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Sitzungsübersicht
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 18
917 4946 0952, 114812
Datum: Dienstag, 15.03.2022
9:00 - 11:30Solidarität ohne Grenzen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 18
 

Chair(s): Prof. Dr. Marc Hill (Universität Innsbruck), Prof. Dr. Caroline Schmitt (Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, Österreich)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Hans Karl Peterlini (Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, Österreich)

Solidarität bewegt sowohl die Zivilgesellschaft als auch die erziehungswissenschaftliche Diskussion im Kontext von Fluchtmigration, Diversität und Sozialer Arbeit. Spätestens seit dem langen Sommer der Migration erleben wir, wie in Kommunen, Städten sowie regionalen und transnationalen Allianzen kreative Ideen für ein solidarisches Zusammenleben in der Weltgesellschaft entstehen (Schiffauer et al., 2017; Rotter et al., 2021). Zugleich manifestieren sich Abschottungspolitiken gegenüber geflüchteten Menschen (Hark, Villa, 2017). Die Vortragenden nehmen dieses Spannungsfeld zum Ausgangspunkt, um Solidarität mit ihren ein- und ausschließenden Effekten neu zu reflektieren. Sie begeben sich auf die Suche nach dem gesamtgesellschaftlichen Potenzial von Solidarität jenseits eines dichotomen Denkens in ein ‚wir‘ und ‚die anderen‘ (Kessl, Maurer, 2010; Terkessidis, 2017) und befassen sich damit, wie der Solidaritätsbegriff grenzenlos, inklusiv und postmigrantisch konturiert werden kann.

 

Beiträge des Panels

 

Zivile Seenotrettung als solidarische Praxis. Begrenzungen und Möglichkeiten

Prof. Dr. Gudrun Hentges
Universität Köln

Der Vortrag diskutiert Grenzen und Möglichkeiten solidarischen Handelns am Beispiel der zivilen Seenotrettung. Nachdem die italienische Mission ‚Mare Nostrum‘ Ende Oktober 2014 eingestellt wurde, verschärfte sich die humanitäre Katastrophe im Mittelmeer. Von 2014 bis 2020 ertranken nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) mehr als 20.000 Menschen bei dem Versuch, europäisches Territorium zu erreichen. In dem Maße, in dem sich die staatliche Seenotrettung auf dem Rückzug befand, gewann die zivile Seenotrettung an Bedeutung. Aktivist*innen aus der Zivilgesellschaft schlossen sich zusammen, gründeten Vereine, initiierten Crowdfunding Kampagnen und gründeten Organisationen wie Sea Watch, Sea Eye, Pro Activa Open Arms, Mission Lifeline, SOS Méditerranée/Ärzte ohne Grenzen oder Jugend Rettet. Der Vortrag zeigt Initiativen ziviler Seenotrettung und solidarischen Engagements in den Kommunen auf. Er analysiert, dass Aktivist*innen der zivilen Seenotrettung in Übereinstimmung mit dem Völkerrecht handeln und dessen ungeachtet Kriminalisierung und Strafverfolgung erleben, aber von ausgewählten Städten, Gemeinden und Kommunen Unterstützung erfahren. Städte, die sich dem Bündnis ‚Sichere Häfen‘ angeschlossen haben, erklären sich solidarisch mit Menschen auf der Flucht und der Seenotrettung. Insofern bewegt sich Solidarität und zivile Seenotrettung im Spannungsfeld zwischen Kriminalisierung, strafrechtlicher Verfolgung und neuen Perspektiven solidarischen Handelns.

 

Jenseits von Grenzen. Die Stadt als Ort der Solidarität

Prof. Dr. Marc Hill1, Prof. Dr. Caroline Schmitt2, Sophie Schubert1
1Universität Innsbruck, 2Alpen-Adria-Universität Klagenfurt

Die europäischen Regierungen finden im Umgang mit Fluchtmigration keine gemeinsame Lösung. Gleichzeitig sind zivilgesellschaftliche Akteur*innen und geflüchtete Menschen selbst auf der Suche nach Handlungsmöglichkeiten jenseits hegemonialer Grenzziehungen, um das zu bewältigen, was im öffentlichen Diskurs als „Flüchtlingskrise“ bezeichnet wird (Fleischmann, 2020). Mit Blick auf weltgesellschaftliche Herausforderungen wie Fluchtmigration können sich gerade in Städten eine Vielzahl von Menschen über soziale Distanzen, Lebensstile und Weltanschauungen hinweg (Stjepandić, Karakayalı, 2018) unmittelbar und in kurzer Zeit zu solidarischen Allianzen formieren, um gemeinsam zu handeln – darin liegt ein entscheidender Vorteil gegenüber schwerfälligen Machtapparaten wie sie sich in der Europäischen Union und der politischen Verfasstheit von Nationalstaaten zeigen.

In unserem Vortrag fragen wir danach, wie Menschen sich als agierende Subjekte in der Stadt sichtbar machen, soziale und räumliche Bewegungen erzeugen und kollektiv Solidarität herstellen. Anhand von Fallbeispielen aus Deutschland und Österreich analysieren wir Möglichkeiten und Ambivalenzen von Solidarität unter Rekurs auf postmigrantische und inklusive Sichtweisen (Hill, Schmitt, 2021). Wir schließen mit Überlegungen zur Stadt als einem lebensweltlichen Bildungslabor zur Entfaltung einer solidarischen Sozialen Arbeit und Diversitätspädagogik.

 

Vom Krisendiskurs zu einer Grenzen bearbeitenden Alltagspraxis. Solidaritätsbewegungen nach der ‚Flüchtlingskrise‘

Dr. Claudia Lintner
Freie Universität Bozen

Der Vortrag blickt auf die Jahre nach der sogenannten ‚Flüchtlingskrise‘ im Jahre 2015 zurück und beleuchtet die Rolle von Solidaritätsbewegungen. Krise wird verstanden als ein destabilisierender Moment des Übergangs (Habermas, 1973; Oevermann, 2016), der sich in gesellschaftlichen Strukturveränderungen ausdrückt. Im Zuge einer qualitativen Forschungsstudie wurden 30 semi-strukturierte Interviews in den drei EUREGIO-Regionen Tirol, Südtirol und dem Trentino mit Akteur*innen solidarischer Allianzen geführt. Die Ergebnisse zeigen, dass die Entstehung solidarischer Initiativen eng geknüpft ist an Begrenzungen sozialstaatlicher Versorgung und eine institutionelle Überforderung im Umgang mit Fluchtmigration. Vor allem zu Beginn der ‚Flüchtlingskrise‘ war in allen Regionen eine Aufbruchsstimmung festzustellen und solidarische Initiativen formierten sich. Ab 2016 änderte sich die Situation, als die Präsenz geflüchteter Menschen im öffentlichen Diskurs nicht mehr als akuter Notstand dargestellt wurde. Solidarische Initiativen wurden neu gedacht und mussten sich an die Veränderungen anpassen. Im Vortrag werden diese Änderungsprozesse analysiert sowie die Notwendigkeit, die Unterstützung von Solidaritätsbewegungen auch jenseits akuter ‚Krisenmomente‘ als Teil gesellschaftlicher Vielheitspläne und einer Sozialen Arbeit zu verankern, die keine Grenzen zieht und als Menschenrechtprofession (Staub-Bernasconi, 2014) für alle zuständig ist.

 

Grenzen öffnen und Realitäten verbinden. Potenziale politisch-partizipativer Theaterarbeit für eine solidarische Soziale Arbeit

Prof. Dr. Michael Wrentschur
Universität Graz

Ein politisches Theater, bei dem Menschen in benachteiligten Lebenslagen die Bühnen bespielen, bezeichnet Wihstutz (2012) als „Raum sozialer Grenzverhandlung“. Dabei werden Grenzen zwischen den „Verbannten“ einer Gesellschaft und der gesellschaftlichen Öffentlichkeit ästhetisch und sozial „verschoben“ und Themen der sozialen Ungleichheit und Ausgrenzung – sinnlich erlebbar – verhandelt. Dem folgen Idee und Konzeption des „Forumtheaters“ und des „Legislativen Theaters“ (Boal 1998; Wrentschur 2019) als interaktive und politisch-partizipative Theaterform, die Menschen mit Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen dazu einlädt, ihre lebensweltlichen Herausforderungen in theatrale Szenen zu transformieren. Fortführend werden die theatralen Szenen in interaktiven Forumtheateraufführungen mit gesellschaftlichen (und oft politischen) Öffentlichkeiten geteilt und hinsichtlich ihrer Veränderungsmöglichkeiten auf persönlicher, sozialer und politischer Ebene untersucht.

Anhand eines Projektbeispiels zur Thematik „Armut“ wird auf Basis empirischen Materials gezeigt, wie die Theaterarbeit bei den Projektmitwirkenden zu vertiefter Kooperation, Selbstermächtigung und Solidarität führen und wie die interaktiven Aufführungen beim Publikum mehr Verständnis für soziale Problemlagen erzeugen können – als Grundlage für solidarisches und politisches Handeln, das Grenzen überschreitet und bis in Räume politischer Entscheidungsmacht wirken kann.

 
14:00 - 16:00Die Entgrenzung und Begrenzung von Jugend – zur Notwendigkeit einer Neujustierung konzeptioneller Rahmungen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 18
 

Chair(s): Prof. Dr. Marius Harring (Johannes Gutenberg-Universität Mainz), Prof. Dr. Matthias D. Witte (Johannes Gutenberg-Universität Mainz)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Wiebke Waburg (Universität Koblenz-Landau)

Jugend ist aktuell einer beschleunigten Entwicklung unterzogen. Vor dem Hintergrund der Pluralisierung und Individualisierung von Lebensstilen in einer komplexen Gesellschaft ist diese Phase durch heterogene Lebenslagen, nicht linear verlaufende Biografien und ungleiche Chancenverteilungen charakterisiert und zugleich durch Ent- und Begrenzungsprozesse determiniert. Diese Prozesse haben Auswirkungen auf bisherige theoretische Verortungen von Jugend. Nur noch selten erfüllen sie den Anspruch einer umfassenden Erklärung des Aufwachsens heute. So gilt es zu hinterfragen, inwiefern z.B. das Konzept der Entwicklungsaufgaben angesichts des gesellschaftlichen Wandels die differenzierten Entwicklungswege Jugendlicher aufzufangen vermag. Die Arbeitsgruppe will Fragen der Be- und Entgrenzung anhand von unterschiedlichen thematischen Zugängen empirisch ausleuchten und darauf basierend Ableitungen und neue Impulse für die theoretische Verortung der Lebensphase Jugend herausarbeiten.

 

Beiträge des Panels

 

Zum Passungsverhältnis von empirischen Befunden aus der Jugendforschung und jugendtheoretischen Konzeptionen – Exemplarische Reflexionsanlässe

Dr. Nora Gaupp, Dr. Anne Berngruber
Deutsches Jugendinstitut (DJI)

Ausgehend von der Prämisse einer gesellschaftlichen und historischen Einbettung von „Jugend“ – und darin eingelagerten Prozessen sozialen Wandels –, steht die Jugendforschung notwendigerweise immer wieder vor der Aufgabe, bestehende jugendtheoretische Konzeptionen zu überprüfen und gegebenenfalls weiter zu entwickeln. Ausgehend von empirischen Befunden aus der Jugendforschung will der Vortrag einen Beitrag zur Reflexion konzeptioneller Perspektiven auf die Lebensphase Jugend leisten. In einem Drei-Schritt werden zunächst ausgewählte empirische Befunde aus der Jugendforschung präsentiert. Diese werden in einem zweiten Schritt auf ihre Passung zu bestehenden Konzepten von Jugend geprüft. Schließlich soll, drittens, abgeleitet werden, wie in bestimmten Aspekten angemessenere Perspektiven aussehen könnten, um das Aufwachsen von Jugendlichen in unserer heutigen Gesellschaft zu beschreiben. Dieser Gedankengang kann etwa exemplarisch anhand der Konzeption von Jugend als Moratorium geführt werden, wenn Befunde zu einer eingeschränkten Zufriedenheit Jugendlicher mit der Möglichkeit, das Leben selber zu gestalten, zu gefühltem Druck, schnell erwachsen werden zu müssen oder zu Zeitkonflikten zwischen Schule und der Zeit mit Freunde*innen eher zu Vorstellungen von Verdichtung und Beschleunigung der Jugendphase führen.

 

Aufwachsen im Horizont transnationaler Vergesellschaftung. Forschungsbezogene Implikationen

Prof. Dr. Matthias D. Witte
Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Jugendliche heute sind eingebunden in Sozialisationszusammenhänge, die beeinflusst werden von Modernisierungsdynamiken in einer global entfesselten Weltgesellschaft. Angesichts technischer Errungenschaften und den damit einhergehenden Mobilitäten, die eine Relativierung von Raum/Zeit mit sich bringen, agieren sie zunehmend in plurilokalen und über nationalstaatliche Grenzen hinausreichenden Alltagswelten, auch jenseits physischen Mobilseins. Aufwachsen in multiplen Kontexten (z.B. in digital social networks, transnationalen sozialen Feldern, postkolonialen oder multikulturellen Räumen) verweist auf die tendenziell geringer werdende Relevanz nationalstaatlicher Bezüge und kann mit einer vom methodologischen Nationalismus ausgehenden Entweder-Oder-Logik nicht angemessen erfasst werden. Es liegt nahe, im Sinne der ‚Transnational Studies’ den Blick auf (Grenz-)Überschreitungen, Verflechtungen und deren Interdependenzen in den Lebenswelten Jugendlicher zu lenken; dabei sind die Beharrungskräfte und Relevanzen des Lokalen nicht zu unterschätzen. Kurz: Das Transnationale kann auch lokalisiert und das Lokale transnationalisiert auftreten. In diesem Sinne ist Jugend multiperspektivisch, d.h. lokal, national und global zu betrachten, um die ‚Trans-Phänomene’ auf diesen Ebenen und in ihrer Mehrdimensionalität zu erfassen. Der Vortrag diskutiert Jugend unter der Perspektive von Transnationalität und arbeitet auf Grundlage empirischer Studien forschungsbezogene Notwendigkeiten heraus.

 

Ein gescheiterter Ablösungsprozess? – Das Aufwachsen in Südosteuropa und Zentralasien. Schlussfolgerungen für eine theoretische Einordnung von Jugend aus einer internationalen Perspektive

Prof. Dr. Marius Harring, Daniela Lamby, Julia Peitz
Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Das Ablösen vom Elternhaus – materiell und räumlich – stellt nach allen gängigen theoretischen Einordnungen eine zentrale Entwicklungsaufgabe des Jugendalters dar. Erst wenn dieser Prozess abgeschlossen ist, sei der Übergang ins Erwachsenenalter vollzogen. Was passiert aber, wenn Jugendliche bewusst oder unbewusst den Ablösungsprozess in dieser Form nur teilweise oder gar nicht durchlaufen? Wird ihnen damit der Status eines Erwachsenen verwehrt? Oder anders formuliert: Bleiben sie auf unbestimmte Zeit jugendlich? Muss der Prozess der Ablösung als gescheitert angesehen werden? Hier setzt dieser Vortrag an und leuchtet auf der Basis repräsentativer Fragebogenerhebungen (n=16.000) das Aufwachsen der heutigen Jugendgenerationen in Ländern Südosteuropas (Albanien, Kosovo, Kroatien etc.) und Zentralasiens (Kasachstan, Kirgisistan und Usbekistan) aus. Dabei liegt der Fokus auf familiären Sozialisationsbedingungen vor dem Hintergrund eines historisch gewachsenen und gesellschaftlich festverankerten Generationsvertrags aus der Perspektive von Jugendlichen. Die sich daraus ergebenen Wertestrukturen und auf Lebenszeit eingegangenen Verpflichtungen Jugendlicher sollen genauso betrachtet werden, wie die dahinterliegenden Motive und Konflikte. Ausgehend von diesen Befunden sollen Impulse für eine theoretische Rahmung der Lebensphase Jugend – und zwar aus einer internationalen Perspektive gedacht – diskutiert werden.

 

Datum: Mittwoch, 16.03.2022
9:30 - 11:30Schulentwicklungskapazität als Voraussetzung für die Qualitätsentwicklung von schulischen Prozessen. Eine Bilanz.
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 18
 

Chair(s): Dr. Andrea Wullschleger (Universität Zürich, Schweiz), Prof. Dr. Katharina Maag Merki (Universität Zürich, Schweiz)

In der Schulentwicklungsforschung gilt das Konstrukt der Schulentwicklungskapazität als für die Weiterentwicklung der schulischen Qualität bedeutsames Schulmerkmal. Allerdings bestehen verschiedene theoretische und methodische Forschungsdesiderata. Darauf Bezug nehmend werden in diesem Forschungsforum die theoretische Fundierung des Konzeptes sowie das Forschungsdesign einer umfangreichen Studie in 59 Primarschulen (ca. 1500 Lehrpersonen ca. 1500 Schüler*innen) unter Berücksichtigung unterschiedlicher methodischer Erhebungs- und Analyseinstrumente präsentiert. Zudem werden zentrale Ergebnisse auf der Basis von sozialen Netzwerkanalysen, time-sampling-Verfahren und eines Mixed-Method Ansatzes für Schulentwicklung zur Diskussion gestellt. Stärken und Schwächen des Ansatzes sowie weiterführende Forschungsfragen werden diskutiert. Insbesondere stellt sich die Frage, inwiefern aufgrund des neuen Ansatzes Erkenntnisse zur Qualitätsentwicklung von schulischen Prozessen gewonnen werden können.

 

Beiträge des Panels

 

Theoretische Fundierung und Forschungsdesign zur Analyse der Schulentwicklungskapazität in Primarschulen

Dr. Andrea Wullschleger, Prof. Dr. Katharina Maag Merki
Universität Zürich

Schulentwicklungskapazität (SIC) kann als das Zusammenspiel von schulischen Routine- und Regulationsprozessen zur nachhaltigen Verbesserung von Unterrichtsqualität und der Lernergebnisse der Schüler*innen definiert werden (Maag Merki et al., 2021). In diesem Beitrag wird die theoretische Fundierung und das methodische Design einer umfangreichen Studie in 59 Primarschulen vorgestellt. Aus theoretischer Perspektive basiert SIC auf der Theorie des organisational learning nach Argyris und Schön (1996), in welcher individuelles und kollektives Lernen innerhalb einer Organisation unterschieden wird. Diese wird durch die Theorie der Learning Community nach Mitchell und Sackney (2011) ergänzt. Darüber hinaus stellt das Modell des selbstregulativen Lernens nach Winne und Hadwin (2010) eine wesentliche Erweiterung dar, um schulische Regulationsprozesse differenziert zu modellieren.

Um das theoretische Modell empirisch zu untersuchen, werden bei Lehrpersonen mittels eines standardisierten Fragebogens, sozialer Netzwerkanalysen und time-sampling-Analysen Schulentwicklungsstrategien, Motivationen, metakognitives Strategiewissen sowie die Kooperationen in Schulteams erfasst. Diese Analysen werden mit einer qualitativen Fallstudie mittels Gruppendiskussionen vertieft.

Darüber hinaus werden die Unterrichtsqualität, Motivationen sowie Mathematikleistungen der Schüler*innen im Längsschnitt erhoben. Stärken und Schwächen des theoretischen und methodischen Forschungsdesigns werden diskutiert.

 

Die Erfassung schulentwicklungsrelevanter Aktivitäten von Lehrpersonen über ein online Logbuch auf der Basis von time-sampling Daten

Dr. Miriam Compagnoni, Prof. Dr. Katharina Maag Merki, Dr. Urs Grob
Universität Zürich

In diesem Beitrag werden Ergebnisse eines time-sampling-Verfahrens zur Erfassung der täglichen Aktivitäten von Lehrpersonen im und außerhalb des Unterrichts berichtet. Diese Methode verspricht eine größere Performanznähe und damit Validität als dies über retrospektive Selbstbeschreibungen möglich wäre (Ohly, Sonnentag, Niessen, & Zapf, 2010). Untersucht wird, welche Aktivitäten Lehrpersonen in Bezug auf die Weiterentwicklung der eigenen Praxis im Unterricht, in Teams und in der Schule realisieren und inwiefern an Tagen, an denen schulentwicklungsrelevante Tätigkeiten realisiert werden, eine höhere Ergiebigkeit für das Lernen der Schüler*innen oder für den Unterricht wahrgenommen wird. Anhand eines online Logbuchs, welches von den Lehrpersonen über 21 Tage ausgefüllt worden ist, werden die Fragen mehrebenenanalytisch untersucht. Erste Ergebnisse zeigen, dass Lehrpersonen ausserhalb ihres Unterrichts zur Hälfte Aktivitäten in Kooperation mit anderen Personen realisieren, wobei wiederum ca. die Hälfte davon der Klärung administrativ-organisatorischer Fragen dient, gefolgt von fachlichen sowie Fragen zur Team- und Schulentwicklung. Kooperative Aktivtäten nehmen über die Woche linear ab. Tage, an denen kooperative Aktivitäten realisiert wurden, erlebten die Lehrpersonen für das Lernen der Schüler*innen sowie für Team- und Schulentwicklung als ertragreicher. Stärken und Schwächen des Ansatzes für Erkenntnisse zur Qualitätsentwicklung von schulischen Prozessen werden diskutiert.

 

Kooperation von Schulteams zur Entwicklung der Schule. Analysen auf der Basis sozialer Netzwerke

Dr. Andrea Wullschleger, Beat Rechsteiner, Ariane Rickenbacher
Universität Zürich

Schulen als pädagogische Organisationen gelten als «loosely coupled systems» (Weick, 1976) und sind eher organisch strukturiert (Lindemann, 2017), wobei die Koordination nicht über eine Hierarchiespitze geschieht, sondern vielmehr durch alle Teammitglieder. Deshalb spielt bei ihrer Entwicklung das Agieren des Schulteams als professionelle Lerngemeinschaft eine entscheidende Rolle (Idel, Ullrich & Baum, 2012). Dabei wird das Ziel verfolgt, die personale, interpersonale und organisationale Kapazität der Lerngemeinschaft weiterzuentwickeln (Mitchell & Sackney, 2011), um Unterrichtsqualität und Lernen zu verbessern (Spillane & Louis, 2002).

Um die Kooperation in Schulteams performanznahe zu erfassen, kamen soziale Netzwerkanalysen (Wasserman & Faust, 1994) zum Einsatz. Bisherige Netzwerkstudien untersuchten, wie schulinterne Faktoren die Kooperation von Schulteams hinsichtlich Unterricht und Lernen begünstigen (z.B. Spillane, Kim & Frank, 2012). Effekte von sozialen Netzwerken auf die Schüler*innen wurden bisher kaum erforscht (Mooleaar, Sleegers & Daly, 2012).

In dieser Teilstudie wird die Kooperation von Schulteams nicht nur mit Blick auf Unterrichtsentwicklung, sondern auch auf Team- und Organisationsentwicklung untersucht und darüber hinaus in Beziehung zu Unterrichtsqualität, Mathematikleistungen und dem Interesse an Mathematik der Schüler*innen gestellt.

Am Kongress werden die Ergebnisse präsentiert und für die Qualitätsentwicklung von schulischen Prozessen diskutiert.

 

Baking-the-Cake der Schulentwicklung: Interpersonale und organisationale Voraussetzungen bei Schulen unterschiedlicher Schulentwicklungskapazität

Dr. Lisa Schäfer
Universität Zürich

Seit langem werden Voraussetzungen für eine nachhaltige Schulentwicklung untersucht und finden sich für zentrale Bereiche konsistent beschrieben (u.a. Reynolds et. al. 2016). Modelle wie Professionelle Lerngemeinschaften oder Lernende Organisationen, aber auch Studien auf der Basis von Best-Practice-Beispielen bündeln diese Erkenntnisse. Dabei gilt es zu beachten:

  • Anhaltend erreicht nur ein kleiner Teil der Schulen solch komplexe Entwicklungsstrukturen
  • Der Transfer von Best-Practice-Konzepten erweist sich als sehr voraussetzungsreich
  • Schulentwicklung zeigt sich als «Baking-The-Cake»-Phänomen, d.h. bereits das Fehlen einer zentralen Bedingung schränkt die Wirksamkeit der Entwicklungsbemühungen, insbesondere bezüglich des Lernerfolgs der Schüler*innen, ein (vgl. Bryk 2010).

Eine Grenze scheint hier demnach weniger zwischen Systemen und Schularten als zwischen High-Performern und der Breite des Feldes zu verlaufen.

Ziel dieser Teilstudie ist es, das Zusammenspiel bekannter Entwicklungsvoraussetzungen besser zu verstehen und Muster bei der Entstehung von «Baking-the-Cake-Effekte» zu identifizieren.

Dazu werden in einem Mixed-Methods Design Schulen mit verschiedenen Schulentwicklungskapazitäten einander gegenübergestellt. So werden Befunde der Analyse qualitativer Gruppendiskussionen mit quantitativen Befragungsdaten schulischer Akteure sowie einer Governance-Analyse in Verbindung gebracht, um ein differenziertes Bild der Wirkmechanismen auf Einzelschulebne zu erhalten.

 
14:00 - 16:00Grenzziehungen zwischen Regel- und Sonderpädagogik in inklusiven Kontexten
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 18
 

Chair(s): Ann-Kathrin Arndt (Leibniz Universität Hannover, Deutschland), Jonas Becker (Goethe-Universität Frankfurt), Dr. Julia Gasterstädt (Goethe-Universität Frankfurt)

Die Debatte um Inklusion stellt die etablierte Konstellation zwischen Regel- und Sonderpädagogik – als Grenzziehung innerhalb der Erziehungswissenschaft – in Frage. Die Delegation von als behindert bzw. sonderpädagogisch förderbedürftig geltenden Schüler*innen zwischen Regel- und Sonderpädagogik gerät in eine Legitimationskrise. Gleichzeitig bleibt die Grenze zwischen Regel- und Sonderpädagogik jedoch u.a. in der bildungspolitischen Interpretation von Inklusion, der Lehramtsausbildung sowie der Unterrichtspraxis wirkmächtig. Die Arbeitsgruppe fokussiert die Grenzziehungen zwischen Regel- und Sonderpädagogik in inklusiven Settings in einem multiperspektivischen Zugriff: Neben den Positionierungen der Lehrkräfte werden die Aushandlungen in Teamgesprächen sowie die Perspektive von Schüler*innen einbezogen, um übergreifend danach zu fragen, welche Bearbeitungsmodi der Differenz zwischen Allgemeinem und Besonderem in inklusiven Settings beobachtet werden können.

 

Beiträge des Panels

 

Zur Differenz zwischen Sonder- und Regelschulpädagog*innen in sich inklusiv entwickelnden Schulen

Dr. Julia Gasterstädt, Alica Strecker, Prof. Dr. Michael Urban
Goethe-Universität Frankfurt

Der Beitrag schließt an vielfältige qualitative und quantitative Arbeiten an, die die Zusammenarbeit bzw. Kooperation von schulischen Akteuren in sich inklusiv entwickelnden Schulen analysieren. Diese Arbeiten haben gemeinsam, dass sie von der Differenz der Professions- bzw. Berufsgruppen ausgehen. Der Beitrag folgt dieser Setzung allerdings nicht, sondern rekonstruiert, wie die Differenzierung zwischen Sonder- und Regelschulpädagog*innen in alltäglichen schulischen Situationen hergestellt wird und daran anschließend Formate der Zusammenarbeit zwischen diesen Professions- und Berufsgruppen prozessiert werden. Dazu stellt der Beitrag Ergebnisse aus dem BMBF-geförderten Projekt „ProFiS - Professionalisierung durch Fallarbeit für die inklusive Schule“, Teilprojekt Elterneinbindung, vor. Das Teilprojekt geht davon aus, dass Prozesse der In- und Exklusion in komplexe Situationen eingebunden sind, die es multiperspektivisch zu analysieren gilt. Daher wurden in fünf Klassen neben mehrwöchigen Phasen teilnehmender Beobachtungen Gruppendiskussionen und Interviews mit schulischen Akteuren und Eltern geführt und entlang der Vorschläge der Grounded Theory Methodologie sowie der Situationsanalyse analysiert. Der Beitrag fragt nun danach, wodurch sich die Differenz zwischen Sonder- und Regelschulpädagog*innen im schulischen Alltag an sich inklusiv verstehenden Schulen kennzeichnen lässt – wie und woran also diese Grenze immer wieder hervorgebracht wird.

 

Schüler*innenbezogene Differenzsetzungen in Aushandlungs- und Abstimmungsprozessen in Teamgesprächen von Regelschullehrkräften und Sonderpädagog*innen

Ann-Kathrin Arndt
Leibniz Universität Hannover

Unter Rückgriff auf „negotiated order“ (Strauss, 1978) als theoretische Sensibilisierung werden Teamgespräche „als ein zentraler Ort der Verhandlung pädagogischer Arrangements“ (Cloos et al., 2019, S. 7) betrachtet. Der Vortrag basiert auf zwei, in einem Promotionsprojekt audiographierten, Gesprächen von Regelschullehrkräften und Sonderpädago*innen zur Unterrichtsplanung, in denen ein Bezug auf die Gruppe der Schüler*innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf unterschiedlich relevant erscheint. Das Gespräch mit einer hohen Relevanz für die Aushandlungs- und Abstimmungsprozesse wird vertiefend betrachtet. Die hier relevante Unterscheidung zwischen den Regelschülern, die ‚sich nicht aufhalten müssen‘, und den Schüler*innen mit Förderbedarf, die ‚sich aufhalten dürfen‘, erscheint mit unterschiedlichen Fokussierungen und ‚commitments‘ der Lehrkräfte verbunden. Diese Nahaufnahme bezogen auf die Aushandlungs- und Abstimmungsprozesse in Teamgesprächen lässt sich mit Blick auf die unterschiedlichen Positionierungen bezogen auf die Grenzen von Sonder- und Allgemeiner Pädagogik diskutieren.

Strauss, A. (1978). Negotiations. Varieties, contexts, processes, and social order. San Francisco.

Cloos, P., Fabel-Lamla, M., Kunze, K. & Lochner, B. (2019). Einleitung: Pädagogische Teamgespräche als neues Forschungsfeld. In Dies. (Hrsg.), Pädagogische Teamgespräche. Methodische und theoretische Perspektiven eines neuen Forschungsfeldes (S. 7–14). Weinheim.

 

Die einen drinnen, die anderen draußen – Grenzziehungen in der äußeren Differenzierung aus Schüler*innensicht

Jonas Becker1, Ann-Kathrin Arndt2, Prof. Dr. Jessica Löser3, Prof. Dr. Michael Urban1, Prof. Dr. Rolf Werning2
1Goethe-Universität Frankfurt, 2Leibniz Universität Hannover, 3Georg-August-Universität Göttingen

Der Vortrag bearbeitet das Thema der Arbeitsgruppe unter Einbezug der – häufig unterrepräsentierten – Schüler*innenperspektive und greift auf Ergebnisse des BMBF-geförderten Verbundprojektes „Reflexion, Leistung & Inklusion“ zurück. Im Rahmen einer qualitativen Studie an zwei inklusiven Gesamtschulen und Gymnasien wurden u.a. episodische Interviews mit verschiedenen Schüler*innen geführt. Dabei thematisieren die Schüler*innen auch das Phänomen des Rausgehens – entweder das eigene Rausgehen oder das Rausgehen von Mitschüler*innen. Dahinter verbirgt sich die in den vier Schulen unterschiedlich stark ausgeprägte Praxis, dass Schüler*innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Rahmen äußerer Differenzierung das Klassenzimmer verlassen und etwa von Sonderpädagog*innen separat unterrichtet werden. Das Rausgehen kann insofern als eine unterrichtsorganisatorische Grenzziehung zwischen Regel- und Sonderpädagogik gelesen werden. Der Vortrag setzt sich mit der Frage auseinander, inwiefern die Schüler*innen im Rahmen von mit ihnen geführten Interviews sowie in teilnehmenden Beobachtungen Bezug auf diese Grenzziehung nehmen. Dabei wird analysiert, in welchen Formen die Schüler*innen in das Relevantmachen und Bearbeiten der Differenz zwischen Allgemeinem und Besonderem involviert werden. Ein Fokus liegt dabei darauf, inwiefern diese Differenz mit den Gruppenkonstruktionen „Regelschüler“ und „Förderschüler“ sowie mit leistungsbezogenen Differenzkonstruktionen verwoben sind.