mittels partizipativer Forschung – also durch den aktiven Einbezug der Schüler*innen in den Forschungsprozess – erfasst werden (vgl. von Unger 2014). Hierbei wird auf die Methode Photovoice zurückgegriffen, indem die Schüler*innen ihren Schulalltag – auf vorab partizipativ erarbeitete Perspektiven hin – fotografisch dokumentieren sollen. Da Fotografie als Forschungsmethode, welche einem bestimmten Forschungsinteresse nachgeht, nicht von der jeweiligen situativen Praxis des Fotografierens zu trennen ist, soll zugleich genau diese Praktik des Fotografierens selbst mit in den Blick genommen werden:

„Eine Aufnahme zu machen, ist selbst schon ein Ereignis, und zwar eines, das immer mehr gebieterische Rechte verleiht: sich einzumischen in das, was geschieht, es zu usurpieren oder aber zu ignorieren. Unsere Einstellung zur jeweiligen Situation wird jetzt durch die Einmischung der Kamera artikuliert“ (Sontag 1977, S. 17).

So erhebt das Projekt ein doppeltes Erkenntnisinteresse: a) Praktiken der Subjektivierung sowie Raumerfahrungen innerhalb von Schule zu rekonstruieren sowie b) das Erhebungsinstrument des Fotografierens selbst als Praktik in den Blick zu nehmen und daraufhin zu befragen, welche Möglichkeitsräume der „widerständigen Positionierungen“ (Ploder 2013, S. 141) sich hier eröffnen und welche Rolle Fotografie als ästhetisch-künstlerische Strategie hierbei einnimmt.



Förderung von mehrsprachigkeitsbefürwortenden Überzeugungen von Grundschullehrkräften durch ausbildungs- und berufsbezogene Unterstützungsfaktoren

Dr. Sarah Désirée Lange, Laura Zapfe, Prof. Dr. Sanna Pohlmann-Rother, Daniel Then

Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Deutschland

Lehrkräfte mit positiven Überzeugungen hinsichtlich der unterrichtlichen Integration verschiedener Erstsprachen der Schülerinnen und Schüler nehmen migrationsbedingte Mehrsprachigkeit tendenziell als ‚potenzielle Ressource‘ wahr und räumen ihr zumindest zeitweise einen Platz im Unterricht ein (Lange & Pohlmann-Rother, 2020). Daher kommt den Überzeugungen zum Umgang mit Mehrsprachigkeit eine wichtige Bedeutung als Kompetenzfacette pädagogischer Professionalität zu. Bezogen auf die Professionalisierung (angehender) Grundschullehrkräfte stellt sich darauf aufbauend die Frage nach möglichen Einflussfaktoren auf mehrsprachigkeitsbefürwortende Überzeugungen.

Das Ziel der Studie bestand darin, zu analysieren welche ausbildungs- und berufsbezogenen Faktoren für mehrsprachigkeitsbefürwortende Überzeugungen von berufstätigen Grundschullehrkräfte förderlich sind. Hierzu wurden theoretisch relevante ‚Stellschrauben‘ im universitären als auch im berufsbezogenen Abschnitt der Lehrkräfteprofessionalisierung in den Blick genommen (Cramer, 2012).

Die Datengrundlage stammt aus der BLUME-Studie, in der Grundschullehrkräfte (N=123) zu ihren mehrsprachigkeitsbezogenen Überzeugungen befragt wurden (Lange & Pohlmann-Rother, 2020). Anhand schrittweise aufgebauter linearer Regressionsmodelle wurde analysiert, inwieweit die Überzeugungen von der Nutzung DaZ-bezogener Lerngelegenheiten während der Ausbildung, von unterrichtlichen Kontakterfahrungen, von der Nutzung von Fortbildungsangeboten zum Thema Mehrsprachigkeit und von sprachsensiblen Schulprogrammen beeinflusst werden.

Von den untersuchten Faktoren kommt vor allem der Nutzung formaler Aus- und Fortbildungsangebote Bedeutung zu; insbesondere die Teilnahme an DaZ-spezifischen Aus- und Fortbildungen führt zu wertschätzenderen Überzeugungen gegenüber Mehrsprachigkeit im Unterricht. Wenn Lehrkräfte die Erfahrungen mit mehrsprachigen Lernenden im Unterricht als bereichernd bewerten, führt dies ebenfalls zu befürwortenderen Überzeugungen zum Umgang mit Mehrsprachigkeit im Unterricht. Wie viele Kontakterfahrungen Lehrkräfte mit mehrsprachigen Kindern im Unterricht sammeln, ist hingegen weniger relevant. Eine Tätigkeit an Schulen mit sprachsensiblem Schulprogramm geht mit marginal ablehnenderen Überzeugungen zu Mehrsprachigkeit im Unterricht einher.

Zusammenfassend lässt sich aus den vorliegenden Befunden die Relevanz der mehrsprachigkeitsbezogenen Aus- und Fortbildung von Grundschullehrkräften schließen, da der Kontakt zu mehrsprachigen Schülerinnen und Schülern durch formale Lerngelegenheiten vorbereitet und flankiert werden sollte. Auch deutlich wird, dass mehr Erfahrung nicht per se zu befürwortenderen Überzeugungen gegenüber Mehrsprachigkeit im Unterricht führt. Stattdessen scheinen die wahrgenommene Qualität und damit die subjektive Bewertung der mehrsprachigkeitsbezogenen Kontakterfahrungen für die Überzeugungen der Lehrkräfte entscheidend zu sein.



Raumkonstruktionen – Gruppendiskussionen mit französischen und deutschen Jugendlichen zu geopolitischen Themen

Teresa Köhler

Johannes Gutenberg Universität Mainz, Deutschland

Das Dissertationsprojekt ist an der Schnittstelle einer vergleichenden Unterrichtsforschung und Geographie(-didaktik) angesiedelt. Anhand von online geführten Gruppendiskussionen zu geopolitischen Themen soll eruiert werden, inwiefern französische und deutsche Jugendliche räumliche Wirklichkeit (re-)konstruieren. Ausgangspunkt ist das Werk Orientalism (1979) des Literaturwissenschaftlers Edward Said. Es gilt als Klassiker in Bezug auf die Dekonstruktion populärer Geographien: Said entlarvt das herrschende Orientbild als eine Vorstellung und gesellschaftliche Konstruktion der westlichen Welt und seiner Wissenschaften (vgl. Schlottmann & Wintzer, 2019, S. 241). Der Geograph Derek Gregory spricht in Rezeption von Said, von geographical imaginations (vgl. Glasze & Thielmann, 2006, S. 2). Deren Herausbildung findet immer in einem bestimmten gesellschaftlichen Kontext statt und wird getragen von Politik und Medien und – je nach Fachrichtung - von WissenschaftlerInnen und LehrerInnen (vgl. Wolkersdorfer, 2006, S. 12; Plien, 2015, S. 190). Vermeintlich natürliche Ordnungen kommen „vom Klassenzimmer bis zum Kanzleramt auf unzähligen Ebenen zum Tragen“ (Lossau, 2002, S. 128). Das Dissertationsprojekt versucht den populären geographischen Blick von Jugendlichen/SchülerInnen ein Stück weit einzufangen und stellt folgende Forschungsfragen (vgl. Lossau, 2000, S. 23 f.): Inwiefern konstruieren deutsche und französische Jugendliche Räume in Gruppendiskussionen zu (geopolitischen) Themen? Inwieweit gibt es Gemeinsamkeiten und/oder Spezifikationen und inwieweit lassen sich aus den Ergebnissen schließlich Erkenntnisse für das Lernen in der Schule ableiten? Zur Datenerhebung waren ursprünglich Unterrichtsaufzeichnungen von Geographieunterricht geplant. Pandemiebedingt sind diese durch digitale Gruppendiskussionen ersetzt worden. Insgesamt sind jeweils drei Gruppendiskussionen mit drei bis vier deutschen bzw. französischen SchülerInnen (16-18 Jahre) geführt worden. Als Diskussionsanlass fungiert ein Pressefoto des brennenden World Trade Centers am Tag der Anschläge vom 11.9.2001. Die Wahl des Impulses wird u.a. mit dem, nach 9/11, hegemonial gewordenen Schema einer kulturell fragmentierten Welt und der verstärkten Dichotomisierung von „Okzident“ und „Orient“ begründet (vgl. Glasze & Thielmann, 2006, S. 2). Die Auswertung der Daten erfolgt mittels der Dokumentarischen Methode: Das Augenmerk der Analyse liegt auf dichten Passagen, in denen sich Spezifika und/oder Gemeinsamkeiten in den Raumkonstruktionen erkennen lassen. Gefragt wird, ob und auf welchen geteilten Sozialisationserfahrungen und Wissensbeständen diese beruhen und inwiefern sich Räume rekonstruieren lassen, denen aufgrund des Aufwachsens in verschiedenen Erfahrungsräumen spezifische Orientierungsrahmen zugrunde liegen. Ziel der vergleichenden Fragestellung ist die Eröffnung von Fragehorizonten, die bei einer nur einzelgesellschaftlichen Analyse nicht auf der Hand liegen.

 
14:00 - 16:30Orte und Landschaften des kollaborativen Lernens. Pädagogisch-anthropologische Explorationen zu Grenzerfahrungen und -praktiken im Anthropozän
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 05
 

Chair(s): Dr. Oktay Bilgi (Universität zu Köln, Deutschland), Prof. Dr. Ursula Stenger (Universität zu Köln)

Folgt man aktuellen Zeitdiagnosen, dann leben wir in einer geochronologischen Epoche des Anthropozän. Der Begriff des Anthropozän reflektiert dabei nicht nur die geopolitischen Auswirkungen der technologischen Evolution. Er bietet ebenfalls ein sozialwissenschaftliches Konzept, um tradierte Geschichten des Menschen und seiner Bildung neu zu diskutieren (vgl. Wulf 2020). Das Symposion fragt nach erfinderischen Weisen des gemeinsamen Lernens und Lebens an Orten und in Landschaften des Anthropozän. Die Metapher der »Ent|grenz|ungen« nimmt das Symposion dabei zum Anlass für eine interdisziplinäre Perspektivierung von Phänomenen der Ent- und Begrenzung, die auf der Verschränkung unterschiedlicher Forschungsansätze (Human Animal Studies, Landscape Studies, Phänomenologie, Neuer Materialismus, Kunst- und Theaterforschung) beruht und am Beispiel pädagogischer Felder (Frühe Kindheit, Grundschule, Theaterpädagogik, Kulturelle Bildung) Orte und Praxen des kollaborativen Lernens untersucht.

 

Beiträge des Panels

 

Konstitution und ethische Implikationen von Kitas als Orte des gemeinsamen Lernens und Lebens im Anthropozän

Dr. Oktay Bilgi1, Prof. Dr. Ursula Stenger2
1Universität zu Köln, 2Universiät zu Köln

Der Vortrag fragt nach Konstitutionsprozessen und ethischen Implikationen von Orten des gemeinsamen Lernens in der frühen Kindheit, die über anthropozentrische Partikularinteressen hinaus neue Wege des Handelns und Denkens im Umgang mit nicht-menschlichen Anderen (Pflanzen, Tieren, Materialien, Landschaften) erfordern. Kollaborative Orte des Lernens konstituieren sich als relationale Assemblage von vielfältigen Beziehungsformen und Arten der Grenzbearbeitung. Wie werden Orte zu jenen pädagogischen Orten des kollaborativen Lernens, in denen andere Arten von pädagogischen Beziehungen möglich werden können? Wie müssen diese Orte pädagogisch und didaktisch gestaltet sein? Der Vortrag greift Ergebnisse aus dem BMBF Projekt RaumQualitäten zum lebendigen Raum zurück, in dem Kinder, Fachkräfte und nicht-menschliche Lebewesen Orte bilden, die durch vielfältige Praktiken und Erfahrungen der Grenze zwischen dem Vertrauten und dem Neuen (vom Kindergarten in den Wald), zwischen dem, was war und dem, was an neuen Lebenslinien entsteht, gekennzeichnet sind. Am Beispiel von Naturerfahrungen in der frühen Kindheit kann so gezeigt werden, wie durch das Zusammenspiel von Körpern, Beziehungen, Geschichten und Grenzbearbeitungen Orte geteilter Erfahrungen entstehen, die (Mit-)Gefühl für und Verantwortung gegenüber einer mehr als menschlichen Welten fördern können.

 

‚Kindheit und Natur‘ als Topos der Grundschulpädagogik. Eine Re-Analyse situierter Praktiken und pädagogischer Legitimationsfiguren aus Sicht posthumaner Entgrenzungsdiskussionen

Prof. Dr. Heike Deckert-Peaceman
PH-Ludwigsburg

Im Anschluss an internationale Diskurse, die Kindheit in einer posthumanen Landschaft neu verorten (https://commonworlds.net/), soll die Parallelisierung von Kindheit und Natur als pädagogische Legitimationsfigur, wie sie sich in der Moderne herausbildet und bis in die Gegenwart hinein wirkmächtig bleibt, hinterfragt werden. In den Blick genommen wird die Kind-Tier-Relation in Bezug auf situierte Praktiken in der Grundschule als performative Orte des Lernens. Konkret werden Protokolle einer teilnehmenden Beobachtung zur pädagogisch inszenierten Naturbegegnung in den 1980er Jahren (re-)analysiert. Dabei wurden Raupen auf Naturerkundungsgängen gefunden und Schmetterlinge im Klassenzimmer „geboren“. Die Reanalyse situierter Praktiken erfolgt demnach auch aus historischer Perspektive. Mit der historischen Einordnung werden unterschiedliche Modi der Ent- und Begrenzung in der Diskussion des Kind-Tier-Verhältnisses seit den 1980er rekonstruierbar. Gefragt wird, wie Kinder und Tiere historisch wie aktuell voneinander abgegrenzt werden, wie Pädagogik darüber legitimiert und Kindheit hervorgebracht wird. Geprüft wird, inwiefern die posthumane Entgrenzungsdiskussion zu anderen pädagogischen Praktiken und normativen Begründungsfiguren beitragen kann.

 

Landschaft als Mitspielerin? Ortsbezogene Performance in ländlichen Räumen

Micha Kranixfeld, Prof. Dr. Kristin Westphal
Universität Koblenz Landau

Die Zentrierung auf den Anthropos als einzigen Akteur von Geschichte wie Theater ist mit dem Zeitalter des Anthropozän in Frage gestellt. Unsere Vorstellungen einer Grenzziehung von Natur und Kultur sind überholt. Kunst und Bildung sind herausgefordert, das Verhältnis von Kunst und Natur zu befragen und neu zu denken. Zu beobachten sind verstärkt Praktiken in den Performancekünsten, die sich einer anthropogenen Zukunft widmen. Das umfasst urbane, rurale, industrielle Landschaften mit Performance zusammenzudenken. Landschaften wie das Gestein, Meer, der Wald sind nicht nur als Hintergrund für Performances zu sehen, sondern als Kräfte anderer Formen des Lebens, von denen das Menschliche selbst existenziell abhängig ist. Es rührt in ethischer Hinsicht an die Verantwortung für die Kommenden. Im Rahmen unserer fortlaufenden Beobachtung von Kollaborationen zwischen Künstler*innen und Bewohner*innen ländlicher Räume setzen wir uns mit dem Landschaftsbegriff auseinander und fragen, welche Rolle Landschaft dabei als Mitspielerin einnimmt. In den ortsspezifischen Projekten, die wir im Rahmen des BMBF-Forschungsprojekts Der Dritte Ort? Künstlerische Residenzen in ländlichen Räumen begleiten, wird Landschaft zum Verhandlungsraum zwischen Generationen, in dem menschliche Erfahrung eingeschrieben ist und an dem sich neue Erfahrungen der Entgrenzung am Schnittpunkt von Kunst, Natur und Bildung herausbilden können.

 

Affective Landscapes

Prof. Dr. Birgit Althans1, Prof. Dr. Gabrielle Ivinson2
1Kunstakademie Düsseldorf, 2Manchester Metropolitan University

Landschaften sind nicht-menschliche Akteure des Anthroprozäns und haben pädagogisches Potenzial: Landschaften prägen auf zutiefst körperliche Weise Rhythmen menschlicher Aktivität, wie Bewegung, Arbeit, Spiel, Entspannung und Schlaf. Landschaften lösen so Gefühle von Zugehörigkeit, Entfremdung und Ausgrenzung aus, sie können als eine kulturelle Ressource (Jullien 2017) aufgefasst werden. Erfahrungen junger Migrant*innen und marginaler ethnischer Gruppen können mit Bezug auf geteilte, sensorische, körperlich-affektive Erfahrung der Materialitäten und Atmosphären von Landschaften als Verlust- oder Zugehörigkeitserfahrungen verstehbar werden und zu einem neuen (post)migrantischen Imaginären beitragen. Dies verlangt jedoch einen relational gedachten Landschaftsbegriff. In der europäisch-kolonialen Tradition zeigen sich Landschaften stets in einem Subjekt-Objekt-Dualismus. Landschaft soll hier als performative Bezogenheit nicht-menschlicher und menschlicher Akteure als Teil von ineinander verschränkten, inzwischen global beschädigten NaturKulturen aufgefasst werden. Der Beitrag, der auf einem Forschungsprojektantrag der Vortragenden basiert, die kolonial und imperial geprägte Landschaften in Bezug auf (Post-)Migrationserfahrungen im Vergleich zwischen UK und BRD aus Perspektive von New Materialism und Landscape Studies untersuchen möchten, versteht sich als Zeitdiagnose von politisch gerahmten Auffassungen von Landschaft mit ihren pädagogischen Potenzialen.

 

Datum: Dienstag, 15.03.2022
14:00 - 16:00Zur Kommunikation organisationaler Grenzbearbeitungen in der allgemeinen Erwachsenenbildung im Zuge der Digitalisierung. Multiperspektivische empirische Analysen im Volkshochschulkontext.
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 05
 

Chair(s): Prof. Dr. Matthias Alke (Humboldt-Universität zu Berlin, Deutschland), Prof. Dr. Tim Stanik (Hochschule der Bundesagentur für Arbeit, Schwerin)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Karin Dollhausen (Deutsches Institut für Erwachsenenbildung, Bonn)

Die Digitalisierung ermöglicht neue Lernformate über die gesamte Lebensspanne jenseits räumlicher und zeitlicher Begrenzungen. Für die allgemeine Erwachsenenbildung werden Volkshochschulen adressiert, entsprechende Angebote und Teilhabemöglichkeiten aufzubauen. Gleichzeitig wird durch ihre demokratische und regionale Ausrichtung ihre Verantwortung für lokale Bildungs-, Begegnungs- und Beteiligungsräume betont, auch als Gegengewicht zu kommerziellen Plattformanbietern. Somit sind Volkshochschulen durch die Digitalisierung verursachten Entgrenzungen in ihrer organisationalen Grenzbearbeitung herausgefordert. In der Arbeitsgruppe werden aktuelle Ergebnisse empirisch-qualitativer Projekte diskutiert, die jeweils eine andere Perspektive der grenzbearbeitenden organisationalen Innen- und Außenkommunikation in Volkshochschulen thematisieren und dazu unterschiedliche theoretische Zugänge nutzen (Systemtheorie, Neo-Institutionalismus, Soziologie der Konventionen).

 

Beiträge des Panels

 

Organisationale Lernprozesse im Kontext von Digitalisierung: Eine Analyse kommunikativer Grenzziehungen in organisationalen Selbstbeschreibungen von Volkshochschulen

Prof. Dr. Tim Stanik1, Prof. Dr. Julia Franz2
1Hochschule der Bundesagentur für Arbeit, Schwerin, 2Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Die Corona-Pandemie lässt sich als zentrale Veränderung der organisationalen Umwelten der Volkshochschulen betrachten. So sind Volkshochschulen aufgrund der Maßnahmen zur sozialen Distanzierung gezwungen, neue digitale Angebotsformate zu entwickeln. Zusätzlich kommt ihnen als zentrale Organisationen der öffentlichen Erwachsenenbildung die Aufgabe zu, auf Unsicherheiten und gesellschaftlichen Veränderungen mit entsprechenden Bildungsangeboten zu reagieren. Beide Aspekte implizieren sowohl die Notwendigkeit, damit verbundene Formen der Grenzziehung nach innen und außen zu kommunizieren sowie als Organisation zu lernen, wie der Kern der Idee „Volkshochschule“ als Ort der Begegnung im Kontext von Digitalisierungsprozessen gestaltet werden kann.

Vor diesem Hintergrund wird die Frage verfolgt, welche organisationalen Lernprozesse die Volkshochschulen vollzogen haben und wie sie diese nach innen und außen kommunizieren. Hierzu ist ein breites Sample an Programmvorworten als organisationale Selbstbeschreibungen des Herbst-/Wintersemesters 2020/2021 analysiert worden. In den Selbstbeschreibungen konnten zwei organisationale Lernmodi im Hinblick auf die Digitalisierung der Bildungsangebote rekonstruiert werden. Zudem zeigen die Ergebnisse, wie pädagogische Mitarbeiter*innen, Kursleiter*innen und Teilnehmer*innen als Kollektivstruktur organisationaler Lernprozesse adressiert werden.

 

Grenzen des organisationalen Wandels von Volkshochschulen im Zuge der Digitalisierung – Die Reichweite der digitalen Durchdringung aus der Sicht des Leitungspersonals

Dr. Johannes Wahl
Eberhard Karls Universität Tübingen

Digitalisierungsphänomene führen in Organisationen wie der Volkshochschule zu nachhaltigen Veränderungen. Angesichts dieser Diagnose unmittelbarer und unweigerlicher Anpassungen sowie der bekannten Vielfalt an Volkshochschulstrukturen stellt sich die Frage nach dem Ausmaß des organisationalen Wandels und der damit verbundenen Lernprozesse der Organisation bzw. ihrer Mitglieder. Hierbei gilt es nicht nur zu eruieren, inwiefern durch die Digitalisierung umweltinduzierte Isomorphien prozessiert und/oder inhärente organisationale Impulse dynamisiert werden, sondern auch zu klären, inwieweit ressourcen- bzw. motivationsbedingte Grenzen des organisationalen Wandels existieren.

Dazu geht Vortrag den Fragen nach, (1) welche Organisationsebenen von den digitalisierungsinduzierten Wandlungsprozessen betroffen sind und (2) an welchen Stellen der organisationale Wandel an Grenzen gelangt. Um zu diesen Aspekten Aussagen zu treffen, wird die Kommunikation von Phänomenen und Grenzen des Wandels innerhalb der Organisation und gegenüber ihren Umwelten fokussiert. Dazu werden Ergebnisse von explorativen Expert*inneninterviews aus einem kontrastiven Sample herangezogen. Als Expert*innen fungieren Leitungskräfte von Volkshochschulen, die aufgrund ihrer hierarchischen Position Einblicke in die Innen- wie Außenkommunikation der Organisation besitzen. Die Ergebnisse spiegeln die Vielfalt organisationaler Lernprozesse und die Handlungsspielräume ihrer Mitglieder wider.

 

Digitalisierung und organisationale Entgrenzung von Volkshochschulen in der bildungs- und verbandspolitischen Kommunikation aus konventionentheoretischer Sicht

Prof. Dr. Matthias Alke
Humboldt-Universität zu Berlin

Ob und inwieweit sich Volkshochschulen auf die durch die Digitalisierung verursachten räumlichen und zeitlichen Entgrenzungen beziehen und organisationale Grenzbearbeitungen vornehmen, ist auch geprägt von den akteursspezifischen Erwartungen und Legitimationsnotwendigkeiten in ihren Organisationsumwelten. Es ist davon auszugehen, dass vor allem bildungs- und verbandspolitische Akteure hier einflussgebend sind, da sie sich öffentlich zur Digitalisierung der Erwachsenenbildung und den damit verbundenen Entgrenzungsphänomenen positionieren. Zugleich verfolgen sie durch die Initiierung von Förderprogrammen und Unterstützungsmaßnahmen gestaltende Ansprüche im Volkshochschulbereich. Bislang wurden die bildungs- und verbandspolitischen Positionierungen sowie die Implikationen von Förderprogrammen und anderen Maßnahmen zur Digitalisierung wenig untersucht. Davon ausgehend werden im Vortrag Befunde aus einer Analyse von bildungs- und verbandspolitischen Dokumenten wie Positionspapieren, Projektkonzepten oder Förderprogrammen vorgestellt. Angeregt durch die theoretischen Ansätze der Soziologie der Konventionen ist von Interesse, wie die Digitalisierungsstrategien von den Akteuren kommunikativ gerechtfertigt werden, auf welche Konventionen sie sich stützen, welche Wertigkeiten damit (re-)produziert und schließlich welche Legitimationsnotwendigkeiten für die organisationale Grenzbearbeitung von Volkshochschulen erzeugt werden.

 

Datum: Mittwoch, 16.03.2022
14:00 - 16:00Sorge und Subjektivierung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 05
 

Chair(s): Dr. Karen Geipel (Technische Universität Berlin), Dr. Sandra Koch (Stiftung Universität Hildesheim)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Meike Sophia Baader (Stiftung Universität Hildesheim)

Die Notwendigkeit von und Angewiesenheit auf Sorge zeigt sich aktuell unter Bedingungen der Corona-Pandemie in besonderer Weise. Dies nimmt die Arbeitsgruppe zum Anlass, um aus differenz- und ungleichheitsreflexiver Perspektive nach dem Verhältnis von Sorge und Subjektivierung in der Erziehungswissenschaft zu fragen. Im Zentrum steht dabei eine subjektivierungsanalytische Perspektive auf „Sorgeordnungen“ (vgl. Baader et al. 2014), aus der sowohl das theoretisch-systematische Verhältnis als auch die qualitativ-empirische Bearbeitung von Sorge und Sorgeverhältnissen ausgelotet wird. Inwiefern Sorgeverhältnisse und -praktiken Möglichkeiten des Subjektwerdens be- bzw. entgrenzen und wie dabei Dimensionen der Differenz, wie bspw. Geschlecht und Generation relevant und wirkmächtig sind, wird in den Beiträgen der Arbeitsgruppe systematisch ausgearbeitet und übergreifend diskutiert.

 

Beiträge des Panels

 

Subjektbildung in Sorge. Antizipationen von Fürsorge im Sprechen über Zukunft

Dr. Karen Geipel
Technische Universität Berlin

In diesem Beitrag wird Sorge als ein zeitliches Sich-vorweg-Sein im Modus der Antizipation zukünftiger Fürsorge in den Mittelpunkt gestellt und als spezifische Praktik der vergeschlechtlichenden Subjektbildung perspektiviert. Dazu werden Sorgebegriffe aus subjektphilosophischen sowie geschlechtertheoretischen Auseinandersetzungen aufgegriffen und in einen diskurs- und subjektivierungsanalytischen sowie qualitativ-empirischen Zusammenhang gestellt.

Anhand sprachlicher Äußerungen aus Gruppendiskussionen mit jungen Frauen wird aufgezeigt, wie sich Prozesse des Werdens zum vergeschlechtlichten Subjekt im Sprechen über Zukunft vollziehen. In den Blick genommen wird, welche Konstruktionen eines zukünftigen Selbst erzeugt und welche ungleichheitsbedingenden Geschlechter-Ordnungen wie in diesen Zukunftsbezügen aufgerufen und (re-)produziert werden. Die zukunftsbezogenen Äußerungen werden dabei als situierte diskursive Praktiken konzeptualisiert. Anhand derer lässt sich aufzeigen, auf welche Art und Weise die Verbindung von Weiblichkeit und (Für-)Sorge als normative Bedingung des geschlechtlichen Werdens hervorgebracht und in Vollzügen der Differenzierung und Normalisierung infrage gestellt und (re-)stablisiert wird. Inwiefern Subjektwerden unter Bedingungen gegenwärtiger Entwürfe und Vorwegnahmen zukünftiger Sorgeordnungen sowohl ermöglicht als auch begrenzt wird, ist Gegenstand einer abschließenden Reflektion der bildungstheoretischen Relevanz.

 

Sorge(-arbeit) und Subjektivierung im Kontext prekärer Mutterschaft

Phries Sophie Künstler
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Mutterschaft lässt sich als zentraler Kristallisationspunkt gesellschaftlicher Debatten in Anbetracht der ‚Neuerfindung des Sozialen‘ (Lessenich 2009) begreifen, wobei insbesondere das Verhältnis von Sorge- und Erwerb(-sarbeit) eine paradoxe Rolle einnimmt. So sind Mütter nunmehr permanent dazu aufgefordert die eigene Subjektposition als ‚gute Mutter‘ innerhalb des unauflösbaren Spannungsfelds allumfassender Sorgeanforderungen und nachdrücklicher Adressierungen als Erwerbssubjekt sowie gegenüber dem gefährlichen Gegenbild der ‚Risikomutter‘ zu behaupten. Gegenwärtige Mutterschaft erscheint in diesem Sinne als Musterbeispiel dafür, wie Sorge immer schon in Macht- und Ungleichheitsverhältnissen organisiert ist. Daran schließt der Beitrag an und nimmt das Verhältnis von Sorge und Subjektivierung empirisch im Kontext prekärer Mutterschaft in den Blick. Anhand der Analyse von Interviews mit jungen erwerbslosen Müttern wird betrachtet, inwieweit die Thematisierungen von Sorge(-arbeit) prekäre Subjektwerdung in diesem Kontext (v)er(un)möglicht. Es wird untersucht, inwieweit (nicht) geteilte Sorge als Be- und Entgrenzung von (prekärer) Subjektivierung im Kontext von Mutterschaft erscheint. Ausgehend davon und anschließend an Loreys Konzeptualisierung des Prekären (Lorey 2015) wird schließlich systematisch nach der Relation von Sorge, Prekarität und Subjektivierung sowie deren Bedeutung für die Erziehungswissenschaft gefragt.

 

Ambivalente Care-Erfahrungen von Care Leaver*innen

Prof. Dr. Angela Rein
Fachhochschule Nordwestschweiz

I

Im Kontext von stationärer Erziehungshilfe wird die Gestaltung von Sorgeverhältnissen für Kinder und Jugendliche von der familiären in die öffentliche Verantwortung übertragen. Dabei sind Normalitätsvorstellungen von Familie und Kindheit relevant für die Konstruktion des Hilfebedarfs.

Im Vortrag wird aus einer subjektivierungstheoretischen Perspektive auf der Basis von biographisch-narrativen Interviews nachgezeichnet, wie Konstruktionen von Hilfebedarf mit Prozessen und Markierungen einhergehen, durch die Kinder und Jugendliche sowie ihre Familien als nicht der Norm entsprechend markiert werden. In Anrufungen wird auf Diskurse rekurriert, die in Verbindung mit Einschätzungen zum Kindeswohl oder auch sozialen Diagnosen stehen. Kinder und Jugendliche werden so zu Subjekten der Hilfe gemacht. In den problemorientierten Adressierungen zeigt sich eine Tendenz der De-Thematisierung von Macht- und Ungleichheitsverhältnissen. Internationale Care-Leaver*innen-Forschungen verweisen dabei auf einen Zusammenhang zwischen dem Aufwachsen in öffentlichen Sorgeverhältnissen und der Übernahme von Care Tätigkeiten für andere (Melkman et al. 2015).

Im Vortrag wird das ambivalente Verhältnis von Care Erfahrungen im Kontext stationärer Erziehungshilfe subjektivierungstheoretisch diskutiert und danach gefragt, welche Bedeutungen vor diesem Hintergrund die Übernahme von Care Tätigkeiten durch Adressat*innen der stationären Erziehungshilfe haben kann.