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Sitzungsübersicht
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 12
963 6729 1452, jzYkc9
Datum: Montag, 14.03.2022
11:30 - 13:00Poster-Cluster: Sozialisation und Bildungsverläufe unter dem Aspekt von Entgrenzung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 12
Chair der Sitzung: Dr. Lars Heinemann, Uni Bremen

In diesem Cluster werden acht Poster vorgestellt, die alle deutschsprachig sind.

 

Soziale Identifikation und Studienabbruchsintention von Bildungsaufsteiger*innen mit und ohne Migrationshintergrund

Inka Achtelik

Universität Duisburg-Essen, Deutschland

Im Fokus der bisherigen Ursachenforschung des Studienmisserfolgs von Bildungsaufsteiger*innen stehen klassischerweise Passungsproblematiken zwischen milieuspezifischen Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata (Bourdieu, 1988). Diese werden überwiegend in Form qualitativer Studiendesigns bearbeitet. Vor dem Hintergrund des Bedarfs von neuen theoretischen sowie methodischen Zugängen wird im vorliegenden Beitrag auf Basis der Selbstkategorisierungstheorie (Tajfel & Turner, 1986; Mikrotheorie der Theorie der sozialen Identität, Tajfel, 1978; Tajfel & Turner, 1979) die Frage beantwortet, wie Passungsproblematiken in Form von sozialer Identifikation (mit der Gruppe der Akademiker*innen) mit der Studienabbruchsintention von Studierendenden nichtakademischer Bildungsherkunft in Zusammenhang stehen. Neben differentiellen Effekten in Bezug auf die ethnische Herkunft der Studierenden wird auch das Zusammenwirken mit sozialer, akademischer und organisationaler Integration näher betrachtet. Die Datenbasis bildet eine standardisierte schriftliche Befragung von Studierenden der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Duisburg-Essen (N = 262), welche im Rahmen eines Dissertationsprojekts im Jahr 2019 durchgeführt wurde. Regressionsanalysen verweisen auf einen signifikanten negativen Zusammenhang zwischen dem Migrationshintergrund und der sozialen Identifikation der Studierenden (OR = .019 (95% CI: -6.565, -1.402). Es zeigten sich weitere bedeutsame Zusammenhänge in Bezug auf studentische Passungsproblematiken, die im Rahmen der Posterpräsentation vorgestellt werden.



Bedeutungen von Musik für Identitätsentwicklungen - Ergebnisse biografieanalytischer Betrachtungen aus musikpädagogischen und interdisziplinären Perspektiven

Dr. Sabine Schneider-Binkl

Staatliche Hochschule für Musik Trossingen, Deutschland

Im Leben eines jeden Menschen ist Musik von Bedeutung und kann dabei individuell unterschiedliche Stellenwerte und Funktionen einnehmen. Die Bedeutung von Musik für Identitätsentwicklungen wurde von Hargreaves et al. (2017, S. 4–5) ausgehend von einem weiten Verständnis der Einbindung musikbezogener Identitäten in universelle, soziale Kontexte dargestellt. Das erkannte Potential jeglicher Formen der Auseinandersetzung mit Musik als ein „Identity Project“ (Hargreaves, MacDonald & Miell 2017) verdeutlicht die Relevanz von Musik für die Identitätsentwicklung und eröffnet interdisziplinäre Perspektiven.

Das Forschungsprojekt möchte über die Erschließung der Bedeutung von Musik für Identitätsentwicklungen aus einer musikpädagogischen sowie interdisziplinären Perspektive Anknüpfungspunkte und Vorschläge für musikpädagogische Arbeit sowie für einen erweiterten Blick auf Bildungsarbeit in einem interdisziplinären Verständnis eröffnen.

Die Frage nach der eigenen Identität und die damit verbundene Identitätsarbeit erfahren vor dem Hintergrund der aktuellen Lebensbedingungen einer sich durch Individualisierung, Pluralisierung und Globalisierung verändernden Welt und der Auflösung verpflichtender Lebensformen innerhalb unserer Gesellschaft besondere Bedeutung (Keupp 2014, Schäfers & Scherr 2005). Die Beschäftigung mit der eigenen Persönlichkeit und den Anforderungen des sozialen Umfelds sowie die Gestaltung von gewünschten Lebenswelten haben insbesondere in der Phase der Adoleszenz einen hohen Stellenwert (Oerter & Dreher 2008). Im deutschsprachigen Diskurs der Musikpädagogik erfolgte die Auseinandersetzung mit Identität bislang schwerpunktmäßig auf theoretischer Ebene (Hammel 2013, Kaiser 2008).

Vor dem Hintergrund einer reflexiven Verortung des Menschen in Selbst- und Weltreferenz spielt aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive der biografische Prozess der Entwicklung einer Haltung zu sich selbst und zum Umfeld eine wichtige Rolle (Ecarius 2006; Marotzki 2006). Das entwickelte Forschungskonzept verbindet biografieanalytische Betrachtungen in einem Mixed-Methods-Design mit einer längsschnittlichen Untersuchung von Entwicklungsverläufen bei Studierenden vor und nach den ersten Semestern ihres Studiums.

Der Posterbeitrag möchte die Ergebnisse der Analyse von neun biografischen Interviews vorstellen.



Transformierte Männlichkeit(en) - Alternative Männlichkeitsvorstellungen und Entwürfe im Spiegel von Erziehung und Bildung

Johanna Pangritz

FernUniversität in Hagen, Deutschland

Mit der politischen Forderung bzw. dem Ruf nach mehr männlichen Fachkräften in Erziehungs- und Bildungseinrichtungen wurde und wird von Teilen der Erziehungswissenschaft und Geschlechterforschung die Hoffnung verbunden, dass die Stärkung von Männern im Bereich der öffentlichen Care-Arbeit auch zu einer Ausdifferenzierung von Männlichkeitsbildern beiträgt, indem Pädagogen alternative Männlichkeitsentwürfe vorleben, die mit Fürsorge und Lernen verbunden sind (vgl. Cremers & Krabel 2016). Vor allem in Bezug auf Jungen wird darin die Chance gesehen, dass die (alternativen) Männlichkeitsvorbilder einen positiven Effekt auf ihre derzeitigen Bildungsmisserfolge haben (für einen Überblick Hurrelmann & Schultz 2012; kritisch dazu Rose & May 2014). Das impliziert die Annahme, dass durch Bildungsprozesse in pädagogischen Kontexten eine Transformation und somit Entgrenzungen von Männlichkeitsvorstellungen und Entwürfen initiiert werden kann. Bisher wird diese These jedoch hauptsächlich versucht theoretisch zu begründen und weniger empirisch verfolgt.

Das geplante Projekt, welches über ein Poster vorgestellt und diskutiert werden soll, setzt an dieser Stelle an und wirft die Frage auf, wie durch Bildungsprozesse eine Transformation von Männlichkeit(en) angeregt werden kann und welche Faktoren und Einflüsse dabei eine Rolle spielen. Dafür soll eine zeitdiagnostische Analyse von Männlichkeitsentwürfen bei Jugendlichen durchgeführt werden und mit dem Fokus auf alternative Männlichkeitsentwürfe, die zur Demokratisierung des Geschlechterverhältnisses beitragen können, herausgearbeitet werden, ob und wie sie durch (institutionelle) Erziehungs- und Bildungsprozesse angestoßen werden konnten. Das Projekt befindet sich in der Konzeptionsphase, weshalb die grundlegende Fragestellung und das angedachte Vorgehen vorgestellt werden sollen.



Ent/gren/zungen im Bereich der Lehrer*innen-Schüler*innenbeziehung während dem Distance Learning an österreichischen Schulen

Prof. Dr. Agnes Turner, Tamina-Melanie Scherde

Universität Klagenfurt, Österreich

Die COVID-19 Pandemie hat den Schulalltag schlagartig verändert und war für die meisten Schüler*innen und Lehrer*innen durch Fernunterricht geprägt. Aufgrund der fortgeschrittenen Digitalisierung unserer Gesellschaft konnte ein rascher Wechsel erfolgen. Dennoch waren jene Zeiten durch Herausforderungen, Unsicherheiten sowie physische Distanz für Lehrer*innen und Schüler*innen gekennzeichnet. Eine emotional positive Lehr-Lernbeziehung ist ein wesentlicher Prädiktor für gelingendes Lernen. Die emotionale Komponente scheint deshalb auch im Fernunterricht eine besondere Rolle zu spielen. Wie gut dies gelingen kann, wenn physische Distanz gegeben ist und die Kommunikation ausschließlich über digitale Medien zustande kommen kann, soll in diesem Beitrag mittels einer Interviewstudie mit Pflichtschullehrer*innen diskutiert werden. Mit Blick auf die unterrichtliche Interaktion im Bereich der digitalen Medien konzentrierten sich neuere Studien oftmals auf den Umgang mit (Lern-)Programmen. Hier, in dieser Studie, konzentrieren wir uns auf die Veränderungen, Herausforderungen und Erkenntnisse für die Bildungsbeziehung durch Fernunterricht.

Daher wird der Frage nachgegangen, inwiefern Lehrkräfte in Zeiten des Corona bedingten Fernunterrichts mit ihren Schüler*innen in (emotionalen) Kontakt bleiben konnten und die Grenze der physischen Distanz überwunden werden konnte. Diese Forschungsfrage möchten wir vor dem Hintergrund des Schön-Konzepts des „Reflective Practitioner“ (1983) und dem Kontext emotionaler Nähe und Distanz (Dörr & Müller, 2007) diskutieren. Eine der Hypothesen des Forschungsteams war, dass durch die Distanz im Fernunterricht das Verhältnis von Schüler*innen und Lehrer*innen schwächer wurde.

Im Rahmen des Forschungsprojekts Digi4Learners (Turner & Scherde 2021) wurden 20 qualitative Interviews mit Pflichtschullehrer*innen, die Schüler*innen im Alter von 10 bis 14 in Österreich unterrichten, zur Lehr-Lernbeziehung im Fernunterricht durchgeführt. Die qualitativen Leitfadeninterviews wurden mittels qualitativer Inhaltsanalyse nach Mayring (2014) ausgewertet.

In diesem Beitrag werden Ergebnisse der Interviewstudie, sowie Chancen, Hürden und Learnings für den digitalisierten Unterricht dargestellt. Vor dem theoretischen Hintergrund und mit Blick auf das empirische Material ist die Bedeutung der beruflichen Reflexion im Umgang mit den Herausforderungen und Veränderungen in der Lehrer*innen-Schüler*innen-Beziehung in der aktuellen Covid-19-Situation zu betonen.



'Und wie hast du’s mit der Demokratie?' Subjektive Theorien von Lehrkräften über Demokratie und Demokratie-Erziehung

Peter Große Prues

Universität Osnabrück, Deutschland

Demokratie-Erziehung gilt als eine Querschnittsaufgabe aller Schulfächer und aller Lehrkräfte (KMK 2018) und ist im aktuellen Kontext der „angegriffenen Demokratie“ (Förster/Beutel/Fauser 2019) eine verstärkt diskutierte professionelle Herausforderung. Während das Verhältnis von Demokratie, Schule und Erziehung einen (bildungs-)theoretischen ‚Dauerbrenner‘ darstellt und gegenwärtig politisch mit Schulerlassen – etwa in Niedersachsen - forciert wird, bestehen aus Perspektive der empirischen (Professions-)Forschung noch einige ungeklärte Fragen: Wie nehmen Lehrkräfte die Aufgabe Demokratie-Erziehung eigentlich wahr? Als eine spezifische Aufgabe der Fachgruppe der Politischen Bildung oder als fächerübergreifenden Auftrag? Welche Rolle spielt Demokratie und Demokratie-Erziehung für das professionelles Handeln und das berufliche Selbstbild? Während international einige Studien zu teacher beliefs vorliegen, sind die Vorstellungen deutscher Lehrkräfte – insbesondere in fächerübergreifender Perspektive - bisher kaum beforscht worden.

In meinem Poster möchte ich deshalb die abschließenden Ergebnisse meiner qualitativen Studie zu den Subjektiven Theorien (Groeben/Scheele 2020) von 14 Lehrkräften verschiedener Fächer und Schulformen über Demokratie und Demokratie-Erziehung darstellen. Die aus individuellen Struktur-Lege-Bildern rekonstruierten Subjektiven Theorien bieten jeweils einen tiefgehenden Einblick in subjektive Sinn- und Deutungsstrukturen. Ihr Vergleich untereinander offenbart darüber hinaus verschiedenste Ausprägungsmuster in insgesamt sieben für die Lehrkräfte induktiv relevanten Themenbereichen. Unter anderem zeigt sich etwa, dass die Lehrkräfte den sozialen Ausgangsbedingungen aufseiten der Kinder und Jugendlichen große Bedeutung für die methodische Ausrichtung und den antizipierten Erfolg von Demokratie-Erziehung zusprechen. Im Poster wird das Design meiner Studie, vor allem aber deren Ergebnisse präsentiert und im Hinblick auf Implikation für die Profession(-alisierung) von Lehrkräften kritisch diskutiert. So lässt sich auf Grundlage der Studienergebnisse die Forderung des 20. Kinder- und Jugendberichts empirisch untermauern, dass „keine angehende Lehrperson die Hochschule verlassen [darf], ohne auf diese Aufgabe vorbereitet zu sein“ (BMFSJF 2020, 236).



„Ich bin zum Beispiel nicht mehr 19“ – Zum Distinktionscharakter der Schüler*inrolle im Erwachsenenalter

Edwina Albrecht

Leibniz Universität Hannover, Institut für Erziehungswissenschaft

Schüler*innen des institutionalisierten Zweiten Bildungswegs (ZBW) – in Form von Abendgymnasien – sind „einem atypischen, regressiven Rollenwechsel ausgesetzt“ (Albrecht-Heide, 1974, 54), welcher sich entlang des Lebensalltags veranschaulichen lässt. So wird die Berufstätigkeit während des Schulbesuchs im ZBW – bis auf die letzten drei Halbjahre – vorausgesetzt (KMK, 2018). Obwohl sich das Erwachsensein mit der Zeit auch im Sprechen über den ZBW etablierte („Studierende“, „Schulen für Erwachsene“, etc.) (vgl. Bellenberg et al., 2019), kann es für Schüler*innen des ZBW durch das Einnehmen der Schüler*inposition im Wechsel mit der Berufstätigkeit und dem alltäglichen Familienleben zum Rollenkonflikt kommen (vgl. Jüttemann, 1991), was auf eine Entgrenzung bzgl. potentieller Altersnormen (vgl. Neugarten et al., 1978) hinweist. Indes ist die bildungsbiografische Verbindung zum ersten Bildungsweg im Kinder- und Jugendalter, welche durch die Nachholbewegung im ZBW in Erscheinung tritt, naheliegend und scheint regressionsverstärkend, was dem Zurückfallen in juvenile Verhaltensmuster gleichzusetzen wäre.

Der Beitrag fokussiert Schüler*innen an Abendgymnasien, welche zwischen Berufsrolle und Schüler*instatus changieren und deren früheren Schulerlebnisse länger zurückliegen. Da innerhalb der Schulklassen das Altersspektrum von 19 Jahre bis hin zum Rentenalter reicht, die Adressierung als Schüler*in davon aber unangetastet bleibt, soll der Frage nachgegangen werden, wie sich die Schüler*innen in der Mitte (ab 30 Jahre) rollenspezifisch verorten und wie diese Positionierung sinnstrukturell expliziert werden kann.

Es wurden fünf narrativ-bildungsbiografische Interviews mit Schüler*innen (30-40 Jahre) an Abendgymnasien in Deutschland geführt. Das Datenmaterial legt hinsichtlich der subjektiven Ausdeutung der Rolle eine Fokussierung auf zwei Bereiche nahe: 1. Die Stellung innerhalb der Klasse, sowie 2. Die Differenzsuche zum ersten Bildungsweg. Diese zwei groben Kategorien dienen als Rahmung der Interviewsequenzen, welche objektiv-hermeneutisch (Oevermann et al., 1980; Wernet, 2009) rekonstruiert werden sollen. Einer anhaltenden Altersdistinktion, welche sich auf manifester Ebene durchsetzt, ist der individuelle Niederschlag der Nachholfigur im ZBW entgegenzustellen. So scheint der Regressionsaspekt, welcher normativ an die Schüler*inrolle im ZBW herangetragen wird, sinnstrukturell inadäquat. Insgesamt bietet die Rolleneinnahme vornehmlich Distinktionspotential gegenüber anderen und kann stärker als Reminiszenz an die Erfahrungen im ersten Bildungsweg verstanden werden. Dieses Wiedererinnern bietet Anknüpfungspunkte zur Bearbeitung der eigenen Bildungserfahrungen, welche ohne den Begriff der Regression auskäme.



Begabung und Leistung zwischen hierarchisierenden Differenzkonstruktionen und Normalisierungspraktiken von Eltern

Anna Schwermann

Universität Paderborn, Deutschland

Theoretische Bezüge und Forschungsinteresse

Das Promotionsvorhaben fragt nach den Orientierungen von Eltern zu Begabung und Leistung, da diese im Diskurs um eine inklusive Begabungs- und Leistungsförderung (vgl. Seitz et al. 2016) bislang nur wenig Berücksichtigung gefunden haben, obgleich der Passung (vgl. Bourdieu 1979) zwischen dem primären, familiären Habitus einerseits und dem sekundären Schüler*innenhabitus andererseits eine entscheidende Rolle für den Bildungsverlauf von Kindern und Jugendlichen beigemessen wird (vgl. Helsper et al. 2014). Ziel ist es, die Perspektiven von Eltern sichtbarzumachen und hieraus folgend gemeinsam getragene Anerkennungskulturen zu entwickeln (vgl. Kaiser et al. 2020), die Perspektiven auf eine diversitätssensible Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus eröffnen.

Durch das Promotionsvorhaben wird die Beantwortung folgender Forschungsfragen angestrebt:

  1. Welche handlungsleitenden Orientierungen zeigen Eltern in Bezug auf Begabung und Leistung?
  2. Inwiefern werden Differenzierungs- und Normalisierungspraktiken gezeigt?
  3. Wie können die rekonstruierten Orientierungen und Praktiken in einer leistungsfördernden Schulkultur kommuniziert werden?
  4. Welche Implikationen lassen sich aus den Befunden für die Fort- und Weiterbildung von Lehrkräften ableiten?

Das Promotionsvorhaben ist an das Projekt „Leistung macht Schule“ (LemaS) angebunden, in dem durch den Standort Paderborn ein kasuistisches Format zur Schulentwicklungsberatung entwickelt wird, das insbesondere mit der dritten und vierten Forschungsfrage verknüpft ist.

Anlage der Studie

Die Studie ist in der qualitativ-rekonstruktiven Sozialforschung verortet und steht in der methodologischen Tradition der Praxeologischen Wissenssoziologie (vgl. Bohnsack 2017). Vor diesem Hintergrund wurden im vergangenen Jahr 2020 zwanzig biographisch-narrative Einzelinterviews (vgl. Nohl 2019) mit Eltern geführt. Hierbei handelt es sich um Eltern, deren Kinder Primar- oder Sekundarschulen besuchen, die am Projekt „Leistung macht Schule“ teilnehmen. Die Interviews wurden mit der Dokumentarischen Methode (vgl. Bohnsack 2017; Nohl 2017) ausgewertet, bis eine theoretische Sättigung der Ergebnisse erreicht worden ist. Bei der Auswertung bildet ein Einzelinterview einen zu analysierenden Fall.

Vorläufige Befunde

Die bisherige Interpretation verweist auf zehn Kernfälle, die in einer Typologie handlungsleitender Orientierungen von Eltern zu Begabung und Leistung aufgehen, und die sich entlang von drei vorläufigen Typen aufgliedern. In der Typologie variieren die rekonstruierten Orientierungen auf einem Spektrum zwischen Differenzierungs- und Normalisierungspraktiken im Umgang mit Begabung und Leistung und zeigen darüber hinaus, wie diese durch den vorangestellten Differenzmarker „Geschlecht“ beeinflusst werden.



Orientierungen Jugendlicher aus Armutsverhältnissen auf politische Partizipation und ihre Bedeutung für demokratiepädagogische Arbeit

Oscar Yendell

Universität Mannheim, Deutschland

Studien zeigen, dass Jugendliche aus Armutsverhältnissen seltener an institutionalisierten politischen Prozessen partizipieren. Dem begegnend werden oftmals Hoffnungen an politische Bildungsformate formuliert, die Partizipationsinteresse und relevante Kompetenzen ausbilden sollen. Selten werden dabei die subjektiven Orientierungen der Bildungsadressierten einbezogen. Diesem Desiderat wurde im Rahmen einer Forschungsarbeit begegnet, in welcher vier Jugendliche aus Armutsverhältnissen ihre Orientierungen auf Politik in qualitativen Interviews beschreiben konnten. Dabei bezogen sie sich auch auf Freizeitstätten, Schulen, Peergroups und ihre Familien als politische Sozialisationsinstanzen.

Die Jugendlichen beschreiben Freizeitstätten, entgegen der Schule, zwar als Räume demokratischer Erfahrungen, politische Partizipation verstehen sie jedoch als eine Praxis, die in begrenzten und politisch-etablierten Strukturen stattfindet. Dieses Verständnis basiert auf einer institutionsfixierten Vorstellung von Politik, welche sie in Freizeitstätten und Schule vermittelt bekommen und wodurch auch die Praxen der Jugendlichen innerhalb ihrer Peergroups und Familien entpolitisiert werden. Trotz ihres demokratischen Engagements, mit dem sie auf gesellschaftliche Zustände reagieren, verstehen sich die Jugendlichen daher als unpolitisch, sofern sie keinen Zugriff auf etablierte politische Institutionen haben. Gleichzeitig wird den Jugendlichen in Schule und Freizeitstätten vermittelt, dass für den Eintritt in diese begrenzten politischen Prozesse, Fachwissen und soziale Kontakte vorausgesetzt werden. Unter Bezugnahme auf Pierre Bourdieu und Helmut Bremer lassen sich so Selbstausschlüsse der Jugendlichen rekonstruieren, die als Folge erlebter Delegitimierungen der eigenen Praxen zu verstehen sind. Diese Delegitimierungen verweisen nicht direkt auf die ökonomische Armut, sondern vielmehr auf fehlende soziale und kulturelle Kapitalformen, welche jedoch in einem stetigen Austausch mit dem ökonomischen Kapital stehen. Schlussendlich wird so der armutsbedingte Fremdausschluss verschleiert.

Diese Erkenntnisse speisen zudem den Diskurs zwischen einer fachlich politischen Bildung und der Demokratiepädagogik, die auf John Dewey zurückgeht. Sie offenbaren den Bedarf nach einer demokratiepädagogischen Arbeit, die keine Grenze zwischen demokratischem und politischem Engagement konstruiert, sondern das bestehende Engagement der Jugendlichen mit einbezieht, sie dadurch als politisch handelnde Subjekte versteht und einen legitimierenden Charakter aufweist. Dazu gehört, vermeintlich unpolitische Freizeitstätten und Schulen als politische Orte zu verstehen. Zugleich zeigt sich für die demokratiepädagogische Arbeit der Bedarf nach einer immanenten Machtkritik, die bestehende Grenzen der Teilhabe an institutionalisierten Strukturen thematisiert und die dort mangelnde Teilhabe der Jugendlichen nicht individualisiert, sondern den Grenzziehungen dieser Strukturen zuschreibt.

 
14:00 - 16:30Die Überwindung von institutionellen Grenzen in der Grundbildung und Alphabetisierung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 12
 

Chair(s): Dr. Julia Koller (Universität zu Köln, Deutschland), Dr. Ewelina Mania (Deutsches Institut für Erwachsenenbildung)

Diskutant*innen: Dr. Lisanne Heilmann (Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr)

Im Feld der Grundbildung und Alphabetisierung konnten in den letzten Jahren durch diverse Förderinitiativen sowohl wissenschaftliche Erkenntnisse als auch konkrete Angebote, Maßnahmen, Kooperationen und Initiativen angestoßen werden. In dem Bestreben eine breite Zielgruppe zu erreichen, werden neue Formate entwickelt, vielfältige Lernorte etabliert, neue Kooperationen angestrebt, politische Steuerungsformen verändert und Förderungen angepasst. Im Rahmen des Symposiums werden vielfältige Tendenzen in der Grundbildung und Alphabetisierung betrachtet, die allesamt die Öffnung und Erweiterung institutioneller Grenzen betreffen. So sind die traditionellen Institutionen der Erwachsenenbildung dazu aufgefordert, ihre Angebote, Kooperationen, Finanzierungen und Zielgruppen im Hinblick auf organisationale Fragen, weitere Bildungsinstitutionen, Kontexte zu entgrenzen. Die Vorträge nehmen diese Aspekte im Feld über unterschiedliche Gegenstandsbereiche in den Blick.

 

Beiträge des Panels

 

Innovationen in der Grundbildung und Alphabetisierung

Dr. Julia Koller
Universität zu Köln

In gewisser Weise ist die Auseinandersetzung mit dem Neuen in der erwachsenenpädagogischen Bildungsarbeit eingeschrieben. Die Thematisierung zeigt sich auf den verschiedenen Handlungsebenen des Weiterbildungssystems. Dabei geht es um Veränderungen der Steuerung im Bildungssystem, die Entwicklung, den Wandel und das Lernen von Organisationen sowie um neue Methoden der Bildungsarbeit. Dies betrifft insbesondere das Feld der Alphabetisierung, das sich zuletzt durch einen bildungspolitischen Fokus stark entwickelte. Ein Schlüsselbegriff in der Debatte um Wandel ist der Begriff der Innovation. Als vielfach unbestrittener Zielbegriff, ist ihm eine Bearbeitung von Grenzen diverser Art eingeschrieben: als paradoxer Grenze zwischen alt und neu, innen und außen und einem schöpferischen Akt der Überwindung derselben (vgl Briken 2019). Die Klärung des Begriffs "Innovation" ist im Hinblick auf eine differenzierte Wissenschaftssprache und die gezielte Kommunikation in Politik und Praxis ungeklärt. Entsprechend fokussiert der Vortrag aus der Perspektive einer sozialwissenschaftlichen reflexiven Innovationsforschung und empirisch durch zwei umfassende Dokumentenanalysen den Innovationsbegriff und der in ihm eingeschriebene Umgang mit Grenzen in der Grundbildung und Alphabetisierung.

 

Intraorganisationale Kooperationen in der Alphabetisierung und Grundbildung

Dr. Ewelina Mania1, Farina Wagner1, Prof. Dr. Hannes Schröter2
1Deutsches Institut für Erwachsenenbildung, 2Deutsches Institut für Erwachsenenbildung und FernUniversität Hagen

Die Entwicklung von passgenauen und wirksamen Angeboten wird im Bereich Grundbildung und Alphabetisierung seit vielen Jahren als Herausforderung diskutiert (Löffler & Korfkamp, 2016; Rosenbladt & Lehmann, 2013). Es stellt sich die Frage, wie eine bedarfsorientierte und lernförderliche Organisations-, Programm- und Lernangebotsentwicklung im Grundbildungs- und Alphabetisierungsbereich vor dem Hintergrund der unterschiedlichen organisationalen Handlungsebenen angelegt werden kann. Auf der Ebene des Einrichtungsmanagements, der Ebene der Programmentwicklung und Angebotsplanung sowie der Ebene des Kursgeschehens bzw. der Lehr-Lern-Interaktion in den Weiterbildungsorganisationen zeigen sich jeweils eigenständige Steuerungs- und Gestaltungslogiken. Um jedoch pädagogische Professionalität, Qualität und Leistungserbringung herstellen und sichern zu können, bedarf es einer systematischen Verzahnung dieser Ebenen an entsprechenden Scharnier- und Schnittstellen (Goeze & Stodolka, 2019).

Im Rahmen dieses Vortrags werden die Anforderungen an ein Beratungs- und Qualifizierungskonzept vorgestellt, das diese Schnittstellen und "Position[en] des Dazwischen" (Seitter, 2013, S. 45) zum Gegenstand macht und das Intermediäre (Jenner, 2018) und Vermittelnde herausstellt. Im Sinne der Freisetzung von Innovationspotenzialen geht es um das Spannungsfeld zwischen begrenzenden Logiken der einzelnen Handlungsebenen und entgrenzenden intraorganisationalen Kooperationsanforderungen.

 

Zwischen Verbleib und Abbruch in der Alphabetisierung und Grundbildung

Jana Arbeiter1, Marie Bickert2, Lena Sindermann1, Dr. Veronika Thalhammer2
1Universität zu Köln, 2Ludwig-Maximilians-Universität München

Die Entwicklung der Erwachsenenbildung ist geprägt von vielfältigen Entgrenzungstendenzen (u. a. institutionelle, normative, didaktische Entgrenzung) (Arnold, 2011). Plurale Kursformate sind v.a. durch den Zuwachs von nonformalen und informellen Lehr-Lernstrukturen Ausdruck von Entgrenzung des Lernens Erwachsener (Hof, 2005). Zugunsten von Teilhabemöglichkeiten setzen sich auch in der Alphabetisierung und Grundbildung Veranstaltungsformate mit kursähnlichen oder "semi-institutionellen" Strukturen in eher informellen Orten der Begegnung durch (z. B. Lesecafés, Nähtreffs) (Kulmus, 2018; Rohling & Wolk-Pöhlmann, 2014). Dies nimmt Einfluss auf den Verbleib und Abbruch (Drop-out) seitens der Teilnehmenden.

Im Vortrag wird die Frage nach der Bedeutung von Drop-out in Alphabetisierungs- und Grundbildungsangeboten diskutiert, anhand der Ergebnisse von zwei Teilstudien aus dem Projekt „Dropout in der Alphabetisierung und Grundbildung“. Die 1. Teilstudie widmet sich dem theoretischen Diskurs von Drop-out in der Erwachsenenbildung bzw. in der Alphabetisierung und Grundbildung, basierend auf einem narrativen Review von insg. 62 wissenschaftlichen Beiträgen. Die 2. Teilstudie erarbeitet die Bedeutung von Drop-out in der Alphabetisierung und Grundbildung aus der Anbieterperspektive, basierend auf 9 Expert:inneninterviews (u. a. Fachbereichsleiter:innen). Die Ergebnisse verweisen auf Grenzen des erwachsenenpädagogischen Begriffsverständnisses von Drop-out in entgrenzten Angebotsformaten.

 

Datum: Dienstag, 15.03.2022
9:00 - 11:30Soziale Arbeit und Sonderpädagogik im Verhältnis: Grenzen, Abgrenzungen, Entgrenzungen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 12
 

Chair(s): Prof. Dr. Emanuela Chiapparini (Berner Fachhochschule, Schweiz), Dr. Benedikt Hopmann (Universität Siegen, Deutschland), Prof. Dr. Nadia Kutscher (Universität zu Köln, Deutschland), Mariam Mazmanyan (Berner Fachhochschule, Schweiz), Dr. Nina Thieme (Universität Bielefeld, Deutschland)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Nadia Kutscher (Universität zu Köln, Deutschland)

Die Debatte um Inklusion wird in vielen pädagogischen Teildisziplinen und Feldern geführt. Wenige weisen so enge zielgruppenbezogene und institutionelle Überschneidungen auf wie die Sonderpädagogik und die Sozialpädagogik.
Die Bearbeitung sozialer Ungleichheiten, Fragen von und Widersprüche kompensatorischer Förderung und subjektbezogener Offenheit von Bildungsprozessen, die Relationen von Methoden und Zielen und die Balance von Subjekt und Gesellschaft in der Ausgestaltung institutioneller Arrangements und professioneller Interventionen fordern beide Felder heraus.
Während viele konkrete Berührungspunkte im Alltag zwischen den Akteur*innen zu finden sind, ist die Frage von Grenzen, Abgrenzungen, Entgrenzungen zwischen sozialpädagogischen und sonderpädagogischen Zugängen weitgehend ungeklärt. Vor diesem Hintergrund befasst sich das Symposium auf der Basis theoretischer und empirischer Forschung mit dem Verhältnis von Sozial- und Sonderpädagogik auf der Ebene professionellen Handelns.

 

Beiträge des Panels

 

Inklusion und Kooperation zwischen Ent- und Begrenzung: Herausforderungen für Soziale Arbeit und Sonderpädagogik

Dr. Benedikt Hopmann
Universität Siegen, Deutschland

Im Mittelpunkt von Inklusion steht zumeist die inklusive Ganztagsschule, im Zuge derer Kooperationen einen zentralen Stellenwert einnehmen. Zudem soll Inklusion innerhalb der Kinder- und Jugendhilfe verankert werden. Dieser Anspruch einer inklusions- und kooperationsbezogenen Entgrenzung ist zugleich durch Begrenzungen gekennzeichnet, womit mindestens folgende Fragen virulent werden:

  • Professionstheoretische Fragen: Im Zuge der Etablierung multiprofessioneller Settings werden professionelle Verortungen von Sozialer Arbeit und Sonderpädagogik zunehmend fragil und diffus.
  • Normative Fragen: Wirkungs- und Adressat*innenfragen von Kooperation (Ziegler 2017) sowie „Ziele und Zwecke“ (Dederich 2020, 534) von Inklusion bleiben unterbestimmt.
  • Disziplinäre Fragen: Angesichts sich zunehmend überschneidender Gegenstandsbereiche und Fragestellungen bedarf das disziplinäre Verhältnis von Sozialer Arbeit und Sonderpädagogik einer theoretischen Vergewisserung.

Es sollen den hier knapp skizzierten Fragen nachgespürt und Konsequenzen für Soziale Arbeit und Sonderpädagogik formuliert werden.
Literatur

  • Dederich, M. (2020). Inklusion. In G. Weiß & J. Zirfas (Hrsg.), Handbuch Bildungs- und Erziehungsphilosophie (S. 527-536). Wiesbaden: Springer VS.
  • Ziegler, H. (2017). Ressortübergreifende Kooperation. In N. Thieme & M. Silkenbeumer (Hrsg.), Die herausgeforderte Profession – Soziale Arbeit in multiprofessionellen Handlungskontexten (Vol. Sonderheft 14, S. 24-34). Lahnstein: Verlag neue praxis.
 

Expertise beyond teaching? Insides of the Interdisciplinary cooperation in the context of inclusive education in Canton of Bern

Mariam Mazmanyan, Prof. Dr. Emanuela Chiapparini
Berner Fachhochschule, Schweiz

In Canton of Bern reforms are aimed at ensuring quality access to education through offering different models of “integrative education” and all-day schooling opportunities. However, studies in this field have revealed that not all stakeholders have a positive attitude towards the reform and the cooperation among the members of interdisciplinary teams remains challenging (Pfister, Sricker & Jutzi 2015; Chiapparini et. al. 2018). The current study attempts to shed the light on the peculiarities of interdisciplinary cooperation in the context of inclusive education while answering the question: what is the perspective of the teachers, social workers and special pedagogues on the challenges and opportunities of the interdisciplinary cooperation in the context of inclusive education in Canton of Bern? The data will be gathered through focus group discussions with specialist representing the following main models of inclusive education: integrative, partially integrative and separative.

Publication bibliography

  • Pfister, M.; Stricker, C. & Jutzi, M. (2015). Evaluation der Umsetzung von Artikel 17 des Volksschulgesetzes: Porträts und Erfahrungen von elf Schulstandorten im Kanton Bern. Bern: Erziehungsdirektion des Kantons Bern.
  • Chiapparini, E.; Stohler, R. & Bussmann, Esther (Hrsg.) (2018), Soziale Arbeit im Kontext Schule. Aktuelle Entwicklungen in Praxis und Forschung in der Schweiz. Opladen: Budrich.
 

Theoretische und empirische Perspektiven auf Grenzarbeit sozial- und sonderpädagogischer Professioneller in berufsgruppenübergreifenden Kooperationen

Dr. Nina Thieme
Universität Bielefeld, Deutschland

Der Ausbau von Ganztagsschulen und die inklusive Gestaltung des Bildungssystems haben zu einer zunehmenden Kooperation pädagogischer Berufsgruppen im schulischen Kontext geführt.
Im Gegensatz zur „tradierten Situation, in der die Differenzierung der Zuständigkeiten über die Aufteilung der pädagogischen Berufe auf unterschiedliche Handlungsfelder ‚von außen‘ geregelt war“ (Kunze/Reinisch 2019, S. 54), stellt sich in der inklusionsorientierten Ganztagsschule das Erfordernis einer Aushandlung von Zuständigkeiten.
Fokussiert auf die Kooperation sozial- und sonderpädagogischer Fachkräfte wird auf der Basis einer sozialwissenschaftlich-hermeneutischen Rekonstruktion eines berufsgruppenübergreifenden Teamgesprächs die Grenzarbeit (vgl. Hall et al. 2010) der Akteur*innen in den Blick genommen.

Literatur

  • Hall, C.; Slembrouck, S.; Haigh, E. & Lee, A. (2010): The management of professional roles during boundary work in child welfare. International Journal of Social Welfare 19 (3), 348-357.
  • Kunze, K. & Reinisch, R. (2019). Kooperation – (Macht)Mittel oder Möglichkeit? In C. Baur, C. Krüger & F. Homuth (Hrsg.), Professionen in Schule – zwischen Kooperation und Konflikt. Dokumentation der Fachtagung vom 07. Juni 2018. Wolfenbüttel: Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaft – Hochschule Braunschweig/Wolfenbüttel, S. 52-63.
 
14:00 - 16:00Ent|grenz|ungen von Geschlecht – Inter*geschlechtlichkeit in Erziehungs- und Bildungskontexten
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 12
 

Chair(s): Prof. Dr. Melanie Groß (Fachhochschule Kiel, Deutschland)

Diskutant*innen: Anne Rimbach (Christian-Albrechts-Universität Kiel), Prof. Dr. Kathrin Schrader (Frankfurt University of Applied Science)

Immer sichtbarer werden Ent|grenz|ungen hegemonialer heteronormativ verfasster Zweigeschlechtlichkeit durch Artikulationen und Kämpfe von intergeschlechtlichen, transgeschlechtlichen und nicht-binär geschlechtlichen Menschen, deren Recht auf Anerkennung sich in der Gesetzesänderung im Personenstandsrecht im Jahre 2018 mit der Einführung von vier Optionen zum Geschlechtseintrag widerspiegelt. Trotz dieses Erfolgs im System des Rechts sowie der zunehmenden Sichtbarkeit von geschlechtlicher Vielfalt insgesamt werden Geschlechter in Erziehungs- und Bildungskontexten sowie in Bildungsinstitutionen nach wie vor durch Anrufungen, Repräsentationsweisen und Strukturen auf ein zweigeschlechtliches System begrenzt. Welche Subjektpositionierungen werden anerkannt, welche Subjektivierungsweisen erhalten das Recht der Selbstrepräsentation, auf welche Weise ermöglichen Bildungsinstitutionen welchen Subjekten das In-Erscheinung-Treten und welche emanzipatorischen Grenzüberschreitungen sind möglich?

 

Beiträge des Panels

 

Emanzipation von der medizinischen Deutungsmacht als Ent|Grenz|ung

Dr. Joris Atte Gregor
Universiät Jena

Bis heute werden die Körper intergeschlechtlicher Menschen in der medizinischen Praxis entlang der kulturellen Ordnung der Zweigeschlechtlichkeit zugerichtet. Kosmetische Operationen, Medikamentengaben, die dem diagnostizierten Geschlecht, oft aber nicht den körperlichen Bedürfnissen entsprechen, werden als Fremdbestimmung und Körperverletzungen erlebt. Die in Inter*-Selbsthilfekontexten selbstorganisierte medizinische Nachsorge solcher Zugriffe steht beispielhaft für die Emanzipation intergeschlechtlicher Menschen von der normativen medizinischen Kontrolle. Im Zuge einer Biographieforschung mit intergeschlechtlichen Menschen habe ich diesen Emanzipationsprozess in einem vierstufigen Modell systematisiert, das den Prozess der Wiederaneignung des zugerichteten Körpers, der Biographie und eine individuellen Geschlechtlichkeit nachzeichnet. Besondere Aufmerksamkeit erhält dabei die letzte Stufe, das Coming Clean, als Möglichkeitsraum der Heterotopie (Foucault).

 

Emanzipationsprozesse von Eltern intergeschlechtlicher Kinder

Anike Krämer
Universität Paderborn

Eine Diagnose aus dem Inter*-Spektrum ist für Eltern intergeschlechtlicher Kinder eine Zäsur. Aufgrund der hegemonialen Vorstellung einer zweigeschlechtlichen Ordnung können sie in der Regel nicht auf einen individuellen oder gesellschaftlichen Wissensvorrat zurückgreifen. Die Auseinandersetzung, die auf die dadurch ausgelöste Wirklichkeitskrise folgt, kann mit Hilfe des vierstufigen Modells von Emanzipationsprozessen (Gregor 2015) nachgezeichnet werden. Im Vortrag wird das Modell, welches insbesondere den Prozess der Emanzipation intergeschlechtlicher Menschen beschreibt, anhand von empirischen Daten von Eltern diskutiert. Dies kann im Sinne einer gegenstandsbezogenen Theorie die darin beschriebenen Kategorien erweitern und konkretisieren.

 

Bedeutung der Thematisierung von Inter* im Bildungskontext und warum die Kritik an medizinischen Eingriffen und Normierungen alleine nicht ausreicht

Mart Enzendorfer
Universität Wien

Ob und vor allem wie Intergeschlechtlichkeit in unterschiedlichen Bildungskontexten Berücksichtigung findet, hat einen wesentlichen Einfluss auf das Selbstverständnis intergeschlechtlicher Personen, aber auch auf die Reflexion geschlechtlicher Vielfalt für alle pädagogischen Adressat*innen. In Bildungskontexten wird nicht nur ein binäres Geschlechterverständnis abgebildet, sondern sie sind auch Konstrukteur*innen dieser Geschlechterverständnisse. Die immer lauter werdende Kritik an medizinischen Eingriffen und Normierungen ist berechtigt und notwendig, reicht aber nicht aus. Die Verantwortung liegt auch in der Bildung und der Vermittlung von bestimmten Geschlechterverständnissen. Anhand eines Einblicks in die rekonstruktive (Promotions-)Studie biografischer Erzählungen wird deutlich, wie medizinische und pädagogische Kontexte untrennbar miteinander verwoben sind.

 

Ent|grenz|ungen in Jugendarbeit und Schulsozialarbeit

Prof. Dr. Melanie Groß1, Prof. Dr. Andrea Nachtigall2
1FH Kiel, 2Alice-Salomon-Hochschule Berlin

Jugendarbeit und Schulsozialarbeit sind Bildungssettings, in denen gesellschaftliche Anforderungen der Normalisierung ausgehandelt werden und in denen Fachkräfte Jugendliche dabei unterstützen, trotz gesellschaftlicher Anforderungen handlungsfähig zu bleiben. Für die Frage nach Emanzipation von geschlechtlichen Begrenzungen könnten sie also soziale Räume der produktiven Entgrenzungen bieten, in denen jugendliches Aufwachsen in geschlechtlicher Vielfalt unterstützt und anerkannt wird. Es zeigt sich jedoch, dass die institutionellen Rahmungen einer Gestaltung von geschlechtlicher Vielfalt begrenzt sind und (hetero-)normative Begrenzungen fortschreiben – so lange, bis einzelne Fachkräfte diese Themen als zentral für Subjektivierungsweisen einordnen und zum Thema machen. Die notwendige systematische Auseinandersetzung mit Fragen geschlechtlicher Begrenzungen findet in der Regel weder auf der Ebene der Jugendforschung noch auf der Ebene der Institutionen statt.

 

Datum: Mittwoch, 16.03.2022
9:30 - 11:30Szenarien der Nachnutzung qualitativer Daten – methodisch-methodologische Implikationen, Möglichkeiten und Grenzbestimmungen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 12
 

Chair(s): Prof. Dr. Mirja Silkenbeumer (Goethe-Universität Frankfurt), Dr. Christoph Leser (Goethe-Universität Frankfurt), Tristan Bauder (Goethe-Universität Frankfurt), Sinje Brinkmann (Goethe-Universität Frankfurt), Karla Wazinski (Goethe-Universität Frankfurt), Saskia Terstegen (Goethe-Universität Frankfurt)

Im Dialog mit Erziehungswissenschaftler*innen, die jeweils unterschiedliche Perspektiven im Spektrum qualitativer Methoden und Methodologien verfolgen (strukturtheoretische, praktikentheoretische u. poststrukturalistische Zugänge), werden Überlegungen zu möglichen Nachnutzungsszenarien qualitativer Forschungsdaten vorgestellt. Ausgehend von aktuellen Forschungsarbeiten werden Überlegungen und Erkenntnisse zu einem an die eigene Forschung anschließenden Nachnutzungsszenario archivierter Forschungsdaten vorgestellt. Dies erfolgt ausgehend von einem archivierten Datensatz. Herausgearbeitet und diskutiert werden sollen ähnliche und differente Perspektiven zwischen unterschiedlichen erkenntnistheoretischen Positionen, methodologischen Perspektiven und methodischen Zugängen, die es ermöglichen, übergreifende Möglichkeiten und Herausforderungen in der Nachnutzung qualitativer Forschungsdaten auszuloten.

 

Beiträge des Panels

 

Nachnutzung qualitativer Forschungsdaten: Poststrukturalistische Methodologie und Diskursanalyse

Prof. Dr. Christine Thon
Europa-Universität Flensburg

Im Vortrag wird ein Nachnutzungsszenario qualitativer Forschungsdaten ausgehend von einem poststrukturalistischen und diskursanalytischen Bezugsrahmen vorgestellt.

 

Nachnutzung qualitativer Forschungsdaten: Praktikentheoretische und adressierungsanalytische Perspektivierungen

Prof. Dr. Anna Moldenhauer
Technische Universität Dresden

Im Vortrag wird ein Nachnutzungsszenario qualitativer Forschungsdaten ausgehend von praktikentheoretischen und adressierungsanalytischen Perspektivierungen vorgestellt.

 

Nachnutzung qualitativer Forschungsdaten: Objektive Hermeneutik und Strukturtheorie

Dr. Julia Labede
Leibniz Universität Hannover

Im Vortrag wird ein Nachnutzungsszenario qualitativer Forschungsdaten im methodologisch-methodischen Horizont der Objektiven Hermeneutik entfaltet.

 
14:00 - 16:00„Folgenforschung als Entgrenzung von Wirkungsperspektiven – methodologische Überlegungen und empirische Anschlüsse“
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 12
 

Chair(s): Prof. Dr. Bernd Dollinger (Universität Siegen), Dr. Hanna Weinbach (Universität Siegen), Dr. Jennifer Buchna (Universität Siegen), Selina Heppchen (Universität Siegen)

Die Arbeitsgruppe stellt Optionen zur Diskussion, wie Folgen sozialpädagogischer Maßnahmen erforscht werden können. Dies erfolgt in kritischer Absetzung von der etablierten Wirkungsforschung und ist ausgerichtet an den Adressat*innen der Maßnahmen beziehungsweise Hilfen. Anstelle eines spezifischen Forschungsdesigns als „Goldstandard“ der Forschung werden unterschiedliche Methodologien, Methoden und empirische Ergebnisse vorgestellt und diskutiert, um einer Begrenzung der aktuellen Wirkungsforschung und ihren meist impliziten Kausalitätsannahmen mit einem breiten Verständnis von Hilfen, ihren Beteiligten und den durch sie hervorgebrachten Folgen zu begegnen. Fokussiert wird auf das Erkenntnispotential und die jeweils besondere Art von Folgen, die mit den unterschiedlichen methodischen und methodologischen Herangehensweisen (nicht) sichtbar gemacht werden können.

 

Beiträge des Panels

 

Anmerkungen zu Kausalitätsannahmen von Folgenforschung

Prof. Dr. Bernd Dollinger
Universität Siegen

Der Vortrag vermittelt der Arbeitsgruppe einleitende Bezugspunkte, indem begründet wird, dass heterogene Forschungen notwendig sind, um zu verstehen, wie Folgen bzw. Wirkungen in sozial-/pädagogischen Kontexten hervorgebracht werden. Es werden hierzu in einem ersten Schritt zunächst allgemein verbreitete Optionen der Wirkungsforschung systematisiert, um deren jeweilige Erkenntnispotentiale, aber auch Einschränkungen zu markieren. Anstelle einer Benennung vermeintlich „besserer“ oder „schlechterer“ Forschungsdesigns erscheint es sinnvoll, durch die Forschung Aspekte hervorzuheben, die als charakteristisch für soziale Maßnahmen anzusehen sind. Dies wird, in einem weiteren Schritt, auf die Interaktionen bezogen, die von professionellen Akteur*innen und Adressat*innen der Maßnahmen realisiert werden. In dem Beitrag wird argumentiert, dass sozialen Maßnahmen beziehungsweise Hilfen insbesondere solche Kausalitätsverständnisse und mit ihnen verbundene Arten der Folgenforschung entsprechen können, die empirisch anschlussfähig sind, um diesen Referenzpunkt beforschen zu können. Die Rekonstruktion von Folgen sozialer Hilfen, so die Quintessenz, muss im Detail die interaktiv, im Zeitverlauf realisierten Praktiken einer Hilfeerbringung und die mit ihnen assoziierten Bedeutungszuschreibungen rekonstruieren, um nachvollziehen zu können, wie Folgen von Maßnahmen entstehen.

 

Adressat*innenorientierte Dispositivanalyse. Methodologische Reflexionen und Implikationen

Dr. Jennifer Buchna
Universität Siegen

Nach Foucault (1978) handelt es sich bei der Dispositiv-Figur um ein machtvolles, netzartiges soziales Ensemble, das Diskurse generiert, legitimiert und potentiell modifiziert. Dispositive antworten in diesem Sinne auf einen sozialen Notstand und scheinen demnach für die Erforschung von Folgen sozialer Hilfen, die vielfach als Reaktion auf problematische Verhältnisse ‚eingesetzt‘ werden, als besonders geeignet. Dispositivanalysen sind, angelehnt an Foucault, häufig strukturalistischen Perspektiven auf gesellschaftliche (Wissens-)Verhältnisse und deren Folgen verschrieben. In diesem Zusammenhang werden z.B. Subjekte meist außerhalb von Dispositiven positioniert oder ausschließlich als Konsequenzen von Diskursen in den Blick genommen, was wiederum Begrenzungen der Adressat*innen als Akteur*innen der Hilfen und gleichsam des Verständnisses von Folgen impliziert. Basierend auf dem empirischen Habilitationsprojekt der Vortragenden werden theoretische und methodische Reflexionen von Dispositivanalysen vorgenommen, poststrukturalistisch gewendet und in Konzeptualisierungen einer adressat*innenorientierten Dispositivanalyse überführt. Vorgestellt und diskutiert werden soll, welche Entgrenzungen die adressat*innenorientierte Dispositivanalyse für die Erforschung von Folgen sozialer Hilfen als komplexe, multiperspektivische Prozesse mit sich bringt und welche (neuen) forschungsmethodologischen Begrenzungen sich gegebenenfalls daraus ergeben.

 

Professionelle Grenzbearbeitungen im Kontext wirkungsorientierter Steuerung. Ethnographische Notizen zu Positionierungen und Verschiebungen im Alltag Sozialer Arbeit.

Prof. Dr. Andreas Polutta
Duale Hochschule Baden-Württemberg Villingen-Schwenningen

Der Beitrag diskutiert Praxen der Grenzbearbeitung, Grenzvergewisserung und Grenzziehungen pädagogischer Fachkräfte im Feld der Sozialen Arbeit auf Basis ethnographischer Forschung. Die dem Beitrag zugrunde gelegte Forschung nimmt Konsequenzen wirkungsorientierter Steuerung in öffentlichen und freien Jugendhilfeträgern in den Blick und führt zur Erörterung folgender Fragen: Welche Logiken dokumentieren sich in der Praxis der Kinder- und Jugendhilfe im Zuge des zunehmenden Einflusses von Wirkungsdokumentation, Ergebnisdarstellung und Steuerungstechnologien? Welche Territorien, Wissensbestände und fachliche Haltungen werden im Alltag thematisch und können hier sozialpädagogische ‚Grenzbearbeitungspraktiken‘ (Kessl/Maurer 2010) rekonstruiert werden? Auch wenn hier zunächst die institutionell-professionellen Arrangements im Alltag Sozialer Arbeit in den Blick rücken, wird zugleich sichtbar, wie die Bearbeitungen von Grenzen des Nachweisbaren das Verhältnis zu Adressat*innen Sozialer Dienste justieren und wie diese die pädagogische Arbeitsbeziehungen und fachlichen Haltungen prägen.

 

Grenzerfahrungen als Folge? Leiblich-affektive Betroffenheit in Angeboten sozialpädagogischer Fanprojekte

Jannis Albus
Universität Siegen

In Anlehnung an die phänomenologische Lesart von Plessner (1975), in der der Körper in seiner Doppelung zu verstehen ist, haben Menschen einen Körper und sind ein Leib. Der subjektiv spürbare Leib hat das Potenzial, von Situationen leiblich-affektiv betroffen zu sein und über die körperlich konstituierte Grenze hinaus Erfahrungen zu machen (Gugutzer 2012). Die körperleibliche Konstitution des Menschen ermöglicht es somit, Grenzerfahrungen zu erleben und dadurch sich selbst zu erfahren. Gerade die körperleiblichen Regungen sowie individuelle als auch kollektive Erfahrungen von Fans im Fußball und den damit einhergehenden diversen Angeboten sozialpädagogischer Fanprojekte eröffnen die Möglichkeit, körperleibliche Grenzerfahrungen differenziert zu untersuchen. Anhand erster empirischer Ergebnisse des laufenden Promotionsprojektes wird diskutiert, inwiefern leiblich-affektives Betroffensein in Situationen sozialpädagogischer Fanprojektarbeit be- und/oder entgrenzende Erfahrungen für die Adressat*innen darstellen und ob und wenn ja wie, körperlich-leibliche Grenzerfahrungen als Folgen der Fanprojektarbeit analysiert werden können.

 

Folgen des Jugendstrafverfahrens: Sozialpädagogische Ableitungen einer adressat*innenorientierten Folgenforschung

Selina Heppchen
Universität Siegen

Ob soziale Hilfen ‚wirklich‘ wirksam sind, ist in Jugendstrafkontexten von besonderer Bedeutung, denn die Maßnahmen sollen zukünftiges delinquentes Verhalten verhindern und gleichzeitig erzieherisch auf die jungen Straftäter*innen wirken. Mit der neueren Forschungsrichtung der narrative criminology erfuhren kriminologische Diskurse über das Verständnis von Kriminalität Konjunktur. Die in der narrative criminology fokussierte Annahme, dass Kriminalität in Narrationen aktiv hergestellt wird und folglich nicht als faktisch gegeben betrachtet werden kann, wird anhand empirischer Befunde eines Promotionsprojektes mit einem sozialpädagogischen Blick diskutiert. Am Beispiel des Jugendstrafverfahrens werden die Folgen einer konsequent narrativen Betrachtung von Kriminalität in den Fokus gerückt. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Kriminalität und Straftäter*innenschaft von den Angeklagten im Kontext des Jugendstrafrechts hergestellt und verhandelt werden und welche Folgen sich daraus ableiten lassen. Die Folgen lassen sich hierbei zum einen auf einer methodisch-methodologischen Ebene rekonstruieren. Zum anderen wird ein Ausblick auf sozialpädagogische Perspektiven auf Kriminalität gegeben und kritisch diskutiert.