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Sitzungsübersicht
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 35
948 2531 6752, 565138
Datum: Montag, 14.03.2022
17:00 - 18:00Erbe und Zukunft: Ent/Grenz/ungen in Bildungs- und Kulturräume. Perspektiven aus der Arbeit der UNESCO
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 35
Chair der Sitzung: Prof. Dr. Christoph Wulf, Freie Universität Berlin
 

Christoph Wulf

Freie Universität Berlin, Deutschland

Eine Informationsveranstaltung von Deutsche UNESCO-Kommission/Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft.

Einen Beitrag dazu zu liefern, wie die Weltgemeinschaft mit dem Erbe von Natur und Kultur unter den Bedingungen des Anthropozäns kreativ umgehen kann, ist eine zentrale Aufgabe der UNESCO. Da sie eine multilaterale Institution ist, spielen Grenzen, Entgrenzungen und Begrenzungen eine zentrale Rolle. Daher soll die Bedeutung von Grenzen und Entgrenzungen in vier Bereichen untersucht werden, in denen die UNESCO wichtige Bildungsprobleme bearbeitet. Erstens: Wie verändern sich im Anthropozän die Grenzen zwischen kulturellem Erbe und Naturerbe und welche Bedeutung hat die Gemeinsamkeit des Erbes für Grenzziehungen und Entgrenzungen? Zweitens: Welche Potentiale hat ein kreativer Umgang mit Grenzen für die Verwirklichung nachhaltiger Entwicklung in Erziehung und Bildung? Drittens: Wie wird kulturelle Bildung von anderen Formen der Bildung unterschieden und welche Erziehungs- und Bildungsmöglichkeiten entstehen aus diesen Formen der Entgrenzung und Begrenzung? Viertens: Welche Fragen und Probleme ergeben sich aus der weltweiten digitalen Transformation und der damit verbundenen Entgrenzung von Wissen und Kommunikation?

Prof. Dr. Christoph Wulf (Bonn/Berlin): Die Gestaltung des Natur- und Kulturerbes im Anthropozän. Zur Veränderung überkommener Grenzziehungen

Prof. Dr. Inka Bormann (Berlin): Nachhaltige Entwicklung als Bildungsaufgabe. Zur Notwendigkeit neuer Werte und den Herausforderungen eines kreativen Umgangs mit Grenzen.

Prof. Dr. Annette Scheunpflug (Bamberg): Kulturelle Bildung in der Weltgesellschaft. Über die Veränderung traditioneller Grenzziehungen.

Prof. Dr. Benjamin Jörissen (Erlangen-Nürnberg). Die Entgrenzung von Erziehung und Bildung in der digitalen Transformation und die Notwendigkeit neuer Grenzen.

 

Datum: Dienstag, 15.03.2022
9:00 - 11:30Transmigration und Place-Making geflüchteter Kinder und Jugendlicher - Methodologisch-methodische Herausforderungen des Forschens mit jungen Geflüchteten und Ergebnisse ausgewählter qualitativer Studien
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 35
 

Chair(s): Prof. Dr. Charlotte Röhner (Goethe Universität Frankfurt, Deutschland)

Bei den grenzüberschreitenden Migrationsprozessen im 21. Jahrhundert handelt es sich um Erscheinungsformen von Migration, in welchen transnationale Sozialräume durch mehrere Wohn- und Lebensorte an verschiedenen geographischen Standorten aufgespannt werden. Die im Symposium versammelten Beiträge greifen subjektivierungstheoretische, praxistheoretische und raumtheoretische Perspektiven auf, um die Umgangsweisen von Kindern und Jugendlichen mit Herausforderungen im Kontext von (Flucht-)Migrationsprozessen herauszuarbeiten. Dabei werden die Selbst- und Fremdpositionierungen migrierter Kinder und Jugendlicher in den zugewiesenen Räumen der jeweiligen Zuwanderungsgesellschaft und die damit verbundenen sozialen Ein- und Ausschlussprozesse fokussiert. Dies wird auf der Grundlage ausgewählter qualitativ-empirischer Studien in Malta, Deutschland und Griechenland untersucht und im Hinblick auf die damit verbundenen forschungsmethodologisch-ethischen Dimensionen reflektiert.

 

Beiträge des Panels

 

Gekommen, um zu bleiben? Junge Geflüchtete, der maltesische Inselstaat und Praktiken des Place-Making

Dr. Laura Otto
Goethe Universität Frankfurt

Weltweit sind rund 30 Millionen Minderjährige allein auf der Flucht; einige kommen nach Europa. Ist unklar, wie alt sie sind, wird in der Regel in Altersfeststellungsverfahren durchgeführt. Wer als unter 18 Jahre alt gilt, wird als ‚unbegleiteter, minderjähriger Flüchtling’ kategorisiert und betitelt. Auf Basis ethnographischen Materials, welches mit jungen Geflüchteten auf Malta generiert wurde, zeigt dieser Vortrag, wie sie die mittelmeerische Insel, die seit 2004 Teil der EU-Außengrenze ist, wahrnehmen, sich aneignen und navigieren. Es werden dabei vielfältige Entgrenzungen, Begrenzungen und Verortungen herausgearbeitet, die mit der Kategorisierung als ‚unbegleiteter, minderjähriger Flüchtling‘ zusammenhängen. Im Zentrum des Beitrags stehen Praktiken des Auf-Malta-Bleibens, des Weggehens von der Insel, sowie des Zurückkehrens nach Malta. Der Inselstaat wird – entgegen der Vorstellung der Insel als ‚Gefängnis‘ – zur Drehscheibe der Transitmigration junger Menschen. Durch die Fokussierung auf die Place-Making-Praktiken der jungen Geflüchteten werden sie nicht nur als agentitiv handelnde Subjekte verstanden, sondern es wird auch gezeigt, wie sie (formelle und informelle) Entgrenzungen, Begrenzungen und Verortungen im EU-Grenzregime herausfordern und aktiv mitgestalten.

 

Place-Making-Prozesse und plurilokale Selbstverortungen geflüchteter Kinder und Jugendlicher – Methodische Zugänge und Ergebnisse ausgewählter Fallstudien

Prof. Dr. Charlotte Röhner1, Laura Heiker2
1Goethe Universität Frankfurt, 2Universität Frankfurt

Welche Raumaneignungsprozesse Kinder und Jugendliche im Transmigrationsprozess verfolgen, um sich in einem Aufnahmeland zu verorten, wurde bei acht Kindern im Alter von sieben bis 13 Jahren und sechs Jugendlichen aus Afghanistan, Eritrea, Irak und Syrien mit Hilfe der Photo Voice Methode (Wang & Burris 1997; Wuggenig 1990; Flick, Kardoff & Steinke 2009; Kaiser 2017) untersucht. Forschungsleitend ist die Fragestellung nach den Prozessen des Place-Makings geflüchteter Kinder und Jugendlicher im Aufnahmeland und ihrer Selbstverortung im transnationalen Raum. In der erziehungs- und sozialwissenschaftlichen Raumtheorie werden unter Place-Making Prozesse der Raumwahrnehmung, - nutzung und –gestaltung verstanden (Werlen 2010; Fritsche, Lingg &Reutlinger 2010). Insofern wird in der Studie danach gefragt, wie geflüchtete Kinder und Jugendliche die neuen Sozialräume wahrnehmen, aneignen, beurteilen. Dies wurde mit Hilfe der Photo-Voice-Methode untersucht, bei der die Teilnehmer:innen themenspezifisch einen Satz von Fotos selbst erstellen und die Deutungen der Fotos aus der Perspektive der Proband:innen erfolgt (Wang & Burris 1997; Wuggenig 1990; Flick, Kardoff & Steinke 2009; Kaiser 2017). Wie transnationalen Beziehungen im digitalen Raum gestaltet werden, wurde über Screenshots erfasst. Im Vortrag werden ausgewählte Fallstudien zu Transmigration und Place-making geflüchteter Kinder und Jugendlicher vorgestellt.

 

Vorstellungen vom „guten Ankommen“ in Deutschland: räumliche und soziale Bezüge in Zeichnungen neu zugewanderter Kinder

Prof. Dr. Alexandra König, Dr. Jessica Schwittek
Universität Duisburg-Essen

In einer multimethodisch ausgelegten Studie zu den sozialen Welten neu zugewanderter junger Menschen wurden unter anderem Gruppendiskussionen zum Prozess des „Ankommens in Deutschland“ geführt. Für den jüngeren Teil des Samples (18 Kinder im Alter zwischen 9 und 11 Jahren) wurde als Stimulus eine Bildergeschichte verwendet, die in stilisierten Darstellungen die Geschichte einer Reise erzählt. Die Teilnehmer:innen der Gruppendiskussionen wurden gebeten, ein Bild zu malen, das die Geschichte als „gutes Ankommen“ weitererzählt. Über diese wurde dann in der Gruppe diskutiert. Insgesamt 5 Gruppendiskussionen sowie die dazugehörenden 15 Zeichnungen sind Gegenstand der Analyse, deren Ergebnisse im Vortrag präsentiert werden. Drei zentrale Themen kommen in den Zeichnungen zum Ausdruck: die Anbindung an die Peers, die Positionierung als Schulkind und die Verortung im eigenen privaten Raum. Im Vortrag wird herausgearbeitet, wie die Kinder über diese Themen Positionierungen im physischen wie im sozialen Raum entwerfen und verhandeln. Aus einer interaktionistischen Perspektive fragen wir außerdem danach, inwieweit sie dabei auf eigene (biographische) Erfahrungen und (zukunftsbezogene) Erwartungen Bezug nehmen. Das methodische Vorgehen der Gruppendiskussion mit dem genannten Stimulusmaterial wird mit Blick auf seine Potentiale und Problematiken kritisch diskutiert.

 

Methodological challenges in the conduct of research with refugee children in Greece

Dr. Anneta Potsi1, Dr. Zoi Nikiforidou2
1Universität Bielefeld, 2Liverpool Hope University

This contribution provides insights on refugee children’s thinking, actions and worlds focusing on their experiences and conceptualizations of well-being and brings to the fore the methodological challenges and issues we faced in the process of collecting qualitative data. The data were collected from refugee children attending the pedagogical activities of a community center and inhabiting in private settlements in the mainland of Greece. The aim of this presentation is to expose the methodological and ethical issues we encountered before and during the data collection. Through the case study of 4 Afghan children (4, 6,7 and 8 years-old) we critically reflect on the methodological tools used as a means of exploring refugee children’s sense of wellbeing. The use of the mosaic approach devised by Clark and Moss (2011), which combines methods, strategies and tools that piece together to form a fuller picture of young children’s perceptions enabled us to generate data from multiple sources which we pieced them together and interpreted them from multiple perspectives.

 
14:00 - 16:00Kein Unterricht, aber Schule: (mediale) Praktiken an der Peripherie von Schule-halten
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 35
 

Chair(s): Dr. Isabel Neto Carvalho (TU Kaiserslautern, Deutschland), Prof. Dr. Mandy Schiefner-Rohs (TU Kaiserslautern, Deutschland), Carina Troxler (TU Kaiserslautern, Deutschland)

Die Pandemiegeschehen zeigt, dass Unterricht ein fragiles Konstrukt ist, für das es aktuell neue Beschreibungen braucht. Meist wird gefragt, was „guter“ Unterricht sei, und dies unterschiedlich beantwortet. Anders als in praxeologisch-kulturtheoretischen Unterrichtsdiskursen, bleibt hier ungeklärt, wie Unterricht, als Konglomerat aus performativen Handlungsakten und Subjektpositionierung, immer wieder neu hervorgebracht wird. Die Schulschließungen haben Entgrenzungsprozesse in ungeahnter Weise sichtbar gemacht. Schule in der Digitalität lässt die zur Hilfe genommenen Grenzen institutioneller Rahmungen wie Raum und Zeit verschwimmen. Die Arbeitsgruppe erkundet Orte und Zeitgefüge, an denen „Schule“ stattfindet, die aber aus Akteursperspektive kein „Unterricht“ im engeren Sinn sind. Sie analysiert aus einer interdisziplinär-ethnographischen Perspektive Praktiken, die an der Grenze von unterrichtlichem Geschehen stattfinden, um sich von „Außen“ einer Bestimmung von Unterricht anzunähern.

 

Beiträge des Panels

 

„Zuhause-Schule“ – Ethnographische Beobachtungen zu Unterricht außerhalb der institutionellen Grenzen von Raum und Zeit

Dr. Isabel Neto Carvalho, Prof. Dr. Mandy Schiefner-Rohs, Carina Troxler
TU Kaiserslautern, Deutschland

Der Frage folgend, wie sich unterrichtliches Geschehen an seinen Grenzen zeigt, werden im Vortrag aus medien- und schulpädagogischer Perspektive Einblicke in Praktiken von Lehrpersonen, Schüler*innen und Eltern während der Schulschließungen im letzten Jahr gegeben. Zur Erweiterung und empirischen Sättigung der v.a. quantitativ geprägten Forschungsperspektive (vgl. z.B. Fickermann & Edelstein, 2020) auf die „Zuhause-Schule“ (der Begriff wird von einer der von uns untersuchten Familien verwendet) nehmen wir ethnographisch-rekonstruierend (Heim-)Arbeitsplätze von Lehrer*innen und das Lerngeschehen im Zuhause der Schüler*innen in den Blick, um die Vorbereitung und Umsetzung von Lernofferten zu beobachten. Im Rahmen des Vortrags werfen wir Schlaglichter auf verschiedene (mediale) Praktiken: Vorbereitungspraktiken von Lehrpersonen, die z. B. nach multimedialen Lernmitteln recherchieren und Lehrfilme produzieren. Im Zuhause der Schüler*innen sind ebenso sich transformierende Praktiken erkennbar: wir sehen Eltern, die Lernstoff selektieren, reduzieren und alternative Lernwege suchen. Diese ordnen wir schultheoretisch betrachtet dem Kerngeschäft von Lehrpersonen zu. Demnach lassen sich auch Rollenwechsel erkennen, durch die Eltern zu aktiven (Co-)Gestalter*innen der Zuhause-Schule werden. Durch das In-Beziehung-Setzen dieser unterschiedlichen Praktiken an den Grenzen von Schule und der damit verbundenen Ent-Grenzung von Unterricht kann auf dessen aktuelle Gestalt geschlossen werden.

 

“Ringen um Ordnung” an den Rändern von Schule – (Un)doing School in außerunterrichtlichen Ganztagsangeboten

Prof. Dr. Till-Sebastian Idel
Karl von Ossietzky-Universität Oldenburg, Deutschland

Der Vortrag stützt sich auf Ethnographien außerunterrichtlicher Angebote in ganztägigen Schulen der Sekundarstufe I, die in einem gerade abgeschlossenen DFG-Projekt durchgeführt wurden (Graßhoff et al. 2020). Das Projekt rekurriert auf praxistheoretische Entwürfe zu einer Theorie der Lernkultur (Idel/Rabenstein 2019), die nicht auf Unterricht fixiert ist und einen heuristischen Rahmen für komparative Analysen zu Verschiebungen schulischer Praktiken bietet. Für den Vortrag werden jene (in Ganztagsschulen nicht geringen) Angebote in den Blick genommen, die von pädagogischen Laien veranstaltet werden. Diese Personen verfügen über keine formale pädagogische Qualifizierung und sind nur sehr lose als Grenzgänger oder Zaungäste in den schulischen Betrieb eingebunden. Sie kennen die Schüler*innen meist nur flüchtig, weil die Gruppen in diesen Angeboten in der Regel halbjährlich wechseln. Die teilnehmenden Beobachtungen weisen darauf hin, dass in diesen Angeboten in besonderer Weise jene rahmenden institutionellen Strukturierungen, auf die sich die Interaktionspraxis des Unterrichts quasi gratis “verlassen” kann, dispensiert sind. Die Konstitutionsprozesse einer sozialen und pädagogischen Ordnung sind in diesen Angeboten wesentlich fragiler. Der Vortrag zeigt, wie unter diesen Bedingungen schulische Praktiken moduliert werden, um Ordnung gerungen wird und in diesen explizit als unterrichtsfern deklarierten Angeboten in ambivalenter Weise Elemente des Unterrichts zitiert werden.

 

Unterrichtsvorbereitung. Medienpraktiken vor dem Gong

Dr. Tobias Röhl
Pädagogische Hochschule Zürich, Schweiz

Der schulische Mediengebrauch beginnt nicht erst mit dem Gong. Schon vor Unterrichtsbeginn müssen digitale wie analoge Medien auf den Unterricht vorbereitet werden, damit sie dort Praxis vorwegnehmen und in der Praxis verwendet werden können. Diese Form der Unterrichtsvorbereitung findet an unterschiedlichen Orten statt. In der Lehrmittelindustrie gestalten die Hersteller die Unterrichtsmedien so, dass sie bestimmten Annahmen über Bildung entsprechen (Kalthoff et al., 2020). Auf Bildungsmessen wie der didacta werden diese Medien vermarktet und durch Überbietungs- und Revolutionsnarrative zu begehrenswerten Produkten gemacht. In der Unterrichtsvorbereitung sorgen Lehrpersonen für einen reibungslosen Ablauf und eine mediale Verdichtung. Der Beitrag entwickelt seine Argumentation auf Grundlage verschiedener ethnographischer Forschungsprojekte zur sozio-materiellen Dimension schulischer Bildung. Schulische Bildung – so zeigt der Beitrag – ist auch schon vor Corona und dem digitalen Wandel ein verteiltes, transsituatives Geschehen. Verschiedene Akteure arbeiten schrittweise daran, dass Unterrichtsmedien etwas schulisch Relevantes zeigen können.

 

“Schule – Nicht-Schule – Nicht-Nicht-Schule” – Entgrenzungspotenziale ästhetischer Praktiken in Schule und Unterricht

Dr. Tanja Klepacki
Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg, Deutschland

Ästhetischen Praktiken wird vielfach nicht nur ein besonderes Bildungspotenzial zugeschrieben, sie gelten auch - zumindest wenn sie konventionalisierte kulturelle Formen nicht lediglich affirmativ reproduzieren, sondern diese iterativ-tentativ transformieren – als kulturelle Artikulations- und Handlungsweisen, die den schulisch-unterrichtlichen Alltag potentiell variieren können und tradierte Grenzen von Schule und Unterricht – im metaphorischen wie topographischen Sinne – hinterfrag- und verhandelbar werden lassen.

Ausgehend von einem Verständnis von Schule, das diese als einen zentralen Ort der Präsentationen und Repräsentation von Kultur – im weitesten Sinn – in den Blick nimmt (Mollenhauer 2003), geht dieser praxeologisch-kulturtheoretisch orientierte Vortrag anhand empirischer Beispiele der Frage nach, inwiefern ästhetische Praktiken – sei es nun in den tradierten, dezidiert kunstästhetisch ausgewiesenen Fächern, v.a. aber auch darüber hinaus – aufgrund der potenziell transgressiv-explorativen Grundstruktur ästhetischer Artikulationsweisen (Jörissen 2015) dazu beitragen können „Third Spaces“ (Bhabha 2000) – im Sinne eines liminalen Zwischenraums von Schule, Nicht-Schule und Nicht-Nicht-Schule (Schechner 1990) – zu eröffnen, in denen aufgrund der Herstellung von Unbestimmtheit (Marotzki 1988) sowie vor dem Hintergrund neu- und andersartiger Relationierungsangebote bspw. Subjektpositionen jenseits tradierter kultureller Normen hervorgebracht und eingenommen werden können.

 

Datum: Mittwoch, 16.03.2022
9:30 - 11:30Be-oder entgrenzende Erziehungswissenschaft? Qualifizierung und Prekarisierung von Wissenschaftler*innen als Motoren der Disziplin
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 35
 

Chair(s): Stefanie Leinfellner (Universität Paderborn, Deutschland), Friederike Thole (Universität Kassel)

Das Forum widmet sich dem Lebens- und Arbeitskontext von Wissenschaftler*innen jenseits unbefristeter Professuren und analysiert die möglichen Auswirkungen eines qualifizierenden wie prekarisierenden Wissenschaftssystems auf die Bedingungen der Wissensproduktion in der Erziehungswissenschaft. Hierzu wird (1.) die Historie und scheinbar grenzenlose Expansion der Erziehungswissenschaft ab den 1960er Jahren aus der Perspektive damals aktiver Wissenschaftler*innen beleuchtet; (2.) werden Subjektformationen von wissenschaftlich tätigen Paaren bei der Ausbalancierung entgrenzter Familien- und Berufsalltage fokussiert; und (3.) stehen aktuelle Perspektiven von Erziehungswissenschaftler*innen im Zentrum, die be- wie entgrenzenden Rahmenbedingungen ausgesetzt sind. Alle Beiträge nähern sich dem Themenfeld aus biographischer Perspektive und versuchen, die Entgrenzungen einer evidenz- wie profitabilitätsorientierten Forschungslandschaft aus Akteur*innenperspektiven in den Blick zu nehmen.

 

Beiträge des Panels

 

Erziehungswissenschaftliche Biographien zwischen Bildungsexpansion, empirischer Wende und Kritischer Universität

Friederike Thole
Universität Kassel

Dieser Forumsbeitrag soll einen exemplarischen Einblick in Wissenschaftsbiographien während des expansiven Ausbaus der Erziehungswissenschaft ab Mitte der 1960er bis in die 1980er Jahre geben – eine Zeit, die nicht nur geprägt war von einem Anstieg der Studierendenzahlen, sondern auch von einem (fast grenzenlosen) Mehr an Qualifizierungsarbeiten und Drittmittelförderungen (vgl. Lüders 1997; Schulze-Krüdener 2005). Eine Zeit, in der eine Generation im Wissenschaftssystem heranwuchs, die sich durch eine besondere Theoriearbeit profilierte (vgl. Felsch 2015) und deren Qualifizierungsphase geprägt war durch das Klima der ‚langen 68er’ (vgl. Hodenberg/Siegfried 2006). Weiter war diese Zeit neben dem quantitativen Ausbau – bezogen auf die Inhalte der Erziehungswissenschaft – eine Zeit des Umbruchs, kam es doch zu einer ‚Empirischen Wende’ (vgl. Tenorth 1986) und zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der bis dahin dominierenden Geisteswissenschaftlichen Pädagogik (vgl. Peukert 1983).

Die hier verwendeten biographischen Interviews sollen die subjektiven Perspektiven auf entgrenzte erziehungswissenschaftliche Karrierewege in dieser Zeit des Auf- und Umbruchs beleuchten, um so diskutieren zu können, was diese zeithistorisch besonderen Bedingungen im Wissenschaftssystems eventuell für Folgen für erziehungswissenschaftliche Lehre und Forschung gehabt haben (können).

 

Subjektformationen und Entgrenzungspotenziale von in der Wissenschaft beschäftigten Elternpaaren

Stefanie Leinfellner
Universität Paderborn

Im zweiten Beitrag geht es um die Vermischung wirtschaftlicher und familiärer Interessen im Arbeitskontext Wissenschaft, die an vermehrt wettbewerbsorientierten Universitäten (Riegraf/Weber 2013) insbesondere dann deutlich wird, wenn sich Wissenschaftler*innen – trotz vergleichsweise hoher Kinderlosigkeit in diesem Arbeitsfeld (Metz-Göckel et al. 2014) – für Elternschaft entscheiden. Durch die Auswertung biographischer Interviews und mittels einer gouvernementalitätsanalytischen Perspektive richtet der Vortrag seinen Blick auf die Organisation Wissenschaft als Arbeitskontext, die darin beschäftigten Eltern sowie deren politisches Selbstbild. Ökonomischen Interessen folgend werden sie im Sinne eines ‚Sich-selbst-Regierens‘ als leistungsfähige Erkenntnissubjekte (Beaufaÿs 2003) in von Unsicherheit, Entgrenzung und Prekarisierung geprägten Beschäftigungsverhältnissen angeleitet. Infolge sind sie bestrebt (1.) ihren wissenschaftlichen Karriereverlauf, (2.) Forschungsaktivitäten und (3.) einen marktwirtschaftlich orientierten Universitätsalltag effizient auszugestalten und zugleich selbstoptimiert mit ‚privaten‘ Belangen wie Elternschaft und Familie zu organisieren (Leinfellner/Bomert 2016). Gefragt wird danach, ob die Befragten Kritik an Kontextfaktoren und Leitbildern üben, oder ob sie selbst zu den „social agents“ werden, denen der auf Entgrenzung setzende Ethos zu seiner Operationalisierung bedarf?

 

Biographische Konstruktionen und Entgrenzungserfahrungen von Wissenschaftler*innen jenseits unbefristeter Professuren

Julian Sehmer1, Stephanie Simon2
1ITES, HAWK Holzminden, 2Universität Kassel, ITES

Gegenwärtige Veränderungen der Arbeits- und Lebensbedingungen von Wissenschaftler*innen jenseits unbefristeter Professuren können ungleichheitsverstärkende Wirkung haben – darauf deuten u.a. Ergebnisse zum Promotionserfolg hin (Matthes 2018; Baader/Korff 2017). Was bedeutet das für eine Disziplin? Im Feld der Hochschulforschung lassen sich kaum systematische Forschungsstränge identifizieren, die sich qualitativ mit Fragen wie dieser beschäftigen. Es existieren quantitative Studien, die sich mit Absolvent*innen oder -abbrecher*innen (Franz 2018) auseinandersetzen und Arbeiten, die strukturelle Veränderungen nachzeichnen, z.B. den Wandel von Studiengängen und seine Folgen für die Erziehungswissenschaft (Grunert/Ludwig 2018). Über die Personen, die einen Großteil von Lehre und Forschung an Hochschulen und Universitäten tragen, liegen wenig Befunde zur Analyse der „Karrierewege“ in- wie außerhalb der Wissenschaft vor (Kosmützky et al. 2017).

Im dritten Beitrag werden empirische Einblicke in die Biographiekonstruktionen von Wissenschaftler*innen jenseits unbefristeter Professuren gegeben. Ziel ist es, deren Deutungen des erziehungswissenschaftlichen Feldes vor dem Hintergrund der von ihnen eingeschlagenen Wege in die Wissenschaft sowie der von ihnen wahrgenommenen Be- wie Entgrenzungen im Feld der hochschulischen Forschung und Lehre zu rekonstruieren.

 
14:00 - 16:00Entgrenzung empirischer Paradigmen für die Genese von Erkenntnis: erkenntnistheoretische Chancen und wissenschaftstheoretische Herausforderungen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 35
 

Chair(s): Dr. Caroline Rau (Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Deutschland)

Die Praxis der empirischen Forschung entwickelt sich im Moment schnell weiter. Traditionelle Grenzen der Paradigmen sowie der damit verbundene klare lehrbuchartige Zuschnitt einzelner Methoden oder methodologischer Zugänge verlieren ihre orientierende Funktion. Im Rahmen der Weiterentwicklung hypothesengenerierender und hypothesenüberprüfender Verfahren sowie im Umgang mit Mixed Methods Ansätzen entstehen damit spezifische Herausforderungen. Konkret stellt sich z.B. die Frage, wie rekonstruktiv-qualitative Forschungsbefunde in quantitative Forschungsdesigns überführt werden können – und umgekehrt. Die epistemische Erwartung in der Kombination mehrerer Paradigmen liegt darin, dass ebendiese einen enormen Zuwachs an Erkenntnisgewinn nach sich ziehen kann. Zugleich bedarf die Kombination derselben aber einer wissenschafts- sowie erkenntnistheoretischen Fundierung, um entsprechende Implikationen der Entgrenzung von Paradigmen reflexiv begegnen und entsprechend weiterentwickeln zu können.

 

Beiträge des Panels

 

Die Übersetzung von Skalen in Kodierregeln und die damit verbundenen Probleme der Kontextualität von Konstrukten

Martina Osterrieder, Anne-Christine Banze, Prof. Dr. Annette Scheunpflug
Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Dieser Beitrag legt methodologische Herausforderungen bei der Übersetzung eines psychologischen, quantitativ fundierten Wertemodells für eine qualitative Auswertung dar. Konkret wurde aus den Skalen eines Fragenbogens – dem PVQ5X Value Survey (Schwartz, 2012) – deduktiv ein Kategoriensystem entwickelt, das im Kontext einer Qualitativen Inhaltsanalyse zum Einsatz kam und induktiv weiterentwickelt wurde. Als Datenbasis für die Qualitative Inhaltsanalyse und die Weiterentwicklung des Kategoriensystems dienten Lehrpläne und die darin formulierten Bildungs- und Erziehungsziele, die hinsichtlich der sich in ihnen manifestierenden Werte untersucht wurden. Im Beitrag werden die Herausforderungen der Übersetzung des quantitativen Erhebungsinstruments in das qualitative dargestellt. Zudem wird aufgezeigt, wie die deduktiv-induktive Entwicklung des Kategoriensystems und die damit generierten Befunde das Fragebogenkonstrukt für eine inhaltliche Weiterentwicklung auf der Itemebene angeregt haben. Denn die qualitativ-inhaltsanalytische Auswertung der Lehrpläne deckte gesellschaftliche und institutionenspezifische Erwartungserwartungen (Luhmann, 1984) von Werten auf, während der Fragebogen in seiner Erstfassung zunächst lediglich Selbstauskünfte von Individuen festhält. Ziel des Beitrages ist es, die forschungspraktischen Herausforderungen dieser Untersuchung methodologisch zu systematisieren sowie diese erkenntnis- und wissenschaftstheoretisch einzuordnen.

 

Methodische Herausforderungen bei der Entwicklung eines Messinstruments auf Basis qualitativ-rekonstruierter Primärdaten in Form von Idealtypen

Jana Costa1, Dr. Caroline Rau2
1Leibniz-Institut für Bildungsverläufe e.V., 2Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Im Beitrag wird die Entwicklung und Validierung eines Messinstruments auf Basis der Ergebnisse einer qualitativ-rekonstruktiven Forschungsarbeit zu epistemologischen Überzeugungen (EpÜ) von Lehrkräften geisteswissenschaftlicher Fächer (Rau, 2020) vorgestellt. Der Schwerpunkt liegt auf der Präsentation einer Systematik zur Überführung qualitativ-rekonstruierter Idealtypen (Weber, 1988), die mittels Dokumentarischer Methode (Bohnsack, 2014) gewonnen wurden, in ein quantitatives Messinstrument. Während bisherige Mixed Methods Forschung häufig auf die Durchführung eines Gesamtprojekts unter Rückgriff auf verschiedene Designs fokussiert ist und die sinnvolle Verknüpfung von quantitativen und qualitativen Methoden auf einer allgemeinen Ebene diskutiert (z.B. Kuckartz, 2014), steht in diesem Projekt das Potenzial bereits existierender qualitativer Primärdaten für die Entwicklung eines quantitativen Messinstruments im Mittelpunkt. Präsentiert werden die Ergebnisse eines quantitativen Pretests (n=200) sowie die damit verbundenen Möglichkeiten und Herausforderungen (1) in der Itementwicklung und (2) der Validierung der Items. Da bislang keine reliablen und validen Messinstrumente zur Erfassung EpÜ von Lehrkräften geisteswissenschaftlicher Fächer vorliegen (Rau, 2020; Priemer, 2006) ist die systematische Entwicklung psychometrisch belastbarer Skalen in diesem Bereich ein zentraler Beitrag zur Weiterentwicklung des Forschungsfeldes und für die Lehrkräftebildung(-sforschung).

 

Die Nutzbarmachung generalisierter Befunde der qualitativ-rekonstruktiven Forschung für Clusteranalysen

Dr. Caroline Rau, Dr. Matthias Borgstede
Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Im Rahmen einer qualitativ-rekonstruktiven Studie wurden die epistemologisch-impliziten Überzeugungen von Lehrkräften, die ein geisteswissenschaftliches Fach unterrichten, in den Blick genommen. Im Kontext der Generalisierung der Befunde wurden zunächst Idealtypen (Weber, 1988) gebildet: Darin konnte gezeigt werden, dass Lehrkräfte um die Geltung von Lesarten ringen und eben diese über unterschiedliche Verfahren ausweisen. Diese Idealtypen dienen als „Utopie“ (Weber, 1988), mittels derer – in ihrer Funktion als heuristisches Konstrukt – empirische Einzelfälle wiederum analysiert werden können. Nun zeigen aber bisherige Untersuchungen, dass Lehrkräfte diese abtstrakten Idealtypen häufig nicht als Reflexionsfolie für ihren eigenen Habitus anwenden können: Denn die Analyse des eigenen Habitus setzt voraus, dass Lehrkräfte ihrem eigenen impliziten Überzeugungssystem anhand der Idealtypen explikativ-reflexiv begegnen können. Basierend auf diesen Befunden wurde ein diagnostisches Selbstmessinstrument entwickelt, mittels dessen die Lehrkräfte die Qualia ihrer eigenen epistemologischen Überzeugungen einschätzen können. Dabei wurde das Konzept der Idealtypen in ein quantitatives Klassifikationsmodell übersetzt. Hierfür wurde zunächst eine theoriebasierte k-Means Clusteranalyse durchgeführt, an welche sich eine Diskriminanzanalyse anschloss. Auf diese Weise wurde ein abstraktes Bezugssystem konstruiert, das maximal zwischen den Typen differenziert.

 

Formen der Generalisierung und Replikation qualitativer und quantitativer Forschung

Dr. Matthias Borgstede, Dr. Marcel Scholz
Otto-Friedrich-Universität Bamberg

In diesem Beitrag stehen die Konstruktion abstrakter Repräsentationen von empirischen Beziehungsstrukturen und die damit verbundenen Herausforderungen der Geltung und Replikation im Mittelpunkt. Während die quantitative Forschung variablenbasierte Modelle verwendet, die von Einzelfällen abstrahieren, bevorzugt die qualitative Forschung fallbasierte Modelle, die von individuellen Merkmalen abstrahieren (Ragin, 1987; Rihoux & Ragin, 2009). Variablenbasierte Modelle werden meist in Form von quantifizierten Sätzen (wissenschaftlichen Gesetzen) formuliert. Diese syntaktische Struktur impliziert, dass Sätze über einzelne Fälle durch deduktives Schließen abgeleitet werden. Im Gegensatz dazu werden fallbasierte Modelle üblicherweise in Form von kontextabhängigen Existenzialsätzen (qualitative Aussagen) beschrieben (Borgstede & Scholz, 2021). Diese syntaktische Struktur impliziert, dass Sätze über andere Fälle durch induktives Schließen begründbar sind. Wir wenden diese repräsentationalistische Perspektive auf die Probleme der Generalisierung und Replikation an. Die repräsentationale Rekonstruktion qualitativer und quantitativer Methoden ermöglicht es, gegenstandsangemessen zu entscheiden, welche Repräsentationsform im Einzelfall geeignet ist, und qualitative und quantitative Konstruktionen zueinander in Bezug zu setzen bzw. miteinander zu verbinden.