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Sitzungsübersicht
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 28
934 2916 3800, 177967
Datum: Montag, 14.03.2022
14:00 - 16:30Zur Entgrenzung institutioneller Bildungskontexte mit und durch mobile Medien
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 28
 

Chair(s): Prof. Dr. Dorothee M. Meister (Universität Paderborn), Lara Gerhardts (Universität Paderborn), Lukas Dehmel (Universität Paderborn)

In der medienpädagogischen Forschung hat sich ein breiter Diskurs um das Lehren und Lernen mit mobilen Medien – insbesondere mit Tablets – etabliert, das Thema wurde in den letzten Jahren in zahlreichen Studien beforscht. Kaum berücksichtigt wurde in diesem Kontext bislang allerdings die systematische Reflexion von Entgrenzungsprozessen und die damit verbundenen Neuordnungen von institutionellen Bildungskontexten, die sich auf unterschiedlichen Ebenen zeigen können. Sie lassen sich als eine Art „Nebenprodukt“ begreifen, das mit der Öffnung für mobile Technologien einhergeht und gleichzeitig massive Folgen für den Alltag der beteiligten Personengruppen haben kann. Diese Forschungslücke soll mit dem Symposium adressiert werden. Die Vorträge thematisieren die angesprochenen Entgrenzungsprozesse in der schulischen, der beruflich-inklusiven und der universitären Bildung und rücken sie in den Blick empirischer und theoretischer Forschung.

 

Beiträge des Panels

 

Der Einsatz von digitalen Medien als Begrenzung im familialen Umfeld - Perspektiven auf Homeschooling-Phasen von Schulanfänger*innen

Prof. Dr. Birgit Hüpping1, Prof. Dr. Melanie Kubandt2, Dr. Mirja Kekeritz3
1Pädagogische Hochschule Ludwigsburg, 2Universität Vechta, 3Universität Koblenz-Landau

Die Covid19-Pandemie hat die Grenzen zwischen Familie und Schule in Phasen von Homeschooling verschoben und den Einsatz mobiler Medien neu entfacht. Der Beitrag fokussiert Bewältigungsstrategien von Grundschulkindern im Umgang mit digitalen und analogen Medien bzw. schulischen Lerninhalten im familialen Umfeld. Grundlage bildet eine qualitative Studie, die speziell Perspektiven von Kindern aus einer Grundschulklasse auf Basis von 10 leitfadengestützten Interviews, Fragebögen (n=21), Kinderzeichnungen und nicht-reaktiven Audiostatements untersucht. Die Auswertung erfolgt gemäß der Grounded Theory in Rückgriff auf praxistheoretische Zugänge (Eßer 2016; Idel, Rabenstein & Reh 2013) mit Fokus auf das familiale und schulische Interaktions- und Beziehungsgefüge. Die Ergebnisse zeigen, dass der Einsatz digitaler Medien eine Begrenzung im familiären Umfeld erfährt, da der Raum für traditionelle Aufgabenformate (Stichwort: Arbeitsblatt) durch die Grenzziehungen der Erwachsenen definiert wird. Handlungsspielräume zum Einsatz digitaler Medien wie z.B. Tablets werden den Kindern in einer ergänzenden Funktion als Lernspiele oder Rechercheaufgaben zugestanden, sodass hier mit Blick auf das junge Alter der Kinder eine Bewahrfunktion greift. Neben Lernen im Kontext formaler Bildung verweisen die Ergebnisse darauf, auch non-formale und informelle Bildungsanlässe sowie Schule als Sozialraum (Hummrich 2015) bei der digitalen Unterrichtsgestaltung und -planung stärker zur berücksichtigen ist.

 

Zur Entgrenzung arbeitsbezogener Kommunikationskulturen durch Tablets - ein Blick auf den Lehrer*innenberuf

Lukas Dehmel, Lara Gerhardts, Prof. Dr. Dorothee M. Meister
Universität Paderborn

Der Beitrag geht der Frage nach, wie sich die Einführung von Diensttablets auf die Entgrenzung von arbeitsbezogenen Kommunikationskulturen in Lehrer*innenkollegien auswirkt. Dafür beziehen wir uns auf Überlegungen der Schulkulturtheorie, die Schulkulturen als symbolische Sinnordnungen versteht, die sich im Handeln zwischen schulischen Akteuren*innen formieren (Helsper 2008). Zur Beantwortung der Forschungsfrage greifen wir auf Gruppendiskussionen mit Lehrkräften zurück und realisieren eine zweiteilige Analyse. Zunächst untersuchen wir mithilfe eines „Walk Through“ (Light et al. 2018), inwiefern die graphische Gestaltung der innerhalb der Gruppendiskussionen zentral gesetzten Mailing-App und deren Einbindung auf dem Tablet-Interface Affordanzen für die Arbeitskommunikation bereithält. Anschließend rekonstruieren wir mithilfe der Objektiven Hermeneutik, wie diese Affordanzen in den Gruppendiskussionen verhandelt werden und wie sich im Umgang mit dem Tablet neuartige berufliche Kommunikationskulturen ausgestalten, die hinsichtlich der Entgrenzung von Arbeits- und Freizeit bedeutsam sind. Es zeigt sich, dass die Gerätekonfiguration auf eine niedrigschwellige Berufskommunikation ausgerichtet ist, die im Zuge der in den Kollegien befürworteten Nutzung des Dienstgerätes für private Belange auch in die Freizeit vordringt. Dabei erzeugt insbesondere die visuelle und auditive Aufbereitung des Eingangs neuer Nachrichten in den Kollegien einen ungewollten Kommunikationsdruck.

 

Inklusives berufliches Lernen mit mobilen Medien - Entgrenzungsperspektiven am Beispiel eines überfachlichen Qualifizierungskonzeptes

Nele Sonnenschein, Prof. Dr. Anna-Maria Kamin
Universität Bielefeld

Mobilen Medien, insbesondere Tablets, werden zahlreiche Potenziale zur Gestaltung inklusiver Bildung zugesprochen. Aufgrund ihrer flexiblen Einsatz- und intuitiven Bedienmöglichkeiten können sie zur Überwindung von Barrieren u.a. in den Bereichen Lernen oder Kommunikation beitragen und somit neue Teilhabechancen eröffnen (Sonnenschein & Kamin 2020). Die sich in diesem Kontext vollziehenden Grenzüberschreitungen und -auflösungen möchte der Beitrag insofern als Chance begreifen und mit Fokus auf die berufliche Bildung untersuchen. Am Beispiel eines in einem gestaltungsorientierten Forschungsprojekt entwickelten inklusiven und digital unterstützten Qualifizierungskonzeptes, das auf die Förderung überfachlicher berufsbezogener Kompetenzen zielt und durch die Einbindung von Tablets in berufliche Lernprozesse realisiert wird, sollen Entgrenzungen auf verschiedenen Ebenen aufgezeigt und theoretisch eingeordnet werden. Hierbei wird der Frage nachgegangen, wie die durch den Einsatz mobiler Medien evozierten und/oder ermöglichten Grenzüberschreitungen und -auflösungen – etwa in Bezug auf Lernort, Lernzeit, Lerngruppe oder Lerninhalte – in der beruflichen Bildung gezielt zur Förderung von Inklusion fruchtbar gemacht werden können.

 

„Praktisch und überfordernd zugleich“ - zur Sicht von Lehramtsstudierenden auf entgrenztes Lernen

Prof. Dr. Sonja Ganguin, Julia Nickel
Universität Leipzig

Auf Basis qualitativer Befragungsergebnisse stellt der Beitrag die Sicht von Lehramtsstudierenden auf entgrenztes Lernen (Kirchhöfer 2004) sowie damit verbundene Potenziale und Herausforderungen vor und diskutiert aus medienpädagogischer Perspektive Implikationen für die Professionalisierung angehender Lehrkräfte im Bereich der Digitalisierung. Entgrenzungsprozesse des Lernens sind im Rahmen der pandemiebedingten Umstellung auf digitale Lehr-Lernformate im Hochschulkontext für Studierende verschärft erlebbar geworden, so hat sich etwa die Auflösung räumlicher und zeitlicher Begrenzungen von Freizeit und Studium (Bettinger et al. 2013) noch verstärkt. Lehramtsstudierende stehen der Anforderung gegenüber, in ihrer späteren Berufspraxis selbst digitale Medien didaktisch sinnvoll im Unterricht einzusetzen und die Medienkompetenz von Schülerinnen und Schülern zu fördern (KMK 2017). Die (pandemiebedingten) Erfahrungen und Einstellungen von Studierenden im Zusammenhang mit digitalen Medien und entgrenztem Lernen rücken somit besonders in den Blickpunkt. So wird davon ausgegangen, dass digitalisierungsbezogene Bestandteile in der Ausbildung, in Lehr-Lernerfahrungen mit digitalen Medien und die Einschätzung der Potenziale digitaler Medien in Lehr-Lernkontexten Einflussfaktoren in Bezug auf den Einsatz digitaler Medien in der (späteren) Berufspraxis darstellen (Drossel et al. 2019).

 

Datum: Dienstag, 15.03.2022
9:00 - 11:30Das Pädagogische sozialer Bewegungen. Fragen erziehungswissenschaftlicher Entgrenzungen von Blick und Gegen-Stand
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 28
 

Chair(s): Dr. Steffen Hamborg (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg), Dr. Benjamin Bunk (Justus-Liebig-Universität Gießen)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Susanne Maurer (Philipps-Universität Marburg)

Soziale Bewegungen bieten sich einer erziehungswissenschaftlichen Disziplin, die auf ihre Ent- und Begrenzungen bedacht ist, als eigensinnige und darin ‚lehrreiche‘ Gegen-Stände dar: Die Entgrenzung des erziehungswissenschaftlichen Blicks, der im Zuge seiner Zuwendung zu subjektseitigen Fragen von Bildung, Subjektivierung und Sozialisation nicht auf klassische Institutionen des Bildungs- und Erziehungswesens beschränkt bleibt, bringt soziale Bewegungen als Bildungsräume mit spezifischen Qualitäten in den Fokus. Die Diagnose einer Entgrenzung des Pädagogischen, die auf eine Durchdringung nahezu sämtlicher Lebensbereiche von pädagogischen Denk- und Handlungsformen aufmerksam macht, verweist wiederum auf Fragen, wie sich das Pädagogische in sozialen Bewegungen instituiert. Das Symposium versammelt Beiträge, die das Pädagogische sozialer Bewegungen im Horizont dieser doppelten Entgrenzung in historisch-systematischer, empirisch-rekonstruktiver und interdisziplinärer Hinsicht befragen.

 

Beiträge des Panels

 

Soziale Bewegungen im Spiegel erziehungswissenschaftlicher Entgrenzungen. Historisch-systematische Erkundungen am Beispiel von Ökodörfern

Dr. Steffen Hamborg
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Der Beitrag zielt auf eine historisch-systematische Erkundung der Fragen und Gegenstände, die in den Blick geraten, wenn wir die Zusammenhänge von Bildung, Erziehung und sozialen Bewegungen im Spiegel erziehungswissenschaftlicher Entgrenzungen betrachten. Am empirischen Beispiel von Ökodörfern und verwandten Initiativen, die antreten zu zeigen, dass und wie Gesellschaft auch anders gehen könnte, entfaltet der Beitrag hierzu, wie sich das Pädagogische sozialer Bewegungen in der Verbindung subjektseitiger Bildungsfragen mit Fragen der Institutionalisierung pädagogischer Denk-, Handlungs- und Subjektivierungsweisen formiert. Die systematische Differenzierung der mit dieser doppelten Entgrenzung in den Blick gebrachten Fragen und Gegenstände erfolgt entlang ihrer Relationierung zu sozialen Bewegungen – in, von und durch – sowie im Rückgriff auf Tenorths (2020) „Rede von Bildung“ und Pranges (2012) „Zeigestruktur der Erziehung“.

Gespannt wird so ein Bogen von der (etwa situativen oder biographischen) Einbindung Einzelner in soziale Bewegungen, über Fragen nach der Selbst-Bildung von sozialen Bewegungen als Kollektivsubjekte, die sich etwa als Zeigende über ein pädagogisches Verhältnis zur (lernenden) Gesellschaft konstituieren, hin zu zeitdiagnostischen Perspektiven, die mitunter in gegenwärtigen Formen der Pädagogisierung des Politischen eine spätmoderne Neuauflage aufklärungspädagogischer Hoffnungen auf eine ‚Höherbildung der Menschheit‘ durch soziale Bewegungen vermuten lassen.

 

„Ich war mal herzlinks, aber das war überhaupt nicht fundiert“. Zum emanzipatorischen (Bildungs-)Potential von Emotionen in Bewegungsbiographien

Dr. Jessica Lütgens
Goethe-Universität Frankfurt an Main

Die potentiell emanzipatorische Kraft von Emotionen im Bereich des Politischen wird in der öffentlichen Debatte als auch der Forschung oftmals vernachlässigt oder negiert. Emotionen sollen für die Politik keine Relevanz einnehmen oder werden verpönt, insbesondere wenn diese negativ konnotiert sind, wie etwa Wut oder Empörung. Ähnliches gilt für die als „vergessene Zusammenhänge“ (Huber/Krause 2018) problematisierten Verbindungen von Bildung und Emotion. Dieser Leerstelle eines erziehungswissenschaftlichen Blicks auf die Zusammenhänge von Bildung, Emanzipation, Emotionen und Politik geht der Beitrag nach, indem aus Fallauszügen einer biographischen Studie zu linker Politisierung in der Adoleszenz heraus rekonstruiert wird, wie ein affektiv-somatischer Impuls Jugendliche schon vor ihrer politischen Aktivwerdung dazu anregte, sich Ungerechtigkeiten oder Gewalt zu widersetzen. Die daraus entstehenden Interventionen und Widerstandshandlungen vollziehen sich affektiv, sind aber potentiell Ausgangspunkt eines transformatorischen Bildungsprozesses. Im Spiegel theoretischer Bezugnahmen auf den somatischen Impuls nach Adorno und das Prinzip der Nachträglichkeit aus der Psychoanalyse erlaubt diese Entgrenzung des analytischen Blicks an den Schnittlinien von Erziehungs- und Politikwissenschaft Schlussfolgerungen für weiterführende Auseinandersetzungen mit der potentiell emanzipatorischen Rolle von Emotionen in sozialen Bewegungen sowie der affektiven Dimension von Bildung im Allgemeinen.

 

„Die Bewegung antwortet ja…“. Zur Ambivalenz von Entgrenzung und Verletzlichkeit in Bewegungsräumen und deren biographische Bewältigung

Dr. Benjamin Bunk
Justus-Liebig-Universität Gießen

Mit dem Ausbau öffentlicher Erziehungsinstitutionen, werden auch – dem gegenüber, entgrenzende Bildungsräume institutionalisiert, zur neuen Norm jugendlichen Aufwachsens oder der ‚Blick‘ darauf pädagogisiert, etwa: Peers, außerschulische Bildung, offene Jugend- und Sozialarbeit, freiwillige Auslandsaufenthalte, oder eben soziale Bewegungen. Zumindest im Blick auf Bewegungen beruht eine Hoffnung auf Bildungsprozesse auf der individuellen Bewältigung der Ambivalenz von Entgrenzung (Bunk 2018). So können die Grenzen etablierter Ordnungen kollektiv irritiert und Zuschreibungen bearbeitet werden (Maurer 1996), gehen aber mit einem persönlichen Bezug zu ‚neuen‘ Ordnungen in der Bewegung einher – womit zunächst ‚nette‘ Prozesse der Anerkennung (Fuchs 1996, Leistner 2016), der Vergemeinschaftung (Ernst-Heydenreich 2019) oder der Plausibilisierung von Kritik (Pettenkofer 2020) verbunden sind. Vor diesem Hintergrund befasst sich der Beitrag mit der Frage, inwiefern mit der Chance auf Bildungsprozesse, nicht auch das Risiko der Verletzlichkeit einhergeht? Gegenstand sind zwei autobiographisch-narrative Interviews aus der brasilianischen Landlosenbewegung. Wobei Verletzlichkeit insbesondere dort empirisch greifbar wird, wo Konflikte thematisch werden. In beiden Fällen (einer vor 30 Jahren) geht es um die „Antwort“ der Bewegung auf den Vorwurf sexueller Übergriffe und deren biographische Bewältigung, wobei einmal die Anklagende, und einmal der Täter ausgeschlossen wurde.

 

Solidarische Beziehungsweisen als performative Praxis sozialer Bewegung

Inga Nüthen
Philipps-Universität Marburg

In meinem politiktheoretischen Beitrag reflektiere ich ausgehend von dem historischen Beispiel der Londoner Gruppe Lesbians and Gays Support the Miners (LGSM), inwiefern solidarische Beziehungsweisen (Adamczak 2017) im gemeinsamen Handeln sozialer Bewegungen erprobt, imaginiert und hervorgebracht werden (können). Das Engagement von LGSM galt der Unterstützung des britischen Bergbaustreiks 1984/85 und mündete in einem vermeintliche Gruppengrenzen überbrückenden Bündnis zwischen den streikenden Arbeiter*innen und der LGBTI*Q-Community. Die Geschichte dieses Bündnisses dient als Beispiel für Solidarität unter den Bedingungen von Differenz. Als „politische Solidarität“, gründet sie nicht auf gemeinsamer Identität, sondern auf einem Grenzen überbrückenden, gemeinsamen Ziel (hooks 1984/Mohanty 2003/Scholz 2008). Ich schlage vor, Solidarität in diesem Kontext als Utopie anderer, sorgender Beziehungs- und Subjektivierungsweisen zu denken, die im gemeinsamen Handeln performativ entworfen werden. Ausgehend vom Konzept politischer Solidarität kann die geteilte Utopie anderer Beziehungsweisen zugleich als Ermöglichungsbedingung für einen kollektiven Bildungsprozess gedacht werden, in dem Selbst-, Mit- und Weltverhältnisse transformiert werden. Im Anschluss an feministische Konzeptionen von Solidarität als gegenwärtiger Utopie (Kreisky 2000, Redecker 2020), entwickle ich daraus ein Verständnis von solidarischen Beziehungsweisen als performative, entgrenzende Praxis sozialer Bewegungen.

 
14:00 - 16:00Ambivalenzen transnationaler Bildung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 28
 

Chair(s): Dr. Ulrike Deppe (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg), Prof. Dr. Andreas Wernet (Leibniz Universität Hannover)

Institutionalisierte Bildung steht zunehmend im Zeichen von Internationalisierungs- und Globalisierungsprozessen. Das führt zu einer sozialen Verallgemeinerung und ‚Veralltäglichung‘ eines ‚kosmopolitischen‘ Bildungsanspruchs und wird zu einem Normativ für die Bildungsinstitutionen. Die Beiträge streben eine kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff der transnationalen Bildung an. Dabei sollen einerseits begriffliche Ambivalenzen herausgearbeitet werden; andererseits sollen die empirischen Spannungen, die mit den sozialen Phänomenen, die unter diesem Begriff gefasst werden, in den Blick genommen werden. Der Anspruch der Transnationalität setzt nicht nur die Bildungsinstitutionen unter einen Profilierungs- und Distinktionsdruck; er knüpft auch gesteigerte Erwartungen an die Bildungssubjekte und ihre Familien. Im universitären Studium zeigen sich Verwerfungen zwischen den normativen Ansprüchen transkultureller Öffnung und den realen Prozessen kultureller Schließung.

 

Beiträge des Panels

 

Transnational (und) gebildet? – Grundannahmen und Missverständnisse im Feld und in der Forschung

Dr. Ulrike Deppe
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Mit transnationaler Bildung werden (nationen-)grenzüberschreitende Prozesse und Bildungsangebote in Schule und Hochschule markiert und deren steigende Wahrnehmung und Zunahme konstatiert. Zwar herrscht gemeinhin große Einigkeit darüber, dass Auslandsaufenthalte und Austausche für die Aneignung und Generierung transnationaler Bildung günstig seien. Worin aber genau dann das transnationale der Bildung besteht, inwiefern diese über die transnational organisierten Bildungseinrichtungen und transnationale Beziehungen hinausgeht, dazu gibt es bislang nur implizite Bezugnahmen. Ein Blick in die Forschungsliteratur zeigt, dass die Bezugnahmen in den Feldern der Bildung als auch in der Forschung selbst normativ geprägt sind oder aber mit bildungssoziologischen Konzepten transnationales Kapital als Erweiterung oder neue Kapitalform konzipiert wird. In dem einen Fall wird transnationale Bildung positiv konnotiert, bildungsbürgerliche Ideale transportiert und in einer globalen Idee des Bürgerlichen, wie der ‚Global Citizenship‘ modifiziert. Im anderen Fall, den konzeptionellen Arbeiten mit der Kapitaltheorie, sind zwar kritische Bezugnahmen auf soziale Distinktion und Legitimationsfiguren inhärent, sie klären jedoch (noch) nicht, inwiefern Bildungsprozesse sich national und transnational unterscheiden. Der Beitrag systematisiert mögliche Unterscheidungen des Verständnisses von Bildung und kennzeichnet Desiderate der weiteren Erforschung und Theoretisierung transnationaler Bildung.

 

Erwartungen und Mobilisierungen des Transnationalen im virtuellen Raum: Der Fall schulischer Auslandsstudienprogramme an deutschen Schulen

Dr. Catharina I. Keßler1, Dr. Simona Szakács-Behling2
1Georg-August-Universität Göttingen, 2Georg-Eckert-Institut Leibniz-Institut für Internationale Schulbuchforschung

Gegenwärtig sind Bildungssysteme durch eine Verdichtung von Prozessen gekennzeichnet, in denen Bildungsakteure zunehmend unter Inter- bzw. Transnationalisierungsdruck stehen und entsprechend markierte Bildungsangebote expandieren. Der Beitrag greift diese Beobachtung auf und analysiert Darstellungen von Auslandsprogrammen auf schulischen Internetauftritten. Wir fokussieren, wie darin Narrative von ‚Internationalisierung‘ und ‚Transnationalisierung‘ hervorgebracht werden, die Wahl von Programmen und Partnerschulen legitimiert wird, Länder entworfen werden und darin Vorstellungen von Bildung aufscheinen. Empirische Basis sind Homepages unterschiedlich privilegierter Schulen in Deutschland sowie Deutscher Auslandsschulen. Gerahmt von grundlegenden Überlegungen ethnographischen Forschens gewinnt die Exploration ihren Zugang über die Analyse sogenannter „rich points“ (Agar 1994) und arbeitet kontrastiv Muster lokaler sowie globaler Ungleichheiten heraus, wie sie in den Narrativen um einzelschulische Auslandsprogramme enthalten sind. Theoretisch verortet wird dies in einer transnationalen Perspektive: Sie verknüpft Erkenntnisse transnationaler Forschung, der (Bildungs-)Anthropologie sowie des soziologischen Neoinstitutionalismus. So verstanden präsentieren sich Schulen als Organisationen, von denen erwartet wird, auf globale gesellschaftliche Herausforderungen zu reagieren.

Agar, M. (1994). The intercultural frame. International Journal of Intercultural Relations 18(2): 221-237.

 

Adoleszenz im transnationalen Möglichkeitsraum

Charlyn-Mariella Oesterhaus, Kai Schade
Leibniz Universität Hannover

Anhand themenzentrierter Interviews untersuchen wir die Bedeutsamkeit familialer und adoleszenztypischer Dynamiken im Rahmen der Entscheidungskonstitution für den schulischen Auslandsaufenthalt. Da sich der schulische Auslandsaufenthalt im Zeichen einer Verhandlung von und Positionierung in Dimensionen der sozialen, räumlichen und damit auch der interkulturellen Mobilität bewegt, zeigt er perspektivisch ein hohes Maß an Kompatibilität zu Anspruchslagen globalisierter gesellschaftlicher Zusammenhänge. Durch eine interaktionsbezogene Perspektive, im Sinne des sequenzanalytischen Verfahrens der Objektiven Hermeneutik, untersuchen wir fallbezogen die entscheidungsleitenden Verhandlungen der sich daraus ableitenden Anspruchskategorien. Wir möchten hier exemplarisch zeigen, dass sich die Entscheidungskonstitution für den Auslandsaufenthalt nicht nur anhand binnenfamilialer Dynamiken aufrichtet, sondern emblematisch und im Kern eine Vermittlung zwischen Familie und Gesellschaft darstellt.

 

Das Studium als Bildungsraum? Muttersprachler*innen in interkulturellen Kommunikationskontexten zwischen Horizonterweiterung und Grenzüberschreitung

Dr. Nina Meister
Philipps-Universität Marburg

Im Studiengang „Deutsch als Fremdsprache“ (kurz: DaF) treffen Studierende zahlreicher Nationalitäten und unterschiedlichster Muttersprachen aufeinander. In zwei Gruppendiskussionen mit DaF-Studierenden (deutscher Muttersprache) sprechen diese u.a. über ihre interkulturellen Erfahrungen im Studium, über wahrgenommene Bildungschancen und Herausforderungen im Kontakt mit nicht-muttersprachlichen Studierenden. In einer ersten dokumentarischen Rekonstruktion konnten Orientierungen herausgearbeitet werden, die sich u.a. in der Fokussierungsmetapher der „Horizonterweiterung“ widerspiegeln sowie in weit reichenden Verantwortungsgefühlen gegenüber Mitstudierenden ohne muttersprachlichen Hintergrund, die aber auch durch deutliche Spannungen gekennzeichnet sind: So wird Interkulturalität auf einer expliziten Ebene zwar als bereichernd und wünschenswert dargestellt (Norm), die alltägliche interkulturelle Interaktionspraxis aber in den Erzählungen als anstrengend und belastend beschrieben (Orientierungsrahmen). Damit zeigen sich Verwerfungen auf zwei Ebenen: aufseiten der Studierenden zwischen Habitus und wahrgenommenen Normen, aufseiten der Universität zwischen studienkonzeptionellen Ansprüchen (z.B. Entwicklung interkultureller Kompetenzen) und den Rekonstruktionsergebnissen. Dies wirft die Frage auf, inwieweit oder unter welchen Bedingungen das Studium als Bildungsraum gelten kann.

 

Datum: Mittwoch, 16.03.2022
9:30 - 11:30Entgrenzung des Lehramtszugangs - Berufliche Orientierung in Richtung Lehrberuf erforschen und gestalten
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 28
 

Chair(s): Prof. Dr. Sylvia Rahn (Bergische Universität Wuppertal, Deutschland), Prof. Dr. Birgit Ziegler (TU Darmstadt)

In vielen Forschungs- und Entwicklungsprojekten werden für diverse Lehrämter und Mangelfachrichtungen neue Adressat*innen identifiziert und berufliche Übergänge in den Lehrberuf untersucht. Das Forschungsfeld ist erkennbar plural. Neben "klassischen" berufswahltheoretischen Ansätzen gewinnen Erwartungs-Wert-Theorien an Bedeutung. Zudem zeichnet sich eine Renaissance des Persönlichkeitsansatzes ab.

Das Forschungsforum bietet die Gelegenheit zu einem projektübergreifenden Austausch. Erfahrungen aus abgeschlossenen Studien sollen für das Forschungsfeld nutzbar gemacht, Zwischenergebnisse aus laufenden Untersuchungen zur Diskussion gestellt und neue, projektübergreifende Kooperationen angebahnt werden. Ziel ist es, einen konstruktiven Dialog über die Reichweite divergenter Forschungszugänge für die empirische Rekonstruktion und praktische Lehrergewinnung anzuregen.

Zu diesem Zweck sind jeweils drei fünfzehnminütige Kurzvorträge, Plenumsdiskussionen und parallele "runde Tische" geplant.

 

Beiträge des Panels

 

Entgrenzung und Heterogenität - Studierende im beruflichen Lehramt an berufsbildenden Schulen in unterschiedlichen Studienmodellen

Prof. Dr. Silke Lange, Lisa Bertke
Universität Osnabrück

Im Impulsvortrag wird die Frage in das Forschungsforum eingebracht, welche Personen und Personengruppen unter den Bedingungen der divergenten Studienprogramme für das Lehramt an berufsbildenden Schulen gewonnen werden können. Auf der Grundlage von Strukturanalysen haben Trampe & Porcher (i.E.) sieben unterschiedliche Studienmodelle für das berufliche Lehramtsstudium identifiziert, die sich hinsichtlich ihrer Zugangsmodalitäten und Studiengangsstrukturen unterscheiden. Mit diesen unterschiedlichen Studien- und Zugangsmodellen werden die Studienprogramme auf verschiedene Zielgruppen ausgerichtet. Auf der Grundlage der Daten der ersten Erhebungswelle aus einem standortübergreifenden Monitoring zum beruflichen Lehramtsstudium sollen diese Zielgruppen bzw. die Studierenden als erfolgreich angesprochene Personengruppe in den Blick genommen, charakterisiert und verglichen werden. Der Monitor bietet aus seiner ersten Erhebungswelle hierzu Daten von Studierenden an 23 Standorten, die in den unterschiedlichen Studiengangsmodellen studieren. Die Datenerhebung erfolgt im Juni 2021. Dargestellt werden die Studierendengruppen anhand unterschiedlicher soziodemographischer sowie biographischer und interessenbezogener Merkmale. Ziel ist es, die unterschiedlichen Personengruppen der divergenten Studienprogramme zu beschreiben und zu analysieren, welche Personengruppen mit welchen Studiengangsmodellen für das berufliche Lehramt gewonnen werden können.

 

Lehrer*in werden: Wie tragfähig sind die Erwartungs-Wert Modelle für die Erforschung der beruflichen Orientierung in Richtung Lehrberuf?

Prof. Dr. Sylvia Rahn1, Bernd Schäfer2
1Bergische Universität Wuppertal, 2Bergische Universität Wupperta

In der Forschung zu Studien- und Berufswahl angehender Lehrkräfte kommt erwartungs-werttheoretischen Ansätzen hohe Bedeutung zu. Einschlägige empirische Untersuchungen greifen verstärkt auf das das FIT-Choice Modell (Watt und Richardson, 2007) und den FEMOLA (Pohlmann und Möller, 2010) zurück. Variablenzentrierte Forschungsansätze liefern dabei fast immer das gleiche Ergebnis: intrinsische Motive werden rückblickend als bedeutsamer eingeschätzt als extrinsische Motive (Rothland, 2014; Cramer, 2016). Neue Studien mit personenzentrierter Auswertung deuten aber auch auf die Existenz latenter Profilgruppen hin, die die Bedeutung intrinsischer Motive zumindest für Teilgruppen der angehenden Lehrerschaft zu relativieren scheinen (König et al., 2018; Biermann et al., 2019).
In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, welche Bedeutung die Entgrenzung des Lehramtszugangs für die Forschung zu Studien- und Berufswahlmotiven anhand erwartungs-wert-theoretischer Ansätze hat? Liefern das populäre Fit-Choice-Modell und der FEMOLA tatsächlich einen ausreichenden Erklärungsrahmen für die Behandlung dieser Thematik? Welche Motivkonstellationen und -ausprägungen erwarten wir von Personen, die über einen untypischen Weg zum Lehramt gefunden haben, und welche Auswirkungen könnte dies auf ihre Professionalitätsentwicklung haben? Ziel des Kurzvortrages ist es, solche Fragen auf der Basis erster empirischer Befunde eines laufenden Projekts als Impuls in die Forschung zum Lehrberuf einzubringen.

 

Warum entscheiden sich junge Menschen gegen ein Lehramtsstudium?

Prof. Dr. Birgit Ziegler, Nico Dietrich
TU Darmstadt

Wie stark eine Person einem Beruf zugeneigt ist, wird vor allem durch das Zusammenwirken von Faktoren beeinflusst, wie sozialen Passungserwägungen in Bezug auf Gender und sozialem Ansehen, der Passung zu tätigkeitsspezifischen Interessen, Erfolgserwartungen im Hinblick auf Realisierungschancen des Berufswunsches, antizipierten beruflichen Rahmenbedingungen sowie der Urteilsicherheit zu Anforderungen, Rahmenbedingungen und Erfolgserwartungen (vgl. Matthes 2019; Gottfredson 2005). Letzteres ist abhängig von der Vertrautheit mit dem Beruf bzw. dem Berufswissen. So begründen auch Lehramtsstudierende ihre Berufswahl häufig mit Erinnerungen an die eigene Schulzeit bzw. an konkrete Lehrpersonen (vgl. Rothland 2014, Cramer 2016) und auch die Berufsvererbungsquote ist im Lehramt ähnlich hoch wie beim Arztberuf (Rothland et al. 2015, Herzog et al. 2007). Ob eine berufliche Neigung sich in einer konkreten beruflichen Entscheidung manifestiert, hängt wiederum von Gelegenheitsstrukturen ab, wie dem Angebot an Ausbildungs- oder Studienplätzen und damit verbundenen Hürden. Im Zentrum des Vortrags steht die Frage nach Implikationen aus dieser Befundlage für eine evidenzbasierte Entwicklung und Evaluation von Konzepten zur nachhaltigen Sicherung des künftigen Lehrkräftebedarfs im Bildungssystem (KMK 2020).

 
14:00 - 16:00Heterogene Familien und heterogene Hilfen? Adressat*innen sozialer Dienste zwischen Partizipation, Benachteiligungen und Diskriminierung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 28
 

Chair(s): Dr. Sabine Hecklau-Seibert (Universität Mainz), Prof. Dr. Alexandra Klein (Universität Mainz), Dr. Bettina Ritter (Universität Mainz)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Svenja Heck (Hochschule Darmstadt), Prof. Dr. Christian Kjeldsen (Aarhus Universitet)

Im Zuge aktueller – bereits beschlossener sowie noch diskutierter – Reformprozesse in der Kinder- und Jugendhilfe und Behindertenhilfe werden etablierte Grenzziehungen von Zuständigkeiten, Anspruchsberechtigungen, Partizipationsmöglichkeiten, aber auch von Problemdefinitionen und Zielsetzungen in Frage gestellt. Dies macht hinsichtlich fälliger fachpolitischer Positionierungen und fachlicher Ausgestaltungen der Hilfen verstärkte disziplinäre Vergewisserungen nötig, wozu diese Arbeitsgruppe auf theoretischer und empirischer Grundlage einen Beitrag leistet. Um eine adressat*innenorientierte Perspektive zu schärfen, wird auf sonderpädagogische sowie sozialpädagogische Wissensbestände und fachliche Konzeptionen zurückgegriffen. Dabei wird ebenso die Frage diskutiert, wie intersektionale Ungleichheiten in und durch die, in den Hilfen eingelagerten Problemdeutungen und Zielbestimmungen, (re-)produziert werden und welche Zugangs- und Aneignungsmöglichkeiten für Adressat*innen bestehen.

 

Beiträge des Panels

 

Partizipation. Ein Schlüsselkonzept widersprüchlicher Grenzbearbeitung

Dr. Sabine Hecklau-Seibert, Prof. Dr. Alexandra Klein
Universität Mainz

Partizipation gilt in Sozial- und Sonderpädagogik, in der Sozialen Arbeit und der Behindertenhilfe als Schlüsselkonzept, das gleichzeitig in Politik, sozial- und sonderpädagogischer Praxis und Forschung ausgesprochen unterschiedlich bestimmt wird. Auf verschiedenen Ebenen gesetzlich verankert, bleibt die Art und Weise, etwa in welchem Ausmaß und mit welchen Verfahren sich Partizipation realisieren soll, weitgehend unbestimmt. Diese Deutungsoffenheit erweist sich mit Blick auf die Heterogenität der Handlungsfelder und involvierten Adressat*innen etwa hinsichtlich Alter und Fähigkeiten als durchaus sinnvoll. Partizipation wird damit vielfältig theoretisch-konzeptionell anschließbar, steht jedoch immer auch in der Gefahr fachlich und politisch trivialisiert zu werden. Ausgehend von dieser Einsicht werden in dem Vortrag zunächst zentrale sozial- und sonderpädagogische Bezugnahmen auf das Schlüsselkonzept Partizipation herausgearbeitet und auf Gemeinsamkeiten, Differenzen und Widersprüche befragt. Im Spannungsfeld von Benachteiligung und Beeinträchtigung erweist sich eine intersektional relationierte Verhältnisbestimmung von Teilhabe und Selbstbestimmung als zentral. Vor diesem Hintergrund wird Partizipation schließlich als Kristallisationspunkt einer teildisziplinär übergreifenden, ungleichheitsreflexiven Grenzbearbeitung entworfen.

 

Materielle Benachteiligungen von Eltern als Adressat*innen sozialer Dienste

Stefanie Albus1, Dr. Bettina Ritter2
1Universität Bielefeld, 2Universität Mainz

Adressat*innen von sozialen personenbezogenen Dienstleistungen nach den Sozialgesetzbüchern VIII (Kinder- und Jugendhilfe) und IX (Rehabilitation und Teilhabe von Menschen mit Behinderungen) sind in hohem Maß von materiellen Benachteiligungen und Armutslagen betroffen. Der Beitrag verfolgt das Anliegen, diesen Sachverhalt für fachliche Positionierungen in den aktuellen Reformdebatten in der Kinder- und Jugendhilfe und für die Umsetzungen des BTHG zu stärken und zu schärfen. Dabei wird ein Fokus auf elternbezogene Hilfen gesetzt und gefragt, wie angesichts vielfältiger Bedarfs- und Zielbestimmungen, die in den gesetzlichen Vorgaben ebenso wie in der mannigfaltigen und regional spezifischen Hilfelandschaft vorliegen, die komplexen und dynamischen Lebenssituationen von Eltern und ihren Kindern adressiert werden. Es wird die Frage diskutiert, inwiefern die Hilfen neben der Bearbeitung einer (defizitären) Erziehungsfähigkeit oder einer behinderungsbezogenen Teilhabeeinschränkung auch grundlegend die materiellen Bedingungen für gelingende Elternschaft berücksichtigen (können). Dem wird auf der Grundlage einer Kartographie der Leistungen für Eltern und Ergebnissen qualitativer Interviews mit Adressat*innen nachgegangen.