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Sitzungsübersicht
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 03
944 6432 1021, 598600
Datum: Montag, 14.03.2022
11:30 - 13:00Poster-Cluster: Empirische und theoretische Perspektiven auf Bildung, soziale Beziehungen und Machtverhältnisse
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 03
Chair der Sitzung: Marie Hoppe, Universität Bremen
Chair der Sitzung: Anne Otzen, Universität Bremen

In diesem Cluster werden acht Poster vorgestellt, davon ein englischsprachiges und sieben deutschsprachige Poster.

 

„Schutz und Hilfe bei häuslicher Gewalt- Ein interdisziplinärer Online-Kurs“

Anja Krauß1, Dr. Anna Maier1, Prof. Dr. Barbara Kavemann2, Prof. Dr. Jörg M. Fegert1

1Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/-psychotherapie, Universitätsklinikum Ulm; 22Sozialwissenschaftliches Forschungsinstitut zu Geschlechterfragen SoFFI. F/ Five Berlin,

Jede dritte bis vierte Frau erlebt in ihrem Leben mindestens einmal eine Grenzüberschreitung, indem sie Opfer körperlicher und/oder sexueller Gewalt durch ihren Partner wird. Männer erleben ebenfalls, wenn auch seltener, Gewalt in Paarbeziehungen. Betroffene und deren Kinder sind vielfältigen Risiken ausgesetzt, zu denen neben Armut auch Traumafolgestörungen wie eine PTBS, Depressionen oder Angst- und Suchterkrankungen gehören. Die hohen Betroffenenraten zeigen wie wichtig Wissen und Kompetenzen von Fachkräften in diesem Bereich sind. In Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut SoFFI. F/ Five und dem Forschungszentrum SOCLES wird am Universitätsklinikum Ulm ein interdisziplinärer Online-Kurs zur Thematik „Schutz und Hilfe bei häuslicher Gewalt“ erstellt. Das Projekt hat zum Ziel, Erfahrungen aus 40 Jahren Forschung und Unterstützungspraxis gegen häusliche Gewalt aus unterschiedlichen Perspektiven zu bündeln. Eine Entgrenzung gelingt dem Kurs dabei in zweifacher Hinsicht: Sowohl durch das Format als Online-Kurs als auch durch die interdisziplinäre inhaltliche Ausrichtung des Kurses. So ist die Bearbeitung des Kurses weltweit für alle an Intervention, Schutz und Hilfe bei häuslicher Gewalt beteiligten Fachkräfte (bspw. pädagogische Berufe, Heilberufe, juristische Berufe und weitere) möglich. Während der Projektlaufzeit von 2019 bis 2022 wird der Kurs anhand von zwei Testkohorten (TK) u.a. hinsichtlich Praxisrelevanz und Effektivität der Wissens- und Kompetenzvermittlung evaluiert. Mit zahlreichen anderen Online-Kursen des Universitätsklinikums Ulm konnte gezeigt werden, dass ein Online-Weiterbildungsangebot gut geeignet ist Fachkräfte zu schulen. Die Ergebnisse der ersten TK des Online-Kurses zeigen, dass der Kurs für die Praxis ein Zugewinn an Wissen und Kompetenzen bei Fachkräften schafft.



Aufwachsen mit der Sucht der Eltern – Eine rekonstruktive Studie zu subjektiven Erfahrungswelten und Umgangsweisen

Meike Haefker

Hochschule Emden/Leer, Universität Vechta Deutschland

Der Studie liegt das Interesse an Biografien von Personen zu Grunde, die mit einer elterlichen Suchterkrankung aufwuchsen. Aus der Perspektive des (erwachsenen) Kindes werden biografische Erfahrungen innerhalb der Familie und in anderen sozialen Räumen rekonstruiert. Die Gesamtbiografie eröffnet hierbei den Zugang zu Erfahrungen und Umgangsweisen sowie deren biografische Bedeutung z.B. in Form von Strategien und Ressourcen. Diese Heuristik wird um ein Interesse an der symbolischen Bedeutung von Stigmatisierungs- und Schamerfahrungen ergänzt, ohne dadurch den offenen Blick zu verengen, so dass u.a. diskreditierende Denkmuster und deren Bedeutung untersucht werden, die gesellschaftlich vorstrukturiert sowie kulturell geprägt sind und die eine Biografie beeinflussen können (Dausien 2004/2010). Eingebettet wird die Arbeit in den sich anbahnenden Paradigmenwechsel zur wertebildenden Verstehens- und Umgangsweise in Diskursen der Suchtforschung (Dollinger/Schmidt–Semisch 2007). Suchterkrankungen können nicht nur die Lebenssituation für suchtkranke Eltern problematisieren, sondern häufig auch die der Kinder bis ins Erwachsenenalter (BMG 2017), die nach Goffman (2003) auf Grund ihrer verbundenen Sozialstruktur zum suchtkranken Familienmitglied zu einer stark stigmatisierten Personengruppe in der Gesellschaft gehören. Anhand von biografisch - narrativen Interviews mit den (erwachsenen) Kindern werden mit der Narrationsanalyse (Schütze 1997/2016) biografieanalytisch die subjektiven Lebenswelten und Umgangsweisen untersucht. Darüber hinaus dient die Objektive Hermeneutik (Oevermann 1993/ Garz/Raven 2015) zur Analyse latenter Bedeutungsstrukturen von Scham im Kontext von Stigmatisierung. Über die Triangulation zweier Auswertungsmethoden soll als methodische Neuerung sowohl die Strukturgesetzlichkeit der Wahrnehmungs- und Handlungsmuster von biografischen Prozessen als auch latente Sinnstrukturen regelgeleitenden Handelns zum Gefühl der Scham (Lorenz et al. 2018) und damit die Gesamtstruktur biografischen Erlebens untersucht werden. Der bisher überwiegend quantitative Forschungsstand zur prozesshaft biografisch und familiären Erfahrungswelt der Kinder die unter Einfluss einer elterlichen Sucht heranwachsen, sowie zur Stigmatisierung und der Scham wird um die qualitative und sozialwissenschaftliche Perspektive ergänzt. Die Studienrelevanz besteht darin, eine Idee von biografischen Bedeutungszuschreibungen des Erlebens der familiären Lebenswelt sowie einem gesellschaftlichen Wertebild von internalisierten Selbst- und Fremdbewertungen zu erhalten. Zudem werden Erkenntnisse in einem paradigmatischen Spannungs- und Wechselverhältnis von sozialen und kulturellen Be- und Entgrenzungsprozessen ebenso erwartet wie Vorstellungen zu Statushierarchien gegenüber Kindern aus von Sucht beeinflussten Familien. Auch soll über ein erweitertes Verständnis zu den Phänomenen die Theoriebildung zur Stigmatisierung in Verbindung mit der Scham durch Beschämung ergänzt werden.



Perspektiven von Lehrkräften auf sprachliche Bildung und Deutsch als Zweitsprache während der Corona-Pandemie

Dr. Ina-Maria Maahs, Christina Winter, Kathrin Drews

Universität zu Köln/ Mercator-Institut, Deutschland

In den letzten Jahren wurden die Bedarfe eines sprachsensiblen (Fach-)Unterrichts in sprachlich heterogenen Klassen, der insbesondere auch Schüler*innen, die Deutsch als Zweitsprache erwerben, adäquat fördert, viel diskutiert (vgl. Scheinhardt-Stettner 2017). Seit März 2020 stellt jedoch die Corona-Pandemie völlig neue Herausforderungen an schulisches Lernen in immer wieder neuen Lehr-Lern-Settings. Wie haben Lehrkräfte diese Herausforderungen in Bezug auf eine lerner*innenorientierte sprachliche Bildung wahrgenommen?

Während es bereits eine Reihe von Studien gibt, die die Perspektive der Eltern (vgl. Wildemann & Hosenfeld 2020, Vodafone-Stiftung Deutschland 2020) sowie der Schüler*innen (vgl. Wößman et al. 2020, Irion & Zylka 2020) aufzeigen und als zumeist quantitative, repräsentative Online-Befragungen einen guten Überblick über die Gesamtsituation bieten, existieren bisher wenige qualitative Untersuchungen zur Perspektive der Lehrkräfte. Hier setzt die vorliegende Studie an:

- Wie haben Lehrkräfte die coronabedingten Unterrichtsumstellungen im Kontext sprachlicher Bildung erlebt?

- Inwiefern haben sie dabei besonderen Herausforderungen für Lernende, die Deutsch als Zweitsprache erwerben, wahrgenommen?

- Welche Chancen bieten sich aus Sicht der Lehrkräfte durch die Digitalisierung im Bereich des sprachsensiblen Unterrichtens und Deutsch als Zweitsprache?

Basierend auf bisheriger Forschung zu sprachlicher Bildung, Deutsch als Zweitsprache und sozialer Ungleichheit während der Corona-Pandemie (vgl. Gogolin 2020, van Ackeren et al. 2020, Engzell et al. 2020) wurde ein Interviewleitfaden mit offenen Fragen entwickelt (vgl. Helfferich 2014). Insgesamt liegen neun Interviews von Lehrkräften aus dem Regierungsbezirk Köln vor, die anhand der inhaltlich-strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz (2014) mittels deduktiv-induktiver Kategorienbildung ausgewertet werden.

Die Ergebnisse zeigen zum einen wie Lehrkräfte die Lehr-Lern-Bedingungen sprachlicher Bildung in der Corona-Pandemie 2020/2021 wahrgenommen haben, zum anderen aber auch konkrete Gelingensbedingungen, die sie für einen sprachsensiblen Unterricht im Kontext der Digitalisierung identifizieren. Dabei weisen erste Befunde darauf hin, dass Themen wie Sprachsensibilität, Mehrsprachigkeitsorientierung oder Deutsch als Zweitsprache wenig Beachtung in der Unterrichtsumstellung gefunden haben.



Realitätsbezogene Mathematikaufgaben aus der Perspektive von Bourdieus Habitus – Synthese zweier Forschungsgebiete

Ilja Ay

WWU Münster, Deutschland

Der Umgang mit Realitätsbezügen stellt für das Fach Mathematik ein zentrales Ziel der Bildungsstandards dar (KMK, 2004) und kann Schüler*innen vor zahlreiche Hürden stellen. Insbesondere sozioökonomisch Unprivilegierte können dabei Probleme haben, insofern, als dass die Fähigkeit einem realen Kontext mathematische Strukturen zu entnehmen als kulturelle Kompetenz verstanden werden kann (Piel & Schuchart, 2014). So weisen die in den Bildungsstandards formulierten Fähigkeiten eher Überschneidungen mit der Sozialisation sozioökonomisch privilegierter Haushalte auf, seien es Selbstregulation, adäquates Argumentieren oder Besprechen von Lernstrategien (u. a. Weininger & Lareau, 2009). Einerseits kann gezeigt werden, dass unprivilegierte Schüler*innen beim Bearbeiten offener, realitätsbezogener Aufgaben eher Alltagserfahrungen in den Blick nehmen und dadurch den mathematischen Kern der Aufgabe übersehen (u. a. Lubienski, 2000), während andererseits gezeigt werden kann, dass sie eher den mathematischen Lösungsweg suchen, anstatt die reale Situation ernst zu nehmen (Leufer, 2016).

Es stellt sich die Frage, warum davon ausgegangen werden kann, dass sich derartige Verhaltensmuster auf die soziale Herkunft zurückführen lassen. Einen Ansatz liefert der Soziologe Bourdieu, der einen Zusammenhang erkennt zwischen den Herkunftsbedingungen und den Lebensstilen von Menschen. Als Mediator dazwischen steht etwas, das Bourdieu Habitus nennt. Dieser stellt eine allgemeine Grundhaltung dar und umfasst Verhaltensweisen, Einstellungen, Werte, ästhetische Maßstäbe, etc. Seine Habitus-Theorie besagt letztlich, dass die meisten Handlungen der Menschen keine Intention verfolgen, sondern als Ausdruck ihrer verinnerlichten Dispositionen verstanden werden können (Bourdieu, 1994/1998, S. 167–168).

Bourdieu erklärt dies anhand eines Spiels, bei dem gewisse unausgesprochene Regeln gelten. Auch das Bearbeiten von Mathematikaufgaben kann als Spiel aufgefasst werden (Verschaffel et al., 2000). So kann es dazu kommen, dass gewisse Schüler*innen einen (un)erwünschten Fokus beim Bearbeiten legen. Für gute Spielende – so Bourdieu – müssen Regeln nicht aufgedeckt werden, da Handlungen ganz im Sinne des Habitus zweckgerichtet sein können ohne dabei eine konkrete Intention zu verfolgen (Bourdieu, 1994/1998, S. 168). Die wünschenswerte Intention einer Aufgabe kann insbesondere unprivilegierten Schüler*innen verborgen bleiben, wenn sie beispielsweise aufgrund von Sozialisation weniger Erfahrung beim Spiel sammeln konnten. So schreibt Bourdieu unteren sozialen Klassen einen notwendigkeitsorientierten Habitus zu, der eher Nutzen von Etwas im Blick hat (Bourdieu, 1979/1982). Es stellt sich die Frage, ob unprivilegierte Schüler*innen beim Bearbeiten realitätsbezogener Aufgaben z. B. eine nützliche, alltagsnahe oder eine zweckgerichtete, mathematische Herangehensweise wählen, die beide Ausdruck eines notwendigkeitsorientierten Habitus sein können. Für Erkenntnisse bedarf es empirischer Forschung.



Bedeutung und Erleben von frühkindlicher Freundschaft vor dem Hintergrund globaler Mobilität

Malte Min

PH Heidelberg, Deutschland

Bei meiner Tätigkeit als Leitung des Kindergartens der Deutschen Schule Seoul, Südkorea erlebe ich häufig Kinder, deren Leben durch internationale Mobilität geprägt ist und die sich regelmäßig auf neue Länder, Kulturen, Sprachen und soziale Kontakte einlassen müssen.

Neben der erhöhten Fluktuation in den Kindergartengruppen ist es auch eine durch Heterogenität, Dynamik und Kontingenz geprägte Lebenswelt, welche frühkindliche Freundschaftserfahrungen unter speziellen Vorzeichen stattfinden lässt.

Im Rahmen meines Promotionsprojekts werden mit Hilfe einer qualitativen Studie frühkindliche Freundschaftserfahrungen unter den spezifischen Rahmenbedingungen globaler Familien erforscht.

Hierzu bezieht das Forschungsanliegen zwei zentrale Perspektiven aufeinander:
Es greift die individuellen Erfahrungsperspektiven frühkindlicher Freundschaft auf und erhebt, welche Bedeutung Freundschaft als Konzept hat und wie Freundschaft innerhalb dieser global mobilen Rahmenbedingungen praktisch erlebt wird.

Es fragt aber auch nach Konditionen gegenwärtiger Kindheit und ermittelt, wie diese Konditionen durch die gesellschaftlichen Voraussetzungen global mobiler Familien bestimmt werden.

Die lebensweltliche Perspektive wird dabei über die Kinder erhoben, die gesellschaftstheoretische über deren Eltern.

Insgesamt 10 Eltern-Kinder Paarungen werden getrennt in mehreren Erhebungsphasen mittels leitfadengestützter Interviews befragt. Bei der Erhebung mit den Kindern werden zusätzlich Netzwerkkarten eingesetzt und so durch das physische rekonstruieren von wesentlichen Lebensabschnitten ein zielgruppengerechter Reflexionsanlass erzeugt.

Die Arbeit mit der konstruktivistischen Auslegung der Grounded Theorie (Charmaz 2006; Bryant & Charmaz 2019) bietet die Möglichkeit sich an diese bisher noch wenig erforsche Fragestellung mit größtmöglicher Offenheit und dem Bewusstsein der eignen gedanklichen Standortgebundenheit zu nähern. Diese subjektorientierte Herangehensweise begründet sich auch durch ein Verständnis von Freundschaft als abstrakte, intersubjektiv divergent ausgedeutete und in sozialen Handlungen hergestellte Größe (Allan 1998; Schobin et al. 2016).

Die gedankliche Klammer der Arbeit bildet dabei ein sozialkonstruktivistisches Wirklichkeitsverständnis (Berger & Luckmann 1966), bei dem neben der Konstruktion von Wirklichkeit durch soziales Handeln auch die gesellschaftlichen Aushandlungsprozesse thematisiert werden bei denen subjektive Realität zu übersubjektiver Wirklichkeit gerinnt und damit für den theoretischen Blick der Arbeit ebenso maßgebend sind wie das reflexive Moment dieser Aushärtungsprozesse.



Premising and arguing: The variety in 9/10-year-old children taking on an equity/equality issue in the context of group discussions

Lea Eldstål-Ahrens, Prof. Dr. Niklas Pramling, Dr. Malin Nilsen

University of Gothenburg, Schweden

Within a sociocultural and dialogic perspective on learning (Säljö, 2009; Linell, 2014), argumentation is one of the key cultural practices to be appropriated in order to effectively participate in democratic societies as active citizens (Schwarz, 2009). As such, the practice of arguing can be placed within the triad learning about, through and for democracy (Gollob, Krapf, Ólafsdóttir & Weidinger, 2010). Coming from a sociocultural perspective, capturing the process of appropriation – the gradual taking over or making one’s own of a concept or practice – is of interest. Task premises, i.e., verbal and visual clues, which structure a task and based on which children are supposed to work and/or argue, frame this process. This study aims to analyze and characterize 9/10-year old primary school children’s practice of arguing in collaborative group discussions about the democratic concepts equality and equity. More specifically, the interest lies in answering the research question: How do 9/10-year-old primary school children, in interaction with each other and the teacher, handle the task premises of group discussions about the democratic concepts equality and equity? For this purpose, 13 group discussions of 4-5 children each (total participant n=54) were led and video recorded by the two participating teachers in the school setting. The transcripts, including verbal utterances as well as interruptions, facial expressions, gestures, and laughter were sequentially analyzed based on principles of interaction analysis (Jordan & Henderson, 1995) and sociocultural discourse analysis (Johnson & Mercer, 2019). The results demonstrate the children handling the premises of the given task in three different ways: (1) arguing within the premises, (2) arguing outside the premises or (3) questioning the premises. Each way of handling the premises is more specifically divided into sub-categories, which demonstrate, in more detail, the children’s take on the task. The presentation of excerpts allows for a tracking of the author’s interpretation as well as alternative interpretations. The findings reveal a more dynamic way of understanding tasks than has generally been found in educational research, especially concerning the application of real-life experiences and circumstances in questioning the task at hand (Säljö & Wyndhamn, 1988; Verschaffel et al., 1994; Donaldson, 1978). This amplifies the question of how much room children are given in discussions to develop it into new directions and even question the task’s rationale (Greco et al., 2018). Tasks, even when clarified and re-stated in teacher-student interaction, remain open to interpretation and have to be negotiated in a process of sense making both between the students as part of the group and between the group and the teacher.



Humanismus- und Schulkritik der ,Neuen Radikalen Aufklärung'. Bildungstheoretische Implikationen Marina Garcés‘ politischer Philosophie

Florian Dobmeier

Eberhard Karls Universität Tübingen, Deutschland

Das Poster zeigt in Grundzügen dreierlei auf: (1) den zeitdiagnostischen Ausgangspunkt der Politischen Philosophie der spanischen Philosophin Marina Garcés; (2) die in ihrem Werk formulierte bildungs- und schultheoretische Kritik sowie (3) die Implikationen für erziehungswissenschaftliche Theoriebildungen, die sich aus diesen Herausforderungen ziehen lassen.

Nach einer grundlegenden Reflexion auf das Verhältnis von Pädagogik einerseits und Zeitdiagnosen andererseits (Hastedt 2019; Beillerot und Wulf 2003; Bogner 2018), welches als produktive Irritation in der Umwelt des Systems erziehungswissenschaftlicher Erkenntnisproduktionen gefasst werden kann (Meseth und Lüders 2018), soll Garcés Werk zunächst im epistemischen Status weiter aufgeschlüsselt werden in deskriptiv-explanative und normativ-programmatische Argumentationen andererseits. Einer pädagogische ,redescription‘ unterzogen lassen sich diese überführen in eine bildungstheoretische Beschreibung und Kritik des Schulsystems.

Insbesondere die für ihre Theoriearchitektur zentrale Funktion eines revitalisierten Humanismusbegriffs wird hierbei in seinen pädagogischen Implikationen einer kritischen Würdigung zu unterziehen sein. Denn während die Diskussion um den klassischen Humanismus und Neuhumanismus inzwischen als durchaus theoretisch gesättigt und an Klassikern exemplifiziert gelten kann, ist es weithin ein Desiderat für allgemeinerziehungswissenschaftliche Theoriebildungen, die Bedeutung humanistischer Theoriegehalte in ihren neuen Spielarten von Antihumanismus, Transhumanismus und Posthumanismus zu diskutieren: Gleichwohl die Pädagogik explizit infolge antihumanistischer und anthropologiekritischer Dekonstruktionen den Menschen verabschiedete (Meyer-Drawe 1992; Dust et al. 2014; Wimmer 2019; Wulf und Zirfas 2014) und auflöste in Diskurseffekte (Subjekt), Differenzierungseffekte (Person), Netzwerkpositionen (Knoten) oder hinter Rollen versteckte (Individuum), so findet das ,Menschliche‘ doch immer wieder Einzug, nicht nur ethisch im Kampf gegen das ,Unmenschliche‘ (bspw. Engel 2014), sondern auch sozialtheoriestrategisch für die pädagogische Gegenstandskonstitution (bspw. Göhlich et al. 2018). Grund genug also, sichtbar zu machen, auf welche Weise Garcés für pädagogisierte Humanismen im schulkritischen Kontext anschlussfähig gemacht werden könnte.



Vielfalt bildet! Rassismuskritische Bildungsarbeit gemeinsam gestalten

Derman Aygün1, Dr. Katharina Rhein2, Dr. Olga Zitzelsberger1, Hümeyra Zor1

1TU Darmstadt, Deutschland; 2Verband Deutscher Sinti und Roma - Landesverband Hessen

Die Institution Hochschule – wie nahezu alle Bildungsinstitutionen mit einer Unterrepräsentation von People of Color und Menschen mit Migrationsgeschichte – hat Teil an der strukturellen Reproduktion von Rassismus und sozialer Ungleichheit. Auch die Lehre in den Erziehungswissenschaften orientiert sich bei der Auswahl und der Vermittlung von Inhalten immer noch überwiegend am unsichtbaren Maßstab einer weißen und mittelschichtigen Dominanzgesellschaft. Auf diese Weise werden, teils unbewusst, (strukturelle) Grenzen gesetzt, innerhalb derer sich Hochschulakteur*innen, insbesondere Studierende, bewegen dürfen/können/müssen, wodurch dominante Wissensbestände zementiert und immer wieder reproduziert werden: Wissensbestände, die durchzogen sind von stereotypisierenden und diffamierenden Zuschreibungen sowie rassistischen Unterscheidungsmustern, die sich nachhaltig (und) negativ auf die Bildungsbiographien der Betroffenen auswirken und die – unreflektiert während des Studiums übernommen – von den pädagogischen Fachkräften und Lehrer*innen als Teil ihrer pädagogischen Haltung in ihr Handeln einfließen. Diesen Mechanismus gilt es zu durchbrechen, indem an die Stelle der Reproduktion von rassistischen Denkstrukturen der Aufbau und die Professionalisierung einer rassismuskritischen Haltung von Studierenden rücken. Hochschulen sind Teil des Problems, sie können aber auch Teil der Lösung werden, da sie über das Potenzial verfügen, Diskursansätze zu liefern, Strukturen und Routinen aufzubrechen und so die machtvollen Begrenzungen zu 'entgrenzen'. Wie kann dies geschehen?

Die Aufgabe und Herausforderung besteht nicht darin, nach bereits bekannten Diskriminierungspraktiken innerhalb der Hochschule zu fragen, sondern Reflexions- und Bildungsprozesse bei den Studierenden zu fördern, um diese aufzubrechen und den hochschulischen Zirkelschluss abzubauen. Ein wesentliches Augenmerk muss dabei auf der Öffnung der Hochschule für unterrepräsentierte Perspektiven liegen, sodass eine Entgrenzung von bislang dominierenden Perspektiven erreicht werden kann. Vor diesem Hintergrund solle im Rahmen der Postervorstellung eine Öffnung und die damit einhergehenden vielfältigen Möglichkeitsräume von Bildung und Erziehung zur Förderung einer rassismuskritischen Profession durch den Einbezug externer Expertisen, konkreter von zivilgesellschaftlichen (Migrant*innenselbstorganisationen) sowie außeruniversitären Bildungseinrichtungen, vorgestellt und zur Diskussion gestellt werden. Durch das Heranziehen externer Expertisen und die gemeinsame Entwicklung von Bildungsangeboten für Studierende der Erziehungswissenschaften sowie des Lehramts werden wissenschaftliche Zugänge zum Thema Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung mit außeruniversitärer Bildungsarbeit verschränkt. So wird eine Öffnung der Hochschule vorangetrieben und zugleich zivilgesellschaftliche Organisationen in ihren Expertisen anerkannt.

 
14:00 - 16:30Entgrenzung fremder Orte: Organisation(en) und ihre Spielräume Organisationspädagogische und andere Grenzbearbeitungen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 03
 

Chair(s): Prof. Dr. Olaf Dörner (Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg,), Prof. Dr. Sebastian Manhart (Universität der Bundeswehr München), Prof. Dr. Christoph Damm (Hochschule Magdeburg-Stendal)

Das Symposium thematisiert organisierte Praktiken der Be- und Entgrenzung, (organisations-)pädagogische Formen der Grenzbearbeitung, der Öffnung für neue Zielgruppen und kategoriale Muster in analog wie digital organisierten Bildungszusammenhängen. Organisationen erzeugen eine personenverändernde Dynamik, indem sie Zugänge nach eigenen kategorialen Mustern begrenzen und soziale Gruppen über strukturelle Erwartungen auseinanderordnen, um sie für eigene Ziele zu koordinieren. Vertrautheit und Fremdheit sind Elemente einer produktiven Unterscheidung, die es erlaubt, die Dynamik des Verhältnisses von Organisationen, Gruppen und Personen auf den Ebenen des kommunizierten wie erfahrenen Sinns von Bildungsprozessen zu beschreiben. Organisationale Öffnungsstrategien stellen die beteiligten Akteure vor die Herausforderung, die Grenzen des Vertrauten zu überwinden, sich bis dahin Fremdes zu eigen zu machen: im Fremden das Vertraute und im Vertrauten das Fremde aufzusuchen.

 

Beiträge des Panels

 

Digitale Entgrenzung als Organisation fremder Orte

Prof. Dr. Sebastian Manhart1, Dr. Thomas Wendt2
1Universität der Bundeswehr München, 2Universität Trier

Digitalisierung konstituiert reale Orte interaktiver Virtualität. Deren anfängliche Fremdheit beruht auf den Eigenheiten technisch vermittelter Kommunikation. Leibliche Begrenzungen der Interaktion im physischen Nahraum werden durch technische Beschränkungen zeitlicher Synchronisation abgelöst. Arbeit, Unterricht und Hilfe lösen sich von den Anforderungen physischer Co-Präsenz. Das relativiert analoge Muster des Kontakts zwischen Lehrenden und Lernenden, Klient:innen und Fachkräften. In der Nutzung wird ein Vertrauen in die Möglichkeiten virtueller Zeit-Räume erlernt, das neue Grenzen und alte Probleme kaschiert. Analoge Formen der Interaktion werden nun zunehmend fremd. Die Ablösung vom physischen Ort und die beständige Erneuerung sozialer Begrenzungen und Regeln sind in der modernen Form der Organisation strukturell längst vorbereitet. Nicht nur Bildungsorganisationen fördern das Erlernen ausschließlich sozial erzeugter Vorgaben. Organisationen fordern und habitualisieren jene Offenheit des Subjekts für den beständigen Wechsel zwischen Vertrautheit und Fremdheit, die der Beitrag als Voraussetzung der Digitalisierung diskutiert. Digitale Fernsynchronisation baut organisationale Muster des Auseinanderordnens von Sozialität aus und verändert damit Arbeitszusammenhänge und Lehr-Lern-Arrangements. Diese Entwicklung folgt einer langlaufenden organisationspädagogischen Praxis, die nun aber ihrerseits fremd zu werden droht.

 

Begrenztes Mandat im entgrenzten Raum. Transformation Sozialer Arbeit infolge der Digitalisierung

Prof. Dr. Christoph Damm
Hochschule Magdeburg-Stendal

Soziale Arbeit „als umfassender Reparaturbetrieb für die zentrifugalen Folgen der Industrialisierung“ (Sascha Weber, 2020) ist in dreifacherweise mandatiert: Klient:innenbezogene Hilfeleistungen, staatliche Kontrollfunktionen und professionelle Ansprüche der Sozialarbeiter:innen stehen in einem spannungsreichen, für die soziale Arbeit konstitutiven Verhältnis. Die wachsenden Anforderungen und Überlegungen, Soziale Arbeit im virtual space durch digitalisierte Hilfs-, Dienstleistungs-, Beratungs- und Bildungsangebote auch dort zu verorten, wo sich ihre Adressat:innen aufhalten, lässt diese gewachsene Mandatierungsstruktur mindestens im Hinblick auf die staatliche Kontrollfunktion wanken: Der virtual space ist räumlich wie rechtlich entgrenzt und es ist unklar, ob staatliche Kontrolle durch Serverstandorte, Providersitze oder Interaktionsorte gegenüber privaten Dienstanbietern legitimiert wird. Aufbauend auf der Problematisierung eines begrenzten Mandats Sozialer Arbeit wird im Beitrag diskutiert, welche Ableitungen sich vor dem Hintergrund der Herausbildung Sozialer Arbeit infolge der Industrialisierung für eine Transformation Sozialer Arbeit infolge der Digitalisierung ziehen lassen.

 

Der ausgeübte Beruf als fremder Ort. Entgrenzung des Normallebenslaufs durch berufliche Wechseln

Stefan Rundel
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

Seit der These der Institutionalisierung des Lebenslaufs von Martin Kohli (1985, 2003) gilt der Normallebenslauf als (Identitäts-)Norm für die Berufsbiographie. Er strukturiert die Lebensführung entlang einer Bildungs-, Erwerbs- und Ruhephase. Demgegenüber zeigen Studien aus der Berufssoziologie, dass fast 50 Prozent der Berufstätigen mindestens einmal ihren Beruf wechseln (vgl. Karl Ulrich Mayer et al., 2010). Da in Deutschland der Zugang zu Berufen nach wie vor an die Vergabe von Bildungstiteln gekoppelt ist, geht ein beruflicher Wechsel (meist) mit der Teilnahme an (organisierter) Weiterbildung einher. Ergebnisse aus einem qualitativ-empirischen Forschungsprojekt zeigen, inwiefern der Beruf vor einem Wechsel als fremder, problematischer Ort erfahren wird und der Wechsel durch Bildungsorganisationen prozessiert wird. Dabei treten alte und neue (Identitäts-)Normen in ein Spannungsverhältnis zur Handlungspraxis (vgl. Ralf Bohnsack, 2017). An dieser Schwelle zwischen bisherigem und fremden Beruf und neuem Beruf setzt der Beitrag an und fragt danach, inwiefern durch die Praxis der beruflichen Wechsel der Normallebenslauf entgrenzt wird, bzw. sich neue Grenzen in Bezug auf den Beruf ergeben. Dabei werden in biographischer Perspektive Berufswechsler*innen betrachtet, deren Wechsel von einem alten, fremden Beruf in einen neuen Beruf durch die Teilnahme an Weiterbildung organisiert wird.

 

Fremde Vertrautheit, vertraute Fremdheit – Hochschulen als (Weiter-)Bildungsorte für Erwachsene mit einer geistigen Behinderung?

Prof. Dr. Olaf Dörner, Katharina Maria Pongratz
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

Geistig behinderte Erwachsene gehören nicht zur Adressatenschaft der wissenschaftlichen Weiterbildung. Inwiefern sie es sein können, sollten und sind, ist angesichts des Diskurses über Inklusion eine berechtigte, notwendige und insbesondere empirisch zu klärende Frage (Bettina Fritzsche et al., 2021). Für wissenschaftliche Weiterbildung als die für Erwachsenen- und Weiterbildung an Hochschulen zuständige Institution ist es daher notwendig, sich zu positionieren (Marc Ruhlandt, 2021). In unserem Beitrag möchten wir anhand von Ergebnissen eines qualitativ-empirischen Forschungsprojektes zur Rekonstruktion von Bildungsorientierungen geistig behinderter Erwachsener, die an hochschulischen (Bildungs-)angeboten teilnehmen bzw. diese mitgestalten
a) die Frage fokussieren, inwieweit Hochschulen fremde und/oder vertraute Orte für sie sind,
b) aufzeigen, inwieweit hochschulische Weiterbildungsangebote für diese Gruppe von Bedeutung sind und schließlich
c) Möglichkeiten und Grenzen wissenschaftlicher Weiterbildung für und mit geistig behinderten Erwachsenen zur Diskussion stellen.

 

Datum: Dienstag, 15.03.2022
14:00 - 16:00„Ent-grenz-ungen“ in der Qualitätsentwicklung auf der Ebene von System und Organisation
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 03
 

Chair(s): Prof. Dr. Dieter Nittel (FernUniversität in Hagen, Deutschland), Marlena Kilinc (FernUniversität in Hagen, Deutschland), Dr. Stefan Klusemann (FernUniversität in Hagen, Deutschland), Prof. Dr. Rudolf Tippelt (LMU München)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Ferdinand Eder (Universität Salzburg, Österreich)

Empirische Befunde haben gezeigt, dass in allen Bereichen des Erziehungs- und Bildungswesens seit Jahrzehnten Qualitätsentwicklung betrieben wird. In einer laufenden DFG-Studie konnten Entgrenzungen auf der System- und Organisationsebene beobachtet werden: etwa in der Form einer breiten Streuung und hohen Diversifizierung von Qualitätsmanagementsystemen sowie in temporaler Hinsicht, da Qualitätsentwicklung einen fortwährenden, prinzipiell unendlichen Prozess der Optimierung darzustellen scheint. Die Thesen zu Entgrenzungen werden in der Arbeitsgruppe auf ihre empirische und theoretische Belastbarkeit überprüft. Eine bereichsübergreifende Perspektive kann die hier angedeuteten Entgrenzungsprozesse besonders gut abbilden, weshalb die Vorträge sich den Entgrenzungslogiken im Elementarbereich, der Sozialen Arbeit und der Erwachsenenbildung zuwenden und von einer Außenbeobachtung gerahmt werden, die Konvergenzen und Divergenzen zwischen den Bereichen herausstellt.

 

Beiträge des Panels

 

Logiken von Entgrenzungen im Elementarbereich

Prof. Dr. Rita Braches-Chyrek
Universität Bamberg

Mit der verstärkten Herausbildung an national und international vergleichenden Analysen zur Qualitätsmessung im Elementarbereich konnten neue, wenn auch komplexere und machtvolle Ordnungen entstehen. Diese gehen mit Verschiebungen und Neubestimmungen der Grenzen der Organisation des Elementarbereichs einher (wie beispielsweise Entstrukturierungen, Entstandardisierungen u.a. in der Fachkräftegewinnung oder die Weiterentwicklung von Qualitätsprofilen und Kompetenzmodellen). Dabei spielen die folgenden Qualitätsdimensionen eine wichtige Rolle: Struktur-, Orientierungs-, Prozess- und Ergebnisqualität. Im Vortrag werden die nachstehenden Fragen adressiert: Welche Entgrenzungsphänomene lassen sich mit Blick auf die Qualitätsentwicklung in der Organisierung frühkindlicher Bildung und Erziehung identifizieren? Wie relevant sind Entgrenzungen bei der Frage nach „Optimierung“ der Erziehungs-, Bildungs- und Betreuungsarbeit? Welche unbeabsichtigten Nebenfolgen ergeben sich aus der Qualitätsentwicklung für die Ausgestaltung und das Zusammenwirken pädagogischer Prozesse in der Praxis?

 

Entgrenzungsformen von Erziehungs- und Bildungsorganisationen im privatwirtschaftlichen Kontext: das Qualitätsthema als thematische Klammer

Dr. Stefan Klusemann, Prof. Dr. Dieter Nittel, Marlena Kilinc
FernUniversität in Hagen, Deutschland

In dem Beitrag gehen wir auf Entgrenzungsphänomene ein, die sich im Zusammenhang mit der Institutionalisierung von bildungsbereichsübergreifend agierenden Erziehungs- und Bildungsorganisationen zeigen, die international operieren und auf Profit ausgerichtet sind. Dabei wird eine Mikro- und Makroperspektive eingenommen und die Frage nach der Klammerfunktion des Qualitätsthemas aufgeworfen: Welche Qualitätsverständnisse weisen die Einrichtungen dieses Organisationstyps auf? Welche Formen der bildungsbereichsübergreifenden Qualitätsentwicklung betreiben sie? Und welche Konvergenzen und Divergenzen zeigen sich im Vergleich zu anderen Einrichtungen des Erziehungs- und Bildungssystems?

In diesen Organisationen manifestieren sich Entgrenzungen auf mehreren Ebenen: eine Entgrenzung der Bildungsbereiche da sie gleich mehrere Segmente bedienen (z.B. Schule und Elementarbereich). Zudem handeln sie jenseits nationalstaatlicher Grenzen von Erziehung und Bildung und weisen insofern auf ein weltgesellschaftliches System des lebenslangen Lernens hin. Außerdem zeigt sich hier die Institutionalisierung gewichtiger „neuer“ Akteure im System, die bislang noch nicht im Fokus der Erziehungswissenschaften stehen.

 

Datum: Mittwoch, 16.03.2022
14:00 - 16:00"Für-Wahr-Halten – In-Geltung-Setzen – Autorisieren." Schulwissen unter Bedingung seiner Entgrenzung und In-Frage-Stellung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 03
 

Chair(s): Prof. Dr. Till-Sebastian Idel (Uni Oldenburg, Deutschland), Prof. Dr. Nadine Rose (Uni Bremen)

Dem Schulwissen kam lange Zeit hohe Geltung zu. Im Kontext aktueller gesellschaftlicher Veränderungen im Umgang mit Wissen (Digitalisierung, Produktion alternativer Fakten, Bubbles) wird die Wissenskonstruktion im Unterricht aus struktureller Sicht prekärer. Darüber hinaus führen individualisierende Perspektiven auf Lernprozesse in der Schulpädagogik und die bildungspolitische Kompetenzorientierung zur autoritativen Relativierung eines zunehmend unbestimmteren schulischen Wissenskanons. Unter der grundlegenden These, dass für die unterrichtliche Wissenskommunikation ein Geschehen der sozialen Konstruktion einer Wissensordnung konstitutiv ist, befasst sich die Arbeitsgruppe mit dem Fragekomplex, wie Schulwissen unter diesen Bedingungen autorisiert, in Geltung gesetzt und letztlich für wahr gehalten wird. In den Beiträgen werden diese Prozesse der Objektivierung, Subjektivierung, Autorisierung und Validierung aus bildungswissenschaftlicher und fachdidaktischer Sicht beleuchtet.

 

Beiträge des Panels

 

Wie konstituiert sich Schulwissen im Sachunterricht der Grundschule?

Prof. Dr. Lydia Murmann, Prof. Dr. Anja Starke
Uni Bremen

In der Grundschule ist der Sachunterricht das zentrale Fach zur Anbahnung fachlichen Wissenserwerbs so unterschiedlicher Schulfächer wie Geschichte, Physik oder Geografie (GDSU 2013). Ihm kommen eine propädeutische und eine Lebenswelt erschließende Funktion zu. Durch die Entwicklung hin zu einem inklusiven Schulsystem wird die auch zuvor schon bestehende Vielfalt in Schule gesteigert, zunehmend wahrgenommen und auch in Unterrichtskontexten konstitutiv. Die Auswahl, Inszenierung und sprachliche Vermittlung von Inhalten im Sachunterricht vollziehen sich zusätzlich in diversen konzeptionellen Spannungsfeldern (vgl. Murmann 2020). So stellen sprachliche Zugänglichkeit und fachliche Korrektheit durchaus konfligierende Zielvorstellungen dar, ebenso sind pädagogische Ziele, die Interessen und Bedürfnisse der Schüler*innen aufgreifen, mit (fach-)didaktischen Zielvorstellungen einer curricularen Orientierung auszubalancieren (vgl. Tempelmann u.a. 2021, Kern u.a. 2021). Die Autorisierung von Wissen erfolgt in der Grundschule in hohem Maße durch die Lehrperson. Anhand von Vignetten untersuchen wir, welche Inhalte und Darstellungsformen Lehrpersonen mit welchen Begründungen autorisieren und wie sie Entscheidungen vor dem Hintergrund sprachlicher und inhaltlicher Differenzierungsnotwendigkeiten und konzeptioneller Zielkonflikte reflektieren.

 

Digitalisierung von Bildungsmedien

Dr. Martin Karcher1, Trupp Johann2, Voß Christin1, Ntonti Antigoni1, Prof. Dr. Thomas Höhne1
1HSU Hamburg, 2Leibniz-Institut für Bildungsmedien | Georg-Eckert-Institut

Lernen wurde und wird in seiner institutionalisierten schulischen Form stets mittels Medien vollzogen und Schulbücher bilden das klassische und zentrale Bildungsmedium, in dem das als relevant erachtetes Schulwissen für die vielfältigen Vermittlungszwecke manifestiert ist. Nach der Erfindung der Schrift und des Buchdrucks, so Michel Serres, wandle „sich die Pädagogik völlig mit den neuen Technologien“ (2016: 21). Mit der Digitalisierung verändern sich – so die zentrale These – Produktions- und Rezeptionsformen von Bildungsmedien in entscheidender Weise, was wiederum Effekte für Lernpraktiken zeitigen könnte, so unsere weitergehende Vermutung. Denn es lässt sich seit mehreren Jahren beobachten, wie sich das einstmalige Monopol der Schulbuchverlage auflöst und ein mittlerweile kaum zu überblickender Markt an digitalen Bildungsmedien-Anbietern entstanden ist. Hierbei wirkt die Coronakrise wie ein Katalysator. Hinzu kommen noch die veränderten bildungspolitischen und curricularen Bedingungen seit PISA, d.h. die Kompetenzorientierung, Bildungs- statt Lehrpläne, Output-Orientierung usw. Zu befürchten ist ein Verdichtungseffekt von bildungspolitischem Umsteuern und Digitalisierung. Im DFG-Projekt zu ‚Bildungsmedien 4.0‘ untersuchen wir diese digitalen und bildungspolitischen Transformationen des Bildungsmedienfelds, die sich – so eine weitere These – bis auf die Ebene des Schulwissens auswirken und es nachhaltig verändern, was wir beispielhaft zeigen wollen.

 

Rekonstruktion von Angeboten zur Herstellung von Geltung in mathematischen Erklärvideos: (Wie) geht das?

Martin Ohrndorf, Prof. Dr. Maike Vollstedt, Prof. Dr. Florian Schmidt-Borcherding
Uni Bremen

Der Einsatz von multimedialen Erklärvideos gewinnt seit 10 Jahren an Bedeutung (Dorgerloh & Wolf, 2020; Moussiades et al. 2019). Erklärvideos stehen auf Online-Plattformen leicht zugänglich zur Verfügung und werden von Schüler*innen der Sekundarstufe zum Lernen genutzt. Zahlreiche Studien zeigen, dass die Nutzung digitaler Lernumgebungen positive Auswirkungen auf Lernprozesse von Schüler*innen hat (Hillmeyr et al. 2017). Ein Element für das erfolgreiche Lernen schulischer Inhalte ist nach Hofer (2010) eine subjektive Akzeptanz der Geltung des Gelernten. Doch wie gestaltet sich die Herstellung von Geltung bei der Nutzung von mathematischen Erklärvideos? Bislang wurden Erklärvideos vorwiegend im Hinblick auf allgemeine Design- und fachdidaktische Qualitätskriterien, zum Beispiel in der Physik (Kulgemeyer 2019), untersucht. Für die Mathematik sind solche Untersuchungen bislang kaum vorhanden (z.B. Marquardt 2016; Treidt 2020). Diese Studie untersucht, inwieweit Erklärvideos Angebote zur Herstellung von Geltung unterbreiten und wie diese durch allgemeine Design- und mathematikdidaktische Qualitätskriterien beeinflusst werden. Dafür werden die Videos inhaltsanalytisch untersucht und induktiv bzw. deduktiv kodiert. Im Vortrag wird ausgelotet, inwiefern das Konzept der Geltung nach Bardy (2015) auf mathematische Erklärvideos übertragen werden kann und welche Arten der Angebote zur Herstellung von Geltung rekonstruiert werden können.

 

Wie Digitalisierung ein Bild von Gesellschaft erzeugt und unsere Meinungsbildung darüber prägt

Prof. Dr. Andreas Klee1, Dr. Schmidt Jan-Hinrik2
1Uni Bremen, 2Hans Bredow Institut

Als Teil und Gegenüber von Gesellschaft ist politische Bildung dauerhaft in soziale Wandlungsprozesse verwickelt. Dies gilt insbesondere wenn sich der gesellschaftliche Wandel auf eine ihrer Kernaufgaben, nämlich die Wahrnehmung und Beurteilung „gesellschaftlicher Entwicklungen“ und damit verbunden das Erzeugen und Fortschreiben eines gesellschaftlichen Konsenses über das, was als wahr und bedeutsam gilt, bezieht (Schmidt 2019). Es wird hier von der These ausgegangen, dass die voranschreitende digitale Formalisierung politischer Artikulationen und die Wahrnehmung gesellschaftlicher Prozesse durch Digitalisierung und Datafizierung (Williamson, Bayne & Shay 2020; Mau 2017) neuer Kompetenzen bei Lernenden und Lehrenden sowie neuer didaktischer und methodischer Prinzipien zu deren Anbahnung bedarf. Das didaktische-methodische Konzept des „DataSprint“ greift dieses Verständnis auf. Das innovative Format zielt darauf ab, die digitale Darstellung und Beschreibung von Gesellschaft im Rahmen eines Lehr-Lernprozesses erlebbar und aus wissenschaftlicher Perspektive beobachtbar zu machen. Der Vortrag versucht die Veränderungen, die Digitalisierung für die Darstellung und Wahrnehmung von Gesellschaft mit sich bringt, konzeptionell zu fassen, leitet hieraus Leitlinien für eine politikdidaktische Begegnung ab und präsentiert erste empirische Einblicke (Teilnehmende Beobachtung, Interviews mit Teilnehmenden, Evaluation) in ein mögliches Format (DataSprint) zu deren praktischen Umsetzung.