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Sitzungsübersicht
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 20
999 8232 7568, 679473
Datum: Montag, 14.03.2022
14:00 - 16:30Ent- und Begrenzungen durch Digitalisierung: Perspektiven auf Teilhabe in der Erwachsenenbildung/Weiterbildung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 20
 

Chair(s): Dr. Christian Bernhard-Skala (Deutsches Institut für Erwachsenenbildung (DIE), Deutschland), Prof. Dr. Matthias Rohs (TU Kaiserslautern)

Die Be- und Entgrenzung von gesellschaftlicher und bildungsbezogener Teilhabe in und durch Erwachsenenbildung/Weiterbildung (EB/WB) wird in Politik und Praxis kontrovers diskutiert. Die Digitalisierung von EB/WB lässt sich als ein sozialer Aushandlungsprozess beschreiben, in dem technologische Affordanzen und Anforderungen gesellschaftlicher Akteure an EB/WB auf Überzeugungen von Professionellen der EB/WB treffen. In dieser Perspektive rückt angesichts der Teilhabefrage das professionelle Handeln und dessen Gestaltungsmöglichkeiten in der Digitalisierung in den Fokus. Das Symposium widmet sich den Be- und Entgrenzungen von Teilhabemöglichkeiten in der Digitalisierung. In verschiedenen theoretischen Perspektiven werden Facetten der Be- und Entgrenzung von Teilhabe deutlich gemacht und Gestaltungsoptionen für Teilhabe durch die Digitalisierung aufgezeigt.

 

Beiträge des Panels

 

Corona-Pandemie und Weiterbildung - Auswirkungen auf Angebotsgestaltung und Beteiligungsmöglichkeiten

Stefanie Dernbach-Stolz, Prof. Dr. Erik Haberzeth
Pädagogische Hochschule Zürich

Für die Sicherung der Weiterbildungsbeteiligung kommt Weiterbildungsanbietern eine zentrale Funktion zu. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie beeinflussen die Leistungserstellung der Anbieter erheblich. Sie führen zu einer weitreichenden Digitalisierung des Angebots und regen dazu an, neue Settings zu entwickeln (SVEB, 2021). Diese Veränderungen können mit Blick auf die Teilnahme an Weiterbildung je nach Zielgruppe sowohl entgrenzende als auch begrenzende Wirkungen entfalten (Autorengruppe Bildungsberichterstattung, 2020). Empirische Erkenntnisse dazu, welche Auswirkungen diese Entwicklungen auf die Weiterbildung und die Teilhabe an Weiterbildung haben, liegen bisher kaum vor. Hier setzt der Beitrag an. Auf Basis qualitativer Fallstudien wird zum einen aufgezeigt, wie sich die Angebotsgestaltung durch die Corona-Krise und den einhergehenden Digitalisierungsschub verändert hat. Damit verbunden sind auch Erkenntnisse dazu, wie nachhaltig und umfassend die digitale Transformation des Weiterbildungsangebots ist. Zum anderen liegt ein Fokus des Beitrags auf der Abschätzung möglicher Folgen für die Beteiligungschancen unterschiedlicher sozialer Gruppen an Weiterbildung.

Autorengruppe Bildungsberichterstattung (Hrsg.) (2020): Bildung in Deutschland 2020. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildung in einer digitalisierten Welt. Bielefeld: wbv.

SVEB (2021): Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Weiterbildung. Zürich: SVEB.

 

Bereichsethisch fundierte Grenzziehungen im Kontext der Erwachsenen- und Weiterbildung

Dr. Nils Bernhardson-Laros1, Prof. Dr. Matthias Rohs2
1Universität der Bundeswehr München, 2TU Kaiserslautern

Ein wesentliches ethisches Problem, das bzgl. der Digitalisierung im Feld der Erwachsenen-/Weiterbildung (EB/WB) zu beobachten ist, besteht darin, dass sich Lehrende, Anbieter und Verbände gefordert sehen, moralische Kommunikation (Krohn, 1999) zu nutzen, um sich von Erwartungen bzgl. des Einsatzes digitaler Technologien abzugrenzen. Diese werden von außen, aus anderen gesellschaftlichen Tätigkeitsfeldern und Funktionsbereichen, an die Akteure der EB/WB herangetragen, wie z. B. der umfassende Einsatz digitaler Lehr-/Lernmedien. Diese und ähnliche Erwartungen können in Konflikt mit individuellen Werthaltungen und im Feld etablierten Normen wie z. B. Mündigkeit oder soziale Teilhabe treten. Im Rahmen des Beitrags wird u. a. diskutiert, mit welchen ethischen Fragen und Dilemmata die Akteure im Feld der EB/WB durch die Digitalisierung konfrontiert sind und wie eine bereichsethische Unterstützung des Feldes in diesen Fragen aussehen kann. Bei der Bearbeitung und Diskussion dieser Fragen orientieren wir uns an einem theoretischen Modell zur Erfassung moralischer Probleme und ethischer Fragen in der EB/WB (Bernhardsson-Laros, 2020).

Bernhardsson-Laros, N. (2020). Moralische Probleme und ethische Fragen von Lehrenden der Erwachsenen- und Weiterbildung. Zeitschrift für Weiterbildungsforschung 43(1), 13-30.

Krohn, W. (1999). Funktionen der Moralkommunikation. Soziale Systeme, 5(2), 313–338.

 

Dimensionen einer Digitalen Grundbildung für die gesellschaftliche Teilhabe

Prof. Dr. Ilka Koppel
Pädagogische Hochschule Weingarten

Mit zunehmender Digitalisierung ändern sich Wege und Modalitäten der gesellschaftlichen Teilhabe. Für die aktive Teilhabe sind daher nicht nur Grundkompetenzen im Bereich Schriftsprache und Rechnen, sondern auch im Umgang mit digitalen Medien notwendig. Mit der Digitalisierung erhöht sich damit aber das Risiko des Teilhabeausschlusses gering literalisierter Erwachsener (Buddeberg, 2019). Während die klassischen Grundkompetenzen bisher recht stabile Konstrukte waren, die keinen schnellen Veränderungsprozessen unterlagen, stellen digitale Kommunikations- und Handlungsräume höchst vielfältige, schnell veränderliche abstrakte Anforderungen an die Grundbildung (Koppel & Wolf, 2021). Um das Ziel gesellschaftlicher Teilhabe zu erreichen, bedarf es daher eines Konzepts für eine digitale Grundbildung. Der alleinige Rückgriff auf objektiv prüfbare, tendenziell statische Kompetenzdefinitionen erscheint aber aufgrund des schnellen Fortschreitens technologischer Innovationen nicht ausreichend. In dem Beitrag wird daher der Frage nachgegangen, welche Perspektiven einzubeziehen und welche (Kompetenz)Dimensionen für eine digitale Grundbildung zu berücksichtigen sind.

Buddeberg, K. (2019). Digitale Praktiken und Grundkompetenzen. Alpha-Dekade-Konferenz, Hamburg.

Koppel, I. & Wolf, K. (2021). Digitale Grundbildung in einer durch technologische Innovationen geprägten Kultur. Zeitschrift für Pädagogik, 1, 182–199.

 

Audiovisuelle digitale Praktiken als Erweiterung kommunikativer und informativer Handlungsfähigkeit

Dr. Klaus Buddeberg1, Prof. Dr. Petra Grell2
1Universität Hamburg, 2TU Darmstadt

Digitale Kommunikation gilt im Kontext von Mediatisierung trotz persistenter digitaler Ungleichheit als weitgehend ubiquitär. Veränderte Kommunikationsformen verlassen das Feld der schriftlichen Kommunikation und nutzen audiovisuelle Pfade. Gering literalisierte Erwachsene berichten häufige Nutzung audiovisueller/rezeptiver Praktiken (Buddeberg & Grotlüschen, 2020). In der Grundbildungsforschung ist damit oft implizit eine Interpretation als Vermeidungsstrategie verbunden. Demnach eröffnen Sprachnachrichten zwar ein höheres Maß von Teilhabe, aber um den Preis möglichen Kompetenzverlustes. Der Beitrag nimmt auf Basis der LEO Studie 2018 den Wechsel zu einer medienpädagogischen Sichtweise vor, die audiovisuelle Praktiken als Erweiterung kommunikativer und informativer Handlungsfähigkeit fokussiert. Jüngere Altersgruppen und Migrant*innen nutzen häufig diese erweiterten Handlungsoptionen. Im internationalen Vergleich finden audiovisuelle Praktiken in Deutschland selten Anwendung (Hootsuite, 2021). Wir stellen die Frage zur Diskussion, wieviel die deutsche Gesellschaft von ihren jüngeren Mitgliedern und von Migrant*innen lernen kann, um hier aufzuholen.

Buddeberg, K. & Grotlüschen, A. (2020): Literalität, digitale Praktiken und Grundkompetenzen. In: A. Grotlüschen & K. Buddeberg (Hrsg.): LEO 2018 – Leben mit geringer Literalität. Bielefeld: wbv, 197-225.

Hootsuite (2021): Digital 2021: Global Overview Report. https://datareportal.com/reports/digital-2021-global-overview-report

 

Datum: Dienstag, 15.03.2022
9:00 - 11:30Entgrenzungen in der Grundbildung und der Grundbildungsforschung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 20
 

Chair(s): Prof. Dr. Helmut Bremer (Universität Duisburg-Essen, Deutschland), Dr. Natalie Pape (Leibniz Universität Hannover), Prof. Dr. Wibke Riekmann (Medical School Hamburg)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Christine Zeuner (Helmut-Schmidt-Universität / Universität der Bundeswehr)

Grundbildung und Grundbildungsforschung haben in den letzten Jahren erheblich an Bedeutung gewonnen. Eine Vielzahl an Untersuchungen hat das Ausmaß von geringen Grundbildungskompetenzen offen gelegt. Nach wie vor gibt es jedoch Desiderata, etwa im Hinblick auf Gründe für die gleichbleibend geringe Teilnahme an Alphabetisierungsangeboten, die Alltags- und Milieubezogenheit von Schriftsprache oder die Erweiterung von Bereichen der Grundbildung (z.B. Numeralität). Das verweist auf Grenzen bestehender Konzepte, die zu theoretischen und konzeptionellen Erweiterungen führen und mit Entgrenzungsprozessen verbunden sind, etwa in Bezug auf Lernformate und -orte, professionelles Handeln, disziplinäre Perspektiven und Forschungsstrategien. Die AG stützt sich auf verschiedene aktuell laufende Untersuchungen, die einer qualitativen Forschungslogik folgen und damit ermöglichen, Entgrenzungsprozesse zu rekonstruieren und theoretische Perspektiven zu erweitern.

 

Beiträge des Panels

 

Entgrenzung von Lernorten und Formaten und professionellem Handeln

Dr. Natalie Pape1, Songül Cora2, Paula Matthies1
1Leibniz Universität Hannover, 2Universität Duisburg-Essen, Deutschland

Im Unterschied zu „typischen“ Alphabetisierungskursen (etwa der Volkshochschulen) ist mit arbeitsorientierter Grundbildung ein Konzept verbunden, das weniger einer schulähnlichen und seminaristischen Logik folgt und Lernen direkter im Kontext der Alltags- bzw. Arbeitswelt ansiedelt (z.B. Frey/Menke 2021). Solche aufsuchenden Elemente in Bildungsangeboten, die zudem mit veränderten Anforderungen an professionelles Handeln einhergehen, können als Entgrenzungen klassischer Lernorte und Formate aufgefasst werden. Sie sind vielversprechend, da die in der Erwachsenenbildung/Weiterbildung nach wie vor dominanten „Komm-Strukturen“ gerade für „gering literalisierte“ Zielgruppen eine hohe Hürde darstellen (Bremer u.a. 2015). Wer allerdings von Angeboten arbeitsorientierter Grundbildung erreicht wird und profitiert, darüber ist wenig bekannt.

Der Beitrag gibt Einblick in ein qualitativ-forschendes BMBF-Projekt, in dem sowohl Teilnehmende und Adressat*innen als auch professionell Tätige der arbeitsorientierten Grundbildung befragt werden. Untersucht wird die biografische bzw. milieuspezifische Eingebundenheit von Literalität und professionellem Handeln und die Frage, in welchem „Passungsverhältnis“ letzteres zu den Bedingungen des Handlungsfeldes und den Erwartungsstrukturen der Adressat*innen und Teilnehmenden steht. Präsentiert werden erste Ergebnisse aus Interviews mit Teilnehmenden und Professionellen, die mithilfe der „Habitushermeneutik“ (Bremer u.a. 2019) ausgewertet werden.

 

Entgrenzung disziplinärer Perspektiven

Prof. Dr. Wibke Riekmann, Rabea Schemann
Medical School Hamburg

Gemäß ihrer Alltags- und Lebensweltorientierung sowie ihrem grundsätzlichen Verständnis, für die Selbstbestimmungsrechte und die Teilhabe der Menschen einzutreten (DBSH 2016), ist Sozialpädagogik prädestiniert dafür, im Bereich Grundbildung tätig zu werden (Sauter 2018; Dorschky 2016). Allerdings versteht sich die Profession der Sozialpädagogik bisher nicht als genuines Handlungsfeld für Grundbildungsangebote (Riekmann u.a. 2016). Es kann verwundern, dass sich die Sozialpädagogik und die Soziale Arbeit bisher nur wenig um die Bedeutung der Schriftsprachkompetenzen ihrer Adressat*innen gekümmert haben. Hinweise bestehen, dass dies u.a. mit der Bewertung der Problemlagen zu tun hat, mit denen die Menschen zu tun haben (ebd.). Eine drohende Obdachlosigkeit, familiäre Konflikte, finanzielle Probleme oder Suchtproblematiken werden als dringlicher bewertet als die schriftsprachlichen Fähigkeiten. Dazu kommt die Wahrnehmung, als Profession nicht zuständig zu sein bzw. ein geringes Wissen über die Themen Grundbildung und Alphabetisierung zu haben. Sozialintegrative Konzepte betonen den Mehrwert der Zusammenarbeit zwischen Erwachsenenalphabetisierung und Sozialintegration (Schneider/Wagner 2011; Schneider u.a. 2011). Die Hürden und Chancen der disziplinären Entgrenzungen sollen im Beitrag thematisiert werden, um auch die Sozialpädagogik als handelnde Profession in der Grundbildungsarbeit zu etablieren und eine Entwicklung in diese Richtung zu unterstützen (Dorschky 2016).

 

Grundbildung und Behinderung: Numerale Praktiken von Erwachsenen mit Lernschwierigkeiten als Grenzöffnungen für Bildungspraxis und Forschung

Prof. Dr. Silke Schreiber-Barsch, Dr. Wiebke Curdt
Universität Duisburg-Essen

Der Beitrag zielt auf eine Entgrenzung der Grundbildungsforschung hin zu Numeralität als Teil der Grundbildung sowie zu Grundbildungsfähigkeiten von erwachsenen Menschen mit Lernschwierigkeiten als in Bildungspraxis wie Forschung bislang nur rudimentär berücksichtigter Personengruppe. Hierzu werden bildungstheoretische Grundannahmen zur Bildsamkeit Erwachsener (Dederich 2005; Tenorth 2011) mit dem Behinderungsbegriff der Disability Studies (Waldschmidt 2017) sowie dem Ansatz von Numeralität als sozialer Praxis (Yasukawa u.a. 2018) unter einem kulturwissenschaftlichen Forschungsprogramm (Reckwitz 2004) zusammengebracht. Grundlage des Beitrags sind empirische Daten eines qualitativ und partizipativ angelegten Forschungsprojektes mit Menschen mit Lernschwierigkeiten (auch als sog. geistige Behinderung bezeichnet), in dem mittels Grounded Theory Methodologie Teilnehmende Begleitungen, Interviews und Gruppendiskussionen durchgeführt wurden (Schreiber-Barsch u.a. 2020). Präsentiert werden Befunde zu numeralen Praktiken als Anwendung von Numeralität im Alltag der Lebensbereiche von Arbeit, Wohnen, Bildung und Freizeit. Der Beitrag argumentiert für die Entgrenzung der erwachsenenbildungswissenschaftlichen Grundbildungspraxis und -forschung in Richtung einer subjektorientierten Grundbildung, die ressourcen-, nicht defizitorientiert arbeitet und Perspektiven für eine fähigkeitsentfaltende Bildungspraxis an den Übergängen jener Lebensbereiche über den Lebenslauf hinweg entwirft.

 

Entgrenzung von Forschungsstrategien durch Partizipation

Dr. Antje Pabst1, Dr. Melanie Benz-Gydat1, Dr. Barbara Nienkemper2
1Helmut Schmidt Universität Hamburg, 2Volkshochschule Hamburg

Die zentralen Forschungslinien der Alphabetisierung und Grundbildung umfassen standardisierte Untersuchungen wie LEO 2011/2018, die Spezifik und Ausmaß geringer Schriftsprachfertigkeiten innerhalb der Gesamtbevölkerung darlegen, wie auch Adressat*innen- und Teilnehmendenforschung, Kurs- und Curricularforschung sowie Professionsforschung (Nuissl/Przybylska 2016), die vielmehr auf qualitativ-rekonstruierenden Forschungsstrategien basieren und auf ein eingreifendes, veränderndes Handeln abzielen. Sie tragen zu zielgruppenspezifischen Entwicklungen auf der Meso- und Mikroebene des didaktischen Handelns bei. Doch gerade für Fragen nach der individuellen Alltagsrelevanz, nach biographischen Bezügen und sozialen Kontexten, die für Schriftsprache bedeutsam sind, kann es anregend sein, neue Wege einzuschlagen.

Partizipative Handlungsforschung (Cohen u.a. 2018) ermöglicht es, die „Beforschten“ eines Feldes als Expert*innen der Praxis (Markard 2015) aktiv am Forschungsprozess mit ihren Fragen und Problemlagen zu beteiligen. Diese Entgrenzung der Forschungsstrategie zieht ebenso Entgrenzungen in Bezug auf Forschungsinteressen und -verlauf sowie der Aufgabe der Forscher*innen nach sich. Wie diese Prozesse gestaltet und gewinnbringend für die Alphabetisierung und Grundbildung genutzt werden können, wird anhand einer aktuellen partizipativ angelegten Studie mit Lernenden und Lehrenden der Alphabetisierungspraxis dargelegt.

 
14:00 - 16:00Ethnografische Kindheitsforschung als Grenzerfahrung: Forschungsethische Fragen, Ansprüche und Positionierungen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 20
 

Chair(s): Hoa Mai Trần (University of Siegen, Deutschland)

Diskutant*innen: Nicoletta Eunicke (Johannes Gutenberg-Universität Mainz)

Ethnografische Grenzerfahrungen von Forschenden re- und dezentrieren die Praxis der Kindheitsforschung und geben Impulse für eine verstärkte Debatte über Forschungsethik. Trotz der langjährigen Forderung, Kinder als Akteur*innen und Forschungssubjekte anzuerkennen, bedarf die forschungsethische Auseinandersetzung in der Forschung mit und über Kinder mehr Aufmerksamkeit. Zwar wurden allgemeine ethische Kodizes von diversen Fachgesellschaften formuliert, doch die Perspektiven ethnografischer Kindheitsforschung sind bislang unzureichend berücksichtigt wurden. Ansprüche und Positionierungen in der Forschungsethik mit Kindern wird über Grenzerfahrungen der Forschenden konturiert, in dem offenen und unbequemen Fragen in der ethischen Auseinandersetzung nachgegangen wird. Ziel ist es, method(olog)ische und ethische Orientierungen sowie ethische Gütekriterien kritisch zu diskutieren und zu einer fachdisziplinäre Selbstvergewisserung zur ethischen Praxis in der Kindheitsforschung beizutragen.

 

Beiträge des Panels

 

Die Kinder des Erkenntnissubjekts – Natalität, Angewiesenheit und Alterität als Ausgangspunkte radikaler Forschungsethik

Sabine Hattinger-Allende
Universität Duisburg-Essen

Kindheitsforschung ist forschungsethisch besonders herausgefordert, da Kinder dem wissenschaftlichen Blick ausgesetzt sind, ohne akademische Wissensproduktion mitgestalten zu können. In diesem Beitrag wird die entgrenzte und entgrenzende Leidenschaft der Gegenwart kritisch befragt, „jeden Schleier beiseite zuwerfen, jede Oberfläche zu durchdringen, jede Barriere zu überwinden“ (Copjec 2006, S. 23). So müssen Wege gesucht werden, um dem Erkenntnissubjekt in seinem Begehren nach Wissen Grenzen zu setzen. Anhand einer Ethnographie zu Kindern als politische Subjekte im Kontext einer sozialen Bewegung wird dem forschungsethischen Diskurs der Selbstbegrenzung eine Ethik der Begegnung entgegengestellt. In Bezogenheit auf diejenigen, denen ich in den Zeit-Räumen der Bewegung begegnet bin einerseits und auf die Tradition feministischer Wissenschaftskritik andererseits, ergründe ich in Bezug auf Irigaray Alterität als Ausgangspunkt einer radikalen Forschungsethik (Irigaray 2010). Ich frage nach Angewiesenheit, Natalität und nach der Un/Möglichkeit einer Grenze, die vom anderen herkommt.

Copjec, Joan (2006): The Object-Gaze: Shame, Hejab, Cinema. In: Filozofski Vestnik 27 (2), S. 11-29 (Übersetzung von Autorin).

Irigaray, Luce (2010): Welt teilen. Freiburg, München: Karl Alber.

 

Forschungsethische Fragen in der ethnographischen Beobachtung: Das Folgedilemma der Beobachtung von Beobachtungen

Magdalena Hartmann
Leibniz Universität Hannover

Forschungsethische Fragen durchziehen alle Phasen eines (ethnographischen) Forschungsprozesses. In diesem Beitrag wird der Entstehungsprozess von empirischem Material im Rahmen einer ethnographischen Forschung zum Beobachtungs- und Dokumentationsverfahren des Early Excellence-Ansatzes fokussiert. Über die Frage der Entziehbarkeit von Kindern aus Beobachtungsprozessen von einer pädagogischen Fachkraft und mir, als Ethnographin, wird ein Folgedilemma identifiziert und über „das Prinzip der Schadensvermeidung und der Schutz der Rechte der untersuchten Personen [hier Kinder]“ (von Unger et al. 2014, S. 21) einer forschungsethischen Auseinandersetzung zugänglich gemacht. Vor diesem Hintergrund werden Fragen der Möglichkeiten der Grenzziehung von Kindern und von mir als Ethnographin in Erhebungs- und Analyseprozessen reflektiert, um darüber eine gemeinsame Diskussion über Herausforderungen von ethischen Fragen in (ethnographischen) Forschungsprozessen zu eröffnen.

Von Unger, Hella; Narimani, Petra & M´Bayo, Rosaline (Hrsg.) (2014): Forschungsethik in der qualitativen Forschung. Reflexivität, Perspektiven, Positionen. Wiesbaden: Springer VS.

 

Rationalität als Herausforderung: Verwicklungen in die Erfahrungen von Kindern in Institutionen

Bettina Brenneke
Universität Duisburg-Essen

Im Zuge forschungsethischer Perspektiven und Ansprüche rückt auch die ethnographische Wissensproduktion über Kinder und Kindheiten in ein neues Licht. Eine zentrale Herausforderung, die ich in meiner ethnographischen Studie zum Übergang vom Kindergarten und in die Grundschule bearbeite, sind Binaritäten, die Forschungspraxis und Wissensproduktion durchziehen. Dabei gilt es mit der Gefahr umzugehen, dass die eigene Perspektive und die Perspektiven der Kinder auf Ko-Konstruktionen von bspw. Kindergartenkind – Schulkind oder auch Kita – Schule eine dualistische und hierarchisierende Wirkung entfalten können. In dem Beitrag soll der Frage nachgegangen werden, wie ein wissenschaftliches (Nach-)Denken und Sprechen über kindliche Erfahrungen und Beziehungen, wie Käte Meyer-Drawe (2000) vorschlägt, im Sinne eines „Sowohl-als-Auch“ und „Weder-Noch“ stattfinden kann. „Zwischenmöglichkeiten“ (Meyer-Drawe 2000, 10) der Erkenntnis eröffnen sich, wenn Rationalität auch in ihrer leiblichen Dimension berücksichtigt wird. Im Fokus stehen Relationen und Verwicklungen, die wiederum die Grenzziehungen der Kinder, die an der Forschung beteiligt sind, sowie eigene (Erkenntnis-)Grenzen aufzeigen.

Meyer-Drawe, Käte (2000): Illusionen von Autonomie. Diesseits von Ohnmacht und Allmacht des Ich. 2. Auflage. München: Peter Kirschheim Verlag.

 

Zombies, Töten und die Momo-Challenge: Vom un/zumutbaren Content für Kinder im Kontext (medien)ethischer Fragen

Hoa Mai Trần
Universität Siegen

Im Beitrag wird der Frage nachgegangen, was Kindern in welcher Weise an digitalem Content zugemutet werden kann, wenn es um „problematische“ digitale Inhalte geht. Die ethnografisch-qualitativen Kindheitsforschungserfahrungen werfen durch irritierende, ethische Momente ethisch Fragen auf: Welche Rolle kommt der forschenden Person zu, wenn potentiell angstauslösende, gewaltvolle Inhalte von Kindern einsehbar werden? Der Umgang mit Grenzerleben (als integritätsüberschreitend) zwischen Kind und Erwachsenen divergiert mitunter. Entlang einer posthumanistischen Ethik, welche nicht mehr nur reaktiv-negativ, sondern als experimenteller Rahmen und Wechselbeziehung verstanden wird, wird die Forschende und das Handeln Teil eines agentiellen Arrangements. Dem mehr als Menschlichem im Handeln und der Forschungspraxis wird mehr Aufmerksamkeit gewidmet und dadurch die Ethik in der Forschung Kindern im digitalen Medienkontext neu überdacht.

Diaz-Diaz, Claudia & Semenec, Paulina (2020): Posthumanist and New Materialist Methodologies. Research After the Child. Singapore: Springer Singapore.

Guillemin, Marilys & Gillam, Lynn (2004): Ethics, Reflexivity, and “Ethically Important Moments” in Research. Qualitative Inquiry 10(2), S. 261–280.

Stapf, Ingrid, Prinzing, Marlis & Köberer, Nina (Hrsg.) (2019): Aufwachsen mit Medien. Zur Ethik mediatisierter Kindheit und Jugend. Baden-Baden: Nomos.

 

Datum: Mittwoch, 16.03.2022
9:30 - 11:30Habitusanalyse und Biographieforschung. Zur theoretischen und methodologischen Verschränkung im Feld der Hochschulforschung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 20
 

Chair(s): Prof. Dr. Bettina Dausien (Universität Wien, Österreich), Prof. Dr. Helmut Bremer (Universität Duisburg-Essen)

Diskutant*innen: Dr. Andrea Lange-Vester (Hannover)

Im Forschungsforum werden Verknüpfungen von Habitusanalyse und Biographieforschung diskutiert und konkretisiert. Dafür werden Wissenschaftler*innen einer länderübergreifenden Arbeitsgruppe, die empirisch zu Studierendenbiographien, „non-traditional students“, Studienabbrüchen und Bildungsaufstiegen arbeitet, an bestehende Debatten anknüpfen und ihre je unterschiedlichen theoretischen und methodologischen Perspektiven an demselben Datenmaterial sichtbar machen. Im Zentrum des Forums stehen das Spannungsfeld von „Habitus“ und „Biographie“ und die theoretische und empirische Erkundung bestehender Gemeinsamkeiten, Differenzen und Leerstellen in der Verbindung der beiden Forschungsansätze.

 

Beiträge des Panels

 

Habitusanalyse und Biographieforschung – Einführung in Problemstellung und Material des Forums

Prof. Dr. Helmut Bremer1, Prof. Dr. Bettina Dausien2
1Universität Duisbrug-Essen, 2Universität Wien, Österreich

Einführend werden mit Blick auf zentrale Forschungslinien, in denen sich Habitusanalyse und Biographieforschung treffen, wichtige Berührungspunkte und Abgrenzungen beider Perspektiven benannt. Besonders in den Fokus gerät die Frage, wie individuelles Handeln mit gesellschaftlichen Logiken verbunden ist und wie daraus folgend Bildungswege vorstrukturiert sind, welche Gestaltungsräume die Individuen haben und wie Veränderungs- bzw. Transformationsmöglichkeiten jeweils gesehen werden. Daraus ergeben sich unterschiedliche Blickwinkel und Gewichtungen, die auch mit unterschiedlichen Erkenntnisinteressen verbunden sind. Abschließend wird der beispielhafte Fall, der Gegenstand der weiteren Inputs und Diskussionen sein wird, knapp vorgestellt.

 

An der Bordsteinkante entlangbalancieren? – Biographische Erzählungen von Habitus(ent)grenzen(den)-Erfahrungen von first-in-family-Studierenden

Jacqueline Hackl
Universität Wien, Österreich

Ziel dieses Beitrags ist es, am Beispielfall den Weg aus einem nicht-akademischen Milieu an die Universität aus einer biographietheoretischen und narrationsanalytischen Perspektive genauer zu rekonstruieren. Dabei geht es um die Erfahrung von Grenzen ebenso wie um biographische Handlungspotenziale und „Biographizität“, die zu Bildungs- und Aneignungsprozessen genutzt werden können. Studierenden, die u.U. einen weiten Weg vom Herkunftsumfeld bis zum Studium und der Teilnahme am Universitätsleben zurücklegen, leisten oft eine komplexe „biographische Arbeit“. Folgende Fragen werden am Fall untersucht: Wie gestaltet sich ein „Weggehen“ vom Herkunftshabitus, von der Lebenswelt der sozialen Herkunft? Welche Prozesse in der Lebensgeschichte gehen damit einher, wie wiederholen und verändern sich damit verbundene biographische Erfahrungen? Welche Veränderungspotenziale, Aspirationen und Handlungsmöglichkeiten werden in der Biographie rekonstruierbar – aber auch welche Prozesse der Beharrung und des Zurückziehens?

 

Kulturelle Passung zwischen Habitus, Milieu und Hochschule

Catrin Opheys
Universität Duisburg-Essen

Ziel dieses Beitrags ist es, aus der Perspektive der Habitusanalyse am Beispielfall die Lebensgeschichte einer*eines Studierenden und den Weg vom nicht-akademischen Milieu an die Hochschule mit Fokus auf die Beharrungstendenzen des Habitus zu analysieren. Dabei wird untersucht, wie unter sich verändernden gesellschaftlichen Bedingungen im Zugang zum Studium und im Prozess der Aneignung des Studiums kulturelle (Nicht-)Passungen des Habitus/Milieus zum Feld der Hochschule durch Reibungen an den vorherrschenden Strukturen sichtbar werden. Zentrales Erkenntnisinteresse ist hierbei, wie sich die Handlungsmuster des Habitus über die Biographie hinweg fortsetzen und in Form von Passungen und Nicht-Passungen zu Studium und Fachkultur zum Tragen kommen.

 

Akademiker*in Werden – Habitus und Subjektivierung im Dialog

Flora Petrik
Eberhard Karls Universität Tübingen

In diesem Beitrag gilt das Interesse den Prozessen des „Akademiker*in Werdens“. Wie verläuft die Annäherung an einen akademischen Habitus bei sogenannten „non-traditional students“? Was gerät in den Blick, wenn der Fokus auf Prozesse des „Werdens“ gerichtet wird? Welche Erlebnisse, Räume und Praktiken werden für eine Habitustransformation bedeutsam? Für die Beleuchtung dieser Fragen bietet sich ein Dialog mit jenen Theorien an, die untersuchen, wie Subjekte über soziale Praktiken erzeugt werden. Die hier angewandte Perspektive orientiert sich daher an theoretischen Überlegungen zu Anrufungs- und Adressierungsgeschehen. Denn die Möglichkeitsräume, in denen habituelle Veränderungen hervorgebracht werden, sind von wirkmächtigen Anrufungen gerahmt. Die Fokussierung auf das Adressierungs- und damit Anerkennungsgeschehen in biographischen Erzählungen kann dazu beitragen, die Spielräume für habituelle Transformationsprozesse explorativ zu erschließen.

 
14:00 - 16:00Zwischen Be- und Entgrenzung von Zeit und Raum – Pandemie als krisenhafte Erfahrung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 20
 

Chair(s): Dr. Lilli Riettiens (Universität zu Köln, Deutschland)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Mandy Schiefner-Rohs (TU Kaiserlautern)

Die Arbeitsgruppe widmet sich dem (bisweilen paradoxen) Spannungsfeld von raum-zeitlicher Be- und Entgrenzung in Pandemiezeiten in historischer wie aktueller Perspektive. Wir gehen davon aus, dass auf die raum-zeitlich entgrenzte Pandemie in jeweiligen Gegenwarten mit raum-zeitlicher Begrenzung reagiert wurde/wird, während sich in der Begrenzung Potenziale erneuter Entgrenzung abzeichnen. Vor diesem Hintergrund rücken wir Fragen nach Erfahrungen subjektiver Zeit bzw. nach dem alltäglich-gegenwärtigen Empfinden von Zeit und Raum während einer Pandemie bzw. unter Quarantäne in den Mittelpunkt, die sich im reflexiven Verhältnis von Subjekt und Welt niederschlagen. In Rückbindung an tradierte Diskurse der Erziehungswissenschaft diskutieren wir dabei auch die sich daraus ergebenden Implikationen für formale Bildungskontexte in Pandemiezeiten und unter Bedingungen der Digitalität sowie für die Disziplin selbst.

 

Beiträge des Panels

 

Zur strikten Zuteilung von Zeit und Raum – Subjektives Zeitempfinden unter Quarantäne

Dr. Lilli Riettiens
Universität zu Köln

Die im 14. Jahrhundert erfundene Quarantäne als »Isolation auf Zeit« (Schwara 2011: 224) dient noch heute der Infektionseindämmung. Mit dem Ziel »ungeregelte Zusammenkünfte zu verhindern, die pathologische Übertragungen möglich machen« (Rölli 2005: 535), wird verdächtigten oder infektiösen Körpern ein »klar bestimmte[r] Platz« zugewiesen (ebd.: 359), den sie für eine definierte Zeit nicht verlassen dürfen. Diese strikte Ein- und Zuteilung des Raumes von Seiten der Behörden lässt sich in Anlehnung an Foucault als Disziplinarmaßnahme lesen, die den Ort der Quarantäne als (nahezu) isolierten Raum hervorbringt. Während sich Quarantäne also nicht ohne die Momente Zeit und Raum bzw. ohne von außen ›auferlegte‹ Zeiten und Räume denken lässt, fragt der Vortrag vor allem nach dem subjektiven Zeitempfinden unter Quarantäne.

Im Anschluss an eine Historisierung und Theoretisierung von Quarantäne als Spezialfall von Begrenzung in Zeiten entgrenzter Pandemie geht der Vortrag anhand einer Analyse spanischsprachiger Reiseberichte aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert der Frage nach, wie Schiffsreisende ihr Empfinden ›der Zeit‹ unter Quarantäne beschrieben. In Anlehnung an eine Theorie transformatorischer Bildung (vgl. Schäfer 2013; Koller 2018) gilt es dabei, ein mögliches Bildungspotenzial von Quarantäne kritisch zu diskutieren – zwischen krisenhafter Erfahrung und (potenziell) verunmöglichter reflexiver Auseinandersetzung von Ich und Welt.

 

›Die Zukunft kann nicht beginnen‹ – Digitalität, Temporalstruktur und Bildung

Dr. Christian Leineweber
FernUniversität in Hagen

Mit der noch andauernden Corona-Pandemie hält der Versuch einer zunehmenden Digitalisierung des Bildungssystems an. Wo Distanz geboten ist, lassen digitale Medien räumliche Grenzen aufheben und das Klassenzimmer oder den Hörsaal zum lernenden Subjekt bringen (vgl. Simanowski 2018). Gleichsam weisen kulturtheoretische Reflexionen der Gegenwart darauf hin, dass Digitalität mit Steigerungs- und Vermessungslogiken einhergeht (vgl. Mau 2017), die das Subjekt unter Verantwortung stellen und kritisch als unternehmerisches Selbst (vgl. Bröckling 2013) deuten lassen.

Ziel des Vortrags ist es, diese beiden Tendenzen zu vereinen und zu reflektieren. Ausgehend von der pädagogischen Anthropologie lautet die These, dass der Gedanke an eine positiv gestaltbare Zukunft eine integrale Kategorie von Bildung ist (vgl. de Haan 2014). Daran anknüpfend gilt es zu zeigen, dass digitaler Fortschritt auf der Ebene der subjektiven Erfahrungswelt in enger Verbindung zu Beschleunigung und unsicheren Zukunftsvorstellungen steht (vgl. Rosa 2012). Insofern dies den Weg zu einer positiven Zukunft zu versperren droht, scheint es notwendig, das Verhältnis von Digitalität und subjektiver Unsicher­heit für die Analyse von Bildungsprozessen zu berücksichtigen. Im Rückgriff auf den transformatorischen Bildungsbegriff (vgl. Marotzki 1990), der Krisenerfahrungen als konstitutiv für Bildung anerkennt, nimmt der Vortrag dieses Verhältnis auf und exploriert Anschlüsse für eine temporaltheoretische Bildungsforschung.

 

Selbsterzählungen zum Empfinden von Zeit und Raum – Rekonstruktion studentischer Pandemie-Erfahrungen

Prof. Dr. Sandra Hofhues
FernUniversität in Hagen

Während alle gesellschaftlichen Bereiche von mehreren Wellen der COVID-19-Pandemie betroffen waren, ist ein konstitutives Merkmal dieser Entwicklungen, dass möglichst alle dieser Bereiche, einschließlich des sozialen Lebens, mittels Distanzierung aufrechterhalten werden sollten – darunter auch Bildungsinstitutionen. Die Entgrenzung von Lernerfahrungen u. a. bei Studierenden im Kontext Universität ist dabei evident. Und doch bleiben die Transformationen der formalen Bildung selbst – mit samt ihrer gestalteten Räume und Möglichkeiten – bisher wenig beleuchtet.

Ziel des Vortrags ist daher zu zeigen, dass und wie Lehre in Pandemiezeiten nicht bloß einem von außen gesetzten Zweck folgte, sondern zur persönlichen Entwicklung im Sinne von Bildung beigetragen hat (vgl. Vortragende_r 3; Sesink 2006). So knüpft der Vortrag an ein Seminar im Sommersemester 2020 an, das die Pandemie zum Gegenstand studentischer Forschung und Reflexion machte. Je zehn Tagebucheinträge von insgesamt 32 Studierenden regten zur Selbstpositionierung im Kontext eigener Pandemie-Erfahrungen an. Jene werden im Vortrag hinsichtlich der Frage ausgewertet, welches Empfinden von Zeit und Raum in ihnen ausgedrückt wird und welche Sichtweise(n) studentische Erfahrungsräume spiegeln (vgl. Bohnsack 2017). Immerhin dokumentieren sich darin sowohl subjektive Sorgen und Ängste als auch empirische Einblicke in studentische Selbsterzählungen unter Bedingungen anhaltender Pandemie.