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Sitzungsübersicht
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 07
910 4494 2285, 855189
Datum: Montag, 14.03.2022
11:30 - 13:00Poster-Cluster: Digitale Lehre/ Mediendidaktik
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 07
Chair der Sitzung: Prof. Karsten D. Wolf, Universität Bremen

In diesem Cluster werden sieben Poster vorgestellt, davon ein englischsprachiges und sechs deutschsprachige Poster.

 

Eye-Viewing als ethnographische Variante der Erhebung medienbezogener Praktiken von Lehrer*innen. Method(-olog)ische Überlegungen aus dem Projekt EduGraphie.

Dr. Isabel Neto Carvalho, Carina Troxler, Prof. Dr. Mandy Schiefner-Rohs

TU Kaiserlautern, Deutschland

Der Einsatz digitaler Medien durch Lehrer*innen wird derzeit breit und vor allem mit Bezug zur pandemiebedingten „Zuhause-Schule“ erforscht (vgl. Fickermann und Edelstein, 2020, 2021). Wie genau Lehrer*innen medienbasiert handeln und welche Praktiken sich im Zusammenspiel mit Technologie entwickeln, ist jedoch bisher noch unzureichend geklärt. Das Projekt EduGraphie untersucht daher ethnographisch und aus praxistheoretischer Perspektive (vgl. Reckwitz, 2003; Schatzki et al., 2001) pädagogische Praktiken des Medienhandelns von Lehrer*innen in situ und actu. Ziel ist es, mit den erhobenen Daten in Form von Video- und Audioaufzeichnungen, Beobachtungsprotokollen und Fotos alltägliche mediale Praktiken von Lehrer*innen zu rekonstruieren und damit empirische Aussagen zu aktuellen Transformationsprozessen von Schule und Unterricht treffen zu können.

Damit zusammenhängend erprobt das Forschungsprojekt auch neue Praktiken der ethnographischen Datenerhebung. Das Erkenntnisinteresse richtet sich nicht nur auf die technische Seite der Datenerhebung, sondern auch auf ein methodologisches Weiterdenken von Ethnographie als Forschungsmethode unter Bedingungen zunehmender Digitalisierung. Ethnographie gilt in der Schulforschung als „unsicheres Terrain“ (vgl. Heinzel et al., 2010), weil die Notwendigkeit besonders groß ist, sich vom doch sehr vertrauten Gegenstand in besonderem Maße zu befremden. Gleichzeitig soll das Feld durch die Anwesenheit der Forscher*innen möglichst wenig irritiert werden. Insbesondere die Weiterentwicklung von mobilen Aufzeichnungsinstrumenten wie Eye-Tracking ermöglicht neue Perspektiven auf Praktiken. Konnte mittels Videographie bisher v.a. das Sprechen, Interagieren und Handeln von Akteur*innen sichtbar gemacht werden, kann das durch Eye-Tracking entstandene Video die Blicke der Akteur*innen aufzeichnen.

Mit dem Poster möchten wir diese Methode des Sichtbar-Machens des Sehens, welche wir als Eye-Viewing bezeichnen (Nutzung von Eye-Tracking unter der Prämisse videoethnographischer Zugänge; z. B. Mohn, 2018) vorstellen und zur method(olog)ischen Diskussion an den Grenzen der Ethnographie anregen.



Potenziale, Dysfunktionalitäten und die Relevanz von data literacy von Lehrpersonen bei datengestützten pädagogischen Entscheidungen im Kontext digitaler Innovationen

Sarah Bez1, Samuel Merk2

1Universität Tübingen; 2Pädagogische Hochschule Karlsruhe

Wie in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen hält auch die Digitalisierung mehr und mehr Einzug in Schule und Unterricht. Sie macht, im Sinne einer Entgrenzung, unter der Voraussetzung der Maschinenlesbarkeit der Daten deren Verfügbarkeit, Transformation und Teilbarkeit überhaupt möglich bzw. sehr einfach und erlaubt zudem die Aggregation, Transformation und Verknüpfung von Daten (z.B. von Lernprozess- und Leistungsdaten). Für datengestützte pädagogische Entscheidungen (data-based decision-making) ergeben sich so vielversprechende Möglichkeiten, da der Datennutzung und darauf basierenden Entwicklung von Schule und Unterricht erhebliches Potenzial zur Adressierung aktueller Herausforderungen zugeschrieben wird (Tempelaar et al., 2015). Allerdings garantiert die gute technische Verfügbarkeit von Daten und ihre potenzielle Informativität allein noch nicht ihre gewinnbringende Nutzung und es stellt sich die Frage nach möglichen Dysfunktionalitäten (Schildkamp, 2019). Diese Überlegungen führen zur zentralen These dieses konzeptuellen Beitrags: Um die Potenziale für datengestützte pädagogische Entscheidungen, die mit der Digitalisierung im Bildungswesen einhergehen, ausschöpfen und potenzielle dysfunktionale Wirkungen verhindern zu können, sind die Kompetenzen der Lehrkräfte im Umgang mit Daten (data literacy) eine notwendige Voraussetzung. Der Beitrag fokussiert dabei insbesondere das Potenzial der Digitalisierung für die individuelle Förderung fachlichen Lernens im Unterricht. Denn das Konzept der individuellen Förderung kann sowohl in der bildungspolitischen Diskussion als auch in der bildungswissenschaftlichen Forschung als ein breit diskutiertes aktuelles Konzept gelten, gerade auch im Kontext der Digitalisierung.

Im Beitrag werden zunächst Begriffsklärungen vorgenommen und zentrale Modelle des data-based decision-making skizziert. Dann wird das Konstrukt data literacy definiert, von anderen Konstrukten abgegrenzt und anhand des Forschungsstandes die notwendigen Voraussetzungen von Lehrpersonen für gelingendes data-based decision-making dargestellt. Anschließend wird das Potential aktueller digitaler Innovationen (technologiebasiertes formatives Assessment und Dashboards) für eine verstärkte Realisierung individueller Förderung exemplarisch analysiert und illustriert, welche zentrale Rolle die data literacy der Lehrpersonen für deren Gelingen und die Verhinderung von potenziellen dysfunktionalen Wirkungen auf Lernende spielt. Perspektiven für weitere Forschung werden als Ausblick formuliert.



Unterrichtliches Medienhandeln von Lehrpersonen zwischen normativen Erwartungen und habitueller Handlungspraxis

Andreas Dertinger

Friedrich Alexander Universität Erlangen-Nürnberg, Deutschland

Die Medienkompetenzförderung ist fester Bestandteil des Aufgabenprofils von Lehrkräften in einer mediatisierten und digitalisierten Gesellschaft (KMK 2017). Im medienpädagogischen Diskurs wird die Professionalisierung von Lehrpersonen primär kompetenztheoretisch begründet (Blömeke 2000; Knaus et al. 2018). In der Erziehungswissenschaft weisen strukturtheoretische Professionsansätze allerdings auf die Notwendigkeit hin, auch strukturelle Bedingungen und daraus resultierende Ambivalenzen in der Professionalisierung zu berücksichtigen (Helsper 2021). Um eine routinierte, professionelle Handlungspraxis zu ermöglichen, wird die habituelle Bewältigung dieser Ambivalenzen als essentiell angesehen (ebd.). Auch in der Medienpädagogik wird die Bedeutung des Habitus für das medienpädagogische Handeln diskutiert (Kommer 2010). Hierbei erfolgte bislang aber noch keine Auseinandersetzung mit dem Wechselverhältnis von normativen Erwartungen und habituellen Orientierungen, welche die habituelle Praxis unterrichtlichen Medienhandelns prägen (Bohnsack 2017). In der Posterpräsentation wird ein Dissertationsprojekt in der Endphase vorgestellt, welches diesem Desiderat nachgeht. Hierfür wurden zwölf Interviews mit Lehrkräften zum Einsatz digitaler Medien im Unterricht geführt und mit der Dokumentarischen Methode ausgewertet (Nohl 2017). Das Sample setzt sich aus Lehrpersonen der Sekundarstufe (Mittelschule, Realschule, Gymnasium) zusammen und wurde ausgehend von der Berufserfahrung und der Erfahrung bei der Nutzung digitaler Medien kontrastiert. Die verwendete Metatheorie der Praxeologischen Wissenssoziologie ermöglicht es, das Verhältnis zwischen Normen und Habitus empirisch zu erfassen (Bohnsack 2017). In den Ergebnissen zeigt sich, dass dieses für die medienpädagogische Handlungspraxis von Lehrpersonen bedeutsam ist. Bei den rekonstruierten Verhältnissen konnte zwischen Spannungs- und Passungsverhältnissen zwischen Norm und Habitus unterschieden werden (Geimer & Amling 2019). Davon ausgehend wurden vier Typen unterrichtlichen Medienhandelns rekonstruiert, die je spezifische Strukturen von Norm und Habitus besitzen. Die hieraus resultierende Möglichkeit das Wechselverhältnis zwischen habituellen Orientierungen und normativen Erwartungen beim professionellen Handeln von Lehrpersonen im Umgang mit digitalen Medien differenziert zu beschreiben, erweitert den vorwiegend kompetenztheoretisch ausgerichteten Diskurs über die medienpädagogische Professionalisierung von Lehrkräften.



Förderung von digitalisierungsbezogenen Kompetenzen in der sprachlichen Bildung

Cedric Lawida, Janna Gutenberg, Dr. Christoph Gantefort

Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache, Deutschland

Nicht zuletzt im Zuge der pandemiebedingten Schulschließungen wurde die Relevanz der Förderung digitalisierungsbezogener Kompetenzen bei (angehenden) Lehrkräften deutlich. Anhand des etablierten mediendidaktischen Modells TPACK (Mishra & Koehler 2006) lassen sich Kompetenzen zur Gestaltung digitalen Unterrichts beschreiben und fördern. Das Modell fokussiert dabei das Wissen über die Verwendung digitaler Medien ganzheitlich und flexibel im engen Zusammenspiel mit pädagogischem Wissen und inhaltlichem Fachwissen von Lehrkräften. Die Konkretisierung der genannten Wissensbereiche wurde für viele Fächer (z. B. Biologie, Mathematik, o. Musik) vorgenommen und entsprechende Interventionsstudien zur Lehrkräfteprofessionalisierung durchgeführt. Trotz der Relevanz der sprachlichen Bildung für das fachliche Lernen (z. B. Reiss et al. 2019) blieb dieser für alle Fächer relevante Querschnittsbereich bisher unberücksichtigt. Diese Forschungslücke greift unser Forschungsvorhaben auf. Das Poster fasst erste Ergebnisse eines Lehrforschungsprojektes zusammen, das im Rahmen des DaZ-Moduls an der Universität zu Köln in Verknüpfung mit einem Projekt der Qualitätsoffensive Lehrerbildung (ComeIn NRW) durchgeführt wird. Die Studie ist als Quasi-Experiment mit adaptierten Fragebögen zur TPACK-Selbsteinschätzung im Prä- und Postvergleich angelegt. Sie fokussiert die Frage, inwiefern die in der Lehrveranstaltung angebotenen Lerngelegenheiten digitalisierungsbezogene Kompetenzen der Studierenden im Kontext sprachlicher Bildung mit Blick auf die Unterrichtsgestaltung verbessern.



Welche Bedeutung hat der Einsatz digitaler Medien für die wahrgenommene Veränderung des beruflichen Handelns? Der vermittelnde Effekt von Qualitätsmerkmalen in Online-Fortbildungen

André Meyer1, Juliane Kowalski2, Prof. Dr. Marc Kleinknecht2, Prof. Dr. Dirk Richter1

1Universität Potsdam, Deutschland; 2Leuphana Universität Lüneburg, Deutschland

Aufgrund der COVID-19-Pandemie wurden Präsenz-Fortbildungen für Lehrkräfte zuletzt vermehrt als Online-Veranstaltungen durchgeführt. Untersuchungen von Präsenz-Fortbildungen zeigen, dass sich qualitativ hochwertige Veranstaltungen u.a. durch eine klare Strukturierung und der kognitiven Aktivierung der Teilnehmenden auszeichnen (Darling-Hammond, Hyler & Gardner, 2017). Untersuchungen von Online-Fortbildungen für Lehrkräfte geben Hinweise darauf, dass sich diese Merkmale auch auf Online-Angebote übertragen lassen (Lipowsky & Rzejak, 2021). Dies bringt uns zu der Annahme, dass es unabhängig vom durchgeführten Kontext insbesondere inhaltliche und strukturelle Merkmale von Fortbildungsveranstaltungen sind, die beeinflussen, wie gut Lehrkräfte im Rahmen von Online-Fortbildungen lernen. Aus diesem Grund gehen wir der Frage nach, in welchem Ausmaß digitale Medien in Online-Fortbildungen eingesetzt werden und inwiefern der Einsatz dieser Medien mit Qualitätsmerkmalen von Fortbildungen einerseits und dem beruflichen Handeln von Lehrkräften andererseits einhergeht.

Die Datengrundlage bildet eine online-basierte schriftliche Befragung von N = 257 Lehrkräften aus Brandenburg, die etwa vier bis sechs Wochen vor der Befragung eine Online-Fortbildung besucht hatten. Die Ergebnisse der durchgeführten Mediationsanalysen zeigen, dass in den besuchten Online-Fortbildungen ganz unterschiedliche Medien zum Einsatz. Als Indikator der Vielfalt der eingesetzten Medien wurde die Summe der in der Fortbildung verwendeten digitalen Medien ermittelt und in den Strukturgleichungsmodellen verwendet. Die Ergebnisse in Abbildung 1 zeigen, dass die Anzahl der verwendeten Medien positiv mit den Qualitätsmerkmalen (kognitive Aktivierung und Strukturierung) der Fortbildung zusammenhängt. Die Qualitätsmerkmale weisen wiederum einen positiven Zusammenhang mit der wahrgenommenen Veränderung des beruflichen Handelns auf. Somit lässt sich ein indirekter Zusammenhang zwischen der Anzahl der eingesetzten Medien und der Veränderung des beruflichen Handelns ermitteln. Ein direkter Zusammenhang zwischen der Zahl der Medien und der Änderung des beruflichen Handelns war im Mediationsmodell nicht nachweisbar.

Trotz des querschnittlichen Charakters der Untersuchung deuten die Ergebnisse darauf hin, dass ein vielfältiger Medieneinsatz und ausgewählte Qualitätsmerkmale miteinander in Beziehung stehen und dass letztere bedeutsam für die Wirksamkeit von Online-Fortbildungen zu sein scheinen. (2492 Zeichen)



The Media Maturity Matrix: Assessing educator´s attitudes and practice for “Medienbildung” in the digital age in three dimensions (learning goal, developmental stage, type of medium)

Benjamin Streit

Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft, Deutschland

An innovative survey tool was developed for the MünDig study (2019), an online survey conducted among German progressive education-oriented settings (Montessori, Waldorf and Nature education kindergartens and schools) (n=1390 teacher/educators, n=5799 parents, n=417 students). Unlike existing models (e.g. the technology acceptance model (TAM) (Köhler et al., 2014)) that record only the use of digital media in educational institutions, this tool differentiates between analogue and digital media, the objectives for which the respective medium is used (to produce and present, use and apply, problem solving and modeling, search for information/investigate, analyze and reflect, communicate and cooperate) and the stage of development of the child (represented by age). This leads to a classification in a three-dimensional matrix which we call Media Maturity Matrix (MMM). For this purpose, the study worked with examples presented in text accompanied by graphic representation, to which the interviewed professionals, parents and students could assign an entry age and the age up to which this activity appears reasonable with a specially created double slide rule to keep the time needed to participate in the survey limited low in spite of the high complexity. MMM can be used in two ways: Firstly, to investigate the question which type of medium is considered suitable for which purpose/learning goal at what age/developmental stage, extending existing models of “technology acceptance” (like TAM) by measuring an “attitude towards tools for education in the digital age”. Secondly it also can be used as a tool to easily document the current practice in the educational institution in detail. The first, attitude-related version of MMM can be used by parents, teachers and older students. MMM could be used to describe both practice and attitudes of educational professionals outside the target group of the MünDig study in the future. We also conducted a follow up study (MünDig-II) in spring 2021 with 70 teachers from the original sample, so that we can look for changes in practice and attitudes. This is particularly interesting in view of the fact that the survey period of MünDig was before Corona, while MünDig-II was conducted in the middle of the pandemic, which in any case suggests changes in practical implementation. A description of the MMM tool plus selected results from the MünDig studies as part of a PhD project will be presented. Potentials for using the MMM in other settings will be also discussed (for example a follow up study with representatives of all kinds of educational institutions).



Performanzbasierte Simulationsmethoden in virtuellen Umwelten

Julia Fecke, Dr. Lars Müller, Prof. Dr. Edith Braun

Justus-Liebig-Universität Gießen, Deutschland

Die Digitalisierung erzeugt einen hohen Druck auf die Modernisierung der Lehrkräfteausbildung. Einhergehend mit einer solchen Modernisierung geraten die Entwicklung innovativer Lehr-Lern-Formate verstärkt in den Fokus, welche auf die individuellen Bedürfnisse dieser Zielgruppe angepasst sind. Ferner zeigen Analysen zur Studienzufriedenheit von Lehramtsstudierenden, dass insbesondere der Fehlende Praxisbezug bemängelt wird. Vorliegendes Abstract greift diese Aspekte auf und stellt ein Lehr-Lern-Format vor, bei dem performanzbasierte Simulationen (Braun et al., 2018) zur Erhöhung der Handlungsfähigkeit von Studierenden in virtuellen Lernumwelten durchgeführt wurden. Innerhalb dieser virtuellen Welten interagieren Lehramtsstudierende mittels eines Avatars, sodass nonverbale Kommunikation bei diesem Format entfällt und die Studierenden sich ungehemmt ausprobieren können (vgl. Kunze, Mohr & Ittel, 2016).

In einem experimentellen Design (ca. 25 Studierende pro Gruppe) wurde die Nutzung von avatar- und videokamerabasierten Interaktionen verglichen. Die Stichprobe stellen Lehramtsstudierende des allgemeinen und beruflichen Lehramts dar. Es wird u.a. überprüft, inwiefern durch die virtuelle Durchführung der Simulationen eine Übertragung der gewonnenen Fertigkeiten auf die Realität möglich ist. Bei der Simulation wurden kommunikative Kompetenzen im virtuellen Raum erprobt. Das Gegenüber stellten von Schauspieler*innen simulierte Schüler*innen oder Kolleg*innen dar.

Neben quantitativen Analysen (basierend auf Fremdeinschätzungen anhand eines Beobachtungsbogens und Selbsteinschätzungen anhand eines Fragebogens) wurden qualitative Methoden (Fokusgruppen und Reflexionstagebuch) eingesetzt (Schulz, Mack & Renn, 2012). Bspw. sollten die Studierenden mit dem Reflexionstagebuch u.a. einschätzen, inwiefern sie eine Übertragung der gewonnenen Fertigkeiten auf den Berufsalltag für realistisch halten. Da die Simulation von wiederkehrenden Situationen des beruflichen Lehramtsalltags direkte praktische Relevanz für den Übergang der Studierenden in den Beruf hat, wird erwartet, dass es den Studierenden in einer avatarbasierten Umgebung leichter fällt sich auf die Simulation einzulassen, da der Fokus hier auf dem Gesagten liegt.

 
14:00 - 16:30De/bordering education in polarizing times: sociological, comparative, and pedagogical perspectives on global citizenship and cosmopolitan identities
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 07
 

Chair(s): Prof. Dr. Sabine Hornberg (TU Dortmund), Dr. Simona Szakács-Behling (Georg-Eckert-Institut – Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung, Deutschland)

Borders are both dissolving and being re-built in novel alignments that challenge the nation-state as default frame of reference for social action. The decoupling of 'the national' from 'the state' manifests in the educational realm in manifold ways, opening up transnational spaces where boundaries between private/public, state/non-state, home/abroad become blurred. Are education for global citizenship and new cosmopolitan identities the answer or the catalyst for societal polarization in the context of multiple de/borderings of education? In this symposium we address this question and its broader societal and research implications. The contributions span different continents and educational contexts (schools, universities) and mobilize interdisciplinary perspectives (sociology, comparative education, pedagogy) thus enabling innovative dialogue between theoretical insights that hardly ever speak to each other (neoinstitutionalism, Luhmanian theory, cosmopolitanism, transnationalism).

 

Beiträge des Panels

 

Between World Society and World Community. Global Citizenship Education as pedagogical chance to deal with the Great Transition

Prof. Dr. Gregor Lang-Wojtasik
Pädagogische Hochschule Weingarten

Climate Catastrophe, wars, migration, poverty etc. are visible phenomenon of the Great Transition taking place within the late modern age (Spätmoderne) and beyond nation-states (Lang-Wojtasik, 2021). Transformation seems to be necessary based on sustainability, justice, non-violence and partnership. These are normative orientations on global level to deal with these challenges in respect of human dignity and democracy. World society and world community encompass an implicit unity of difference between abstract communicative offers and concrete interactions. What can we learn from these meta-theoretical perspectives for the description of education and didactics within school to deal with the challenge of Knowledge and Action? (Lang-Wojtasik & Oza, 2020/fc.) What are common options within concepts like Education for Sustainability, Global Learning, Peace Education, Human Rights or Intercultural Education, encompassed as Global Citizenship Education?

 

The Reach and Limits of Global Citizenship

Prof. Dr. Yasemin Soysal1, Prof. Dr. Héctor Cebolla-Boado2
1Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), 2Senior Scientist at the National Research Council-CSIC (Madrid, Spain)

The post-war liberal world order, and its neoliberal transformations since the 1990s, supported a citizenship model that envisions agentic, rights-bearing and globally oriented cosmopolitan individuals. This model unfolded and became standardized through a number of interacting dynamics including national and transnational courts (e.g. the European Court of Justice), instruments of international organizations (e.g. the International Conventions on Human Rights, the UN’s Human Development Index), and the expansion of education worldwide and a network of expertise around it. Using a multi-sided, representative survey, we analyze the reach and limits of this citizenship model among higher education students. The survey countries (UK, Germany, Japan, and China) span liberal/non-liberal political spectrum on the one hand, and individualist/collectivist cultural spectrum on the other, and thus provide a good basis for comparative analysis. Higher education is particularly pertinent context as it is a highly transnationalized and competitive field, and subject to isomorphic tendencies around global imaginations and international aspirations.

 

Expanded Education and Global Integration: Solidarity and Conflict

Prof. Dr. David John Frank1, Prof. Dr. John W. Meyer2
1University of California, Irvine, 2Stanford University

The dramatic expansion and rising social significance of education integrates the world’s populations and elites under a common ontological frame and on the basis of common human identities rooted in educational status and cultural content. Education-based integration driven, inter-alia, by universities (Frank & Meyer 2007), supports institutions of solidarity – large-scale organizational structures in national and global societies, and common cognitive and normative cultural materials. It also creates expanded grounds for conflict in the context of growing nationalism, authoritarianism, and illiberalism (Frank & Meyer 2020). In this presentation, we review the matter.

 

Revisiting “Transnational Education Spaces”: Interdisciplinary Boundary Transgressions

Dr. Simona Szakács-Behling1, Prof. Dr. Sabine Hornberg2
1Georg-Eckert-Institut – Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung, Deutschland, 2TU Dortmund

Transnationalism, transmigration, and transnational developments have become buzzwords in different academic fields such as sociology, history and education. The growing interest in these phenomena is however accompanied by a lack of terminological clarity, with confusions often made between terms such as internationalization, transnationalization, and globalization. In this presentation we disentangle this field and propose conceptual and methodological ways forward. First, we provide clarifications to the “transnational” hype by distinguishing key understandings of relevant terms. We focus on the concept “transnational educational spaces” (Adick 2005; Hornberg 2010, 2021) which originally combined three separate areas of interest in view of processes of Ent|grenz|ungen in education: socialization in transnational spaces, transnational convergences in education, and transnational education. Drawing together approaches from ethnography (Glick Schiller et al. 1992), transnational studies (Levitt & Khagram 2008), the sociology of migration (Faist 2000; Pries 2001), and sociology of organizations (Bromley & Meyer 2005), we argue that a fourth lens is necessary for “transnational educational spaces” to be made empirically useful at the hitherto often neglected micro level of organizations (schools), particularly in what the ideatic and discursive dimensions are concerned. We end with an illustration from a qualitative study of state schools as agents of transnationalization.

 

Datum: Dienstag, 15.03.2022
9:00 - 11:30Ethische Dilemmata der Grenzziehung zwischen Schutz und Rechten: zu aktuellen internationalen Entwicklungen in der partizipativen Kindheitsforschung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 07
 

Chair(s): Prof. Dr. Susann Fegter (TU Berlin, Deutschland), Prof. Dr. Christine Hunner-Kreisel (Universität Vechta, Deutschland)

Vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen in der Auseinandersetzung mit ethischen Fragen in der Kindheitsforschung werden Grenzen zwischen Schutz und Rechten von Kindern aktuell (durch Erwachsene) neu gezogen. Dabei zeigt sich, dass sowohl politische als auch erkenntnistheoretische Entwicklungen das Verhältnis von Kindern, Forscher*innen und Institutionen der Wissenschaft neu und kontrovers vermessen. Das Symposium diskutiert mit internationalen und nationalen Expert*innen diese Entwicklungen und sondiert u.a. den methodologischen Nationalismus, den nationale Codizes dabei im Feld der Wissenschaft produzieren. Ausgangspunkt der Überlegungen sind konstitutive Dilemmata, die von den Vortragenden analytisch genutzt werden, um die Verschiedenheit aktueller Grenzziehungen in ihren nationalen und internationalen Kontexten bestimmen und kommentieren zu können. In der Abschlussdiskussion werden Schlussfolgerungen für aktuelle Prozesse der Institutionalisierung diskutiert.

* Christine Hunner-Kreisel ist nach kurzer schwerer Krankheit für alle noch immer unbegreiflich am 10.01.2022 verstorben. Wir trauern um einen wunderbaren Menschen und eine inspirierende Kollegin und Wissenschaftlerin. Das Symposium wurde von Christine Hunner-Kreisel maßgeblich konzipiert und wir haben als Vortragende gemeinsam beschlossen, es in ihrem Namen stattfinden zu lassen, um gemeinsam an Fragen zu diskutieren, die ihr besonders wichtig waren

 

Beiträge des Panels

 

"Forschungsethik in der Kindheitsforschung: Ent I Grenz I Ungen der generationalen Ordnung, Partizipation und Agency von Kindheit"

Prof. Dr. Magdalena Joos1, Prof. Dr. Lars Alberth2
1Uni Trier, Deutschland, 2Leuphana Universität Lüneburg, Deutschland

Der erste Vortrag setzt an der deutschsprachigen Kindheitsforschung ab, die sich – so die These - bislang nur unsystematisch mit forschungsethischen Fragestellungen auseinandersetzt. Ziel des Beitrags ist eine Sortierung unterschiedlicher Perspektiven in der deutschsprachigen Kindheitsforschung auf die ethischen Problemstellungen, Grenzziehungen und Dilemmata der Kindheitsforschung. Hierbei werden drei Fragen verfolgt (1) Welche Agency von Kindern und welche Asymmetrien und Grenzen der Partizipation werden in partizipativen Forschungsprozessen sichtbar? Das betrifft sowohl die Rechte und Ermächtigungsprozesse von Kindern als auch die Herausforderungen, die sich aus den Vorgaben und Angeboten durch die erwachsenen Forscher*innen ergeben. (2) Ein zweiter zentraler Strang befasst sich mit der generationalen Differenz, die der Kindheitsforschung eingeschrieben ist. Intergenerationale und für legitim gehaltene Sorge- und Machtbeziehungen können mit dem forschungsethischen Anspruch konfligieren, die Kompetenzen von Kindern ebenso anzuerkennen wie ihr Recht, ihre Meinung zu vertreten. (3) Die dritte Frage setzt auf der Ebene der forschungsethischen Strategien an und diskutiert, wie auf die tatsächliche Vulnerabilität der Kinder und die institutionelle Wirksamkeit der generationalen Grenzziehungen reagiert werden kann.

 

Navigating the boundaries between protection and rights: Ethical difference, competence and (a)symmetry in research with children

Prof. Dr. Tobia Fattore
Macquary University Sydney, Australien

The recognition of children as rights bearers has foregrounded tensions between protection and participation rights. Within a research context, this tension is most explicit when researchers seek to gain access to children for research but meet resistance from adult gatekeepers, who maintain the boundary between protection from/participation in research. As well as parents/carers, this boundary work occurs at the level of institutional frameworks and ethics processes. Children as an identified vulnerable group draw a particularly intense gaze from ethics committees who are required to negotiate the boundaries between risk and opportunity that participation in research represents. This negotiation is guided by various protocols – in the case of Australia in The National Statement on Ethical Conduct in Human Research. In this presentation I will discuss this boundary negotiation by considering different approaches to applying ethical principles to research with children, that of ethical difference, competence and symmetry. Each offers a different framework to navigate the boundaries between protection and rights in research and offer ethics committees alternative principle-based approaches for making decisions about children’s involvement in social research.

 

Childhood Studies and Generational Order. An ethical reflection on bounded and limiting power relations.

Prof. Dr. Catrin Heite, Dr. Anne Ramos, Andrea Riepl
Universität Zürich, Schweiz

Der Vortrag stellt forschungsethische Überlegungen im Kontext eines Schweizer Forschungsprojekts zu subjektivem Wohlbefinden von Kindern vor, die u.a. in Form von Interviews und Gruppendiskussionen befragt wurden. Die des konkreten Forschungsprozesses wirft einige ethische Fragestellungen auf und macht methodische Erkenntnisse in Bezug auf die Kindheitsforschung formulierbar. Zentrum der Überlegungen in diesem Vortrag ist, dass auch durch die Forschung mit Kindern das Spannungsverhältnis der generationalen Ordnung zwischen Forscher*in und Kind besteht und entsteht. Folglich haben hier Ent-und Begrenzungen konstitutive Bedeutung für den Forschungsprozess und den forscherischen Dialog mit Kindern. Daher wird in diesem Vortrag der Frage nachgegangen, an welchen Stellen und auf welche Weise die generationale Ordnung in der Forschung mit Kindern reproduziert wird und vor dem Hintergrund welcher rechtlichen und methodischen Prämissen wie Grenzen festgelegt, bearbeitet und überschritten werden. Ausgehend vom Konzept der generationalen Ordnung sollen daraus methodisch-methodologische Überlegungen zum Handlungsspielraum angeboten werden, den ,das Kind‘ im Forschungsprozess hat und wie Kinder in der Forschung adressiert werden.

 

Legitimierung forscherischer Aktivität durch die Konstruktion kindlicher Bedürfnisse als ethisches Problem

Lisa Fischer1, Stella März2
1Technische Universität Berlin, Deutschland, 2Universität Vechta, Deutschland

„Willst du mit mir oder willst du mit meinen Eltern sprechen?“ „Gibst du mir eine Stimme oder gibt du mir was ich brauche?“ Herausforderungen, die mit Kindheit als Gegenstand von Sozialforschung und der Anerkennung des Kindes als Akteur*in in Forschungskontexten einhergehen (als Expert*in der eigenen Lebensrealität mit eigener Perspektive und eigener Stimme), werden in der Kindheitsforschung seit ihren Anfängen diskutiert und sind tief mit den theoretischen und methodologischen Entwicklungen im Feld verwoben. Gerade in der empirischen Arbeit zeigt sich, dass dieser Anspruch mit rechtlichen Begrenzungen und divergierenden Erwartungen im Forschungsprozess konfrontiert ist. Begrenzungen ergeben sich nicht zuletzt aus der wissenschaftlichen Praxis selbst. Die der Kindheitsforschung immanente Gegenstandskonstruktion von Kindheit als Moratorium bedingt z.B. die Marginalisierung der kindlichen Stellung in der Gesellschaft unausweichlich selbst. Sie wird als Annahme noch im konstitutiven, den forscherischen Zugang legitimierenden Anliegen, Kindern eine Stimme zu geben, erkennbar und im Feld durch die Kinder teilweise selbst infrage gestellt. Im Kontext einer internationalen Forschung stellen wir daher die Frage, welche Bedürfnisse von Kindern wie konstruiert werden, um Forschung zu ermöglichen? Wir möchten auf diese Weise das ethische Dilemma von generationaler Dissonanz und Abhängigkeit im Forschungsprozess systematisch auf seine strukturellen Bedingungen hin befragen.

 
14:00 - 16:00Von der Suche nach Grenzen. Wie gestalten sich multiprofessionelle Kooperation in der schulischen Praxis und die darauf gerichtete Antizipation in der universitären Ausbildung?
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 07
 

Chair(s): Prof. Dr. Oliver Böhm-Kasper (Universität Bielefeld, Deutschland)

Im Rahmen multiprofessioneller Handlungen sind das Ringen um Zuständigkeiten und implizite Diskurse um Be- oder Entgrenzungen der jeweiligen professionellen Handlungsbereiche erkennbar. In der Arbeitsgruppe sollen daher vorliegende empirische Beobachtungen zur multiprofessionellen Kooperation in der schulischen Praxis mit den Forschungsbefunden aus multiprofessionell zusammengesetzten universitären Lehrveranstaltungen verglichen werden. Diskussionsleitend soll dabei die Frage sein, ob und inwieweit die vorgeschlagene dialektische Perspektive der „Zuständigkeitsdiffusität“ zu einer tragfähigen und verallgemeinerbaren Beschreibung der sowohl auf schulischer als auch auf hochschulischer Ebene beobachtbaren Ent- und Ausdifferenzierungsbewegungen beiträgt und was die in dieser Weise perspektivierten Befunde mit Blick auf die Entwicklung und/oder Professionalisierung der pädagogischen Berufe angesichts erweiterter Kooperationsanforderungen bedeuten.

 

Beiträge des Panels

 

Grenzfragen in der Kooperation unter Pädagog*innen

Prof. Dr. Katharina Kunze
Georg-August-Universität Göttingen

Die Rede von Ent- und Begrenzungen setzt die Bestimmbarkeit von Grenzen voraus. Inwieweit aber lässt sich – mit Blick auf die Zuständigkeiten der pädagogischen Berufe – überhaupt davon ausgehen, dass diese Bestimmbarkeit gegeben ist? Dieser Frage wird auf Basis der Befunde des Forschungsprojekts GAST („Vom Ganzen und der Summe seiner Teile. Rekonstruktionen zur Differenzierung beruflicher Zuständigkeiten in der schulischen Zusammenarbeit von Lehrkräften, Sozial- und Sonderpädagog*innen“) nachgegangen. Im Rahmen von GAST wurden über zwei Schuljahre hinweg insgesamt 92 audiographische Aufzeichnungen verschiedener so genannter ‚multiprofessioneller‘ Settings erhoben und rekonstruiert. Als methodologischer und theoretischer Bezugsrahmen diente eine strukturtheoretisch fundierte Forschungsperspektive, die mit einer im Kontext der Subjektivationsforschung etablierten anerkennungstheoretisch inspirierten Perspektive verknüpft wurde (vgl. Kunze, Bartmann & Silkenbeumer 2019). Unter systematischer Bezugnahme auf die anderen im Rahmen der AG präsentierten Forschungsbeiträge geht dieser Beitrag der Frage nach, wie sich die Dynamiken der Aushandlung und Bearbeitung von Zuständigkeitsfragen in konkreten multiprofessionellen Kooperationsgeschehen darstellen und welche Schlussfolgerungen sich aus dieser Sicht mit Blick auf die Frage nach den Grenzziehungen zwischen unterschiedlichen pädagogischen Berufsgruppen ergeben.

 

Multiprofessionelle Zusammenarbeit an Tagesschulen in der Schweiz – wenn Betreuung und Lehrpersonen Schule machen

Prof. Dr. Patricia Schuler
Pädagogische Hochschule Zürich

Tagesschulen, d.h. Schulen mit verbindlichen ausserunterrichtlichen Angeboten, gewinnen in der urbanen Schweiz zunehmend an Bedeutung (Chiapparini et al., 2016). Die professionelle Zusammenarbeit zwischen den schulischen und sozialpädagogischen Fachkräften gilt vor allem in Tagesschulen als zentrale Einflussgrösse für gelingende Schulentwicklung (Fischer et al., 2013; Olk, Speck & Stimpel, 2011). Gleichzeitig wird die Kooperation der verschiedenen Professionen als Spannungsfeld betrachtet (Merten & Kaegi, 2015; Böllert, 2008), wo hohe Erwartungen an eine gelingende Kooperationskultur in der Schule gestellt werden. Die bislang in der Schweiz empirisch kaum erforschte Kooperation zwischen den beiden Professionen werden aus dem abgeschlossenen SNF-Forschungsprojekt zu pädagogischen Zuständigkeiten an Tagesschulen (AusTEr, 2016) vorgestellt. Dazu werden die Fragen aufgegriffen, wie Lehrkräfte und sozialpädagogische Fachkräfte die Zusammenarbeit wahrnehmen und welche Bezüge zum Professionalitätsverständnis hergestellt werden. Basierend auf 31 mit der Grounded Theory ausgewerteten narrativen Interviews mit schulischen und sozialpädagogischen Fachkräften lässt sich schliessen, dass sich in der Einführungsphase der Tagesschule die Zusammenarbeit sowohl als Zuständigkeitsdiffusion als auch als Delegation abzeichnet. Drei und sechs Jahre später zeigen sich weichere Grenziehungen zwischen den Professionen und eine Praxis der reflektierten Kooperation.

 

„…dass ich jetzt als Lehrer mich da nicht so gewappnet sehe, wie einen Schulsozialarbeiter“ - Zuständigkeiten und Erziehungsziele im Rahmen multiprofessioneller Kooperation aus Sicht Studierender des Lehramts und der Sozialen Arbeit

Lea Stahl, Johanna Valentin, Prof. Dr. Natalie Fischer, Prof. Dr. Hans-Peter Kuhn
Universität Kassel

Die Aufgabentrias der Schule, Bildung, Erziehung und Unterricht wird im Kontext inklusiver (Ganztags-)Schule von vielfältigen pädagogischen Akteur*innen ausgehandelt. Allerdings wird professionsübergreifende Kooperation in der Praxis aufgrund von strukturell unterschiedlichen Arbeitsbedingungen und Bildungsverständnissen sowie unklaren Zuständigkeiten häufig als schwierig erlebt (Isaksson & Larsson, 2017). Die Basis gelingender Kooperationsbeziehungen sollte daher möglichst in der Ausbildung der pädagogisch Tätigen geschaffen werden. Hier setzt das Projekt MuTiG mit der Realisierung multiprofessioneller Lernumgebungen für Studierende des Lehramts (LA) und der Sozialen Arbeit (SA) an (Valentin et al., 2019).

Der Kongressbeitrag fragt nach Positionierungen Studierender zu verschiedenen Bildungs- und Erziehungszielen der Schule. Vor dem Hintergrund der Zuständigkeitsdiffusitätsdebatte (Kunze, 2016) wird zudem überprüft, ob sich in der Praxis vorzufindende Be- und Abgrenzungstendenzen sowie Diffusitäten auch bei Studierenden zeigen.

Herangezogen werden Fragebogendaten von insgesamt 704 Studierenden der SA und des LA zur Wichtigkeit verschiedener Erziehungsziele und dem Anspruch, diese in Zukunft realisieren zu können. Zudem werden anhand von zwölf Gruppendiskussionen antizipierte Zuständigkeiten von Lehrer*innen und Schulsozialarbeiter*innen herausgearbeitet. Die Ergebnisse werden mit Blick auf Professionalisierungsanforderungen diskutiert.

 

Ent- und Begrenzungen pädagogischer Zuständigkeiten als Erfahrungsfeld und kritischer Reflexionsgegenstand in Ausbildung und Praxis

Prof. Dr. Oliver Böhm-Kasper, Dr. Vanessa Dizinger
Universität Bielefeld

Bereits in einer auf multiprofessionelle Kooperation ausgerichteten Hochschulbildung unter Einbezug von Lehrkräften, Sozial- und Sonderpädagog*innen lässt sich das von Kunze (2016) beschriebene Zuständigkeitsdiffusitätsproblem erkennen. Auch in dieser frühen Phase der Professionalisierung lassen sich Zuständigkeitsreklamationsbewegungen beobachten, die mit den in der Praxis vorfindbaren Positionierungen vergleichbar sind. Unser Beitrag basiert einerseits auf einer wissenschaftlich begleiteten Seminarreihe, in der Lehramtsstudierende sowie Studierende der Sozialen Arbeit gemeinsam das Thema ›Multiprofessionelle Kooperation‹ bearbeiten. Die sich daraus ergebenden Ergebnisse können andererseits mit Befunden aus einem Forschungsprojekt zur multiprofessionellen Kooperation an Ganztagsschulen verglichen werden. Beide Forschungsprojekte beinhalten Mixed-Methods-Designs mit entsprechenden quantitativen (z.B. Growth-Models) und qualitativen Auswertungverfahren (u.a. Gesprächsanalyse). Theoretischer Hintergrund sind dabei organisationspsychologische (Spieß 2004) und professionalisierungstheoretische Perspektiven (Kunze 2016) auf multiprofessionelle Kooperation. Die Zusammenschau beider Forschungsprojekte zeigt, dass sich die Fragilität und das Ringen um Be- und Entgrenzungen jeweiliger pädagogischer Zuständigkeiten bereits in der universitären Ausbildung und damit vor dem Eintritt in pädagogische Berufsfelder andeutet.

 

Datum: Mittwoch, 16.03.2022
9:30 - 11:30Prozesse des Lehrer*in-Werdens zwischen Subjektivierungsimpulsen und Habitustransformation
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 07
 

Chair(s): Prof. Dr. Tobias Leonhard (Pädagogische Hochschule Zürich, Schweiz)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Petra Herzmann (Universität zu Köln)

Im Forschungsforum werden vier Dissertationsvorhaben vorgestellt, die jeweils Teilaspekte der qualitativen Längsschnittstudie "TriLAN" bearbeiten. Im Gesamtvorhaben werden bei insgesamt 19 Studierenden über drei Jahre des BA-Studiums zur Kindergarten- und Primarlehrperson Studienverläufe als Trajektorien untersucht. Ziel ist, besser zu verstehen, wie Prozesse des Lehrer*in-Werdens zwischen Subjekten, Habitus und den institutionellen Anforderungen der diversen Felder der Lehrer*innenbildung an drei Studienstandorten der Deutschschweiz verlaufen, ohne diese bereits vorgängig gegenstandsnormativ als "Entwicklung" oder "Professionalisierungsprozess" zu fassen.

Die vier DIssertationsvorhaben befassen sich mit Rekonstruktionen des Habitus der Studienanfänger*innen, Adressierungspraktiken und Subjektivierungsprozessen in Lehre und Praktikum, mit Thematisierungsweisen grundlegender fachlicher Bildung in Lehrveranstaltungen sowie der Analyse normativer Ordnungen an den Studienstandorten.

 

Beiträge des Panels

 

Normative Ordnungen in Studiengängen zur Kindergarten- und Primarlehrperson – Rekonstruktion von Adressierungen Studierender in Hochschule und Berufsfeld

Andrea Müller
Pädagogische Hochschule Zürich

Studierende des Lehrberufs bewegen sich im Verlauf ihres Studiums in unterschiedlichen Feldern. Zum einen studieren sie an einer Hochschule, die von ihnen eine nach wissenschaftlichen Prinzipien ausgeführte Arbeitsweise und die Einarbeitung in die Erziehungswissenschaften sowie die Unterrichtsfächer erwartet. Zum anderen verbringen sie einen wesentlichen Teil des 6-semestrigen Studiums im Berufsfeld als Praktikant*in, wo sie sich mit den Ansprüchen dieses Feldes auseinandersetzen.

In diesen Feldern werden Erwartungen und Ansprüche an die zukünftigen Lehrpersonen gestellt, um als Lehrperson, Student*in oder Praktikant*in anerkannt zu werden. In diesem Anerkennungsprozess müssen sich der/die Anerkannte sowie der/die Anerkennende den normativen Ordnungen, die im jeweiligen Feld gelten, «unterwerfen» (Reh & Rabenstein, 2012, S. 230).

Die normativen Ordnungen werden als Set interaktiv aufgerufener Normen, das zumeist implizit bleibt und dennoch deutlich macht, was im jeweiligen Feld gilt, um als angehende Lehrpersonen anerkennbar zu werden, gefasst. Diese normativen Ordnungen werden im vorgestellten Promotionsvorhaben durch beobachtende Teilnahme und audiografische Dokumentation in den verschiedenen Feldern dokumentiert, adressierungsanalytisch rekonstruiert und zueinander in Beziehung gesetzt werden.

Im Beitrag werden Einblicke in die erhobenen Daten und in erste Analysen dieser Daten mit der Adressierungsanalyse möglich und offene Fragen zur Diskussion gestellt.

 

Subjektivationsprozesse auf dem Weg in den Lehrberuf – studentische Umgangsweisen mit den Anforderungen eines Studiums

Ezgi Güvenç
Pädagogische Hochschule Zürich

Studierende bewegen sich im Verlauf des dreijährigen BA-Studiums durch drei weitgehend distinkte Formate: Lehrveranstaltungen als Anlässe kollektiver Auseinandersetzung mit curricularen Inhalten, Praktika als begleitete und didaktisierte Formen der Begegnung und Mitgestaltung von beruflicher Praxis sowie das Mentorat als Format der Begleitung individueller Professionalisierungsprozesse. Im vorgestellten Promotionsvorhaben wird untersucht, wie sich berufsbezogene Subjektivationsprozesse von Studierenden in verschiedenen sozialen Situationen während des Studiums vollziehen und wie sich Studierende sowohl unmittelbar als auch mittelbar mit den berufsbezogenen Anforderungen auseinandersetzen. Das Vorhaben bezieht sich mit der Perspektive auf Adressierungspraktiken auf die Untersuchung von Interaktionen, die in situ in verschiedenen Feldern der Lehrer*innenbildung stattfinden. In diesen Situationen werden ihnen, verschiedene Subjektformen und -positionen zugeschrieben, die adressierungsanalytisch (vgl. Kuhlmann et al. 2017) untersucht werden. Im Vortrag werden die Forschungsfragen, exemplarische Daten zu formatbezogenen Differenzen bzw. Homologien sowie erste Rekonstruktionsbefunde dargestellt.

Literatur

Kuhlmann, N., Ricken, N., Rose, N., & Otzen, A. (2017). Heuristik für eine Adressierungsanalyse in subjektivationstheoretischer Perspektive. Vierteljahresschrift für wissenschaftliche Pädagogik, 93, S. 234-235.

 

Thematisierungs- und Herstellungsweisen grundlegender fachlicher Bildung im Studiengang Kindergarten-/Primarstufe

Melanie Leonhard
Pädagogische Hochschule FHNW

Eine zentrale Aufgabe von Primarlehrpersonen ist die Vermittlung grundlegender fachlicher Bildung. Diese spezifische Form fachlicher Bezugnahme, die sich von Konzeptionen gymnasialer Fachlichkeit grundsätzlich unterscheidet (vgl. Heinzel, 2019; Vogt, 2019), wird in Lehrveranstaltungen der Hochschule zum Gegenstand.

In der Studie werden Lehrveranstaltungen an drei Standorten der Deutschschweiz mit dem Ziel der systematisierenden Beschreibung von Thematisierungs- und Herstellungsweisen grundlegender fachlicher Bildung durch Rekonstruktionen von Interaktionen in (schul-) fachbezogenen Lehrveranstaltungen der Fächer Mathematik, Sprache bzw. Deutsch und des Sachunterrichts bzw. Natur, Mensch, Gesellschaft untersucht, wie sie Studierende während des Grundstudiums besuchen.

Nach inhaltsanalytischer Systematisierung werden prototypische Ausschnitte identifiziert, die anschliessend einer Analyse der Adressierung der fachlichen Gegenstände und der Studierenden als zukünftige Lehrer*innen sequenziell unterzogen werden.

Im Vortrag werden exemplarische Daten sowie die methodische Vorgehensweise zur Diskussion gestellt.

Literatur

Heinzel, F. (2019). Zur Doppelfunktion der Grundschule, dem Kind und der Gesellschaft verpflichtet zu sein – die generationenvermittelnde Grundschule als Konzept. ZfG, 12, 275 - 287.

Vogt, M. (2019). Grundlegende Bildung als Zielvorgabe einer Schule für alle – Deutungsvarianten in der Geschichte der Grundschule in Deutschland. Forschungsperspektiven, 12, 241 - 258.

 

Professionalisierung im Studium zum Lehrberuf – Eine Ent I grenz I ung habitueller Dispositionen?

Adrian Ulmcke
Pädagogische Hochschule FHNW

Dieser Beitrag beleuchtet die Grenzen und Entgrenzungen des individuellen Habitus werdender Lehrpersonen und ihre Bedeutung für den Verlauf von Professionalisierungsprozessen im Studium. Bourdieu entwirft den Habitus als „System von Grenzen“ (Fröhlich & Rehbein, 2014, S. 38). Statt Studierende zu Beginn des Studiums als „unbeschriebene Blätter“ aufzufassen, werden sie hier als Individuen mit jenen bei Bourdieu zu findenden, habitusinhärenten Grenzen verstanden, die den Studienverlauf maßgeblich strukturieren. Inwiefern habituelle Dispositionen Professionalisierungsprozesse im Studium beeinflussen und ob ein Studium zu Grenzverschiebungen oder gar Entgrenzungen habitueller Dispositionen führen kann, ist die zentrale Fragestellung des Beitrags. Innovativer Kern ist neben der sequenzanalytischen Rekonstruktion habitueller Dispositionen (vgl. Kramer, 2019) der besondere Zugriff auf die Empirie der Professionalisierung zukünftiger Lehrpersonen im Studium durch die Triangulation von Interviews und Tagebucheinträgen.

Literatur:

Fröhlich, G., & Rehbein, B. (Hrsg.). (2014). Bourdieu-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Stuttgart: J. B. Metzler.

Kramer, R.-T. (2019). Sequenzanalytische Habitusrekonstruktion. In R.-T. Kramer & H. Pallesen (Hrsg.), Lehrerhabitus. Theoretische und empirische Beiträge zu einer Praxeologie des Lehrerberufs (S. 307-330). Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

 
14:00 - 16:00Eingrenzungen des Sexuellen – Diskursive Verhandlungen des Verhältnisses von Pädagogik und Sexualität
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 07
 

Chair(s): Dr. Thomas Viola Rieske (Europa-Universität Flensburg, Deutschland)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Jeannette Windheuser (Humboldt-Universität zu Berlin)

Das Verhältnis von Pädagogik und Sexualität ist in den vergangenen Jahren verstärkt in den Blickpunkt von Diskursen über pädagogische Professionalität gerückt: Aufarbeitungsprozesse zu sexualisierter Gewalt in pädagogischen Kontexten, Unterstellungen einer 'Frühsexualisierung' durch eine Pädagogik geschlechtlicher und sexueller Vielfalt oder Diagnosen mangelhafter sexueller Bildung arbeiten an einer (erneuten) Be- und Entgrenzung des Sexuellen in Pädagogik. Die Arbeitsgruppe beschäftigt sich daher mit den Fragen, wie das Verhältnis von Pädagogik und Sexualität mitsamt Be- und Entgrenzungen in erziehungswissenschaftlichen Debatten und in pädagogischer Praxis gestaltet wird und welche Desiderata in Bezug auf Forschung und Theorie zu pädagogischer Professionalität bestehen Die anschließende gemeinsame Diskussion wird durch einen Kommentar eingeleitet, der die Beiträge hinsichtlich ihres (theorie-)geschichtlichen Horizonts rahmt.

 

Beiträge des Panels

 

Bearbeitungen des Sexuellen in berufsbiographischen Narrationen von Pädagog*innen

Dr. Thomas Viola Rieske
Europa-Universität Flensburg

Neben pädagogischen Konzepten und organisationalen Strukturen gelten individuelle Ausformungen pädagogischer Professionalität als wesentliches Moment für die Ermöglichung oder Verhinderung sexualisierter Gewalt in pädagogischen Kontexten (vgl. Wazlawik/Christmann 2018; Retkowski/Thole 2012). Als professionsethische Norm ist diesbezüglich unter Bezugnahme auf psychoanalytische und strukturtheoretische Überlegungen eine „Abstinenzregel“ formuliert worden, nach der Pädagog*innen die Bedürfnisse von Adressat*innen nach Nähe und Distanz in angemessener Weise anerkennen sollten, ohne ihre Machtposition zur Befriedigung eigener entsprechender Bedürfnisse (insbesondere nach Nähe) auszunutzen (vgl. Dörr 2012; Helsper/Reh 2012).

Empirische Studien zeigen jedoch, dass die Umsetzung dieser Regel teilweise zum einen mit heteronormativen und androzentrischen Geschlechterkonstruktionen verknüpft ist und zum anderen mit einer Vermeidung von Sexualität und Sexuellem einhergeht (vgl. Hess/Retkowski 2019; Henningsen/List 2019; Krolzik-Matthei et al. 2019; Urban 2019). Vor diesem Hintergrund werden professionelle Reflexionen von biographisch gewordenen In-Verhältnis-Setzungen von Pädagogik und Sexualität relevant, die über eine Vermeidung diffuser Beziehungslogiken hinausgehen. Der Vortrag diskutiert diese Problematik anhand berufsbiographischer Narrationen von Pädagog*innen und formuliert Überlegungen zu einer kritischen Reflexion und Weiterentwicklung pädagogischer Professionsethik.

 

Konturierungen des Intimen in pädagogischen Praxen

Prof. Dr. Werner Thole1, Svenja Marks2
1Universität Kassel, 2Institut für Theorie und Empirie des Sozialen

Der Beitrag thematisiert aus einer praxeologischen Sicht, wie das Intime situativ und interaktiv zwischen Professionellen sowie Kindern und Jugendlichen in pädagogischen Handlungsfeldern konturiert und austariert wird. Im Vortrag werden Handlungs- und Strukturvarianten pädagogischer Intimität aus einem Forschungsprojekt präsentiert, die über ein qualitativ-rekonstruktives Methodendesign in Triangulation von ethnografischen Beobachtungen (vgl. Geertz 1987; Honer 1989), thematisch zentrierten narrativen Interviews (vgl. Schütze 1983) sowie Gruppendiskussionen (vgl. u. a. Mangold 1960; Nentwig-Gesemann 2002; Bohnsack/Przyborski/Schäffer 2006) gewonnen wurden. Anhand eines Fallbeispiels fokussiert der Beitrag auf die Dimensionen Körper und Geschlecht über den Rückgriff auf Praktiken der Herstellung von Konsens und Zustimmung zu körperlicher Nähe und Berührung. Über den rekonstruktiven Zugriff auf „concepts of consent“ (Bauer 2014) wird eine bislang wenig thematisierte Perspektive eingenommen, die eine die pädagogische Professionalität herausfordernde Thematik in Bezug auf den Komplex der Sexualität, den Umgang mit Körperkontakt und möglichen sexualisierten Grenzverletzungen aufgreift.

 

Normalitätskonstruktionen von Sexualität und Gewalt. Perspektiven junger Menschen auf Schutz, Selbstbestimmung und Grenzüberschreitungen

Prof. Dr. Elisabeth Tuider
Universität Kassel

Der Vortrag stellt Sichtweisen auf sexualisierte Grenzüberschreitungen, Sexualität und Schutz vor, die im Rahmen partizipativer Forschungen mit jungen Menschen mittels einer Onlinebefragung und qualitativer Interviews erhoben und analysiert wurden (vgl. Lips u.a. 2020). Deutlich wird darin, dass nicht die sexuelle Handlung per se, sondern – ganz im Sinne der Verhandlungsmoral (Schmidt 2004; Sigusch 2013) – die Art des Zustandekommens für junge Menschen zentral ist. D.h.: Sexualisierte Grenzüberschreitung beginnt da, wo Einverständnis und Zustimmung nicht vorliegen. Diese Sichtweisen junger Menschen auf Sexualität und Gewalt werden im Rahmen der diskursiven Verschiebungen im Normalitätskontinuum (vgl. Rubin 1984; Link 1999; Foucault 1984) kontextualisiert und diskutiert. Der diskursiv normative Rahmen sexueller Normalität bezieht sich dabei auf juristisch-mediale und aktivistisch politische Debatten, wie sie u.a. mit den Hashtags und Stichwörtern ‚Ja ist Ja‘, #metoo und rape culture zum Ausdruck gebracht werden. Im selben diskursiven Raum bewegen sich auch Verhandlungen des Verhältnisses von Pädagogik und Sexualität, wenn diese sich auf Schutzkonzeptdebatten und –überlegungen beziehen (Rusack 2020; Wolff/Schröer 2018). Wenn wir das diskursive Ringen im normativen Schauplatz Sexualität und Geschlecht als biopolitische Regulierung derselben verstehen, dann stellt sich an Pädagogik auch die Frage, welche Position sie in diesen Regulierungen einnimmt.