Veranstaltungsprogramm

Die Zugänge zu allen Zoom-Räumen finden sie auf der Kongress-Plattform (https://plattform.dgfe2022.de/).
Login mit Ihrem ConfTool-Benutzernamen und Ihrem ConfTool-Passwort.

Hier finden Sie eine Übersicht aller Veranstaltungen des Kongresses.
- Sie können die Veranstaltungen nach Beitragstyp (u.a. Symposium, Arbeitsgruppe, Forschungsforum, Parallelvorträge), Sprache (Englisch, Deutsch, Englisch und Deutsch in einer Veranstaltung) und Themen (Forschungszugänge, Kommissionen, Sektionen) filtern.
- Bitte wählen Sie ein Datum aus, um nur die betreffenden Veranstaltungen anzuzeigen.
- Wählen Sie eine Veranstaltung aus, um zur Detailanzeige zu gelangen.
- Die Vortragenden sind jeweils unterstrichen dargestellt.
- Eine persönliche Agenda kann drei Wochen vor Kongressbeginn auf der Kongressplattform von mcc Agentur für Kommunikation erstellt werden.
- Änderungen des Programmes sind vorbehalten.

 
Nach Beitragstyp der Sitzung filtern 
Filter by Session Topic 
Nur Sitzungen am Veranstaltungsort 
 
 
Sitzungsübersicht
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 15
926 3007 8513, 173066
Datum: Montag, 14.03.2022
14:00 - 16:30Entgrenztes Wissen? Pädagogische Ratgeber im Fokus der Erziehungswissenschaft
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 15
 

Chair(s): Prof. Dr. Jens Oliver Krüger (Universität Koblenz-Landau, Deutschland), Sofia Konrad (Universität Koblenz-Landau)

Das Symposium widmet sich dem Wissen pädagogischer Ratgeber und reflektiert die Vielschichtigkeit der aktuellen erziehungswissenschaftlichen Zugänge zu entsprechenden Publikationen.

Für die Auseinandersetzung mit pädagogischen Ratgebern sind Grenzziehungen in mehrfacher Hinsicht bedeutsam:
- Epistemisch stellt sich die Frage nach der genauen Abgrenzbarkeit zwischen erziehungswissenschaftlichem und ratgeberischem Wissen.
- Handlungslogisch stellt sich die Frage nach der Abgrenzung zwischen Theorie und Praxis.
- Professionstheoretisch ist die Abgrenzung zwischen beratungsbedürftigen Laien und Expert*innen zu hinterfragen.
- Und schließlich lässt sich fragen, wie Grenzen der pädagogischen Handlungsfähigkeit in pädagogischen Ratgebern zum Thema gemacht werden.

In Bezug auf diese Fragehorizonte präsentiert das Symposium unterschiedliche empirische und theoretische Zugänge zur pädagogischen Ratgeberliteratur und bringt diese miteinander ins Gespräch.

 

Beiträge des Panels

 

Versuche, das Feld pädagogischer Ratgeber zu begrenzen und zu systematisieren

Dr. Jakob Kost
PH Bern, Schweiz

Mit der zunehmenden Konjunktur der Ratgeberforschung (Schmid et al. 2019) wird deutlich, dass die Gegenstandsbestimmung von „Ratgebern“, Forschende vor einige Herausforderungen stellt.

Bisherige Arbeiten haben sich an Themen, Perspektiven und medialen Vermittlungsformen (Zeitschriften, Buchratgeber, Elternbriefe etc.) unterschiedlicher Ratgebermedien orientiert (Oelkers 1995). Erziehungswissenschaftliche Arbeiten haben sich insbesondere auf Ratgeber in Buchform konzentriert (Schmid 2008) und argumentiert, Ratgeber würden ein eigenes Genre darstellen (Höffer-Mehlmer 2003). Daneben liegen Arbeiten vor, die sich bei der Analyse populärpädagogischen Wissens auf Magazine und Elternzeitschriften (Kingma 1996) oder Elternbriefe (Kost 2010) beziehen. Zunehmend wird auf die Absenz einer, den Ratgeber in Buchform überschreitende, Systematisierung des Feldes populärpädagogischen Wissens hingewiesen (Schmid 2016), welche den angedeuteten inhaltlichen Aspekten, strukturellen Dimensionen und medialen Vermittlungsformen Rechnung trägt.

Der Beitrag beleuchtet bisherige Systematisierungsversuche populärpädagogischer Ratgeber entlang ihrer thematisch-inhaltlichen Ausrichtung und rekonstruiert deren vielfältige Prämissen. Dabei werden Probleme vereindeutigender Gegenstandsbestimmungen ersichtlich und ein möglicher Ausweg aus textlinguistischer Perspektive skizziert. In der abschließenden Diskussion werden diese Herausforderungen kondensiert und Anregungen für die weitere Forschung formuliert.

 

Grenzen der Aneignung? Eine qualitative Explorationsstudie zur Inanspruchnahme von Ratgebermedien durch Eltern und frühpädagogische Fachkräfte

Prof. Dr. Ulf Sauerbrey, Liubov Andreeva
Hochschule Neubrandenburg

Nicht nur Laien, sondern auch pädagogische Fachkräfte nutzen Ratgebermedien (Cleppien et al. 2021). Der Beitrag referiert Ergebnisse einer laufenden Studie, finanziert durch eine hochschulinterne Forschungsförderung, zur Inanspruchnahme von Eltern und frühpädagogischen Fachkräften anhand von 20 Interviews. Wir erfassen die subjektiven Perspektiven von Eltern und Fachkräften durch offen angelegte, problemzentrierte Video- und Telefoninterviews (vgl. Keller 2008; Jahn 2012; Zeller 2018). Ausgewertet werden die Transkripte mittels qualitativer Inhaltsanalyse gemäß Kuckartz (2016) unter Verwendung der Software MAXQDA im konsensuellen Kodieransatz. Im Zentrum stehen Fragen nach Themen, medialen Formaten (gedruckten und digitalen) und Nutzungsmotiven. Erste Befunde hierzu deuten insbesondere im Vergleich zu genuin wissenschaftlicher Fachliteratur an, dass die Popularität einiger Ratgeberautor*innen, eine ihnen zugeschriebene Expertise, ein konkreter Problembezug und eine hohe Verständlichkeit/Anschaulichkeit bei der Wissensvermittlung eine Rolle bei der Ratgeberauswahl spielen. Der aneignende Zugriff auf Ratgebermedien scheint in beiden Gruppen jedoch meist fallspezifisch selektiv und reflexiv zu erfolgen. Die interviewten Fachkräfte nutzen Ratgeber im Vergleich zu den Eltern etwas differenzierter und betonen im Hinblick auf das rezipierte Ratgeberwissen den ‚eigenen Kopf‘. Geschildert werden aber auch Situationen, in denen sie bei der Ratgebernutzung ‚an ihre Grenzen gelangen‘.

 

„Bis hierher und (nicht) weiter“? Konfigurationen der (Ent-)Grenzung in kontrastierenden Sparten zeitgenössischer Ratgebermedien

Prof. Dr. Nicole Hoffmann
Universität Koblenz-Landau

„Erkenne deine Grenzen“, „Kinder brauchen Grenzen“, „Wie Sie durch Selbstoptimierung Ihre eigenen Grenzen sprengen“ – Formulierungen dieser Art gehören oftmals zum Leistungsversprechen eines Genres, das ‚Grenzfragen‘ menschlicher Entwicklung auf spezifische Weise aufgreift: die sog. Ratgeber-Medien. Dieser – erziehungswissenschaftlich seltener berücksichtigte – Bereich informeller Lernangebote ist geprägt von einer großen thematischen Breite, diversen konzeptionellen Anlagen sowie von heterogenen Sprechpositionen und Zielgruppen. ‚Grenzen‘ haben hier viele Gesichter; sie sind mal zu setzen, mal zu achten, mal zu überschreiten... Aus dem weiten Feld dieser Gattung greift der geplante Beitrag kontrastierende Sets zeitgenössischer Ratgeber aus den Sparten ‚Lebensführung‘, ‚Beruf‘ und ‚Erziehung‘ heraus, um – auf Basis einer argumentationsorientierten Dokumentenanalyse – die dort anzutreffenden Konfigurationen der (Ent-)Grenzung zu portraitieren und nach ihrer legitimatorischen Einbettung zu fragen.

 

Datum: Dienstag, 15.03.2022
9:00 - 11:30„Erziehung nach Auschwitz“ und trans|nationale Wissenspraktiken. Erziehungswissenschaftliche Einsätze zur Erforschung des Pädagogischen in Kontexten der Geschichtsvermittlung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 15
 

Chair(s): Prof. Dr. Wolfgang Meseth (Goethe-Universität Frankfurt, Deutschland), Prof. Dr. Nicolas Engel (Goethe-Universität Frankfurt, Deutschland)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Markus Rieger-Ladich (Universität Tübingen, Deutschland)

Unter den Vorzeichen eines Wiedererstarkens antisemitischer und rechtsextremer Positionierungen sieht sich die trans|nationalisierte Erinnerungskultur vor neuen Herausforderungen gestellt. Differente Erzählungen von Geschichte (Rothberg 2009; xxx) fordern nicht nur das master narrative nationaler Geschichtspolitiken heraus. In pädagogischen Vermittlungskontexten zeigen sich diese Narrative als multiperspektivische Wissenspraktiken, die auch das Selbstverständnis einer „Erziehung nach Auschwitz“ (Adorno) irritieren und provozieren (Andresen/Nittel/Thompson 2019). Die Frage, wie es gelingen kann, die institutionell und organisational gerahmte Praxis der Geschichtsvermittlung gegenstandsangemessen zu erforschen, soll an ausgewählten erziehungswissenschaftlichen Studien und ihren theoretischen Konzepten (Annerkennungstheorie und Rassismuskritik) ausgelotet und vor dem Hintergrund kulturwissenschaftlicher Forschungsperspektiven auf Erinnerungskultur diskutiert werden.

 

Beiträge des Panels

 

Was bedeutet: Transkulturelle Erinnerung

Prof. Dr. Astrid Erll
Goethe-Universität Frankfurt, Deutschland

In diesem Vortrag geht es um eine Geschichte des Begriffs ‚transkulturelle Erinnerung‘ (transcultural memory), seine verschiedenen Spielarten im interdisziplinären Feld der Memory Studies und deren Bedeutung für Holocaust Education in Zeiten globaler Kommunikation und Migration. Vorgestellt und kritisch diskutiert werden dabei u.a. Natan Sznaiders und Daniel Levys Konzept kosmopolitischer Erinnerung, Alison Landsbergs prosthetic memory, Marianne Hirschs postmemory, Michael Rothbergs multidirectional memory, Ergebnisse eines EU COST Forschungsnetzwerkes zu transkultureller Erinnerung in Europa sowie mein eigenes Konzept des travelling memory. Gefragt wird dabei, wie diese theoretischen Konzepte dabei helfen können, aktuell festgefahrene Diskussionen zum Verhältnis von Postcolonial Studies und Holocaust Studies (vgl. die causa Mbembe oder die Diskussionen um die deutsche Übersetzung von Rothbergs Multidirektionale Erinnerung, Metropol 2020) produktiv voranzubringen.

 

Begrenzungen der Anerkennung in der Gedenkstättenpädagogik

Dr. Paul Vehse
Universität Flensburg, Deutschland

Der Beitrag präsentiert Ergebnisse einer qualitativ-rekonstruktiven Studie, in der pädagogische Rundgänge in bundesdeutschen KZ-Gedenkstätten untersucht und anerkennungstheoretisch (Honneth 2003; Butler 2001; Balzer&Ricken 2010) reflektiert wurden. Aufgrund einer Verschränkung diskursiver Elemente (Erinnerungsdiskurs um die „vergessenen Opfer“), institutioneller Elemente („Winkeltafel“ als Ausstellungstück) und pädagogischer Praxen (Rundgänge) bietet die Studie methodologische Anknüpfungspunkte für die Erforschung institutionell gerahmter Vermittlungspraktiken. Inhaltlich zeigt der Beitrag anhand von empirischen Beispielen, wie der Erinnerungsdiskurs über den Imperativ der Anerkennung in der Praxis Ausschlüsse produziert. Diese Begrenzungen der Anerkennung werden als Strukturproblematik der Anerkennung beschrieben (Balzer&Ricken 2010). Anschließend werden die Ergebnisse an die Frage nach den Herausforderungen einer Wissensvermittlung in einer trans|nationalen Migrationsgesellschaft rückgebunden. Es wird gezeigt, wie der Fokus auf Anerkennung eine aus migrationspädagogischer Perspektive (Mecheril et al. 2010) angezeigte Thematisierung von Rassismus und Antisemitismus empfindlich begrenzt. Damit werfen die Ergebnisse für das Symposium die Frage auf, inwieweit die gedenkstättenpädagogische Praxis mit ihrem an einem deutschen Erinnerungsdiskurs orientierten master narrative bisher durch transnationale Diskurse überhaupt irritiert worden ist.

 

Migrationspädagogische Kritik an ‚deutscher‘ Erinnerungskultur

Dr. Yalız Akbaba, Prof. Dr. Constantin Wagner
Universität Mainz, Deutschland

Deutsche Erinnerungskultur wird auch als Inszenierung nationaler Selbstläuterung, Renationalisierung und als jüdische Perspektiven auslassend kritisiert (vgl. u.a. Mendel/Rhein/Uhlig 2019). Der Vortrag schließt an diese Kritik aus migrationspädagogischer Perspektive an und präsentiert empirische Ergebnisse zur Frage, wie Erinnerungspädagogik in einer Gruppe mit vielfältigen Zugehörigkeiten verlaufen kann (vgl. Messerschmidt 2019). In einem rekonstruktiven Zugriff analysieren wir ethnografische Beobachtungsprotokolle einer mehrtägigen Studierendenexkursion zu einem NS-Dokumentationszentrum. Die Beschäftigung mit aktuellem Rassismus und der Shoa an einem Erinnerungsort zeigt verschiedene Geltungskonflikte zwischen dominanten Wissensansprüchen und marginalisierten Narrativen auf. Zugleich eröffnet der Beitrag eine Perspektive auf kritische Potentiale rekonstruktiver Forschung.

 
14:00 - 16:00Problemlösekompetenzen in der beruflichen Bildung: Von der Aufgabenanalyse zur innovativen Messung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 15
 

Chair(s): Prof. Dr. Susan Seeber (Georg-.August-Universität, Deutschland), Prof. Dr. Eveline Wuttke (Goethe Universität Frankfurt)

Ziel der beruflichen Ausbildung ist der Erwerb beruflicher Handlungskompetenz, die neben dem beruflichen Fachwissen, Interessen und Bereitschaften situationsangemessen zu handeln, auch Fähigkeiten einschließt, anspruchsvolle berufliche Anforderungen zu bewältigen. Da künftig berufliche (Routine-)Tätigkeiten noch stärker digitalisiert werden, stehen beruflich Qualifizierte künftig vermehrt vor der Herausforderung, nicht-routinisierte, komplexe Aufgaben zu bewältigen. In der Arbeitsgruppe werden - grenzüberschreitend im Hinblick auf Domäne und disziplinäre Bezugsebenen - Modellierungen beruflicher Problemlösekompetenz vorgestellt und Ergebnisse ihrer Messung diskutiert. Ziel ist es mit Blick auf das Kongressthema darüber hinaus, die Grenzziehung zwischen kognitiven und nichtkognitiven Kompetenzfacetten zu überwinden und verschiedene methodische Zugänge auf die Messung von Problemlösekompetenzen kritisch zu reflektieren.

 

Beiträge des Panels

 

Zum Problemgehalt von Aufgaben beruflicher Abschlussprüfungen in kaufmännischen Berufen: Empirische Befunde der Aufgabenklassifikation

Prof. Dr. Susan Seeber1, Prof. Dr. Eveline Wuttke2, Dr. Carolin Geiser1, Lütfiye Turhan2, Hanna Meiners1
1Georg-August-Universität, Deutschland, 2Goethe Universität Frankfurt

Befunde bei Auszubildenden am Ende der Ausbildung zeigen, dass zwischen curricularem Anspruch und tatsächlich erreichten Problemlösekompetenzen eine erklärungsbedürftige Lücke besteht (vgl. Beck et al., 2016). Eine Ursache könnte in der Prüfungspraxis liegen, die immer noch überwiegend deklaratives Wissen statt komplexer beruflicher Kompetenzen erfasst und somit einen „heimlichen Lehrplan“ darstellt. Ob diese Kritik berechtigt ist, wird exemplarisch für die Berufe Industriekaufmann/-frau (IK) und Kaufmann/-frau für Büromanagement (KBM) untersucht. Zentrale Frage des Beitrags ist: Welchen Problemlösegehalt weisen die in Abschlussprüfungen eingesetzten Aufgaben auf?

Es wurden 1.468 Prüfungsaufgaben der Jahre 2015-2019 analysiert und inhaltanalytisch mittels deduktiver Kategorienanwendung (Mayring, 2015) ausgewertet. Das Kategoriensystem umfasst zehn Kategorien zur Problemhaltigkeit der Aufgaben und zwei zur Situierung. Dabei zeigt sich: Die analysierten Aufgaben sind wenig problemhaltig und authentisch. Ist-Zustand und Handlungsziele sind in der Aufgabenbeschreibung vorwiegend vorgegeben (83%/100% IK; 88%/99% KBM). Die meisten Aufgaben sind weder lösungsoffen gestaltet (81% IK; 85% KBM), noch sind Neben- und Folgewirkungen kaufmännischen Handelns zu berücksichtigen. Bei 99% (IK) bzw. 92% (KBM) der analysierten Aufgaben ist nur die Perspektive des Unternehmens und damit primär die der Eigenkapitalgeber zu berücksichtigen. Ebenso ist nur selten die entwickelte Lösung zu reflektieren.

 

Zur Validität von Embedded Experience Sampling (EES) bei der Messung nicht-kognitiver Facetten domänenspezifischer Problemlösekompetenz

Prof. Dr. Andreas Rausch1, Prof. Dr. Kristina Kögler2, Prof. Dr. Jürgen Seifried1
1Universität Mannheim, 2Universität Stuttgart

Wenngleich Problemlösen als Zusammenspiel aus kognitiven, metakognitiven, emotionalen und motivationalen Prozessen verstanden wird (Dörner & Funke, 2017), beschränkt sich die Messung häufig auf kognitive Facetten (Sembill et al., 2013). Embedded Experience Sampling (EES) ist eine Methode zur Messung nicht-kognitiver Facetten (Rausch, Kögler & Seifried, 2019). Im Gegensatz zu klassischem Experience Sampling werden EES-Erhebungen in die ‚Storyline‘ der Problemszenarien eingebettet. EES-Ereignisse im Rahmen einer Büroarbeitssimulation ähneln dabei sozialen Interaktionen am Arbeitsplatz (z.B. ein Kollege, der nachfragt, wie man zurechtkommt).

In drei Studien untersuchen wir, wie Testteilnehmende EES erleben, ob soziale Erwünschtheit deren Antworten verzerrt und ob die Datenstruktur theoretischen Annahmen entspricht (Multi-Trait-Multi-Method). In den retrospektiven Interviews gaben die Teilnehmenden keine Hinweise auf soziale Erwünschtheit, sondern erlebten die EES-Ereignisse als interessant und realistisch. Zudem fanden sich keine Korrelationen mit dispositionalem Impression Management (soziale Erwünschtheit), nur schwache Korrelationen mit situationalem Impression Management, aber mittlere Korrelationen mit Testmotivation und dem aktuellen Erleben. MTMM-Analysen zeigten stärkere Korrelationen zwischen gleichen Kompetenzfacetten über verschiedene Szenarien als zwischen unterschiedlichen Kompetenzfacetten innerhalb eines Szenarios. Alles in allem stimmen die Befunde optimistisch.

 

Analyse von Fehlerdiagnoseprozessen auf Basis von Logdaten- und papierbasierten Protokollen im Beruf Elektroniker*in für Automatisierungstechnik

Prof. Dr. Felix Walker
Technische Universität Kaiserlautern

Die Fehlerdiagnose stellt im Beruf des EA ein hochrelevantes Tätigkeitsfeld dar (Zinke, Schenk & Kröll, 2014), welches Auszubildende auffordert zur Fehlersuche Strategien anzuwenden (KMK, 2003, S. 29).

Der Beitrag präsentiert einen Ansatz, der den Fehlerdiagnoseprozess (Schaper & Sonntag, 1997a; Schaper & Sonntag, 1997b; Benda, 2008) als Handeln in Suchräumen (Klahr & Dunbar, 1988) begreift, wodurch eine theoriegeleitete Zuordnung von Diagnosehandlungen zu Suchräumen und dahinterliegenden Strategien möglich ist.

Konradt 1995 und Hoc, 2000 unterscheiden die symptomatische Strategie, welche an die Mustererkennungstheorie anschließt und die topographische Strategie, bei der die zielführende Informationsverarbeitung und mentale Modellbildung zentral ist.

Der Beitrag untersucht inwieweit sich die Strategien und Mischformen beim Diagnoseprozess identifizieren lassen, und welcher Zusammenhang zwischen Diagnoseprozess und -ergebnis besteht.

Basis bilden schriftliche Protokolle von Auszubildenden (n=318) und Logdaten-Analysen von Auszubildenden (n=89). Die Datenauswertung erfolgt mit Hilfe von Clusteranalysen (Calinski & Harabasz, 1974; Hall u.a., 2009) in WEKA 3.7.

Die Analyse ergab drei Clusterlösungen, welche die beiden Strategien und Mischtypen identifizierte. Kam eine topographische Strategie oder ein Strategiewechsel zum Einsatz wurde die Fehlerursache erfolgreich identifiziert. Vertiefenden Logdaten-Analysen sowie die Grenzen des Ansatzes werden abschließend diskutiert.

 

Datum: Mittwoch, 16.03.2022
9:30 - 11:30Die Zukunft ist schon da. Die handlungsleitende Rolle von Zukunftsnarrativen in der Bildungspolitik
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 15
 

Chair(s): Prof. Dr. Florian Waldow (Humboldt-Universität zu Berlin, Deutschland)

Diskutant*innen: Ana Werkstetter Caravaca (Freie Universität Berlin)

Zukunftserwartungen sind in pädagogischen und bildungspolitischen Diskursen allgegenwärtig. Bildungspolitische Agenden gründen notwendigerweise auf Annahmen über zukünftige Entwicklungen, versuchen, die Organisationen und die Lernenden auf antizipierte Entwicklungen vorzubereiten, und gestalten diese Entwicklungen gleichzeitig mit.

Zukunftserwartungen werden im bildungspolitischen Feld aktiv von Akteuren mitkonstruiert und reproduziert. Für die Herstellung von Plausibilität und Legitimitität dieser Erwartungen spielen Narrationen, „stories“, eine wichtige Rolle.

Im Forschungsforum sollen derartige Zukunftsnarrative und wie sie zustande kommen in den Blick genommen werden, einerseits im Blick auf die Digitalisierungsdebatte in deutschen Leitmedien, andererseits im Blick auf übergreifende, tlw. globale Geltung beanspruchende Zukunftsnarrative, wie sie in internationalen Organisationen konstruiert, verhandelt und verbreitet werden.

 

Beiträge des Panels

 

Zwischen Hoffnung und Bedrohung. Zukunftsnarrative und Plausibilisierungsstrategien in der massenmedialen Digitalisierungsdebatte

Jakob Erichsen
Humboldt-Universität zu Berlin

Der Beitrag rekonstruiert und analysiert massenmedial vermittelte Zukunftserwartungen im Hinblick auf den Prozess der Digitalisierung im Bildungsbereich. Er geht von der Prämisse aus, dass Zukunftserwartungen handlungsleitende Phänomene sind, die nicht als rein individuell kreiert betrachtet werden dürfen, sondern kollektiv vermittelt und sozial geformt Eingang in Debatten und Interaktionen finden.

Mediale Debatten sind hier ein interessantes Forschungsobjekt, da sie aktiv am Agenda Setting und am Framing von Problemen mitwirken. Sie verbreiten, erzeugen und verstärken Erwartungen, Problemlagen und Begründungsmuster, die in der Folge von anderen Akteuren übernommen werden können. Die Betrachtung der medialen Debatten erlaubt darüber hinaus Aussagen darüber, wie das Handeln von anderen bildungspolitischen Akteuren im Bezug auf bestimmte Zukunftserwartungen öffentlich wahrgenommen und bewertet wird.

Im Beitrag wird dargestellt, welche Zukunftserwartungen die Debatte prägen, durch welche Narrative sie plausibilisiert werden und welche policies ihrerseits mit ihnen legitimiert werden. Dabei wird das Wechselspiel zwischen allgemeinen, breit diffundierten Zukunftserwartungen und gesellschaftlichen Erwartungen an das Bildungssystem analysiert und argumentiert, dass bildungspolitische Debatten von Antizipationsprozessen geprägt sind und Entscheidungen mehr auf Interpretation und Imagination als auf rationaler Kalkulation beruhen.

 

The Presence of Futures. Futures Discourse in the Global Education Governing Arena Mediated by UNESCO’s “Futures of Education”

Franziska Primus
Örebro University, Schweden

This paper presents insights into the analysis of how futures are imagined or portrayed in the global education governing arena. The United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization (UNESCO) and its current initiative “Futures of Education” serve as concrete entry points. The analysis of material published by the initiative between its launch in 2019 and the end of 2020, and of historical commission reports is inspired by the discourse historical approach (DHA). The paper discusses first findings along argumentative topoi which are reconstructed from the material representing general reasonings on futures. The topoi of crisis, negative disruption and threat come to the fore with the COVID-19 pandemic. The respective global challenges prevail, but the possibly impending loss of future opportunities is framed as the actual central threat. Hope seems to rise as a topos to counter that.

The paper is part of a broader study based on sociology of expectations and sociological fictionalism aiming to gain a deeper understanding of the (re)production of global education policy by relating it to future imaginaries. Therefore, it also discusses first indications of how the discourse on futures relates to the programmatic level of education policy.

 

Naming the Future: Die Relevanz kultureller Repertoires über die Zukunft bei der OECD und UNESCO im Vergleich

Walter Fritsch
Humboldt-Universität zu Berlin

Wie Menschen die Zukunft wahrnehmen, ist in der Tat keine rein individuelle Entscheidung, sondern durch soziale Gegebenheiten geprägt und damit ein inhärent kulturelles Phänomen. Welche Zukunftsrepertoires Individuen dabei zur Verfügung stehen, ist allerdings stark von historischen und materiellen Voraussetzungen geprägt, sodass die ‚capacity to aspire‘ ungleich verteilt ist.

Der Beitrag analysiert, wie Akteure auf globaler Ebene um Zukunftsnarrative im Bildungsbereich konkurrieren und inwiefern dabei Rücksicht auf die ungleiche Verteilung jener Kapazität genommen wird. Insbesondere sollen dabei Unterschiede zwischen den zwei internationalen Organisationen (UNESCO und OECD), die für sich beanspruchen, die Zukunft der Bildung gestalten zu wollen, herausgearbeitet werden. Als Grundlage dafür dienen Materialien, die im Rahmen der Futures Of Education Initiative der UNESCO und dem Future of Education and Skills 2030 Projekt der OECD zwischen 2019 und 2021 veröffentlicht wurden. Es wird argumentiert, dass auf dem Rücken der Zukunftsgestaltung politische Auseinandersetzungen ausgetragen werden, da beide Organisationen versuchen, sich durch ihre (sehr unterschiedlichen) Vorstellungen der Zukunft voneinander abzugrenzen, um eine Führungsrolle in der internationalen Bildungspolitik beanspruchen zu können. Obwohl die Relevanz kultureller Repertoires unterschiedlich stark betont wird, hat sie bei beiden Organisationen ähnlich wenig Auswirkungen auf die Umsetzung ihrer Programme.

 
14:00 - 16:00Zur bindungstheoretischen Dominanz bei Gefährdungseinschätzungen in der frühesten Kindheit. Historische Spuren, theoretische Verortungen und empirische Befunde
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 15
 

Chair(s): Prof. Dr. Maren Zeller (FH OST, Schweiz), Bettina Grubenmann (FH OST, Schweiz)

Bindung stellt sowohl in Wissenschaft als auch in Gesellschaft eine unhinterfragte Interpretationsfolie für die Beurteilung des Kindeswohls in der frühen Kindheit dar. Dies gilt insbesondere, wenn eine Gefährdung bei Säuglingen und Kleinkindern von pädagogisch Tätigen eingeschätzt wird. In der Arbeitsgruppe sollen dieser Topos der Bindung am Beispiel des Handlungskontextes der Inobhutnahme und Fremdplatzierung von jungen Kindern im historischen Verlauf diskutiert und aus unterschiedlichen Perspektiven kritisch beleuchtet werden. Die konkrete Auswahl der Beiträge setzt auf eine bisher noch ausstehende Verknüpfung von Erkenntnissen aus der Rekonstruktion dominanter Diskurse mit empirischen Befunden (historisch wie gegenwärtig) und einer kritischen Bestandsaufnahme hinsichtlich der aktuellen bindungstheoretischen Theorieentwicklung.

 

Beiträge des Panels

 

Der Hospitalismus-Diskurs in der Schweiz. Ein regionalräumlicher Vergleich

Dr. Michel Christian, Giacomo Müller
FH OST, Schweiz

In der Schweiz erforschte Marie Meierhofer zwischen 1958 und 1968 die Zustände in Zürcher Säuglingsheimen und prägte die "Hospitalismusdebatte" in der Schweiz. In ihrer Zürcher Heimstudie, einer Längsschnittstudie, nahm sie sich den Entwicklungsfolgen von Kindern an, die in Säuglingsheimen ihre ersten Lebensjahre verbrachten. Die Arbeiten von Marie Meierhofer fanden auch international Beachtung. Der Beitrag zeigt, vor dem Hintergrund eines vom SNF geförderten Forschungsprojektes, ob und wie in unterschiedlichen Regionen der Schweiz auf die Hospitalismusdebatte Bezug genommen wurde, um Gefährdung von Säuglingen durch Institutionen zu thematisieren. Dahinter steht die Vermutung, dass sich die Rezeption entlang von Sprachgrenzen und sozialräumlichen Milieus unterscheiden. Mit Blick auf Genf, Tessin und St. Gallen soll gezeigt werden, dass sich die Hospitalismusdebatte nicht als Einheitsdiskurs lesen lässt, sondern bereits historisch als Folie genutzt wurde, um professionelle Entwicklungen voranzutreiben oder Zuständigkeiten zu behaupten. Je nach Region zeigen sich unterschiedliche Begründungsargumente, da sich die elterliche/mütterliche Mangellage je nach Region und Milieu unterschieden und die Skepsis unterschiedlich akzentuiert wurde. Dies wirft entsprechend bereits historisch die Frage auf, ob sich bindungstheoretische Vergewisserungen eignen, um Praxis zu analysieren und gute Praxis zu reklamieren.

 

Die Entdeckung Bowlbys. Säuglingsheime und Bindungstheorie in Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg

Dr. Felix Berth
DJI München, D

Dieser Beitrag untersucht die Geschichte der Säuglingsheime in Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Dabei werden zwei Forschungsperspektiven kombiniert: Zunächst wird gezeigt, dass die deutliche Zunahme der Heimbetreuung von Kleinkindern bis in die späten 1950er-Jahre in Westdeutschland nicht mit einer wachsenden Zahl von Waisenkindern zusammenhing; vielmehr spiegelte sich darin vor allem die Haltung der Behörden zu alleinerziehenden Müttern und ihren Kindern. In einem zweiten Schritt wird die Wirksamkeit von John Bowlbys WHO-Bericht Maternal Care and Mental Health aus dem Jahr 1951 analysiert. Diese Monografie des britischen Psychiaters und Psychoanalytikers hatte in den späten 1950er- und frühen 1960er-Jahren großen Einfluss auf westdeutsche Fachdiskurse über Heimerziehung von Kleinkindern. Gestützt auf Bowlbys frühe Version der Bindungstheorie wurden Säuglingsheime in Westdeutschland bis Mitte der 1960er-Jahre – also noch deutlich vor der “Heimkampagne” der 1968er-Bewegung – fast vollständig abgeschafft. Mit seinen beiden Perspektiven trägt der Beitrag zur Historisierung der Heimerziehung sowie der Bindungstheorie bei.

 

Theorie und Praxis der Bindungstheorie. Eine kritische Bestandsaufnahme

Prof. Dr. Heidi Kelle
Uni Osnabrück, D

Die Bindungstheorie hat sich als Bezugsrahmen für viele anwendungsorientierte Bereiche etablieren können. Dabei ist offensichtlich, dass die Bindungstheorie nicht in ihren Originaltexten rezipiert und reflektiert wird, sondern eine ausschließliche Orientierung an vereinfachender Sekundärliteratur vorherrscht. Dabei haben sich Praktiken durchgesetzt, die selbst von Bindungsforscher_innen abgelehnt werden, so dass sich kürzlich 77 führende Bindungsforscher_innen von diesem Vorgehen, insbesondere bei Gerichtsentscheidungen, distanziert haben. Aus wissenschaftlicher Perspektive ist die Bindungstheorie seit ihren Anfängen nicht unumstritten. So sind die wissenschaftlichen Grundlagen aus der Evolutionstheorie und Primatologie zum Teil falsch und verkürzt zitiert, bzw. unzutreffend interpretiert. Besonders auch aus kulturanthropologischer und – psychologischer Sicht wird die Universalitätsannahme infrage gestellt, sowie die kulturelle Blindheit der Kernnahmen moniert. In diesem Beitrag werden die bindungstheoretischen Annahmen einer kritischen Analyse unterzogen. Anhand von Falldarstellungen wird die Problematik einer bindungstheoretisch begründeten Vorgehensweise und Entscheidungsfindung erläutert.