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Sitzungsübersicht
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 10
985 3744 2983, 819188
Datum: Montag, 14.03.2022
11:30 - 13:00Poster-Cluster: Schulpädagogik & Schulentwicklung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 10
Chair der Sitzung: Sven Trostmann, Universität Bremen

In diesem Cluster werden sieben Poster vorgestellt, die alle deutschsprachig sind.

 

Grenzüberschreitungspotenzial im Unterricht? Was privates Wissen über Schüler*innen mit Lehrer*innen macht

Katharina Graalmann

Universität Osnabrück, Deutschland

Im Rahmen meiner Dissertation werte ich unter methodischem Zugriff auf die Dokumentarische Methode (vgl. Bohnsack 2014) 16 Interviews mit Lehrer*innen an Gesamtschulen und Gymnasien hinsichtlich ihrer Orientierungen zu Bildungs(un-)gerechtigkeit (vgl. Giesinger 2007, Stojanov 2013) aus, wobei durch eingesetzte Vignetten zu konkreten Schul- und Unterrichtssituationen (vgl. Paseka/Hinzke 2014) besonders soziale Herkunft (vgl. Bourdieu 1983, Bremer/Lange-Vester 2013) von Schüler*innen impliziert ist. Im Rahmen der sinngenetischen Typenbildung lassen sich aktuell die Fälle zu vier Typen verdichten, wobei „Unterrichtliche Praxis“ ebenso wie „(Re-/De-)Konstruktion von sozialer Schüler*innenherkunft“ als Vergleichsdimensionen fungieren. (Nicht-)Passungsphänomene (vgl. te Poel 2021) werden hierbei relevant und damit einhergehend lehrer*innenhabitusspezifische Praktiken (vgl. Helsper 2018, Kramer/Pallesen 2019).

Während in einigen Fällen schüler*innennah unterrichtet und quasi all-in der berufliche Alltag über das Privatleben gestellt wird, um Schüler*innen zu helfen (grenzüberschreitend-schüler*innennaher Typ), dokumentiert sich der Blick derer, deren Unterrichtspraxis im Kontext von Bildungs(un-)gerechtigkeit sich zum verunsichert-stressorientierten Typ verdichten lassen, über Unwohlsein durch das Wissen von Ungerechtigkeiten zwischen Schüler*innen und dem Unzureichendsein des Schulsystems und von sich selbst in diesem System. Hingegen spannen Lehrer*innen des gelassen-grenzsetzenden Typs Freizeit und eine deutliche Abgrenzung ihres Privatlebens von ihrer beruflichen Eingebundenheit als positiven Horizont auf. Schüler*innen durchaus zugewandt wird Dienst nach Vorschrift gemacht, um eigene Ressourcen nicht überzustrapazieren, wenn zwar faktische Ungleichheit und Ungerechtigkeit bemängelt, aber außerhalb des eigenen Ressourcenbereichs liegend betrachtet wird. Der vierte Typ, zu dem sich das Material meiner Dissertation verdichten lässt, performiert wissenschaftlich fundiert und politisch-externalisierend in Bezug auf das Thema Bildungs(un-)gerechtigkeit. Dass in Schule selektiert wird und dies auch nach Herkunftsmerkmalen, gehört zum System dazu, wird von den Befragten anerkannt und praktisch enaktiert. Da nicht die Belange von Schüler*innen, sondern viel mehr curriculare Strukturen zentral für die Praxis sind, ist dieser Typ im Kontext des Posters nicht relevant.

Anhand dreier Zitate werden typische Unterrichtspraktiken nachgezeichnet, die durch privates Wissen über Schüle*innen entstehen und Grenzen zwischen den Feldern Zuhause und Schule verschwimmen lassen.



Was Lehrkräften bei der Planung im Sachunterricht wichtig ist – Die Struktur des beigemessenen Wertes der Planungsqualitätsmerkmale von Grundschullehrkräften im Sachunterricht

Julia Kantreiter

Ludwig-Maximilians-Universität München, Deutschland

Die Qualität der Unterrichtsplanung ist ein wichtiger Prädikator für die Qualität des Unterrichts (Windt et al. 2016). Planungsqualität im Sachunterricht wird nach Rau (2017) und Hasenkamp (in Vorbereitung) in sechs Merkmale differenziert: Klassenführung, Klarheit und Strukturiertheit, Aktivierung, lernförderliches Klima, Umgang mit Heterogenität sowie Gestaltung des Lernangebots. Diese Merkmale wurden theoretisch-hermeneutisch abgeleitet und in einer qualitativen Studie induktiv angereichert (Rau 2017). Offen bleibt jedoch, ob diese Merkmale auch empirisch trennbar sind.

Darüber hinaus ist entscheidend, welche Bedeutung Lehrkräfte einzelnen Qualitätsmerkmalen zuschreiben: Lehrkräfte implementierten insbesondere diejenigen Unterrichtsqualitätsmerkmale, die sie als bedeutsam erachteten (Kastens 2009). In Anlehnung an Erwartungs-Wert-Theorien (Sclater und Bolander 2004) ist davon auszugehen, dass auch die Umsetzung von Planungsqualitätsmerkmalen durch den Wert beeinflusst wird, den Lehrkräfte diesen Merkmalen beimessen.

Daher wurde in der vorliegenden Studie zwei zentralen Fragen nachgegangen: Lassen sich die Planungsqualitätsmerkmale hinsichtlich des beigemessenen Werts empirisch voneinander trennen? In welchem Maße erachten Grundschullehrkräfte die Planungsqualitätsmerkmale als relevant für ihre eigene Planung?

Zur Beantwortung dieser Fragen wurden Grundschullehrkräfte (N=464) im Rahmen einer Querschnittstudie mit einem Fragebogens zur Planung eines sachunterrichtlichen Themas befragt. Mithilfe konfirmatorischer Faktorenanalysen wurde die Struktur und Trennbarkeit der Planungsqualitätsmerkmale hinsichtlich des beigemessenen Werts überprüft. Dabei konnte gezeigt werden, dass die sechs angenommenen Faktoren der Planungsqualität (Klassenführung, Klarheit und Strukturiertheit, Aktivierung, lernförderliches Klima, Umgang mit Heterogenität sowie Gestaltung des Lernangebots) sich auch in den Daten wiederfinden. Im Vergleich zu Alternativmodellen war dieses sechsfaktorielle Modell Alternativmodellen überlegen. Insgesamt wurde die Gestaltung des Lernangebots am wichtigsten für die eigene Planung eingeschätzt, während die Klassenführung als am wenigsten relevant erachtet wurde.

Aus den Ergebnissen werden im Poster Konsequenzen für die Aus- und Weiterbildung von Grundschullehrkräften abgeleitet.



"Hier Einser-Abi, dort durchgefallen" * - Der mediale Diskurs über Qualität und Vergleichbarkeit der Allgemeinen Hochschulreife

Annemarie Müller, Alexander Groß, Prof. Dr. Svenja Mareike Schmid-Kühn

Universität Koblenz-Landau (Campus Koblenz), Deutschland

Die Qualität und Vergleichbarkeit der Allgemeinen Hochschulreife (AHR) ist seit vielen Jahren ein zentrales Thema in Politik, Wissenschaft und Öffentlichkeit (vgl. z.B. Stanat et al. 2016; Neumann & Trautwein 2019) – und ein medialer „Dauerbrenner“. Die themenbezogene Forschung ist bislang auf die politisch-administrative, einzelschulische und unterrichtliche Ebene sowie die Wirkungen und Erträge unterschiedlicher Abiturprüfungssysteme konzentriert (z.B. Klein, Krüger, Kühn & van Ackeren 2014); die mediale Diskussion über Qualität und Vergleichbarkeit der AHR war bisher kein Forschungsgegenstand. Das in diesem Posterbeitrag vorgestellte Forschungsvorhaben greift dieses Desiderat auf. Ziel des Vorhabens ist es, den Diskurs um die Qualität und Vergleichbarkeit der AHR auf medialer Ebene zu untersuchen, da die Medien mit der Aufbereitung dieses Themas einen starken Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung ausüben (vgl. Weischenberg 2018). Methodisch orientiert sich die Studie an der Wissenssoziologischen Diskursanalyse nach Keller (2011). Das Datenkorpus setzt sich vorläufig zusammen aus Zeitungsartikeln der fünf meistverkauften überregionalen Tageszeitungen (BILD, Frankfurter Allgemeine, Süddeutsche, Handelsblatt, Welt), die sich thematisch mit der AHR befassen. Ergänzt wird dieses Sample mit Artikeln aus einschlägigen Nachrichtenmagazinen (Spiegel, Focus, Stern) und Sonntags-/Wochenzeitungen (Bild am Sonntag, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, ZEIT). Dabei wird eine Zeitspanne von Beginn der 1970er Jahre bis zur heutigen Zeit abgedeckt, ausgehend von der im Jahr 1972 beschlossenen Neuordnung der gymnasialen Oberstufe und der Abiturprüfung bzw. der diesem Ereignis vorausgehenden Debatte (vgl. Wolter 2016). Die mittels einer Datenbankrecherche erfassten Artikel werden in einer ersten Annäherung u.a. im Hinblick auf diskursive Ereignisse, zeitliche und thematische Entwicklungen im Diskursverlauf und diskursrelevante Akteure untersucht (vgl. Keller 2011, S. 70). Mithilfe eines „theoretical sampling“ (Glaser & Strauss 1967) werden aus dem Datenkorpus Artikel für eine Feinanalyse ausgewählt und auf Deutungsmuster untersucht (vgl. Keller 2011, S. 108ff.). Die Studie ermöglicht folglich Aussagen darüber, auf welche Weise diskursives Wissen über die AHR hergestellt und kommuniziert wird. Der Posterbeitrag stellt die Konzeption des Forschungsvorhabens vor; zudem werden erste Befunde zum medialen Diskursverlauf präsentiert.



Nachhaltige Schulentwicklung durch Self-Assessment. Die Entwicklung des internetgestützten Tools „Jump into a sustainable Livestyle“

Alexandra Reith, Prof. Dr. Marco Rieckmann

Universität Vechta, Deutschland

Eine nachhaltige Schulentwicklung unterstützt die mehrsprachige Internetplattform „JUMP into a sustainable Livestyle“. Dieses Self-Assessment-Instrument ermöglicht Schulen, bereits Erreichtes und potentiell Erreichbares zu identifizieren, um mit ihrem Bildungsangebot im Sinne einer Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) dazu beizutragen, die von den Vereinten Nationen vereinbarten Nachhaltigkeitsziele zu erreichen (UNESCO, 2017, 2020). Mit dem Whole School Approach (Grundmann, 2017) kommt ein holistischer Ansatz zur Anwendung, der nicht allein die Unterrichtsentwicklung neu ausrichtet. Vielmehr kann Schule danach als Ganzes zu einem Laboratorium werden, in welchem Transformation initiiert und ausgestaltet wird. Charakteristisch ist die Einbeziehung des Schulmanagements, die Klärung von Wertvorstellungen und das Unterrichten und Lernen im Sinne einer transformativen Pädagogik. Kennzeichnend ist außerdem die Einbeziehung aller in und für die Schule Tätigen, darüber hinaus der Eltern sowie externer Partner*innen, die beispielsweise ihre Expertise in die Schule einbringen oder sich kommunal über eine Kooperation für Aktionen von Schüler*innen öffnen und so angewandtes Lernen ermöglichen. Veränderung mitzugestalten, wird danach zu einer erfahrungsbezogenen und handlungsorientierten Lehr- und Lernform, die in die Schulkultur, das Schulumfeld und in die Gesellschaft hineinwirkt und den Erwerb spezifischer Schlüsselkompetenzen ermöglicht (Rieckmann, 2019). Strukturiert ist die Assessment-Plattform über die Themenbereiche Schulmanagement, Schulklima, Infrastruktur, Curriculum, Lernerfahrungen, BNE-Kompetenzen von Lehrkräften und transformative Kompetenzen von Lernenden. Auf Basis unterschiedlich ausgestalteter Checklisten erfolgen anonym individuelle Eingaben. Diese werden für die gesamte Schule zusammengeführt, automatisiert ausgewertet und anschaulich aufbereitet. Anforderungen seitens Schulleitungen und Lehrkräften sowie Schüler*innen fließen bereits im Verlauf der Entwicklung über Gruppendiskussionen ein. Des Weiteren erfolgt eine Befragung im Zuge der länderübergreifenden Erprobung des Instruments. Die in Estland, Litauen, Deutschland und Schottland durchgeführte Evaluationen geben Aufschluss, wie gut es gelingt, die Bestandsaufnahme einer Schule im Bereich BNE mithilfe der Plattform mehrperspektivisch anzugehen. Das Ziel ist, Anregungen für Verbesserungen der Plattform zu erhalten, die den Interessen der unterschiedlichen Gruppen von Nutzer*innen entgegenkommen. Offen zugänglich soll „Jump“ anschließend international eine breite Nutzung erlauben.



Das ‚Schulpraxiserfordernis‘ in der Schulpädagogik: Zur Entgrenzung der Einstellungsvoraussetzungen für Professuren einer umstrittenen Teildisziplin der Erziehungswissenschaft

Dr. Ricarda K. Rübben

Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Deutschland

„Auf eine Stelle, deren Funktionsbeschreibung die Wahrnehmung erziehungswissenschaftlicher oder fachdidaktischer Aufgaben in der Lehrerbildung vorsieht, soll in der Regel nur berufen werden, wer eine dreijährige Schulpraxis nachweist“ – diese Formulierung steht bis heute in allen deutschen Landeshochschulgesetzen mit Ausnahme von NRW. Eigene Schulpraxis scheint heutzutage, sichtet man jüngere Stellenausschreibungen, allerdings keine wesentliche, teilweise überhaupt keine Einstellungsvoraussetzung für die Berufung von Professor*innen mehr zu sein. Diese Entwicklung wird kontrovers diskutiert (vgl. Lin-Klitzing 2018; Rothland & Bennewitz 2018; BzL 2020). Die Debatte rekurriert ihrerseits auf die Diskussion des Theorie-Praxis-Verhältnisses in der Lehrer*innenbildung. Die Fragen nach dem Wissenschafts- bzw. Theoriebezug und dem Berufsfeld- bzw. Praxisbezug in der Lehrer*innenbildung einerseits und den Einstellungsvoraussetzungen von Professor*innen im Bereich der Schulpädagogik andererseits sind damit unweigerlich miteinander verschränkt.

Ein Forschungsdesiderat ergibt sich in diesem Zusammenhang mit Blick auf die Frage, ob und welche Bedeutung die eigene (vorhandene oder fehlende) Schulpraxiserfahrung der Professor*innen für ihr Selbst- und Schulpädagogikverständnis und damit verbunden für ihre Lehr- und Forschungstätigkeit hat, bzw. allgemeiner, wie die Entwicklung hin zu einer ‚Entgrenzung‘ der Zugangsvoraussetzungen für schulpädagogische Professuren bewertet wird

Nationale und internationale empirische Studien haben bisher quantitativ die Qualifikationsprofile von Dozierenden in der Lehrer*innenbildung für Deutschland und die Schweiz mit Blick auf schulpraktische Erfahrungen erhoben (vgl. Zierer & Lamers 2016; Böckelmann et al. 2019). Heil & Faust-Siehl (2000) legten die bisher einzige qualitative Untersuchung zum Theorie- und Praxisverhältnis in der Lehrtätigkeit von Dozierenden der Erziehungswissenschaft in der Lehrer*innenbildung vor. Obgleich die inzwischen schon ältere Untersuchung dahingehend anschlussfähig ist, dass sie sich dem Selbstverständnis der Akteur*innen widmet, werden deren Theorie-Praxis-Orientierungen in der Lehrtätigkeit nicht mit deren schulpraktischen Erfahrungen in ein Verhältnis gebracht und die Personengruppe der Professor*innen der Schulpädagogik nicht explizit gemacht.

Der verwendete Datensatz stammt aus einer aktuellen Interviewstudie mit 20 Professor*innen der Schulpädagogik aus ganz Deutschland. Die Stichprobe setzt sich aus Personen zusammen, die über ein a) abgeschlossenes Erstes und Zweites Staatsexamen, b) über ein Erstes Staatsexamen oder über c) ein Studium der Erziehungswissenschaften verfügen. Die Auswertung der Daten erfolgt mit der Dokumentarischen Methode. Die Ergebnisse der Untersuchung sollen einen grundlagentheoretischen Beitrag zum disziplinären Diskurs der Schulpädagogik sowie zu dem der Lehrer*innenbildung leisten.



Innovation im System Schule

Christian Schrack

Einreichung als PhD Student der Sigmund Freud Universität Wien, Österreich

Entgrenzung des Bildungswesens durch schulische Innovationen: Im Gegensatz zur Marktwirtschaft, in der Unternehmen zur ständigen Weiterentwicklung angehalten sind, scheinen Innovationen im Bildungssystem auf den ersten Blick nicht systemisch verankert zu sein. Die von der Öffentlichkeit - weniger wahrgenommenen - sozialen Neuerungen finden auf allen Ebenen des Bildungswesens statt - auf Initiative der Schulverwaltung, im organisatorischen Umfeld der Schule sowie im Unterricht von Lehrpersonen. Diese Arbeit fokussiert auf die Entstehung und Verbreitung von Innovationen, die unmittelbar der täglichen Arbeit an Schulstandorten entspringen. Die aktuelle schulische Innovationsforschung befasst sich schwerpunktmäßig mit Fragen der Governance, also der Top-down Erneuerungen des Schulwesens. Weniger Aufmerksamkeit wurden bisher Initiativen geschenkt, die unmittelbar an Schulen Bottom-up ihren Ausgang nahmen (RÜRUP/BORMANN 2013) und sich in Folge im Bildungswesen verbreiteten. Dazu kommt, dass die Voraussetzungen für innovative Entwicklungen selbst für die Verantwortlichen oft im Dunkeln bleiben (DALIN 1999). Die Initiierung, der Prozess und die Verbreitung (dieser Bottom-up Innovationen mit - entgrenzenden - Auswirkungen auf das Schulwesen stehen im Mittelpunkt dieser Arbeit, die an der aktuellen Forschung zu sozialen Innovationen in der Gesellschaft anknüpfen. Dazu werden typische, schulische Innovationsvorhaben (Innovation Cases) ausgewählt und in einer vergleichenden Fallstudie anhand möglicher, erfolgswirksamer Merkmale gegenübergestellt. In diesem Zusammenhang werden teilstrukturierte Interviews mit Expertinnen und Experten sowie den Innovatorinnen und Innovatoren geführt und qualitativ ausgewertet, Entstehungsbedingungen erhoben und Verbreitungswege systematisch nachvollzogen (Diffusions of Innovations, ROGERS 1995). Die qualitativen Ergebnisse werden mit einer abschließenden quantitativen Befragung von Lehrkräften und Lernenden aus den entsprechenden Schulbereichen trianguliert. Ziel der Arbeit ist die Systematisierung der Voraussetzungen für erfolgreiche Innovationsvorhaben, die den Ausgang an Schulstandorten der allgemeinbildenden und berufsbildenden Oberstufe genommen haben und Bedeutung im Bildungswesen erlangt haben. Mit dieser Arbeit soll ein Leitfaden mit Praxishinweise für Schulen und Schulverwaltung entstehen, um Bottom-up Innovationen im Bildungswesen zu erkennen und zu fördern. Schulen und Lehrpersonen sollen ermuntert werden, sich stärker an der gestaltenden Erneuerung des Bildungswesens zu beteiligen.



(Teilintegrative) Schulkulturen in der Migrationsgesellschaft. Eine Rekonstruktion schulkultureller Entwürfe im Kontext aktueller Fluchtmigration und dort implizierte Möglichkeitsräume der Teilhabe

Anna Laschewski

Goethe-Universität Frankfurt, Deutschland

Durch den gestiegenen Anteil zugewanderter Kinder und Jugendlicher werden Schulen sowie deren Entwicklungsprozesse und -perspektiven vor organisatorische und pädagogische Anforderungen gestellt. Die (erneute) Installation von separierten Klassen lässt vermuten, dass Schüler*innen dem monolingualen Habitus (Gogolin 1994) und damit einhergehenden Normalitätserwartungen entsprechen müssen. Dennoch gibt es vereinzelt Schulen, die den „Sonderweg“ einer direkten Einbindung der Seiteneinsteiger*innen in Regelklassen gehen und somit auf die Separation anhand von „Vorbereitungsklassen“ o.ä. verzichten. Hier stellt sich die Frage, inwieweit solche schulorganisatorischen Modelle die Teilhabechancen betroffener Schüler*innen bedingen. Als analytische Folie eignet sich dabei das Modell der Schulkultur nach Helsper, bei dem der Begriff Schulkultur die „symbolische Ordnung der einzelnen Schule in der Spannung von Realem, Symbolischem und Imaginärem“ (Helsper 2008: 66) beschreibt.

In der Dissertation sollen schulkulturelle Ausprägungen auch im Spannungsverhältnis zur migrationsgesellschaftlichen Realität und (transnationalen) Bildungschancen empirisch anhand folgender Fragestellungen in den Blick genommen werden:

  1. Wie konstituiert sich die einzelschulische Schulkultur hinsichtlich ihrer Integrationskonzeption und vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung mit migrationsbedingten Entwicklungsanforderungen?
  2. Welche Möglichkeitsräume der Teilhabe für neuzugewanderte Schüler*innen lassen sich für den spezifischen schulkulturellen Entwurf identifizieren?

Geplant ist die Erhebung und Auswertung (bis voraussichtlich 12/22) von teilstrukturierten Interviews mit Lehrer*innen, der Schulleitung, der Schulsozialarbeit sowie Schüler*innen an einer Einzelschule mit (teil-)integrativem Beschulungsmodell. Die empirische Bearbeitung dieses Modells bringt den Blick auf den schulorganisatorischen Umgang mit neuzugewanderten Schüler*innen, der bisher noch nicht systematisch in schulkulturanalytische Studien einbezogen wurde. Das Dissertationsprojekt ist angelehnt an das BMBF-Projekt „SchuWaMi“ (Schulischer Wandel in der Migrationsgesellschaft – Schulkultur(en) im Kontext aktueller Fluchtmigration), das von dem DIPF Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation in Frankfurt am Main sowie der Goethe-Universität Frankfurt (FB 03/04) unter der Projektleitung von Prof. Dr. Dominique Rauch, Dr. Svenja Vieluf, Prof. Dr. Birgit Becker und Dr. Patricia Stošić durchgeführt wird.

 
14:00 - 16:30Entgrenzungen von Unterricht
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 10
 

Chair(s): Dr. Thorsten Merl (Philipps-Universität Marburg, Deutschland), Prof. Dr. Matthias Proske (Universität zu Köln)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Till-Sebastian Idel (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg)

In der erziehungswissenschaftlichen Unterrichtsforschung gilt die Bestimmung von Unterricht als nicht abschließend geklärt, da dessen Grenzen Wandlungsprozessen unterliegen. Das Symposium widmet sich deshalb aktuellen Phänomenen in Unterricht (Gegenentwürfe zum Unterricht in der Entschulungsbewegung, Bedeutungskonstruktionen von Unterricht als Arbeit und Tablets als neue unterrichtliche Wissens- und Kooperationsmedien) und Unterrichtsforschung, die Fragen nach Grenzverschiebungen und Entgrenzungen von Unterricht in je unterschiedlichen Hinsichten neu aufwerfen. Geprüft wird, wie Grenzen bestimmt werden, welche Differenzkonzepte (z.B. System-Umwelt, Innen-Außen, Norm-Abweichung) dabei genutzt werden und welche Relationierungskonzepte notwendig sind, um den Wandel von Unterricht empirisch zu analysieren und theoretisch einzuordnen. Damit zielt das Symposium darauf, Gegenstandsbestimmungen von Unterricht in der Unterrichtsforschung neu auszuschärfen.

 

Beiträge des Panels

 

Zur Entgrenzung von Unterricht als Arbeit(-szeit)

Dr. Thorsten Merl
Philipps-Universität Marburg

Ausgangspunkt des Beitrags ist die beobachtete Omnipräsenz des Terminus Arbeit im Unterricht (z.B. Arbeitshefte, -blätter, -auftrag, -zeit, Einzel- & Gruppenarbeit etc.; vgl. auch Breidenstein et al. 2017), der einen zentralen Bezugspunkt in der Praxis darstellt, dessen Bedeutung in bisherigen Gegenstandsbestimmungen von Unterricht aber kaum Berücksichtigung findet. Der Beitrag fragt entsprechend nach der Bedeutung des Arbeitsbegriffs im Unterricht und inwiefern damit eine mögliche Entgrenzung einhergeht.

Auf Basis eigener Praxeographien von Unterricht wird dafür zunächst der Frage nachgegangen, welche autorisierende Funktion Arbeit für die unterrichtliche Praxis übernimmt. Mit der Perspektive der Autorisierung des Pädagogischen (Jergus & Thompson 2017, Reh 2014) lässt sich die unterrichtliche Herstellung von Zuständigkeit analysieren, indem gefragt wird, wodurch Lehrkräfte zu welchem unterrichtlichen Handeln autorisiert werden. So zeigen empirische Analysen, dass Lehrkräfte mittels des Arbeitsbegriffs eine permanente Verpflichtung von Schüler:innen auf verschiedenste Tätigkeiten gänzlich unabhängig pädagogisch-didaktischer Ansprüche zu etablieren in der Lage sind. Dies wird als mögliche Grenzverschiebung in Relation zu bestehenden Bestimmungen analysiert – bspw. von Unterricht als im Kern pädagogischen Ordnung (Reh et al. 2011).

 

Familiale Arbeitsbündnisse? Entgrenzte Vermittlungsentwürfe in der Entschulungsbewegung

Tim Böder
Universität Duisburg-Essen

Der Beitrag greift eine grundsätzliche Fragestellung in der Relationierung zwischen familialer und schulisch-unterrichtlicher Vermittlungspraxis auf. Dazu wird als theoretischer Bezugspunkt das Modell des pädagogischen Arbeitsbündnisses gewählt, dessen interaktive Herstellung für die unterrichtliche Vermittlungspraxis als konstitutiv angenommen wird (vgl. Oevermann 1996; Helsper/Hummrich 2008). Daran anknüpfend wird gefragt, ob die Verwirklichung absichtsvoller Vermittlungsbezüge in familial-pädagogischen Generationsbeziehungen – analog zur unterrichtlichen Lehrer-Schüler-Interaktion – die situative Herstellung eines pädagogischen Arbeitsbündnisses notwendig macht.

Hierzu vorgestellt werden Befunde einer Dissertationsschrift zu Bewährungsmythen in der Entschulungsbewegung, die sich auf die objektiv-hermeneutische Rekonstruktion von narrativen Interviews mit Eltern stützen, welche sich gegen eine Beschulung ihrer Kinder entschieden haben. Gezeigt wird, wie diese Eltern die Vermittlungsaufgabe sinnstiftend entwerfen, auf welche Gegenentwürfe zum schulischen Unterricht sie rekurrieren und wie sie zugleich durchaus spannungsreich Strukturmomente schulischen Unterrichtens adaptieren. Angesichts der Befunde wird abschließend systematisiert, welche Grenzverschiebungen diesen Vermittlungsentwürfen gegenüber der unterrichtlichen Vermittlungspraxis immanent sind und welche Grenzen der familialen Vermittlungsansprüche sich darin manifestieren.

 

Grenzverschiebungen im digitalisierten Unterricht. Tablets zwischen Privatheit und Öffentlichkeit

Prof. Dr. Matthias Herrle1, Dr. Markus Hoffmann2, Juliane Spiegler2
1Bergische Universität Wuppertal, 2Universität zu Köln

Präsenzunterricht konstituiert sich durch eine spezifische Form pädagogisierter Sozialität (Ricken 2018). Innerhalb dieser gelten die individuellen Mitschriften und Arbeitsnotizen von Schüler*innen zwar als integraler Bestandteil des Formats Unterricht, die persönlichen Arbeitshefte selbst jedoch nicht als klassenöffentliche, also allen zugängliche Artefakte. In diesem Beitrag wird der Frage nachgegangen, wie durch die Nutzung von Tablets in iPad-Klassen die Grenzen zwischen Privatheit und Klassenöffentlichkeit neu kalibriert werden. Ausgangspunkt hierfür ist die Beobachtung, dass Tablets als genutzte Arbeitswerkzeuge mit veränderten Möglichkeiten der klassenöffentlichen Sichtbarmachung schüler*innenseitiger Wissensprodukte oder Produktionsprozesse verbunden sind. Im Unterschied zu anderen soziomateriellen Artefakten (Rabenstein 2018) erlauben Tablets eine direkte Einbindung visueller Indizien persönlicher Aufgabenbearbeitung in klassenöffentliche Prozesse pädagogischer Kommunikation (Proske et al. 2021).

Welche Konsequenzen damit für Praktiken der Unterrichtsgestaltung und -partizipation verbunden sind und wie sich durch sie die Konstitution und Abgrenzung von Privatheit und Öffentlichkeit im Unterricht verändert, wird in diesem Beitrag anhand von Befunden einer videographischen Untersuchung zur sozialen Organisation des Lehr-Lerngeschehens in iPad-Klassen (TabU – Tablets im Unterricht) dargestellt.

 

Unterricht als interdependenter Zusammenhang. Methodologische Überlegungen zur Re-Formulierung des Unterrichtsbegriffs der Unterrichtsforschung

Prof. Dr. Matthias Proske1, Prof. Dr. Kerstin Rabenstein2
1Universität zu Köln, 2Georg-August-Universität Göttingen

In ihren gegenstandstheoretischen Modellierungen hat die qualitative Unterrichtsforschung (UF) Unterricht als ein „Innen“ untersucht, das gegenüber einem „Außen“ abgegrenzt wurde. Die Grenzziehung erfolgte in materiell-räumlicher, zeitlicher, sozialer und sachlicher Hinsicht. Mit der so ermöglichten Fokussierung auf Unterricht als Interaktionsgeschehen (vgl. Proske et al. 2021) hat sich die UF zwar aus in Schulforschung, Lehr-Lernforschung und Allgemeiner Didaktik herausgestellten Betonungen eines „Außen“ (z.B. Funktionen, Wirkungen und normative Ziele) gelöst, damit aber zugleich anders gefasste Innen-Außen-Relationen aus dem Blick verloren. Angesichts von Tendenzen zur Verantwortung von Unterricht in Teams oder der unterrichtlichen Bedeutung von – anderswo produzierten – digitalen Technologien rücken vermehrt weitere Aktanten – jenseits der Interaktionssituation - in den Blick, die an Unterricht mitwirken. Im Vortrag wird die die UF prägende Grenzziehung daraufhin befragt, ob sie theoretisch noch haltbar bzw. empirisch fruchtbar ist. Angesichts erster Vorschläge einer transsituativen Unterrichtsforschung (z.B. Lange & Wiesemann 2019) sucht der Beitrag nach sozialtheoretischen und methodologischen Ansatzpunkten, um Unterricht als einen interdependenten Zusammenhang besser zu verstehen.

 

Datum: Dienstag, 15.03.2022
9:00 - 11:30Begrenzung von Mitsprache und Partizipation in der Wissensbildung zum Klimawandel?
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 10
 

Chair(s): Dr. David Labhart (Institut Unterstrass, Schweiz), Jana Posmek (Universität Koblenz-Landau), Dr. Barbara Pusch (Universität Koblenz-Landau), Prof. Dr. Michelle Proyer (Universität Wien)

Diskutant*innen: Pascal Bastian (Universität Koblenz-Landau)

Was, wenn nicht der Klimawandel, führt uns die vielschichtigen, teils prekären Verstrickungen von Weltverhältnissen vor Augen? Der Wandel des Klimas ist eine komplexe Angelegenheit und verdeutlicht die Verwobenheit von zeitlichen, räumlichen, disziplinären, kognitiven und (inter)generationalen Be- und Entgrenzungen.

Während die Frage nach der Relevanz des Klimawandels für die erziehungswissenschaftliche Theorie und Praxis zunehmend an Bedeutung gewinnt, blieb die Schnittstelle von Nachhaltigkeit, Partizipation und Inklusion bislang unbeleuchtet. Aus diesem Grund erörtert das Symposium an Hand von vier empirisch-qualitativen Fallstudien wie Mitsprache und Partizipation in der Wissensbildung zum Klimawandel ent- bzw. begrenzt wird.

Damit wird ein Reflexions- und Diskussionsrahmen eröffnet, der sich der Frage annimmt, welches Wissen von wem, wann, wie und warum zählt bzw. ausgegrenzt wird. Wer darf also im Theaterstück um unsere Zukunft mitspielen?

 

Beiträge des Panels

 

Eine Stimme für Stimmlose? Zum Verhältnis von Wissen(schaft) und Partizipation in der Fridays for Future-Bewegung Deutschland

Jana Posmek
Universität Koblenz-Landau

Lange Zeit wurde die Politisierung von Jugend als absent deklariert (Zajak 2020). Mit der Fridays for Future-Bewegung jedoch erlebt(e) die mediale und wissenschaftliche Wahrnehmung junger Menschen als «agents of change» (Han & Ahn 2020, 17) einen Höhepunkt.

Die Stimme Jugendlicher bezüglich des Klimawandels ist kaum mehr zu überhören. Dennoch macht die Bewegung die Begrenztheit der Teilhabemöglichkeit junger Menschen und des Klimas an politischen Entscheidungsprozessen erst sichtbar: Schüler*innen sind allein aufgrund des Wahlrechts von der Politik exkludiert – sie können, ebenso wenig wie das Klima, in der politischen Sphäre für sich sprechen. Hier erweist sich empirisch die Allianz mit Akteuren aus den Wissenschaften, wie Forscher*innen oder Studien, als bedeutsam, insofern sie als Repräsentanten dienen, welche die Belange der Streikenden politik- und sprechfähig machen (Böttger & Reitschuster 2020). Diese Allianz ist für die Aktivist*innen jedoch prekär, da ihnen das Berufen auf «geliehenes Wissen» Vorwürfe der Ahnungslosigkeit, Leichtgläubigkeit oder gar Demokratiefeindlichkeit einbringt, die mit generationalen Grenzziehungen einhergehen.

Der im Kontext eines ethnografischen Dissertationsprojektes angesiedelte Beitrag nimmt unter Rückgriff auf empirisches Material das Verhältnis von jugendlicher Partizipation und Wissen(schaft) und das damit einhergehende Ringen der jungen Aktivist*innen darum, ernstgenommen zu werden, in seiner Ambivalenz in den Blick.

 

Im Schatten der Fridays for Future-Bewegung: Überhörtes Umweltwelt- und Nachhaltigkeitswissen von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund

Dr. Barbara Pusch
Universität Koblenz-Landau

Fridays for Future (FFF), ist eine globale soziale Bewegung von Schüler*innen und jungen Menschen, die sich für möglichst umfassende, schnelle und effiziente Klimaschutz-Maßnahmen einsetzt. Mit ihren weltweiten Protesten hat die Bewegung Politik und Gesellschaft aufgerüttelt. Gleichzeitig wandelte sich damit auch das Bild der Jugend. Durch ihr Aufbegehren – insbesondere auch ihrer Initiatorin Greta Thunberg – wird der Jugend heute zunehmend umwelt- und nachhaltigkeitspolitisches Engagement zugesprochen. Einschlägige Studien zeigen jedoch, dass in unterschiedlichen Milieus nicht nur das Umwelt- und Nachhaltigkeitswissen differiert, sondern auch die Bedeutung, die dieser Thematik beigemessen wird (BMU 2018, Albert et al. 2019). Der klimapolitisch engagierten Jugend, die heute durch die FFF-Bewegung zunehmend Gehör findet (Sommer et al. 2019), steht eine breite, stille und (klima)politisch skeptische Masse gegenüber (BMU 2020). Doch was wissen und denken diese Jugendlichen über Klimawandel, Umwelt und Nachhaltigkeit? Welche Bedeutung messen sie diesem Themenkomplex zu? Und wie blicken Sie in die Zukunft?

Der vorgeschlagene Beitrag setzt an diesen Fragen an und analysiert umwelt- und nachhaltigkeitsrelevante Wissenskontexte und Zukunftsvorstellungen von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund. Die empirische Basis hierfür liefert die Pilotstudie «Mein ökologischer Fußabdruck: BNE in der interkulturellen Schule», in im Herbst 2020 in Landau/Pfalz durchgeführt wurde.

 

Nachhaltigkeit und Inklusion – Herausforderungen der Vermittlung und Erschließung von Klimawandel in inklusiven Lehr- und Lernkontexten

Prof. Dr. Michelle Proyer
Universität Wien

Ausgehend von grundlegenden Überlegungen zum Nexus Nachhaltigkeit, Klima und Inklusion (Pufé 2017, Miethlich 2019) geht der Beitrag darauf ein, wie (angehende) Lehrpersonen Herausforderungen rund um die Erschließung und Vermittlung der Komplexität des Klimawandels und andere die Nachhaltigkeit betreffende Themen navigieren, um unterschiedliche Gruppen von Lernenden (z.B. Jugendliche mit Migrationserfahrung und Behinderung) zu erreichen. Im Rahmen von zwei Fokusgruppen mit insgesamt 7 Personen (5 und 2) wurden Ende 2020 (angehende) Lehrpersonen mit und ohne Behinderung im Umfeld der Inklusiven Pädagogik zum Aufzeigen von Herausforderungen eingeladen. Mittels Situationsanalyse (Clarke et al. 2018) wurden die Ergebnisse analysiert, kontrastiert und kontextualisiert. Zentrale Ergebnisse verweisen darauf, dass sich aufgrund mangelnder Auseinandersetzung im Studium, vermeintlich nicht vorhandenen Interesses der diversen Lernenden oder ungeeigneter didaktischer Materialien (Mangel an inklusiv-didaktischen Unterlagen) für verschiedene Gruppen eine Reihe von Herausforderungen, die neben zahlreichen anderen Aufgaben im schulischen Alltag nur schwer bewältigbar sind, ergeben. Des Weiteren werden die Distanzen in der Lebensgestaltung hinsichtlich Nachhaltigkeit von Lehrpersonen selbst und Schüler*innen thematisiert.

 

Un/Vernunft in inklusiven Hochschulseminaren

Dr. David Labhart
Institut Unterstrass an der Pädagogischen Hochschule Zürich

«Weiterleben kann die Menschheit nur, wenn sie von Grund auf anders denken lernt» (Capra 1984). Mit Blick auf den Klimawandel ist die Aufforderung, die in den 1980er-Jahren als Untertitel des Buches «Wendezeit» des Physikers Fritjof Capra formuliert wurde, heute aktueller denn je. Max Horkheimer (1991) formulierte ungefähr ein Jahrzehnt früher seine «Kritik zur instrumentellen Vernunft»: Eine vernünftige Vernunft denunziert nach ihm die subjektive Vernunft – ein positivistisches Denken im Sinne eines «bloßen stumpfsinnigen Apparat zum Registrieren von Fakten» (ebd.: 72). Was in den letzten ungefähr 150 Jahren als vernünftig galt, gilt es zu Hinterfragen, um gemeinsam vernünftiger werden zu können. Die Grenze der Vernunft muss bearbeitet werden.

Als ein möglicher Ansatzpunkt zu dieser Herausforderung widmet sich der Beitrag einem Forschungsvorhaben, das die logische Intelligenz, wie sie in Intelligenztests gemessen wird, als vernünftiges Denken in Frage stellt. So wird der Frage nachgegangen, ob in inklusiven Gruppen vernünftigeres Wissen erschaffen werden kann. In Akteur-Netzwerk-theoretischer Methodologie wurden mit ethnografischer Beobachtung inklusiven Lehrveranstaltungen beigewohnt. Die ANT-Analyse ermöglicht, zu beschreiben, was in solchen Lehrveranstaltungen eine Stimme hat sowie den Spuren eines anderen Denkens nachzugehen um Reflexionen zu Intelligenz und Vernunft anzustellen.

 
14:00 - 16:00Die Kommune als Bildungsakteur? Zum Bedeutungswandel von Kommunalpolitik und -verwaltung im Bildungsbereich
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 10
 

Chair(s): Dr. Christian Brüggemann (HU Berlin, Deutschland), Björn Hermstein (Stadt Oberhausen, Deutschland), Prof. Dr. Rita Nikolai (Universität Augsburg, Deutschland)

Die kommunale Ebene erlebt in den vergangenen etwa zwei Jahrzehnten einen bildungspolitischen Bedeutungsgewinn. Konkret zeigt sich dies u. a. in der Etablierung kommunal koordinierter Bildungsnetzwerke sowie neuen Formen der Zusammenarbeit zwischen Organisationen im Bildungswesen, im Ausbau der Ganztagsschule und der Expansion kommunalen Bildungsmanagements. Ob Kommunalpolitik und -verwaltung in diesem Zuge aber strukturell näher an die pädagogischen Leistungsebenen heranrücken, sich zunehmend als „Bildungsakteure“ etablieren und damit Verschiebungen von und Zuständigkeitsgrenzen evident werden, ist ungeklärt. Die Arbeitsgruppe fragt, inwieweit die Kommunen den gestiegenen Erwartungen an ihre Rolle als eigenständiger Bildungsakteur mit umfangreicher Steuerungsverantwortung gerecht werden. Aus der Zusammenschau der Befunde lassen sich theoretisch und empirisch fundierte Rückschlüsse auf Modernisierungsgrad und -formen kommunaler Bildungspolitik und -verwaltung in Deutschland ziehen.

 

Beiträge des Panels

 

: Vernetzung von Schule und Jugendhilfe: Zur Funktion der Kommune für die Arbeit an Schnittstellen

Philipp Hackstein, Prof. Dr. Sybille Stöbe-Blossey
Universität Duisburg-Essen

In den Politikfeldern Jugendhilfe und Schule trägt die Kommune mit der Zuständigkeit für Jugendhilfe- und Schulentwicklungsplanung eine zentrale Verantwortung für die örtliche Infrastruktur. Seit Beginn der 2000er Jahre ist mit dem Aufbau regionaler Bildungsnetzwerke und eines kommunalen Bildungsmanagements eine weitere Aufwertung der kommunalen Ebene festzustellen. Mit der „Aachener Erklärung“ des Deutschen Städtetages wurden diese Entwicklungstrends aufgegriffen: „Die Städte sollten Bildung als zentrales Feld der Daseinsvorsorge noch stärker erkennen und ihre Gestaltungsmöglichkeiten nutzen. Leitbild des Engagements der Städte ist die kommunale Bildungslandschaft im Sinne eines vernetzten Systems von Erziehung, Bildung und Betreuung.“ (Deutscher Städtetag, 2007) Damit werden die Schnittstellen zwischen Schule und Jugendhilfe adressiert und ein Verständnis von Bildung als Element der Daseinsvorsorge postuliert. Somit ist die Aachener Erklärung ein Meilenstein für eine stärkere, kommunal organisierte Vernetzung von Schule und Jugendhilfe.

Der Beitrag basiert auf einer Querauswertung mehrerer und analysiert, wie die Vernetzungsfunktion der Kommune gestaltet wird. Dabei wird davon ausgegangen, dass die Kommunalverwaltung (Mesoebene) eine Vermittlungsfunktion zwischen den Rahmenbedingungen (Makroebene) und der konkreten Arbeit von Lehrkräften und Fachkräften der Jugendhilfe in der einzelnen Schule (Mikroebene) einnimmt.

 

Form ohne Gehalt? Zum Verhältnis von Infrastrukturgestaltung und Gesellschaftlichkeit im kommunalen Bildungsmanagement

Prof. Dr. Stephan Maykus
Hochschule Osnabrück

Aktuell etablieren Kommunalverwaltungen – so die These – ausgeprägt lebensweltabgewandte Rationalitätsformen, um ihren Anspruch auf die eigenständige Gestaltung von Bildungsinfrastrukturen zu untermauern. Kommunale Eigenständigkeit zieht als Maßstab Instrumente selbstreferentieller Steuerung nach sich, die ohne Klärungen ihrer Bedeutung und ihres Gegenstandes auskommen: und das ist Pädagogik als Praxis der Förderung von Bildungsprozessen. Stattdessen – und das möchte dieser Beitrag gesellschaftstheoretisch begründen (Habermas 1981) – ist kommunale Eigenaktivität zwischen System und Lebenswelt das passendere Gestaltungsziel, weil es Bildung erziehungswissenschaftlich als Gemeinwohldimension berücksichtigt und Strukturen raumreferentieller und sozial wirksamer Handlungskoordinierungen nach sich zieht. Das Bild einer durchsteuernden Administration mit kompetenzbezogener Eigenständigkeit weicht dann dem einer hörenden und antwortenden Administration, die aktive Äußerungsweisen kommunaler Gesellschaftlichkeit in Stadtteilen und Gemeinden fördert, aufnimmt und strukturbildend gestaltet. Die Bedeutung der Kommunalverwaltung für die Gestaltung von Bildungsangeboten lässt sich demnach an ihrer Rolle zur Eröffnung von Kommunikation in kommunalen Öffentlichkeiten bestimmen und in dem Maß, wie sie dabei Bildung als gesellschaftlichen Modus der Integration zwischen System und Lebenswelt versteht sowie ihre systemisch geprägten Instrumente, Formen und Arbeitsstrukturen hierauf abstimmt.

 

Veränderung der Schulinfrastruktur und kommunale Schulpolitik in Bayern und Baden-Württemberg: Handlungsoptionen und Koordination bei engen Spielräumen

Prof. Dr. Stefan Immerfall1, Prof. Dr. Rita Nikolai2
1PH Schwäbisch-Gmünd, 2Universität Augsburg

Dieser Beitrag beleuchtet die Handlungsfelder, den rechtlichen Rahmen und die zentralen Akteure kommunaler Bildungspolitik in den Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg. Aus einer policy-orientierten Perspektive (Bogumil & Jann, 2020) wird der Beitrag die Handlungsspielräume und -optionen kommunaler Schulpolitik am Beispiel zweiter Kommunen in beiden Bundesländern untersuchen (Augsburg/Bayern und Schwäbisch Gmünd/Baden-Württemberg). Als bildungspolitisches Handlungsfeld konzentriert sich der Beitrag auf die Entwicklungen der Schulinfrastruktur öffentlicher und privater Schulen, basierend auf Analysen einer Schulenkarte( http://schulenkarte.wzb.eu/). Basis der anschließenden Analyse sind bildungspolitische Dokumente, die mit der qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet werden. Um die Handlungsspielräume der Kommunen in beiden Bundesländern zu bestimmen, werden zunächst die Vorgaben in Schulgesetzen in beiden Bundesländern für den Zeitraum nach 2000 bis heute berücksichtigt. Für die Kommunen (zum Teil auch zugehörige Kreise) werden sodann bildungspolitische Themensetzungen (z. B. Infrastrukturmaßnahmen, Förderprojekt) und -konflikte (z. B. um Schulsprengel) analysiert. Herangezogen werden neben Interviews, teilnehmender Beobachtungen (Bildungsausschüsse, kommunale Bildungskonferenz und Fachtagungen) und die kommunale Bildungsstatistik. Überdies werden Presseberichterstattungen zur Schulinfrastruktur in zwei Lokalzeitungen (Augsburger Allgemeine, Rems-Zeitung) berücksichtigt.

 

Kommunale Bildungspolitik im Wandel?

Dr. Christian Brüggemann1, Björn Hermstein2, Prof. Dr. Rita Nikolai3
1Humboldt-Universität Berlin, 2Stadt Oberhausen, 3Universität Augsburg

Der kommunalen Ebene werden zunehmend Steuerungskompetenzen im Bildungsbereich zugeschrieben (e. g. BMBF 2015). Trotz einer Vielzahl an Begleitforschungen zu Projekten und Programmen ist ungeklärt, ob und inwiefern die neuen Aktivitäten in den tradierten Strukturen kommunaler Bildungsverwaltung und -politik produktiv aufgegriffen und verhandelt werden, also bildungsbezogene Entgrenzungen in den kommunalen Systemen fördern.

Um dieses Desiderat zu bearbeiten wird die Ebene kommunaler Bildungssystemgestaltung unter einer Institutionalisierungsperspektive untersucht. Der Beitrag analysiert hierzu mit einem kommunalen Schulausschuss eine zentrale Arena der institutionalisierten Konfrontation von Bildungsverwaltung und –politik. Im Rahmen einer Fallstudie zu einer kreisfreien Großstadt in NRW wird anhand einer inhaltsanalytischen Auswertung aller Schulausschussprotokolle der Jahre 2004 bis 2020 untersucht, ob sich Themen und Formen der Ausschussarbeit verändern. Gefragt wird erstens, inwiefern sich mit dem Aufkommen neuer Managementtechniken ein verändertes Selbstverständnis und gewandelte Aufmerksamkeiten für pädagogische Fragen seitens der kommunalen Bildungspolitik und -verwaltung feststellen lassen, zweitens, ob die kommunalpolitischen Verfahren und Entscheidungen im Zeitverlauf inhaltlich variieren und ob diese (drittens) stärker als zuvor durch Referenzen aus Bildungsmonitoring und -management beeinflusst werden. Die Inhaltsanalyse ist quantitativ und qualitativ angelegt.

 

Datum: Mittwoch, 16.03.2022
9:30 - 11:30Zwischen diskursiver Grenzziehung und Widerstand. Subjektivierungsanalytische Perspektiven auf schulische Anrufungen.
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 10
 

Chair(s): Anne Otzen (Universität Bremen, Deutschland), Marie Hoppe (Universität Bremen), Saskia Terstegen (Goethe-Universität Frankfurt am Main), Svenja Strauß (Georg-August-Universität Göttingen)

Gegenstand des Forschungsforums bilden subjektivierungsanalytische Perspektiven auf die Schule, dort beobachtbare normative Ordnungen und Widerstände. Die Einzelbeiträge diskutieren Ergebnisse aus aktuellen Dissertationsprojekten, deren gemeinsamer Fluchtpunkt eine subjektivierungstheoretisch informierte Perspektive auf Anrufungsprozesse in der Schule bildet. Anhand von verschiedenen Materialsorten und Forschungsgegenständen wird empirisch herausgearbeitet, wie Schüler*innen sich zu Anrufungen in unterschiedlichen schulischen Kontexten auf widerständige Weise in ein Verhältnis setzen. Das Forschungsforum widmet sich dabei folgenden Fragen: Wie und über welche Praktiken rufen die pädagogischen und gesellschaftlichen Ordnungen die jeweiligen Subjekte an? Wie sind diese Anrufungen von Macht- und Herrschaftsverhältnissen durchzogen und welche Ausschlüsse (re-)produzieren sie? Welche widerständigen Praktiken lassen sich in diesen ‚umwendenden‘ Verhältnissetzungen identifizieren?

 

Beiträge des Panels

 

Rassifizierte Subjekte? Anrufungen und Widerstände am schulischen Ort der Diskursproduktion

Saskia Terstegen
Goethe-Universität Frankfurt am Main

Der erste Beitrag fokussiert auf diskursive Praktiken im schulischen Kontext, in denen Schüler*innen als rassifizierte Subjekte angerufen werden. Die Schule wird dabei als Ort der Diskursproduktion verstanden, an dem Rassismus als gesellschaftliches Verhältnis (Rommelspacher, 2009) wirksam und über je spezifische ,Konjunkturen‘ (Bojadžijev, 2008) (re-)produziert wird. In Rückgriff auf ethnographische Daten, die an einer US-amerikanischen Highschool erhoben wurden, wird eine materialübergreifende Analyse der Praktiken präsentiert. Ausgehend von einer subjektivierungstheoretischen Perspektive werden die rekonstruierten rassifizierenden Anrufungen als machtvolle Prozesse aufgefasst, zu denen die Schüler*innen sich gleichermaßen affirmativ wie widerständig verhalten. Der Beitrag kann dabei zeigen, wie diese In-Verhältnissetzungen der Schüler*innen zu den Anrufungen als Widerstand begriffen werden können und unter welchen spezifischen Bedingungen Widerstand gegen rassifizierende Anrufungen in schulischen (Macht- und Herrschafts-)Verhältnissen möglich wird. Die diskurs- und machtanalytische Betrachtung (Hall, 2017) ermöglicht es, sowohl die in Rassifizierungen produzierten Ausschlüsse als auch Potenziale und Grenzen der Irritation zugrundeliegender schulischer Differenzordnungen herauszuarbeiten, auf die die analysierten Schüler*innenpraktiken verweisen.

 

Zwischen(-)Spiel und Subversion? Subjektivierungsanalytische Perspektiven auf Ironie im Unterricht.

Anne Otzen
Universität Bremen

Im Zentrum des zweiten Beitrags stehen ironische Adressierungen aus dem Schulunterricht. Ausgehend davon, dass ironische Anrufungen mit diskursiven Bedeutungen spielen, ist es Ziel des Vortrags zu zeigen, wie Lehrpersonen und Schüler*innen sich über Ironie zu spezifischen normativen Anrufungen des schulischen Alltags positionieren. Ironie als Modus, der Dinge zu Sprache kommen lässt, die ohne ein Augenzwinkern problematisch wären, tangiert die Grenzen des Sagbaren und ist pädagogisch dann problematisiert, wenn das Gegenüber durch entgrenzende Kommentare exponiert wird. Doch bieten ironische Bezugnahmen auch die Möglichkeit sich uneindeutig zu vorherigen Anrufungen zu positionieren und diese somit für sich zu wenden. Ziel des Beitrags ist es anhand von Transkripten aus dem Unterricht zu rekonstruieren, wie in diesem Modus die schulischen Ordnungen und Praktiken gewendet und verschoben werden und wie Ironie eine Spielweise darstellt sich anders bzw. weniger determiniert zu entwerfen. Leitend für die Untersuchung ist ein adressierungsanalytischer Ansatz, der danach fragt, wie jemand über eine ironische Re-Adressierung in ein spezifisches Verhältnis zu Normen, Positionierungen und sich selbst gesetzt und dadurch zu jemanden gemacht wird, der_die sich wiederum - ggf. ironisierend - zu diesen Re-Adressierungen verhält (vgl. exempl. Ricken et al. 2017).

 

Subjektwerden in der nationalen Schule. Marginalisierung und Handlungsfähigkeit in biographischer Perspektive

Marie Hoppe
Universität Bremen

Der dritte Beitrag richtet den Blick auf Subjektivierung unter Bedingungen natio-ethno-kulturell codierter In- und Exklusionsverhältnisse im Nationalstaat, für deren Aushandlung die Institution Schule ein zentraler Ort darstellt. Empirische Grundlage des Vortrags stellen schulbildungsbiographische Selbstauskünfte kurdisch positionierter Frauen in der Türkei dar. Der biographische Forschungszugang erlaubt es nicht nur, retrospektive Ins-Verhältnis-Setzungen zu sozialen Normen der Anerkennbarkeit zu re-konstruieren, sondern ebenfalls zu zeigen, als welche Subjekte die Befragten im (schulbildungs-)biographischen Sprechen (nicht) entstehen (können). Gerade die Re-Konstruktion widerständiger Umwendungen auf Anrufungen fordert dabei zu Rückfragen an die Theorie auf: Wie privilegiert positioniert muss ein Subjekt sein, um über Resignifizierungen handlungsfähig zu werden? Welcher Widerstandsbegriff lässt sich sinnvoll für Subjekte anlegen, deren Subjektsein durch gesellschaftliche Ordnungen und deren schulische Artikulationen massiv restringiert wird? Im Beitrag wird somit auch diskutiert, welche Praktiken schon bzw. noch als Widerständigkeit gegen soziale Normen gelten und (normativ) anerkennbar sind.

 
14:00 - 16:00Teacher agency in times of shifting boundaries: case insights from Argentina, Armenia and Germany
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 10
 

Chair(s): Sonia C. Schaefer (Humboldt Universität zu Berlin, Germany), Maria Belen Sanchez (Universidad de San Andrés), Hasmik Kyureghyan (University College London, Institute of Education), Zhanna Gevorgyan (Humboldt University of Berlin)

The four research projects reunited in this working group share a focus on the professional practice of secondary school teachers, each addressing a specific thematic area that is central to our times: digitalisation, gender sensitization, interdisciplinary curricula and self-managed professional development. They offer case insights from schools in Argentina, Armenia and Germany, displaying a common interest for understanding how teachers are able to do teacher agency in the contemporary world. From qualitative methodological perspectives, they aim at reconstructing teacher practice in the face of new demands and opportunities that imply the transcending of boundaries of the realm of the teaching profession.

The composition of this working group also serves as a platform for inter-cultural academic exchange, becoming an arena for exploring broader issues related to how teachers deal with shifting demands, redefine borders related to their profession and redesign their roles.

 

Beiträge des Panels

 

Shaping inclusion in times of digital education: teachers´ experience in Berlin schools

Sonia C. Schaefer
Humboldt Universität zu Berlin

It has often been stated that Germany presents a comparative delay in its efforts to update its school system in terms of digitalisation. Still, it has long been on the top of the agenda, and fostered in the form of an extensive funding policy. Furthermore, the process of digitalisation in schools has been drastically boosted through the school closing measures taken during 2020 and 2021 to mitigate the COVID-19-pandemic effects. The sum of these events has significantly increased the relevance of researching digitalisation in schools, especially how teachers deal with the fast changing pace of demands and expectations placed on them and their profession, without neglecting already established demands such as ensuring inclusion and participation for all students. As teachers strive to adapt to the characteristics and conditions of digital education, the challenges and opportunities they face might tell us a lot about the way we understand education in general. For my doctoral thesis I conducted narrative interviews with 20 teachers at five secondary schools in Berlin, asking them about their experience related to teaching in the context of digitalisation and how they shape and understand inclusion. I will present first interpretive findings and - through the methodological lense of the praxeological sociology of knowledge and the documentary method - offer these case insights to contribute to the discussion around the redefinition of borders of the teaching profession.

 

Shifting boundaries in the secondary education curriculum: the enactment of interdisciplinary teaching in Buenos Aires schools

Maria Belen Sanchez
Universidad de San Andrés

Within a secondary education curriculum that organizes school knowledge into separate discipline-based compartments, the call for some degree of interdisciplinary teaching is widespread among curriculum reform policies in Argentina and worldwide. Enacting such changes implies challenges in terms of teacher preparation (which is discipline-based) and job structure (individual and subject matter-based). This paper explores how teachers addressed by these policies do interdisciplinary teaching, both inside and outside the classroom. That is, how school actors enact curriculum integration in terms of the organizational arrangements they make, the knowledge (re-)configurations they build and the teaching practices they design and develop, within schools already challenged by multiple demands and among the complex conditions in which teaching takes place nowadays. The presentation will analyse a set of 10 exploratory interviews conducted with teachers in Buenos Aires, in a pre-fieldwork exploratory phase. This is part of my doctoral research, based on the perspective of policy enactment, as opposed to the implementation perspective, focused on assessing correspondence or deviation between what the policy prescribes and what schools do. Instead, I am interested in understanding the interpretive processes involved in the enactment of interdisciplinary teaching, as well as their effects in terms of the type of knowledge and learning experiences made available to students.

 

Exploring teacher learning and professional agency in the context of a bottom-up professional development in Armenia: the perspectives and implications

Hasmik Kyureghyan
University College London, Institute of Education

This paper explores emerging bottom-up approaches to teacher professional development (TPD) offering depth by investigating how this ‘emerging new paradigm to teacher PD’ contributes to teachers’ learning and the extent to which it fosters teachers’ professional agency within the Armenian context of traditional approaches to teacher education. It is important when the learning needs are identified by the teachers as of importance to themselves as individual professionals which is often an overlooked aspect of PDs. Particularly in countries like Armenia continuous professional development is done through traditional approach ‘one size fits all’ standardised provision which does not take account of teachers’ existing knowledge, experience and needs. ‘Teachers’ professional agency is considered a capacity that prepares the way for the intentional and responsible management of new learning, both at an individual and community level. This concept includes using others intentionally as a resource for learning and, equally, serving as a support for them. While within this study the agency is seen more than a capacity, the capacity is important in enabling agency to emerge. The paper will analyse semi-structured interviews conducted with teachers who took part in the bottom-up TPD as presenters.

 

The teaching of gender-sensitive sexuality education: the case of Armenian public schools

Zhanna Gevorgyan
Humboldt Universität zu Berlin

Over the last several years, a paradigm shift in gender politics has led to many countries incorporating gender discussions into their sexuality education curricula. This paper offers a detailed investigation of the provision of sexuality education in relation to gender by focusing on the discourses and perspectives of teachers at Armenian public schools. Although this research focuses on Armenian sexuality education, it provides a foundation for discussing the crucial but challenging questions sexuality educators are dealing with worldwide. It examines the unique hurdles to exploring gender sensitive issues in a country where traditional gender roles predominate.

One of the main objectives of this research is to detail how sex educators in Armenia respond to discrepancies between the mainstream beliefs which reinforce unequal gender relations in society, and the course content of equal gender roles they are obliged to teach. This qualitative study used participant observations at two Armenian public schools during January and February 2018, when the subject of “Healthy Lifestyle” is taught. The data was analysed using documentary method - a well established method in the analysis of group and classroom discussions. This answered the research questions: How is knowledge of gender produced? How do physical educators deal with the traditional gender roles when teaching gender-equal lessons?