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Sitzungsübersicht
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 25
963 1451 6376, 008806
Datum: Montag, 14.03.2022
14:00 - 16:30Soziale Repräsentationen von Arbeit
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 25
 

Chair(s): Dr. Alexandra Brutzer (Universität Kassel, Deutschland)

Der Stellenwert von Arbeit und Beruf ist kein neuer Diskurs. Über Jahrzehnte hinweg wurde hierzu geforscht und diskutiert (Bolder 2012). Während die soziale Gestalt von Arbeit als berufsförmige Tätigkeit in Deutschland etabliert ist und in sich geschlossen erscheint, scheint dies bei einzelnen Berufsfeldern aufgrund von ökonomischen bzw. gesellschaftlichen Entwicklungsdynamiken nicht der Fall zu sein, so dass nicht nur das Konzept der Beruflichkeit in Frage gestellt wird, sondern auch einzelne Berufe (u.a. Heisler 2015, S. 84f.). Dementsprechend stellt sich die Frage, inwiefern Beruflichkeit noch in allen Bereichen nicht-akademischer Arbeit tragfähig ist bzw. inwiefern dies einen Beitrag zur individuellen beruflichen Orientierung bieten kann. Im Rahmen des Symposiums werden entlang des theoretischen Konzepts der sozialen Repräsentationen (Moscovici 1984) unterschiedliche Sichtweisen von Akteur*innen beruflicher Bildung auf Arbeit und Beruf präsentiert.

 

Beiträge des Panels

 

Berufliche Sozialisation in der Jugend zwischen Ent- und Begrenzung

Pia Buck
Universität Kassel

Die Jugendphase zeigt sich weitestgehend entgrenzt. Sie orientiert sich kaum mehr an Generalisierungen und Normierungen, sondern ist pluraler und individualisierter. Die Verantwortung für Lebens- und Berufsverläufe sowie deren (Miss-)Erfolg werden zunehmend den Individuen übertragen. Konnotiert mit positiven Eigenschaften scheint Jugendlichkeit zudem lebensphasenübergreifend erstrebenswert (Grundmann 2019). Gleichwohl werden an Jugendliche Entwicklungsaufgaben herangetragen, die sie bewältigen sollen. So haben sie zunehmend autonomer zu werden, um sich als mündige (Erwerbs)bürger*innen gesellschaftlich zu integrieren. Ökonomische Autonomie wird i. d. R. mittels einer Berufstätigkeit verwirklicht, weshalb Jugendliche realistische Berufsaspirationen entwickeln und entsprechende Kompetenzen und Qualifikationen erwerben sollen (Hurrelmann & Quenzel 2016; Oerter & Dreher 2008). Soziale Repräsentationen von sich beruflich orientierenden Jugendlichen zu Arbeit im Kontext ihrer ökonomischen Autonomieaspirationen sollen in dem Beitrag vorgestellt werden. Die vorläufigen Erkenntnisse basieren auf einer qualitativen Interviewstudie. Die Interviews, die aus einem narrativen, einem vignettenbasierten sowie einem immanenten und exmanenten Fragenteil bestehen, werden mit der Situationsanalyse nach Clarke (2018) und der dokumentarischen Methode nach Nohl (2013a, b) und Bohnsack (2013, 2011) ausgewertet.

 

Arbeit zwischen Selbstverwirklichung, Pragmatismus und Ehre: Soziale Repräsentationen von Arbeit bei sozialstaatlichen Akteur*innen in der beruflichen Orientierung

Sina Schadow
Universität Kassel

Gelingt der Übergang von Schule in den Beruf nicht und werden junge Menschen abhängig von Sozialstaatstransfers, werden die Expert*innen der beruflichen Integration aktiv. Sie agieren dabei nicht nur als Berater*innen der Berufswahl, sondern auch als Gatekeeper*innen (Behrens und Rabe-Kleberg 2000), die beispielweise auch über den Zugang zu Fördermöglichkeiten entscheiden, eine Vorauswahl der jungen Menschen hinsichtlich einer beruflichen Passung durchführen und gegebenenfalls definieren, wer noch nicht bereit für den Arbeitsmarkt ist. Dabei bringen sie ihre eigenen und institutionellen verankerten Vorstellungen von einer „normalen“ Arbeit in die Interaktion mit den jungen Menschen mit ein, anhand derer Orientierungs- und Handlungslogiken zur Bewältigung des Übergangs vorgeben werden.

Auf Basis von leitfadengestützten Experteninterviews mit Berufsberater*innen und Integrationsfachkräften, die mittels der Grounded Theory (Glaser 2010) ausgewertet wurde, lassen sich drei Typen von Expert*innen differenzieren. Arbeit wird entweder verstanden als Selbstverwirklichung, als Ehre oder als pragmatische Notwendigkeit. Jeder dieser Vorstellungen von Arbeit produziert eigene Handlungslogiken und eigene Orientierungsunsicherheiten, die die Integration von jungen Menschen in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt erschweren können.

 

Soziale Repräsentationen von Arbeit in Deutschland - von Lichtblicken, Übergansperspektiven, Dequalifizierung und Sackgassen aus Sicht von Migrant*innen

Natalie Hubenthal, Dr. Serhat Yalcin, Dr. Juliane Dieterich
Universität Kassel

Durch Zuwanderung entstehen in Deutschland Felder der Arbeit, – u. a. im Reinigungsgewerbe, im Gastgewerbe sowie zunehmend auch in der Pflege – die migrantisch geprägt sind. Ein wesentliches Merkmal ist, dass sie sich von den traditionell berufsfachlich organisierten Arbeitsfeldern unterscheiden. Im Rahmen unseres Forschungsprojekts gehen wir der Frage nach, wie Migrant*innen ihre Arbeit innerhalb der genannten Felder erleben und welche Bilder, Gedanken und Ideen bei ihnen zu Arbeit in Deutschland vorhanden sind. Relevant sind diese Fragen nicht nur aufgrund der Bedeutsamkeit dieser Arbeitsfelder bei der Beschäftigung von Zugezogenen. Auch ist bedeutend, dass das hiesige Berufsbildungssystem den Zugezogenen vielfach fremd ist und dass sie Benachteiligung beim Zugang zum berufsfachlich organisierten Arbeitsmarkt erleben.

Mit leitfadengestützten Interviews wurden Daten erhoben und fallbasiert sequenzanalytisch ausgewertet. Zur Orientierung wurde ein Analyserahmen zugrunde gelegt, der aus Pries (2010) Ausführungen zu Erwerbsregulierung entwickelt wurde. Der Beitrag präsentiert Ergebnisse, die zu einem verbesserten Verständnis der Sichtweisen von Migrant*innen beitragen. Betrachtet wird u. a., welche Elemente bei ihrer Orientierung im Arbeitsmarkt eine Rolle spielen und an welchen Stellen Handlungspotenziale festgestellt werden können. Die Ergebnisse liefern bedeutsame Erkenntnisse sowie wichtige theoretische und praktische Impulse für die Berufspädagogik.

 

Soziale Repräsentation nicht-akademischer Arbeit aus der Perspektive betrieblicher Gatekeeper*innen

Claudia Hunink
Universität Kassel

Einstellungen, Wahrnehmungen und Ideen zu nicht-akademischer Arbeit sind in einer Gesellschaft, so auch in der mexikanischen, kulturell verankert und finden sich in individuellen Narrativen wieder. Von besonderem Interesse sind in diesem Kontext die Einstellungen bzw. sozialen Repräsentationen betrieblicher Gatekeeper*innen, wie z. B. Mitarbeitende im Personalwesen, weil sie den Zugang in Unternehmen regulieren. Das geschieht zwar auf der Grundlage von organisationalen Übergangspolitiken, allerdings sind Entscheidungsprozesse – so die Annahme – maßgeblich durch individuelle Einstellungen und Wahrnehmungen geprägt (Behrens & Rabe-Kleberg 2000). Aus diesem Grund erscheint die Perspektive dieser „entscheidungsmächtigen Zugangswächter“ (Struck 2001, S. 39) besonders interessant, da ihre Aussagen einen Rückschluss darüber zulassen, ob getätigte Bildungsinvestitionen auf nicht-akademischer Ebene in Mexiko Anerkennung finden und sich amortisieren.

Im Rahmen des Projektes wurden leitfadengestützte Expert*innen (Struck 2001) durchgeführt und mittels der Grounded Theory (Boehm 1994) ausgewertet. Die bislang vorliegenden Ergebnisse deuten darauf hin, dass das Konzept der nicht-akademischen Arbeit tendenziell mit dem der einfachen Arbeit gleichgesetzt wird, was auf fehlende Anerkennung sowie mangelnde Erwartungssicherheit schließen lässt.

 

Datum: Dienstag, 15.03.2022
9:00 - 11:30Public-Private Boundaries and the Welfare State. Relationships between Families and Early Childhood Education and Care Organizations
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 25
 

Chair(s): Prof. Dr. Sabine Bollig (Trier University), Prof. Dr. Tanja Betz (Mainz University)

Since ECEC has become a central field of action in the social investment state, manifold efforts to enhance its benefits in relation to the family can be observed. Based on the idea of diverse rationales of public-private boundaries related to ECEC, the symposium explores the complex constellations of family-ECEC in which the diverse actors are involved and the unequal effects those constellations produce. It is questioned how political, familial and organizational strategies and rationales effect ECEC and its relationship to the family and lead to new forms of educational inequality. It is addressed how those public-private boundaries come into play in the reflective or tacit actions in the everyday relationships between family and ECEC. Projects from Sweden, Germany, Belgium and New Zealand investigate the relationships between families and organizations from an inequality perspective and reflect the particular (trans-)national contexts and the effects of related ECEC policies.

 

Beiträge des Panels

 

Inequality and the Social Space of Swedish Preschools: The Consequences of Families’ Preschool Enrolment in a Marketised Welfare State

Dr. Håkan Forsberg, Prof. Dr. Esbjörn Larsson
Uppsala University

Swedish preschool provision has grown exponentially since the 1970s to include 95 percent of all 4-5-year olds today. Following political struggles, a publicly funded voucher system for preschools was introduced in 2009 (Westberg & Larsson 2020). This has facilitated the development of local preschool markets, where families are able to ‘choose’ between settings. In this paper we investigate families’ strategies regarding preschool enrolment. Drawing on Bourdieu’s concepts of field, capital and strategy, we analyse how the composition and distribution of capital among parents relates to the character of the preschool within which they enrol. The analysis is based on individual register data on all families in Sweden for the year 2016. This comprises of information on approximately 500 000 children. We use specific multiple correspondence analysis (specific MCA) to analyse the differences between these children (using their parents’ education, income, occupation, and national origin), the preschools’ socio-economical and pedagogical characteristics (such as social recruitment, and teacher composition regarding their social background), and the composition of providers in the preschool market. The analysis of the Swedish social space of preschools indicates an overarching structure of enrolment that not just segregates children with different living conditions, but also creates an inequality when it comes to the kind of early childhood education and care they receive.

 

Parent-professional relations in ECEC: on instrumentalisation and consumentality

Prof. Dr. Michel Vandenbroeck, Dr. Jochen Devlieghere
Ghent University

Welfare states have responded differently to the sociological changes since the 1960’s in the family. Liberal welfare states considered ECEC as a private commodity with very little state responsibility while social democratic welfare states considered the education and care as a shared responsibility, belonging to the public domain. However, over the last decennia, the “commodification” of ECEC has been a global phenomenon, marked by marketisation, privatization and a shift from supply-side to demand-side funding. These changes occurred across different types of welfare regimes, yet in various and hybrid ways, profoundly influencing the parent-professional relations. We analyzed the discourse on parent involvement in the academic literature and in curricula in different continents, to examine this glocal phenomenon. It reveals that parents are instrumentalized for the development of their children and that parent participation seems to be defined without parents. A second trend is that parents are increasingly viewed as consumers, their satisfaction is seen as a quality criterium and an indicator of parent involvement. Empirical evidence shows, however, that there is hardly any relation between satisfaction and quality and that despite the argument of “parental choice”, demand-side finding results in lower quality. That raises the question of whom is served by the ideological choice for commodification.

 

Family-ECEC relations as unequal ‘public-private partnerships’

Prof. Dr. Sabine Bollig1, Prof. Dr. Tanja Betz2, Anna-Lena Bindges1, Nadine Kaak2, Angelika Sichma1
1Trier University, 2Mainz University

In the course of increasing public investments in early childhood, both ECEC services and families are faced with higher expectations towards their educational tasks – which are, moreover, understood as joint-efforts to be realized together. The related programmatic standard of ‘educational partnerships’ between ECEC and family is ambivalent, as it is instrumental for uplifting parental rights in public services but also as an effective means of addressing the educational competencies of (especially "less educated") families. Consequently, and according to the increasingly diverse functions of ECEC, the rhetoric of partnership entails a multitude of conflicting aims, which are processed and negotiated in the everyday cooperation between parents, children and professionals. In our presentation, we will focus on those everyday negotiations of ‘public’ and ‘private’ expectations, tasks and responsibilities between professionals, parents and children in German ECEC centres as social arenas for negotiating public-private boundaries in the upbringing of the youngest. In particular, we highlight the various and unequally distributed opportunities, resources and strategies for this boundary work as well as its excluding effects for children and parents. The analyses stems from the ethnographic research project PARTNER (University of Mainz & Trier, funded by BMBF), which investigates the practices of those 'public-private partnerships' in a childhood studies and inequality perspective

 

Global concerns, local responses: Working with families in superdiverse New Zealand

Dr. Angel Chan1, Dr. Jenny Ritchie2
1The University of Auckland, 2Te Herenga Waka Victoria University of Wellington

New Zealand is a superdiverse ‘settler society’, originally settled by the Indigenous Māori and since 1840 colonised by Britain. Pākehā, people of European ancestry, remain the dominant cultural group within the current superdiverse demographics comprising over 200 ethnicities. After Pākehā (70%) and Māori (16.5%), Asian peoples (15.1%) make up the next largest population grouping (Statistics New Zealand 2020). The early childhood curriculum, Te Whāriki (Ministry of Education [MoE] 2017) expects teachers to work in partnership with families (MoE 2017). ‘Family and Community’ is one of its four principles, and ‘Belonging’ is one of its five strands. The principles and strands work holistically to guide pedagogy and practice. Involving families in ECEC settings is considered to promote belonging and teacher-family partnership. Because Te Whāriki is not migrant-inclusive, we argue that its expectation of partnership may not be working well for all families. Using qualitative data collected from individual interviews, we highlight a lack of teacher partnership with transnational migrant families who have no sense of belonging in New Zealand’s ECEC settings. Drawing from the theoretical positionings of transnationalism (Vertovec 1999) and critical pedagogy of place (Greenwood 2008), we recommend using local Indigenous Māori wisdom to address global migration-driven inequality concerns.

 
14:00 - 16:00Pädagogische Diskurse der (Re-)Stabilisierung von Geschlechter-, Generationen- und Zugehörigkeitsgrenzen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 25
 

Chair(s): Prof. Christine Thon (Europa-Universität Flensburg, Deutschland), Susanne Maurer (Philipps-Universität Marburg)

Gegenwärtig werden Erziehung und Bildung zunehmend zum Schauplatz diskursiver Kämpfe rechter und populistischer Politik gegen Bewegungen, die für Demokratisierung, soziale Teilhabe und Vielfalt eintreten. Die AG geht Diskursen der (Re-)Stabilisierung von Geschlechter-, Generationen- und Zugehörigkeitsgrenzen in diesem Kontext nach. Dazu gehören Diskurse, in denen aus einem rechten und populistischen Argumentationszusammenhang heraus pädagogische Begrifflichkeiten (um)besetzt und gegen Infragestellungen von normativen Geschlechter-, Generationen- und Zugehörigkeitgrenzen in Anschlag gebracht werden. Außerdem werden Diskursivierungen von Differenz im pädagogischen Mainstream untersucht, die Anschlüsse für die (Re-)Stabilisierung sozialer Ordnungen und die Reproduktion entsprechender Machtverhältnisse anbieten, indem sie implizit hierarchisierende Grenzziehungen zwischen dem Eigenen und dem Anderen fortsetzen und Pluralisierung und Veruneindeutigung als Bedrohungsszenario verhandeln.

 

Beiträge des Panels

 

Diskursive Artikulationen von Geschlechter- und generationalen Ordnungen in rechten Programmatiken von Erziehung und Bildung

Christine Thon
Europa-Universität Flensburg

Ausgangspunkt pädagogischer Diskurse der Neuen Rechten ist die Abwehr emanzipatorischer und antiautoritärer Pädagogik als „Umerziehung“ (vgl. Baader 2020). Gegen Szenarien von „Überfremdung“ und „Bevölkerungsaustauch“ wird das Programm einer Erziehung zum „Ethnopluralismus“ formuliert, der ethnische Identiäten „rein“ und die Grenzen dazwischen aufrecht erhalten soll (vgl. Olberg 2020). Garant dafür soll die Familie sein, die es dem Einfluss einer Pädagogik der Geschlechtergerechtigkeit und der sexuellen Vielfalt zu entziehen gelte. Rechte pädagogische Diskurse erschöpfen sich jedoch nicht mehr in entsprechenden Diffamierungen („Gender-Gaga“, „Frühsexualisierung“), sondern projektieren eine Neuordnung von Erziehung und Bildung in und zwischen Familie und Schule. Sie sehen nicht nur eine traditionelle Geschlechterordnung vor, sondern auch eine generationale Ordnung, die weitgehende Elternrechte gegenüber Kinderrechten und staatlich verantworteter Bildung privilegiert. Dabei speist sich die Pädagogik der neuen Rechten nicht mehr nur aus der Abwehr einer Demokratisierung von Erziehung und Bildung, sondern formuliert eigene Entwürfe. Dazu werden Verknüpfungen nicht nur zu Programmatiken einer „völkischen“ Erziehung hergestellt, sondern auch zu anerkannten Traditionen pädagogischer Theoriebildung (bei Sommerfeld 2019 z.B. zu Kant und der Reformpädagogik). So werden neue Bekenntnisse zu Erziehung formuliert, die diskursive Anschlussmöglichkeiten in verschiedene Richtungen aufweisen.

 

Antifeminismus und Corona-Verschwörungserzählungen – Kindeswohlgefährdung als gemeinsamer Bezugspunkt

Rebekka Blum
Universität Freiburg

Die Proteste gegen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie sind nicht nur antisemitisch und rassistisch, sondern auch latent bis offen antifeministisch. Gemeinsame Bezugspunkte antifeministischer Akteur_innen und Pandemieleugner_innen sind bspw. das Thema Elternrechte und eine vermeintliche Kindeswohlgefährdung. So erweiterten die Initiator_innen der bereits 2019 initiierten Petition gegen die Verankerung von Kinderrechten im Grundgesetz diese um den Zusatz, dass Kinderrechte »problemlos [zu] Maskenpflicht, Impfpflicht, Zwangsisolation oder Kindesentzug« führen könnten. Dies taten sie laut eigener Aussage, um den Adressat_innenkreis zu erweitern, was ihnen auch gelang. Auch auf den Demonstrationen der Querdenken-Initiative wird regelmäßig Bezug zu einer vermeintlichen Kindeswohlgefährdung genommen und wie bei der Demonstration am 03.04.2021 in Stuttgart Testungen auf Corona und das Tragen einer Gesichtsmaske gar als Terror gegen Kinder beschrieben: „Nein! Zum Terror, unserer Enkelkinder mit Masken und Test`s.“ (sic!)

Der Beitrag untersucht, wie die Behauptung der Kindeswohlgefährdung eine gemeinsame Mobilisierung antifeministischer Akteur_innen und Pandemie-Leugner_innen ermöglicht. Dies wird in größere antifeministische Entwicklungen eingeordnet. Denn schon länger versuchen Antifeminist_innen über den Umweg der vermeintlichen Kindeswohlgefährdung ihre politischen Forderungen zu legitimieren und Anknüpfungspunkte an gesamtgesellschaftliche Debatten zu erlangen.

 

(Mit) Vielfalt umgehen – Machtkritische Perspektiven auf die Diskursivierung von Heterogenität

Marina Dangelat, Frauke Grenz
Europa-Universität Flensburg

In aktuellen erziehungswissenschaftlichen und bildungspolitischen Diskursen wird die Pluralisierung von Lebensentwürfen als (neue) Herausforderung gerahmt, die eine potentielle Überforderung von Kindern, Jugendlichen und Pädagog*innen birgt. Um Risiken sozialer Ungleichheit zu reduzieren, gelte es einen pädagogischen Umgang mit Heterogenität zu finden. In Bildungs- und Lehrplänen wird die Fähigkeit mit gesellschaftlicher Diversität umzugehen daher als notwendige, individuelle Kompetenz konstruiert.

In rechten, antifeministischen Bewegungen wird die Diskursivierung von Heterogenität als Herausforderung aufgegriffen und transformiert. Vielfalt wird als Bedrohung inszeniert, die es abzuwenden gelte. Heterogenität wird ‚den Anderen‘ zugeschrieben und ‚das Eigene‘ normalisierend als homogen imaginiert. Die Lösung für die vermeintliche Krise ist hiernach nicht der individuelle Umgang mit gesellschaftlicher Vielfalt, sondern die kollektive Abwehr der imaginierten Gefahr, die von der zunehmend pluralen und uneindeutigen Welt ausgeht.

Obwohl diese beiden Perspektiven gegensätzlich erscheinen, zeigt die diskursanalytische Untersuchung, dass sich beide Diskursstränge einer ähnlichen Logik bedienen: Sowohl mainstream-pädagogische Individualisierungs- als auch rechte Kollektivierungsstrategien werden über das Bedrohungsszenario einer vermeintlich wachsenden gesellschaftlichen Vielfalt legitimiert. Eine machtkritische Auseinandersetzung mit Vielfalt und Differenz wird so verunmöglicht.

 

Pädagogiken der Grenze und Grenz-Subjekte

Dr. Denise Bergold-Caldwell
Philipps-Universität Marburg

Aktuelle Debatten zu Geschlecht und Sexualität thematisieren Geschlechterungleichheit und Sexismus häufig als Probleme „kulturell Anderer“. Insbesondere wird das in Integrationskursen deutlich, die dezidiert die Themen Geschlechtergerechtigkeit und sexuelle Vielfalt als Themen demokratischer Wertevermittlung und Integration betrachten. Das Bemühen um die bildungspraktische Vermittlung dieser Werte kann als Phänomen der kulturellen Dominanz, oder wie Gabriele Dietze (2017/2019) es bezeichnet, als Exzeptionalismus bezeichnet werden.

Die kulturelle Differenz wird als schwer überwindbare und durch pädagogische Maßnahmen zu formende, Grenze markiert. Deutlich wird bei genauerer Betrachtung des Kursgeschehens, dass es sich hier nicht ‚nur‘ um ein kulturelles Dominanzverhalten handelt, sondern vielmehr, das strukturelle Probleme als individuell handhab-bare und verlern-bare ‚Vorurteile‘ angesprochen werden; die Teilnehmenden werden zu verkörperten Grenz-Subjekten denen eine spezifische ‚Bildung‘ zukommen muss, um diese ‚Vorurteile‘ zu verlernen. Der Beitrag möchte anhand der diskursanalytischen Herangehensweise der Situationsanalyse (Clarke 2012) aufzeigen, wie Grenz-Subjekte in diesen pädagogischen Settings, durch die Thematisierung von Geschlechtergerechtigkeit und sexueller Vielfalt (als bereits vollendete Norm) geschaffen werden und gleichzeitig eine Grenze zur gleichberechtigten Teilhabe durch die Dethematisierung struktureller Hindernisse, gezogen wird.

 

Datum: Mittwoch, 16.03.2022
9:30 - 11:30Same same but different? Methodologische Herausforderungen und Chancen international vergleichender Forschung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 25
 

Chair(s): Dr. Onno Husen (Leuphana Universität Lüneburg), Britta Menzel (Deutsches Jugendinstitut)

International vergleichende Forschung befinden sich in einem Spannungsverhältnis, da sie auf der einen Seite den Nationalstaat als Bedingungsgefüge zum Ausgangspunkt nimmt und gleichzeitig den Forschungsgegenstand nicht ausschließlich auf nationalstaatliche Strukturen beziehen darf. Der Umgang mit diesem Spannungsverhältnis zeichnet sich durch eine Vielzahl theoretischer Perspektiven und methodologisch-methodischer Vorgehen aus, die zum Ziel haben den jeweiligen Forschungsgegenstand angemessen zu beforschen. Gleichzeitig zeigen sich für international vergleichende Forschungen besondere methodologische Herausforderungen, die vom Forschungsdesign bis zur Auswertung und Interpretation der Ergebnisse den Forschungsprozess mitbestimmen. Hier setzt das Forschungsforum an, in dem es die methodologischen Herausforderungen international vergleichender Forschung sowohl in qualitativen als auch quantitativen Forschungszusammenhängen thematisiert.

 

Beiträge des Panels

 

Zebrastreifen und crossing guards - Wege in die unabhängige Mobilität von Kindern in Berlin und New York City

Tabea Freutel-Funke
Universität Tübingen

Ab wann geht ein Kind alleine auf der Straße spielen oder zur Schule? Unterscheidet sich das in Berlin und New York City? Welche Akteure (Kinder, Eltern, Nachbarn) und Elemente (Straßenverkehrsordnung, Bebauung oder Busfahrplan) sind an diesem Übergang beteiligt? Der stetige Rückgang unabhängiger Mobilität von Kindern wird seit den 70er Jahren beklagt (vgl. Hillman et al. 1990, Shaw et al. 2015). González und andere sprechen beispielsweise mit Blick auf den aktiven Schulweg in fünf Staaten trotz Differenzen zwischen dem globalen Norden und Süden von einer „global crises of physical inactivity“ (González et al. 2020). Die Forschung zur Mobilität von Kindern wird dabei vorrangig in quantitativen Studien international vergleichend untersucht.

In der vorliegenden Studie ermöglichen Dispositive (vgl. Foucault 1986) konkreter Nachbarschaften eine historische, relationale und machtsensible Analyse der unabhängigen Mobilität von Kindern in beiden Städten. Der Vergleich der Elemente, der Genese und Konstellationen dieser Dispositive ermöglicht Überlegungen zu Unterschieden und Gemeinsamkeiten. Neben historischen und politischen Dokumenten wurde das empirische Material im Rahmen von Fotospaziergängen mit Kindern zwischen 6 und 12 Jahren, Experten- und Stehgreifinterviews erhoben. Der Beitrag konzentriert sich auf zentrale Herausforderungen der internationalen vergleichenden Forschung im Rahmen des Projekts.

 

Integration und Inklusion von „recently arrived migrants“ in Kindertagesstätten im deutsch-norwegischen Vergleich - Methodologische Herausforderungen

Dr. Onno Husen
Leuphana Universität Lüneburg

In allen entwickelten Wohlfahrtsstaaten sind Strukturen entstanden, die sich auf die Regulierung, Unterstützung und Gestaltung öffentlicher frühkindlicher Bildung spezialisiert haben. Ungeachtet dieser auf den ersten Blick homogenen Entwicklung unterscheiden sich frühkindliche Bildungssysteme in unterschiedlichen Wohlfahrtssystemen u.a. in Bezug auf die Konstruktion von Zielgruppen, Handlungslogiken und Organisationsformen. Im Zuge zunehmender Migrationsbewegungen ist eine in den letzten Jahren immer wichtiger gewordene Aufgabe frühkindlicher Bildungseinrichtung die Arbeit mit migrierten Kindern und Eltern (vgl. Hendrichs 2016).

In diesem Beitrag sollen anhand einer Studie, die sich mit der Integration und Inklusion von„recently arrived migrants“ in norwegischen und deutschen Kindertagesstätten aus der Sicht von Fachkräften beschäftigt, exemplarisch methodologische Herausforderungen und Chancen international vergleichender Forschung verdeutlicht werden. Das Forschungsvorhaben folgt einer systemtheoretischen Perspektive und nutzt Einzel- und Gruppeninterviews als Erhebungsmethode.

 

Lokale Zugangsgestaltung zu frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung im internationalen Vergleich – Herausforderung, Möglichkeiten, Grenzen

Britta Menzel, Dr. Antonia Scholz
Deutsches Jugendinstitut

In diesem Beitrag werden Einblicke in die Durchführung einer qualitativen, international vergleichenden Studie zu (un)gleichen Zugangsbedingungen in Deutschland, Kanada und Schweden gegeben. Ausgangspunkt der Studie bilden wissenschaftliche Erkenntnisse darüber, dass Kinder aus benachteiligten Lebenslagen bislang seltener frühkindliche Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungseinrichtungen besuchen (Van Lancker 2018), wenngleich die Bildungsteilhabe Ungleichheitsverhältnisse reduzieren (kann) (Yoshikawa u.a. 2013).

Zugänge zum frühkindlichen Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungssystem werden vielerorts auf kommunaler Ebene gestaltet. Daher wurden mittels qualitativer Interviews Fallstudien zu der Zugangsgestaltung in je zwei Kommunen pro Land erstellt. Ziel war es im inter- und intranationalen Vergleich der kommunalen Fallstudien nachzuvollziehen, wie die lokale Akteure Handlungsspielräume und –grenzen nutzen, um Zugänge zu gestalten und inwieweit dabei auch (neue) Zugangsbarrieren entstehen bzw. abgebaut werden. Für den Input in diesem Forschungsforum werden davon ausgehend zentrale methodologische Herausforderungen in der Auswertung thematisiert sowie mögliche Strategien diskutiert. Hierzu werden Beispiele gegeben, wie die jeweilige Kontextualisierung und der inter- und intranationale Vergleich der Ergebnisse im Forschungsverlauf bearbeitet wurden.

 

Herausforderungen in der international vergleichenden quantitativen (Survey-) Forschung

Carolyn Seybel, Samuel Bader, Daniel Turani
Deutsches Jugendinstitut

In diesem Beitrag steht die Entwicklung, Durchführung und Auswertung einer internationalen Befragung von Kita-Personal in neun Ländern (Chile, Dänemark, Deutschland, Island, Israel, Japan, Norwegen und die Türkei) im Fokus. Insgesamt wurden ca. 15.000 pädagogisch Tätige sowie Leitungen aus mehr als 3.000 Kitas mithilfe von standardisierten Fragebögen u.a. zu ihren Arbeitsbedingungen, Aus- und Weiterbildung, ihrer beruflichen Praxis und ihrer Arbeitszufriedenheit bzw. Belastungen befragt. Damit erlaubt die Studie erstmals einen international vergleichenden Einblick in den Kita-Alltag. In diesem Input diskutieren wir Herausforderungen bei der Entwicklung von länderübergreifenden inhaltlichen Schwerpunkten, Fragen und Items, die den Anspruch haben, den Besonderheiten jedes Kita-Systems gerecht zu werden (He & Van de Vijver 2013). Außerdem wird diskutiert, welche Faktoren bei der Interpretation von Daten berücksichtigt werden müssen (z.B. kulturelles Antwortverhalten oder soziale Erwünschtheit), und, welche Möglichkeiten es gibt, Verzerrungen weiter zu minimieren.

 
14:00 - 16:00Spiele und Spielen – Entgrenzungen im und durch das Digitale?
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 25
 

Chair(s): Dr. Marc Fabian Buck (TU Dortmund), Dr. Miguel Zulaica y Mugica (TU Dortmund)

Sowohl das Spiel als auch die Rede darüber durchlaufen im Zuge der Digitalisierung einen nicht zu leugnenden Wandel. Häufig beschränken sich erziehungswissenschaftliche Reflexionen auf Machbarkeitserwägungen und Methodisierungsversuche des Einsatzes von Spielen in pädagogischen Praxisfeldern.

Der Gegenstand in dieser Arbeitsgruppe hingegen sind Reflexionen über bildungstheoretisch zu fassende Folgen und Nebenwirkungen der Ludifizierung bzw. Gamification. Unter anderem Momente der Kreativität, Sozialität, Autonomie/Heteronomie und (Un-)Wirklichkeit sind es, die zu Orten der Entgrenzung und Umdeutung werden.

In der Arbeitsgruppe wird der Gegenstand auf seinen zirkulären Zusammenhang von Spiel und Sozialem, die Grenze von Wirklichem und Unwirklichem, seine Funktion als Experimentierraum von Macht und sein kreativ-schöpferisches Potential befragt und diskutiert. Das gemeinsame Ziel liegt in der Re-Theoretisierung des (post-digitalen) Spiels in spezifisch pädagogischer Hin- und Absicht.

 

Beiträge des Panels

 

Gamification – Entgrenzung des Pädagogischen sowie des Spiels. Pädagogisierung des Spiels oder Ludifizierung des Pädagogischen?

Prof. Dr. Gabriele Weiß
Universität Siegen

Schon die Begriffsbestimmung von „Gamification“ als eine Übertragung von Spielelementen in nicht-spielerische Umgebungen setzt eine Grenze voraus und überschreitet diese gleichzeitig. Dieses Paradox liegt dem Phänomen Spiel selbst zugrunde. Als ein Modus der „Heraushebung“ (Huizinga 2009), d. h. Abgrenzung vom gewöhnlichen (ernsthaften, wirklichen) Leben setzt sich jedes Spiel eine rahmende Grenze, innerhalb derer andere Regeln (Normen, Werte) gelten können, aber nicht müssen. Die Verschiebung der Grenze zwischen Spiel und Nicht-Spiel, ohne sie aufzuheben, erfolgt über das bewusste und unbewusste Gelten und Unterlaufen von Regeln und Spielregeln.

Post-digitale Lebenswelten verändern das Verhältnis von Spiel und Pädagogik vor allem über die Entgrenzung der räumlichen und zeitlichen Rahmungen. Viel interessanter scheint jedoch der Blick auf die Spieler*innen. Wenn Spielelemente motivieren langweilige oder mühevolle Tätigkeiten (Zähneputzen, Arbeiten, Lernen, die Umwelt retten) zu verrichten, stellt sich jenseits einer Motivationspsychologie die Frage neu: Warum spielen wir (so gern)? Ein genauer Blick auf die konkreten Spielelemente, welche in Gamification verwendet werden, zeigt erneut einen Zirkel, denn vieles davon wie z. B. Vergleich, Verkleidung und Gruppenzugehörigkeit wurden zuvor aus dem Sozialen in das Spiel importiert.

 

Experimentierräume der Macht. Über das dialektische Versprechen des Spiels die Macht zu suspendieren

Dr. Steffen Wittig
Universität Kassel

Im (digitalen) Spiel verbirgt sich ein Versprechen, aus dem für das Pädagogische in unterschiedlichen Dimensionen immer wieder versucht wurde Funken zu schlagen: Im Spiel werden Dinge möglich, die im ‚wirklichen‘ Leben unmöglich sind (Huizinga 2009): Man kann scheinbar machtvolle, subjektive Situierungen suspendieren (Thiedeke 2010). Das Spiel erscheint so als eine „Oase des Glücks“ (Fink). An diesem Versprechen der ‚Wirklichkeit des Unwirklichen‘ werden dabei aber immer wieder Potentiale für das Pädagogische geknüpft. Dass eine solche Vorstellung einer Ermöglichung des (pädagogisch) Unmöglichen im Spiel selbst nur eine (spielzerstörende) Imagination ist, darauf verweisen bereits seit den 1930er zentrale Denker*innen der Spieltheorie (Huizinga 2009; Fink 2010).

Das Spiel soll aber nicht von der Seite eines unterstellten Potentials für das Pädagogische betrachtet werden; es soll in seiner Dialektik zwischen dem Versprechen der Möglichkeit des Suspendierens der Macht und dem permanenten Referieren auf die konstitutive Dimension dieser machtvollen Verortung des Spiels im Sozialen aufgerufen werden. „Das Spiel ist ein Kampf um etwas oder eine Darstellung von etwas“ (Huizinga 2009, S. 22) und „Weltsymbol“ (Fink 2010). Das Spiel ist, so die These des Beitrags, Experimentierraum der Macht.

 

Digitale Spielräume – Fortnite und Super Mario Bros. als Gestaltungsrahmen und -möglichkeiten an der Schnittstelle digitaler und analoger Lebenswelten

Dr. Cornelia Zobl
Universität Graz

Wird das (analoge) Spiel bei Schiller als höchste Daseinsform und als Ausgang ästhetischer Bildungsprozesse verstanden, wird gerade dies bei digitalisierten Formen des Spiels häufig in Frage gestellt. Der mit dem digitalen Spiel vorangetriebene Entgrenzungsprozess des Spielerischen ins Leben geht einher mit der Sorge um Technisierung- und Ökonomisierungstendenzen von Gesellschaft und des Pädagogischen. Unter den Stichworten Gamification, Ludifizierung, Digitalisierung, etc. werden diese Problematiken unter bildungstheoretischer Perspektive bearbeitet. Ausgelassen wird bei solch überaus wichtigen kritischen Betrachtungsweisen jedoch der Blick auf das digitale Spiel als ästhetisiertem Erfahrungsraum und seine bildungstheoretischen Implikationen (Mitgutsch/Rosenstingl 2008). Der Beitrag wirft demgemäß einen systematisierend-vergleichenden Blick auf exemplarisch ausgewählte digitale Spiele wie Fortnite (2017) und Super Mario Bros. (1983), die als spezifische Erfahrungsräume für Spieler*innen verstanden werden. Leitend ist hierbei die Frage nach den Möglichkeiten von Ich-, Anderen- und Welt-Erfahrungen im und durch das Spielen, die durch bewusste Gestaltungsprozesse der digital-analogen Schnittstellen sowie der digitalen Umgebung beeinflusst sind. Besonders die Korrelation von Spielegestaltung und Spielerfahrung können in weiterer Folge Ausgang für medienpädagogische und didaktische Erwägungen schöpferisch-poietischer Art sein.

 

Die (Un-)wirklichkeit spielerischen Lernens – Digitale Spiel- und Lerntechnologien im Fokus allgemeinpädagogischer Fragestellungen

Dr. Miguel Zulaica y Mugica
TU Dortmund

Im derzeitigen Bildungswesen erleben spezifische Ludifizierungen des Sozialen aufgrund persuasiver Technologien wie Gamification und Serious Gaming eine Hochkonjunktur. Gamification als Spielbarmachung von Alltagspraktiken und Serious Gaming als spielerische Gestaltung von Übungssettings stehen in der Tradition sowohl von Automatisierungsutopien didaktischer Praktiken als auch kulturwissenschaftlicher Theorien des Spiels. Es wird darauf hinzuweisen sein, dass die Bedeutung des digitalen Spiels in Lernarrangements missverstanden wird, wenn das Ludische lediglich auf seine motivationale Qualität reduziert wird. Es ist die Medialität des Spiels, in der eine möglichst von wirklichen Konsequenzen befreite „Unwirklichkeit“ (Schäfer/Thompson 2014) geschaffen wird, auf die sowohl instrumentelle Perspektiven aber auch bildungstheoretische Ansätze zugreifen, die die ‚Unwirklichkeit‘ des Spiels als Möglichkeitsraum für Erfahrungen von Autonomie, Kreativität und Kontingenz betrachten. Die Frage ist, wie sich die Medialität des Spiels zur pädagogischen Medialität verhält. Die Ludifizierung des Sozialen wird hinsichtlich einer Entgrenzung der Pädagogisierung befragt und die digitalen Spiel- und Lerntechnologien werden mit dem bildungstheoretischen Anspruch, der Sache gerecht zu werden, konfrontiert, um zu einer allgemeinpädagogischen Reflexion überzuleiten.