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Sitzungsübersicht
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 11
932 6037 0671, J0xYps
Datum: Montag, 14.03.2022
11:30 - 13:00Poster-Cluster: Berufliches Selbstkonzept im Kontext der Professionalisierung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 11
Chair der Sitzung: Dr. Silvia Thünemann, Uni Bremen

In diesem Cluster werden sieben Poster vorgestellt, die alle deutschsprachig sind.

 

"Irgendwie fühlt sich das gar nicht so an, als würden wir beigebracht bekommen, wie es ist, Lehrerin zu sein oder Lehrerin zu werden" - Lehrer:in werden in Corona-Zeiten

Jannis Graber1, Prof. Dr. Svenja Mareike Schmid-Kühn2, Prof. Dr. Thorsten Fuchs1

1Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz, Fachbereich 1Bildungswissenschaften, Institut für Pädagogik - Allgemeine Pädagogik 2; 2Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz, Fachbereich 1Bildungswissenschaften, Institut für Pädagogik - Schulpädagogik / Allgemeine Didaktik, Bildungssystem- und Schulentwicklungsforschung

Die Corona-Pandemie hat weitreichende Auswirkungen auf Schule, die umfangreich erforscht werden (vgl. RatSWD 2021). Im Fokus stehen dabei Akteur:innen des Schullebens, deren Wahrnehmung von und Umgang mit pandemiebedingten Herausforderungen (vgl. Fickermann & Edelstein 2021). Auch für die Ausbildung angehender Lehrkräfte dürften die Auswirkungen der Pandemie weitreichend sein, da praxisbezogene Ausbildungsanteile – als genuiner Bestandteil der Lehrkräftebildung – zurzeit stark eingeschränkt sind. Praxisphasen im Studium sowie Praxis im Vorbereitungsdienst sollen (eigentlich) Lerngelegenheiten im künftigen Berufsfeld sowie berufliche Orientierung ermöglichen (vgl. z.B. Bach 2020; Gröschner & Klaß 2020; Schubarth & Wachs 2020). Welche Folgen die pandemiebedingten Maßnahmen für angehende Lehrkräfte haben, ist damit eine drängende, jedoch weithin offene Frage.

Im Posterbeitrag wird das Projekt „Lehrer:in werden in Corona-Zeiten“ vorgestellt, in dem Erfahrungen angehender Lehrkräfte auf die Bedeutsamkeit der besonderen Situation für die Lehrkräftebildung hin untersucht werden. Hierfür wurden problemzentrierte Interviews (Witzel 2020) mit 16 angehenden Lehrkräften geführt, die sich während der Corona-Pandemie in verschiedenen Lehrkräfteausbildungs-Phasen befanden (BA-/MA-Studium, Referendariat, Berufseinstieg). In Rekurs auf die vier Kompetenzbereiche der „Standards für die Lehrerbildung“ (KMK 2019) wurden dabei Besonderheiten, Probleme, Lösungsansätze und Zukunftsvorstellungen angesichts der Corona-Pandemie thematisiert; die untersuchten Fälle wurden zu Fallporträts verdichtet.

Erste Ergebnisse weisen auf die Problematik mangelnder Praxiserfahrung für die Professionalisierung und Berufswahl-Reflexion hin. Diesbezüglich lässt sich eine pragmatische Orientierung der angehenden Lehrkräfte nachzeichnen, durch welche ihre berufliche Orientierung, Kompetenzentwicklung und Partizipation in Schulentwicklung abseits der Digitalisierung auf spätere Ausbildungsphasen verschoben oder ausgesetzt werden. Auch, insofern in späteren Praxisphasen von (vermeintlichen) Vorerfahrungen ausgegangen wird, weist dies künftige Herausforderungen für die Lehrkräftebildung auf. Im Posterbeitrag werden die Konzeption der Studie sowie erste Befunde in Form kontrastierender Fallportraits vorgestellt.



Bedeutung von Mentor*innenprogrammen in den Praxisphasen der Lehramtsausbildung

Dr. Stefan Kulakow, Prof. Dr. Diana Raufelder, Dr. Frances Hoferichter

Universität Greifswald, Deutschland

Ein entscheidendes Ziel des Lehramtsstudiums ist es Studierende mit den notwendigen Kompetenzen auszustatten, damit sie ihren späteren Beruf adäquat ausüben können (Cheng et al., 2010; Jakhelln et al., 2019). Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat dafür vier Kompetenzbereiche definiert, die eine zentrale Bedeutung im Lehrberuf haben: 1) Erziehen, 2) Unterrichten, 3) Beurteilen, und 4) Innovieren. Neben dem Studium generell, werden die universitären Praktika als entscheidende Schnittstelle betrachtet, um die Kompetenzen von Studierenden zu fördern. So konnte bereits in empirischen Arbeiten gezeigt werden, dass Schulpraktika einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung von Selbstwirksamkeit und Selbstkonzept leisten, vor allem, wenn sie durch Mentor*innen begleitet werden (DuBois et al., 2002; Eisfeld, Raufelder, & Hoferichter, 2020). Im Rahmen der Qualitätsoffensive Lehrerbildung wurden an allen lehrerbildenden Hochschulen des Landes Mecklenburg-Vorpommern die Praktika dahingehend innoviert, dass eine Form der Mentor*innenbegleitung obligatorisch wurde. Genau genommen, wurden die angehenden Lehrkräfte durch ein multiprofessionelles Team von Peer-Mentor*innen, Schul-Mentor*innen, und Universitäts-Mentor*innen begleitet, um einerseits dem sogenannten Praxisschock entgegenzuwirken und andererseits, die Studierenden optimal in ihrer Kompetenzentwicklung zu unterstützen. Ziel der vorliegenden Studie ist es, die Effektivität dieses Praktikumsansatzes zu evaluieren.

Methoden

An der vorliegenden Studie nahmen 187 Studierende (Mage = 24.5, SD = 4.54; 68% weiblich) unterschiedlicher Lehramtsfächer teil, die mittels standardisierter Fragebogeninstrumente (Gröschner & Schmitt, 2012) zu ihrem Kompetenzstand in den Kompetenzbereichen Erziehen, Unterrichten, Beurteilen, und Innovieren befragt wurden. Die Studierenden nahmen zu drei Messzeitpunkten an der Studie teil (T1: vor dem Praktikum, T2: während des Praktikums, T3: nach dem Praktikum). 120 Studierende waren Teil der Experimentalgruppe, während 67 Studierende in der Kontrollgruppe waren. Längsschnittliche Mehrebenenanalysen wurden in Mplus durchgeführt, um zu untersuchen, ob Zuwächse bei den berichteten Kompetenzen nachgewiesen werden können und ob das Mentor*innenprogramm zu stärkeren Veränderungen führt.

Ergebnisse

Die Ergebnisse der vorliegenden Studie betonen die Bedeutung von a) frühen Praktika im Lehramtsstudium sowie von b) gut begleiteten Praktika. Auf der Zeitebene (L1) konnte nachgewiesen werden, dass Praktika unabhängig von der Begleitung stets positive Auswirkungen auf die Kompetenzentwicklung der Studierenden hatten. Auf der Ebene der Studierenden (L2) konnte aufgezeigt werden, dass Studierende, die durch Peer-, Schul- oder Universitäts-Mentor*innen begleitet wurden, stärkere Zuwächse in der Kompetenzentwicklung in allen Bereichen — Unterrichten, Erziehen, Beurteilen, Innovieren —zu verzeichnen hatten.



Der Mythos der geborenen Lehrperson

Nico Dietrich

TU Darmstadt, Deutschland

Das Dissertationsprojekt zum Poster mit dem Titel „Der Mythos der geborenen Lehrperson“ [betreut von Prof. Dr. Birgit Ziegler, TU Darmstadt] beschäftigt sich - explorativ - mit den Beliefs von Lehramtsstudierenden, hinsichtlich Ihrer persönlichen Eignung, dem Studium und dem Lehrberuf.

Wenngleich die Idee der „geborenen Lehrperson“ in wissenschaftlichen Diskursen schon lange nicht mehr auftaucht, könnte sie in den Köpfen von Lehramtsstudierenden noch immer existieren. Daher stellt sich die Frage, ob dies einen Einfluss auf das Studium hat und ob sich dies im Studium verändert. Die Persönlichkeit von Lehrkräften ist jedenfalls ein zentrales Thema in der Forschung zum Lehrer*innenberuf. Das zeigt sich nicht zuletzt an der Bedeutung des Persönlichkeitsprinzips und den Überlegungen zur Eignung.
Vor diesem Hintergrund zeigten die Studierenden im Rahmen einer Erstsemesterbefragung eine hohe positive Selbsteinschätzung zu ihrer Eignung, bis in das Extrem, dass einige Studierende sich selbst als für den Lehrberuf geboren wahrnehmen. Daraus ergab sich für das Interesse das Selbstbild von Lehramtsstudienanfänger*innen näher zu betrachten und zu untersuchen, ob sich diese Überzeugungen im Lauf des Studiums verändern und wenn ja, in welche Entwicklungsrichtung.

Hierfür wurde ein methodisches Setting nach dem Vertiefungsmodell von Mayring gewählt. Auf eine erste quantitative Studie folgt eine qualitative Vertiefung um erste Ergebnisse genauer unter die Lupe zu nehmen. Die Vorstudie wurde mit insgesamt knapp 500 Teilnehmer*innen aus vier Kohorten durchgeführt. Darauf folgend wurden 31 leitfadengestützte Einzelinterviews durchgeführt, die teilweise individualisiert auf den quantitativen Teil Bezug nahmen. Diese Interviews wurden - ohne eine vorherige Codierung - explorativ mittels der Dokumentarischen Methode nach Bohnsack, bzw. nach Nohl, der explizit Interviewanalysen mit der Dokumentarischen Methode darstellt, analysiert. Auf Basis dieser Analyse sollen Denkstrukturen erkannt und daraus folgend Kategorien oder Typen von Lehramtsstudierenden mit ihren persönlichen Beliefs gebildet werden.

Ein zweites Interview fand mit der gleichen Teilnehmer:innengruppe nach deren erster Praxisphase statt, um auf eine mögliche Veränderung und Entwicklung ihrer Überzeugungen durch die praktischen Erfahrungen und der ersten Lehrveranstaltungen einzugehen. Sowohl in vergrößerten quantitativen Untersuchung, unter anderem mit Einbezug der pädagogischen Vorerfahrung der Teilnehmer:innen, als auch in den Interviews haben sich die Vermutungen hinsichtlich der Selbstüberzeugung bestätigen können. Zusätzlich konnte eher eine starke Persönlichkeitsorientierung und eine Theorieferne festgestellt werden. Der Längsschnitt der Interviewanalysen zeigt eine große Vielfalt an Weiterentwicklungen der Beliefs der Studierenden. Zum jetzigen Zeitpunkt lässt sich eher eine Bestärkung der Überzeugungen durch die Praxisphasen zeigen.



Professionelle Orientierungen von Lehrkräften - Welche Rolle spielt der Bildungsaufstieg

Fabian Mußél, Raphaela Porsch

Otto-v.-Guericke Universität, Deutschland

Forschungsfrage und Erkenntnisinteresse:

Die forschungsleitende Fragestellung ist, „welche Orientierungen lassen sich in den Biographien von Lehrkräften als Bildungsaufsteiger*in rekonstruieren?“. Dies verweist auf den Zusammenhang struktureller Bedingungen und Lehrkräfteeinstellungen, als Gesamtheit von biographisch verankerten Grundthemen, die sozial erworben sind und sich in handlungsleitenden Orientierungen manifestieren. Der zum Ausdruck kommende Habitus könne „zwischen den polaren Ausdrucksgestalten einer Schulfremdheit einerseits und einer souveränen Leichtigkeit der Bildungsexzellenz andererseits“ (Heslper 2018: 123) rangieren und es entsteht eine „gymnasialen Exklusionlinie“ (ebd.). Dies verweist auf mögliche Lehrstellen in der bisherigen Professionsforschung. Das Poster schließt an das Tagungsthema an, da hier Lehrkräfte als Grenzgänger*innen zwischen institutionellen Anforderungshorizonten und eigenem Bildungserleben gelten.

Methodologie:

Pädagogische Orientierungen werden als mentale Strukturen aufgefasst, die subjektiv repräsentiert sind. Sie werden dabei durchaus als kollektiv erachtet, da sie aus geteilten Erfahrungen im Handlungsfeld der Schule erwachsen und an die Oberfläche treten. Es werden mittels des autobiographisch-narrativen Interviews verbale Daten erhoben, die mit der Dokumentarischen Methode ausgewertet werden. Ziel ist die „Explikation des Orientierungsrahmen“ (u. a. Bohnsack 2021) für die anschließende Typenbildung der Rekonstruktion des eigenen Bildungserlebens und damit verbundene biographischen Erschwernissen, Umwegen oder Neuanfängen.


Sample:

Erst wurden als Bildungsaufsteiger*in definierte Lehrkräfte (höherer Bildungsabschluss als die Eltern) befragt. Später wurde das Sample um bestimmte Differenzkategorien die als Risikofaktoren für erfolgreiche Bildungspfade hinzugezogen. In der letzten Erhebungsrunde wurde das konstante Merkmal des Bildungsaufstiegs vernachlässigt. Dies begründet sich mit der Fallkontrastierung durch Gegenbeispiele für die spätere soziogenetische Typenbildung. Insgesamt wurden 14 Interviews geführt mit Lehrkräften unterschiedlicher Fachrichtungen und Schulformen.

Ergebnisse:

Es zeigt sich eine Basistypik von Lehrkräften, die als Bildungsaufsteiger gelten im Kontrast zu Lehrkräften ohne solche Erfahrungen. Auf der sinngenetischen Ebene zeigen sich erste Orientierungsrahmen des eigenen Bildungserlebens, die auf Suchbewegungen, Passungskonstellationen und deren Bearbeitungsweise im Sprechakt rekurrieren.



Schulleitungen und Fachfremdheit: Relativierungen und Akzentuierungen eines Problems

Fabian Gräsel, Prof. Dr. Raphaela Porsch

Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Deutschland

Fachfremdes Unterrichten bezieht sich auf die Situation von Lehrkräften, die regelmäßig ohne eine Ausbildung in einem Fach Unterricht erteilen (Porsch, 2020). Dieses Phänomen ist national wie international weit verbreitet, d.h. ein hoher Anteil von Unterricht findet durch Lehrkräfte ohne die entsprechende Lehrbefähigung statt. Gründe liegen in der Präferenz für das Klassenlehrer*innenprinzip und im Fachlehrkräftemangel (ebd.). Gegenstand empirischer Arbeiten waren bislang vor allem die Auswirkungen auf Schüler*innenleistungen (vgl. Porsch & Whannell, 2019) als auch der Umgang durch Lehrkräfte (z.B. Lagies, 2019). Fachfremdes Unterrichten wird mehrheitlich als Problem bewertet, da davon ausgegangen wird, dass ohne fachliches und fachdidaktisches Wissen die Qualität des Unterrichts eingeschränkt ist und Lehrkräfte im Besonderen beansprucht werden. Bislang kaum betrachtet wurde jedoch die Rolle von Schulleitungen, obwohl diese nicht zuletzt durch die Erweiterung der Autonomie von Schulen eine zentrale Bedeutung u.a. für die Personalführung und -entwicklung einnehmen. Schulleiter*innen tragen durch ihre Einstellungen und Praktiken maßgeblich zur Etablierung von Systemen zur Qualitätssicherung von Unterricht und der Professionalisierung von Lehrkräften bei. Basierend auf der Vorstellung von Bacchi und Goodwin (2016) und ihrem Ansatz „What’s the problem represented to be?“ (WRP), ist das Ziel der Studie, die Perspektive der Schulleitungen in Bezug auf das Problem des fachfremden Unterrichtens beschreiben zu können. Datengrundlage bilden elf Interviews an Grundschulen und weiterführenden Schulen, die mithilfe der qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz (2018) ausgewertet wurden. Zentral ist die Frage, ob Schulleitungen das Phänomen grundlegend als Problem ansehen und mithilfe welcher Begründungen Relativierungen und Akzentuierungen vorgenommen werden. Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass alle Befragten an ihren Schulen mit dem Problem regelmäßig konfrontiert sind, der Situation kritisch gegenüberstehen und diese grundsätzlich an ihren Schulen vermeiden wollen. Die Ergebnisse zeigen ferner, dass etablierte Unterstützungsstrukturen an den Schulen, Eigenschaften der Lehrkräfte wie hohes Engagement und Fachinteresse sowie fächerübergreifende Kompetenzen oder die Art und (subjektiv bewertete) Schwierigkeit der Fächer relativierend angeführt werden und deutlich gegenüber Akzentuierungen überwiegen.



Wie beurteilen Fach- und Schulleitungen angehende Lehrer*innen im Referendariat? Eine qualitativ-rekonstruktive Dokumentenanalyse von Langzeitbeurteilungen in NRW

Christoph Kruse

Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Deutschland

Vor dem Hintergrund der Debatte um die Professionalität von Lehrer*innen und aufgrund der immanenten Selektionsthematik erscheinen Beurteilungen in der Lehrerbildung, insbesondere in der zweiten Phase, als gleichsam kaum erforschter und dennoch hoch relevanter Forschungsgegenstand. Am Ende des Vorbereitungsdiensts (VD) in Nordrhein-Westfalen verfassen Fach- und Schulleitungen Gutachten, in denen Fähigkeiten und vollzogene Entwicklungen von Lehrer*innen im Vorbereitungsdienst (LiV) dargelegt und begründet werden. Im Anschluss an den Professionalitätsdiskurs und mit Bezugnahme auf „[p]raxistheoretische Perspektiven auf die Lehrerinnen- und Lehrerbildung“ (Bennewitz, 2020, Titel) zielt die explorative Dokumentenanalyse (Hoffmann, 2018) auf eine Rekonstruktion des Gesamtbildes einer professionellen Lehrperson anhand dieser Gutachten. Fragen danach, welche Erwartungen an die LiV angelegt werden und wie die Beurteilungen begründet werden, bilden den Hauptfokus der Untersuchung von etwa 60 Gutachten verschiedener Schulformen und Unterrichtsfächer. Zu diesem Zweck ist aufgrund der explorativen Anlage, der kausalanalytischen Fragestellung und der Materialmenge im Projekt eine rekonstruktive Vorgehensweise anhand der Grounded-Theory-Methodologie (Strauss, 1998) geplant.

Weil im VD ein breites Spektrum des Lehrer*innenhandelns zur Begutachtung steht, wird im Sinne interdisziplinärer Entgrenzung zudem das Verhältnis von fachlichen, fachdidaktischen und allgemeinpädagogischen Ausbildungsaspekten in der Beurteilung erforscht. Aufbauend auf den Befunden von Gerlach (2020), die eher auf eine Grenzziehung entlang der shulman’schen Dreiteilung in der Ausbildungspraxis hindeuten, könnten sich in der Beurteilung durchaus diesbezügliche Verbindungslinien zeigen. Ferner werden ebenfalls in den Gutachten eingelagerte Vorstellungen von (gelingendem) Unterricht von Fach- und Schulleitungen empirisch in den Blick genommen.

Im Posterbeitrag sollen vornehmlich forschungsdesignbezogene Entscheidungen dargelegt sowie ggf. erste Ergebnisse präsentiert werden. Somit lassen sich im Projekt insgesamt empirische Erkenntnisse zur Diskussion um die Problematik des „unzureichenden Konsens über die Erfolgskriterien einer gelungenen Berufseinführungsphase im wissenschaftlichen und politischen Diskurs“ (Rauin, 2014, S. 575) erwarten.



Zum Professionalisierungsbeitrag Forschenden Lernens in Hinblick auf den Nutzen bildungswissenschaftlichen Wissens – Zur Rekonstruktion der Sichtweisen von Lehramtsstudierenden für Berufskollegs

Larissa Wilczek, Prof. Dr. Ulrike Weyland

Universität Münster, Deutschland

Das Praxissemester in Nordrhein-Westfalen zielt darauf ab, Theorie und Praxis professionsorientiert miteinander zu verbinden (MSW, 2010). Eine besondere Lerngelegenheit wird im Forschenden Lernen gesehen (Weyland, 2019). In Hinblick auf dessen Professionalisierungsbeitrag werden spezifische Erwartungen, wie u.a. die Anbahnung einer forschenden Grundhaltung sowie eine vertiefende Auseinandersetzung mit z.B. bildungswissenschaftlichem Wissen, formuliert. Befunde verdeutlichen, dass Studierende das Praxissemester zwar insgesamt positiv, Studienprojekte hingegen deutlich kritischer bewerten (Fichten & Weyland, 2019).

Mit Blick auf die Binnenperspektive von Studierenden bedarf es weitergehender Erkenntnisse. Hieran knüpft diese Forschungsarbeit an. Dabei wird insbesondere auf das bildungswissenschaftliche Wissen fokussiert und der Frage nachgegangen, welche Sichtweisen zum Professionalisierungsbeitrag Forschenden Lernens unter der spezifischen Perspektive des Nutzens bildungswissenschaftlichen Wissens vorliegen.

Auf Basis von 18 leitfadengestützten Konstruktinterviews, jeweils zu Beginn und nach dem Praxissemester, wurde eine umfassende qualitative Inhaltsanalyse (Kuckartz, 2016) durchgeführt. Zunächst wurde herausgearbeitet, über welches Verständnis die Studierenden bezüglich des Forschenden Lernens und des bildungswissenschaftlichen Wissens verfügen. Es wurde analysiert, welchen Professionalisierungsbeitrag sie dem Forschenden Lernen in Hinblick auf die Erweiterung ihres bildungswissenschaftlichen Wissens zuschreiben. Dabei wurde sowohl das gegenwärtige Studium als auch das zukünftige Lehrer*innenhandeln an Berufskollegs avisiert. Ebenfalls wurde erfasst, inwieweit sich die Sichtweisen über die Dauer des Praxissemesters verändert haben.

Erste Ergebnisse deuten eine Typenbildung bei den Studierenden an. Dabei scheinen sich die Sichtweisen in Hinblick auf Faktoren wie die eigenständige Wahl des Themas, die Offenheit und das Interesse seitens schulischer Akteure sowie das universitäre Begleitformat zu unterscheiden.

Literatur

Fichten, W. & Weyland, U. (2019). Empirische Zugänge zu Forschendem Lernen. In M. Schiefner-Rohs et al. (Hrsg.), Forschungsnahes Lehren und Lernen in der Lehrer*innenbildung. Forschungsmethodische Zugänge und Modelle zur Umsetzung, (S. 25-46). Berlin: Lang

Kuckartz, U. (2016). Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Computerunterstützung. 3. Aufl. Weinheim: Beltz

MSW NRW (2010). Rahmenkonzeption zur strukturellen und inhaltlichen Ausgestaltung des Praxissemesters im lehramtsbezogenen Masterstudiengang. Online: https://www.uni-muenster.de/imperia/md/content/lehrerbildung/downloads/praxisphasen/rahmenkonzeptionps_hp.pdf

Weyland, U. (2019). Forschendes Lernen im Praxissemester? – Hintergründe, Chancen und Herausforderungen. In M. Degeling, et al. (Hrsg.), Herausforderung Kohärenz: Praxisphasen in der universitären Lehrerbildung. Bildungswissenschaftliche und fachdidaktische Perspektiven, (S. 25-64). Bad Heilbrunn: Klinkhardt

 
14:00 - 16:30Cold War childhood from the margins. Analysing childhood memories across borders
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 11
 

Chair(s): Dr. Kathleen Falkenberg (Humboldt-Universität zu Berlin, Deutschland), Dr. Nadine Bernhard (Humboldt-Universität zu Berlin, Deutschland)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Inés Dussel (Departamento de Investigaciones Educativas del CINVESTAV-IPN, México)

This international and interdisciplinary working group aims at analysing childhood memories of the Cold War from both sides of the Iron Curtain. It draws on collective memory work conducted in a collaborative and international research project, which aimed at fostering a dialogue between scholars and artists from different geopolitical, economic, generational, and cultural backgrounds by sharing and researching childhood memories. Even though memories are selective and reconstructive they can serve as fruitful sources for a deeper analysis of everyday life that can break down existing interpretations of a uniform socialist childhood. At the same time, memory stories, their details, emotions, materialities, and embodiments help to explore how memories are intertwined with notions of childhood prevalent in societies and wider socio-political matrices of power, divisions, and connections.

 

Beiträge des Panels

 

Intimate terror: Violence in domestic contexts and children’s subjectivities during the Cold War

Prof. Dr. Kathrin Hörschelmann
Universität Bonn

Departing from the strong current focus on institutionalized and political violence in socialist childhoods, this paper considers the subjectivities of children in conflictual and violent family contexts. It builds on feminist research on ‚intimate terror‘ (Pain 2014) to ask how children’s subjectivities and understandings of interpersonal relationships are impacted by violent relations of power in domestic contexts. Analysing memory stories collected by a collaborative international research project, it also asks how adults make sense of violence through storytelling. The paper considers how the memory stories reflect on embodiment, identities, generational positionings and (the limits of) agency in violent domestic contexts, on the ontological (in)securities emerging from abuse and on its intersections with political and institutional power.

In so doing, the issue of child abuse in socialist domestic contexts is placed in a larger translocal context – drawing connections to global debates on the place of children in violence continuums. Rather than analysing the issue purely through the lens of socialist-authoritarian oppression, connections between different Cold-War contexts are also examined. By comparing the memory stories with interdisciplinary research on violence and its impacts on children’s subjectivities, the analysis thus seeks to contribute to both, the de-colonisation of socialism and childhood.

 

Between chores, forbidden joys and imagined friends: Collective memory work on Cold War childhood memories in unsupervised times

Dr. Kathleen Falkenberg, Dr. Nadine Bernhard
Humboldt-Universität zu Berlin

In contrast to well established narratives about a supposedly uniform state-organized childhood and the related institutions such as kindergarten, school or political mass organisations in the former GDR, this paper focuses on everyday life experiences of children in order to broaden perspectives on children and childhood in socialist times. We draw on research that employed collective memory work according to Frigga Haug (1990) and additional analysis of memory stories written and collected from international participants of a collaborative research project.

In our analysis we focus on 'marginal times' of the day when institutional access was no longer available and parental supervision could not yet be guaranteed - e.g. weekday afternoons before parents came home from work or weekend hours when children were sent out 'to play'. We ask how these times were filled, what limitations, rules, arrangements there were for these times of the day in order to reflect upon children’s agency, the opportunities, challenges and responsibilities ‘being alone’ comprised for children – and in which societal structures these were embedded. Contemporary narratives, such as the West-German notion of abandoned “Schlüsselkinder”, as well as the complex repercussions gender equality and female workforce had on families’ time management are one angle to analyse those memories to enable insights into (the experience of) childhoods.

Haug, Frigga (1990): Erinnerungsarbeit. Hamburg: Argument

 

Myths and plastic bags: Carrying childhood memories of the West into post-socialist futures

Prof. Dr. Zsuzsa Millei1, Prof. Dr. Nelli Piattoeva1, Prof. Dr. Iveta Silova2
1Tampere University, Finland, 2Arizona State University, USA

Postsocialism is often discussed in terms of revisiting - and dispelling - the ‘myths’ of the socialist past. We propose, however, that it is more productive to understand (post)socialism in terms of a different type of myth-making, the one associated with the capitalism of the ‘West’ (Peshkopia, 2010). Rather than dispelling the ‘myths’ about socialism, and thus negating or even erasing experiences, we explore ‘myths’ in Cold War memories of childhood from a decolonial perspective by drawing on a collaborative international research project.

The imaginary West was framed by numerous controversial, yet complementary discourses, becoming both a competitor of socialist modernity and its yardstick. A utopian future about what communism in its full form will/might become was produced from the combination of bits and pieces of ‘Western culture’. These included films, music, books, language education and objects of consumption, such as plastic bags with labels fascinating both children and adults (Yurchak 2014). We spotlight in memories how these “myths from the future” produced notions of the ‘normal’, at the margin subverting the dominant ideology, against which to evaluate experiences of both late socialism and post socialism (Fehérváry, 2002). In the absence of this past (socialist) desired ‘normality’ today, there seems to be a challenge of formulating an alternative future, and therefore the past often remains the sole and highly contentious navigating point.

 

Datum: Dienstag, 15.03.2022
9:00 - 11:30Beruflich kompetent! - Entwicklung und Förderung beruflicher Kompetenzen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 11
 

Chair(s): Prof. Dr. Esther Winther (Universität Duisburg-Essen, Deutschland)

In vier Beiträgen werden verschiedene Aspekte der Kompetenzentwicklung in allgemeinen und beruflichen Lerngelegenheiten der ökonomischen Domäne beleuchtet. Allen Beiträgen ist gemein, dass sie Fragen der Erfassung, der Förderung und der instruktionalen Vermittlung ökonomischer Kompetenzen an ein empirisch validiertes Kompetenzmodell der kaufmännischen Berufsbildung binden. Die Beiträge verdeutlichen darüber hinaus, dass wesentliche Fortschritte der beruflichen Kompetenzmodellierung und -erfassung auf wissenschaftlicher Seite mit zentralen Desideraten auf praktischer Seite korrespondieren. Diese Ent/grenz/ungen werden exempalrisch aufgelöst.

 

Beiträge des Panels

 

Beruflichen Kompetenzerwerb fördern: Die Bedeutung ökonomischer Literalität

Fabio Fortunati
Universität Duisburg-Essen

Der Vortrag geht der Frage nach, inwieweit das Konstrukt der Economic Literacy als Prädiktor für den Erwerb kaufmännisch-beruflicher Kompetenz geeignet ist. Economic Literacy wird als Fähigkeit definiert, (gesamt-)wirtschaftliche Zusammenhänge zu verstehen, zu beurteilen und aufgrund dieser Basis fundierte Entscheidungen zu treffen; als lernleitendes Konstrukt wird es zunehmend in den Curricula der allgemeinbildenden Schulen aufgenommen. Der Beitrag adressiert die nachfolgenden Fragestellungen: (1) Wie lässt sich die wirtschaftlichen Domäne so modellieren, dass ökonomische Literalität adäquat abgebildet ist? (2) Wie lässt sich das Konstrukt über ein authentisches, computergestütztes, curricular angebundenes Assessments erfassen? (3) Welche Form weist ein Kompetenzstrukturmodells der ökonomischen Bildung für die Sekundarstufe I im Vergleich zu Kompetenzstrukturmodellen der kaufmännischen Erstausbildung auf? Mithilfe einer komparativen Curriculaanalyse und eines theoretischen Domänenmodells werden die Assessmentinhalte konstruiert; dies ermöglicht eine passgenauere Ausrichtung des Assessments i. S. d. Alignment-Triangle. So lassen sich Handlungskompetenzen sowie spätere Berufskompetenzen möglichst authentisch abbilden. Das im Beitrag vorgestellte Projekt erzeugt empirische Evidenz zum Ist-Stand der ökonomischen Bildung und erlaubt, Handlungsempfehlungen zur Fortentwicklung der Curricula zu formulieren.

 

Kompetenzentwicklung in kaufmännischen Ausbildungsberufen fördern

Beifang Ma, Prof. Dr. Esther Winther
Universität Duisburg-Essen

Auf der Basis empirisch validierter Modellvorstellungen zum Kompetenzzuwachs im Ausbildungsverlauf kaufmännischer Berufe zeigt der Beitrag auf, wie sich eine zweidimensionale Kompetenzmodellstruktur (domänenverbundene und domänenspezifische Kompetenz) längsschnittlich modellieren und empirisch beschreiben lässt. Hierzu liegen Daten eines kaufmännischen Assessments über die Dauer der beruflichen Ausbildung (Ausbildungsbeginn, Beginn des zweiten Ausbildungsjahres und Ende der Ausbildung) vor. Zur Erklärung der Kompetenzstrukturen im Zeitverlauf werden ausbildungsplatzspezifische Merkmale der kaufmännischen Berufsausbildung sowohl auf Seiten der Auszubildenden als auch auf Seiten der beruflichen und betrieblichen Ausbildenden herangezogen, die ebenfalls längsschnittlich erhoben und ausgewertet wurden. So werden beispielsweise die Lernausgangslagen auf Seiten der Lernenden und spezifische Merkmale der Lernumwelt seitens der Schule und Ausbildungsbetriebe erfasst, um Rückschlüsse auf die Gelingensbedingungen der Kompetenzentwicklung in kaufmännischen Ausbildungsberufen ziehen zu können. Auf Basis der vorliegenden Daten kann die Frage beantwortet werden, wie betriebliche Lernbedingungen beschaffen sein sollten, um die berufliche Enkulturation und Kompetenzentwicklung an den verschiedenen Lernorten des dualen Ausbildungssystems zu fördern (vgl. Henson, 2015).

 

Kollaboratives Problemlösen in der beruflichen Bildung fördern

Jessica Paeßens
Universität Duisburg-Essen

Aufgrund veränderter Markt- und Arbeitssituationen wird der Arbeitskontext von kaufmännischen Auszubildenden zukünftig zunehmend von externen Kriterien geprägt sein, die Teamfähigkeit erfordern (Brötz et al., 2014). Während dies genuin in Unternehmen verankert ist – bspw. in Form von zeitlich flexiblen Projektteams–, sind im Schulkontext adäquate Lernsettings bewusst zu implementieren. Dies gelingt, indem Arbeitsprozesse aus dem betrieblichen Kontext in der Schule simuliert und Kollaborationsprozesse didaktisch modelliert werden. Vor diesem Hintergrund fokussiert der Beitrag auf Interventionen in einer webbasierten Bürosimulation (Rausch et al., im Druck), um kollaboratives Problemlösen (CPS) zu fördern. Zur Ausgestaltung des Förderkonzepts kann auf ein CPS-Framework mit kognitiven und sozialen CPS-Komponenten zurückgegriffen werden (Hesse et al., 2015). Die Komponenten von CPS werden vor der Bearbeitung komplexer beruflicher Problemszenarien gezielt gefördert sowie als Interventionen in den CPS-Prozess selbst gegeben: Die gezielte Förderung erfolgt durch ein als betriebliches Briefing angelegtes überfachliches Training. Ein spezifisches – hier kaufmännisches – CPS-Szenario greift die CPS-Interventionen auf und reichert es in Form von automatisierten Interaktionen an. Als Interventionsstudie angelegt, zeigt der Beitrag auf, welche Förderkonzepte kollaboratives Problemlösen fördern und wie sich diese Förderideen in den kaufmännischen Unterricht implementieren lassen.

 
14:00 - 16:00ENT | GRENZ | UNGEN | von Familie, Elternschaft & Eltern-Kind-Beziehungen in der Spätmoderne?!
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 11
 

Chair(s): Dr. Anja Schierbaum (Universität zu Köln, Humanwissenschaftliche Fakultät, Deutschland), Dr. Ronnie Oliveras (Universität zu Köln), Jan Frederik Bossek (Universität zu Köln)

In der Arbeitsgruppe möchten wir Entgrenzungsprozesse von Familienwirklichkeit(en) auf verschiedenen Ebenen diskutieren: In komplexen Familienverhältnissen, in denen Familie immer wieder hergestellt, Verantwortlichkeiten für Care- und Erziehungsarbeit verhandelt und normative Geschlechtervorstellungen neu abgesteckt werden müssen. Auf der Ebene der Leitbilder verantworteter Elternschaft und ‚guter‘ Erziehung stellt sich die Frage, inwiefern diese Familien alltagspraktisch einengen oder Familien in ihren Erziehungsverhältnissen institutionell begrenzen. Auf interaktionaler Ebene ist zu diskutieren, inwiefern sich Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern verändern und normativ aufgeladene Zuschreibungen der Eltern-Kind-Beziehung an ihre Grenzen geraten. Des Weiteren ist zu Fragen, inwiefern familiale Entgrenzungserfahrungen durch Krankheit in Familien zu veränderten Verantwortungsgefügen in Familienbeziehungen führen und die Familienerziehung vor neue Herausforderungen stellt.

 

Beiträge des Panels

 

Begrenzungen und Entgrenzungen in komplexen Familienverhältnissen

Dr. Anna Buschmeyer, Dr. Claudia Zerle-Elsäßer
DJI München

Mit unserem Vortrag wollen wir auf unterschiedliche Konzepte von Familie blicken, zunächst aus einer theoretischen/praxelogischen Perspektive. Wer eine Familie sein darf, war über lange Zeit auf gegengeschlechtliche Paare mit Kind(ern) begrenzt. Diese Begrenzungen haben sich in den letzten Jahrzehnten zunehmend aufgelöst. An die Stelle verwandtschaftlicher Beziehungen, die eine Familie scheinbar ‚natürlich‘ formieren, treten daher Praxen der Herstellung von Familie. Familie wird nicht als etwas verstanden das man hat, sondern als etwas, das man tun muss. In dieser Logik sind Familien auf langfristige Bindungen angelegte Beziehungen, in denen über Generationen hinweg reziprok Sorge füreinander übernommen wird. So wird Familie auch für komplexe Konstellationen möglich, die auf rechtlichem Wege bisher ausgeschlossen waren oder teilweise auch heute noch eingeschränkt werden (etwa Familien mit mehr als zwei Elternteilen, nicht-verheiratete oder homosexuelle Eltern etc.).

Wird das Augenmerk auf Praxen von Familie gelegt, werden Anforderungen an das Handeln der Familienmitglieder wichtiger – etwa als Eltern im Sinne eines „good parenting“. Ansprüche an Elternschaft sind wiederum vergeschlechtlicht und unterscheiden sich in ihren Leitbildern von ‚guter Mutterschaft‘ und ‚guter Vaterschaft‘ deutlich. Diese Überlegungen werden wir im Vortrag ausgehend von verschiedenen empirischen Projekten analysieren.

 

„Muss alles perfekt sein? Leitbilder zur Elternschaft in Deutschland“

Kerstin Ruckdeschel
BIB Wiesbaden

Die Idee der „verantworteten Elternschaft“ ist in Deutschland stark präsent und prägt die Vorstellungen von Elternschaft. Es stellt sich deshalb die Frage, inwiefern eine hohe Anspruchshaltung an die eigene Elternrolle sowie die Mutter- und Vaterrolle und diesbezügliche gesellschaftliche Erwartungen den Übergang zum ersten oder zu weiteren Kindern beeinflussen.

Je höher die wahrgenommenen Anforderungen sind, desto länger sollte es dauern, sie zu erfüllen, d.h. die Bedingungen für eine Familiengründung oder -erweiterung zu schaffen. Um diese Frage zu beantworten, werden individuelle und gesellschaftliche Ansprüche in Form von Leitbildern operationalisiert.

Die Auswertungen werden mit dem Paneldatensatz Familienleitbilder 2012 und 2016 des BiB (Bundesinstitute für Bevölkerungsforschung) durchgeführt, der Fragekomplexe zum Thema ,verantwortete Elternschaft‘, ,Mutterleitbilder‘ und ,Väterleitbilder‘ beinhaltet. Es bestätigt sich, dass die Alltagserfahrung mit Kindern Leitbilder beeinflusst. Der hemmende Einfluss von Leitbildern der verantworteten Elternschaft deutet sich vor allem bei einer Familiengründung und beim Übergang zum zweiten Kind an.

 

"Ich wünschte mir, meine Mutter würde mehr als Mutter fungieren." Ent- und begrenzte Eltern-Kind-Beziehungen.

Dr. Ronnie Oliveras
Universität zu Köln

Familie als Gemeinschaftsform beinhaltet klar unterschiedliche soziale Beziehungen (Generationen- und Geschwisterbeziehungen) und es stellt sich die Frage, wie sich diese, angesichts entgrenzter sozialer Bedingungen, gestalten und wie sie sich qualitativ beschreiben lassen. So lässt sich in Bezug auf die Eltern-Kind-Beziehung in insbesondere quantitativen Studien vermehrt ablesen, dass Heranwachsende ihre Eltern als FreundInnen beschreiben, was sich als eine sich veränderte Einstellung hinsichtlich deren Beziehung diskutieren lässt (auch für Eltern gewinnen diese an freundschaftlichem Charakter) und zudem auch die Frage provoziert, welche emotionalen Grenzverschiebungen damit ausgedrückt werden.

Exemplarisch soll anhand einer Eltern-Kind-Beziehung qualitativ rekonstruiert werden, in welchen Grenzgebieten individueller Emotionalitäten und Leitbilder sich familiäre Beziehungen entwickeln und bewegen. Die Fragen, wie diese beschrieben, wie sie gestaltet, und mit welchen Qualitäten sie zu bestimmen versucht werden, sollen die emotionalen Aspekte dieser Beziehungen fokussieren, um anschließend deren Verhältnis zum Leitbild der Familie als Heimathafen und den dazugehörigen Rollenzuweisungen zu diskutieren, denen eine begrenzte Gefasstheit von Werten und erwarteten Gemütslagen inhärent ist. Gilt Familie als der zentrale Ort der Liebe und Hingabe, so stellt sich die Frage, ob und wie diese Beziehungsqualitäten biographisch erfahren und bestimmt werden.

 

Krankheit und Erziehung als sich entgrenzende Verantwortlichkeiten

Prof. Jutta Ecarius
Universität zu Köln

Familie als ‚Kooperations- und Solidaritätsverhältnis’ und damit als ‚Beziehungs- und Erziehungsfamilie’ ist aufgrund ihrer Vielschichtigkeit grundsätzlich von Entgrenzungen bedroht. Wenn dann noch Krankheit zum Thema wird, gerät Familie unter Druck. Hat ein Kind Leukämie und ist ein Geschwisterkind Knochenmarkspender, steigen die Anforderungen: Es kann zur Familienkrise und zum Ausfall von Verantwortungsübernahme kommen, das bisher Alltägliche gerät nicht nur in Bewegung, sondern entgrenzt sich.

In diesen Vortrag werden die (Ent-)Grenz(ungslinien) von Erziehung und Verantwortung diskutiert. Anhand der qualitativen Erhebung aus dem Projekt ‚Knochenmarkspende unter Geschwistern’ (Herzog et al. 2019) arbeite ich drei Dimensionen von Entgrenzungen heraus: 1. Erziehung wird aufgrund der lebensnotwendigen Sorge/Pflege des kranken Kindes nicht praktiziert, die Verantwortung für das Leben des Kindes durchbricht Erziehung. 2. Sedimentierte familiale Interaktions- und Handlungsmuster verflüssigen sich, wodurch sich Familie als Kooperations- und Solidaritätsverhältnis entgrenzt. 3. Die Kranke wird aufgrund ihrer Drogensucht, einer unabgeschlossenen Lehre etc. vom Fürsorgefall zum Problemfall, wodurch sich die spätmoderne Norm der Eigenverantwortung für ein gelingendes Leben verflüchtigt. Deutlich werden insgesamt Verflechtungen und Entgrenzungen von Erziehung, Familien- und Eigenverantwortung in der Spätmoderne.

 

Datum: Mittwoch, 16.03.2022
9:30 - 11:30Ent- und Begrenzung der Wissensproduktion in einer globalisierten Bildungswelt
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 11
 

Chair(s): Nina Westerholt (Hochschule Niederrhein, Deutschland), Sandra Holtgreve (Hochschule RheinMain)

Im Forschungsforum betrachten wir die Ent- und Begrenzung(en) von Wissensproduktion in einer globalisierten Bildungswelt und überschreiten dabei theoretische, methodische und disziplinäre Grenzen. Mit Kindertagesstätte, Schule, Hochschule und Wissenschaftskonferenzen werden Bildungsorte verschiedener Lebensphasen in den Blick genommen, deren ‚Grenzen‘ zum Beispiel durch Migrationsbewegungen oder Globalisierung immer wieder neu in Frage gestellt werden. Dabei werden die Akteur*innen, die den Bildungsrahmen gestalten, in den Vordergrund gestellt und ergänzen somit Ansätze, die die Position von Bildungsempfänger*innen untersuchen. Im Forschungsforum wollen wir erörtern, welche Grenzen in den Lehr-Lernsettings, -diskursen und -praxen in diesen Bildungsinstitutionen (re-)produziert werden. Inwiefern werden durch Ent- und Begrenzung (Un-)gleichheiten und Machtasymmetrien legitimiert? Wie kann man diesen Ungleichheiten begegnen?

 

Beiträge des Panels

 

Rassismuskritische Fachdidaktik

Prof. Dr. Nina Simon1, Prof. Dr. Karim Fereidooni2
1Universität Leipzig, 2Ruhr-Universität Bochum

Basierend auf Erläuterungen zu Rassismus, Rassismuskritik sowie einem Plädoyer für eine gesellschaftstheoretisch informierte, kritisch-reflexive Fachdidaktik gehen wir in unserem theoretischen Vortrag der Frage nach, welcher Prämissen rassismuskritische Fachdidaktik bedarf und welche Herausforderungen damit verbunden sind.
Die Notwendigkeit einer bisher nur marginal vertretenen rassismuskritischen Perspektive auf rassismusrelevante Sachverhalte in den Fachdidaktiken und damit im Kontext einer der zentralen Bildungsinstitutionen, der Schule, stellt dabei den Ausgangspunkt der nachfolgenden Betrachtung dar.
Zentral erscheint uns eine rassismuskritisch informierte Perspektive auf Fachdidaktiken nicht zuletzt deshalb, da diesen neben dem Generieren wissenschaftlicher Erkenntnisse die Aufgabe zukommt, sie in fachdidaktische Umsetzungsvorschläge, die somit „Lösungsvorschläge“ darstellen, zu übersetzen und damit (auch) Lehramtstudent_innen, Referendar_innen und Lehrer_innen einen Zugang zum Feld rassismuskritischer Fachdidaktik zu ermöglichen.Rassismuskritische Fachdidaktik stellt keineswegs einzig, aber auch für Schule(n) in der Migrationsgesellschaft ein unabdingbares Moment dar, trägt doch die Absenz einer derart ausgerichteten Fachdidaktik zur (Re)Produktion hegemonialer Wissensbestände, die (gerade in der zentralen Bildungsinstitution Schule) als Begrenzung(en) gedacht werden sollte, bei.

 

Be- und Entgrenzung durch bzw. von Wissen und Macht in Studiengängen der Sozialen Arbeit mit internationalem Fokus

Nina Westerholt
Hochschule Niederrhein

Hochschulinternationalisierung gilt häufig als neutrale und unausweichliche Antwort auf Globalisierungsprozesse (Majee/Ress 2020). Allerdings besteht dabei die Gefahr einer Fortsetzung eurozentristischer Wissensproduktion (Stein 2019) und somit der (Re-)Produktion von Wissensgrenzen und Machtgrenzen – Aspekte, die in der Forschung um Internationalisierung bislang allerdings nur wenig Beachtung finden.

Der Beitrag beschäftigt sich mit den Internationalisierungsdiskursen deutscher Hochschulen und speziell des Studiengangs Soziale Arbeit. Auf Basis einer kritischen Diskursanalyse wird untersucht, inwiefern in Internationalisierungsdiskursen des Studiengangs Soziale Arbeit eine Be- und Entgrenzung durch bzw. von Wissen und Macht stattfindet. Inwiefern lassen sich Mechanismen des Otherings in Modulhandbüchern von Studiengängen der Sozialen Arbeit mit internationalem Fokus erkennen und welche Rolle spielen dabei Konstruktionen um den ‘Westen‘ und den ‚Rest‘ (vgl. Hall 2018)? Dabei wird auch die Frage bearbeitet, inwiefern diese Konstruktionen (gegen-)hegemoniale Wissensordnungen (re-)produzieren. Die besondere Betrachtung des Studiengangs Soziale Arbeit begründet sich in dessen disziplinarischer Nähe zu macht- und differenzsensiblen Ansätzen. Welchen Einfluss haben diese Theorien sowie das ‚Spannungsverhältnis‘ von Kontextualisierung vs. Internationalisierung Sozialer Arbeit auf das Internationalisierungsverständnis im Studiengang Soziale Arbeit?

 

On the promises and pitfalls of building knowledge horizontally in hybrid international conferences - reflections from a transatlantic graduate academy

Sandra Holtgreve
Hochschule RheinMain

After more than a year of pandemic ‘state of crisis’, many colleagues have emphasised the opportunities of virtual spaces for more ecologically and socially sound conferences, but also warned about inequality drivers in the evaluation of their experiences. But only few fully or partly virtual events specifically considered social inequalities in their planning and organisation. The presentation reflects on such an endeavor by asking what changes when these inequalities are explicitly taken into account in the planning and organisation of a virtual academic event series. A reflection of the practices based on work diaries conducted between October 2020 and June 2021 on the planning and implementation process of the event series shows potential to address structural inequalities with admission, funding and language policies, but comes to clear limits in applying horizontal processes to international online conference design and organisation.

 
14:00 - 16:00Begrenzungen und Entgrenzungen in den stationären Hilfen zur Erziehung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 11
 

Chair(s): Dr. Liane Pluto (Deutsches Jugendinstitut, Deutschland)

In stationären Hilfen zur Erziehung als intensive öffentlich organisierte Hilfe der Kinder- und Jugendhilfe mit einer hohen öffentlichen Verantwortung, einer vulnerablen Adressatengruppe und aus einer Tradition kommend, in der die Hilfe als Intervention gesehen wird, entstehen immer wieder Konstellationen, die die Frage nach Grenzen relevant werden lassen. Zugleich stellt sich die Frage, wie die Hilfen so organisiert und gestaltet werden können, dass sie Entwicklungsprozesse von Kindern und Jugendlichen fördern und deren Teilhabechancen erhöhen. Diese beiden Perspektiven aufgreifend will sich die Arbeitsgruppe mit unterschiedlichen Phänomenen der stationären Hilfen befassen (Nähe und Distanz, Aufnahme- und Ausschlusskriterien von Einrichtungen, pädagogische Stufenpläne) und diese als den Umgang mit und die Bearbeitung von Grenzen sichtbar machen.

 

Beiträge des Panels

 

Professionelle Beziehungen in der stationären Kinder- und Jugendhilfe – Ein Spannungsfeld von Nähe und Distanz zwischen Begrenzung und Entgrenzung

Prof. Dr. Michael Behnisch, Dorothee Schäfer
Frankfurt University of Applied Sciences

Der Umgang mit Nähe zählt zu den besonderen Herausforderungen im Alltag der stationären Kinder- und Jugendhilfe. Dabei erweist sich Nähe als zentraler Bestandteil professioneller Beziehungen: Entwicklungsprozesse und die Sicherung emotionaler Bedürfnisse sind durch sie gerahmt – Nähe kann Vertrauen, Offenbarungsprozesse und Enttabuisierung, etwa mit Blick auf Sexualität, ermöglichen. Gleichzeitig bergen Nähe und Intimität in pädagogischen Beziehungen Risiken für Integritätsverletzungen von Kindern, falls sich diese zu entgrenzen drohen. Mit Blick auf den Begriff der Distanz wird deshalb davon ausgegangen, dass Nähe im pädagogischen Handeln stets auch begrenzt sein muss (z.B. durch Schutzkonzepte, institutionelle Regeln). Das hier angedeutete Spannungsfeld wirft also die Frage auf, wie Nähe und Distanz hinsichtlich von Be- und Entgrenzung ausgestaltet sein müssen, um zu emotional förderlichen, zugleich aber schützenden Beziehungserfahrungen beizutragen. Im Vordergrund des Beitrags in der Arbeitsgruppe stehen Ergebnisse aus Interviews mit Fachkräften und jungen Menschen. Ihr Erleben von Intimität, Nähe, Distanz und Zurückweisung verweist darauf, welche Muster pädagogischer Nähe zu identifizieren und hinsichtlich der Professionalisierungsprozesse in der Heimerziehung relevant sind.

 

Aufnahme- und Ausschlusskriterien stationärer Einrichtungen

Dr. Eric van Santen
Deutsches Jugendinstitut

Zur Erhöhung der Problemlösungskompetenz, aber auch als Element der Marktpositionierung wird mitunter auf Differenzierung und Spezialisierung der Angebotsstruktur sozialer Hilfen gesetzt. Die Folgeprobleme von Tendenzen der Differenzierung und Spezialisierung auf der Angebotsebene lassen sich als Entwicklungsdilemmata (Filsinger & Bergold 1993) oder mit den Worten von Olk & Otto (1987) als Ungewissheitsbelastung beschreiben: Je spezialisierter und differenzierter die formalen Hilfesysteme werden, desto höher wird ihre Problemlösungskompetenz und desto geringer ihre Lebensweltorientierung. Gleichseitig existiert neben diesem Dilemma die gesellschaftliche Erwartung der Inklusion der Diversität von Adressatengruppen. Im Beitrag soll auf der Basis fünf bundesweiter quantitativer Erhebungen bei stationären Einrichtungen der Hilfen zur Erziehung im Zeitraum von 2001 bis einschließlich 2019 der Frage nachgegangen werden, wie sich dies alles in der Entwicklung der Angebotsstruktur niederschlägt und was dies für Folgen für die Struktur der sozialen Dienstleistungen und ihre Adressat:innen hat. Anhand der Betrachtung von Aufnahmekriterien und Ausschlusskriterien von stationären Einrichtungen der Hilfen zur Erziehung soll diesen Fragen nachgegangen werden, und somit auch, bei welchen Problemlagen bzw. Verhaltensweisen Grenzen gezogen oder auch aufgehoben werden und wie sich diese im Zeitverlauf verändert haben.

 

Verbreitung und Merkmale von Stufenplänen in stationären Hilfen zur Erziehung

Dr. Liane Pluto
Deutsches Jugendinstitut

In stationären Hilfen wurden Stufenpläne bislang vor allem mit intensivpädagogischen Settings oder geschlossener Unterbringung in Verbindung gebracht und diskutiert. In den letzten Jahren wird – auch aus Forschungsperspektive – eine Zunahme von Stufenplänen konstatiert und deren Einsatz kritisiert, indem deren Defizitperspektive auf die Subjekte herausgestellt und die damit verbundenen Aspekte von Verhaltensanpassung, Zwang, Macht, Scham thematisiert werden (Lutz 2019, Clark 2018, Magyar-Haas 2019). In der Diskussion wird deutlich, dass ganz unterschiedliche Ausformungen solcher formaler Grenzsetzungen existieren und bislang wenig bekannt ist, wie verbreitet der Einsatz solcher Instrumente tatsächlich ist. Im Beitrag soll auf der Basis einer bundesweiten Erhebung bei stationären Einrichtungen der Hilfen zur Erziehung (n = 470) sowohl der Frage nach der Verbreitung im Arbeitsfeld nachgegangen werden als auch anhand einiger dazu abgefragter Merkmale beschrieben werden, wodurch sich die Stufenpläne in der Praxis auszeichnen und zudem wie die Einrichtungen deren Einsatz bewerten. Darüber hinaus soll die Frage verfolgt werden, ob Strukturmerkmale und pädagogischen Grundorientierungen von Einrichtungen identifizierbar sind, die den Einsatz solcher Instrumente begünstigen oder unwahrscheinlich machen.