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Sitzungsübersicht
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 17
974 8805 4588, 362588
Datum: Montag, 14.03.2022
14:00 - 16:30Vergewisserungspraxen von Jugendlichen in entgrenzten Zeit-Räumen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 17
 

Chair(s): Prof. Dr. Sina-Mareen Köhler (RWTH Aachen University, Deutschland), Prof. Dr. Andreas Walther (Goethe Universität Frankfurt), Yağmur Mengilli (Goethe Universität Frankfurt)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Barbara Stauber (Universität Tübingen)

Nicht nur anlässlich der Auswirkungen der Covid-19-Pandemie lassen sich zeittheoretische Fragen zu gesellschaftlicher Be- und Entschleunigung erneut aufrollen, sondern auch angesichts bestehender Herausforderungen für Jugendliche im Übergang. Gesellschaftliche, berufliche und persönliche Zukunftsvorstellungen sind zu präzisieren und umzusetzen, wobei deren Ungewissheit stets individuell und in kollektiv geteilten Vergewisserungen mündet. Das geplante Symposium widmet sich diesem Themenkomplex mit vier Beiträgen. Anforderungen an Jugendliche der Zeit- und Zukunftsgestaltung und den dazu nötigen gegenwärtigen Zeit-Räumen werden aus einer internationalen zeitsoziologischen Perspektive in einem ersten Vortrag theoretisch breit aufgefächert. Daran anknüpfend widmen sich drei empirische Vorträge der bislang weniger im Zentrum des Diskurses stehenden kollektiven Dimension der Vergewisserungspraxen von Jugendlichen als Bearbeitung von Zukunftsungewissheit.

 

Beiträge des Panels

 

Dealing with uncertainty. A journey into contemporary young people’s temporalities

Prof. Dr. Carmen Leccardi
University of Milano-Bicocca

Against a backdrop of increasing social acceleration and uncertainty, the ‘long duration’ – the time of social institutions – loses out in favour of immediacy as a criterion for action. This restructuring of social temporalities includes a deep transformation of the future as a timeframe for the construction of biographies and identities. However, even though insecurity and anxiety seem to make it less and less realistic to plan and shape the future, many young men and women appear to be engaged in reinventing a personal, positive relationship with the time to come; yet, often to the cost of reducing the scope of their temporal horizons. In this scenario, everyday life becomes most appropriate for innovation and expression of agency and subjectivity. On the one hand, micro routines and short term cyclicity help building a reassuring, protective order; on the other, in everyday life young people search for new relations between personal creation in the future, and the specific conditions of uncertainty they have to deal with. In other words, forms of personal resilience are often expressed through micro temporal practices of daily creativity and ‘singularization’ (Reckwitz 2020) largely decoupled from institutional rhythms and schedules. Some young people seem to be able “to use time against time”: by inventing new temporal practices they try to forge a positive relationship with the future, which also translates into new forms of social and political participation.

 

Doing Transitions Online – Übergangspraktiken (Post-)Adoleszenter fernab körperlicher Kopräsenz

Jana Heer
Goethe Universität Frankfurt

Durch gegenwärtige Kontaktbeschränkungen im Zuge der Pandemie bleibt auch die Art, wie Übergänge in der (Post-)Adoleszenz hergestellt und gestaltet werden, nicht unberührt. Rituale wie der Abiball, aber auch kopräsente peerkulturelle Praktiken, entfallen teilweise unwiederbringlich (Stauber 2021) und damit auch performative Momente (Wulf 2015), durch die eine Person von anderen als andere:r anerkannt werden kann (Friebertshäuser 2020). Durch kollektive Online-Praktiken scheint dieser Wegfall gegenwärtig in Sozialen Medien kompensiert zu werden, indem bspw. unter dem Motto „what I would have worn“ Outfits via Kurzvideos präsentiert werden, die zum 1. CSD oder dem Abiball getragen worden wären. Doch bleiben diese sog. Online-Trends nicht der imaginierten und nicht mehr eintreffenden Zukunft im Zuge der Pandemie vorbehalten. Gleichermaßen wird in reflexiver Selbstbezugnahme mit dem eigenen ‚Ich‘ der Vergangenheit in Dialog getreten (coming back from the future telling myself…), Zukunftsentwürfe antizipiert (wie ich aussehe, wenn ich nach der Schule nach Berlin ziehe) oder Gegenwartsentwürfe mit veränderten Vergangenheiten (ich heute, wenn ich mich vor 4 Jahren geoutet hätte) imaginiert. Jene Arten kollektiver Praktiken im translokalen Raum des Web 2.0 sollen im Beitrag aufgegriffen und die Frage diskutiert werden, wie (aufge(sc)hobene) Übergänge online gestaltet bzw. (stellvertretend) vollzogen werden, ohne (wie üblich) in körperlicher Kopräsenz bezeugt und validiert zu werden.

 

Chillen als jugendkulturelle Praxis zwischen Vergewisserung und Abgrenzung

Yağmur Mengilli
Goethe Universität Frankfurt

Chillende und rumhängende junge Menschen in ihren Peergruppen beschäftigen seit Jahrzehnten jene, die sich mit Jugend befassen. Von Zuschreibungen wie Apathie oder Politikverdrossenheit über widerständige Praktiken (Willis 1979) bis hin zur Kritik am Fehlen von Freiräumen (BMFSFJ 2017) wird auf informelle Praktiken wie das Chillen Bezug genommen. Was sagen informelle jugendkulturelle Praktiken jedoch über Jugend aus? Inwiefern werden beim Chillen gesellschaftliche Anforderungen bearbeitet oder ausgegrenzt? In der Dissertationsstudie wurden Praktiken des Chillens in Peergruppen rekonstruiert. Einerseits bewegt sich die Peergruppe innerhalb ihres Zusammenschlusses zwischen Vergewisserungs- und Gewissheitspraktiken, um sich zu zeigen, dass sie zusammengehören, um sich andererseits nach außen hin abzugrenzen. Diese Abgrenzungspraktiken sind Grenzziehungen zu Gleichaltrigen und Andersartigen, zu Generationen und zu gesellschaftlichen Rollenerwartungen. Mit dem Code des Chillens können Gleichaltrige über habitualisierte Vergewisserungs- und Gewissheitspraktiken einander verstehen und sich gleichzeitig von anderen abgrenzen. Junge Menschen positionieren sich mit dieser Grenzbearbeitung als Grenzbearbeiter:innen (Mangold 2015) mit ihren Peergruppen innerhalb der Gesellschaft. Daraus ergibt sich die Bearbeitung des Spannungsverhältnisses zwischen entfremdete Beanspruchung eine nicht planbare Zukunft planen zu müssen sowie dabei eine selbstbestimmte Gegenwart authentisch zu erleben.

 

Zukunftsvorstellungen und Vergewisserungen im Kreise der Peers

Prof. Dr. Sina-Mareen Köhler1, Dr. Maren Zschach2
1RWTH Aachen, 2Deutsches Jugendinstitut

Bildungsprozesse von Jugendlichen pädagogisch zu unterstützen, erfordert aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive die Schaffung von Möglichkeitsräumen der Reflexion und somit tatsächliche Vergewisserungspraxen des Bildungsgeschehens in seiner Prozesshaftigkeit. Dies umfasst sowohl die Betrachtung des Bildungsanstoßes, ob Krise oder Aktionismus (vgl. Koller 2009), das Ausmaß der Transformation, die veränderten lebensweltlichen Gegenstands- und Personenbezüge sowie die Selbstvergewisserung als Biografisierung des eigenen Lebensverlaufes in der Zeit (vgl. Marotzki 1990). Der geplante Vortrag greift dieses Themenfeld auf, indem die biografische Bedeutung der Peerbeziehungen für die Entwicklung von Zukunftsvorstellungen im Längsschnitt beim Übergang ins junge Erwachsenenalter betrachtet wird. Um dabei vor allem die kollektive Dimension des Verhältnisses von Selbstvergewisserung und Zukunftsvorstellungen näher zu beleuchten, werden die biografischen Erzählungen von befreundeten Schulabsolventinnen fokussiert, die beide den erweiterten Realschulabschluss an einer Hauptschule erlangten, aber unterschiedliche Übergänge in den Beruf realisierten. Im Zentrum des Vortrages stehen zwei Fragen, wie die Freundinnen sich jeweils im Zeitverlauf gegenseitig thematisieren und wie ihre Zukunftsvorstellungen mit spezifischen Autonomie- und Partizipationspotentialen verwoben sind.

 

Datum: Dienstag, 15.03.2022
9:00 - 11:30Die Zukunft als Grenze und Entgrenzung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 17
 

Chair(s): Dr. Melanie Schmidt (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Deutschland), Prof. Dr. Daniel Wrana (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Deutschland), Sophie Phries Künstler (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Deutschland), Charlotte Spellenberg (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Deutschland)

Diskutant*innen: Dr. Carsten Bünger (TU Dortmund, Deutschland), Dr. Martina Lütke-Harmann (Bergische Universität Wuppertal, Deutschland)

Zukunft ist für die moderne Pädagogik konstitutiv. Pädagogische Bezugnahmen auf diese sind dabei ambivalent, insofern Zukunft einerseits gestaltend hervorgebracht wird, andererseits ihre Offenheit diesen Zugriffen aber nicht zum Opfer fallen soll. Mitunter erscheint Zukunft gegenwärtig jedoch nicht mehr als versprochene Entgrenzung, sondern selbst als bedrohliche Grenze - sie verweist nicht auf die Möglichkeit einer besseren Welt, sondern eher auf deren Ende. Vor diesem Horizont thematisiert das Symposium unterschiedliche Bedeutsamkeiten von Zukunft. Die Vorträge fokussieren das Verhältnis von Pädagogik und Zukunft in seinen Be- und Entgrenzungen: Wie lassen sich die Grenzen zwischen Gegenwart und Zukunft, Persistenz und Überschreitung, Wiederholung und Neuem verstehen und verschieben? Welche Bedeutung hat die ausgebliebene und ausbleibende Zukunft für Bildung, Wissen und pädagogische Autorität? Was heißt es im Zeichen solcher Fragen über eine zukunftsfähige Pädagogik nachzudenken?

 

Beiträge des Panels

 

„Was war – wie es ist – was sein wird“. Die Grenzen der Innovation verhandeln.

Prof. Dr. Agnieszka Czejkowska, Stefan Anton Palaver
Universität Graz, Österreich

Der Beitrag analysiert, wie das Bildungswesen einer Region zum Gegenstand von Aushandlungsprozessen wird, in denen Zukunftsversprechen und Bewährtes in ein Spannungsverhältnis treten. Gezeigt werden Skizzen von Alltagssituationen in Kindergärten, Schulen, Lehrbetrieben und Universitäten, die auf Erfahrungen verweisen, die über Generationen hinweg geteilt werden. Wann, wie und wo dabei Bildungsprozesse stattfinden, bleibt offen und kann häufig erst in der Rückschau rekonstruiert werden. Erfassen hingegen lässt sich das Bildungsbedürfnis einer Region. Der Begriff vereint sowohl das individuelle Verlangen nach Bildung als auch den gesellschaftlichen Bedarf danach. Die Formung und Organisation dieses Bedürfnisses ist u.a. das Ergebnis von Aushandlungsprozessen, die eine Region zur „Versuchsanstalt“ verschiedener Bildungsinitiativen und Playern macht, in denen Zukunft experimentell, aber auch widerstreitend entworfen wird. Dabei entstehen diskursive Räume, in denen innovative und wegweisende Bildungskonzepte verfolgt werden können - oder auch nicht. In Anlehnung an Castoriadis (1984) lässt sich gleichsam fragen, ob die Innovation sich auf die bloße Wiederholung des schon Vorhandenen begrenzt.

 

Das Unvorstellbare vorstellen: Grundrisse ökosozialistischer Bildung.

Prof. Dr. Olaf Sanders
Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, Deutschland

Die Zukunft ist offen. Wir wissen nicht, was geschehen wird. Wir tun aber zugleich auch viel zu wenig gegen sich schon deutlich abzeichnende Entwicklungen wie den Klimawandel. Manch absehbare Entwicklung überrascht uns sogar. Sich beschleunigender Klimawandel und zukünftige Pandemien sind Effekte der Mannigfaltigkeit des globalen Kapitalismus (vgl. Malm 2020; Davis 2020). Dass wir so wenig oder auch eingeschränkt wahrnehmen, könnte selbst wiederum ein Effekt des kapitalistischen Realismus sein, der unsere Einbildungs- und Urteilskraft lähmt (vgl. Fisher 2013). Fisher (2021) bezieht sich diesbezüglich auf das Kapitel Der Wunsch namens Marx aus Lyotards Libidinöse[r] Ökonomie (2007, frz. 1974) und setzt auf den Acid-Kommunismus als Wiederverschmelzung von psychedelischem Bewusstsein und vorbildloser Ästhetisierung des Alltagslebens. Von dieser Wiederholung der 1970er verspricht er sich eine für die Zukunft entscheidende Differenz. Diese fügt sich gut in die Post-Punk-Pädagogik (vgl. Sanders 2020), für die die Zukunft ungeschrieben ist, weil sie nach Deleuze, dessen letztes Buchprojekt den Arbeitstitel La Grandeur du Marx trägt, aus einer Vergangenheit kommt, die nie gegenwärtig war. In diesem Sinn skizziere ich in meinem Vortrag Grundrisse eines ökosozialistischen Bildungsbegriffs.

 

The future is now: Pädagogische Autorität am Ende vom Ende der Geschichte.

Jan Niggemann
Universität Wien, Österreich

Der Vortrag thematisiert den Zusammenhang von sozialer Polarisierung und (schwindendem) Zukunftsversprechen westlicher Demokratien unter der Optik eines revidierten Autoritätsbegriffs. Pädagogische Autorität legitimiert ihre Interventionen, indem sie auf Zukunft verweist, wobei sich immer erst später herausstellen wird, inwiefern pädagogische Interventionen gelungen sein werden. Angesichts der „Wiederkehr der sozialen Unsicherheit“ kommt es gegenwärtig zu einer Zuspitzung der Frage, wer überhaupt „eine Zukunft hat“ (Castel 2009, S. 21). Gleichzeitig finden sich zahlreiche zivilgesellschaftliche Formen des Engagements, die Silke van Dyk mit dem Begriff „Community-Kapitalismus” (van Dyk 2019) zusammenfasst. Der kreativen Entgrenzung potentieller zukünftiger Entwürfe steht die sozial-ökologische Endlichkeit von Möglichkeiten und Ressourcen gegenüber. Als Bestandteil von Bildung soll pädagogische Autorität selbst zu transformatorischen Lehr-Lernprozessen beitragen, sowie die Umstände verändern, in denen sie stattfindet. Ihre Legitimität kann sie dabei aus bestehenden Formen der Sorge um und für eine Zukunft gewinnen, die die Versprechen sozialer Gerechtigkeit einlöst. Dazu müsste sich Pädagogik Fragen der Gerechtigkeit ebenso zuwenden, wie sich auf ihre Potentiale beziehen. Ihr Ziel wäre eine globale demokratische „Zivilität“ (Ursula Apitzsch), die das Erbe der Aufklärung kritisch fortsetzt und dezentriert, um es zu öffnen.

 

‘Futurability’ ohne ‘Future’: Über Zukunftsvorstellungen im Kompetenzdiskurs.

Dr. Melanie Schmidt, Prof. Dr. Daniel Wrana
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Deutschland

Im Beitrag geht es um eine kritische Auseinandersetzung mit der Debatte um „Future Skills“ (z.B. Ehlers 2020), die sich global in verschiedenen Projekten und politischen Programmen materialisiert. Unter Future Skills werden Fertigkeiten verstanden, die es Lernenden ermöglichen sollen, künftig Tätigkeiten auszuführen, die es momentan noch gar nicht gibt. Das Versprechen, auf unvorhersehbare Zukünfte vorzubereiten, führt die Apologet*innen des Future Skills-Diskurses zu dem Selbstanspruch, über einen reinen Kompetenzbegriff hinauszuweisen. Während mit letzterem zumeist ein Konglomerat aus Wissens-, Fertigkeits- und Motivationskomponenten benannt ist, wird in den Future Skills die Wissenskomponente negiert und die Fähigkeiten als reine Selbstorganisation von Lernen gefasst. Dabei ist insbesondere die Verschiebung des Zukunftsbezugs bemerkenswert: Während der Kompetenzdiskurs bisher eher implizit auf eine offene Zukunft der allgemeinen Steigerung von Wachstum hin gedacht war, rückt Zukunft im aktuellen Diskurs als zu bewältigende Bedrohung in den Blick, von der her die Negierung des Wissen legitimiert wird. Diskursanalytisch und gegenwartsdiagostisch untersuchen wir, wie und als was Zukunft in den Future-Skills-Konzeptionen konstruiert wird und wie dabei die Aufgabe der Pädagogik in der (Re-)Produktion sozialer Praxis - unter Absehung der Wissensdimension - konzipiert wird.

 
14:00 - 16:00Doing Transitions: Herstellung und Verhandlung von Grenzen und Zugehörigkeiten an Übergängen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 17
 

Chair(s): Dr. Anna Wanka (Goethe-Universität Frankfurt am Main)

Diskutant*innen: Dr. Kerstin Meißner (Technische Universität Chemnitz)

Übergänge lassen sich als Prozesse verstehen, in denen sozial konstruierte Grenzen überschritten, verschoben und (de-)konstruiert werden. Vollzogen innerhalb sozialer, institutioneller und diskursiver Ordnungen, gehen sie mit sich verändernden Zugehörigkeitsverhältnissen einher. Die Arbeitsgruppe „Doing Transitions“ stellt die Hervorbringung von Übergängen durch Grenzziehungen und damit einhergehende (Nicht-)Zugehörigkeiten in den Vordergrund. Mit Blick auf unterschiedliche Lebensalter sowie Phänomene, die quer zu Alterskohorten liegen, eröffnet die Arbeitsgruppe drei Perspektiven zur Erforschung von Ent- und Begrenzungen in Übergangsprozessen: Wie werden kontingente Grenzen durch Übergänge überschritten? Wie werden Zugehörigkeiten ausgehandelt? Wie werden Übergänge selbst durch Grenzziehungen in der Forschung mit hervorgebracht? Diese Fragen werden anhand empirischer Forschungsprojekte diskutiert, um so einen Beitrag zur erziehungswissenschaftlichen Übergangsforschung zu leisten.

 

Beiträge des Panels

 

The messy crossings of career and national boundaries in adulthood

Elisa Thevenot1, Michael Bernhard2
1Eberhard Karls Universität Tübingen, 2Goethe-Universität Frankfurt am Main

This presentation focuses on transitions in adulthood across socially constructed boundaries and the associated individual transformations. Drawing on qualitative data from interviews with individuals crossing careers in the context of the environmental sustainable movement, as well as those engaging with international boundaries, this contribution intends to illustrate the shifting and blurring of boundaries. Growing concerns for our environment is reorganizing individuals’ priorities and habits, for some going so far as to question the purpose behind one’s professional activity and with it, the classical work/life balance boundaries. Crossing, renegotiating and negating boundaries of a different kind comes into focus when studying transnational mobility from a “doing migration” (Amelina) perspective. Against the backdrop of the ambivalences in the Canadian migration discourse and social reality, the potential for individuals’ learning and transformation when engaging with borders will be explored. In both cases, the difficulty to fully disengage from previous practices while acquiring and stabilizing others, sometimes contradictory ones, make for interesting narratives, mirroring well the current societal transformations. From an individual perspective leaving doors opened for in-betweenness, partial or simultaneous affiliation, which Bhabha called Hybridity, embodies the process of erosion of previously unquestioned borders.

 

Diskursive Ordnungsräume. Versuch einer reflexiven Ent/grenz/ung im Forschungsprozess

Natascha Shalutkevich
Goethe-Universität Frankfurt am Main

Im frühkindlichen Übergang in die Schule werden Grenzziehungen durch Adressierungspraktiken vollzogen und damit (Un-)Zugehörigkeiten von Kindern als Zielgruppe pädagogischen Handelns produziert und verhandelt. Wer als “schulfähig” gilt und welche Normalitätsvorstellungen damit verbunden sind, wird von diskursiven Ordnungen bestimmt. Durch die Betrachtung von Kindheitskonstruktionen, die am pädagogisch initiierten und begleiteten Übergang in die Schule wirksam werden, sollen die diskursiven Zuschreibungs- und Grenzziehungsprozesse exemplarisch an einigen zentralen bildungspolitischen Texten vorgestellt und kritisch diskutiert werden. Unter der Leitfrage, wie der Übergang vom Kindergartenkind zum Schulkind diskursiv verhandelt und gedeutet wird, soll die Bedeutung solcher Grenzziehungen für kindliche Bildungsprozesse näher beleuchtet werden, indem besonders auf die Deutungsformen des Lernbegriffs als ein zentraler Referenzrahmen im institutionell regulierten Übergang der Lebensphase Kindheit näher eingegangen wird. Neben dem Fokus auf die diskursiv wandelbaren Deutungsmuster von Rollenerwartungen und die damit einhergehenden Adressierungspraktiken im frühkindlichen Bildungskontext, soll zudem das Potenzial des diskursanalytischen Forschungszugangs im Hinblick auf die eigene Zugehörigkeit der Forschenden zu bestimmten Diskursfeldern und damit hinsichtlich der Konstruktions- und Grenzziehungsleistungen im Forschungsprozess reflektiert werden.

 

Becoming Academic: Bildungsaufsteiger:innen als Grenzgänger:innen

Flora Petrik
Eberhard Karls Universität Tübingen

Der Übergang in die Universität scheint zwar mit dem Erhalt des Zulassungsbescheids abgeschlossen, ist jedoch vielfach mit unsichtbaren Grenzen verbunden – insbesondere für Studierende, die nicht bereits aus einem Akademiker:innenhaushalt kommen. Sie überschreiten mit der Aufnahme eines Studiums nicht nur institutionelle Grenzen, sondern auch Milieugrenzen. Dass dieser Aufstieg steinig bleibt, auch wenn das Eintrittsticket in die Universität bereits erworben ist, zeigen zahlreiche aktuelle Forschungsarbeiten. So werden im Kontext der Aufnahme eines Studiums nicht nur Identitäten gestiftet und Bildungsabschlüsse erworben, sondern auch Grenzen gezogen und hierarchische Ordnungen etabliert, die über die Anerkennung von Subjekten entscheiden. Der Beitrag rückt – vor dem Hintergrund der fortwährenden Bedeutung des Herkunftsmilieus für die Bildungslaufbahn – die Praktiken von Bildungsaufsteiger:innen beim Überschreiten von Milieugrenzen ins Zentrum. Zur Untersuchung der Praktiken des Bildungsaufstiegs, des ‘becoming academic’, wird mittels verschiedener qualitativer Forschungsmethoden erhobenes empirisches Material herangezogen. Ins Zentrum rücken somit nicht die individuellen Geschichten von Aufsteiger:innen, sondern die Frage nach Praktiken und Prozesse, die das Werden eines akademischen Subjekts rahmen.

 

Linking Ages: Eine reflexive Perspektivierung zur Konstruktion von Altersgrenzen in Kindheits- und Alternsforschung

Dr. Anna Wanka1, Tabea Freutel-Funke2
1Goethe-Universität Frankfurt am Main, 2Eberhard Karls Universität Tübingen

Erwachsenheit gilt in vielen westlichen Gesellschaften als Voraussetzung für die vollwertige Mitgliedschaft und Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft. Alle, die sich außerhalb der Grenzen der Erwachsenheit befinden – also Kinder und ältere Menschen – werden somit „verbesondert”. Dies spiegelt sich auch in der Alterns- und Kindheitsforschung wider. Beiden Forschungsfeldern inhärent ist ein ambivalentes Spannungsverhältnis zwischen Vulnerabilität/Resilienz, Handlungsfähigkeit/Fremdbestimmtheit und Macht/Ohnmacht in der Konstruktion ihres Gegenstands. Während der Fokus bei Übergängen in der Kindheit häufig auf einem Zugewinn an Handlungsfähigkeit liegt, werden bei Übergängen im Alter eher deren Verlust fokussiert. Als Gegenentwurf wird im Beitrag die Perspektivierung „Linking Ages“ vorgestellt, die Alter als relationale Differenzkategorie begreift und aufzeigt, wie Kindheits- und Alternsforschung selber zu ihrer Konstruktion beitragen. Anhand von empirischem Material aus zwei Forschungsprojekten zu Übergängen, von denen jeweils eines in der Kindheits- und eines in der Alternsforschung angesiedelt ist, zeigen wir das Potenzial einer Interpretation „unter anderen Vorzeichen” auf und fragen, was wir sehen, wenn wir Empirie aus der Alternsforschung aus der Perspektive der Kindheitsforschung analysieren und vice versa. Abschließend skizzieren wir „Linking Ages” als methodologisch-reflexive Perspektivierung für die erziehungswissenschaftliche Übergangsforschung.

 

Übergangsforschung als Grenzziehungspraktiken anhand einer Studie zu Gender Transitionen

Louka Maju Goetzke
Goethe-Universität Frankfurt am Main

Geschlechterübergänge – Gender Transitionen – zeichnen sich durch das Überschreiten der Grenzen aus, die die binären Geschlechter Mann und Frau in einer Kultur der Zweigeschlechtlichkeit umreißen. Gleichzeitig wird das Phänomen durch Grenzziehungsprozesse (wie ein Outing oder Namenswechsel) hervorgebracht. Teil dieser Grenzziehungsprozesse ist die Forschungspraktik, denn auch die forschende Person, ausgewählte Methoden, Konzepte und die Infrastruktur der Forschung formen das untersuchte Phänomen.

Anhand eines qualitativen Forschungsprojekts zu geschlechtlichen Transitionsprozessen wird in diesem Beitrag skizziert, wie die verschiedenen Grenzziehungsprozesse empirisch ausgelotet werden können. Im Fokus steht die Frage, was es für die Erforschung eines Übergangs bedeutet, Forschen als Praktik der Grenzziehung als ko-konstitutiver Teil eines untersuchten Übergangs zu fassen und welche Implikationen eine solche Perspektive für eine reflexive Übergangsforschung hat. Anstatt Reifizierungsprozesse zu minimieren, steht im Fokus, Forschungsprozesse selbst in der Forschung genealogisch nachzuvollziehen und als Teil der Analyse zu verstehen. Dies beinhaltet auch eine Reflexion der Position der forschenden Person, ihrer Beziehung zum Forschungsgegenstand und das Gewordensein des Forschungsprojekts, zeitliche und materielle Bedingungen und Beziehungen zu anderen (Forschungswerkstätten, Interpretationsgruppen, Austauschpartner:innen), die an der Forschungsaktivität beteiligt sind.

 

Datum: Mittwoch, 16.03.2022
9:30 - 11:30Sorgen. Um Artikulation.
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 17
 

Chair(s): Prof. Dr. Malte Brinkmann (HU Berlin, Deutschland), Prof. Dr. Cornelie Dietrich (HU Berlin, Deutschland)

Im Forschungsforum sollen verschiedene theoretische, feldbezogene und empirische Zugänge zum Phänomen der Sorge - verstanden als eine ambivalente Antwort auf die Fragilität und Verletzlichkeit des Menschen und seiner Weltverhältnisse - zur Diskussion gestellt werden, die in einer interdisziplinären und interuniversitären Forscher:innengruppe bearbeitet werden. Neben einer systematischen und bildungstheoretischen Verständigung über Sorge als einem pädagogischen Grundbegriff wird eine Erweiterung des inter- und intrapersonalen Sorgeverständnisses vorgenommen, sodass auch die Sorge um Prozesse und Situationen von Bildung und Unterricht thematisiert werden kann. Im zweiten Teil des Forums kommen als Gegenstand einer pädagogischen Sorge solche Artikulationsformen des Bildungssubjekts in den Blick, die aufgrund ihrer Exponiertheit der besonderen Sorge bedürfen: Die Gebärdensprache in der Gehörlosenpädagogik, die Selbstartikulation in der Theaterpädagogik und in der Psychopathologie.

 

Beiträge des Panels

 

Sorge – machttheoretische, ethische und bildungstheoretische Perspektiven

Prof. Dr. Malte Brinkmann
HU Berlin, Deutschland

Ausgehend von der klassischen Formulierung zur „cultura animi“ bei Cicero werden Dimensionen des Sorgens (Pflege, Formung, Kultivierung, Belehrung) vorgestellt. Die Arbeit an der natürlichen und menschlichen Natur verweist auf den ambivalenten Charakter menschlicher Macht über Natur, Andere und sich selbst. Hier entspinnt sich die Geschichte der Kultivierung im Prozess der Zivilisation (Elias) und im „Unbehagen an der Kultur“ (Freud) bis hin zu den schon etymologischen Verwandtschaften von ausziehen (extrahere), colere und excolere (verbessern, höher bilden), ziehen und züchten in den sozialdarwinistischen Praktiken der Auslese und Eugenik.

Diese Ambivalenz der Sorge wird in einem zweiten Schritt mit Foucault als pastorale Machtform aufgewiesen, wobei die Ambivalenzen zwischen machtförmiger Unterwerfung und praktischer Freiheit bzw. „Gegen-Verhaltens (contre-conduite)“ (Foucault) im Mittelpunkt stehen. Dies wird mit der These verbunden, dass erzieherische Fürsorge sich auf die Ermöglichung einer Selbstsorge richtet, d.h. darauf, ein gutes Leben führen zu können. Diese ethische Perspektive wird dann als eine Verantwortlichkeit ausgewiesen, die im Sinne einer pädagogischen Ethik der Sorge und als pädagogische Antwort auf die o.g. Machtproblematik vorgestellt wird. Schließlich wird bildungstheoretischer Perspektive Sorgepraxis als ein Üben vorgestellt, das auf ein Selbst-Können zielt.

 

Sorge um Bildungsprozesse

Prof. Dr. Cornelie Dietrich
HU Berlin, Deutschland

Sorge-Arbeit und Sorge-Fähigkeiten im schulischen Feld werden in einer feministisch-differenztheoretischen Diskurstradition einerseits als zu stark marginalisiert (Tronto 1996, Noddings 2001), andererseits als anfällig für die Reproduktion von asymmetrischen Beziehungsstrukturen diskutiert (Noack 2012). Fürsorgepraktiken zeigen in der Regel ein starkes Gefälle zwischen Sorgegebenden und Sorgeempfangenden (Lehrer*in/Kind; Erzieherin/Kind; Schulbegleiter/Kind mit Beeinträchtigung; Sozialpädagog*in/Klient*in). Im Beitrag wird danach gefragt, ob und wie sich diese Asymmetrien verschieben (lassen), wenn man als sorgebedürftig nicht nur Personen, sondern auch Themen, Situationen, Dinge des Unterrichts betrachtet. Denn fasst man den Begriff der Sorge weiter im Sinne einer anthropologischen conditio humana, werden Sorgepraktiken nicht als vorbereitende, flankierende und damit ermöglichende Hilfe-Prozesse für einen dann „sorglosen“ Unterricht verstanden, sondern sind selbst unhintergehbarer Bestandteil von Unterrichtsprozessen. Kinder werden darin ebenso wie Erwachsene Sorgende und Umsorgte. Sie konstituieren den (Lern)Gegenstand sowie die Praktiken der Einübung (practice) bestimmter Umgangsformen mit diesem mit, ohne dass sich die Ambivalenz von Bevormundung und Ermöglichung auflöste. Zu fragen ist dann, unter welchen Umständen Kinder in der Schule zur Sorgepraxis befähigt werden.

 

Sorge im Kontext ästhetischer Bildung in der Schule, speziell im Schulfach Theater

Prof. Dr. Ute Schlegel-Pinkert
Universität der Künste Berlin

Der Beitrag wendet die vorangegangenen bildungstheoretischen Überlegungen auf den Bereich ästhetischer Bildung an. Ausgehend von der Hypothese, dass die Einführung des Begriffsfeldes von Sorge in den Diskurs ästhetischer Bildung neue Perspektiven auf bislang unterbelichtete Aspekte dieses Bildungsbereiches eröffnen kann, werden Bedingungen und Potentiale bildungsrelevanter ästhetischer Praxis in zwei Aspekten diskutiert.

1. Dem Aspekt eines Spielraumes (Nickel)/Driftraumes (Preuss), dessen Zustandekommen eine Voraussetzung für die bildende Wirkung ästhetischer Praxis bildet. These ist, dass die Erzeugung dieser Räume wesentlich auf Praktiken der Sorge beruht: strukturell, beziehungsbezogen und individuell. Von Interesse ist, wer und in welcher Weise für die Etablierung eines (stets fragilen) Spiel- bzw. Driftraumes im Unterricht sorgt.

2) Dem Aspekt des Gegenstandes ästhetischer Bildung, der zeitgenössischen Kunst. Hier kann davon ausgegangen werden, dass Praktiken der Sorge und Selbstsorge nicht mehr nur als bedingende Momente (s.o.) gesehen, sondern selbst zum Gegenstand künstlerisch-ästhetischer Auseinandersetzung werden. Gefragt wird, in welcher Weise diese Veränderung der Gegenstände zeitgenössischer Kunst auf die Praxis ästhetischer Bildung im schulischen Kontext zurückwirkt und u.a. zu Verschiebungen innerhalb pädagogischer Situationen und Machtverhältnisse führen kann.

 

Sorge im Kontext von Depression als bildsame Erfahrung

Kathrin Klees
HU Berlin

Depressionen sind Anlass und Gegenstand psychologischer und therapeutischer Interventionen. Sie gelten als affektive Störung (ICD-10). Im Unterschied dazu werden sie in der phänomenologischen Psychopathologie als Unterbrechung von Selbst- und Weltverhältnissen verstanden (Binswanger, früher Foucault). Als „negative Erfahrung“ (G. Buck) können sie damit zum potenziellen Ausgangspunkt von Bildungsprozessen werden. Wenn die vulnerablen und relationalen Momente einer existenziellen Erfahrungsdimensionen in den Blick geraten, wird das Subjekt als eines sichtbar, das der Selbst- und Fürsorge bedarf: Um sich aus einem Zustand der Ungestimmtheit (Bollnow) zu lösen, erfordert es praktische und leibliche Reflexionen. Mit Foucault werden diese Selbstsorgepraktiken als geistige und körperliche Übungen dargestellt, mit denen Verhältnisse zu sich selbst und zu anderen transformiert werden können. (Brinkmann 2021) Davon ausgehend, dass diejenigen Erfahrungen, die gegenwärtig unter dem Begriff der Depression firmieren, anhand literarischer Beispiele als Momente prekärer Bildsamkeit ausgewiesen werden können, lassen sich therapeutische Praktiken, die auf Gesundheit gerichtet sind, von pädagogischen Praktiken der Fürsorge, die auf die Ermöglichung von Selbstsorge gerichtet sind, unterscheiden.

 

Sorgen um Artikulation und Verstehen im gemeinsamen Unterricht mit gehörlosen und hörenden Schüler*innen

Prof. Dr. Claudia Becker
HU Berlin

In Deutschland besuchen zunehmend gehörlose Schüler*innen Regelschulen, wobei zur Absicherung der Kommunikation Gebärdensprachdolmetscher*innen eingesetzt werden. In diesen Settings besteht eine besondere Form der Vulnerabilität, da u.a. die Kommunikation zwischen gehörloser/m Schüler*in und den Lehrkräften sowie Mitschüler*innen meist nur indirekt und eine Verdolmetschung nicht in allen Bereichen des schulischen Lebens erfolgt (z.B. in der Pause).

Diese Verletzlichkeit löst unterschiedliche, z.T. ambivalente Fürsorge- und Selbstsorgepraxen aus, wobei Machtgefälle und Prozesse der Er- und Bemächtigung sichtbar werden, die die beteiligten Akteur*innen – Regelschullehrkräfte, Dolmetscher*innen, Schüler*innen und Sonderpädagog*innen - zurzeit nicht selten konfliktär aushandeln: So verlagert zum Beispiel eine Lehrkraft ihre pädagogische Fürsorge um die Verstehensmöglichkeiten der gehörlosen Schülerin auf die Dolmetscher*innen, ohne ihren Unterricht an die Lernbedingungen gehörloser Schüler*innen anzupassen. Eine andere Dolmetscherin betrachtet sich als „Anwältin“ einer gehörlosen Schülerin und streitet mit der Schulleitung um Nachteilsausgleiche. Eine gehörlose Schülerin verweigert die Unterstützung bzw. Fürsorge durch eine Sonderpädagogin und fordert ein, die Dolmetschteams selbst auszusuchen.

Anhand von Daten aus qualitativen Interviews und Videoanalysen werden verschiedene Sorgepraktiken hinsichtlich ihrer Ambivalenzen und Potentiale diskutiert.

 
14:00 - 16:00Lehrer*innenbildung als Ort der Begrenzung: Zur Ent-Politisierung und Re-Politisierung von pädagogischer Professionalität
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 17
 

Chair(s): Dr. Saphira Shure (Universität Bielefeld, Deutschland), Dr. Oxana Ivanova-Chessex (Pädagogische Hochschule Zürich), Dr. Anja Steinbach (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg), Susanne Gottuck (Universität Duisburg-Essen)

Das Symposium rückt das Politische (in) der Lehrer*innenbildung aus einer differenz- und machttheoretischen Perspektive in den Mittelpunkt und verortet dieses im Ringen um machtvolle Be-, Ent- und Abgrenzungen sowie in Prozessen der De_Thematisierung von Grenzsetzungen. Im Fokus stehen erstens strukturelle Voraussetzungen, diskursive Rahmenbedingungen und etablierte Praktiken, die spezifische Verständnisse von professionellen Subjekten und ihrem Handeln hervorbringen. Solche Begrenzungsprozesse werden zweitens als Praktiken der Ent-Politisierung der Lehrer*innenbildung erkundet und erforscht, was die Beteiligung der Lehrer*innenbildung an der begrenzenden (Re-)Produktion sozialer Ordnungen analytisch zugänglich macht. Lehrer*innenbildung wird drittens als kontingenter Ort diskutiert, der das Potenzial hat, anders gestaltet zu werden. Im Fokus stehen deshalb Auseinandersetzungen mit dem Potenzial der Lehrer*innenbildung im Hinblick auf Re-Politisierungen pädagogischer Professionalität.

 

Beiträge des Panels

 

Kritik am Pflichtmodul Heterogenität – Paradoxien der (Ent-)Politisierung in der Lehrer*innenbildung

Dr. Mai-Anh Boger1, Prof. Dr. Nina Simon2
1Universität Bielefeld, 2Universität Leipzig

In den letzten Jahren ist die Anzahl an Lehramtsstudiengängen, in denen es mindestens eine verpflichtende Veranstaltung zur Reflexion von Ungleichheit, Heterogenität und/oder Inklusion gibt, enorm gestiegen. Freilich ist diese Entwicklung sehr erfreulich. Sie provoziert aber auch Fragen danach, was geschieht, wenn zuvor umkämpfte ‚Außenseiterthemen’ Teil des Pflichtcurriculums werden.

In unserem Vortrag befassen wir uns mit der Perspektive der Studierenden und widmen uns einer Analyse der subjektiven Wahrnehmung und Beschreibung der Lernerfahrungen von Studierenden in Seminaren der Lehrer*innenbildung mit Fokus auf diskriminierungs- und herrschaftskritische Inhalte. Inwiefern finden hier Bewegungen der (Ent-)Politisierung statt? In welchen Begriffen werden die Seminarinhalte von den Studierenden als ‚politische’ oder aber als ‚unpolitische Fakten’ wahrgenommen und beschrieben?

Zur Erörterung dieser Fragen wird zunächst der besagte Prozess der Dissemination kritischer Inhalte und deren Eintritt in den ‚Kanon’, unter Rückgriff auf Arbeiten von Sabine Hark und Gayatri Spivak, theoretisiert. Darauffolgend werden exemplarisch zwei Fallvignetten analysiert, in denen sich Bewegungen an der Grenze zur (Ent-)Politisierung zeigen. Zuletzt wird betrachtet, welche Reflexionsanlässe sich aus diesen theoretischen Überlegungen und empirischen Befunden für hochschuldidaktische Erwägungen ergeben.

 

Intellektualität, Professionalität, Herrschaft – Hegemonietheoretische Perspektiven auf eine politische Lehrer*innenbildung in der Migrationsgesellschaft

Matthias Rangger
Universität Bielefeld

In der Hegemonietheorie Antonio Gramscis sind alle Menschen Intellektuelle, da alle aktiv teilhaben an einer Weltauffassung, die dazu beiträgt, die gegebenen Verhältnisse herzustellen, aufrechtzuerhalten und zu verändern. Es verwundert daher kaum, dass Schule und Lehrer*innenbildung besonders interessante Orte für unterschiedliche gesellschaftspolitische Projekte darstellen, auch wenn die Politizität der Projekte meist verschleiert wird. So setzt die in der gegenwärtigen Lehrer*innenbildung vorherrschende „empirische Wende“ einem vermeintlich normativ (respektive ideologisch) Gewünschten eine funktionalistische Orientierung am empirisch Notwendigen entgegen, woraus sich Professionalisierungsprozesse formal bestimmen und output-orientiert planen sowie überprüfen lassen sollen. Das, was als empirisch notwendig gilt, findet seine Referenz allerdings darin, was von den gesellschaftlich und wirtschaftlich dominierenden Verhältnissen gewünscht wird. Eine Orientierung am empirisch Notwendigen bei gleichzeitiger Ausblendung der eigenen Politizität stellt deshalb selbst eine ideologische Verzerrung und Überhöhung des eigenen Autonomieanspruchs dar. Demgegenüber bietet der Horizont der Hegemonietheorie eine Perspektive auf soziale Wirklichkeit an, die Möglichkeiten einer Professionalisierung jenseits der Verleugnung der eigenen Politizität eröffnet. Der Beitrag geht im Anschluss daran allgemeinen Konturen einer explizit politischen Lehrer*innenbildung in der Migrationsgesellschaft nach.

 

Die Politik des Unwissens als (neue) Herausforderung an die Lehrer*innen(fort)bildung

Prof. Dr. María do Mar Castro Varela
Alice Salomon Hochschule Berlin

Agnotologie (Proctor & Schiebinger 2008) ist eine relativ junge Forschungsrichtung. Sie beschäftigt sich mit der Produktion und Stabilisierung von Unwissen. Unwissen wird darin nicht als Nicht-Wissen beschrieben, sondern als das Ergebnis politischer und kultureller Kämpfe im Rahmen von Macht- und Herrschaftsverhältnissen. Unter anderem über Zensur und Manipulation wird dafür gesorgt, dass Wissen unterdrückt und Ignoranz hergestellt wird. Die Agnotologie zeigt sich mit der Epistemologie verflochten, denn oft wird Unwissen produziert, um ein bestimmtes Wissen durchzusetzen.

Nicht nur in Zeiten zunehmender Dominanz sozialer Medien und der damit häufig einhergehenden Desinformation, ist die Frage danach, welches Wissen Anerkennung erhält und welche Ignoranz hervorgebracht wird, bedeutsam. Die postkoloniale Kritik setzt sich seit den 1970er Jahren ebenso damit auseinander, in welcher Weise bestimmtes Wissen eurozentrisch und damit begrenzt ist und auch damit, wie Felder der Unwissenheit stabilisiert werden.

Der Beitrag beschäftigt sich mit der Begrenzung von Wissen und den Feldern der Unwissenheit (in) der Lehrer*innen(fort)bildung. Es kann beispielsweise innerhalb der Lehrer*innenfortbildung mithin nicht nur darum gehen, wie Wissen adäquat vermittelt wird und auch nicht nur darum, welches Wissen vermittelt wird. Lehrer*innen müssen sich auch mit dem produzierten Unwissen auseinandersetzen, das Lernen und Lehren mitstrukturiert.

 

(Un-)Erschütterbare Fundamente (in) der Lehrer*innenbildung? Normativitätstheoretische Überlegungen

Susanne Gottuck1, Oxana Ivanova-Chessex2, Saphira Shure3, Anja Steinbach4
1Universität Duisburg-Essen, 2Pädagogische Hochschule Zürich, 3Universität Bielefeld, 4Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Der Beitrag setzt sich mit Normativitäten, als grundlegende Bedingungen und Strukturelemente der Lehrer*innenbildung, aus differenz- und machttheoretischen Perspektiven auseinander. Normativitäten verstehen wir als explizite oder implizite Ordnungsvorstellungen und Bezugspunkte dessen, wie etwas (nicht) sein soll. Über Praktiken der Setzung, die beispielsweise über hochschulpolitische Dokumente oder bestimmte Thematisierungen im Kontext von Lehrveranstaltungen zum Ausdruck kommen, werden spezifisch normativ gelagerte, gesellschaftliche und (hoch-)schulische Subjektivitäten, Praktiken, Verhältnisse und ‚Materialitäten‘ aufgerufen und hervorgebracht. Es werden gewissermaßen Grenzen des Gewünschten sowie letztlich auch Grenzen des Möglichen entworfen und verwirklicht. In unserem Beitrag arbeiten wir mit dieser Perspektive auf normative Setzungen drei Dimensionen von Normativitäten – politische, präskriptive und subjektivierende – heraus, durch welche die performative Hervorbringung und Be-Gründung von Normativitäten sowie ihre Wirkmächtigkeit als ethisch-moralische Orientierung und Matrix der Subjektivierung erkennbar wird. Daran anschließend zeigen wir das Potenzial dieser normativitätsanalytischen Perspektivierung für eine forschende Auseinandersetzung mit empirischen Daten im Feld der Lehrer*innenbildung auf und diskutieren deren Bedeutung für Prozesse einer normativitätskritischen Professionalisierung angehender Lehrer*innen.