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Sitzungsübersicht
Datum: Dienstag, 15.03.2022
9:00 - 11:30Symposien II
Ort: *rein digital*

In diesem Zeitfenster stehen 32 Symposien zur Auswahl, davon sechs englischsprachige Panels und fünf Veranstaltungen, die deutschsprachige und englischsprachige Vorträge beinhalten. 

Symposien haben einen direkten Bezug zum Tagungsthema und sollten maximal vier fachwissenschaftliche Vorträge umfassen, wobei mindestens ein Vortrag von einer*m Wissenschaftler*in in der Qualifikationsphase gehalten werden muss. Internationalität und Interdisziplinarität sind darüber hinaus bei der Auswahl der Vortragenden für die Symposien erwünscht.

9:00 - 11:30„Erziehung nach Auschwitz“ und trans|nationale Wissenspraktiken. Erziehungswissenschaftliche Einsätze zur Erforschung des Pädagogischen in Kontexten der Geschichtsvermittlung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 15
 

Chair(s): Prof. Dr. Wolfgang Meseth (Goethe-Universität Frankfurt, Deutschland), Prof. Dr. Nicolas Engel (Goethe-Universität Frankfurt, Deutschland)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Markus Rieger-Ladich (Universität Tübingen, Deutschland)

Unter den Vorzeichen eines Wiedererstarkens antisemitischer und rechtsextremer Positionierungen sieht sich die trans|nationalisierte Erinnerungskultur vor neuen Herausforderungen gestellt. Differente Erzählungen von Geschichte (Rothberg 2009; xxx) fordern nicht nur das master narrative nationaler Geschichtspolitiken heraus. In pädagogischen Vermittlungskontexten zeigen sich diese Narrative als multiperspektivische Wissenspraktiken, die auch das Selbstverständnis einer „Erziehung nach Auschwitz“ (Adorno) irritieren und provozieren (Andresen/Nittel/Thompson 2019). Die Frage, wie es gelingen kann, die institutionell und organisational gerahmte Praxis der Geschichtsvermittlung gegenstandsangemessen zu erforschen, soll an ausgewählten erziehungswissenschaftlichen Studien und ihren theoretischen Konzepten (Annerkennungstheorie und Rassismuskritik) ausgelotet und vor dem Hintergrund kulturwissenschaftlicher Forschungsperspektiven auf Erinnerungskultur diskutiert werden.

 

Beiträge des Panels

 

Was bedeutet: Transkulturelle Erinnerung

Prof. Dr. Astrid Erll
Goethe-Universität Frankfurt, Deutschland

In diesem Vortrag geht es um eine Geschichte des Begriffs ‚transkulturelle Erinnerung‘ (transcultural memory), seine verschiedenen Spielarten im interdisziplinären Feld der Memory Studies und deren Bedeutung für Holocaust Education in Zeiten globaler Kommunikation und Migration. Vorgestellt und kritisch diskutiert werden dabei u.a. Natan Sznaiders und Daniel Levys Konzept kosmopolitischer Erinnerung, Alison Landsbergs prosthetic memory, Marianne Hirschs postmemory, Michael Rothbergs multidirectional memory, Ergebnisse eines EU COST Forschungsnetzwerkes zu transkultureller Erinnerung in Europa sowie mein eigenes Konzept des travelling memory. Gefragt wird dabei, wie diese theoretischen Konzepte dabei helfen können, aktuell festgefahrene Diskussionen zum Verhältnis von Postcolonial Studies und Holocaust Studies (vgl. die causa Mbembe oder die Diskussionen um die deutsche Übersetzung von Rothbergs Multidirektionale Erinnerung, Metropol 2020) produktiv voranzubringen.

 

Begrenzungen der Anerkennung in der Gedenkstättenpädagogik

Dr. Paul Vehse
Universität Flensburg, Deutschland

Der Beitrag präsentiert Ergebnisse einer qualitativ-rekonstruktiven Studie, in der pädagogische Rundgänge in bundesdeutschen KZ-Gedenkstätten untersucht und anerkennungstheoretisch (Honneth 2003; Butler 2001; Balzer&Ricken 2010) reflektiert wurden. Aufgrund einer Verschränkung diskursiver Elemente (Erinnerungsdiskurs um die „vergessenen Opfer“), institutioneller Elemente („Winkeltafel“ als Ausstellungstück) und pädagogischer Praxen (Rundgänge) bietet die Studie methodologische Anknüpfungspunkte für die Erforschung institutionell gerahmter Vermittlungspraktiken. Inhaltlich zeigt der Beitrag anhand von empirischen Beispielen, wie der Erinnerungsdiskurs über den Imperativ der Anerkennung in der Praxis Ausschlüsse produziert. Diese Begrenzungen der Anerkennung werden als Strukturproblematik der Anerkennung beschrieben (Balzer&Ricken 2010). Anschließend werden die Ergebnisse an die Frage nach den Herausforderungen einer Wissensvermittlung in einer trans|nationalen Migrationsgesellschaft rückgebunden. Es wird gezeigt, wie der Fokus auf Anerkennung eine aus migrationspädagogischer Perspektive (Mecheril et al. 2010) angezeigte Thematisierung von Rassismus und Antisemitismus empfindlich begrenzt. Damit werfen die Ergebnisse für das Symposium die Frage auf, inwieweit die gedenkstättenpädagogische Praxis mit ihrem an einem deutschen Erinnerungsdiskurs orientierten master narrative bisher durch transnationale Diskurse überhaupt irritiert worden ist.

 

Migrationspädagogische Kritik an ‚deutscher‘ Erinnerungskultur

Dr. Yalız Akbaba, Prof. Dr. Constantin Wagner
Universität Mainz, Deutschland

Deutsche Erinnerungskultur wird auch als Inszenierung nationaler Selbstläuterung, Renationalisierung und als jüdische Perspektiven auslassend kritisiert (vgl. u.a. Mendel/Rhein/Uhlig 2019). Der Vortrag schließt an diese Kritik aus migrationspädagogischer Perspektive an und präsentiert empirische Ergebnisse zur Frage, wie Erinnerungspädagogik in einer Gruppe mit vielfältigen Zugehörigkeiten verlaufen kann (vgl. Messerschmidt 2019). In einem rekonstruktiven Zugriff analysieren wir ethnografische Beobachtungsprotokolle einer mehrtägigen Studierendenexkursion zu einem NS-Dokumentationszentrum. Die Beschäftigung mit aktuellem Rassismus und der Shoa an einem Erinnerungsort zeigt verschiedene Geltungskonflikte zwischen dominanten Wissensansprüchen und marginalisierten Narrativen auf. Zugleich eröffnet der Beitrag eine Perspektive auf kritische Potentiale rekonstruktiver Forschung.

 
9:00 - 11:30„Zum Scheitern verurteilt?!“ Grenzüberschreitungen und Grenzziehungen in der Jugendarbeit mit rechten Jugendlichen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 21
 

Chair(s): Lucia Bruns (Alice Salomon Hochschule, Deutschland), Esther Lehnert (Alice Salomon Hochschule, Deutschland)

Im Windschatten rassistischer Gewalttaten und pogromartiger Ausschreitungen Anfang der 1990er Jahre wurde innerhalb der Pädagogik und der Sozialen Arbeit verstärkt der Umgang mit rechten und rechtsextremen Jugendlichen verhandelt. Der (sozial)pädagogische Umgang orientierte sich damals vor allem am Konzept der „akzeptierenden Jugendarbeit“ und bildete den Gegenstand eines kontroversen Fachdiskurses, der bis heute anhält. Die Arbeitsgruppe widmet sich diesem Diskurs unter dem Aspekt der Grenzüberschreitungen und Grenzziehungen. Zu Fragen ist, wie Grenzen im (sozial)pädagogischen Umgang mit rechten Jugendlichen Anfang der 1990er Jahre verhandelt wurden und wie sich der damalige Umgang zum Gegenwärtigen unterscheidet. Besondere Bedeutung erlangt dabei ein geschlechterreflektierender und rassismuskritischer Blick, der die Kategorie Geschlecht und den Umgang mit marginalisierten Gruppen in die Analyse von Grenzüberschreitungen und Grenzziehungen einbezieht.

 

Beiträge des Panels

 

Grenzziehungen und Grenzüberschreitungen in der Jugendarbeit mit rechten Jugendlichen - Geschlechterreflektierende und rassismuskritische Perspektiven

Prof. Esther Lehnert, Lucia Bruns
Alice Salomon Hochschule, Deutschland

Die Frage des sozialpädagogischen Umgangs mit rechten Jugendlichen wurde Anfang der 1990er Jahre kontrovers verhandelt, wobei geschlechterreflektierende und rassismuskritische Perspektiven in der Debatte, bis auf wenige Ausnahmen, kaum vorhanden waren. Zu Fragen ist, wie sich dieses weitgehende Fehlen auf das sozialpädagogische Handeln und auf den Umgang mit Grenzen ausgewirkt hat. Anhand leitfadengestützter Expert*inneninterviews mit ehemaligen Sozialarbeiter*innen, Fachkräften der politischen Bildung, der Sozialen Arbeit und der wissenschaftlichen Begleitforschung, wird das damalige sozialpädagogische Handeln unter dem Aspekt der Grenzüberschreitungen und Grenzziehungen rekonstruiert. Dabei stellt sich die Frage, inwieweit Grenzüberschreitungen vergeschlechtlichten Logiken, Markierungen und Sanktionierungen unterliegen, welche Folgen die marginale Wahrnehmung von Frauen und Mädchen im Rechtsextremismus auf Grenzziehungen hat und wie sich der sozialpädagogische Umgang mit hypermaskulinen Inszenierungen gestaltet, in denen extreme Grenzverletzungen und eine brutale Abwehr des Weiblichen als konstitutive Momente betrachtet werden müssen. Anhand migrantischer Perspektiven sollen zudem die Folgen aufweichender Grenzziehungen für marginalisierte Gruppen und diskriminierungserfahrene Communities in die Analyse einbezogen werden.

 

Hierarchieverhältnisse und Gewalt in der Jugendarbeit der 1990er Jahre

Stefanie Lindner
Brandenburgische Technische Universität Cottbus – Senftenberg

In aktuellen Diskursen um extrem rechte Gewalt werden auch die 1990er Jahre als Bezugspunkt für die Sozialisation der Täter*innen und damit zusammenhängend die Jugendarbeit zu dieser Zeit genannt. Deshalb möchte der Beitrag eine konzeptuelle Perspektive auf das Aktionsprogramm gegen Aggression und Gewalt (AgAG) und die damit zusammenhängende akzeptierende Jugendarbeit (Krafeld 1992) vorstellen. In einer Analyse dieser Programme, Konzepte und dem anhängigen Fachdiskurs wird rekonstruiert, wie Gewalt darin gedeutet und eingeordnet wurde. Daran schließen sich, auf Basis des heutigen Forschungsstandes, folgende Fragen an: Welche hegemonialen Deutungsmuster der Dominanzgesellschaft (Rommelspacher 2006) zeigen sich in den Programmen, Konzepten und Fachdiskursen? Wie wirkmächtig waren und sind diese – besonders auch Dynamiken stereotypisierter Zuschreibungen im Kontext der Transformationsgesellschaft, bspw. „Ossifizierung“ (Heft 2018) – in der Jugendarbeit mit rechtsorientierten Jugendlichen bis heute?

Heft, Kathleen (2018): Brauner Osten – Überlegungen zu einem populären Deutungsmuster ostdeutscher Andersheit. Feministische Studien, 36(2), S. 357-366.

Krafeld, Franz Josef (Hrsg.) (1992): Akzeptierende Jugendarbeit mit rechten Jugendcliquen. Landeszentrale für politische Bildung Bremen: Steintor.

Rommelspacher, Birgit 2006: Dominanzkultur. Texte zur Fremdheit und Macht. 2. Auflage. Berlin: Orlanda Frauenverlag.

 

Entgrenzung – Begrenzung – Grenzverschiebung Zum Erfahrungswissen der Jugendarbeit im Kontext von Jugendlichen mit rechten Orientierungen

Dr. Kevin Stützel
Friedrich-Schiller-Universität Jena

Jugendarbeiter:innen werden in ihrem Arbeitsalltag vor die Herausforderung gestellt eine wechselseitige und kontinuierliche Beziehung zu ihren Adressat:innen aufzubauen. Gerade im Bereich der Jugendarbeit mit Jugendlichen mit rechten Orientierungen wird diese Beziehungsarbeit kontrovers diskutiert. Ersichtlich sind wechselnde Konjunkturen, die mit der politischen Aufmerksamkeit gegenüber Neonazismus in Verbindung stehen und von der akzeptierenden Bezugnahme auf rechtsorientierte Jugendcliquen bis zur Fokusverschiebung auf Prävention und andere Zielgruppen reichen. Anhand einer rekonstruktiven Forschungsarbeit zum Erfahrungswissen der Jugendarbeit im Kontext von Jugendlichen mit rechten Orientierungen untersucht der Beitrag die Verständigung zwischen Pädagog:innen und ihrer Klientel im Arbeitsalltag. Ausgehend von Gruppendiskussionen mit pädagogischen Teams, die im Bereich Streetwork und mobile Jugendarbeit tätig sind wird analysiert, wie Fachkräfte in ihrer Handlungspraxis Grenzen setzen und mit grenzverletzenden Äußerungen von Jugendlichen umgehen. Rekonstruiert und diskutiert werden Muster der Entgrenzung, Begrenzung und Grenzverschiebung. Erörtert werden soll im Anschluss, inwiefern sich die aufgezeigten Handlungsorientierungen von der Jugendarbeit mit nicht-rechten Zielgruppen unterscheiden.

 

Resilient gegen Ideologien der Ungleichwertigkeit und Rechtsextremismus

Judith Rahner
Amadeu Antonio Stiftung

Wie kann eine emanzipatorische und an Menschenrechten orientierte Soziale Arbeit auf ein Erstarken autoritärer, antiliberaler, vielfaltsfeindlicher und nationalistischer Dynamiken in der Gesellschaft reagieren? Wie und wann sind Grenzen zu ziehen, wenn antidemokratische Sprüche von Adressat*innen der Sozialen Arbeit geäußert werden und was, wenn sie von anerkannten Kolleg*innen kommen oder sich das Umfeld radikalisiert? Welche Grenzen sind durch soziale Kämpfe unterschiedlicher betroffener Communities und Personen für die Soziale Arbeit produktiv gemacht worden? Was ist in den letzten Jahren für pädagogische Settings daraus gelernt worden?

Vor dem Hintergrund von Resilienz soll die pädagogische Arbeit gegen Ideologien der Ungleichwertigkeit aus der Perspektive der Praxis beschrieben werden. Resilienz ist die Fähigkeit, Krisen und Risikofaktoren wie menschenfeindliche und antidemokratische Dynamiken, Ideen und Situationen durch Rückgriff auf organisationale, fachliche und persönliche Ressourcen zu bewältigen und sie als Anlass für Entwicklungen zu nutzen, um für zukünftige Herausforderungen widerstandsfähig zu sein.

 
9:00 - 11:30Analyse und Reflexion von Grenzbearbeitungen in erziehungswissenschaftlichen Forschungsprozessen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 13
 

Chair(s): Dr. Thomas Geier (TU Dortmund, Deutschland), Dr. Christoph Haker (Universität Hamburg), Dr. Mandy Singer-Brodowski (FU Berlin)

Diskutant*innen: Dr. Helge Kminek (Goethe-Universität Frankfurt)

Im Symposium werden erziehungswissenschaftliche Forschungsarbeiten zu Nachhaltigkeit, Migration, Rechtspopulismus und muslimischen Lebenswelten auf Prozesse, Praktiken und Diskurse der wissenschaftlichen Grenzziehung, Ent- und Begrenzung sowie Grenzüberschreitung hin analysiert. Im Mittelpunkt steht eine Beobachtung zweiter Ordnung, in der nicht nur gegenstandsbezogene Grenzbearbeitungen analysiert werden, sondern auch die eigene Grenzbearbeitung von Wissenschaftler*innen reflektiert wird. Folgende Fragen sind leitend:

1) Wie werden welche Grenzen in den genannten erziehungswissenschaftlichen Forschungsfeldern konstituiert, überbrückt oder bearbeitet?

2) Wie reflektieren Forscher*innen die eigenen Grenzbearbeitungen in ihrer Auseinandersetzung mit den verschiedenen Forschungsgegenständen und deren Herausforderungen. Wie sind sie zu dieser Reflexion gelangt?

3) Wie hängen die beiden Ebenen der Analyse und Reflexion miteinander zusammen und wie beeinflussen sie sich wechselseitig?

 

Beiträge des Panels

 

Grenzbearbeitungen der Bezeichnungspraxis Migrationsgesellschaft

Dr. Thomas Geier
TU Dortmund

Der Begriff „Migrationsgesellschaft“ findet in vielen erziehungswissenschaftlichen Publikationen der jüngeren Zeit eine breite Verwendung. In den Versuchen, Gesellschaft als „Migrationsgesellschaft“ zu bestimmen, scheinen Dynamiken von Ent- und Begrenzungsprozessen und damit assoziierten Problematiken in verschiedenen Dimensionen auf: Zum einen auf einer gegenstandstheoretischen Ebene, da Migration zumeist als relevante und/oder bedeutsam gemachte (symbolische, territoriale etc.) Grenzenüberschreitende und/oder bearbeitende bzw. diese irritierende soziale Mobilität angesehen wird; z.B. Grenzen des Nationalstaats. Zum anderen auf einer analytischen Ebene, sobald es darum geht, „Migrationsgesellschaft“ selbst zu definieren, also die damit verbundene Bezeichnungspraxis in ihren Grenzenzu bestimmen; etwa dann, wenn mit dem Begriff Migrationsgesellschaft eine wünschenswerte Alternative zur Thematisierung von Migration als Zu- und/oder Einwanderung verbunden ist. Nicht zuletzt weisen darüber hinaus migrationsgesellschaftliche Diskurse Einsätze auf, die sich ebenfalls als fachdisziplinäre und gesellschaftspolitische Dynamiken von Ent- und Begrenzungen fassen lassen.

Der Beitrag unternimmt angesichts dieser Ent- und Begrenzungen selbst eine Grenzbearbeitung und lotet diese durch eine hegemonietheoretische Klärung der Bezeichnungspraxis „Migrationsgesellschaft“ aus, indem diese als diskursiver Einsatz und als Analyseperspektive gleichermaßen verstanden werden soll.

 

Grenzbearbeitungen wissenschaftlicher Interaktion am Science-Policy-Interface

Janne von Seggern
FU Berlin

Im nationalen Monitoring von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) wird der Prozess zur Implementation von BNE durch verschiedene Akteur*innen mit verschiedenen Studien untersucht. Eine Studie zielt aktuell darauf ab, Reflexions- und Lernprozesse der BNE-Akteur*innen im Sinne transformativer Forschung zu katalysieren und zu analysieren. Begleitend führen die beteiligten Wissenschaftler*innen eine autoethnografische Analyse durch, welche durch zweierlei Faktoren eine wissenschaftliche Grenzbearbeitung an der Schnittstelle von Politik und Wissenschaft problematisiert: Zum einen soll durch eine verstärkte Selbstreflexion auf Herausforderungen transformativer Forschung reagiert werden. Diese beziehen sich insbesondere auf eine Vermischung evidenzbasierter Beratung und Gestaltung und wissenschaftlicher Analyse sowie die subjektive Involviertheit der Wissenschaftler*innen in politische Prozesse. Zum anderen werden genau diese subjektiven Eindrücke der Wissenschaftler*innen zum Forschungsgegenstand und sollen auf der empirischen Datengrundlage von Feldnotizen das zentrale Erkenntnisinteresse beantworten, wie sich das Agieren der transformativ Forschenden am Science-Policy-Interface verändert. In dem Beitrag wird die theoretische Verortung einer solchen selbstreflexiven Wendung (Reflexive Turn) auf die Perspektive der Wissenschaftler*innen selbst vorgestellt und das methodische Vorgehen sowie vorläufige Ergebnisse analytischer und kollaborativer Autoethnografie präsentiert.

 

Grenzbearbeitungen in erziehungswissenschaftlicher Lehr- und Forschungspraxis angesichts neurechter Inszenierungen

Dr. Lukas Otterspeer
TU Dortmund

Anhand vorgelegter Analysen zu Grenzbearbeitungen zwischen Erziehungswissenschaft und Bildungspraxis auf der einen Seite und Gesellschaft bzw. anderen Handlungsfeldern auf der anderen Seite beantwortet der Vortrag die mit dem Symposium aufgeworfenen Fragen. Die zugrunde gelegten Analysen fokussieren dabei rechtspopulistische bzw. neurechte Grenzbearbeitungen. Bezogen auf das Wie der beforschten Grenzbearbeitung rücken einerseits rechtspopulistische Verwendungen erziehungswissenschaftlichen Wissens und andererseits neurechte „Bildungs-“ und „Wissenschaftspraxis“ in den Fokus. Diese Verwendungen und Inszenierungen festigen bereits vorliegende neurechte Problematisierungsweisen und bearbeiten Grenzen von Wissenschaft und Bildung in spezifischer Weise. Mit der Frage nach dem Wieder Reflexion rücken Umgangsweisen mit solchen Verwendungen und Inszenierungen in den Mittelpunkt. Der Vortrag argumentiert hier dafür, Kontinuitäten zwischen akademischer Lehr- und Forschungspraxis einerseits und den herausgearbeiteten Verwendungen und Inszenierungen andererseits stärker in den Blick zu nehmen. Der Zusammenhang der Frage nach dem Wieder untersuchten Grenzbearbeitung und dem Wieder Reflexion rückt dabei in den Mittelpunkt. Eine Überschneidung dieser Fragen identifiziert der Vortrag in der Arbeit an Lehr- und Forschungspraxen, wenn es in diesen gelingt, Kontingenz zu öffnen und damit fundamentalistische Verwendungen und Praktiken zu erschweren.

 

Grenzbearbeitungen in der Ethnographie muslimischer Lebenswelten

Dr. Magnus Frank
TU Dortmund

Erziehungswissenschaftliche Ethnographien zu muslimischen Lebenswelten sehen sich mit wirkmächtigen, zumeist zugehörigkeitslogischen Diskursen konfrontiert, in denen ‚der‘ Islam als homogenisiertes Kollektivsubjekt hervorgebracht wird. Damit befinden sie sich in einem methodologischen und epistemischen Spannungsverhältnis zu solchen kulturhermeneutischen und ethnomethodologischen Ansätzen, in denen davon ausgegangen wird, ein Feld innerhalb seiner Grenzen ,abstecken‘ und ,begehen‘ zu können, um dort als Feldforscher*in via Teilnahme und Beobachtung zu wissenschaftlichen Erkenntnissen zu gelangen. Denn in den die Bedeutung ,des‘ Islam konstituierenden Diskursen wird das Forschungsfeld entgrenzt, während in ethnographischen Forschungsprozessen zunehmend versucht wird, die Grenzen des Feldes abzustecken.

Der Beitrag fußt auf einer Langzeitethnographie zur Praxis muslimischer Bildungskreise im Kontext der sog. Gülen-Bewegung. Es wird gezeigt, dass die diskursive Situiertheit des Feldes kontinuierlich als Ort ethnographischer Wissensproduktion begriffen werden muss, um neue und irritationsoffene Ergebnisse produzieren zu können. Die Grenzen des Feldes zu bearbeiten, erhält dabei die Bedeutung, die Logiken und Dynamiken, entlang derer die forschenden und beforschten Subjekte in Diskursen positioniert sind, werden und sich positionieren, in die Konstitution des Gegenstandes auf allen Ebenen des Forschungsprozesses miteinzubeziehen, zu reflektieren und für Interventionen zu nutzen.

 
9:00 - 11:30Ausgegrenzt - zugleich entgrenzt? Erziehung in pädagogischen Institutionen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 37
 

Chair(s): Thomas Mikhail (Karlsruher Institut für Technologie, Deutschland), Thorsten Fuchs (Universität Koblenz-Landau), Erik Ode (Universität der Bundeswehr München)

Die Vorträge untersuchen mit unterschiedlichen Zugängen Prozesse der Ausgrenzung und Entgrenzung von Erziehung in pädagogischen Institutionen (Kita, Schule, Universität, Betrieb). Leitend ist die These, dass einer weitgehenden Marginalisierung der Erziehung aus dem erziehungswissenschaftlichen Diskurs eine Substitution durch Belehrungs-, Bewahr- und Eingriffsmechanismen nichtpädagogischer Provenienz korrespondiert. Während die institutionalisierte Begleitung in den letzten Jahren weitgehend mit Semantiken rund um Bildung verhandelt wird, scheint das Phänomen der Erziehung dennoch weiterhin wirksam zu sein, wenngleich in modifizierten Formen bzw. Praktiken. Tendenziell – so die Vermutung – liegt deren Akzent nunmehr auf einer sich sublim ausweitenden Verhaltenslenkung und intentionalen Formung des Gegenübers, was in den einzelnen Vorträgen erziehungsphilosophisch und qualitativ-empirisch thematisiert werden wird.

 

Beiträge des Panels

 

Bildung, Betreuung und Erziehung – ein Relationierungsversuch im Kontext frühpädagogischer Institutionen

Melanie Holztrattner1, Isabell Krähnert2
1Universität Salzburg, 2Universität Hildesheim

Der einzureichende Beitrag versteht sich als Problematisierung der frühpädagogisch konstitutiven begrifflichen Trias von Bildung, Betreuung und Erziehung im institutionellen Arrangement der Kita.

In ihrer Funktion als gesellschaftlich ordnende und aus der Familie freisetzende Institution bzw. im Spannungsfeld öffentlicher und privater Erziehung kann die Kita als ein Ort verstanden werden, an dem heterogene Logiken, Zuschreibungen und Interessen aufeinandertreffen, sich überlagern und ausgehandelt werden müssen.

Insbesondere seit dem sog. Pisa-Schock stehen Fragen nach der frühen Bildung bzw. deren möglichst herzustellender Absicherung anhand von Qualitäts- und Professionalisierungsinitiativen im Kontext der Expansion von Betreuungsplätzen in Bildungseinrichtungen im Fokus der (politischen) Debatte. Das hier angedeutete begriffliche Labeling verweist auf die grundlegende Frage nach der Betreuungs- vs. Bildungsfunktion von Kitas sowie auf die gegenwärtig zu konstatierende Abstinenz des Erziehungsbegriffs. Im Vortrag soll, unter Rückgriff auf ethnografisches und mittels dokumentarischer Methode analysiertes empirisches Material ausgelotet werden, in welcher Weise Bildung, Betreuung und Erziehung in frühpädagogischen Einrichtungen relationiert und prozessiert sowie insbesondere auf der Mikroebene von pädagogischen Fachkräften und Kindern als solche verhandelt bzw. hervorgebracht werden.

 

Wert und Wertlosigkeit schulischer Wert(e)erziehung. Problematisierende Diagnosen, systematisierende Reflexionen

Prof. Dr. Thorsten Fuchs1, Dr. Thomas Mikhail2
1Universität Koblenz-Landau, 2Karlsruher Institut für Technologie

Hatte das Thema ‚Wert(e)erziehung‘ im schulpraktischen Diskurs der 1990er Jahre noch Hochkonjunktur und galt es bis in die späten 2000er Jahre auch in erziehungswissenschaftlichen Debatten noch als wichtiges Sujet (Zierer 2010), so verschwindet es seitdem zusehends. Obgleich alle Schulgesetze der Länder sowie maßgebende bildungspolitische Papiere (KMK-Standards Lehrerbildung 2004, Klieme-Gutachten 2003) auf den schulischen Erziehungsauftrag in Verbindung mit Wertevermittlung verweisen bzw. dessen Dringlichkeit hervorheben, tritt er deutlich hinter Bildungsansprüche und Kompetenzorientierung zurück. Die Konsequenz ist: Ebenso wenig wie Wert(e)erziehung in der Schulpraxis noch Anerkennung erfährt, lässt sich für den Diskurs der Erziehungswissenschaft festhalten, dass man ihr darin noch einen reputierlichen Stand attestiert.

Der Vortrag fokussiert die Deszendenz schulischer Wert(e)erziehung als Entgrenzung i.S. der Verlagerung ihres historisch gewachsenen, pädagogisch legitimierten und rechtlich kodifizierten Anspruchs. Über Detailanalysen zum Klieme-Gutachten sowie einer Problematisierung des Konzepts ‚Classroom management‘ wird aufgezeigt, dass eine Fokussierung auf Kompetenzerwerb und Verhaltensregulation nicht allein zur Verkürzung der schulischen Erziehung, sondern zugleich zu einer Unterminierung des Bildungsauftrags führt. Inwieweit sich aus diesen Befunden systematischer Reflexionen und theoretischer Anschlüsse generieren lassen, soll darüber hinaus diskutiert werden.

 

Universität als erziehende Institution? Von einem neuerdings erhobenen maßregelnden Ton in der Wissenschaft

Prof. Dr. Erik Ode, Bernhard Hemetsberger
Universität der Bundeswehr München

Dass die Universität eine pädagogische Institution ist, hat angesichts ihres traditionellen Lehr- und Bildungsauftrags eine gewisse Plausibilität. Aber wird dort auch erzogen? Dieser Gedanke scheint zunächst abwegig. Universitätsangehörige sind Erwachsene, so dass Erziehung notwendig mit dem Anspruch der ‚Hochschulreife‘ und der „unbedingte[n] Freiheit der Frage und Äußerung“ (Derrida 2001, 10) als konstitutive Elemente jeder modernen Universität konfligiert. Dennoch mehren sich derzeit kritische Positionen, die eine zunehmende Begrenzung von Denk- und Sprachräumen beklagen, die als unrechtmäßige Bevormundung wahrgenommen wird. Während die erzieherische Einflussnahme in Universitäten bis ins 19. Jhd. eng umgrenzt war, etwa als Sanktion unerwünschten Verhaltens durch Zwangsmaßnahmen wie physische Einschließungen, haben sich neue Kontroll- und Ahndungspraktiken etabliert, die auf Haltungen und Denkmuster gerichtet sind, und so Konformitätsdruck erzeugen, der zur weltanschaulichen Normierung beitragen soll. Ob jüngere Phänomene wie die Maßregelung durch öffentliche Missbilligung und Ausschluss unliebsamer Positionen (Cancel Culture) oder eingeforderte „Läuterungsdemonstrationen“ (Kostner 2019) als erzieherische Maßnahmen zu diskutieren sind, bildet die Ausgangsfrage des Vortrags. In einem weiteren Schritt soll geprüft werden, auf welche theoretischen Vorläufer diese Entwicklung zurückgeführt werden kann, und ob es sich hierbei um einen unerwünschten ‚Boomerang‘-Effekt handelt.

 

Das Selbst formen. Von der berufsfachlichen Erziehung im klassischen zur selbstbezüglichen Disziplinierung im neoliberalen Diskurs der Berufspädagogik

Dr. Sabine Hering
RWTH Aachen

In diesem Beitrag sollen zwei Diskurse der Berufspädagogik daraufhin rekonstruiert werden, inwieweit sie die Formierung des Selbst konzipieren. Klassische Modelle der Berufspädagogik zwischen den 1920er und 50er Jahren (Kerschensteiner, Spranger) sahen vor, den „Zögling“ zur „Menschlichkeit“ bzw. zum sittlichen „Berufs- und Fachmenschen“ zu erziehen. Wie sich diese Idee der Formung des Selbst als „innovativer Self-Entrepreneur“ (Bertelsmann-Stiftung 2008) im modernen Diskurs der Berufspädagogik wiederfinden lässt, wird ebenso thematisiert wie die zweifache Hinwendung zum Subjekt: sowohl von der sittlichen zur kompetenten Person als auch vom „berufsfachlich geprägten Disziplinarsubjekt“ (ebd., S. 14) zu einem sich selbst disziplinierten Subjekt. Es werden Technologien des „sanften“ Führens aufgezeigt (Bröckling 2019), die als Disziplinierungspraktiken aufscheinen, aber den Charakter von Erziehungseingriffen haben. Indem diese eine klare Zielvorgabe für die Auszubildenden sowie die im Beruf Tätigen formulieren, versuchen sie ihre Adressat:innen in deren grundlegenden Eigenschaften zu verändern und den rezenten Erfordernissen des Arbeitsmarktes anzupassen.

 
9:00 - 11:30Be- und Entgrenzungen von (Mehr-)Sprachigkeit in der Kindheit
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 29
 

Chair(s): Dr. Karin Kämpfe (Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Deutschland), Yasemin Uçan (Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache Köln)

In der Migrationsgesellschaft lässt sich Sprache als ordnendes Prinzip im Bildungssystem festhalten. Dabei zeigt sich nicht nur die einsprachige Ausrichtung der Bildungsinstitutionen in einem gegenläufigen Verhältnis zur familiären (Mehr-)Sprachigkeit. Die sprachbezogene Beziehungsgestaltung zwischen Institution und Familie basiert überdies auf einem asymmetrischen Verhältnis. Das Symposium ist geleitet durch die übergreifende Frage nach Herstellungsprozessen sprachbezogener Be- und Entgrenzungen in Institutionen der Kindheit. In den Vorträgen, die sich an der Schnittstelle von Migrationspädagogik und Mehrsprachigkeitsforschung verorten, werden auf der Ebene von Diskursen (1), auf der Ebene von pädagogisch Professionellen (2), Kindern (3) und Eltern (4) sprachbezogene Be- und Entgrenzungen rekonstruiert. Im Fokus der Diskussion stehen migrationsgesellschaftliche Grenzziehungen und akteur*innenseitige Grenzbearbeitungen von (Mehr-)Sprachigkeit in der Kindheit in ihrem Wechselverhältnis.

 

Beiträge des Panels

 

Innen und Außen. Die Produktion von Orten und Nicht-Orten von Bildung in den Konstrukten Muttersprache und Bildungssprache

Dr. Magdalena Knappik
Bergische Universität Wuppertal

Der theoretisch-konzeptionelle Beitrag analysiert zwei in Bildungssettings häufig relevant gesetzte Konstrukte: Muttersprache und Bildungssprache (Panagiotopoulou 2017). Fokussiert wird dabei die Produktion eines Innen und eines Außen in beiden Konstrukten.

Das Muttersprachenkonstrukt verortet Prozesse der Sprachaneignung in der engsten Familie. Dieses scheinbar privat-intime Innen steht jedoch in enger Verknüpfung mit der Herstellung des Nationalstaates als sprachlich homogen, der Sprachbeziehungen jenseits der einen Nationalsprache in ein Außen verweist (Bonfiglio 2010).

Als Gegenentwurf zum Konstrukt der Muttersprache postuliert das Bildungssprachenkonstrukt das Register der Bildungssprache als Medium des Lernens und nimmt Bildungsinstitutionen für dessen Vermittlung in die Pflicht. Dennoch operiert auch dieser Begriff mit einer Grenze zwischen Innen und Außen: Die Konzentration auf das Deutsche als Bildungssprache (kritisch hierzu: Fürstenau/Lange 2014) verweist ‚Familiensprachen‘ in ein Außen und erklärt damit die (nicht-deutschsprachige) Familie zum Nicht-Ort für Bildung.

Die Erschließung der Symmetrien beider Konstrukte stellt eine ertragreiche Analyseperspektive für erziehungswissenschaftliche Forschung insbesondere im Kontext der argumentativen Legitimation von Ein- und Ausschlüssen in Bildungsinstitutionen dar.

 

Zwischen Förderung und Verbesonderung – Fachkraftperspektiven auf an Sprachförderung beteiligte Kinder und ihre Eltern

Dr. Karin Kämpfe
Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Mit der bildungspolitischen Aufforderung, die deutsche Sprache zu fördern gehen pädagogisch Professionelle unterschiedlich um (Autorin et al. 2020). Konstitutiv für sprachförderliches Handeln ist dabei ein Spannungsfeld zwischen der Frage wirksamer Förderung und mit der Förderung verbundenen defizitmarkierenden Verbesonderungen und Adressierungen von Kindern und Eltern (Dirim/Pokitsch 2018). Während sprachbezogene Differenzkonstruktionen in Bildungsinstitutionen empirisch belegt sind (Vortrag 1), stellen Subjektivierungen im (elementar)pädagogischen Handlungsfeld der Sprachförderung eine Forschungslücke dar. Mit der Frage, wie pädagogische Fachkräfte das dilemmatische Verhältnis von Förderung und Verbesonderung bearbeiten, holt der Beitrag diese Lücke in professions-, kindheits- und subjektivierungstheoretischer Perspektive ein. Anhand von Interviews mit Fachkräften aus der Studie X, die in (vorschulische) Sprachförderung involviert sind, wird mittels Dokumentarischer Methode (Bohnsack 2010) rekonstruiert, welche Selbst- und Fremdkonzepte diese in Bezug auf Kinder und ihre Eltern entwerfen. Der Beitrag zielt darauf ab, produziertes Wissen über Migration im Handlungsfeld der Sprachförderung offenzulegen. Zugleich werden mit den Befunden migrationspädagogische Debatten zu Sprache(n) und Sprachförderung aus ihrer engführenden Fokussierung auf rassifizierende Aspekte herausgelöst und vor dem Hintergrund der intersektionalen Verflechtungen sprachbezogener Diskurse diskutiert.

 

Sprachliche Bildung im Elementarbereich: Translanguaging zwischen sprachlicher Ermächtigung und Besonderung mehrsprachiger Kinder

Christina Winter
Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache Köln

Mit dem Ziel, mehrsprachige Voraussetzungen der Lernenden wertzuschätzen, sprachliche Hierarchien abzubauen sowie Sprachkompetenzen im Sinne einer Gesamtsprachigkeit zu fördern, wird eine mehrsprachige Bildung angestrebt (García 2009, Gantefort/Sánchez Oroquieta 2015). Vor diesem Hintergrund geht der Vortrag der Frage nach, wie Kinder und pädagogische Fachkräfte als Akteur*innen der Organisation Kita Sprach- und Sprechkonventionen unter den Bedingungen von Mehrsprachigkeit aushandeln.

Basierend auf dichten Beschreibungen aus teilnehmender Beobachtung in vier Kindertageseinrichtungen wird mittels des Kodierschemas der Grounded Theory komparativ herausgearbeitet (Panagiotopoulou 2017; Corbin/Strauss 2015), inwiefern (Sprach-)Praktiken Mehrsprachigkeit im Kitaalltag inkludieren oder exkludieren. Werden Kinder von Fachkräften als mehr- oder nichtdeutschsprachig markiert, erfahren sie eine Anrufung als Anderssprachige und werden dabei als muttersprachliche Sprachexpert*innen (Khakpour 2016) hervorgebracht. Offenbaren sich die in der Situation beteiligten Akteur*innen, insbesondere Erwachsene, als Anderssprachige, eröffnet dies Handlungsräume für Kinder, sich als mehrsprachige Subjekte zu positionieren.

Diskutiert wird, wie das Dilemma zwischen einer ressourcenorientierten Perspektive und der Gefahr der „Besonderung“ (Kuhn 2013) aufgrund migrationsbedingter Mehrsprachigkeit im pädagogischen Alltag hergestellt und darüber hinaus translinguale Praktiken eröffnet oder begrenzt werden.

 

Sprachbiografische Konstruktionen von (Mehr-)Sprachigkeit im Kontext von Migration und Familie

Yasemin Uçan
Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache Köln

Für Menschen im Kontext von Migration ist die Vielfältigkeit und Hybridität des sprachlichen Repertoires hervorzuheben, das sich durch verschiedene Herkunftskontexte mit verschiedenen (Minderheiten-)Sprachen auszeichnet (Busch 2010). Demgegenüber steht die Vorstellung der Einsprachigkeit als Normalfall europäischer Nationalstaaten (Gogolin 2010).

Für eine familiäre migrationsbedingte Mehrsprachigkeit sind Spannungsfelder festzuhalten, die z.T. aus monolingual grundierten Erziehungsvorstellungen, der einsprachigen Ausrichtung von Bildungsinstitutionen sowie der translingualen Sprachpraxis entstehen (Autor*in 2020). Eltern autochthoner Minderheiten sind zudem bereits vor der Migration mit sprachlicher Ungleichheit konfrontiert gewesen, was als folgenreich für die familiäre Mehrsprachigkeit in der Migration festzuhalten ist (ebd.; Brizić 2007).

Im Vortrag soll davon ausgehend mit einem (sprach-)biografischen Zugang (Busch 2010; Rosenthal 2014) rekonstruiert werden, wie Eltern autochthoner Minderheiten aus der Türkei, die unter dem Sprachenverbotsgesetz in der Türkei (1983–1992) aufgewachsen sind und deren Kinder am deutschen Bildungssystem partizipieren, die eigene und kindliche (Mehr-)Sprachigkeit verhandeln. Die Frage danach, wie sich sprachpolitische Diskurse in die narrative Darstellung der Sprachbiografie einschreiben, aber auch verschoben werden, stellt einen relevanten Beitrag zur erziehungswissenschaftlichen Biografieforschung im Kontext von Sprachen und Migration dar.

 
9:00 - 11:30Begrenzung von Mitsprache und Partizipation in der Wissensbildung zum Klimawandel?
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 10
 

Chair(s): Dr. David Labhart (Institut Unterstrass, Schweiz), Jana Posmek (Universität Koblenz-Landau), Dr. Barbara Pusch (Universität Koblenz-Landau), Prof. Dr. Michelle Proyer (Universität Wien)

Diskutant*innen: Pascal Bastian (Universität Koblenz-Landau)

Was, wenn nicht der Klimawandel, führt uns die vielschichtigen, teils prekären Verstrickungen von Weltverhältnissen vor Augen? Der Wandel des Klimas ist eine komplexe Angelegenheit und verdeutlicht die Verwobenheit von zeitlichen, räumlichen, disziplinären, kognitiven und (inter)generationalen Be- und Entgrenzungen.

Während die Frage nach der Relevanz des Klimawandels für die erziehungswissenschaftliche Theorie und Praxis zunehmend an Bedeutung gewinnt, blieb die Schnittstelle von Nachhaltigkeit, Partizipation und Inklusion bislang unbeleuchtet. Aus diesem Grund erörtert das Symposium an Hand von vier empirisch-qualitativen Fallstudien wie Mitsprache und Partizipation in der Wissensbildung zum Klimawandel ent- bzw. begrenzt wird.

Damit wird ein Reflexions- und Diskussionsrahmen eröffnet, der sich der Frage annimmt, welches Wissen von wem, wann, wie und warum zählt bzw. ausgegrenzt wird. Wer darf also im Theaterstück um unsere Zukunft mitspielen?

 

Beiträge des Panels

 

Eine Stimme für Stimmlose? Zum Verhältnis von Wissen(schaft) und Partizipation in der Fridays for Future-Bewegung Deutschland

Jana Posmek
Universität Koblenz-Landau

Lange Zeit wurde die Politisierung von Jugend als absent deklariert (Zajak 2020). Mit der Fridays for Future-Bewegung jedoch erlebt(e) die mediale und wissenschaftliche Wahrnehmung junger Menschen als «agents of change» (Han & Ahn 2020, 17) einen Höhepunkt.

Die Stimme Jugendlicher bezüglich des Klimawandels ist kaum mehr zu überhören. Dennoch macht die Bewegung die Begrenztheit der Teilhabemöglichkeit junger Menschen und des Klimas an politischen Entscheidungsprozessen erst sichtbar: Schüler*innen sind allein aufgrund des Wahlrechts von der Politik exkludiert – sie können, ebenso wenig wie das Klima, in der politischen Sphäre für sich sprechen. Hier erweist sich empirisch die Allianz mit Akteuren aus den Wissenschaften, wie Forscher*innen oder Studien, als bedeutsam, insofern sie als Repräsentanten dienen, welche die Belange der Streikenden politik- und sprechfähig machen (Böttger & Reitschuster 2020). Diese Allianz ist für die Aktivist*innen jedoch prekär, da ihnen das Berufen auf «geliehenes Wissen» Vorwürfe der Ahnungslosigkeit, Leichtgläubigkeit oder gar Demokratiefeindlichkeit einbringt, die mit generationalen Grenzziehungen einhergehen.

Der im Kontext eines ethnografischen Dissertationsprojektes angesiedelte Beitrag nimmt unter Rückgriff auf empirisches Material das Verhältnis von jugendlicher Partizipation und Wissen(schaft) und das damit einhergehende Ringen der jungen Aktivist*innen darum, ernstgenommen zu werden, in seiner Ambivalenz in den Blick.

 

Im Schatten der Fridays for Future-Bewegung: Überhörtes Umweltwelt- und Nachhaltigkeitswissen von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund

Dr. Barbara Pusch
Universität Koblenz-Landau

Fridays for Future (FFF), ist eine globale soziale Bewegung von Schüler*innen und jungen Menschen, die sich für möglichst umfassende, schnelle und effiziente Klimaschutz-Maßnahmen einsetzt. Mit ihren weltweiten Protesten hat die Bewegung Politik und Gesellschaft aufgerüttelt. Gleichzeitig wandelte sich damit auch das Bild der Jugend. Durch ihr Aufbegehren – insbesondere auch ihrer Initiatorin Greta Thunberg – wird der Jugend heute zunehmend umwelt- und nachhaltigkeitspolitisches Engagement zugesprochen. Einschlägige Studien zeigen jedoch, dass in unterschiedlichen Milieus nicht nur das Umwelt- und Nachhaltigkeitswissen differiert, sondern auch die Bedeutung, die dieser Thematik beigemessen wird (BMU 2018, Albert et al. 2019). Der klimapolitisch engagierten Jugend, die heute durch die FFF-Bewegung zunehmend Gehör findet (Sommer et al. 2019), steht eine breite, stille und (klima)politisch skeptische Masse gegenüber (BMU 2020). Doch was wissen und denken diese Jugendlichen über Klimawandel, Umwelt und Nachhaltigkeit? Welche Bedeutung messen sie diesem Themenkomplex zu? Und wie blicken Sie in die Zukunft?

Der vorgeschlagene Beitrag setzt an diesen Fragen an und analysiert umwelt- und nachhaltigkeitsrelevante Wissenskontexte und Zukunftsvorstellungen von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund. Die empirische Basis hierfür liefert die Pilotstudie «Mein ökologischer Fußabdruck: BNE in der interkulturellen Schule», in im Herbst 2020 in Landau/Pfalz durchgeführt wurde.

 

Nachhaltigkeit und Inklusion – Herausforderungen der Vermittlung und Erschließung von Klimawandel in inklusiven Lehr- und Lernkontexten

Prof. Dr. Michelle Proyer
Universität Wien

Ausgehend von grundlegenden Überlegungen zum Nexus Nachhaltigkeit, Klima und Inklusion (Pufé 2017, Miethlich 2019) geht der Beitrag darauf ein, wie (angehende) Lehrpersonen Herausforderungen rund um die Erschließung und Vermittlung der Komplexität des Klimawandels und andere die Nachhaltigkeit betreffende Themen navigieren, um unterschiedliche Gruppen von Lernenden (z.B. Jugendliche mit Migrationserfahrung und Behinderung) zu erreichen. Im Rahmen von zwei Fokusgruppen mit insgesamt 7 Personen (5 und 2) wurden Ende 2020 (angehende) Lehrpersonen mit und ohne Behinderung im Umfeld der Inklusiven Pädagogik zum Aufzeigen von Herausforderungen eingeladen. Mittels Situationsanalyse (Clarke et al. 2018) wurden die Ergebnisse analysiert, kontrastiert und kontextualisiert. Zentrale Ergebnisse verweisen darauf, dass sich aufgrund mangelnder Auseinandersetzung im Studium, vermeintlich nicht vorhandenen Interesses der diversen Lernenden oder ungeeigneter didaktischer Materialien (Mangel an inklusiv-didaktischen Unterlagen) für verschiedene Gruppen eine Reihe von Herausforderungen, die neben zahlreichen anderen Aufgaben im schulischen Alltag nur schwer bewältigbar sind, ergeben. Des Weiteren werden die Distanzen in der Lebensgestaltung hinsichtlich Nachhaltigkeit von Lehrpersonen selbst und Schüler*innen thematisiert.

 

Un/Vernunft in inklusiven Hochschulseminaren

Dr. David Labhart
Institut Unterstrass an der Pädagogischen Hochschule Zürich

«Weiterleben kann die Menschheit nur, wenn sie von Grund auf anders denken lernt» (Capra 1984). Mit Blick auf den Klimawandel ist die Aufforderung, die in den 1980er-Jahren als Untertitel des Buches «Wendezeit» des Physikers Fritjof Capra formuliert wurde, heute aktueller denn je. Max Horkheimer (1991) formulierte ungefähr ein Jahrzehnt früher seine «Kritik zur instrumentellen Vernunft»: Eine vernünftige Vernunft denunziert nach ihm die subjektive Vernunft – ein positivistisches Denken im Sinne eines «bloßen stumpfsinnigen Apparat zum Registrieren von Fakten» (ebd.: 72). Was in den letzten ungefähr 150 Jahren als vernünftig galt, gilt es zu Hinterfragen, um gemeinsam vernünftiger werden zu können. Die Grenze der Vernunft muss bearbeitet werden.

Als ein möglicher Ansatzpunkt zu dieser Herausforderung widmet sich der Beitrag einem Forschungsvorhaben, das die logische Intelligenz, wie sie in Intelligenztests gemessen wird, als vernünftiges Denken in Frage stellt. So wird der Frage nachgegangen, ob in inklusiven Gruppen vernünftigeres Wissen erschaffen werden kann. In Akteur-Netzwerk-theoretischer Methodologie wurden mit ethnografischer Beobachtung inklusiven Lehrveranstaltungen beigewohnt. Die ANT-Analyse ermöglicht, zu beschreiben, was in solchen Lehrveranstaltungen eine Stimme hat sowie den Spuren eines anderen Denkens nachzugehen um Reflexionen zu Intelligenz und Vernunft anzustellen.

 
9:00 - 11:30Beruflich kompetent! - Entwicklung und Förderung beruflicher Kompetenzen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 11
 

Chair(s): Prof. Dr. Esther Winther (Universität Duisburg-Essen, Deutschland)

In vier Beiträgen werden verschiedene Aspekte der Kompetenzentwicklung in allgemeinen und beruflichen Lerngelegenheiten der ökonomischen Domäne beleuchtet. Allen Beiträgen ist gemein, dass sie Fragen der Erfassung, der Förderung und der instruktionalen Vermittlung ökonomischer Kompetenzen an ein empirisch validiertes Kompetenzmodell der kaufmännischen Berufsbildung binden. Die Beiträge verdeutlichen darüber hinaus, dass wesentliche Fortschritte der beruflichen Kompetenzmodellierung und -erfassung auf wissenschaftlicher Seite mit zentralen Desideraten auf praktischer Seite korrespondieren. Diese Ent/grenz/ungen werden exempalrisch aufgelöst.

 

Beiträge des Panels

 

Beruflichen Kompetenzerwerb fördern: Die Bedeutung ökonomischer Literalität

Fabio Fortunati
Universität Duisburg-Essen

Der Vortrag geht der Frage nach, inwieweit das Konstrukt der Economic Literacy als Prädiktor für den Erwerb kaufmännisch-beruflicher Kompetenz geeignet ist. Economic Literacy wird als Fähigkeit definiert, (gesamt-)wirtschaftliche Zusammenhänge zu verstehen, zu beurteilen und aufgrund dieser Basis fundierte Entscheidungen zu treffen; als lernleitendes Konstrukt wird es zunehmend in den Curricula der allgemeinbildenden Schulen aufgenommen. Der Beitrag adressiert die nachfolgenden Fragestellungen: (1) Wie lässt sich die wirtschaftlichen Domäne so modellieren, dass ökonomische Literalität adäquat abgebildet ist? (2) Wie lässt sich das Konstrukt über ein authentisches, computergestütztes, curricular angebundenes Assessments erfassen? (3) Welche Form weist ein Kompetenzstrukturmodells der ökonomischen Bildung für die Sekundarstufe I im Vergleich zu Kompetenzstrukturmodellen der kaufmännischen Erstausbildung auf? Mithilfe einer komparativen Curriculaanalyse und eines theoretischen Domänenmodells werden die Assessmentinhalte konstruiert; dies ermöglicht eine passgenauere Ausrichtung des Assessments i. S. d. Alignment-Triangle. So lassen sich Handlungskompetenzen sowie spätere Berufskompetenzen möglichst authentisch abbilden. Das im Beitrag vorgestellte Projekt erzeugt empirische Evidenz zum Ist-Stand der ökonomischen Bildung und erlaubt, Handlungsempfehlungen zur Fortentwicklung der Curricula zu formulieren.

 

Kompetenzentwicklung in kaufmännischen Ausbildungsberufen fördern

Beifang Ma, Prof. Dr. Esther Winther
Universität Duisburg-Essen

Auf der Basis empirisch validierter Modellvorstellungen zum Kompetenzzuwachs im Ausbildungsverlauf kaufmännischer Berufe zeigt der Beitrag auf, wie sich eine zweidimensionale Kompetenzmodellstruktur (domänenverbundene und domänenspezifische Kompetenz) längsschnittlich modellieren und empirisch beschreiben lässt. Hierzu liegen Daten eines kaufmännischen Assessments über die Dauer der beruflichen Ausbildung (Ausbildungsbeginn, Beginn des zweiten Ausbildungsjahres und Ende der Ausbildung) vor. Zur Erklärung der Kompetenzstrukturen im Zeitverlauf werden ausbildungsplatzspezifische Merkmale der kaufmännischen Berufsausbildung sowohl auf Seiten der Auszubildenden als auch auf Seiten der beruflichen und betrieblichen Ausbildenden herangezogen, die ebenfalls längsschnittlich erhoben und ausgewertet wurden. So werden beispielsweise die Lernausgangslagen auf Seiten der Lernenden und spezifische Merkmale der Lernumwelt seitens der Schule und Ausbildungsbetriebe erfasst, um Rückschlüsse auf die Gelingensbedingungen der Kompetenzentwicklung in kaufmännischen Ausbildungsberufen ziehen zu können. Auf Basis der vorliegenden Daten kann die Frage beantwortet werden, wie betriebliche Lernbedingungen beschaffen sein sollten, um die berufliche Enkulturation und Kompetenzentwicklung an den verschiedenen Lernorten des dualen Ausbildungssystems zu fördern (vgl. Henson, 2015).

 

Kollaboratives Problemlösen in der beruflichen Bildung fördern

Jessica Paeßens
Universität Duisburg-Essen

Aufgrund veränderter Markt- und Arbeitssituationen wird der Arbeitskontext von kaufmännischen Auszubildenden zukünftig zunehmend von externen Kriterien geprägt sein, die Teamfähigkeit erfordern (Brötz et al., 2014). Während dies genuin in Unternehmen verankert ist – bspw. in Form von zeitlich flexiblen Projektteams–, sind im Schulkontext adäquate Lernsettings bewusst zu implementieren. Dies gelingt, indem Arbeitsprozesse aus dem betrieblichen Kontext in der Schule simuliert und Kollaborationsprozesse didaktisch modelliert werden. Vor diesem Hintergrund fokussiert der Beitrag auf Interventionen in einer webbasierten Bürosimulation (Rausch et al., im Druck), um kollaboratives Problemlösen (CPS) zu fördern. Zur Ausgestaltung des Förderkonzepts kann auf ein CPS-Framework mit kognitiven und sozialen CPS-Komponenten zurückgegriffen werden (Hesse et al., 2015). Die Komponenten von CPS werden vor der Bearbeitung komplexer beruflicher Problemszenarien gezielt gefördert sowie als Interventionen in den CPS-Prozess selbst gegeben: Die gezielte Förderung erfolgt durch ein als betriebliches Briefing angelegtes überfachliches Training. Ein spezifisches – hier kaufmännisches – CPS-Szenario greift die CPS-Interventionen auf und reichert es in Form von automatisierten Interaktionen an. Als Interventionsstudie angelegt, zeigt der Beitrag auf, welche Förderkonzepte kollaboratives Problemlösen fördern und wie sich diese Förderideen in den kaufmännischen Unterricht implementieren lassen.

 
9:00 - 11:30Bildplattformen als Medien der Klassifikation. Interdisziplinäre Perspektiven auf postdigitale Grenzauflösungen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 24
 

Chair(s): Prof. Dr. Juliane Engel (Goethe Universität Frankfurt, Deutschland), Prof. Dr. Olga Moskatova (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Patrick Bettinger (PH Zürich)

Ausgehend von der These postdigitaler Bildungsprozesse, in denen die Grenzziehung zwischen analogen und virtuellen Welten problematisiert wird, fragen wir im Symposium nach dem damit verbundenen erziehungswissenschaftlichen Erkenntnispotential sowie den Konsequenzen für neuere Forschungsmethoden. Postdigitale Bildung wird subjekt- und bildungstheoretisch nicht als Lernen mit Medien verstanden, vielmehr wird sie als Relationierungspraxis untersucht, bei der Subjektivierungs- und Lernprozesse medial konstituiert sind (Engel/Jörrisen 2019). Das Verwobensein von Analogem und Digitalem bringt Potentiale für Teilhabe an mediatisierten (Lern-)Prozessen mit sich und geht zugleich mit einer (Re-)Produktion von Ungleichheitsverhältnissen einher. Die postdigital aufgelösten Grenzen müssen damit zum einen auf ihre produktiven Machteffekte sowie auf benachteiligende Machtasymmetrien befragt werden. Zum anderen erfordern sie eine Methodenkritik sowie das interdisziplinäre Erproben neuer Methodologien.

 

Beiträge des Panels

 

Medien der Klassifikation. Ordnungsmechanismen und Subjektivierung auf Bildplattformen

Prof. Dr. Olga Moskatova
Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg

Während die Diskurse der 1990er Jahre Internet als ein freies demokratisches Medium feierten und sich später in die Partizipations-Euphorie rund um Web 2.0 verlängerten, ist es heute klar, dass das offene Internet plattformisiert und in ökonomisch verwertbare Strukturen gegossen wurde. Statt neutrale Räume vernetzter postdigitaler Sozialität zu sein, lassen sich Bildplattformen auf Machtstrukturen und klassifikatorische Ordnungsmechanismen befragen, die Wissen um die partizipierenden Subjekte anhäufen. Denn der tendenziell chaotische Charakter des Internet und der Teilhabe provoziert zahlreiche Sortier-, Klassifikations- und Aufräumarbeiten auf der Ebene der Plattform-Ökologien: ästhetisch-formale Ordnungsverfahren (Listen, Raster-Formatierungen, Reihen, Schlagworte); Personalisierungs-, Empfehlungs- und Suchalgorithmen; sollen Relevanz und Übersichtlichkeit in ein Überangebot an Selbst- und Fremdbildern bringen. Dabei bringen diese Medien der Klassifikation legitime und illegitime Ausdrucksweisen hervor, sie machen bestimmte Subjektpositionen sichtbar (z. B. weiß, schlank, hübsch) und andere opak (z. B. disabled, farbig, übergewichtig) und reproduzieren häufig bestehende Diskriminierungen (z. B. hinsichtlich des Geschlechts und der Rasse). In dem Vortrag sollen exemplarisch die subjektivierenden klassifikatorischen Verfahren der Bildplattformen diskutiert werden, die sich in der interaktiven Relation zwischen Subjekten und Technologien einstellen.

 

Netzpraktiken und Bildakkumulation im Kontext postdigitaler Bildungsprozesse

Prof. Dr. Konstanze Schütze
Universität zu Köln

Digitale Bilder zirkulieren weltweit und über sie werden politische und gesellschaftliche Ereignisse kommuniziert und kommentiert. Besonders Krisenszenarien – von #covid19 bis #capitol – befeuern die Bildproduktion und lassen Memes zu politischen Akteur*innen werden. Entlang medien- und kulturtheoretischer sowie kunstpädagogischer Ansätze schlägt der Beitrag vor, Bilder und Videos als geschäftsführende Entitäten algorithmisch geprägter Kulturen neu zu vermessen und zu diskutieren. Auf der Grundlage empirischer Studien zum subjektivierenden Potential von Bildern und Videos werden Fragen danach aufgeworfen, inwiefern künstlerisch-ästhetische Netzpraktiken neue Formen von Bildungsprozessen anregen, und wie sich in ihnen Ungleichheitsverhältnisse artikulieren.

 

Qualitative Bildungsforschung zu post-digitalen Formen der Biographisierung

Prof. Dr. Juliane Engel, Lara Karpowitz
Goethe Universität Frankfurt

Der Vortrag geht den fluiden Übergängen zwischen analogen und virtuellen Welten biographietheoretisch nach und deutet sie als Hinweis darauf, dass möglicherweise auch biografische Zusammenhangsbildung weniger linear gedacht werden kann, als es in den Erhebungen biografischer Erzählungen zumeist angelegt ist. Denn inwiefern evozieren digitale Praktiken und Selbstkonstruktionen in digitalen Räumen Formen neuer raum-zeitlicher Biografisierungen und Biografizität? Auf der Grundlage von empirischen Studien zu Selbstpräsentationen auf Tik Tok, einer Plattform auf der sehr ausschnitthafte und situative Formen der Selbstpräsentation vorherrschen, lassen sich im Vergleich mit facebook, wo (auch) konventionelle Angaben zu eigenen Lebensverhältnissen getätigt werden (Geburtstag, Wohnort…), erkennen, wie digitale Orte und dort verortete Adressat*innen kulturelle Repräsentation von lebensgeschichtlichen Zusammenhängen (neu) hervorbringen. Anthropozentrische Erhebungsmethoden, wie bspw. das biographische Interview, scheinen daher für eine zukunftsträchtige Biographieforschung nur eine mögliche Analyseperspektive zu eröffnen. Aktuelle Studien zu jugendkulturellen Identitätsentwürfen, deuten darauf hin, dass biografisches Wissen eben nicht nur IM Menschen angesiedelt ist, sondern auch in den medial-ästhetischen Relationen virtueller Räume. Dieser Spur geht der Beitrag sowohl empirisch als auch biographietheoretisch nach.

 

Zur Bildsamkeit des Hybrid-Subjektes - Pädagogische Implikationen einer rekonstruktiven Social Media Forschung

Dr. Anna Carnap1, Viktoria Flasche2
1HU Berlin, 2Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg

Jugendliche sind heute mehr denn je gefragt, sich biografisch zu entwerfen. Social-Media-Plattformen bieten vielfältige Optionen des Selbst- und Weltbezugs und verstricken ihre Anwender*innen in algorithmisierte Angebots- und Nachfragelogiken. Um eine größere Klarheit über diese Praktiken des Entwerfens in einem plattformspezifischen Feld des Erscheinens zu erhalten, wurden im BMBF-Projekt “Postdigitale Jugendwelten” (2012-2019) u.a. transaktionale Interviews geführt (Jörissen/Schroeder/Carnap 2020; Nohl 2011; Engel/Jörissen 2019). Die transaktionale Forschungsmethodik eröffnet einen empirischen Zugriff auf das konstitutiv relationale Verhältnis von körperlichen, dinglichen und räumlichen Hybrid-Subjekten.

Ein zentraler Befund des Projektes ist, dass die Jugendlichen eher eine performative Haltung der Kritik gegenüber den diffusen Öffentlichkeiten der Plattformen einnehmen, als eine explizit reflexive. Vor dem Hintergrund der Reformulierung von Kritik im Sinne Kants (2008) durch Foucault (1992; Zahn 2020) wenden wir die empirische Spur, die Grenzbereiche des Sag- und Sichtbaren performativ auszuloten, pädagogisch (Ricken 2012): Was ist das Ziel erzieherischen Tätigseins, wenn es nicht das souveräne Subjekt ist? Wie kann das Einnehmen einer kritisch-performativen Haltung in pädagogischen Settings intentional vorangetrieben werden (wenn nicht durch Aufklärung)?

 
9:00 - 11:30Bildung des Menschen im Anthropozän. Die Grenzen des Menschen neu erforschen. Einsätze Pädagogischer Anthropologie
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 33
 

Chair(s): Prof. Dr. Christoph Wulf (FU Berlin), Prof. Dr. Jörg Zirfas (Universität Köln)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Birgit Althans (Düsseldorf Kunstakademie), Dr. Friederike Schmidt (Uni Siegen), Prof. Dr. Sabine Seichter (Universität Salzburg)

In der Erziehungswissenschaft treffen wir auf die Erkenntnis, dass der Mensch sich durch bestimmte Praktiken und Technologien partiell oder ganz verändern kann. Dabei spielt die Verschiebung und Neubestimmung von Grenzen im Welt-, Menschen- und Selbstbild eine wichtige Rolle. Welche Bedeutung haben diese Erfahrungen der Grenze für Erziehung und Bildung? Nicht alles, was menschenmöglich ist, darf aus ethischen Gründen realisiert werden.Welchen Beitrag leisten die Forschungen und Reflexionen pädagogischer Anthropologie in diesem Zusammenhang und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für Erziehung und Bildung? Grundlegende Veränderungen mit neuen Grenzverschiebungen im menschlichen Welt- und Selbstverständnis sind erforderlich. Dazu gehören nicht nur der Klimawandel und die mit ihm verbundenen destruktiven Entwicklungen, sondern auch die digitale Transformation. Hinzu kommen die Wissenschaften, die an der Verwirklichung nachhaltiger Entwicklung und Bildung arbeiten.

 

Beiträge des Panels

 

Education as Human Knowledge in the “Anthropocene”.

Prof. Dr. Nathanaël Wallenhorst1, Prof. Dr. Christoph Wulf2
1Universität Angers, 2FU Berlin

The discourses on this subject take as their starting point the fact that the fate of the planet today is largely determined by human beings; at the same time, however, human lives are determined by the fate of the planet. Our destructive acts contribute to climate change, the destruction of the environment, the depletion of non-renewable resources, the nuclear arms race, etc. Responsible for this development are conceptions of humanity which are inherently violent, and it is this violence that needs to be addressed. Central to this process are the boundaries and the self-limitations of human actions. An example illustrates how destructive modes of behavior can be reduced if we modify our conception of humanity. We present empirically supported hypotheses which show the importance of conceptions of humanity, performative behavior, and mimetic learning for new social practices to emerge, such as rituals, gestures and customs in the context of education for sustainability. Imagining alternative conceptions and practices is an important part of a creative education for sustainable development.

 

Die Grenzen der Transformation zur Nachhaltigkeit. Pädagogisch-anthropologische Perspektiven

Dr. Nino Ferrin, Dr. Ingrid Kellermann
FU Berlin

Schon seit längerer Zeit tritt die globale Krise als ökologische, pandemische und politische in Erscheinung und bringt die Menschen in ihrem alltäglichen Handeln in die Schwierigkeit, sich zwischen zwei konkurrierenden Handlungs- und Verhaltensmöglichkeiten und den ihnen impliziten Menschenbildern entscheiden zu müssen. Denn um die drängenden Probleme der Menschheit zu bearbeiten, ist die Veränderung vieler Gewohnheiten und die Entwicklung neuer Lebens-Perspektiven und -Szenarien erforderlich. Doch viele Menschen wollen und können die einmal eingeübten Praktiken ihres alltäglichen Lebens nicht verändern. Sie widersetzen sich dem Anspruch, ihre Lebenswelt im Sinne einer Entwicklung in Richtung auf mehr Nachhaltigkeit zu verändern. Ihre Verweigerung, an der Eindämmung von Umwelt- und anderen Katastrophen mitzuwirken, wirft die Frage auf, welche zukunftsbezogenen Orientierungsmuster sich für die erforderliche Transformation des Ist-Zustandes entwickeln lassen und welchen Beitrag Erziehung, Bildung und Sozialisation für deren Verwirklichung leisten können. Am Beispiel der Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesrepublik 2021 werden solche grundlegenden Muster nachhaltiger Bildung untersucht und auf die ihnen zugrundeliegenden Menschenbilder hin analysiert. Zudem wird die Frage untersucht, welche Möglichkeiten und Grenzen das utopische Potential der Nachhaltigkeitsstrategie 2021 für Erziehung und Bildung hat.

 

Hacking Humanity: Digitalität und Anthropopraxis

Prof. Dr. Benjamin Jörissen
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Forschungen zum Projekt der Historischen Anthropologie und der Pädagogischen Anthropologie haben in den letzten Jahrzehnten vielfältig dazu beigetragen, ihre Ausgangsthese der immanenten Historizität ihres Gegenstands anhand konkreter Bezugsfelder zu entfalten. „Der Mensch“ ist nicht einfach als Gegenstand der anthropologischen Reflexion „gegeben“; er geht vielmehr aus kulturellen Praktiken – des Körpers, der Wahrnehmung und Imagination, des Gedächtnisgebrauchs, der Mimesis, des Selbst- und Gemeinschaftsbezugs im Ritual, wesentlich auch aus intentional-formativen Praktiken der Erziehung, der Körpermodifikation (Medizin) und Körpererweiterung (Technik und Medialität) hervor. Das kulturelle Wissen des Menschen über den Menschen ist für das, was sich zusammenfassend als Anthropopraxis bezeichnen lässt, maßgeblich. Digitalisierung ist vor diesem Hintergrund als zutiefst kulturell und anthropologisch relevantes Phänomen zu verstehen: sie greift in die tradierten kulturellen Anthropopraxen ein. Auge vs. „Retina“-Display, Sinnlichkeit vs. digitale Sensorik, Hermeneutik vs. Deep Learning, Urteilskraft vs. Automated Decision Making, Sozialität vs. Social Stream, Anerkennung vs. Echokammer, Humangenom vs. Biotinkering, Bildsamkeit vs. präemptives Profiling: Die dem zugrundeliegende Logik des Hackens ist keine neue, doch ihre Akteure sind es. Der Beitrag untersucht die Bedeutung und die Anschlüsse von Pädagogik im Zeitalter des Designs und Engineerings des Humanen.

 

Grenzen der Kompetenz: Der Mensch als könnendes Lebewesen. Eine anthropologische Perspektive.

Prof. Dr. Johannes Bilstein
Universität Innsbruck

Das für den gesamten Ausbildungs- und Erziehungsbereich paradigmatische Vordringen von Kompetenz-Orientierung als regulativer Idee pädagogischen Handelns hat zu einer Reihe von inzwischen auch intensiv diskutierten und kritisierten Konsequenzen geführt: eingegrenzte Bedeutung des Kanons, vervielfältigte Notwendigkeiten und Möglichkeiten der Kontrolle, Imaginationen der institutionellen und individuellen Optimierung von Lernprozessen, Veränderte Bedeutung von Lern-Inhalten. Damit bewegt sich diese Orientierung in einer alten Tradition der Steuerung und der rationalen Kontrolle, die eng mit den säkular-aufklärerischen Ansprüchen menschlicher Weltbewältigung verknüpft ist. Zugleich fokussiert sich diese kompetenzorientierte, an der ökonomischen und biographischen Produktivierung von individuellen Entwicklungsprozessen ausgerichtete Perspektive auf lediglich eine Art vieler möglicher Weltbezüge des Menschen – insofern grenzt sie die Komplexität und Polyvalenz menschlicher Verwobenheiten massiv ein. Andere, nicht auf „Können“ gerichtete Orientierungen werden dagegen ausgeblendet, vernachlässigt und ausgegrenzt. Nimmt man die Gesamtheit dieser möglichen Weltbezüge in den Blick, erscheint insbesondere der Umgang mit Kunst und Kultur unvergleichlich vielfältiger, reicher und anthropologisch angemessener.

 
9:00 - 11:30Cosmopolitan Dissolution of Boundaries and its Limits. Educational Perspectives from Germany and Japan
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 08
 

Chair(s): Prof. Dr. Ruprecht Mattig (TU Dortmund, Deutschland), Prof. Dr. Lothar Wigger (TU Dortmund)

Cosmopolitanism and cosmopolitan education, by definition, aim to dissolve borders. Cosmopolitan educational approaches are directed at imparting knowledge, values, and competencies necessary for responsible thinking and acting in an increasingly globalized world. Yet, approaches to cosmopolitanism have been criticized. This symposium is primarily concerned with the criticism that cosmopolitanism, although oriented toward universal humanity, is rooted in "Western" tradition and is therefore inherently limited. The symposium will engage in a "dialogue of difference" (Jeffrey Dill) about cosmopolitan education by incorporating a "non-Western" perspective in two ways: First, researchers from Germany and Japan will present their papers with reference to their respective traditions of thought. Second, case studies in Germany and Japan will be addressed. The symposium thus crosses borders to encourage reflection on how cosmopolitan dissolution of boundaries can actually be made possible.

 

Beiträge des Panels

 

Forms of Cosmopolitanism and their inherent conflicting claims: Systematic reflections from an educational point of view

Prof. Dr. Ruprecht Mattig
TU Dortmund

This paper provides an introduction to the symposium’s topic. Notions of cosmopolitanism and cosmopolitan education are discussed and systematized, on the one hand, in terms of their aspirations to dissolve boundaries and, on the other hand, in terms of their inherent limitations. In a first step, the paper refers to Kleingeld’s (1999) distinction of different forms of cosmopolitanism, particularly pointing out conflicting claims. In a second step, this discussion will be related to approaches to cosmopolitan education and their critiques. The paper points out that approaches to cosmopolitan education tend to focus only on certain notions of cosmopolitanism and have little awareness of the different notions and their conflicting claims. The paper will mainly focus on the often-voiced criticism that approaches to cosmopolitan education tend to develop a universal perspective without recognizing their particular origin in Western traditions of thought (Pashby et al 2020). In a third step, the paper will discuss possibilities of overcoming this inherent limitation of cosmopolitan thought. Here, Dill’s concept of a “dialogue of difference” (Dill 2013, 127) will be taken up and reflected systematically with regard to the German-Japanese dialogue presented in this symposium. In sum, the paper argues that an appropriate conceptualization of cosmopolitan education should take into account the various forms of cosmopolitanism and different perspectives from around the globe.

 

Beyond the dichotomy between universalism and particularism: cosmopolitan geography education

Dr. Yuzo Hirose
Kyoto University

Since the 1990s, cosmopolitan education has triggered curiosity in alternative social and political systems. There have been divergent views as to what constitutes cosmopolitan education, such as the cultivation of universal empathy and intellectual world spirit (Nussbaum 1996, 2019), and the fostering of a sense of human rights (Osler & Starkey 2005). These suppositions presuppose a cosmopolitanism in which all human beings, regardless of nationality, race, gender and other different attributes, still live in one world. While cosmopolitanism transcends borders, it also encourages the paradigm of the local community as the local place inherent in cosmopolitan education, to avoid exclusive universalism (Appiah 2006; Vinokur 2018). However, these localised cosmopolitanisms tend to fall easily into extreme patriotism. How is it then possible to transcend the border between universalism and particularism and propose a meaningful discussion in the discourse of cosmopolitan education? Based on Kant’s geography and discussion about space and place in the philosophy of the Kyoto School, I suggest geography plays a crucial role in resolving this conundrum because geography offers us an open distinctive space to consider everything in this world organically, which can be the basis for bearing regulative cosmopolitan ideas. Through this investigation, I will reinforce ‘rooted cosmopolitanism’ so that cosmopolitan education is reflected further.

 

›Hiroshima is Everywhere‹: Nuclear War, Cosmopolitanism and the Transformation of ›Empty‹ Into ›Filled‹ Signifiers

Klaus-Christian Zehbe
TU Dortmund

The meaning of ›cosmopolitanism‹ or ›citizenship of the world‹ is contested in political philosophy (Mouffe 2005) and global citizenship education (Byers 2005, Oxley and Morris 2013, Pashby et al. 2020). The paper suggests that the term ›global citizen‹ is an ›empty‹ or »floating signifier« (Lévi-Strauss 2012). Its signification is underdetermined and may thus take on various meanings. As such, an empty signifier can be articulated to fit diverse historical and social discourses (Laclau and Mouffe 2014). According to Laclau and Mouffe (2014, 100), practices of discursive articulation establish »nodal points«, where intertextual signification overflows or unbounds the nodal point and at the same time partially fixes or bounds its meanings.

The paper posits that such a discursive nodal point for ›global citizenship‹ is manifest in the Hiroshima Peace Memorial. The site seems particularly suited to examine how empty signifiers unbound social and cultural meanings while at the same time partially bounding them in a discourse of ›global citizenship‹ focused on the global prevention of nuclear war (Anders 1995). The overflowing materiality and intertextuality of the site allows it to be mimetically appropriated and subjectively re-articulated. In the process, the paper argues, the empty signifier is subjectively ›filled‹. The paper concludes with some considerations on educational transformation.

 

Between Realism and Utopism: Cosmopolitan Historical Education

Prof. Dr. Lothar Wigger
TU Dortmund

Historical and political education is located in a field of conflicts between individual and family memory, collective and national memory as well as cultural memory (Assmann 2013). The battle over remembering and interpreting the past, to what extent it was glorious and/or criminal, is being fought both domestically and abroad in Germany as well as in Japan (Assmann 2018; Rieger-Ladich et al. 2021; Saaler 2021; Zulaica 2021). Cosmopolitical education is an ideal that transcends the boundaries of national historical policy and educational policy, but it seems rather unrealistic in times of an increasing blockade of transnational institutions and increasing national orientation of states. The paper will first critically discuss the arguments of a delegitimation of cosmopolitanism (Nussbaum 2019), then highlight the universal importance of remembering crimes against humanity (Stockholm Declaration 2000), exemplified by the crimes of Germany and Japan during World War II, and finally emphasize the relevance of world historical knowledge, that is not focused on Europe or the Western world, excluding other countries, peoples and histories, as a fundamental condition for peaceful coexistence in a globalized world.

 
9:00 - 11:30Das Pädagogische sozialer Bewegungen. Fragen erziehungswissenschaftlicher Entgrenzungen von Blick und Gegen-Stand
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 28
 

Chair(s): Dr. Steffen Hamborg (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg), Dr. Benjamin Bunk (Justus-Liebig-Universität Gießen)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Susanne Maurer (Philipps-Universität Marburg)

Soziale Bewegungen bieten sich einer erziehungswissenschaftlichen Disziplin, die auf ihre Ent- und Begrenzungen bedacht ist, als eigensinnige und darin ‚lehrreiche‘ Gegen-Stände dar: Die Entgrenzung des erziehungswissenschaftlichen Blicks, der im Zuge seiner Zuwendung zu subjektseitigen Fragen von Bildung, Subjektivierung und Sozialisation nicht auf klassische Institutionen des Bildungs- und Erziehungswesens beschränkt bleibt, bringt soziale Bewegungen als Bildungsräume mit spezifischen Qualitäten in den Fokus. Die Diagnose einer Entgrenzung des Pädagogischen, die auf eine Durchdringung nahezu sämtlicher Lebensbereiche von pädagogischen Denk- und Handlungsformen aufmerksam macht, verweist wiederum auf Fragen, wie sich das Pädagogische in sozialen Bewegungen instituiert. Das Symposium versammelt Beiträge, die das Pädagogische sozialer Bewegungen im Horizont dieser doppelten Entgrenzung in historisch-systematischer, empirisch-rekonstruktiver und interdisziplinärer Hinsicht befragen.

 

Beiträge des Panels

 

Soziale Bewegungen im Spiegel erziehungswissenschaftlicher Entgrenzungen. Historisch-systematische Erkundungen am Beispiel von Ökodörfern

Dr. Steffen Hamborg
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Der Beitrag zielt auf eine historisch-systematische Erkundung der Fragen und Gegenstände, die in den Blick geraten, wenn wir die Zusammenhänge von Bildung, Erziehung und sozialen Bewegungen im Spiegel erziehungswissenschaftlicher Entgrenzungen betrachten. Am empirischen Beispiel von Ökodörfern und verwandten Initiativen, die antreten zu zeigen, dass und wie Gesellschaft auch anders gehen könnte, entfaltet der Beitrag hierzu, wie sich das Pädagogische sozialer Bewegungen in der Verbindung subjektseitiger Bildungsfragen mit Fragen der Institutionalisierung pädagogischer Denk-, Handlungs- und Subjektivierungsweisen formiert. Die systematische Differenzierung der mit dieser doppelten Entgrenzung in den Blick gebrachten Fragen und Gegenstände erfolgt entlang ihrer Relationierung zu sozialen Bewegungen – in, von und durch – sowie im Rückgriff auf Tenorths (2020) „Rede von Bildung“ und Pranges (2012) „Zeigestruktur der Erziehung“.

Gespannt wird so ein Bogen von der (etwa situativen oder biographischen) Einbindung Einzelner in soziale Bewegungen, über Fragen nach der Selbst-Bildung von sozialen Bewegungen als Kollektivsubjekte, die sich etwa als Zeigende über ein pädagogisches Verhältnis zur (lernenden) Gesellschaft konstituieren, hin zu zeitdiagnostischen Perspektiven, die mitunter in gegenwärtigen Formen der Pädagogisierung des Politischen eine spätmoderne Neuauflage aufklärungspädagogischer Hoffnungen auf eine ‚Höherbildung der Menschheit‘ durch soziale Bewegungen vermuten lassen.

 

„Ich war mal herzlinks, aber das war überhaupt nicht fundiert“. Zum emanzipatorischen (Bildungs-)Potential von Emotionen in Bewegungsbiographien

Dr. Jessica Lütgens
Goethe-Universität Frankfurt an Main

Die potentiell emanzipatorische Kraft von Emotionen im Bereich des Politischen wird in der öffentlichen Debatte als auch der Forschung oftmals vernachlässigt oder negiert. Emotionen sollen für die Politik keine Relevanz einnehmen oder werden verpönt, insbesondere wenn diese negativ konnotiert sind, wie etwa Wut oder Empörung. Ähnliches gilt für die als „vergessene Zusammenhänge“ (Huber/Krause 2018) problematisierten Verbindungen von Bildung und Emotion. Dieser Leerstelle eines erziehungswissenschaftlichen Blicks auf die Zusammenhänge von Bildung, Emanzipation, Emotionen und Politik geht der Beitrag nach, indem aus Fallauszügen einer biographischen Studie zu linker Politisierung in der Adoleszenz heraus rekonstruiert wird, wie ein affektiv-somatischer Impuls Jugendliche schon vor ihrer politischen Aktivwerdung dazu anregte, sich Ungerechtigkeiten oder Gewalt zu widersetzen. Die daraus entstehenden Interventionen und Widerstandshandlungen vollziehen sich affektiv, sind aber potentiell Ausgangspunkt eines transformatorischen Bildungsprozesses. Im Spiegel theoretischer Bezugnahmen auf den somatischen Impuls nach Adorno und das Prinzip der Nachträglichkeit aus der Psychoanalyse erlaubt diese Entgrenzung des analytischen Blicks an den Schnittlinien von Erziehungs- und Politikwissenschaft Schlussfolgerungen für weiterführende Auseinandersetzungen mit der potentiell emanzipatorischen Rolle von Emotionen in sozialen Bewegungen sowie der affektiven Dimension von Bildung im Allgemeinen.

 

„Die Bewegung antwortet ja…“. Zur Ambivalenz von Entgrenzung und Verletzlichkeit in Bewegungsräumen und deren biographische Bewältigung

Dr. Benjamin Bunk
Justus-Liebig-Universität Gießen

Mit dem Ausbau öffentlicher Erziehungsinstitutionen, werden auch – dem gegenüber, entgrenzende Bildungsräume institutionalisiert, zur neuen Norm jugendlichen Aufwachsens oder der ‚Blick‘ darauf pädagogisiert, etwa: Peers, außerschulische Bildung, offene Jugend- und Sozialarbeit, freiwillige Auslandsaufenthalte, oder eben soziale Bewegungen. Zumindest im Blick auf Bewegungen beruht eine Hoffnung auf Bildungsprozesse auf der individuellen Bewältigung der Ambivalenz von Entgrenzung (Bunk 2018). So können die Grenzen etablierter Ordnungen kollektiv irritiert und Zuschreibungen bearbeitet werden (Maurer 1996), gehen aber mit einem persönlichen Bezug zu ‚neuen‘ Ordnungen in der Bewegung einher – womit zunächst ‚nette‘ Prozesse der Anerkennung (Fuchs 1996, Leistner 2016), der Vergemeinschaftung (Ernst-Heydenreich 2019) oder der Plausibilisierung von Kritik (Pettenkofer 2020) verbunden sind. Vor diesem Hintergrund befasst sich der Beitrag mit der Frage, inwiefern mit der Chance auf Bildungsprozesse, nicht auch das Risiko der Verletzlichkeit einhergeht? Gegenstand sind zwei autobiographisch-narrative Interviews aus der brasilianischen Landlosenbewegung. Wobei Verletzlichkeit insbesondere dort empirisch greifbar wird, wo Konflikte thematisch werden. In beiden Fällen (einer vor 30 Jahren) geht es um die „Antwort“ der Bewegung auf den Vorwurf sexueller Übergriffe und deren biographische Bewältigung, wobei einmal die Anklagende, und einmal der Täter ausgeschlossen wurde.

 

Solidarische Beziehungsweisen als performative Praxis sozialer Bewegung

Inga Nüthen
Philipps-Universität Marburg

In meinem politiktheoretischen Beitrag reflektiere ich ausgehend von dem historischen Beispiel der Londoner Gruppe Lesbians and Gays Support the Miners (LGSM), inwiefern solidarische Beziehungsweisen (Adamczak 2017) im gemeinsamen Handeln sozialer Bewegungen erprobt, imaginiert und hervorgebracht werden (können). Das Engagement von LGSM galt der Unterstützung des britischen Bergbaustreiks 1984/85 und mündete in einem vermeintliche Gruppengrenzen überbrückenden Bündnis zwischen den streikenden Arbeiter*innen und der LGBTI*Q-Community. Die Geschichte dieses Bündnisses dient als Beispiel für Solidarität unter den Bedingungen von Differenz. Als „politische Solidarität“, gründet sie nicht auf gemeinsamer Identität, sondern auf einem Grenzen überbrückenden, gemeinsamen Ziel (hooks 1984/Mohanty 2003/Scholz 2008). Ich schlage vor, Solidarität in diesem Kontext als Utopie anderer, sorgender Beziehungs- und Subjektivierungsweisen zu denken, die im gemeinsamen Handeln performativ entworfen werden. Ausgehend vom Konzept politischer Solidarität kann die geteilte Utopie anderer Beziehungsweisen zugleich als Ermöglichungsbedingung für einen kollektiven Bildungsprozess gedacht werden, in dem Selbst-, Mit- und Weltverhältnisse transformiert werden. Im Anschluss an feministische Konzeptionen von Solidarität als gegenwärtiger Utopie (Kreisky 2000, Redecker 2020), entwickle ich daraus ein Verständnis von solidarischen Beziehungsweisen als performative, entgrenzende Praxis sozialer Bewegungen.

 
9:00 - 11:30Data, standardization and humans – Negotiating the boundaries of education professionalism in Australia, England, France and Germany
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 16
 

Chair(s): Vito Dabisch (Helmut-Schmidt-Universität, Deutschland)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Sigrid Hartong (Helmut-Schmidt-Universität, Deutschland)

Around the world, education standards and (digital) data are increasingly implemented in education policy, governance and practice, thereby re-constructing professional practices and understandings of education through the lens of data. The resulting new visibilities enable governance and accountability to cross established boundaries between governance and school practice. This working group investigates the dissolution of established boundaries by governance through data and standards, the re-construction of professional practices in relation to data, and the differing, contextualised responses by professionals whose subjectivities are influenced by new “datafied” visibilities. In four international case studies, we shed light on how the professionalisms of (early years) teachers, principals and school supervisors are influenced and challenged by data, but also how the logics of datafication and standardization themselves might be challenged and resisted by education professionals.

 

Beiträge des Panels

 

Schools, data and teachers’ learning: Insights from Australia

Dr. Ian Hardy
University of Queensland

Schooling in Australia has become increasingly subject to processes of data-based governance, evidenced in the re/de-bordering of new modes of teacher professionalism and the increased influence of managerial processes. In this presentation, I build upon a large corpus of work, based on hundreds of interviews with teachers over several years, into the nature of school reform processes in Australia. I exemplify the Australian situation by drawing upon the insights of a very experienced teacher, ‘Miriam’ whose career spanned almost 50 years. I focus upon how she construed attention to various ‘short term data cycles’ that were undertaken in her school in the context of increased pressure for teachers to be able to justify their practices, and to show how their students’ learning had shown improvement over short periods of time. Utilising theorizing in relation to datafication processes and accountability logics that have re/debordered teachers’ professionalism, I reflect upon Miriam’s efforts to engage productively with the use of the data generated from this process, including during professional development days that drew upon the short term data cycles. In this way, I reveal how teachers’ professionalism has been debordered by more datafied managerial processes, which have led to increased standardization of practice with a subsequent recalibration and residualisation of teacher and student learning.

 

Dedication to Data: English Early Childhood teachers’ negotiations of the shifting demands and boundaries of policy

Dr. Alice Bradbury
University College London

The early childhood sector for children (0-5 years) in England has been a site of increasing datafication in recent years, with implications for how teachers see themselves and their roles (Bradbury and Roberts-Holmes, 2017). However, policy reforms beginning in 2020 have changed the curriculum and assessment demands for school-based early childhood teachers, with a move away from a data-driven ‘tick box’ approach of assessing children’s development against set criteria suggested by some within the early childhood sector as a positive result. At the same time, these policy changes have proved controversial with some professionals, provoking a grassroots movement which produced an alternative set of guidance described as ‘by the sector, for the sector’. Interview and survey research data from early adopters of these changes are used in this paper, alongside analysis of policy documentation and campaign literature, to examine the tensions between the new approach and established expectations about collecting and analysing data. It is argued that this shift has provoked complex responses and debates in the early childhood sector about accountability and pedagogy, with teachers setting their own boundaries of acceptability in relation to reform. This includes, for some, a continued dedication to collecting and recording data on young children as a key part of being a professional early childhood teacher.

 

Steering the French teaching state by performance data: new policy frontiers vs old professional configurations?

Prof. Dr. Xavier Pons
Université Paris-Est Créteil

This presentation compares the effects of the French policy of steering education by performance data on three professional groups: teachers, head teachers and school inspectors. Since the beginning of the 19th century, France institutionalised a so-called ‘teaching state’, meaning that the state has strongly assumed a teaching function toward citizens and at the same time that the state has been organised to protect teachers’ professional autonomy. This model resulted in the institutionalisation of a neocorporatist model of regulation and a double line of hierarchy within the system (administrative and pedagogical) that often led to various forms of decoupling between reforms and teachers’ effective practices. The recent French steering by results policy intends to dissolve these boundaries of the traditional ‘teaching state’ through the implementation of various policy tools: planification, contractualisation, evaluation, datafication. These tools imply the production of new data on the performance of systems and professionals and, thus, a redefinition of traditional professional boundaries and ecologies. The main findings of two recent research projects – one comparing steering by results policies in France and Quebec and another on teachers’ career management in several EU countries – reveal that this policy has contrasting effects on these groups according to the different professional configurations, in which they are embedded at various policy levels.

 

Data-based governance in practice: dynamics of school governance in four German states

Vito Dabisch
Helmut-Schmidt-Universität, Deutschland

In the last decades, German school policy increasingly emphasised data-based school governance, introduced educational standards and educational data infrastructures (Hartong & Förschler 2019). The introduction of student assessments created new visibilities of teacher practice, crossing the traditional boundary between the administrative and pedagogical realm. This shift in policy has been accompanied by a political expectation towards principals and school supervisory officials to implement data-based governance practices like data-based school development discussions, performance targets and internal evaluation. The contribution investigates the realities of data-based school governance through qualitative interviews with both school supervisory officials (Schulaufsicht) and principals in four German states. The contribution sheds light on the expansion dynamics of data infrastructures, the individual and structural differences between governance practices and how school supervisory officials and principals use, but at the same time complicate and resist, the ‘datafied’ view on schools. The findings suggest changes in professionalism towards an incorporation of data into the governance practices of both supervisory officials and principals. However, there is evidence that some data tools emphasise managerial approaches to school governance, challenging established pedagogical professionalisms.

 
9:00 - 11:30Die Überschreitung von Grenzen des Intimen und Privaten aus pädagogischem Interesse
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 32
 

Chair(s): Prof. Dr. Wilfried Datler (Universität Wien), Prof. Dr. Johannes Gstach (Universität Wien)

Diskutant*innen: Dr. Fürstaller Maria (FH Campus Wien), Dr. Marian Kratz (Universität Koblenz-Landau)

Psychoanalytisch orientiertes Denken und Arbeiten hat sich (1.) mit jenen Bereichen der „inneren Welt“ zu befassen, die Menschen mit Hilfe von Abwehr und Widerstand vor sich selbst zu verbergen versuchen. Es entspricht dem Selbstverständnis psychoanalytischer Forschung und Praxis, an dieser Grenze nicht halt zu machen. Eng verwoben ist damit (2.) die Befassung mit jenen Bereichen des Verhaltens und Zusammenlebens, die dem Blick der Öffentlichkeit meist entzogen sind. Denn um Bildungs-, Beziehungs- und Entwicklungsprozesse besser verstehen und gegebenenfalls auch unterstützen zu können, bedarf es oft tiefgehender Einblicke in familiäre und andere Lebensbereiche, die Fremden zumeist nicht zugänglich sind. In diesem Sinn bewegt sich auch Psychoanalytische Pädagogik häufig an und jenseits dieser Grenzen des Intimen und Privaten. Damit sind gewichtige Legitimationsprobleme sowie rechtliche, ethische und methodische Fragen verbunden, die aus verschiedenen Perspektiven diskutiert werden.

 

Beiträge des Panels

 

Unvermeidbare Konflikte: Die Zuspitzung des Interesses am Privaten und Intimen in der Psychoanalytischen Pädagogik

Prof. Dr. Wilfried Datler1, Prof. Dr. Margit Datler2, Regina Studener-Kuras1
1Universität Wien, 2KPH Wien/Krems

Im Beitrag wird zunächst auf zwei wesentliche Aspekte der Entstehung der Psychoanalyse zurückgeblickt: auf die Annahme einer Grenze zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten sowie auf das Bemühen, sich mit diesem Bereich des Unbewussten trotz bestehender Widerstände zu befassen und über Unbewusstes auch dann zu publizieren, wenn dies mit den Personen, über welche publiziert wird, allenfalls zum Teil besprochen werden kann. In Verbindung damit begann sich die „psychoanalytic community“ überdies um möglichst unzensierte Einblicke in familiäre und andere soziale Alltagswelten zu gewinnen, um zu fundierten Aussagen über die Bedeutung und Genese psychischer Strukturen gelangen zu können.

Dieses Arbeiten an und jenseits der skizzierten Grenzen zum Privaten und Intimen zeichnet auch Psychoanalytische Pädagogik im Kontext von Forschung, aber auch in der unmittelbaren Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen aus. Damit einher gehen methodische Herausforderungen sowie Spannungen und Konflikte, die eng mit der Frage verbunden sind, mit welchem Recht und in wessen Interesse an und jenseits der skizzierten Grenzen gearbeitet wird oder gearbeitet werden kann. Unter exemplarischer Bezugnahme auf Fallmaterialien wird die Relevanz der Unterscheidung zwischen Einwilligung, Zustimmung und Arbeitsbündnis diskutiert und erläutert, weshalb es darüber hinaus die Kategorie der verantworteten Schuld zu bemühen gilt. Bezüge zu den nachfolgenden Beiträgen werden hergestellt.

 

Vom Überschreiten intimer Grenzen im Kontext von Erziehungshilfe und Forschung: Young Child Observation in Familien und Eltern-Kleinkind-Gruppen

Christin Reisenhofer, Dr. Kathrin Trunkenpolz
Universität Wien

Unter Bezugnahme auf langjährige Erfahrungen mit der Beobachtung von Kindern in Familien und Kindertagesstätten wird von einem aktuellen Forschungsprojekt berichtet, das in Wien in Kooperation mit den Instituten für Erziehungshilfe (Child Guidance Clinic) und dem Österreichischen Verein für Individualpsychologie (ÖVIP) durchgeführt wird. Im Zentrum steht das Angebot einer „Eltern-Kleinkind-Gruppe” nach dem Konzept der „Parent-Toddler Groups“ des Anna Freud Centers in London sowie dessen wissenschaftliche Begleitung. Diese dient der Untersuchung der Frage, welche Erfahrungen Eltern und Kinder in der Gruppe machen, welche dadurch angestoßenen Veränderungen sich in der Familie ergeben und welche Folgen dies für die Entwicklung der Kinder hat. Im Rahmen eines multiperspektivischen Forschungsansatzes kommt Young Child Observation nach dem Tavistock-Konzept in den Gruppen sowie in den Familien zum Einsatz. Da die Familien über – mitunter konflikthaft erlebte – Erfahrungen mit der Kinder- und Jugendhilfe verfügen, ergeben sich für alle Beteiligten besonders gewichtige Fragen bezüglich des intendierten Überschreitens von privaten und intimen Grenzen. Im Vortrag wird aus der Perspektive des universitären Forschungsteams unter Einbeziehung von Fallmaterial diskutiert, was für das gewählte Forschungsvorgehen spricht, welche Bedeutung den Vorerfahrungen der Familien zukommt und welche methodischen Überlegungen bereits in den Anbahnungsprozessen zum Tragen kommen.

 

An den Grenzen des „informed consent“: Die Veröffentlichung von Kasuistischem im Spannungsfeld von Verpflichtung, Schuld, Angst und Selbstzensur

Prof. Dr. Michael Wininger
Bertha von Suttner Privatuniversität (St. Pölten), Wiener Psychoanalytische Vereinigung (WPV)

Der Veröffentlichung von Fallmaterial führt in der Psychoanalyse generell und in der Psychoanalytischen Pädagogik im Speziellen 1.) zur Entwicklung von Theorien und dient 2.) der Verdeutlichung von konkretem Handeln und dessen Folgen. Es entspricht daher dem psychoanalytisch-pädagogischen Gegenstand und Erkenntnisinteresse, dass in Studien nach dem Besonderen des Einzelfalls gefragt wird. Weil dabei dem Unbewussten und Abgewehrten besondere Beachtung geschenkt wird, handeln Forschungsergebnisse oft von intimen Aspekten, die mit den Akteuren der untersuchten Prozesse nur begrenzt besprochen und kommunikativ validiert werden können. Gilt es Forschungsergebnisse zu publizieren, führt dies zu Spannungen zwischen Publikationswünschen und -verpflichtungen und der (potentiellen) Verletzung von Intimitätsgrenzen und Verschwiegenheitsregeln. In der Psychoanalyse wird dazu ein differenzierter Diskurs geführt, der auf den Bereich der Psychoanalytischen Pädagogik bezogen wird. Es werden Strategien zum Umgang mit der beschriebenen Problematik sowie deren Vor- und Nachteile vorgestellt. Die Beachtung empfohlener Vorgangsweisen befreit Wissenschaftler*innen aber nicht davon, sich mit eignen Emotionen zu befassen, die mit dem Publizieren psychoanalytisch-pädagogischer Forschungsergebnisse verbunden sind. Es wird dafür plädiert, neben narzißtischen Aspekten vor allem die Befassung mit Emotionen wie Angst, Schuld oder Scham als Bestandteil wissenschaftlicher Professionalität zu begreifen.

 
9:00 - 11:30Die Zukunft als Grenze und Entgrenzung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 17
 

Chair(s): Dr. Melanie Schmidt (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Deutschland), Prof. Dr. Daniel Wrana (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Deutschland), Sophie Phries Künstler (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Deutschland), Charlotte Spellenberg (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Deutschland)

Diskutant*innen: Dr. Carsten Bünger (TU Dortmund, Deutschland), Dr. Martina Lütke-Harmann (Bergische Universität Wuppertal, Deutschland)

Zukunft ist für die moderne Pädagogik konstitutiv. Pädagogische Bezugnahmen auf diese sind dabei ambivalent, insofern Zukunft einerseits gestaltend hervorgebracht wird, andererseits ihre Offenheit diesen Zugriffen aber nicht zum Opfer fallen soll. Mitunter erscheint Zukunft gegenwärtig jedoch nicht mehr als versprochene Entgrenzung, sondern selbst als bedrohliche Grenze - sie verweist nicht auf die Möglichkeit einer besseren Welt, sondern eher auf deren Ende. Vor diesem Horizont thematisiert das Symposium unterschiedliche Bedeutsamkeiten von Zukunft. Die Vorträge fokussieren das Verhältnis von Pädagogik und Zukunft in seinen Be- und Entgrenzungen: Wie lassen sich die Grenzen zwischen Gegenwart und Zukunft, Persistenz und Überschreitung, Wiederholung und Neuem verstehen und verschieben? Welche Bedeutung hat die ausgebliebene und ausbleibende Zukunft für Bildung, Wissen und pädagogische Autorität? Was heißt es im Zeichen solcher Fragen über eine zukunftsfähige Pädagogik nachzudenken?

 

Beiträge des Panels

 

„Was war – wie es ist – was sein wird“. Die Grenzen der Innovation verhandeln.

Prof. Dr. Agnieszka Czejkowska, Stefan Anton Palaver
Universität Graz, Österreich

Der Beitrag analysiert, wie das Bildungswesen einer Region zum Gegenstand von Aushandlungsprozessen wird, in denen Zukunftsversprechen und Bewährtes in ein Spannungsverhältnis treten. Gezeigt werden Skizzen von Alltagssituationen in Kindergärten, Schulen, Lehrbetrieben und Universitäten, die auf Erfahrungen verweisen, die über Generationen hinweg geteilt werden. Wann, wie und wo dabei Bildungsprozesse stattfinden, bleibt offen und kann häufig erst in der Rückschau rekonstruiert werden. Erfassen hingegen lässt sich das Bildungsbedürfnis einer Region. Der Begriff vereint sowohl das individuelle Verlangen nach Bildung als auch den gesellschaftlichen Bedarf danach. Die Formung und Organisation dieses Bedürfnisses ist u.a. das Ergebnis von Aushandlungsprozessen, die eine Region zur „Versuchsanstalt“ verschiedener Bildungsinitiativen und Playern macht, in denen Zukunft experimentell, aber auch widerstreitend entworfen wird. Dabei entstehen diskursive Räume, in denen innovative und wegweisende Bildungskonzepte verfolgt werden können - oder auch nicht. In Anlehnung an Castoriadis (1984) lässt sich gleichsam fragen, ob die Innovation sich auf die bloße Wiederholung des schon Vorhandenen begrenzt.

 

Das Unvorstellbare vorstellen: Grundrisse ökosozialistischer Bildung.

Prof. Dr. Olaf Sanders
Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, Deutschland

Die Zukunft ist offen. Wir wissen nicht, was geschehen wird. Wir tun aber zugleich auch viel zu wenig gegen sich schon deutlich abzeichnende Entwicklungen wie den Klimawandel. Manch absehbare Entwicklung überrascht uns sogar. Sich beschleunigender Klimawandel und zukünftige Pandemien sind Effekte der Mannigfaltigkeit des globalen Kapitalismus (vgl. Malm 2020; Davis 2020). Dass wir so wenig oder auch eingeschränkt wahrnehmen, könnte selbst wiederum ein Effekt des kapitalistischen Realismus sein, der unsere Einbildungs- und Urteilskraft lähmt (vgl. Fisher 2013). Fisher (2021) bezieht sich diesbezüglich auf das Kapitel Der Wunsch namens Marx aus Lyotards Libidinöse[r] Ökonomie (2007, frz. 1974) und setzt auf den Acid-Kommunismus als Wiederverschmelzung von psychedelischem Bewusstsein und vorbildloser Ästhetisierung des Alltagslebens. Von dieser Wiederholung der 1970er verspricht er sich eine für die Zukunft entscheidende Differenz. Diese fügt sich gut in die Post-Punk-Pädagogik (vgl. Sanders 2020), für die die Zukunft ungeschrieben ist, weil sie nach Deleuze, dessen letztes Buchprojekt den Arbeitstitel La Grandeur du Marx trägt, aus einer Vergangenheit kommt, die nie gegenwärtig war. In diesem Sinn skizziere ich in meinem Vortrag Grundrisse eines ökosozialistischen Bildungsbegriffs.

 

The future is now: Pädagogische Autorität am Ende vom Ende der Geschichte.

Jan Niggemann
Universität Wien, Österreich

Der Vortrag thematisiert den Zusammenhang von sozialer Polarisierung und (schwindendem) Zukunftsversprechen westlicher Demokratien unter der Optik eines revidierten Autoritätsbegriffs. Pädagogische Autorität legitimiert ihre Interventionen, indem sie auf Zukunft verweist, wobei sich immer erst später herausstellen wird, inwiefern pädagogische Interventionen gelungen sein werden. Angesichts der „Wiederkehr der sozialen Unsicherheit“ kommt es gegenwärtig zu einer Zuspitzung der Frage, wer überhaupt „eine Zukunft hat“ (Castel 2009, S. 21). Gleichzeitig finden sich zahlreiche zivilgesellschaftliche Formen des Engagements, die Silke van Dyk mit dem Begriff „Community-Kapitalismus” (van Dyk 2019) zusammenfasst. Der kreativen Entgrenzung potentieller zukünftiger Entwürfe steht die sozial-ökologische Endlichkeit von Möglichkeiten und Ressourcen gegenüber. Als Bestandteil von Bildung soll pädagogische Autorität selbst zu transformatorischen Lehr-Lernprozessen beitragen, sowie die Umstände verändern, in denen sie stattfindet. Ihre Legitimität kann sie dabei aus bestehenden Formen der Sorge um und für eine Zukunft gewinnen, die die Versprechen sozialer Gerechtigkeit einlöst. Dazu müsste sich Pädagogik Fragen der Gerechtigkeit ebenso zuwenden, wie sich auf ihre Potentiale beziehen. Ihr Ziel wäre eine globale demokratische „Zivilität“ (Ursula Apitzsch), die das Erbe der Aufklärung kritisch fortsetzt und dezentriert, um es zu öffnen.

 

‘Futurability’ ohne ‘Future’: Über Zukunftsvorstellungen im Kompetenzdiskurs.

Dr. Melanie Schmidt, Prof. Dr. Daniel Wrana
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Deutschland

Im Beitrag geht es um eine kritische Auseinandersetzung mit der Debatte um „Future Skills“ (z.B. Ehlers 2020), die sich global in verschiedenen Projekten und politischen Programmen materialisiert. Unter Future Skills werden Fertigkeiten verstanden, die es Lernenden ermöglichen sollen, künftig Tätigkeiten auszuführen, die es momentan noch gar nicht gibt. Das Versprechen, auf unvorhersehbare Zukünfte vorzubereiten, führt die Apologet*innen des Future Skills-Diskurses zu dem Selbstanspruch, über einen reinen Kompetenzbegriff hinauszuweisen. Während mit letzterem zumeist ein Konglomerat aus Wissens-, Fertigkeits- und Motivationskomponenten benannt ist, wird in den Future Skills die Wissenskomponente negiert und die Fähigkeiten als reine Selbstorganisation von Lernen gefasst. Dabei ist insbesondere die Verschiebung des Zukunftsbezugs bemerkenswert: Während der Kompetenzdiskurs bisher eher implizit auf eine offene Zukunft der allgemeinen Steigerung von Wachstum hin gedacht war, rückt Zukunft im aktuellen Diskurs als zu bewältigende Bedrohung in den Blick, von der her die Negierung des Wissen legitimiert wird. Diskursanalytisch und gegenwartsdiagostisch untersuchen wir, wie und als was Zukunft in den Future-Skills-Konzeptionen konstruiert wird und wie dabei die Aufgabe der Pädagogik in der (Re-)Produktion sozialer Praxis - unter Absehung der Wissensdimension - konzipiert wird.

 
9:00 - 11:30Ent- und Abgrenzung im transnationalen pädagogischen Raum – der sozialistische Internationalismus
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 06
 

Chair(s): Dr. Jane Weiß (Humboldt-Universität zu Berlin, Deutschland), Prof. Dr. Ingrid Miethe (Justus-Liebig-Universität Gießen), Prof. Dr. Marcelo Caruso (Humboldt-Universität zu Berlin)

Die Idee des proletarischen Internationalismus strebte den Aufbau einer kommunistischen Weltgesellschaft an. Wichtiger Motor war dabei die Dritte Internationale (Komintern). Auch nach ihrer Auflösung 1943 blieben die Ideen der Internationalisierung erhalten. Es entwickelte sich, vor allem nach der Welle der Entkolonialisierungen ab Mitte des 20. Jahrhunderts, ein weltweit wirksames, politisches, sozio-ökonomisches und transkulturelles Netz grenzüberschreitender Beziehungen. Fragen von Bildung und Erziehung spielten hierbei eine Schlüsselrolle, so entstand ein transnationaler pädagogischer Raum. Das Symposium fragt nach den Konstellationen von Ab- und Entgrenzungen in Programmen und Initiativen dieses Verflechtungsraums. Dabei werden disparate pädagogische bzw. bildungspolitische Kontexte diskutiert und zwar sowohl im Zeitraum der wechselvollen Konjunkturen des sozialistischen Weltsystems von den 1920er bis Ende der 1980er Jahre als auch in Ost-West, Nord-Süd und Süd-Süd-Verhältnissen.

 

Beiträge des Panels

 

Die pädagogische Arbeit der Komintern als Teil einer globalen sozialistischen Globalisierung

Prof. Dr. Ingrid Miethe
Justus-Liebig-Universität Gießen

Dieser Beitrag nimmt die pädagogischen Aktivitäten der Komintern (1919-1943) in den Blick und untersucht die Kinderheime, die die Komintern bzw. ihre Unterorganisation, die „Internationale Rote Hilfe“ (IRH), sowie die „Internationale Organisation für die Hilfe der Kämpfer der Revolution“ (MOPR) seit den 1920er Jahren in europäischen Staaten (Deutschland, Schweiz, Österreich, Polen, Schweden, Portugal, Italien) oder auch in der Sowjetunion errichtet und unterhalten hat. Die Grenze zwischen Kinderheimen und Erholungs- und Ferienheimen ist fließend. Teilweise haben Einrichtungen auch beide Funktionen parallel übernommen. Die Forschung zur sozialistischen Bildungszusammenarbeit hat sich bisher auf die Zeit nach 1945 konzentriert. Die Tatsache, dass diese Bildungszusammenarbeit an eine sehr viel längere Vorgeschichte anschließt und sich viele der später gewählten Formen der Zusammenarbeit bereits in den 1920er Jahren im Rahmen der Komintern finden lassen, wurde bisher nicht zur Kenntnis genommen. Der Beitrag greift diese frühen Entwicklungen auf und zeigt, dass diese als eine Vorgeschichte einer internationalistischen Pädagogik im Geiste kommunistischer Ideen und als eine der ersten pädagogischen Entgrenzungen überhaupt beschrieben werden können.

 

Die Auseinandersetzung mit Praxis und Prinzip der Abgrenzung

Prof. Dr. Henning Schluß
Universität Wien

Der Beitrag wendet sich der Spätphase der DDR zu, die als sozialistischer Staat die Prinzipien des Proletarischen, aber vor allem Sozialistischen Internationalismus als Staatsräson vertrat, deren faktische Politik aber nicht erst mit dem Mauerbau 1961 vor allem auf Abgrenzung setzte. So gab es einige internationalistische Vorzeigeprojekte und proklamierte Völkerfreundschaft und internationale Solidarität, der jedoch eine besonders auch in den 1980er Jahren immer weitergehende Abgrenzung selbst von ‚sozialistischen Bruderländern‘ entsprach. Neben der Ausreisebewegung und subversiven Unterwanderungen der Reisebeschränkungen bildeten sich, am klarsten artikuliert im kirchlichen Raum, Initiativen, die diese Abgrenzung auch politisch kritisierten. Auf der Synode des Kirchen-Bundes 1987 brachte eine Gruppe den Antrag „Absage an Praxis und Prinzip der Abgrenzung“ ein, der auf der Synode zwar abgelehnt wurde, aber der zentrale Bezugspunkt für die Auseinandersetzung mit der Abgrenzungspolitik der DRR blieb und in der Gründung der Bürgerbewegung „Demokratie Jetzt“ kulminierte. Den pädagogischen Implikationen dieser Dialektik von propagiertem Internationalismus, erlebter Ab- und Ausgrenzung und kritischer Auseinandersetzung damit, zumindest im teil-öffentlichen Raum der Kirche, wird der Beitrag nachgehen.

 

Transnationalität und Verflechtungen. Die internationalen Bildungskooperationen der DDR mit Mosambik und Finnland

Dr. Sónia Vaz Borges, Dr. Jane Weiß
Humboldt-Universität zu Berlin

Die DDR unterhielt ein Programm von weit verzweigten internationalen Bildungskooperationen. Anlass der Zusammenarbeit war der jeweils stattfindende gesellschaftliche Transformationsprozess, wie der antikoloniale Befreiungskampf bzw. eine sozialistische Revolution oder, wie im Fall skandinavischer Länder, angestrebte Bildungsreformen. Es gab sowohl gegenseitigen Austausch zu Bildungsfragen, wie gemeinsame Symposien und Konsultationsbesuche, als auch konkrete Unterstützungsleistungen, wie die Bereitstellung von Lehr- und Unterrichtsmaterialien als auch die jahrelange Entsendung von DDR-Beratern und -Ausbildern in die jeweiligen Länder. Der Beitrag präsentiert und diskutiert jeweils differente Aspekte von Ab- und Entgrenzungen mit einem verflechtungsgeschichtlichen Zugang. Zum einen wird anhand eines Mathematiklehrbuch, das noch während des mosambikanischen Befreiungskampfes in Kooperation mit der DDR entwickelt und produziert und ebenso in Angola und Guinea-Bissau verwendet wurde, Transnationalität und Zirkulation als innerafrikanische Entgrenzung thematisiert. Zum anderen verweisen die präsentierten vielfältigen und vielgestaltigen Kommunikations- und Austauschprozesse zwischen Finnland und der DDR zwischen 1959 und 1989 auf dem Gebiet der Bildung auf die Mehrdimensionalität bilateraler Beziehung. Hierbei stehen vor allem die Gleichzeitigkeit von Entgrenzung und wechselseitigen Abgrenzungen im Fokus.

 

Grenzziehungen auf der Insel der Entgrenzten. Programm und Wirkung nationaler Abgrenzungen im Bildungsexperiment der Isla de la Juventud (1979-1990)

Dayana Murguía1, Prof. Dr. Marcelo Caruso2
1Instituto de Historia de Cuba (Havanna)/Humboldt-Universität zu Berlin, 2Humboldt-Universität zu Berlin

Zwischen 1977 und 1990 lernten zehntausende Schüler/innen und Studenten/innen aus 40 Ländern auf der seitdem als Isla de la Juventud (Insel der Jugend) bekannten zweitgrößten Insel Kubas. Aus der punktuellen Bildungshilfe für angolanische Waisenkinder wurde ein riesiger Bildungskomplex, in dem Kuba mit vielfältigen Schul- und Ausbildungsprogrammen ihre starke Stellung im sozialistischen transnationalen System ausbaute und festigte. Somit versorgte Kuba tausende Kinder und Jugendliche aus Asien, Afrika und Lateinamerika mit einer höher wertigen Schulbildung und auch Ausbildungen, als dieses in ihren Heimatländern möglich war. Der Gebäudekomplex aus zahlreichen Schulen und Wohnheimen war ein Sinnbild einer vor Ort sichtbaren und erfahrbaren, entgrenzten sozialistischen Solidarität und Kooperation. Zur Entgrenzung eigener Identitäten gehörte bspw. auch, dass Spanisch zur lingua franca wurde sowie die häufigen Austauschmöglichkeiten und Treffen. Dennoch sind bereits die Einteilungen auf dem Gelände von vielfältigen Abgrenzungen charakterisiert. Einerseits waren Wohnheime und Schulen weiterhin national organisiert. Andererseits war eine der expliziten Ziele des Programms, die jeweilige kulturelle und nationale Identität zu bewahren. Der Vortrag fokussiert auf der Grundlage von Dokumenten und Interviews auf Formen expliziter und subtiler Abgrenzungen in ihrer Spannung zur Entgrenzung sozialistischer Solidarität.

 
9:00 - 11:30Entgrenzung als (neue) Anforderung an den Lehrberuf?
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 19
 

Chair(s): Ralf Parade (Universität Kassel, Deutschland), Lea Kallenbach (Universität Rostock), Magdalena Förster (Universität Erfurt), Mia Lücke (Universität Hannover), Dr. Wilfried Göttlicher (Masaryk University)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Thomas Häcker (Universität Rostock)

Vor dem Hintergrund umfassender gesellschaftlicher Wandlungsprozesse wird in den Sozialwissenschaften seit Längerem eine Entgrenzung von Arbeit konstatiert, die im Leittypus des „Arbeitskraftunternehmers“ (Voß & Pongratz 1998) oder der imperativischen Anrufung des „unternehmerischen Selbst“ (Bröckling 2007) kulminiert. Mit Blick auf seine eigentümliche Strukturbeschaffenheit stellt sich nun die Frage, inwiefern auch der Lehrberuf von derartigen Transformationsprozessen betroffen ist und ,Entgrenzung‘ damit zu einer (neuen) Anforderung an den Lehrberuf wird. Im Symposium wird sich dieser Frage sowohl theoretisch als auch anhand empirischen Materials aus Perspektive der Schulentwicklungs-, der Professions- sowie der historischen Bildungsforschung angenähert.

 

Beiträge des Panels

 

Resonanz und Entfremdung in der Schule – Professionalisierung im Kontext gesellschaftlicher und organisationaler Beschleunigung

Lea Kallenbach1, Magdalena Förster2
1Universität Rostock, 2Universität Erfurt

An der Schnittstelle von Schulentwicklungs- und Professionalisierungsforschung entsteht die Frage, wie die Dynamiken der fortwährenden Beschleunigung, Innovationsverdichtung und Effizienzsteigerung in modernen Gesellschaften (Rosa 2005; 2016) die Organisation Schule und das professionelle Lehrer*innenhandeln strukturieren. Formen der Neuen Steuerung (Altrichter & Maag Merki 2016) sind eine Antwort auf Ebene der Organisation: Schulen als teilautonome Organisationen sollen im Rahmen systematischer Schulentwicklung möglichst flexibel und effizient auf diese Veränderungen reagieren. Gleichzeitig werden Erwartungshorizonte an den schulischen Output standardisiert (vgl. Altrichter et al. 2016, 243). Allein in diesen Prozessen lassen sich Entgrenzungstendenzen feststellen.

Mit Blick auf Professionalisierung sind hier strukturtheoretische Überlegungen anschlussfähig, die die Fragen aufwerfen, wie Lehrkräfte die oben skizzierten Spannungsverhältnisse aus der Gleichzeitigkeit der widersprechenden Anforderungen ausbalancieren bzw. mit diesen Entgrenzungstendenzen umgehen und was das für das Relationsgefüge von Lehrkraft und Schule bedeutet. Hierfür beziehen wir uns auf einen weltbeziehungssoziologischen Ansatz (Rosa 2016), der mit den beiden Modi der Resonanz und Entfremdung eben genau dieses Relationsgefüge differenzierter als bisher üblich beschreibbar macht. Exemplarisch werden unsere Überlegungen anhand eigener Forschungsergebnisse (Gercke i. E.; Kallenbach i. E.) illustriert.

 

Entgrenzung und Grenzsetzung im Kontext schulischer Inklusion – Erfahrungswissen Studierender verschiedener Lehramtsstudiengänge  

Mia Lücke
Universität Hannover

Inklusion als die zentrale schulische Reformmaßnahme der letzten 12 Jahre verändert nicht nur das Verständnis von Schule und Unterricht, sondern stellt alle Akteur*innen des Systems Schule vor veränderte Anforderungen und Aufgaben (vgl. Schwohl & Sturm 2010, 14). In diesem Kontext wird Inklusion im zweiten Vortrag als gegenwärtige Handlungsanforderung an den Lehrer*innenberuf herausgegriffen und am empirischen Material untersucht, welche Entgrenzungen und Grenzsetzungen Lehramtsstudierende im Hinblick auf die Anforderungen schulischer Inklusion erfahren. Ausgangspunkt dafür ist, dass sich bereits Lehramtsstudierende – wenn auch nur antizipatorisch – mit veränderten Anforderung von Schule und Unterricht konfrontiert fühlen (vgl. Junge 2020, 249), sie jedoch nicht oder nur begrenzt über handlungsleitendes Erfahrungswissen zur Bewältigung dieser Anforderungen verfügen. Daraus resultiert ein Transformationsdruck bestehender Erfahrungsstrukturen. Vor diesem Hintergrund ist für den Vortrag insbesondere von Interesse, welche der von den Lehramtsstudierenden wahrgenommenen Entgrenzungen sowie Grenzsetzungen als von der eigenen Person ausgehend oder als fremdbestimmt erfahren werden. Die herangezogenen Daten entstammen Gruppendiskussionen mit Studierenden des sonderpädagogischen und des gymnasialen Lehramts, welche unter Anwendung der dokumentarischen Methode (vgl. Bohnsack 2014) rekonstruiert wurden.

 

Erschöpftes Lehrpersonal zwischen Selbstverwirklichung und Entgrenzung

Ralf Parade
Universität Kassel

Über epidemiologische Befunde zu Belastungsfolgen in der spätmodernen Arbeitswelt und ein vermehrtes Auftreten psychischer Erkrankungen im Zuge gesellschaftlicher Transformationsprozesse wird diffizil gestritten (vgl. etwa Dornes 2016; Fuchs et al. 2018). Gleichzeitig besitzen sozialwissenschaftliche Fragen nach den Auswirkungen von entgrenzter Arbeit und damit verbundenen Subjektidealen (vgl. Bröckling 2007; Ehrenberg 2008; Reckwitz 2019) in der Spätmoderne eine derartige Brisanz, dass sie auch mit Blick auf den Lehrberuf Berücksichtigung finden sollten. Zumal auch hier empirische Belege vorzuliegen scheinen, die eine Zunahme des subjektiven Belastungsempfindens sowie ein erhöhtes Burnoutrisiko bei Lehrpersonen konstatieren (vgl. Klusmann & Waschke 2018; Hardwig & Mußmann 2018; Hansen et al. 2020; Seibt & Kreuzfeld 2021). Für den Beitrag wurden im Rekurs auf das Theoriegebäude der Hermeneutischen Wissenssoziologie (vgl. etwa Soeffner 1989; Hitzler et al. 1999) sowie seine diskurstheoretische Erweiterung (vgl. Keller 2011; Bosančić et al. 2019) Biographie- und Diskursanalysen trianguliert, um die subjektivierende Wirkmacht gesellschaftlich objektivierter und in Diskursen zirkulierender Wissensbestände auf erschöpftes und als solches auch medizinisch pathologisiertes Lehrpersonal zu untersuchen.

 

Sozialarbeiter, Fürsorgerin, Heimatforscher und Pionier der Zukunft. Entgrenzungen zwischen Arbeit und Freizeit in Deutungen zur Berufsrolle von Landlehrern und -lehrerinnen, Österreich 1918-1945

Dr. Wilfried Göttlicher
Masaryk University

Deutungen der Berufsrolle von Lehrer*innen, die auf eine Entgrenzung zwischen Arbeit und Freizeit hinauslaufen, sind kein auf die Gegenwart begrenztes Phänomen. Das soll im vorgeschlagenen Beitrag am Beispiel der Debatte über die österreichische Landschule und ihre Reform im Zeitraum 1918 bis 1945 aufgezeigt werden. Im Zusammenhang mit dieser Debatte haben Angehörige der Berufsgruppe zahlreiche Publikationen verfasst, in denen sich Deutungen der eigenen Berufsrolle finden. Typisch für solche Deutungen war, dass sich die Zuständigkeit von Lehrer*innen inhaltlich nicht auf Erziehung und Unterricht für die Kinder und räumlich nicht auf die Schule beschränkte.

Vier spezifische Topoi über die Berufsrolle von ländlichen Lehrpersonen lassen sich herausarbeiten: Zunächst der Landlehrer als ländlicher Sozialarbeiter, die Landlehrerin als mütterliche Fürsorgerin und der Landlehrer als Heimatforscher. Gemeinsam ist diesen Topoi, dass hier das alltägliche Zusammenleben mit der ländlichen Bevölkerung Basis des pädagogischen Wirkens von Lehrer*innen ist. Das impliziert eine Entgrenzung zwischen Arbeit und Freizeit. Eine solche ist auch beim vierten Topos gegeben, der im Zusammenhang mit dem Engagement von (typischerweise männlichen) Lehrern für die Schulreform steht. Auch hier betätigt sich der Lehrer als Pionier der Zukunft weit über die Grenzen seiner unmittelbaren beruflichen Verpflichtungen hinaus.

 
9:00 - 11:30Entgrenzungen in der Grundbildung und der Grundbildungsforschung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 20
 

Chair(s): Prof. Dr. Helmut Bremer (Universität Duisburg-Essen, Deutschland), Dr. Natalie Pape (Leibniz Universität Hannover), Prof. Dr. Wibke Riekmann (Medical School Hamburg)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Christine Zeuner (Helmut-Schmidt-Universität / Universität der Bundeswehr)

Grundbildung und Grundbildungsforschung haben in den letzten Jahren erheblich an Bedeutung gewonnen. Eine Vielzahl an Untersuchungen hat das Ausmaß von geringen Grundbildungskompetenzen offen gelegt. Nach wie vor gibt es jedoch Desiderata, etwa im Hinblick auf Gründe für die gleichbleibend geringe Teilnahme an Alphabetisierungsangeboten, die Alltags- und Milieubezogenheit von Schriftsprache oder die Erweiterung von Bereichen der Grundbildung (z.B. Numeralität). Das verweist auf Grenzen bestehender Konzepte, die zu theoretischen und konzeptionellen Erweiterungen führen und mit Entgrenzungsprozessen verbunden sind, etwa in Bezug auf Lernformate und -orte, professionelles Handeln, disziplinäre Perspektiven und Forschungsstrategien. Die AG stützt sich auf verschiedene aktuell laufende Untersuchungen, die einer qualitativen Forschungslogik folgen und damit ermöglichen, Entgrenzungsprozesse zu rekonstruieren und theoretische Perspektiven zu erweitern.

 

Beiträge des Panels

 

Entgrenzung von Lernorten und Formaten und professionellem Handeln

Dr. Natalie Pape1, Songül Cora2, Paula Matthies1
1Leibniz Universität Hannover, 2Universität Duisburg-Essen, Deutschland

Im Unterschied zu „typischen“ Alphabetisierungskursen (etwa der Volkshochschulen) ist mit arbeitsorientierter Grundbildung ein Konzept verbunden, das weniger einer schulähnlichen und seminaristischen Logik folgt und Lernen direkter im Kontext der Alltags- bzw. Arbeitswelt ansiedelt (z.B. Frey/Menke 2021). Solche aufsuchenden Elemente in Bildungsangeboten, die zudem mit veränderten Anforderungen an professionelles Handeln einhergehen, können als Entgrenzungen klassischer Lernorte und Formate aufgefasst werden. Sie sind vielversprechend, da die in der Erwachsenenbildung/Weiterbildung nach wie vor dominanten „Komm-Strukturen“ gerade für „gering literalisierte“ Zielgruppen eine hohe Hürde darstellen (Bremer u.a. 2015). Wer allerdings von Angeboten arbeitsorientierter Grundbildung erreicht wird und profitiert, darüber ist wenig bekannt.

Der Beitrag gibt Einblick in ein qualitativ-forschendes BMBF-Projekt, in dem sowohl Teilnehmende und Adressat*innen als auch professionell Tätige der arbeitsorientierten Grundbildung befragt werden. Untersucht wird die biografische bzw. milieuspezifische Eingebundenheit von Literalität und professionellem Handeln und die Frage, in welchem „Passungsverhältnis“ letzteres zu den Bedingungen des Handlungsfeldes und den Erwartungsstrukturen der Adressat*innen und Teilnehmenden steht. Präsentiert werden erste Ergebnisse aus Interviews mit Teilnehmenden und Professionellen, die mithilfe der „Habitushermeneutik“ (Bremer u.a. 2019) ausgewertet werden.

 

Entgrenzung disziplinärer Perspektiven

Prof. Dr. Wibke Riekmann, Rabea Schemann
Medical School Hamburg

Gemäß ihrer Alltags- und Lebensweltorientierung sowie ihrem grundsätzlichen Verständnis, für die Selbstbestimmungsrechte und die Teilhabe der Menschen einzutreten (DBSH 2016), ist Sozialpädagogik prädestiniert dafür, im Bereich Grundbildung tätig zu werden (Sauter 2018; Dorschky 2016). Allerdings versteht sich die Profession der Sozialpädagogik bisher nicht als genuines Handlungsfeld für Grundbildungsangebote (Riekmann u.a. 2016). Es kann verwundern, dass sich die Sozialpädagogik und die Soziale Arbeit bisher nur wenig um die Bedeutung der Schriftsprachkompetenzen ihrer Adressat*innen gekümmert haben. Hinweise bestehen, dass dies u.a. mit der Bewertung der Problemlagen zu tun hat, mit denen die Menschen zu tun haben (ebd.). Eine drohende Obdachlosigkeit, familiäre Konflikte, finanzielle Probleme oder Suchtproblematiken werden als dringlicher bewertet als die schriftsprachlichen Fähigkeiten. Dazu kommt die Wahrnehmung, als Profession nicht zuständig zu sein bzw. ein geringes Wissen über die Themen Grundbildung und Alphabetisierung zu haben. Sozialintegrative Konzepte betonen den Mehrwert der Zusammenarbeit zwischen Erwachsenenalphabetisierung und Sozialintegration (Schneider/Wagner 2011; Schneider u.a. 2011). Die Hürden und Chancen der disziplinären Entgrenzungen sollen im Beitrag thematisiert werden, um auch die Sozialpädagogik als handelnde Profession in der Grundbildungsarbeit zu etablieren und eine Entwicklung in diese Richtung zu unterstützen (Dorschky 2016).

 

Grundbildung und Behinderung: Numerale Praktiken von Erwachsenen mit Lernschwierigkeiten als Grenzöffnungen für Bildungspraxis und Forschung

Prof. Dr. Silke Schreiber-Barsch, Dr. Wiebke Curdt
Universität Duisburg-Essen

Der Beitrag zielt auf eine Entgrenzung der Grundbildungsforschung hin zu Numeralität als Teil der Grundbildung sowie zu Grundbildungsfähigkeiten von erwachsenen Menschen mit Lernschwierigkeiten als in Bildungspraxis wie Forschung bislang nur rudimentär berücksichtigter Personengruppe. Hierzu werden bildungstheoretische Grundannahmen zur Bildsamkeit Erwachsener (Dederich 2005; Tenorth 2011) mit dem Behinderungsbegriff der Disability Studies (Waldschmidt 2017) sowie dem Ansatz von Numeralität als sozialer Praxis (Yasukawa u.a. 2018) unter einem kulturwissenschaftlichen Forschungsprogramm (Reckwitz 2004) zusammengebracht. Grundlage des Beitrags sind empirische Daten eines qualitativ und partizipativ angelegten Forschungsprojektes mit Menschen mit Lernschwierigkeiten (auch als sog. geistige Behinderung bezeichnet), in dem mittels Grounded Theory Methodologie Teilnehmende Begleitungen, Interviews und Gruppendiskussionen durchgeführt wurden (Schreiber-Barsch u.a. 2020). Präsentiert werden Befunde zu numeralen Praktiken als Anwendung von Numeralität im Alltag der Lebensbereiche von Arbeit, Wohnen, Bildung und Freizeit. Der Beitrag argumentiert für die Entgrenzung der erwachsenenbildungswissenschaftlichen Grundbildungspraxis und -forschung in Richtung einer subjektorientierten Grundbildung, die ressourcen-, nicht defizitorientiert arbeitet und Perspektiven für eine fähigkeitsentfaltende Bildungspraxis an den Übergängen jener Lebensbereiche über den Lebenslauf hinweg entwirft.

 

Entgrenzung von Forschungsstrategien durch Partizipation

Dr. Antje Pabst1, Dr. Melanie Benz-Gydat1, Dr. Barbara Nienkemper2
1Helmut Schmidt Universität Hamburg, 2Volkshochschule Hamburg

Die zentralen Forschungslinien der Alphabetisierung und Grundbildung umfassen standardisierte Untersuchungen wie LEO 2011/2018, die Spezifik und Ausmaß geringer Schriftsprachfertigkeiten innerhalb der Gesamtbevölkerung darlegen, wie auch Adressat*innen- und Teilnehmendenforschung, Kurs- und Curricularforschung sowie Professionsforschung (Nuissl/Przybylska 2016), die vielmehr auf qualitativ-rekonstruierenden Forschungsstrategien basieren und auf ein eingreifendes, veränderndes Handeln abzielen. Sie tragen zu zielgruppenspezifischen Entwicklungen auf der Meso- und Mikroebene des didaktischen Handelns bei. Doch gerade für Fragen nach der individuellen Alltagsrelevanz, nach biographischen Bezügen und sozialen Kontexten, die für Schriftsprache bedeutsam sind, kann es anregend sein, neue Wege einzuschlagen.

Partizipative Handlungsforschung (Cohen u.a. 2018) ermöglicht es, die „Beforschten“ eines Feldes als Expert*innen der Praxis (Markard 2015) aktiv am Forschungsprozess mit ihren Fragen und Problemlagen zu beteiligen. Diese Entgrenzung der Forschungsstrategie zieht ebenso Entgrenzungen in Bezug auf Forschungsinteressen und -verlauf sowie der Aufgabe der Forscher*innen nach sich. Wie diese Prozesse gestaltet und gewinnbringend für die Alphabetisierung und Grundbildung genutzt werden können, wird anhand einer aktuellen partizipativ angelegten Studie mit Lernenden und Lehrenden der Alphabetisierungspraxis dargelegt.

 
9:00 - 11:30Entgrenzungen von Prävention und Intervention im Kinderschutz
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 34
 

Chair(s): Dr. Stephan Dahmen (Universität Bielefeld, Fakultät für Erziehungswissenschaft, AG1 - Allgemeine Erziehungswissenschaft), Prof. Dr. Helga Kelle (Universität Bielefeld, Fakultät für Erziehungswissenschaft, AG1 - Allgemeine Erziehungswissenschaft)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Fabian Kessl (Bergische Universität Wuppertal, Insttut für Erziehungswissenschaft), Prof. Dr. Helga Kelle (Universität Bielefeld, Fakultät für ErziehungswissenschaftDeutschland, AG1 - Allgemeine Erziehungswissenschaft)

Das Symposium fokussiert den Wandel der öffentlichen Thematisierung und der institutionellen Bearbeitungsformen im Kinderschutz und geht der Frage nach, ob und inwiefern Kinderschutz als zunehmend entgrenzter Komplex wohlfahrtstaatlicher Praktiken verstanden werden kann. Neue interprofessionelle Kooperationsgebote führen zu einer Neuverhandlung der Grenzen fachlicher Zuständigkeiten, neue rechtliche Bestimmungen implizieren eine Verlagerung der Grenzen zwischen Intervention und Prävention und die Einführung von Netzwerkinfrastrukturen im Kinderschutz macht neue Formen der Arbeit an (institutionellen) Grenzen notwendig. Auf der Grundlage empirischer und historischer Studien beleuchten die Beiträge des Symposiums Entgrenzungsdynamiken im Kontext professioneller Selbstverständnisse, fachlicher Zuständigkeiten und praktischer Handlungslogiken. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, auf welche Weise sich Entgrenzungen im Kinderschutz manifestieren und wie praktisch mit ihnen umgegangen wird.

 

Beiträge des Panels

 

Familien sozialpädagogisch begleiten: Eine Entgrenzung von Eingriffen in die Elternautonomie?

Dr. Simone Brauchli
Universität Zürich - Institut für Erziehungswissenschaft Lehrstuhl Ausserschulische Bildung und Erziehung

In der Schweiz kommen Sozialpädagogische Familienbegleitungen zum Einsatz, wenn von fachlicher Seite angenommen wird, Eltern gefährdeten das Wohl ihrer Kinder. Mit solchen Eingriffen wird die Selbstbestimmung von Eltern zur Disposition gestellt. Die Gefährdung des Wohls der Kinder stellt hier eine Grenze dar. In jüngerer Zeit wurde in der Kinderschutzforschung eine Tendenz zu einer stärkeren Kontrollorientierung und Risikominimierung konstatiert (Watzlawick 2011). Inwiefern stellen Sozialpädagogische Familienbegleitungen aber eine Entgrenzung von Eingriffen in die Elternautonomie dar? Anhand empirischer Ergebnisse aus einer abgeschlossenen Untersuchung ethnographischen Zuschnitts werden verschiedene Formen von Entgrenzung differenziert. Es wird exemplarisch aufgezeigt, wie sozialpädagogische Fachkräfte im Kontakt mit Eltern ihre Handlungsspielräume nutzen, um mitunter gegen den Willen der Eltern eine solche Maßnahme zu initiieren und zu verlängern – ohne dabei deren Mitwirkungsbereitschaft, die für den Erfolg der Intervention unabdingbar ist, zu verlieren.

Literatur:

Wazlawik, M. (2011). Adressatinnen der Kinderschutzdebatte. In K. Böllert (Hrsg.), Soziale Arbeit als Wohlfahrtsproduktion (S. 15-30). Wiesbaden: Springer VS

 

Netzwerkinfrastrukturen im Kinderschutz und die Entgrenzung interventiver und präventiver Handlungslogiken

Dr. Stephan Dahmen, Anna Hontschick
Universität Bielefeld, Fakultät für Erziehungswissenschaft, AG1 - Allgemeine Erziehungswissenschaft

Kindeswohlbezogene Wohlfahrtspraktiken sind durch eine Vielzahl teils widersprüchlicher Rationalitäten und Handlungslogiken gekennzeichnet. Dies drückt sich auch in einer verstärkten Verschränkung präventiver, aushandlungsorientierter Logiken einerseits und ordnungsrechtlich orientierter Hilfe- und Kontrollverständnisse andererseits aus. Neue Formen der Vernetzung, Kooperation und Koordination tragen zudem zu einer Pluralisierung der beteiligten Akteur*innen sowie zur Ausweitung und Entgrenzung kinderschutzrelevanter Beobachtungsräume bei. In dem Beitrag werden lokale Ausprägungen des Verhältnisses von präventiven und interventiven Handlungslogiken in den Blick genommen, da sich trotz einheitlicher bundesgesetzlicher Regelungen eine hohe kommunale Variabilität bezüglich der Ausrichtung, der beteiligten Akteur*innen und der verfahrensförmigen Verknüpfung/Entkopplung von „unterstützenden“ und „kontrollierenden“ Elementen in den lokalen Netzwerkinfrastrukturen beobachten lässt. Dabei liegt der Fokus insbesondere auf den Fragen, auf welche Weise das Handeln unterschiedlicher Akteur*innen an den „Grenzen“ unterschiedlicher organisatorischer und institutioneller Kontexte koordiniert, die Vermittlung in unterschiedliche Hilfeformen organisiert und wie mit unterschiedlichen Handlungslogiken in situierten kindeswohlbezogenen Wohlfahrtspraktiken umgegangen wird.

 

Professionelle Ent-Grenzungen – eine Rekonstruktion von Selbstverständnissen im Kinderschutz zwischen Kinder- und Jugendhilfe und Medizin

Dr. Stefan Heinitz
Bundesgeschäftsführer Die Kinderschutz-Zentren

Mit der Herausbildung eines modernen Kinderschutzsystems, insbesondere seit den 1960er Jahren in der BRD, übernahmen zunehmend Professionelle aus unterschiedlichen Berufsfeldern und mit verschiedenen disziplinären Hintergründen die Aufgabe, die offenen Konzepte von „Kindeswohl“ und „Kindeswohlgefährdung“ und ihre Grenzen fallbezogen auszudeuten, zu definieren und zu bearbeiten. Diese professionelle Arbeit im Kinderschutz gewinnt gegenwärtig und vor dem Hintergrund der fachöffentlich verhandelten Strukturprobleme des deutschen Kinderschutzes an Bedeutung. Insbesondere in der Zusammenarbeit zwischen Kinder- und Jugendhilfe und der Medizin entstehen dabei neue Formen, Verfahren und Verständnisse im Sinne eines professionellen „Boundary Work“. Am Fallbeispiel einer Ärztlichen Kinderschutz-Ambulanz in einer westdeutschen Großstadt – einer der ersten Kinderschutzspezialstellen in Deutschland – sollen anhand organisationaler Dokumente aus der Zeit von 1985 bis 2015 Entwicklung und Wandel grundlegender Selbstverständnisse und Handlungsprogramme in diesem Feld rekonstruiert werden (Heinitz 2020). In der Rückschau werden damit ausgewählte Be- und Entgrenzungen professioneller Selbstverständnisse im Kinderschutz sicht- und verstehbar.

Literatur:

Heinitz, Stefan (2020): Wie Kinderschutz gemacht wird. Eine Rekonstruktion professioneller Selbstverständnisse. Weinheim: Beltz Juventa

 
9:00 - 11:30Erziehung und Belehrung der Bevölkerung als Entgrenzungsphänomen: Das Pädagogische der Politik in der Corona-Pandemie
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 36
 

Chair(s): Dr. Denise Klinge (Universität der Bundeswehr München, Deutschland), Prof. Dr. Arnd-Michael Nohl (Helmut-Schmidt-Universität – Universität der Bundeswehr Hamburg), Burkhard Schäffer (Universität der Bundeswehr München)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Jörg Dinkelaker (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg)

In der Corona-Pandemie werden Entgrenzungsphänomene staatlichen Handelns sichtbar, da konforme Handlungsbereitschaft u.a. pädagogisch ‚hergestellt‘ wird: In einigen Ländern wird auf Persuasion und repressive Maßnahmen zurückgegriffen, während andere Länder unter Verzicht auf staatliche Eingriffe der Bevölkerung Corona-Regeln zumuten. In Deutschland kam es zu einer Mischung aus staatlichen Eingriffen und Pädagogisierung. Politiker*innen setzten Orientierungszumutungen, die begleitet wurden von der Vermittlung epidemiologischen Wissens. In dem Symposium wird einerseits untersucht, wie in verschiedenen Ländern (Deutschland, Schweden, Australien, Türkei) pandemieadäquates Verhalten der Bevölkerung per Erziehung und Lehre hergestellt wurde. Andererseits wird am Beispiel Deutschlands und der Türkei gezeigt, wie diese Grenzüberschreitungen zwischen dem Politischen und dem Pädagogischen von der Bevölkerung erfahren werden und ob es zu Orientierungsveränderungen und Aufbau von Wissen kommt.

 

Beiträge des Panels

 

Erziehung und Wissensvermittlung zur Coronabekämpfung im internationalen Vergleich: Pädagogische Modi in Politiker*innenreden

Prof. Dr. Arnd-Michael Nohl1, Prof. Dr. Burkhard Schäffer2, Dr. Denise Klinge2
1Helmut-Schmidt-Universität – Universität der Bundeswehr Hamburg, 2Universität der Bundeswehr München

In der Corona-Pandemie werden national unterschiedliche Strategien der Coronabekämpfung deutlich. Sie werden unterfüttert von differenten Modi der Beeinflussung durch politische Verantwortungsträger*innen, die wir in dem Vortrag als ‚Erziehung der Bevölkerung‘ rekonstruieren möchten.

Dazu werden drei Länder verglichen: Schweden hat am Anfang der Pandemie weitgehend auf die Eigeninitiative der Bevölkerung gesetzt, während Australien mit repressiven Maßnahmen (rigorose Ausgangssperren) reagiert hat. In Deutschland kam es hingegen zu einer Mischung aus vergleichsweise leichter Repression und dem Appell an die Bevölkerung, sich pandemieangemessen zu verhalten. Diese drei idealtypisch unterscheidbaren Strategien waren zugleich von unterschiedlichen Vorgehensweisen bei der ‚Massenerziehung‘, aber auch bei der Wissensvermittlung gegenüber der Bevölkerung begleitet. In Deutschland kam es etwa zu einer Mischung aus der Popularisierung naturwissenschaftlichen Wissens, Überzeugungsarbeit und Orientierungszumutungen, die wir als ‚Erziehung von Erwachsenen‘ begreifen.

In dem Beitrag soll die Frage gestellt werden, wie im Medium der politischen Rede von führenden Politiker*innen die Bevölkerungen der genannten Länder dazu gebracht werden, politische Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung mitzutragen. Zur Beantwortung werden zentrale Corona-Ansprachen aus den Ländern im Sinne einer maximalen internationalen Kontrastierung mit der Dokumentarischen Methode rekonstruiert.

 

Pädagogische Orientierungszumutungen in der Coronakrise: Aneignungsmodi in der Bevölkerung

Nils Schrewe1, Nils Bernhardsson-Laros2
1Helmut-Schmidt-Universität – Universität der Bundeswehr Hamburg, 2Universität der Bundeswehr München

Um zu eruieren, wie die Grenzüberschreitungen zwischen dem Politischen und dem Pädagogischen von der Bevölkerung erfahren werden, betrachten wir die Coronakrisenkommunikation im Hinblick auf die Aneignungsverhältnisse (Kade 1993), die sie hervorbringt. Dabei stellen wir uns die Frage, wie Menschen in ihren alltäglichen Handlungskontexten auf die Orientierungszumutungen, die z.B. in Form von Hygieneregeln vorherrschen, reagieren. Wie steht es um die Eigensinnigkeit beim Umgang mit Corona? Und welche Rolle spielt die Reflexivität? In welchem Wechselverhältnis stehen Eigensinnigkeit, Reflexivität und Praktiken? Die Rekonstruktion dieser Topoi folgt dabei der Annahme, dass durch die Konfrontation mit den Corona-Verhaltenserwartungen auch kreative Lösungen (Joas 1996) initiiert worden sind. Dazu analysieren wir anhand von 15 narrativen Interviews und 5 Gruppendiskussionen, wie sich Menschen gegenüber den impliziten Erziehungs- und Belehrungsversuchen verhalten, und fragen danach, welche Orientierungen dabei entstehen. Beim Sample orientieren wir uns an einem maximalen Kontrast zwischen verschiedenen Altersgruppen, Genderzugehörigkeiten und regionaler Herkunft. Die Auswertung des empirischen Materials erfolgt mit der Dokumentarischen Methode (Bohnsack 2014) und wird gestützt durch die Analysesoftware DokuMet QDA (Schäffer et al. 2020), um eine umfassende Typologie zum handlungspraktischen Umgang der Bevölkerung mit den diskursiv indizierten Corona-Verhaltenserwartungen zu entwickeln.

 

Entgrenzung von Wissen als Umgang mit edukatorischem Staatshandeln: Der Protest der ,Querdenker*innen‘

Anna Felicitas Scholz
Helmut-Schmidt-Universität – Universität der Bundeswehr Hamburg

Das „edukatorische Staatshandeln“ (Schumann 2014) in Zeiten der Corona-Pandemie ist Ausgangs- und Fokuspunkt des Protests der sogenannten ,Querdenker*innen‘. So konnten Nachtwey et al. (2020) in ihrer Studie zeigen, dass sich im Protest ein entfremdetes Verhältnis der Querdenker*innen zu staatlichen Institutionen, Medien und Wissenschaft dokumentiert (vgl. ebd., S. 56ff.) und „(alternativen) Informationsquellen“ (ebd., S. 60, H. i. O.) vertraut wird. Der Vortrag schließt an Erkenntnisse der Bewegungsforschung an und betrachtet aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive das biografisch gelagerte Verhältnis der Querdenker*innen zu staatlichen Institutionen (z. B. Schule) jenseits politischen Protests als auch ihre Wissensaneignung im Kontext des Protests. Zur Erforschung der Bewegung wurden auf Corona-Großdemonstrationen in Berlin 2020 teilnehmende Beobachtungen und biografisch-narrative Interviews (Schütze 1983) durchgeführt und ausgewertet. Die ersten Auswertungen weisen darauf hin, dass ein biografisch gelagerter Vertrauensverlust in Institutionen mit einer Wissensgenerierung und -orientierung an nicht-institutionell anerkanntem Wissen einhergeht und mit dieser Entgrenzung des Wissens die politische Erziehung des Staates während der Corona-Pandemie unterlaufen wird.

 

Understanding the social context of the state’s pedagogical actions: The case of Turkey during the pandemic

Dr. R. Nazlı Somel
Boğaziçi University, Istanbul

Any pedagogical practice is embedded in a social context, which is a combination of historical, cultural and practical factors. This context structures the educator‘s perception of action options (Bourdieu/Passeron 1990). This also holds true for the state when it takes measures against the pandemic.

In Turkey, the initial (and continuing) state measures involved bans and sanctions (curfews), in line with the state’s traditional role in society. These measures were considered successful by the majority of the people, possibly due to the social context. Simultaneously, the state undertook pedagogical actions aiming at behavioral changes (e.g. social distancing), but these yielded contradictory results in the face of daily experiences of different social groups. E.g., those dependent on public transport were unable to socially distance themselves. Further inconsistencies arose when the ruling party itself engaged in practices counter to its own guidelines, such as organising crowded party gatherings. This demonstrates how the political and pedagogical roles of the (capitalist) state can contradict one another and how political interests can prevail.

By comparatively analyzing government declarations, practices, and pedagogical actions, and the society’s responses as reflected in the reactions of NGOs (e.g. doctors’ association), news and opinion polls, the relation between various social contexts and the state’s oftentimes contradictory pedagogical actions will be examined.

 
9:00 - 11:30Ethische Dilemmata der Grenzziehung zwischen Schutz und Rechten: zu aktuellen internationalen Entwicklungen in der partizipativen Kindheitsforschung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 07
 

Chair(s): Prof. Dr. Susann Fegter (TU Berlin, Deutschland), Prof. Dr. Christine Hunner-Kreisel (Universität Vechta, Deutschland)

Vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen in der Auseinandersetzung mit ethischen Fragen in der Kindheitsforschung werden Grenzen zwischen Schutz und Rechten von Kindern aktuell (durch Erwachsene) neu gezogen. Dabei zeigt sich, dass sowohl politische als auch erkenntnistheoretische Entwicklungen das Verhältnis von Kindern, Forscher*innen und Institutionen der Wissenschaft neu und kontrovers vermessen. Das Symposium diskutiert mit internationalen und nationalen Expert*innen diese Entwicklungen und sondiert u.a. den methodologischen Nationalismus, den nationale Codizes dabei im Feld der Wissenschaft produzieren. Ausgangspunkt der Überlegungen sind konstitutive Dilemmata, die von den Vortragenden analytisch genutzt werden, um die Verschiedenheit aktueller Grenzziehungen in ihren nationalen und internationalen Kontexten bestimmen und kommentieren zu können. In der Abschlussdiskussion werden Schlussfolgerungen für aktuelle Prozesse der Institutionalisierung diskutiert.

* Christine Hunner-Kreisel ist nach kurzer schwerer Krankheit für alle noch immer unbegreiflich am 10.01.2022 verstorben. Wir trauern um einen wunderbaren Menschen und eine inspirierende Kollegin und Wissenschaftlerin. Das Symposium wurde von Christine Hunner-Kreisel maßgeblich konzipiert und wir haben als Vortragende gemeinsam beschlossen, es in ihrem Namen stattfinden zu lassen, um gemeinsam an Fragen zu diskutieren, die ihr besonders wichtig waren

 

Beiträge des Panels

 

"Forschungsethik in der Kindheitsforschung: Ent I Grenz I Ungen der generationalen Ordnung, Partizipation und Agency von Kindheit"

Prof. Dr. Magdalena Joos1, Prof. Dr. Lars Alberth2
1Uni Trier, Deutschland, 2Leuphana Universität Lüneburg, Deutschland

Der erste Vortrag setzt an der deutschsprachigen Kindheitsforschung ab, die sich – so die These - bislang nur unsystematisch mit forschungsethischen Fragestellungen auseinandersetzt. Ziel des Beitrags ist eine Sortierung unterschiedlicher Perspektiven in der deutschsprachigen Kindheitsforschung auf die ethischen Problemstellungen, Grenzziehungen und Dilemmata der Kindheitsforschung. Hierbei werden drei Fragen verfolgt (1) Welche Agency von Kindern und welche Asymmetrien und Grenzen der Partizipation werden in partizipativen Forschungsprozessen sichtbar? Das betrifft sowohl die Rechte und Ermächtigungsprozesse von Kindern als auch die Herausforderungen, die sich aus den Vorgaben und Angeboten durch die erwachsenen Forscher*innen ergeben. (2) Ein zweiter zentraler Strang befasst sich mit der generationalen Differenz, die der Kindheitsforschung eingeschrieben ist. Intergenerationale und für legitim gehaltene Sorge- und Machtbeziehungen können mit dem forschungsethischen Anspruch konfligieren, die Kompetenzen von Kindern ebenso anzuerkennen wie ihr Recht, ihre Meinung zu vertreten. (3) Die dritte Frage setzt auf der Ebene der forschungsethischen Strategien an und diskutiert, wie auf die tatsächliche Vulnerabilität der Kinder und die institutionelle Wirksamkeit der generationalen Grenzziehungen reagiert werden kann.

 

Navigating the boundaries between protection and rights: Ethical difference, competence and (a)symmetry in research with children

Prof. Dr. Tobia Fattore
Macquary University Sydney, Australien

The recognition of children as rights bearers has foregrounded tensions between protection and participation rights. Within a research context, this tension is most explicit when researchers seek to gain access to children for research but meet resistance from adult gatekeepers, who maintain the boundary between protection from/participation in research. As well as parents/carers, this boundary work occurs at the level of institutional frameworks and ethics processes. Children as an identified vulnerable group draw a particularly intense gaze from ethics committees who are required to negotiate the boundaries between risk and opportunity that participation in research represents. This negotiation is guided by various protocols – in the case of Australia in The National Statement on Ethical Conduct in Human Research. In this presentation I will discuss this boundary negotiation by considering different approaches to applying ethical principles to research with children, that of ethical difference, competence and symmetry. Each offers a different framework to navigate the boundaries between protection and rights in research and offer ethics committees alternative principle-based approaches for making decisions about children’s involvement in social research.

 

Childhood Studies and Generational Order. An ethical reflection on bounded and limiting power relations.

Prof. Dr. Catrin Heite, Dr. Anne Ramos, Andrea Riepl
Universität Zürich, Schweiz

Der Vortrag stellt forschungsethische Überlegungen im Kontext eines Schweizer Forschungsprojekts zu subjektivem Wohlbefinden von Kindern vor, die u.a. in Form von Interviews und Gruppendiskussionen befragt wurden. Die des konkreten Forschungsprozesses wirft einige ethische Fragestellungen auf und macht methodische Erkenntnisse in Bezug auf die Kindheitsforschung formulierbar. Zentrum der Überlegungen in diesem Vortrag ist, dass auch durch die Forschung mit Kindern das Spannungsverhältnis der generationalen Ordnung zwischen Forscher*in und Kind besteht und entsteht. Folglich haben hier Ent-und Begrenzungen konstitutive Bedeutung für den Forschungsprozess und den forscherischen Dialog mit Kindern. Daher wird in diesem Vortrag der Frage nachgegangen, an welchen Stellen und auf welche Weise die generationale Ordnung in der Forschung mit Kindern reproduziert wird und vor dem Hintergrund welcher rechtlichen und methodischen Prämissen wie Grenzen festgelegt, bearbeitet und überschritten werden. Ausgehend vom Konzept der generationalen Ordnung sollen daraus methodisch-methodologische Überlegungen zum Handlungsspielraum angeboten werden, den ,das Kind‘ im Forschungsprozess hat und wie Kinder in der Forschung adressiert werden.

 

Legitimierung forscherischer Aktivität durch die Konstruktion kindlicher Bedürfnisse als ethisches Problem

Lisa Fischer1, Stella März2
1Technische Universität Berlin, Deutschland, 2Universität Vechta, Deutschland

„Willst du mit mir oder willst du mit meinen Eltern sprechen?“ „Gibst du mir eine Stimme oder gibt du mir was ich brauche?“ Herausforderungen, die mit Kindheit als Gegenstand von Sozialforschung und der Anerkennung des Kindes als Akteur*in in Forschungskontexten einhergehen (als Expert*in der eigenen Lebensrealität mit eigener Perspektive und eigener Stimme), werden in der Kindheitsforschung seit ihren Anfängen diskutiert und sind tief mit den theoretischen und methodologischen Entwicklungen im Feld verwoben. Gerade in der empirischen Arbeit zeigt sich, dass dieser Anspruch mit rechtlichen Begrenzungen und divergierenden Erwartungen im Forschungsprozess konfrontiert ist. Begrenzungen ergeben sich nicht zuletzt aus der wissenschaftlichen Praxis selbst. Die der Kindheitsforschung immanente Gegenstandskonstruktion von Kindheit als Moratorium bedingt z.B. die Marginalisierung der kindlichen Stellung in der Gesellschaft unausweichlich selbst. Sie wird als Annahme noch im konstitutiven, den forscherischen Zugang legitimierenden Anliegen, Kindern eine Stimme zu geben, erkennbar und im Feld durch die Kinder teilweise selbst infrage gestellt. Im Kontext einer internationalen Forschung stellen wir daher die Frage, welche Bedürfnisse von Kindern wie konstruiert werden, um Forschung zu ermöglichen? Wir möchten auf diese Weise das ethische Dilemma von generationaler Dissonanz und Abhängigkeit im Forschungsprozess systematisch auf seine strukturellen Bedingungen hin befragen.

 
9:00 - 11:30Generational relations and education: interdisciplinary reflections on the current process of imposing and removing boundaries
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 27
 

Chair(s): Dr. Judith von der Heyde (Universität Osnabrück, Deutschland), Prof. Dr. Florian Eßer (Universität Osnabrück)

Generational differences were once considered an unquestioned foundation of pedagogy in the modern era. Today the question of generational boundaries is not only becoming increasingly reflexive, but also multi-layered. In view of this uncertain situation, the symposium would like to shed light on different processes of imposing and removing boundaries between generations and discuss them in their relevance for education in an international context. For this purpose, an interdisciplinary forum will be set up to discuss various aspects of generational ordering on a spectrum between delimitation and dissolution. In each lecture the results of empirical research will be presented in order to shed light on different processes of imposing and removing boundaries: spatial/territorial, intra-generational, temporal/biographical and socio-cultural aspects of “generationing” will be identified.

 

Beiträge des Panels

 

Generational relations and spatial boundaries. Children’s practices in public urban space

Prof. Dr. Florian Eßer, Sylvia Jäde
Universität Osnabrück

Since Muchow’ pioneering work it may be regarded as common knowledge that children inhabit urban spaces. Children not only use space, but also form it, make it their own and create it through practice. At the same time, ‘public’ space is strongly segmented, limited and contested, especially for children and young people, but also for adults. Drawing on research results from a EU funded project (HORIZON 2020) we are able to show how generation plays a vital role when it comes to the negotiation of space in practice. Especially in leisure practices such as riding scooters, it is no longer only the large generational boundaries (child-adult) that are significant, but also generational doing boundary and doing difference between youth and childhood. These negotiations become particularly effective spatially where children appropriate spaces that are actually characterised by youth practices and their enclosure and “zoning” (Reutlinger et.al. 2016), such as skate parks.

Referring critically to the approach of Educational commons (Means, Ford, & Slater, 2017) we will analyze the educational dimension of the negotiations, conflicts and collaborations in different generational relations and how they may be pedagogically framed in the vain of democratic education.

 

Peer education as a generational practice of educational delimitation

Dr. Judith von der Heyde
Universität Osnabrück

Children and adolescents are “doing student” (Budde 2013) experts, due to a socially established, institutionally shaped educational biography and thus simultaneously establish a pedagogically effective generational order between adult and child/adolescent. At the same time, peer interaction is also pedagogically relevant, because children and young people are considered to have a high socializing value when they act together (Schröder 2007). But they are also important educational and learning instances that are pedagogically useful. In the sense of peer capital (Du Bois-Reymond 2000), these relationships are then learning situations of equals among equals, to which a high educational potential is attributed (Brake & Büchner 2013).

Referring to own empirical data from a study that reconstructs how adolescent peer practices help to shape sexual education situations, the focus of this lecture is to show how adolescents engage in sexual education with each other, thereby putting up for discussion the extent to which generational boundaries are necessary at all for the production of an pedagogical order (Wrana 2013). With Punch (2020), it could then be argued that peer practice is also "intragenerational" pedagogical practice, or formulated differently: in this context doing youth is then also intragenerational doing pedagogy.

 

Back to the Future - Memory archiving of Residential Children as a generational de-boundary

Dr. Sian Lucas1, Jelena Wagner2, Dr. Maximilan Schäfer2, Dr. Ruth Emond1
1University of Stirling, 2Universität Osnabrück

Most people who did not grow up in institutions of care have a rich personal archive of photographs and memorabilia as well as access to people, places and objects from their childhood and youth, with the opportunity to revisit these phases by returning to meaningful places. They can therefore refresh their memories of significant others as adults. Care-experienced people, however, often report that they have only very limited possibilities to access these material aspects of their life. Against this backdrop, the DFG- and AHRC-funded research project “Archiving Residential Children`s Homes (ARCH) in Scotland and Germany”, on the one hand, examines previous ways of archiving childhoods and youths spent in state care. On the other hand, this transnational project works with young people currently in residential care and responsible institutional representatives to explore and develop novel ways of archiving childhood and youth in state care and thus provide future care leavers with rich memories of meaningful persons, moments and things from their current youth. The project thus investigates and follows previous and novel processes by which people break down generational boundaries between their childhood, adolescence and adulthood, influenced by archiving aspects of the self while growing up. This lecture will discuss initial findings and the specific challenges of memory archiving in Scotland and Germany.

 

Children as future-makers and the politics of reworking the generational order

Prof. Dr. Spyros Spyrou
European University Cyprus

To argue that children are future-makers is not simply to recognise their role in crafting the future or their right to do so, both of which are important in a world where children are denied substantive participation in formal political processes because of their age; it is also to acknowledge and highlight the new, emerging understandings of what childhood is, in light of children being mobilised in fights for justice on a global scale. Moreover, it means drawing attention to the hierarchical generational order which constitutes childhood and adulthood and the challenges that this order is confronted with in today’s world as a result of the assertive efforts made by children and young people to claim more just and sustainable futures for themselves. Drawing on empirical research with young climate activists in Cyprus, this presentation will highlight young people’s role in future-making, especially as they strive to make sense of their place in an adult-dominated world where their perspectives and voices are marginalised. Their calls for adults to join youth struggles for climate justice clearly demonstrate their desire for intergenerational solidarity and more horizontal relations with adults while also reaffirming their commitment to move forward and fight even in the absence of adult solidarity. This indicates that there will be a new political arena for renegotiating and reworking the generational order in the years to come.

 
9:00 - 11:30Geographien der Krise. Internationale Perspektiven auf Bildung in Zeiten der COVID-19 Pandemie
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 26
 

Chair(s): Dr. Martin Bittner (FiBS Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie), Prof. Dr. Verena Schreiber (PH-Freiburg), Prof. Dr. Bettina Fritzsche (PH-Freiburg), Georg Rissler (Europa-Universität Flensburg)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Bettina Fritzsche (PH-Freiburg), Dr. Rebecca Webb (University of Sussex)

Aus einer international vergleichenden Perspektive spüren wir in vier Vorträgen den spezifischen Geographien der Bildungssteuerung während der Covid-19-Pandemie in den Ländern Deutschland, Schweiz und Neuseeland nach. Wir blicken auf Pfadabhängigkeiten, Programmatiken und Rechtfertigungen der Problembewältigung, ihren Gemeinsamkeiten und Widersprüchen. Folgende Frage beantworten wir:

  • Durch welche Verfahren der medialen und bildungspolitischen Wissensbildung werden unterschiedliche Wahrheitsansprüche geltend gemacht und wie wird die Pandemie in den verschiedenen Ländern als Krise objektiviert?
  • In welchem Verhältnis stehen die spezifischen Bearbeitungsweisen zu möglicherweise bereits bestehenden Bildungskrisen vor Ort?
  • Worin liegt die spezifische Pädagogizität der Pandemie?
  • Welche (ungleichen) Effekte haben die verschiedenen Strategien der räumlichen Distanzierung und Eindämmung auf den Bereich der Bildung? Finden sich hier Hinweise auf eine Entgrenzung von Bildungsprozessen?
 

Beiträge des Panels

 

Orte des Institutionellen während der Pandemie – Zur Inzidenz pädagogischer Diskurse in

Georg Rissler1, Dr. Martin Bittner2
1Europa-Universität Flensburg, 2FiBS Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie

Im Zuge der Covid-19-Pandemie wurden in allen Bundesländern in Deutschland seit Februar 2020 durch die Kultusminister der Länder Briefe, Empfehlungen, Verordnungen, Richtlinien, Handreichungen, Informationen und weitere Dokumente erstellt und verschiedene Akteure dabei unterschiedlich adressiert. Durch die Pandemie wird eine weitere Krise des Erziehungs- und Bildungssystems sichtbar. Mittels eines Archivs von o.g. Dokumenten aller sechszehn Bundesländer können wir im Sinne einer Diskursanalyse diskursive Brüche und Entgrenzungen nachzeichnen, die auf ein ambivalentes und bisweilen paradoxes Verhältnis innerhalb des Pädagogischen aufmerksam machen. Gleichsam erzeugt die Pandemie ihre eigene Pädagogizität. Der Beitrag zeichnet entsprechend jene diskursiven Praktiken nach, die auf die Ausgestaltung des Institutionellen der Bildung gerichtet sind. Dabei werden verschiedene Ent-Grenzungen innerhalb der Institutionalisierung sichtbar: Kinder und Jugendliche werden in Bezug auf gesundheitliche Sicherheit problematisiert; Eltern werden zu Akteuren der Schule gemacht; Familien werden zur Übernahme von Sorgebeziehungen erzogen. Damit ist das Verhältnis von Familie und Schule ebenso neu zu bestimmen, wie die Rolle von Kindern und Jugendlichen in der Gesellschaft – beide Perspektivierungen werfen die Frage auf, welche Bedeutung dem politisch-gemeinschaftlichen und verantwortlichen Handeln zugeschrieben wird und wo hierfür der Ort des Institutionellen ist.

 

Bildung auf Distanz. Über Raumproduktionen und Kindheitsnarrative in Zeiten von Corona

Prof. Dr. Verena Schreiber
PH-Freiburg

Raumproduktionen sind ein zentrales Instrument gesellschaftlicher Problembearbeitung. So basieren die aktuellen Maßnahmen zur Infektionseindämmung von COVID-19 in Deutschland neben Impfungen maßgeblich auf räumlichen Steuerungsformen in Gestalt von Begrenzungen, Abstandsregeln und Abschottungen (distancing), zeitlich befristeten Festsetzungen (Ausgangssperren, Quarantäne) oder Kontaktkontrollen (tracing). Der Vortrag untersucht den Einfluss raumbezogener Hygienepolitiken auf den Bereich der Bildung. Er verortet sich konzeptuell im Feld der Gouvernementalitäts- und Biopolitikforschung und fokussiert auf empirischer Ebene insbesondere auf mediale und politische Debatten um Schulen und Kindertageseinrichtungen, die in den letzten Monaten zu zentralen Experimentierfeldern einer räumlichen Infektionskontrolle avanciert sind. Mithilfe einer Foucault-informierten Diskursanalyse von schulbezogenen COVID-Verordnungen und -maßnahmen sowie medialen Berichterstattungen über Kindheit und Schule während der Corona-Pandemie in Deutschland wird herausgearbeitet, wie Kindheit in unserer Gesellschaft einerseits grundsätzlich als ein Problem unerwünschter und nur schwer kontrollierbarer Massenbewegung konzeptualisiert wird und andererseits raumbezogene Praktiken der Steuerung von Zirkulation Ausschlussrisiken und Normierungseffekte für Kinder bergen.

 

Vermeiden von Bildungskrisen durch Kontinuität: Bildungspolitisches Framing und Umgangsweisen mit der Corona-Pandemie in der Schweiz

Dr. Jeannine Wintzer
Universität Bern, Schweiz

Erfolg und die Akzeptanz von Homeschooling korrelieren mit technischen und räumlichen Bedingungen sowie zeitlichen und emotionalen Ressourcen von Eltern oder Geschwister. Schüler:innen, die bereits vor dem Ausbruch der Pandemie in chancenvielseitigen Kontexten lernen konnten, haben auch unter Coronabedingungen Vorteile, das Homeschooling für eine vielversprechende individuelle Bildung zu nutzen. In Schweizer Medien und Politik nehmen diese bildungswissenschaftlichen Erkenntnisse einen großen Raum ein – was nicht zuletzt dazu führte, dass die Schulen bereits in der ersten Welle frühzeitig wieder geöffnet wurden und entstandene Nachteile für junge Menschen aus chancenniedrigen Kontexten durch Mentoring-Programme und lokale Projekte auszugleichen versuchten. In der zweiten und dritten Welle verzichteten die kantonalen Erziehungsdirektionen komplett auf Schulschließungen und setzten im Gegensatz dazu auf einen aktiven und offensiven Umgang mit Corona und Hygienemaßnahmen. Im Zuge dessen ist eine mediale Problembeschreibung zu erkennen, die die Gründe und Konsequenzen von Bildungskrisen in den Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion stellt. Mit Hilfe Rekonstruktiver Methoden und der Framing Analysis beleuchtet der Beitrag grundlegende Argumentationsstrategien des „Schweizer Modells“ und analysiert, wie politische Entscheidungsprozesse medial vorbereitet, gestützt und legitimiert werden.

 

Zwischen Freiheit, Care-Handeln und Abschottung. Neuseelands Weg in der Pandemie und seine Auswirkungen auf Kinder und Familien

Dr. Christina Ergler
University of Otago, Neuseeland

Evidenzbasierte Entscheidungen der Politik, transparente Handlungsanweisungen, Care-Handeln und Empathie prägen den Umgang mit COVID-19 in Neuseeland. Am 25. März 2020 trat in Neuseeland ein harter Lockdown in Kraft: Die Grenze wurden geschlossen, alle Einwohner:innen wurden verpflichtet, sich zu Hause aufzuhalten und Kontakte wurden untersagt. Öffentliche und private Einrichtungen und Geschäfte, inklusive aller Schulen, Kindergärten und Universitäten wurden geschlossen, ausgenommen der systemrelevanten Einrichtungen wie Arztpraxen, Apotheken und Supermärkte. Das öffentliche und private Leben kam innerhalb von zwei Tagen für fünf Wochen zum Erliegen und wurde danach nur langsam mithilfe von vier transparenten COVID-Stufen wieder hochgefahren. Der Vortrag untersucht die Auswirkungen der COVID-19 Politik in Neuseeland, die von einem Mantra der Außenabschottung und landesweiten Eliminierung des Virus geprägt ist, auf Kinder und ihre Familien und lässt sich theoretisch in der Literatur um Care-Praktiken und -Handeln verorten. Es wird insbesondere herausgearbeitet, dass diese tiefgreifenden Einschnitte in das private und öffentliche Leben Hand in Hand mit einer Disposition von Care und Empathie gingen und sich dadurch – trotz zunehmender Armut, Doppelbelastung von Eltern und Erzieher:innen, Trennung von transnationalen Familien und tiefgreifenden Einschnitten in die mentale Gesundheit von jungen Leuten – im ersten Anschein durch eine inhärent kinderfreundliche Politik auszeichnen.

 
9:00 - 11:30Grenzgänge in transnationalen Bildungsräumen: Rekonstruktionen von Alltagspraxen an Deutschen Auslandsschulen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 23
 

Chair(s): Prof. Dr. Lisa Rosen (Universität Koblenz-Landau), Prof. Dr. Sina-Mareen Köhler (RWTH Aachen)

Diskutant*innen: Dr. Henrike Terhart (Universität zu Köln)

Deutsche Auslandsschulen werden „als grenzüberschreitend operierendes Bildungswesen besonderer Art“ (Adick 2013: 120) und als transnationale Bildungsräume (Adick 2018; Hornberg 2018) sensu Faist und Pries konzipiert. ‚Grenzgänge‘ in der Alltagspraxis werden im Symposium zum einen historisch hinsichtlich der Entwicklung des deutschen Auslandsschulwesens und (religiöser) Grenzziehungen nachgezeichnet. In empirischen Beiträgen wird zum anderen auf Ethnisierungsprozesse im Spiegel der Berufsbiographien von Lehrkräfte fokussiert sowie auf Schüler:innen und die Bedeutung der Peers für die geteilte Erfahrung mehrdimensionaler Grenzüberschreitungen. Zudem werden – minimal kontrastierend – internationale Schulen, darunter auch französische Auslandsschulen, in Lissabon untersucht anhand der Frage, wie diese transnationalen Bildungsräume die Bildungsbiographien von Absolvent:innen prägen. Ein Kommentar rahmt die Ergebnisse vor dem Hintergrund der Konzeptionierung transnationaler Bildung.

 

Beiträge des Panels

 

Das deutsche Auslandsschulwesen aus historischer Perspektive – Zwischen Grenzziehung und politischer Abschottung

Prof. Dr. Christian Kuchler
RWTH Aachen

Die Geschichte der deutschen Auslandsschulen ist von der Geschichtswissenschaft kaum beachtet worden. Allerdings zeigen die wenigen vorliegenden Studien die klare Bedeutung von Be-Grenz-ung für die institutionelle wie auch pädagogische Arbeit der Schulen (Herzner 2018, 2019). Sie definierten sich zunächst als Einrichtungen, die eine – wie auch immer geartete – spezifische Form des „Deutschseins“ konservieren sollten, zugleich dienten sie aber auch als Abgrenzungsorgane gegenüber der autochthonen Gesellschaft. Unterstrichen wurde diese Eigenständigkeit vor allem im 18. und frühen 19. Jahrhundert durch den konfessionellen Charakter der Schulen, da oftmals in geschlossen katholischen Regionen deutsche Auslandsschulen als Gründungen protestantischer Gemeinden entstanden. Spätestens mit der Mitte des 19. Jahrhunderts trat dann neben das religiöse Motiv verstärkt das nationale. Die Schulen nahmen immer mehr die Funktion des Knotenpunktes der deutschsprachigen Communities ein. Hier liefen die Stränge aus allen Bereichen des Gemeindelebens zusammen, im Umgang mit den eigenen Kindern wurde das verhandelt, was als „deutsch“ und als in diesem Sinne erhaltenswert erachtet wurde (Kuchler 2016). Dieses Spannungsfeld zwischen Selbstwahrnehmung als Deutsche im Ausland und als Mittler der Grenzziehung gegenüber dem Gastland will der einführende Vortrag herausarbeiten und aufzeigen, wie im Verlauf des 20. und 21. Jahrhunderts der Versuch unternommen wurde, diese Konfliktlinien zu entschärfen.

 

Social boundary (un)making an deutschen Schulen in der Türkei: Ethnisierungsprozesse im Spiegel der Berufsbiographien von (angehenden) Lehrkräften und Schulleitungen

Janine Fißmer, Prof. Dr. Lisa Rosen
Universität Koblenz-Landau

In der Bildungspolitik wird angenommen, dass Lehrkräfte durch die Tätigkeit an einer deutschen Auslandsschule – so die Kultusministerkonferenz – „interkulturelle Kompetenzen“ (KMK 2017: 4) erwerben. Ausgangspunkt bildet der „Mythos“ (Leutwyler/Meierhans 2013: 26), dass Auslandsaufenthalte „quasi automatisch“ (ebd.; Mantel et al.2020) für den Umgang mit migrationsbedingter Diversität professionalisieren. Daran anknüpfend sowie auch an der theoretischen Rahmung deutscher Auslandsschulen als transnationale Bildungsräume (Adick 2017; Szakács-Behling et al. 2021) gehen wir in dem Projekt „Professionalisierung für die Schule der Migrationsgesellschaft durch Lehrkräftemobilität“ (Fißmer/Rosen 2021; Panagiotopoulou et al. 2020: 194ff) der Frage nach, welchen Stellenwert (angehende) Lehrkräfte ihren berufspraktischen Erfahrungen an einer deutschen Schule im Ausland (retrospektiv) beimessen. Im Vortrag präsentieren wir Grounded Theory Analysen (Charmaz 2014) von biographisch-narrativ orientierten Interviews mit dem Fokus auf das social boundary (un)making im Alltag deutscher Auslandsschulen in der Türkei und ziehen hierzu die Theorie sozialer Grenzziehungsprozesse (Wimmer 2013) heran. Rekonstruiert wird u.a., wie (angehende) Lehrkräfte und Schulleitungen dort – wie auch im schulischen Alltag in Deutschland – unter dem Label ‚mit türkischem Migrationshintergrund‘ als „Migrationsandere“ (Mecheril 2004: 36) positioniert und stigmatisiert werden (Mantel 2020).

 

Internationale Schulen als transnationale Bildungsräume? Bildungsbiographien von Absolvent:innen internationaler Schulen in der Region Lissabon

Dr. Anne Schippling
CIES-Iscte

Das Feld der internationalen Schulen – mit Auslandsschulen als eine Form – ist in den letzten Jahrzehnten weltweit stark expandiert und hat sich auf verschiedene Weise ausdifferenziert. In Portugal ist diese Entwicklung weniger rasant verlaufen, aber seit 2000 haben diese Schulen auch hier zunehmend Verbreitung gefunden, allerdings noch immer begrenzt auf den Privatschulsektor (Schippling/Abrantes 2018). Der Beitrag untersucht Bildungsbiographien von Absolvent:innen internationaler Schulen mit unterschiedlichem Profil in Lissabon, darunter auch französische Auslandsschulen, ca. zwei Jahre nach deren Übergang in die Hochschule. Im Fokus steht dabei die Frage, ob und, wenn ja, in welcher Weise die internationalen Schulen mit Blick auf deren Alltagspraxis als transnationale Bildungsräume (Adick 2005, 2018; Hayden 2011; Hornberg 2018) verstanden werden können und wie die Bewegung in diesen Räumen die Bildungsbiographien von Absolvent:innen dieser Schulen prägen (Keßler/Schippling 2019; Keßler 2020). Vorgestellt werden Ergebnisse der zweiten Phase eines Forschungsprojektes zum Feld der internationalen Schulen in Lissabon, in welcher biographisch-narrative Interviews mit Absolvent:innen von drei Schulen mit unterschiedlichem internationalen Profil mit der dokumentarischen Methode (Bohnsack 2010; Nohl 2012) analysiert wurden. Es wird gezeigt, in welcher Weise die Bewegung in transnationalen Bildungsräumen insbesondere die Phase des Übergangs in die Hochschule prägt.

 
9:00 - 11:30INNOVATION LABORATORIES AS METHODIZED DE-BOUNDARING: Organizational Education Perspectives
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 31
 

Chair(s): Prof. Dr. Susanne Maria Weber (Philipps-Universität Marburg, Deutschland), Prof. Dr. Andreas Schröer (Universität Trier)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Antonius Schröder (TU Dortmund), Prof. Dr. Susanne Maria Weber (Philipps-Universität Marburg)

The symposium examines boundary crossing by innovation labs as part of Social Innovation infrastructure. From an education research perspective, labs are analyzed in the context of a) social organizations and the role of intrapreneurship, b) care organizations and care discourses, c) welfare regimes as framing conditions of labs and d) modeling boundaryless research and innovation collaborative environments. Based on a general typology of social innovations transforming the formal education system, papers present specific forms of boundary-crossing and their practices, relational barriers, disruptions, transgressions and micro, meso and epistemic de-boundarings.

Shedding light on the interplay of disciplinary, sector, organizational, regional, national boundaries within the practice of innovation labs as methodized de-boundaring arrangements for social innovations provides insights for further organizational education research and for overcoming borders in various sectors of society.

 

Beiträge des Panels

 

1) Innovation Labs in a Systematization of Social Innovations

Prof. Dr. Antonius Schröder, Marthe Zirngiebl
TU Dortmund

Social Innovation and Innovation Labs are of growing importance for improving and complementing the education system. However, education systems are often characterised as reluctant and innovation resistant. Based on the empirical results of the international project SI-DRIVE (www.si-drive.eu) we will show how different types of social innovation in education encounter the boundaries imposed by the education system and which role Social Innovation could take over. As an interplay between social innovation and the formal condensed system we are looking at four ideal types describing the formal system’s reaction to social innovation: (1) Repairing, (2) Modernising, (3) Transforming, (4) Separating. Within this typology Social Innovation Labs could take over different parts, permeating and dissolving existing boundaries with new impetus from a comprehensive, not fragmented perspective for new de-boundaring solutions for educational and societal challenges.

References:

Rabadijeva, Maria; Schröder, Antonius; Zirngiebl, Marthe (2018): Building blocks of a typology of social innovation; In: Howaldt, Jürgen; Kaletka, Christoph; Schröder, Antonius; Zirngiebl, Marthe (Hrsg.): Atlas of social innovation; S. 84-87; Dortmund: sfs

Schröder, Antonius; Krüger, Daniel (2019): Social innovation as a driver for new educational practices -
Modernising, repairing and transforming the education system; In: Sustainability, Band: 11 (4)/2019, S. 1070 ff.

 

2) Social Innovation between Social Organizations: Intrapreneurial learning as transgressing boundaries

Prof. Dr. Andreas Schröer
Universität Trier

‘Intrapreneurship labs’ for social innovation analyzed by organizational education research operate at the intersection between universities, welfare associations and social service organizations. Seeking to promote and support social innovation processes they work with intrapreneurs from various social service organizations. From a practice theoretical perspective we present results from participatory observation, qualitative interviews with participants and managers from social service organizations. The data show different levels of boundary transgressing among participants and their disciplinary backgrounds, the professional fields as well as organizational and sector boundaries (non-profit/public; nonprofit/private). From an organizational education perspective, methods of intrapreneurial learning support are understood as practices of boundary transgression, whereas modes of boundary-crossing are inferred as strategies to develop a sustainable operating model for innovation labs.

Schröer, A./Rosenow-Gerhard, J. (2019). Lernräume für Intrapreneurship. Eine praxistheoretische Perspektive auf Grenzziehung und Grenzbearbeitung im Spannungsfeld zwischen Arbeitsalltag und Innovationsentwicklung. Zeitschrift für Weiterbildungsforschung Nr. 42, 221–233

Schröer, A./Händel, R.B. (2020). Social Intrapreneurship Labs – organisationspädagogische Grundlegung und empirische Befunde. In: Schröer, A. et al. (Hrsg.), Organisation und

Zivilgesellschaft. Wiesbaden: Springer VS, S. 189-202

 

3) De-Boundaring Care towards ‘Integrated Care Networks’: Innovation Labs as heterotopic spaces and epistemic interventions

Marlena van Munster, Prof. Dr. Susanne Maria Weber
PhilippsUniversität Marburg

Against a fragmented service delivery within distinct organizational and professional cultures, against accountability and economization and against rising numbers of chronic conditions of the elderly, health care organizations need to be ‘re-invented’, as Laloux (2014) puts it. The vision of ‘Integrated Care’ needs the transformation and de-boundaring of health care organizations. The development of multi-professional and -organizational ‘integrated care networks’ can be supported by innovation labs.

From an organizational education perspective, the paper theorizes innovation labs in a Foucauldian perspective as alternative, ‘heterotopic’ spaces (Adler & Weber 2018). As methodized de-boundaring, innovation labs as ‘epistemic interventions’ address ‘epistemic liminality’ within health care regarding products and processes, systems-development and collective consciousness.

References:

Laloux, F. (2014). Reinventing organizations: A guide to creating organizations inspired by the next stage in human consciousness. Nelson Parker.

Adler, Annett; Weber, Susanne Maria (2018). Future and Innovation Labs as Heterotopic Spaces. In Weber, Susanne et al (Eds.). Organisation und Netzwerke. Wiesbaden. VS, pp. 375-383.

Weber, Susanne Maria (2014). Who speaks? Power, Knowledge and the Professional Field: A discourse analytical perspective on Educational Policy Consultancy and Advice. In Lazariou, George (Ed.): Education, Politics and the Cosmopolitan Order.

 

Innovation Labs within Welfare Regimes

Moritz Lackas
Universität Trier

Lab approaches systematically generate productive coincidences aiming on de-boundaring disruptions of organizational pre-formed solution structures. Lab processes allow to leave established organizational practices behind and to construct new institutional frameworks by involving customer and user groups in the business model development as actors of welfare state structures. Such innovative solutions are to be analyzed from an organizational education perspective in the horizon of different welfare regimes, based on an adapted version of Esping-Andersen model of welfare regimes.

Social innovation labs offer solutions, which respond to structures and needs of social service provision of welfare states. The labs therefore can be analyzed in terms of their impact dimension. Within the framework of D-Care Labs, the effects of SI labs in different welfare regimes are empirically investigated. A survey refers to the impact levels of stakeholder networks as well as the motivations of participating entre- and intrapreneurs.

Esping-Andersen, G. (1998): Die drei Welten des Wohlfahrtskapitalismus. Zur politischen Ökonomie des Wohlfahrtsstaates. In: S. Lessenich, I. Ostner (Hg.): Welten des Wohlfahrtskapitalismus. Der Sozialstaat in vergleichender Perspektive. Frankfurt & New York, 19 – 58.

Moghadam Samen, S. / Kaderabkova, A. (2015): Social Innovation in New Member States. Part I – Theoretical Investigation on Economic Underpinnings. SIMPACT Working Paper, 2015(2). Gelsenkirchen.

 

Towards boundaryless research and innovation collaborative environments – the 6i+ strategy

Prof. Dr. Antonia Caro
University of Deusto

Considering the highly volatile environment of a VUCA world, organisations are compelled to adopt alternative strategies to manage complexity and change. The paper therefore addresses a strategy towards boundaryless research and innovation collaborative environments, which uses Innovation Labs. The paper presents the 6i+ Strategy, which provides a multidimensional approach for research and innovation. Connecting common challenges that exist in policy and practice, this approach enables open boundaryless n-Helix stakeholder long-term collaborative environments between universities as well as economic and social contexts. This conceptualized strategy can become relevant not only for further organizational education research strategies. More so, it can extend its potential as a generalized research approach and outreach for educational research strategies in multiple fields of research.

Caro, A. & Anabo, I. (2020). Beyond Teaching and Research: Stakeholder Perspectives on the Evolving Roles of Higher Education. Economic and Social Changes: Facts, Trends, Forecast, 13(6), 252-266

 
9:00 - 11:30Lernchancen für Praxislehrpersonen und Studierende im (Langzeit-)Praktikum – und ihre Grenzen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 30
 

Chair(s): Prof. Dr. Daniela Freisler-Mühlemann (Pädagogische Hochschule Bern, Schweiz), Prof. Dr. Tina Hascher (Universität Bern)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Colin Cramer (Universität Tübingen)

Praktika gelten als zentrales Element in der Lehrer:innenbildung, da ihnen eine hohe Bedeutung für die professionelle Entwicklung zugeschrieben wird (Arnold et al., 2014). Trotz zahlreicher Lerngelegenheiten scheinen Praktika auch Grenzen gesetzt, insbesondere was ihre Wirksamkeit anbelangt (Hascher, 2011). Das Symposium greift dieses Spannungsfeld auf und diskutiert Chancen und Hindernisse für das Lernen im Praktikum. Der Lernerfolg von Praktika hängt von den strukturellen Rahmenbedingungen, sowie deren Einbettung ins Studium und der hochschulischen und schulischen Lernbegleitung ab. Im Symposium werden diese Aspekte in unterschiedlichen Kontexten berücksichtigt. Die pandemiebedingt veränderten Rahmenbedingungen von Praktika, die Umsetzung von kohärenter Hochschulbildung durch Praxislehrpersonen, die adaptive Lernbegleitung in der schulpraktischen Ausbildung sowie der Einsatz von Eigen- und Fremdvideos für die Entwicklung professioneller Unterrichtswahrnehmung werden thematisiert.

 

Beiträge des Panels

 

Begrenzungen und Entgrenzungen von Lernchancen unter Bedingungen einer erzwungenen „digitalen“ Praktikumsgestaltung anlässlich der Schulschließungen wegen der COVID19-Pandemie

Dr. Mishela Ivanova, Prof. Dr. Gerda Hagenauer, Dr. Andreas Bach, Prof. Dr. Daniela Martinek, Prof. Dr. Franz Hofmann, Matteo Carmignola
Paris-Lodron-Universität Salzburg

Seit dem Ausbruch der COVID19--Pandemie verlaufen Schulpraktika in vielen europäischen Ländern und so auch in Österreich, sofern sie überhaupt stattfinden können, unter veränderten Bedingungen. An vielen Schulstandorten konnten viele Monate keine Präsenzpraktika stattfinden, Schulunterricht und Praktikumsgestaltung mussten auf digitale Formate umgestellt werden (Carillo & Flores, 2020). Für Lehramtsstudierende gehen diese veränderten Bedingungen mit Begrenzungen und auch mit Entgrenzungen von Lernchancen einher. Den im ‚Distance-Praktikum‘ nicht möglichen Lerngelegenheiten und den neu entstandenen Lernmöglichkeiten möchten wir uns in unserem Beitrag widmen.

Die Daten für den empirischen Beitrag stammen aus einer offenen Befragung an einer österreichischen Universität im Wintersemester 2020/21, bei der die Konzepte und Formate des Distance-Praktikums in den Blick genommen wurden (N=213). Es wurde untersucht, welche Praktikumsformate unter den Bedingungen des Fernunterrichts angewendet wurden, wie die Lehramtsstudierenden die Praktika unter diesen veränderten Bedingungen bewerten, über welche Schwierigkeiten und Herausforderungen sie berichten und welche neue Lernchancen sie erkennen. Die Ergebnisse werden im Hinblick auf die Ausgestaltung von Praxisphasen in der Lehrer:innenbildung im Zuge zunehmender Digitalisierung diskutiert und erlauben Schlussfolgerungen auch für die Zeit nach dem Corona bedingten Distanzunterricht.

 

Grenzen in der Umsetzung von Praktikumsvorgaben

Dr. Anja Winkler1, Prof. Dr. Daniela Freisler-Mühlemann1, Prof. Dr. Tina Hascher2, Christiane Ammann1
1Pädagogische Hochschule Bern, 2Universität Bern

In der Lehrer:innenbildung nimmt die Ausbildung in der Praxis einen zentralen Stellenwert ein. Theoretische Inhalte in konkreten Unterrichtssituationen umzusetzen und mit der Praxislehrperson zu reflektieren, ist eine wichtige Lernchance (Arnold et al., 2014). Dabei nehmen Praxislehrpersonen unterschiedliche Rollen ein. In der kohärenten Umsetzung von Hochschulbildung werden Grenzen sichtbar. Unser Beitrag geht möglichen Grenzen in der Umsetzung von Hochschulbildung im Langzeitpraktikum nach und fragt nach deren Bedeutung für die Lernchancen von Praxislehrpersonen.

Mittels Leitfadeninterviews wurden 17 Praxislehrpersonen der Hochschule XX in unterschiedlichen Funktionen zu ihren Lernchancen bei der Betreuung von Langzeitpraktika befragt. Die Interviews wurden mit der strukturierenden Inhaltsanalyse ausgewertet (Kuckartz, 2018).

Die Ergebnisse lassen darauf schliessen, dass Praxislehrpersonen neben ihren beiden Rollen (Lernbegleitung von Schüler:innen und Studierenden) im Langzeitpraktikum kaum die Möglichkeit haben, ihr professionelles Wissen aktuell zu halten. Auch Unterschiede in der Funktion der Praxislehrpersonen werden deutlich: Praxislehrpersonen mit vertiefter Weiterbildung verstehen sich eher als Mitlernende im Praktikum und möchten ihren Unterricht ko-konstruktiv weiterentwickeln.

 

Adaptive Lernbegleitung im Praxissemester? Eine empirische Untersuchung zu Wahrnehmungen und Einstellungen von Praxislehrpersonen und Studierenden

Maria Hauswald, Prof. Dr. Alexander Gröschner
Friedrich-Schiller-Universität Jena

Lernbegleitung gilt als zentrales Element der Wirksamkeit von schulpraktischen Studien (Gröschner & Hascher, 2019). Dabei spielen sowohl schulische als auch universitäre Begleitansätze eine Rolle. Studien zeigen, dass adaptive Lernbegleitung als zielgerichtete Anpassung der Unterstützungsansätze von Praxislehrpersonen an die Bedürfnisse von Studierenden, als lernförderlich betrachtet wird (van Ginkel et al., 2015). Im deutschsprachigen Raum fehlen jedoch empirische Untersuchungen, die Ansätze der adaptiven Lernbegleitung bei Praxislehrpersonen sowie Studierenden beschreiben und im Kontext der professionsbezogenen Lerngelegenheiten (insb. zu Unterrichten) in den Blick nehmen (Ulrich et al., 2020).

Im Rahmen des BMBF-Projekts „Digitale Lerngemeinschaften zur kohärenten Lernbegleitung im Jenaer Modell der Lehrerbildung“ wurden (1) 6 Praxislehrpersonen in Einzelinterviews und (2) 200 Studierende im Praxissemester mittels Fragebogen zur Wahrnehmung adaptiver Lernbegleitung befragt. Erste Analysen weisen darauf hin, dass Praxislehrpersonen wenig adaptive Facetten der Lernbegleitung fokussieren und Studierende zu Beginn des Praktikums eher „instrumentelle“ Aspekte favorisieren, jedoch mit Zunahme eigener Unterrichtsversuche mehr adaptive Unterstützung wünschen. Ausstehende Profilanalysen sollen Aufschluss über differenzielle Effekte der Wahrnehmung adaptiver Lernbegleitung zu professionsbezogenen Lerngelegenheiten geben. Im Rahmen des Vortrags werden erste Ergebnisse präsentiert.

 

Zur Förderung professioneller Unterrichtswahrnehmung – Analysen zum Potenzial von Eigen- und Fremdvideos im Praxissemester

Prof. Dr. Ulrike Weyland, Verena Oestermann, Wilhelm Koschel
Universität Münster

Die Fähigkeit zur professionellen Unterrichtswahrnehmung gilt als wesentlicher Bestandteil von Lehrer:innenprofessionalität (Blömeke et al., 2015; Kunter et al., 2013). Um diese Fähigkeit bei angehenden Lehrpersonen bereits während des Studiums zu fördern, wird zunehmend auf die Einbindung von Unterrichtsvideos, auch im Zusammenhang mit Praxisphasen, gesetzt.

Die Wirkung von Unterrichtsvideos wird seit einigen Jahren in interdisziplinären Projektgruppen an der WWU Münster in unterschiedlichen Kontexten erforscht (Koschel & Weyland, 2020a; Gold et al., 2017). Je nach hochschuldidaktischer Einbindung der Videos kann von einem hohen positiven Lerneffekt ausgegangen werden (Koschel & Weyland, 2020b).

Im Rahmen einer aktuellen Interventionsstudie wird das Praxissemester mit der Analyse von Eigenvideos der Studierenden zu ihrem durchgeführten Unterricht verknüpft. In einem Prä-Post-Kontrollgruppen-Design sollen Erkenntnisse hinsichtlich des Potenzials von Eigenvideos zur Förderung professioneller Unterrichtswahrnehmung im Praxissemester gewonnen werden. Im vorliegenden Beitrag werden hierzu erste empirische Ergebnisse vorgestellt und mit den Ergebnissen aus abgeschlossenen Projekten mit Fremdvideos verglichen (Koschel, 2021). In diesem Zusammenhang wird auch auf die eigens hierfür entwickelten und validierten Messinstrumente eingegangen. Der Beitrag schließt mit Implikationen für die Gestaltung des Praxissemesters unter Berücksichtigung der Chancen und Grenzen des Videoeinsatzes.

 
9:00 - 11:30Multiplication of Borders in National School Systems in Times of (Forced) Migration and Global Educational Governance: Comparative Perspectives
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 22
 

Chair(s): Prof. Dr. Mechtild Gomolla (Helmut Schmidt-Universität Hamburg, Deutschland), Dr. Ellen Kollender (Helmut Schmidt-Universität Hamburg)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Karin Amos (Universität Tübingen)

The increased forced migration to European and Non-European countries, especially in the wake of the war in Syria, has brought flight and migration into focus in different national education systems. Numerous programs, projects, and actors are involved in ambivalent discourses and political processes in which material and symbolic (national) borders are being strengthened and weakened at the same time. From a comparative perspective, the symposium aims to analyze Ent/grenz/ungen in the political and institutional responses to (forced) migration in the German, Turkish and Greek school systems in the context of the multilayered transformational processes of the nation-state. By taking a look at three national education systems that are involved in the European Border and transnational education regimes in different ways, the symposium focuses on linkages between the emerging Global Education Industry and processes of inclusion and exclusion in the context of (forced) migration.

 

Beiträge des Panels

 

Governance and Refugees’ Access to Education under the Pandemic of Covid-19 in Greece: between Excluding Practices and Inclusive Strategies

Prof. Dr. Vasiliki Kantzara1, Prof. Dr. Martina Loos2
1Panteion University Athens, 2University of Applied Science, Berlin

In 2015 Greece received about a million dislocated people, a record number in the history of the country. Given that a holistic approach to migration and integration is not so well developed, reception of refugees became a challenge on many fronts, such as housing, education, access to asylum rights and health services (Leivaditi et al. 2020). Refugees as a category of ‘outcasted’ people (Bauman 2004) are in urgent need of formal and non-formal education and the COVID-19 pandemic discloses important gaps in refugees’ education. This lack was urgently pointed out, because the “pile on effects” of the Coronavirus includes heightened mental and physical health problems, reduced connectivity and increasing inequality (UNHCR 2020). Volunteer teachers and their commitment play a pivotal role in refugee education in general. During the pandemic they helped with remote teaching in formal and non-formal education. The questions posed in the paper are “How were the challenges of including refugees into education tackled by the official education policy?” and “What are the challenges teachers working in formal and in NGO’s non-formal educational settings face in reaching out to refugees?” The research for this paper includes a variety of sources: policy documents, reports, and interviews with teachers and key experts. The theoretical framework makes use of concepts and approaches based on sociology and participatory pedagogy.

 

Between Inclusion Claims and Competitive Orientation: Educational Practices and Perceptions of NGOs in the Context of the EU-Turkey Agreement

Dr. Ellen Kollender
Helmut Schmidt-Universität Hamburg

This paper analyzes the educational programs, projects, and actor constellations that emerged in the context of the so-called EU-Turkey deal as elements of an International Education Regime. Through a discourse-theory-informed analysis of the programs, projects, and (self-)perceptions of non-governmental organizations (NGOs) active in the field of (forced) migration and education in Istanbul/Turkey I show that the NGOs are entangled in the logic of a New Educational Governance in many ways. This takes place either on a practical level through various collaborations of the NGOs with the private sector, their alignment with neoliberal principles such as the principle of competition, or on a conceptual level by justifying their educational projects primarily in terms of quantitative data respectively indicators, and statistics. Drawing on texts from qualitative interviews with the NGOs and websites of these actors as well as of the European Commission, I show that current dynamics in the International Education Regime impact the actors' understandings of cooperation, civic engagement, and inclusion in a rather one-sided way. The education programs implemented under the EU-Turkey agreement are characterized by a technical understanding of educational justice; they often pursue a one-dimensional focus on the category of ‘Syrian refugee children’, while aspects of intersectionality are being widely overlooked when addressing forced migration in the Turkish education system.

 

New Educational Governance and discourses on schooling, social justice and (forced) migration in Germany

Prof. Dr. Mechtild Gomolla
Helmut Schmidt-Universität Hamburg

The paper examines, how political claims of inclusion, social justice and democracy have been incorporated, (re)conceptualized, distorted or excluded within the New Educational Governance as a new type of school reform in Germany as a (post-)migration society and how this affects the work of teachers and schools as well as participation opportunities of students and parents. By means of a discourse analysis of key policy documents at the federal political level, academic texts that belong to the genre of school effectiveness research and interviews with professionals in the field of governance and migration the institutionalised knowledge concerning educational requirements of (forced) migration will be elicited. The study reveals a far-reaching depoliticisation of discourse and normative revaluations. In the interplay of the epistemology, methodology and categories of school effectiveness research with managerialist steering instruments, spaces for democratic school development and educational processes, in which aspects of plurality, difference and discrimination can be thematized and addressed, appear to be systematically narrowed or closed. Linking theories of transnational educational governance, regime and gouvernementality (e.g. Amos 2016) with considerations on plurality, educational inequality, discrimination and democratic justice a critical understanding of the school effectiveness approach as “epistemological politics” (Ricken 2011) will be developed.

 

School Effectiveness and Institutional Habitus: How Turkish Public Schools fail Kurdish Students

Prof. Dr. Cetin Celik
Koc University, Istanbul

Reproduction theories reveal schools' critical role in inequalities and instill a sense of pessimism regarding schools’ potential to create a fair society. School effectiveness research (SER) has responded to this pessimism by studying associations between school factors and educational performance to show that schools can make a difference. Despite its optimistic approach, SER fails to analyze the effects of broader social structures on educational processes. In my presentation, I will use the institutional habitus concept to understand how the Turkish state’s assimilative educational agenda and Kurdish communities' past experiences inform educational interactions in a public middle school in Istanbul’s inner-city area. Based on this empirical data, the presentation will point out theoretically that institutional habitus as a conceptual tool provides a more robust framework than SER in explaining schools’ role in academic achievement within the broader sociopolitical context.

 
9:00 - 11:30Public-Private Boundaries and the Welfare State. Relationships between Families and Early Childhood Education and Care Organizations
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 25
 

Chair(s): Prof. Dr. Sabine Bollig (Trier University), Prof. Dr. Tanja Betz (Mainz University)

Since ECEC has become a central field of action in the social investment state, manifold efforts to enhance its benefits in relation to the family can be observed. Based on the idea of diverse rationales of public-private boundaries related to ECEC, the symposium explores the complex constellations of family-ECEC in which the diverse actors are involved and the unequal effects those constellations produce. It is questioned how political, familial and organizational strategies and rationales effect ECEC and its relationship to the family and lead to new forms of educational inequality. It is addressed how those public-private boundaries come into play in the reflective or tacit actions in the everyday relationships between family and ECEC. Projects from Sweden, Germany, Belgium and New Zealand investigate the relationships between families and organizations from an inequality perspective and reflect the particular (trans-)national contexts and the effects of related ECEC policies.

 

Beiträge des Panels

 

Inequality and the Social Space of Swedish Preschools: The Consequences of Families’ Preschool Enrolment in a Marketised Welfare State

Dr. Håkan Forsberg, Prof. Dr. Esbjörn Larsson
Uppsala University

Swedish preschool provision has grown exponentially since the 1970s to include 95 percent of all 4-5-year olds today. Following political struggles, a publicly funded voucher system for preschools was introduced in 2009 (Westberg & Larsson 2020). This has facilitated the development of local preschool markets, where families are able to ‘choose’ between settings. In this paper we investigate families’ strategies regarding preschool enrolment. Drawing on Bourdieu’s concepts of field, capital and strategy, we analyse how the composition and distribution of capital among parents relates to the character of the preschool within which they enrol. The analysis is based on individual register data on all families in Sweden for the year 2016. This comprises of information on approximately 500 000 children. We use specific multiple correspondence analysis (specific MCA) to analyse the differences between these children (using their parents’ education, income, occupation, and national origin), the preschools’ socio-economical and pedagogical characteristics (such as social recruitment, and teacher composition regarding their social background), and the composition of providers in the preschool market. The analysis of the Swedish social space of preschools indicates an overarching structure of enrolment that not just segregates children with different living conditions, but also creates an inequality when it comes to the kind of early childhood education and care they receive.

 

Parent-professional relations in ECEC: on instrumentalisation and consumentality

Prof. Dr. Michel Vandenbroeck, Dr. Jochen Devlieghere
Ghent University

Welfare states have responded differently to the sociological changes since the 1960’s in the family. Liberal welfare states considered ECEC as a private commodity with very little state responsibility while social democratic welfare states considered the education and care as a shared responsibility, belonging to the public domain. However, over the last decennia, the “commodification” of ECEC has been a global phenomenon, marked by marketisation, privatization and a shift from supply-side to demand-side funding. These changes occurred across different types of welfare regimes, yet in various and hybrid ways, profoundly influencing the parent-professional relations. We analyzed the discourse on parent involvement in the academic literature and in curricula in different continents, to examine this glocal phenomenon. It reveals that parents are instrumentalized for the development of their children and that parent participation seems to be defined without parents. A second trend is that parents are increasingly viewed as consumers, their satisfaction is seen as a quality criterium and an indicator of parent involvement. Empirical evidence shows, however, that there is hardly any relation between satisfaction and quality and that despite the argument of “parental choice”, demand-side finding results in lower quality. That raises the question of whom is served by the ideological choice for commodification.

 

Family-ECEC relations as unequal ‘public-private partnerships’

Prof. Dr. Sabine Bollig1, Prof. Dr. Tanja Betz2, Anna-Lena Bindges1, Nadine Kaak2, Angelika Sichma1
1Trier University, 2Mainz University

In the course of increasing public investments in early childhood, both ECEC services and families are faced with higher expectations towards their educational tasks – which are, moreover, understood as joint-efforts to be realized together. The related programmatic standard of ‘educational partnerships’ between ECEC and family is ambivalent, as it is instrumental for uplifting parental rights in public services but also as an effective means of addressing the educational competencies of (especially "less educated") families. Consequently, and according to the increasingly diverse functions of ECEC, the rhetoric of partnership entails a multitude of conflicting aims, which are processed and negotiated in the everyday cooperation between parents, children and professionals. In our presentation, we will focus on those everyday negotiations of ‘public’ and ‘private’ expectations, tasks and responsibilities between professionals, parents and children in German ECEC centres as social arenas for negotiating public-private boundaries in the upbringing of the youngest. In particular, we highlight the various and unequally distributed opportunities, resources and strategies for this boundary work as well as its excluding effects for children and parents. The analyses stems from the ethnographic research project PARTNER (University of Mainz & Trier, funded by BMBF), which investigates the practices of those 'public-private partnerships' in a childhood studies and inequality perspective

 

Global concerns, local responses: Working with families in superdiverse New Zealand

Dr. Angel Chan1, Dr. Jenny Ritchie2
1The University of Auckland, 2Te Herenga Waka Victoria University of Wellington

New Zealand is a superdiverse ‘settler society’, originally settled by the Indigenous Māori and since 1840 colonised by Britain. Pākehā, people of European ancestry, remain the dominant cultural group within the current superdiverse demographics comprising over 200 ethnicities. After Pākehā (70%) and Māori (16.5%), Asian peoples (15.1%) make up the next largest population grouping (Statistics New Zealand 2020). The early childhood curriculum, Te Whāriki (Ministry of Education [MoE] 2017) expects teachers to work in partnership with families (MoE 2017). ‘Family and Community’ is one of its four principles, and ‘Belonging’ is one of its five strands. The principles and strands work holistically to guide pedagogy and practice. Involving families in ECEC settings is considered to promote belonging and teacher-family partnership. Because Te Whāriki is not migrant-inclusive, we argue that its expectation of partnership may not be working well for all families. Using qualitative data collected from individual interviews, we highlight a lack of teacher partnership with transnational migrant families who have no sense of belonging in New Zealand’s ECEC settings. Drawing from the theoretical positionings of transnationalism (Vertovec 1999) and critical pedagogy of place (Greenwood 2008), we recommend using local Indigenous Māori wisdom to address global migration-driven inequality concerns.

 
9:00 - 11:30Solidarität ohne Grenzen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 18
 

Chair(s): Prof. Dr. Marc Hill (Universität Innsbruck), Prof. Dr. Caroline Schmitt (Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, Österreich)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Hans Karl Peterlini (Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, Österreich)

Solidarität bewegt sowohl die Zivilgesellschaft als auch die erziehungswissenschaftliche Diskussion im Kontext von Fluchtmigration, Diversität und Sozialer Arbeit. Spätestens seit dem langen Sommer der Migration erleben wir, wie in Kommunen, Städten sowie regionalen und transnationalen Allianzen kreative Ideen für ein solidarisches Zusammenleben in der Weltgesellschaft entstehen (Schiffauer et al., 2017; Rotter et al., 2021). Zugleich manifestieren sich Abschottungspolitiken gegenüber geflüchteten Menschen (Hark, Villa, 2017). Die Vortragenden nehmen dieses Spannungsfeld zum Ausgangspunkt, um Solidarität mit ihren ein- und ausschließenden Effekten neu zu reflektieren. Sie begeben sich auf die Suche nach dem gesamtgesellschaftlichen Potenzial von Solidarität jenseits eines dichotomen Denkens in ein ‚wir‘ und ‚die anderen‘ (Kessl, Maurer, 2010; Terkessidis, 2017) und befassen sich damit, wie der Solidaritätsbegriff grenzenlos, inklusiv und postmigrantisch konturiert werden kann.

 

Beiträge des Panels

 

Zivile Seenotrettung als solidarische Praxis. Begrenzungen und Möglichkeiten

Prof. Dr. Gudrun Hentges
Universität Köln

Der Vortrag diskutiert Grenzen und Möglichkeiten solidarischen Handelns am Beispiel der zivilen Seenotrettung. Nachdem die italienische Mission ‚Mare Nostrum‘ Ende Oktober 2014 eingestellt wurde, verschärfte sich die humanitäre Katastrophe im Mittelmeer. Von 2014 bis 2020 ertranken nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) mehr als 20.000 Menschen bei dem Versuch, europäisches Territorium zu erreichen. In dem Maße, in dem sich die staatliche Seenotrettung auf dem Rückzug befand, gewann die zivile Seenotrettung an Bedeutung. Aktivist*innen aus der Zivilgesellschaft schlossen sich zusammen, gründeten Vereine, initiierten Crowdfunding Kampagnen und gründeten Organisationen wie Sea Watch, Sea Eye, Pro Activa Open Arms, Mission Lifeline, SOS Méditerranée/Ärzte ohne Grenzen oder Jugend Rettet. Der Vortrag zeigt Initiativen ziviler Seenotrettung und solidarischen Engagements in den Kommunen auf. Er analysiert, dass Aktivist*innen der zivilen Seenotrettung in Übereinstimmung mit dem Völkerrecht handeln und dessen ungeachtet Kriminalisierung und Strafverfolgung erleben, aber von ausgewählten Städten, Gemeinden und Kommunen Unterstützung erfahren. Städte, die sich dem Bündnis ‚Sichere Häfen‘ angeschlossen haben, erklären sich solidarisch mit Menschen auf der Flucht und der Seenotrettung. Insofern bewegt sich Solidarität und zivile Seenotrettung im Spannungsfeld zwischen Kriminalisierung, strafrechtlicher Verfolgung und neuen Perspektiven solidarischen Handelns.

 

Jenseits von Grenzen. Die Stadt als Ort der Solidarität

Prof. Dr. Marc Hill1, Prof. Dr. Caroline Schmitt2, Sophie Schubert1
1Universität Innsbruck, 2Alpen-Adria-Universität Klagenfurt

Die europäischen Regierungen finden im Umgang mit Fluchtmigration keine gemeinsame Lösung. Gleichzeitig sind zivilgesellschaftliche Akteur*innen und geflüchtete Menschen selbst auf der Suche nach Handlungsmöglichkeiten jenseits hegemonialer Grenzziehungen, um das zu bewältigen, was im öffentlichen Diskurs als „Flüchtlingskrise“ bezeichnet wird (Fleischmann, 2020). Mit Blick auf weltgesellschaftliche Herausforderungen wie Fluchtmigration können sich gerade in Städten eine Vielzahl von Menschen über soziale Distanzen, Lebensstile und Weltanschauungen hinweg (Stjepandić, Karakayalı, 2018) unmittelbar und in kurzer Zeit zu solidarischen Allianzen formieren, um gemeinsam zu handeln – darin liegt ein entscheidender Vorteil gegenüber schwerfälligen Machtapparaten wie sie sich in der Europäischen Union und der politischen Verfasstheit von Nationalstaaten zeigen.

In unserem Vortrag fragen wir danach, wie Menschen sich als agierende Subjekte in der Stadt sichtbar machen, soziale und räumliche Bewegungen erzeugen und kollektiv Solidarität herstellen. Anhand von Fallbeispielen aus Deutschland und Österreich analysieren wir Möglichkeiten und Ambivalenzen von Solidarität unter Rekurs auf postmigrantische und inklusive Sichtweisen (Hill, Schmitt, 2021). Wir schließen mit Überlegungen zur Stadt als einem lebensweltlichen Bildungslabor zur Entfaltung einer solidarischen Sozialen Arbeit und Diversitätspädagogik.

 

Vom Krisendiskurs zu einer Grenzen bearbeitenden Alltagspraxis. Solidaritätsbewegungen nach der ‚Flüchtlingskrise‘

Dr. Claudia Lintner
Freie Universität Bozen

Der Vortrag blickt auf die Jahre nach der sogenannten ‚Flüchtlingskrise‘ im Jahre 2015 zurück und beleuchtet die Rolle von Solidaritätsbewegungen. Krise wird verstanden als ein destabilisierender Moment des Übergangs (Habermas, 1973; Oevermann, 2016), der sich in gesellschaftlichen Strukturveränderungen ausdrückt. Im Zuge einer qualitativen Forschungsstudie wurden 30 semi-strukturierte Interviews in den drei EUREGIO-Regionen Tirol, Südtirol und dem Trentino mit Akteur*innen solidarischer Allianzen geführt. Die Ergebnisse zeigen, dass die Entstehung solidarischer Initiativen eng geknüpft ist an Begrenzungen sozialstaatlicher Versorgung und eine institutionelle Überforderung im Umgang mit Fluchtmigration. Vor allem zu Beginn der ‚Flüchtlingskrise‘ war in allen Regionen eine Aufbruchsstimmung festzustellen und solidarische Initiativen formierten sich. Ab 2016 änderte sich die Situation, als die Präsenz geflüchteter Menschen im öffentlichen Diskurs nicht mehr als akuter Notstand dargestellt wurde. Solidarische Initiativen wurden neu gedacht und mussten sich an die Veränderungen anpassen. Im Vortrag werden diese Änderungsprozesse analysiert sowie die Notwendigkeit, die Unterstützung von Solidaritätsbewegungen auch jenseits akuter ‚Krisenmomente‘ als Teil gesellschaftlicher Vielheitspläne und einer Sozialen Arbeit zu verankern, die keine Grenzen zieht und als Menschenrechtprofession (Staub-Bernasconi, 2014) für alle zuständig ist.

 

Grenzen öffnen und Realitäten verbinden. Potenziale politisch-partizipativer Theaterarbeit für eine solidarische Soziale Arbeit

Prof. Dr. Michael Wrentschur
Universität Graz

Ein politisches Theater, bei dem Menschen in benachteiligten Lebenslagen die Bühnen bespielen, bezeichnet Wihstutz (2012) als „Raum sozialer Grenzverhandlung“. Dabei werden Grenzen zwischen den „Verbannten“ einer Gesellschaft und der gesellschaftlichen Öffentlichkeit ästhetisch und sozial „verschoben“ und Themen der sozialen Ungleichheit und Ausgrenzung – sinnlich erlebbar – verhandelt. Dem folgen Idee und Konzeption des „Forumtheaters“ und des „Legislativen Theaters“ (Boal 1998; Wrentschur 2019) als interaktive und politisch-partizipative Theaterform, die Menschen mit Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen dazu einlädt, ihre lebensweltlichen Herausforderungen in theatrale Szenen zu transformieren. Fortführend werden die theatralen Szenen in interaktiven Forumtheateraufführungen mit gesellschaftlichen (und oft politischen) Öffentlichkeiten geteilt und hinsichtlich ihrer Veränderungsmöglichkeiten auf persönlicher, sozialer und politischer Ebene untersucht.

Anhand eines Projektbeispiels zur Thematik „Armut“ wird auf Basis empirischen Materials gezeigt, wie die Theaterarbeit bei den Projektmitwirkenden zu vertiefter Kooperation, Selbstermächtigung und Solidarität führen und wie die interaktiven Aufführungen beim Publikum mehr Verständnis für soziale Problemlagen erzeugen können – als Grundlage für solidarisches und politisches Handeln, das Grenzen überschreitet und bis in Räume politischer Entscheidungsmacht wirken kann.

 
9:00 - 11:30Soziale Arbeit und Sonderpädagogik im Verhältnis: Grenzen, Abgrenzungen, Entgrenzungen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 12
 

Chair(s): Prof. Dr. Emanuela Chiapparini (Berner Fachhochschule, Schweiz), Dr. Benedikt Hopmann (Universität Siegen, Deutschland), Prof. Dr. Nadia Kutscher (Universität zu Köln, Deutschland), Mariam Mazmanyan (Berner Fachhochschule, Schweiz), Dr. Nina Thieme (Universität Bielefeld, Deutschland)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Nadia Kutscher (Universität zu Köln, Deutschland)

Die Debatte um Inklusion wird in vielen pädagogischen Teildisziplinen und Feldern geführt. Wenige weisen so enge zielgruppenbezogene und institutionelle Überschneidungen auf wie die Sonderpädagogik und die Sozialpädagogik.
Die Bearbeitung sozialer Ungleichheiten, Fragen von und Widersprüche kompensatorischer Förderung und subjektbezogener Offenheit von Bildungsprozessen, die Relationen von Methoden und Zielen und die Balance von Subjekt und Gesellschaft in der Ausgestaltung institutioneller Arrangements und professioneller Interventionen fordern beide Felder heraus.
Während viele konkrete Berührungspunkte im Alltag zwischen den Akteur*innen zu finden sind, ist die Frage von Grenzen, Abgrenzungen, Entgrenzungen zwischen sozialpädagogischen und sonderpädagogischen Zugängen weitgehend ungeklärt. Vor diesem Hintergrund befasst sich das Symposium auf der Basis theoretischer und empirischer Forschung mit dem Verhältnis von Sozial- und Sonderpädagogik auf der Ebene professionellen Handelns.

 

Beiträge des Panels

 

Inklusion und Kooperation zwischen Ent- und Begrenzung: Herausforderungen für Soziale Arbeit und Sonderpädagogik

Dr. Benedikt Hopmann
Universität Siegen, Deutschland

Im Mittelpunkt von Inklusion steht zumeist die inklusive Ganztagsschule, im Zuge derer Kooperationen einen zentralen Stellenwert einnehmen. Zudem soll Inklusion innerhalb der Kinder- und Jugendhilfe verankert werden. Dieser Anspruch einer inklusions- und kooperationsbezogenen Entgrenzung ist zugleich durch Begrenzungen gekennzeichnet, womit mindestens folgende Fragen virulent werden:

  • Professionstheoretische Fragen: Im Zuge der Etablierung multiprofessioneller Settings werden professionelle Verortungen von Sozialer Arbeit und Sonderpädagogik zunehmend fragil und diffus.
  • Normative Fragen: Wirkungs- und Adressat*innenfragen von Kooperation (Ziegler 2017) sowie „Ziele und Zwecke“ (Dederich 2020, 534) von Inklusion bleiben unterbestimmt.
  • Disziplinäre Fragen: Angesichts sich zunehmend überschneidender Gegenstandsbereiche und Fragestellungen bedarf das disziplinäre Verhältnis von Sozialer Arbeit und Sonderpädagogik einer theoretischen Vergewisserung.

Es sollen den hier knapp skizzierten Fragen nachgespürt und Konsequenzen für Soziale Arbeit und Sonderpädagogik formuliert werden.
Literatur

  • Dederich, M. (2020). Inklusion. In G. Weiß & J. Zirfas (Hrsg.), Handbuch Bildungs- und Erziehungsphilosophie (S. 527-536). Wiesbaden: Springer VS.
  • Ziegler, H. (2017). Ressortübergreifende Kooperation. In N. Thieme & M. Silkenbeumer (Hrsg.), Die herausgeforderte Profession – Soziale Arbeit in multiprofessionellen Handlungskontexten (Vol. Sonderheft 14, S. 24-34). Lahnstein: Verlag neue praxis.
 

Expertise beyond teaching? Insides of the Interdisciplinary cooperation in the context of inclusive education in Canton of Bern

Mariam Mazmanyan, Prof. Dr. Emanuela Chiapparini
Berner Fachhochschule, Schweiz

In Canton of Bern reforms are aimed at ensuring quality access to education through offering different models of “integrative education” and all-day schooling opportunities. However, studies in this field have revealed that not all stakeholders have a positive attitude towards the reform and the cooperation among the members of interdisciplinary teams remains challenging (Pfister, Sricker & Jutzi 2015; Chiapparini et. al. 2018). The current study attempts to shed the light on the peculiarities of interdisciplinary cooperation in the context of inclusive education while answering the question: what is the perspective of the teachers, social workers and special pedagogues on the challenges and opportunities of the interdisciplinary cooperation in the context of inclusive education in Canton of Bern? The data will be gathered through focus group discussions with specialist representing the following main models of inclusive education: integrative, partially integrative and separative.

Publication bibliography

  • Pfister, M.; Stricker, C. & Jutzi, M. (2015). Evaluation der Umsetzung von Artikel 17 des Volksschulgesetzes: Porträts und Erfahrungen von elf Schulstandorten im Kanton Bern. Bern: Erziehungsdirektion des Kantons Bern.
  • Chiapparini, E.; Stohler, R. & Bussmann, Esther (Hrsg.) (2018), Soziale Arbeit im Kontext Schule. Aktuelle Entwicklungen in Praxis und Forschung in der Schweiz. Opladen: Budrich.
 

Theoretische und empirische Perspektiven auf Grenzarbeit sozial- und sonderpädagogischer Professioneller in berufsgruppenübergreifenden Kooperationen

Dr. Nina Thieme
Universität Bielefeld, Deutschland

Der Ausbau von Ganztagsschulen und die inklusive Gestaltung des Bildungssystems haben zu einer zunehmenden Kooperation pädagogischer Berufsgruppen im schulischen Kontext geführt.
Im Gegensatz zur „tradierten Situation, in der die Differenzierung der Zuständigkeiten über die Aufteilung der pädagogischen Berufe auf unterschiedliche Handlungsfelder ‚von außen‘ geregelt war“ (Kunze/Reinisch 2019, S. 54), stellt sich in der inklusionsorientierten Ganztagsschule das Erfordernis einer Aushandlung von Zuständigkeiten.
Fokussiert auf die Kooperation sozial- und sonderpädagogischer Fachkräfte wird auf der Basis einer sozialwissenschaftlich-hermeneutischen Rekonstruktion eines berufsgruppenübergreifenden Teamgesprächs die Grenzarbeit (vgl. Hall et al. 2010) der Akteur*innen in den Blick genommen.

Literatur

  • Hall, C.; Slembrouck, S.; Haigh, E. & Lee, A. (2010): The management of professional roles during boundary work in child welfare. International Journal of Social Welfare 19 (3), 348-357.
  • Kunze, K. & Reinisch, R. (2019). Kooperation – (Macht)Mittel oder Möglichkeit? In C. Baur, C. Krüger & F. Homuth (Hrsg.), Professionen in Schule – zwischen Kooperation und Konflikt. Dokumentation der Fachtagung vom 07. Juni 2018. Wolfenbüttel: Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaft – Hochschule Braunschweig/Wolfenbüttel, S. 52-63.
 
9:00 - 11:30Transmigration und Place-Making geflüchteter Kinder und Jugendlicher - Methodologisch-methodische Herausforderungen des Forschens mit jungen Geflüchteten und Ergebnisse ausgewählter qualitativer Studien
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 35
 

Chair(s): Prof. Dr. Charlotte Röhner (Goethe Universität Frankfurt, Deutschland)

Bei den grenzüberschreitenden Migrationsprozessen im 21. Jahrhundert handelt es sich um Erscheinungsformen von Migration, in welchen transnationale Sozialräume durch mehrere Wohn- und Lebensorte an verschiedenen geographischen Standorten aufgespannt werden. Die im Symposium versammelten Beiträge greifen subjektivierungstheoretische, praxistheoretische und raumtheoretische Perspektiven auf, um die Umgangsweisen von Kindern und Jugendlichen mit Herausforderungen im Kontext von (Flucht-)Migrationsprozessen herauszuarbeiten. Dabei werden die Selbst- und Fremdpositionierungen migrierter Kinder und Jugendlicher in den zugewiesenen Räumen der jeweiligen Zuwanderungsgesellschaft und die damit verbundenen sozialen Ein- und Ausschlussprozesse fokussiert. Dies wird auf der Grundlage ausgewählter qualitativ-empirischer Studien in Malta, Deutschland und Griechenland untersucht und im Hinblick auf die damit verbundenen forschungsmethodologisch-ethischen Dimensionen reflektiert.

 

Beiträge des Panels

 

Gekommen, um zu bleiben? Junge Geflüchtete, der maltesische Inselstaat und Praktiken des Place-Making

Dr. Laura Otto
Goethe Universität Frankfurt

Weltweit sind rund 30 Millionen Minderjährige allein auf der Flucht; einige kommen nach Europa. Ist unklar, wie alt sie sind, wird in der Regel in Altersfeststellungsverfahren durchgeführt. Wer als unter 18 Jahre alt gilt, wird als ‚unbegleiteter, minderjähriger Flüchtling’ kategorisiert und betitelt. Auf Basis ethnographischen Materials, welches mit jungen Geflüchteten auf Malta generiert wurde, zeigt dieser Vortrag, wie sie die mittelmeerische Insel, die seit 2004 Teil der EU-Außengrenze ist, wahrnehmen, sich aneignen und navigieren. Es werden dabei vielfältige Entgrenzungen, Begrenzungen und Verortungen herausgearbeitet, die mit der Kategorisierung als ‚unbegleiteter, minderjähriger Flüchtling‘ zusammenhängen. Im Zentrum des Beitrags stehen Praktiken des Auf-Malta-Bleibens, des Weggehens von der Insel, sowie des Zurückkehrens nach Malta. Der Inselstaat wird – entgegen der Vorstellung der Insel als ‚Gefängnis‘ – zur Drehscheibe der Transitmigration junger Menschen. Durch die Fokussierung auf die Place-Making-Praktiken der jungen Geflüchteten werden sie nicht nur als agentitiv handelnde Subjekte verstanden, sondern es wird auch gezeigt, wie sie (formelle und informelle) Entgrenzungen, Begrenzungen und Verortungen im EU-Grenzregime herausfordern und aktiv mitgestalten.

 

Place-Making-Prozesse und plurilokale Selbstverortungen geflüchteter Kinder und Jugendlicher – Methodische Zugänge und Ergebnisse ausgewählter Fallstudien

Prof. Dr. Charlotte Röhner1, Laura Heiker2
1Goethe Universität Frankfurt, 2Universität Frankfurt

Welche Raumaneignungsprozesse Kinder und Jugendliche im Transmigrationsprozess verfolgen, um sich in einem Aufnahmeland zu verorten, wurde bei acht Kindern im Alter von sieben bis 13 Jahren und sechs Jugendlichen aus Afghanistan, Eritrea, Irak und Syrien mit Hilfe der Photo Voice Methode (Wang & Burris 1997; Wuggenig 1990; Flick, Kardoff & Steinke 2009; Kaiser 2017) untersucht. Forschungsleitend ist die Fragestellung nach den Prozessen des Place-Makings geflüchteter Kinder und Jugendlicher im Aufnahmeland und ihrer Selbstverortung im transnationalen Raum. In der erziehungs- und sozialwissenschaftlichen Raumtheorie werden unter Place-Making Prozesse der Raumwahrnehmung, - nutzung und –gestaltung verstanden (Werlen 2010; Fritsche, Lingg &Reutlinger 2010). Insofern wird in der Studie danach gefragt, wie geflüchtete Kinder und Jugendliche die neuen Sozialräume wahrnehmen, aneignen, beurteilen. Dies wurde mit Hilfe der Photo-Voice-Methode untersucht, bei der die Teilnehmer:innen themenspezifisch einen Satz von Fotos selbst erstellen und die Deutungen der Fotos aus der Perspektive der Proband:innen erfolgt (Wang & Burris 1997; Wuggenig 1990; Flick, Kardoff & Steinke 2009; Kaiser 2017). Wie transnationalen Beziehungen im digitalen Raum gestaltet werden, wurde über Screenshots erfasst. Im Vortrag werden ausgewählte Fallstudien zu Transmigration und Place-making geflüchteter Kinder und Jugendlicher vorgestellt.

 

Vorstellungen vom „guten Ankommen“ in Deutschland: räumliche und soziale Bezüge in Zeichnungen neu zugewanderter Kinder

Prof. Dr. Alexandra König, Dr. Jessica Schwittek
Universität Duisburg-Essen

In einer multimethodisch ausgelegten Studie zu den sozialen Welten neu zugewanderter junger Menschen wurden unter anderem Gruppendiskussionen zum Prozess des „Ankommens in Deutschland“ geführt. Für den jüngeren Teil des Samples (18 Kinder im Alter zwischen 9 und 11 Jahren) wurde als Stimulus eine Bildergeschichte verwendet, die in stilisierten Darstellungen die Geschichte einer Reise erzählt. Die Teilnehmer:innen der Gruppendiskussionen wurden gebeten, ein Bild zu malen, das die Geschichte als „gutes Ankommen“ weitererzählt. Über diese wurde dann in der Gruppe diskutiert. Insgesamt 5 Gruppendiskussionen sowie die dazugehörenden 15 Zeichnungen sind Gegenstand der Analyse, deren Ergebnisse im Vortrag präsentiert werden. Drei zentrale Themen kommen in den Zeichnungen zum Ausdruck: die Anbindung an die Peers, die Positionierung als Schulkind und die Verortung im eigenen privaten Raum. Im Vortrag wird herausgearbeitet, wie die Kinder über diese Themen Positionierungen im physischen wie im sozialen Raum entwerfen und verhandeln. Aus einer interaktionistischen Perspektive fragen wir außerdem danach, inwieweit sie dabei auf eigene (biographische) Erfahrungen und (zukunftsbezogene) Erwartungen Bezug nehmen. Das methodische Vorgehen der Gruppendiskussion mit dem genannten Stimulusmaterial wird mit Blick auf seine Potentiale und Problematiken kritisch diskutiert.

 

Methodological challenges in the conduct of research with refugee children in Greece

Dr. Anneta Potsi1, Dr. Zoi Nikiforidou2
1Universität Bielefeld, 2Liverpool Hope University

This contribution provides insights on refugee children’s thinking, actions and worlds focusing on their experiences and conceptualizations of well-being and brings to the fore the methodological challenges and issues we faced in the process of collecting qualitative data. The data were collected from refugee children attending the pedagogical activities of a community center and inhabiting in private settlements in the mainland of Greece. The aim of this presentation is to expose the methodological and ethical issues we encountered before and during the data collection. Through the case study of 4 Afghan children (4, 6,7 and 8 years-old) we critically reflect on the methodological tools used as a means of exploring refugee children’s sense of wellbeing. The use of the mosaic approach devised by Clark and Moss (2011), which combines methods, strategies and tools that piece together to form a fuller picture of young children’s perceptions enabled us to generate data from multiple sources which we pieced them together and interpreted them from multiple perspectives.

 
9:00 - 11:30Zur Bearbeitung und Hervorbringung prekärer Positionierungen – Empirische Rekonstruktionen zur Sinnhaftigkeit und Funktionalität lehrer*innenseitiger Entgrenzungen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 09
 

Chair(s): Dr. Daniel Goldmann (Eberhard Karls Universität Tübingen, Deutschland), Prof. Dr. Nele Kuhlmann (Friedrich-Schiller-Universität Jena, Deutschland)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Fabian Dietrich (Universität Bayreuth, Deutschland)

Lehrer*innenseitige Entgrenzungen gegenüber Schüler*innen stellen ein empirisch omnipräsentes Phänomen dar, das in seiner sozialen Sinnhaftigkeit noch nicht umfassend geklärt wurde. Im Symposium wird auf Grundlage von empirisch-rekonstruktiven Analysen die Frage bearbeitet, welche situativen und berufsspezifischen Problemstellungen in entgrenzenden Bezugnahmen bearbeitet und inwiefern darin funktionale Momente sichtbar werden. In den mehrperspektivisch-angelegten theoretischen Rückbindungen wird deutlich, dass lehrer*innenseitige Entgrenzungen auf prekäre Positionierungen – im Sinne einer Anerkennungsbedürftigkeit oder einer Unsicherheit bzgl. der eigenen Professionalisiertheit – antworten, ohne diese Prekarität aber dadurch stillstellen zu können. Diese Figur der Bearbeitung und gleichzeitigen Hervorbringung prekärer Positionen wollen wir abschließend zum Anlass nehmen, die professionstheoretische Frage nach den Bedingungen und Grenzen des Lehrer*innenseins neu aufzunehmen.

 

Beiträge des Panels

 

Anerkennungsbedürfnisse diesseits und jenseits der Grenzen des Schulischen – Rekonstruktionen zu Aushandlungen zwischen Lehrpersonen während der pandemie-bedingten Schulschließungen

Prof. Dr. Nele Kuhlmann
Friedrich-Schiller-Universität Jena

Im Kontext der Pandemie kam es zu flächendeckenden Schulschließungen, Wechselunterricht und der Umstellung auf ‚Distanzlernen‘. Diese weitreichenden Eingriffe machen nicht nur eine Neuaushandlung der Grenzen des Schulischen notwendig, sie lassen auch sichtbar werden, was Schule und Unterricht als Interaktion unter leiblich Anwesenden auszeichnet. Während der Pandemie erhobene Gruppeninterviews mit Lehrpersonen eines Kollegiums machen deutlich, dass die Bezugnahmen auf die körperliche Abwesenheit von Schüler*innen während der ersten Schulschließung sehr unterschiedlich ausfallen. In der anerkennungs- und berufskulturtheoretischen Ausdeutung (Balzer/Ricken 2010; Terhart 1996) lassen sich darin je spezifische Anerkennungsbedürfnisse von Lehrpersonen rekonstruieren, die – so die Annahme – nicht durch die derzeitige Situation erzeugt, wohl aber krisenhaft und dadurch sichtbar(er) werden. So reichen die Bezugnahmen über einen impliziten Kontaktabbruch zu Schüler*innen, über das Bedürfnis einer Novizin, sich selbst in der Interaktion mit Schüler*innen als ‚richtige Lehrerin‘ zu erfahren bis hin zu entgrenzenden Positionierungen, in denen sich die Lehrperson als bedürftig gegenüber einer umfassenden Anerkennung durch die Schüler*innen zeigt. Im Beitrag werden sowohl die verschiedenen Modi der Be- und Entgrenzung in der Bezugnahme auf Schüler*innen in ihrer sozialen Funktionalität wie auch berufskulturelle Typiken der Aushandlung dieser teils konträren Bedürfnisse rekonstruiert.

 

Zwischen den Zeilen. Anerkennungstheoretische Perspektiven auf ironische Disziplinierungen im Unterricht

Anne Sophie Otzen
Universität Bremen

Explizite Formen der Disziplinierung im Unterricht genießen keinen guten Ruf. Vielmehr stehen sie unter dem Verdacht auf „äußere[n] Zwang“ zu setzen, wohingegen aus pädagogischer Perspektive „die Befähigung zur Selbstführung“ das Ziel jedes pädagogischen Handelns sein sollte (Langer/Richter 2015, S. 216). Darüber hinaus tendieren sie auch immer wieder dazu – wie empirische Studien zeigen – Schüler*innen auf entgrenzende Weise zu exponieren (Wernet 2018). Obwohl pädagogisch delegitimiert, gehören Disziplinierungen zum schulischen Alltag, wobei auffällt, dass sich viele dieser Praktiken im ironischen Modus ereignen. Ziel des Beitrags ist es zu zeigen, wie sich diese impliziten und augenzwinkernden Sprechakte einerseits als Ausdruck der Strukturierungsmacht der Lehrperson sowie andererseits als Zeichen ihrer Anerkennungsbedürftigkeit verstehen lassen. Grundlegend für die anerkennungstheoretische Perspektive des Vortrags ist die Annahme, dass im Wechselspiel der Adressierungen die Beteiligten sich nicht nur gegenseitig zu jemanden machen, sondern sich auch als ein spezifischer jemand zeigen (vgl. exempl. Ricken et al. 2017). Wie ironische Disziplinierungen Schüler*innen – auch durchaus entgrenzend – adressieren und gleichzeitig für die Lehrpersonen einen Modus darstellen, ihre prekäre Autorität – im Sinne der „Imagepflege“ (Goffman 1975) – zu bearbeiten, soll anhand von Transkripten aus dem Schulunterricht rekonstruiert werden.

 

Entgrenzende Verortung. Zur Funktion der pädagogischen Entgrenzung der Schüler*innenrolle im Kontext einer bi-professionellen Kulturellen Unterrichtsentwicklung

Dr. Maike Lambrecht1, Prof. Dr. Saskia Bender2
1Ruhr-Universität Bochum, 2Universität Bielefeld

Die im Zuge des Ausbaus des Ganztags aktualisierte reformpädagogische Forderung nach einer Öffnung der Schule hat zu einer Erweiterung schulisch-außerschulischer Kooperationen geführt. Damit einher geht auch der Anspruch einer konzeptionellen Verzahnung von Ganztagsangebot und Unterricht, was jedoch die schulische Positionierung unterschiedlicher Professionen zueinander erfordert. Vor diesem Hintergrund fokussiert der Beitrag in berufskulturtheoretischer Perspektive (Kramer, Idel & Schierz 2018) auf die entgrenzende Bearbeitung von Lehrer*innen-Künstler*innen-Kooperationen im Rahmen Kultureller Unterrichtsentwicklung (Fuchs & Braun 2018). Anhand wechselseitiger Bezugnahmen in Tandeminterviews wird der prekäre Status der Künstler*innen objektiv-hermeneutisch rekonstruiert (Oevermann et al. 1979). Anschließend wird gezeigt, wie diese prekäre schulische Verortung künstlerseitig durch die Entgrenzung der Schüler*innenrolle versucht wird zu bearbeiten. Ob eine schulische Verortung über diese Aufforderung zur Entgrenzung gelingen kann, hängt vom professionellen Selbstverständnis der Lehrer*innen ab, d. h. davon, inwiefern diese die künstlerische Entgrenzung entweder begrenzen oder als funktional im Sinne eines „erziehenden Unterrichts“ deuten. Diese Beobachtungen werden sowohl professions- als auch schultheoretisch im Hinblick auf die Funktionalität der rekonstruierten Entgrenzung für eine arbeitsteilige Stabilisierung des Schulischen diskutiert.

 

Entgrenzungen als Kompetenzkompensation – Zur Herausforderung strikter Rollen-förmigkeit und Gelassenheit im Umgang mit schüler*innenseitigen Entgrenzungen

Dr. Daniel Goldmann
Eberhard Karls Universität Tübingen

Lehrkräfte werden nach Wernet (2003) ihrer Rolle gerecht, wenn sie schüler*innenseitige Entgrenzungen mit strikter Rollenförmigkeit und damit einer „Vermeidung von Entgrenzung und Distanzlosigkeit“ (ebd.: 152) begegnen. Entgrenzungen wurde jedoch professionstheoretisch bisher „kaum Aufmerksamkeit“ (Wernet 2018: 242) geschenkt. Dieser Beitrag greift die Beobachtung Wellendorfs (1967) auf, dass in Kollegien Inkompetenz von Lehrkräften an der äußeren Erscheinung der Undiszipliniertheit der Klasse festgemacht wird, und diskutiert anhand von rekonstruktiv ausgewerteten Interviews, inwieweit Entgrenzungen Ausdruck einer solchen ‚äußerlichen‘ Bestimmung von pädagogischer Professionalität sind. Die These ist, dass entgrenzende Disziplinierungen den stets unzureichenden Versuch darstellen können, die Unsicherheit in der eigenen Professionalisiertheit kompensatorisch zu bearbeiten. Zur Bestimmung des hinter der Unsicherheit liegenden Problems nutzt der Beitrag die These Luhmanns (2002, 152f.), dass v. a. Misserfolge die eigene stabile Annahme professioneller Kompetenz herausfordern, und reformuliert diese Anforderung als doppeltes Kompetenzproblem der (Nicht-)Zuständigkeit und des (Nicht-)Könnens (vgl. Verf.). Dies hilft die dahinter liegende Schwierigkeit für die Lehrkräfte genauer zu verstehen und zu verdeutlichen, dass weder die Forderung nach Gelassenheit noch die Aufforderung zur strikten Einhaltung der Rollenförmigkeit hinreichend für eine Unterlassung von Entgrenzungen sind.

 
9:00 - 11:30Zusammenspiel informeller, non-formaler und formaler Bildungsprozesse digital ent|be|grenz|en
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 14
 

Chair(s): Prof. Dr. Rudolf Kammerl (Friedrich-Alexander-Universtität Erlangen-Nürnberg, Deutschland), Dr. Claudia Lampert (Leibniz-Institut für Medienforschung / Hans-Bredow-Institut)

Infolge von Mediatisierung und Digitalisierung verändert sich das Zusammenspiel zwischen Sozialisationsinstanzen, Bildungseinrichtungen und subjektiven Entwicklungsprozessen. Diesem veränderten Zusammenspiel von informellen, non-formalen und formalen Bildungsprozessen und dem Phänomen der Ent|grenz|zung geht das Symposium anhand von theoretischen Zugängen und Forschungsergebnissen aus aktuellen Projekten und unterschiedlichen Disziplinen (Erziehungswissenschaft, Soziologie und Kommunikationswissenschaft) nach. Dazu soll vor dem Hintergrund aktueller sozialisationstheoretischer und bildungstheoretischer Ansätze die Metapher der Ent|grenz|ungen kritisch hinterfragt und eingeordnet werden. So wird u.a. versucht, praxistheoretische, systemtheoretische und figurationstheoretische Perspektiven der Sozialisationsforschung einerseits einem subjektorientierten Bildungsverständnis andererseits gegenüberzustellen und dabei geplante, sowie ungeplante Aspekte von Ent|- und Be|grenz|ungen auszuloten

 

Beiträge des Panels

 

Bildungsbezogene Medienrepertoires als Schnittstelle informeller und formaler Bildung

Prof. Dr. Rudolf Kammerl1, Katrin Potzel1, Paul Petschner1, Dr. Claudia Lampert2
1Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, 2Leibniz-Institut für Medienforschung / Hans-Bredow-Institut

Im Zuge der Digitalisierung sind die Grenzen verschiedener sozialer Domänen, wie z. B. Familie und Schule, zunehmend in Auflösung begriffen. Dies hat auch für Bildungsprozesse Konsequenzen, da formales Lernen verstärkt (wie etwa in der derzeit andauernden Pandemie) auch in familiären Kontexten stattfindet und wiederum informelles Lernen auch für die schulische Bildung an Bedeutung gewinnt. Ausgehend vom theoretischen Rahmen der kommunikativen Figurationen (Hepp & Hasebrink 2014) schlagen wir vor, mit dem Konzept des Medienrepertoires die Schnittstelle zwischen formalen und informellen Bildungskontexten zu untersuchen. Das Medienrepertoire bezeichnet ein relativ stabiles, individuelles und medienübergreifendes Muster von Medienpraktiken, das Individuen orientiert an übergreifenden Prinzipien (z. B. Nützlichkeit, Involvement) entwickeln (Hasebrink & Hölig 2017). Statt auf ein einzelnes Medium bzw. eine Medienpraktik, wie z. B. Fernsehen oder Lesen, richtet sich mit dem Medienrepertoire der Blick auf die Gesamtheit der etablierten Medienpraktiken einer Person. In diesem Beitrag soll die Rolle des Medienrepertoires für mediatisierte Bildungs- und Sozialisationsprozesse anhand empirischen Materials aus einer qualitativen Panelstudie zur Sozialisation in einer sich wandelnden Medienumgebung veranschaulicht werden.

 

Lernort Familie als Schnittstelle informeller und formaler Bildung vor und während der Pandemie – ein längsschnittlicher Vergleich

Lara Gerhardts1, Lea Richter2, Prof. Dr. Anna-Maria Kamin2, Prof. Dr. Dorothee M. Meister1, Jeannine Teichert1
1Universität Paderborn, 2Universität Bielefeld

Der pandemiebedingte Distanzunterricht verwischt zunehmend die Grenzen zwischen den Lernorten Schule und Familie bzw. zwischen formalen und informellen Bildungsprozessen. Auch formales Lernen findet nun verstärkt im häuslichen Kontext statt. Damit der Erfolg solch eines entgrenzten, mit Hilfe digitaler Medien räumlich wie zeitlich flexibilisierten Lernens gesichert ist, sind insbesondere jüngere und weniger medienkompetente Kinder auf Begleitung angewiesen. Diese findet im Idealfall in Abstimmung zwischen Elternhaus und Schule statt.

Im Rahmen eines BMBF-geförderten Verbundforschungsprojektes wurde die Aneignung digitaler Kompetenzen von Schüler*innen vor bzw. während der Pandemie aus Elternsicht erfasst. Zu drei Zeitpunkten (Sept. 2019 – Nov. 2020) wurden fünf Elternteile von Schüler*innen der 5. und 6. Klassenstufe leitfadengestützt interviewt. Die Datenlage ermöglicht, die Ent|grenzung des Lernortes Familie unter verschiedenen äußeren Rahmenbedingungen zu vergleichen und unter der Frage zu analysieren, wie sich diese Prozesse auf das Lernen der Kinder sowie auf diesbezügliche elterliche Unterstützung auswirken. Erste Ergebnisse zeugen davon, dass viele Kinder sich angesichts elterlicher Überforderung mediale Kenntnisse selbst aneignen müssen, wodurch inhaltliche Lernprozesse beeinträchtigt werden (Anonym et al. 2020).

 

Ent|Grenzungen thematischer Rahmen in Instant-Messaging-Gruppen in Schulklassen

Caroline Grabensteiner
PH Wien, Österreich

Instant Messaging als Online-Peer-Kommunikation wird schon seit Beginn der 2000er Jahre beforscht (vgl. Subrahmanyam & Greenfield, 2008). Technische Innovation und zunehmende Personalisierung haben WhatsApp als aktuelle Ausprägung dieser Kommunikationsform hervorgebracht. Instant-Messaging-Gruppen in Schulklassen stehen am Übergang, oder: an der Grenze zwischen Schule und Familie.

Die Rekonstruktion der Herstellung von Bildungsverhältnissen im Medienhandeln steht im Zentrum der vorgestellten Studie. Medienbildung wird als medial vermittelte Verhältniskonstruktion (vgl. Meder, 2007), bzw. als materiale, soziale und biografische Relation verstanden. Diese wird empirisch entlang sensibilisierender Konzepte modelliert. Mit Bezug auf Agency (vgl. Emirbayer & Mische, 1998) und das Modell der kommunikativen Figurationen (vgl. Hepp & Hasebrink, 2014) werden Zusammenhänge zwischen Akteurskonstellationen, Kommunikationsformen und der Entwicklung thematischer Rahmen auf individueller und kollektiver Ebene nachvollzogen. Dazu wurden soziale Netzwerkdaten, sowie individuelle Befragungen und Fokusgruppen im Mixed Methods Design nach Grounded Theory (Charmaz, 2006) ausgewertet.

Vorgestellt werden bisher unerreichte Einblicke in Aushandlungsprozesse unter Schüler*innen zwischen formalen und informellen Bildungskontexten via Instant Messaging. Im Mittelpunkt stehen die Entwicklungen in sog. «Klassenchats» aus drei Schulklassen (Sek I, Schweiz, 2018/19) entlang thematischer Ent- und Begrenzung

 

An der Grenze von Realität und Virtualität. Bildungspotenziale von VR-Anwendungen in informellen, non-formalen und formalen Kontexten

Olag Neuberger, Inga Limpinsel, Prof. Dr. Sandra Aßmann
Universität Bochum

Technologische Entwicklungen wie Virtual Reality (VR) haben Einzug in den Bildungssektor gehalten: Vom Sachunterricht in der Grundschule (Buchner & Aretz, 2020) über Gedenkstätten (Bunnenberg, 2020) bis hin zu YouTube (Hellriegel & Čubela, 2018). Somit durchdringt VR formale, non-formale und informelle Bildungskontexte. Dabei zeigt sich ein Spannungsfeld bezüglich der Frage nach Grenzen von Realität und Virtualität: Während die VR-Umgebungen durch ein immersives Eintauchen eine (vermeintliche) Erweiterung und Ent|grenzung der Realität versprechen (Buchner & Freisleben-Teutscher, 2020), be|grenzt die Gebundenheit des Körpers an Zeit und Raum gleichzeitig das Eintauchen in virtuelle Welten (Neitzel, 2008). Im Rahmen eines vom BMBF geförderten Verbundforschungsprojektes wird dieses Phänomen aus interdisziplinärer Perspektive analysiert.

Der Beitrag stellt Ent|- und Be|grenz|ungen am Beispiel von zwei VR-Anwendungen aus dem Bildungskontext vor. Leitend ist dafür die Fragestellung, wie Nutzer*innen der VR-Anwendungen sich selbst im virtuellen Raum wahrnehmen und welche Deutungen der VR sie in Relation zur sozialen Wirklichkeit vornehmen. Innerhalb einer Grounded Theory-Studie wurden zu diesem Zweck Studierende nach der VR-Rezeption in Gruppen interviewt. Es werden Ergebnisse dieser Untersuchung vorgestellt, die eine Diskussion über Reflexionspraktiken entlang der Grenze zwischen Realität und Virtualität anstoßen sollen

 
12:00 - 13:00Parallelvorträge I
Ort: *rein digital*

In diesem Zeitfenster stehen fünf Parallelvorträge zur Auswahl. Leider ist keiner der Vorträge englischsprachig.

Die im Plenum stattfindenden Parallelvorträge stellen Impulse für den DGfE-Kongress dar, deren Referent*innen durch den DGfE-Vorstand und das LOK Leitungsteam persönlich eingeladen werden.

Die Parallelvorträge werden aufgezeichnet und stehen nach dem Kongress allen Kongressteilnehmenden für eine begrenzte Zeit zur Verfügung.

12:00 - 13:00Die ‚westliche Diagnostik‘ und ihr Anderes: migrantisierte Kindheiten in der Praxis ‚der Inklusion‘
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Hörsaal 1 DI
 

Chair(s): Prof. Dr. Yasemin Karakaşoğlu (Universität Bremen)

Vortragende: Prof. Dr. Donja Amirpur (Hochschule Niederrhein)

Die für Deutschland aus der Ratifizierung der UN-BRK erwachsene Pflicht, die Segregation behinderter Schüler*innen zu beenden, hat zwar zu einer Diskussion über Inklusion geführt, aber in ihrer ‚Umsetzung‘ auch dazu, dass immer mehr Kindern ein sonderpädagogischer Förderbedarf attestiert wird. Der sich abzeichnende Ressourcen-Etikettierungseffekt scheint neben der schulischen Praxis auch die frühe Kindheit zu umfassen: Mit ihrer Aufwertung zur ‚Bildungsinstitution‘ haben in Kita Verfahren der Bildungsbeobachtung, -dokumentation und Entwicklungsdiagnostik Einzug erhalten. Seit der Jahrtausendwende gelten multiprofessionelle Blicke aufs Kind als fachlicher Standard, die Zusammenarbeit von Kindheitspädagogik, psychologischer Sprachdiagnostik, Frühförderung und Medizin als Schlüssel zu Inklusion. Erste empirische Ergebnisse zeigen nun, dass auch in Kita eine Überrepräsentanz migrantisierter Kinder in der sonderpädagogischen Förderung feststellbar ist. Der Vortrag diskutiert vor diesem Hintergrund bildungspolitische Entwicklungen und pädagogische Praxis aus migrationspädagogischer Perspektive und stellt Anfragen an die Sonder- respektive Inklusive Pädagogik. Im Mittelpunkt steht die Arbeitshypothese, dass diagnostische Gelegenheiten geschaffen wurden, um zusätzliche Ressourcen in Kita akquirieren zu können, die mit migrationsgesellschaftlichen Gelegenheiten korrespondieren, Kinder und ihre Familien durch Akte der Grenzziehung als Entwicklungsgefährder und Risikogruppe herzustellen.

 
12:00 - 13:00Entgrenzung von Arbeit, Begrenzung durch Bildung? (W)Ende einer Beziehung.
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Hörsaal 3 DI
 

Chair(s): Prof. Dr. Bernhard Schmidt-Hertha (Ludwig-Maximilians-Universität München)

Vortragende: Prof. Dr. Karin Büchter (Helmut-Schmidt-Universität, Deutschland)

Arbeit und Bildung waren trotz historisch-kontinuierlicher ideeller und praktischer Abgrenzungsbemühungen mit ihren jeweils unterschiedlichen Logiken und einer relativen Autonomie in ihrem Verhältnis immer schon in vielfältiger Weise aufeinander bezogen: beispielsweise in der Verbindung von Arbeitsethik oder Industriösität nicht nur mit Erziehung, sondern auch mit Bildung, in der wechselseitigen Strukturierung von sozialer Arbeitsteilung und der Verteilungs- und Sortierlogik im Bildungswesen, in der materialen Seite von Bildung, in der Idee von Bildung im Medium von Arbeit bzw. von kritisch-emanzipatorischer Bildung als Bedingung für humane Arbeit oder in der Gleichzeitigkeit von Subjektivierung von Arbeit und Subjektivierung von bzw. durch Bildung. Angesichts von Diagnosen und Prognosen der Entgrenzung von Arbeit mit der Folge veränderter räumlicher, zeitlicher, sozialer und subjektiver Regulierungs­praktiken stellt sich erneut die Frage nach der Bedeutung von Bildung in ihrem Verhältnis zu Arbeit, nach ihrer Reproduktionsfunktion, ihrer Auf- oder Abwertung und danach, inwieweit und unter welchen Bedingungen sie Möglichkeiten des Sich-Entziehens und des Widerstands in entgrenzter Arbeit bieten kann. Zu fragen ist auch, ob und wie solche Mög­lichkeiten erkenn-, artikulierbar und bildend sind.

 
12:00 - 13:00Grenzen und Entgrenzungen in Bildungsprozessen im Anthropozän. Perspektiven aus der multilateralen Arbeit der UNESCO
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Hörsaal 5 DI
 

Chair(s): Prof. Dr. Elke Kleinau (Universität zu Köln)

Vortragende: Prof. Dr. Christoph Wulf (Freie Universität Berlin, Deutschland)

Die Welt ist für die Menschheit ein physisches und ein kulturelles Erbe, das es zu erhalten, zu gestalten und an die nachfolgenden Generationen zu transferieren gilt. Wie wird in den globalen Programmen der UNESCO mit Grenzen umgegangen, lautet die zentrale Frage. An Beispielen aus den Bereichen Immaterielles Kulturelles Erbe, Weltkulturerbe, Weltdokumentenerbe, Biosphärenreservate und Geoparks lässt sich zeigen, dass die traditionelle Unterscheidung zwischen Natur- und Kulturerbe nicht mehr greift, da es kaum noch Naturbereiche gibt, die nicht vom Menschen beeinflusst werden. Daher besteht eine wichtige Aufgabe darin, das Verhältnis zwischen Natur und Kultur neu zu bestimmen und die traditionellen Grenzziehungen zwischen Natur und Kultur zu verändern. Wie bilden sich welche Grenzen in der globalisierten Welt, wie wird mit ihnen umgegangen, wie werden sie dekonstruiert bzw. verschoben. Was bedeutet ein neues Verständnis von Grenze für Bildungsprozesse, die sich an den Zielen nachhaltiger Entwicklung und an der Erziehung zum Weltbürger (Global Citizenship Education) orientieren. In diesen Zusammenhängen gilt es Perspektiven der Differenz und kulturellen Diversität mit allgemeinen Perspektiven zu verbinden, die die Situation der Menschheit insgesamt betreffen.

 
12:00 - 13:00Grenzen von politischer Bildung und Demokratieerziehung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Hörsaal 2 DI
 

Chair(s): Prof. Dr. Tanja Sturm (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg)

Vortragende: Prof. Dr. Hermann Josef Abs (Universität Duisburg-Essen, Deutschland)

Zwischen politischer Bildung und Demokratieerziehung gab es in den vergangen beiden Jahrzehnten verschiedentlich Abgrenzungsdiskurse und Versuche zu deren Überwindung. Während diese im Vortrag nur kurz zusammengefasst werden sollen, liegt der Fokus auf teilweise gemeinsamen Grenzen, die den Bemühungen um Erziehung und Bildung im Gegenstandsbereich von Politik und Demokratie ihre Form geben und den Versuchen die Grenzen dieser Formen zu überwinden.

Durch einen Rückgriff auf politische Theorien, sollen die Grenzen des Gegenstandbereichs von politischer Bildung und Demokratieerziehung hinterfragt werden und durch einen Rückgriff auf empirische Forschung sollen die Grenzen der Umsetzung und Umsetzbarkeit in Schule in den Blick gerückt werden. Der Vortrag schließ mit der Formulierung konkreter Forderungen an Wissenschaft und Bildungspraxis zur Weiterentwicklung von politischer Bildung und Demokratieerziehung.

 
12:00 - 13:00Morsche Grenzen in der Rede von »Nähe und Distanz« im Kontext pädagogischer Professionalität
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Hörsaal 4 DI
 

Chair(s): Prof. Dr. Christine Wiezorek (Justus-Liebig-Universität Gießen)

Vortragende: Prof. Dr. Margret Dörr (.)

Im pädagogischen Diskurs hat sich mit der Rede von »Nähe und Distanz« eine Chiffre durchgesetzt, die eine Sehnsucht nach klaren (geometrischen) Verhältnissen in den Interaktionen zwischen Fachkräften und Nutzenden der Angebote zum Ausdruck bringt, die pädagogisch nur begrenzt tauglich ist. Meinen Vortrag werde ich in drei Gedankenschritte sortieren. Zunächst werfe ich einen Blick auf die Fragen, wofür diese Formel herhalten muss und wer oder was damit adressiert wird, bevor ich Überlegungen anschließe, was die Rede von »Nähe und Distanz« in der professionellen Praxis so attraktiv zu machen scheint. Beispielhaft präsentiere ich Ergebnisse aus einem BMBF-finanzierten Forschungsprojekt, in dem affektive Abstimmungsprozesse zwischen Fachkräften und Adressat*innen gemeindepsychiatrischer Angebote tiefenhermeneutisch erforscht werden, die enthüllen, dass die Chiffre „Nähe und Distanz“ im Kontext pädagogischer Professionalität sich eher einer Idee der Berechenbarkeit und Steuerbarkeit von Begegnungen verdankt und eine Haltung umfassender Kontrollpraxis befördert, mit der Gefahr, offene Begegnungsräume zwischen den Akteur:innen zu schließen.

 
13:15 - 13:30Bewegte Pause / Moving break 2
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Sportraum

Nutzen Sie die Möglichkeit der aktiven Bewegungspausen, um arbeitsbedingten Beschwerden durch das viele Sitzen im Büro vorzubeugen.

- 15-minütige aktive Bewegungspause
- Übungen zur Kräftigung, Dehnung und Mobilisation mit dem Fokus auf Rücken- und Nackenmuskulatur sowie Entspannungsübungen
- Anleitung durch eine qualifizierte Multiplikatorin

Die Bewegte Pause ist ein Angebot des betrieblichen Gesundheitsmanagements der Uni Bremen.

Mehr Informationen unter https://www.uni-bremen.de/bgm/angebote/bewegte-pause

 

Marcella Becker

 
14:00 - 16:00Arbeitsgruppen I
Ort: *rein digital*

In diesem Zeitfenster stehen 37 Arbeitsgruppen zur Auswahl, davon zwei englischsprachige Panels und drei Veranstaltungen, die deutschsprachige und englischsprachige Vorträge beinhalten. 

Arbeitsgruppen sind in ihrer Gestaltung der Arbeitsgruppen thematisch frei, ein Bezug zum Kongressthema jedoch wünschenswert. Es liegen keine Regeln zur Auswahl der Referent*innen für die Arbeitsgruppen vor, die Beteiligung von Wissenschaftler*innen in Qualifikationsphasen ist aber ebenso erwünscht wie die Mitwirkung internationaler Kolleg*innen oder auch das Angebot internationaler Arbeitsgruppen. Auch Anmeldungen englischsprachiger Arbeitsgruppen sind ausdrücklich willkommen.

14:00 - 16:00„Ent-grenz-ungen“ in der Qualitätsentwicklung auf der Ebene von System und Organisation
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 03
 

Chair(s): Prof. Dr. Dieter Nittel (FernUniversität in Hagen, Deutschland), Marlena Kilinc (FernUniversität in Hagen, Deutschland), Dr. Stefan Klusemann (FernUniversität in Hagen, Deutschland), Prof. Dr. Rudolf Tippelt (LMU München)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Ferdinand Eder (Universität Salzburg, Österreich)

Empirische Befunde haben gezeigt, dass in allen Bereichen des Erziehungs- und Bildungswesens seit Jahrzehnten Qualitätsentwicklung betrieben wird. In einer laufenden DFG-Studie konnten Entgrenzungen auf der System- und Organisationsebene beobachtet werden: etwa in der Form einer breiten Streuung und hohen Diversifizierung von Qualitätsmanagementsystemen sowie in temporaler Hinsicht, da Qualitätsentwicklung einen fortwährenden, prinzipiell unendlichen Prozess der Optimierung darzustellen scheint. Die Thesen zu Entgrenzungen werden in der Arbeitsgruppe auf ihre empirische und theoretische Belastbarkeit überprüft. Eine bereichsübergreifende Perspektive kann die hier angedeuteten Entgrenzungsprozesse besonders gut abbilden, weshalb die Vorträge sich den Entgrenzungslogiken im Elementarbereich, der Sozialen Arbeit und der Erwachsenenbildung zuwenden und von einer Außenbeobachtung gerahmt werden, die Konvergenzen und Divergenzen zwischen den Bereichen herausstellt.

 

Beiträge des Panels

 

Logiken von Entgrenzungen im Elementarbereich

Prof. Dr. Rita Braches-Chyrek
Universität Bamberg

Mit der verstärkten Herausbildung an national und international vergleichenden Analysen zur Qualitätsmessung im Elementarbereich konnten neue, wenn auch komplexere und machtvolle Ordnungen entstehen. Diese gehen mit Verschiebungen und Neubestimmungen der Grenzen der Organisation des Elementarbereichs einher (wie beispielsweise Entstrukturierungen, Entstandardisierungen u.a. in der Fachkräftegewinnung oder die Weiterentwicklung von Qualitätsprofilen und Kompetenzmodellen). Dabei spielen die folgenden Qualitätsdimensionen eine wichtige Rolle: Struktur-, Orientierungs-, Prozess- und Ergebnisqualität. Im Vortrag werden die nachstehenden Fragen adressiert: Welche Entgrenzungsphänomene lassen sich mit Blick auf die Qualitätsentwicklung in der Organisierung frühkindlicher Bildung und Erziehung identifizieren? Wie relevant sind Entgrenzungen bei der Frage nach „Optimierung“ der Erziehungs-, Bildungs- und Betreuungsarbeit? Welche unbeabsichtigten Nebenfolgen ergeben sich aus der Qualitätsentwicklung für die Ausgestaltung und das Zusammenwirken pädagogischer Prozesse in der Praxis?

 

Entgrenzungsformen von Erziehungs- und Bildungsorganisationen im privatwirtschaftlichen Kontext: das Qualitätsthema als thematische Klammer

Dr. Stefan Klusemann, Prof. Dr. Dieter Nittel, Marlena Kilinc
FernUniversität in Hagen, Deutschland

In dem Beitrag gehen wir auf Entgrenzungsphänomene ein, die sich im Zusammenhang mit der Institutionalisierung von bildungsbereichsübergreifend agierenden Erziehungs- und Bildungsorganisationen zeigen, die international operieren und auf Profit ausgerichtet sind. Dabei wird eine Mikro- und Makroperspektive eingenommen und die Frage nach der Klammerfunktion des Qualitätsthemas aufgeworfen: Welche Qualitätsverständnisse weisen die Einrichtungen dieses Organisationstyps auf? Welche Formen der bildungsbereichsübergreifenden Qualitätsentwicklung betreiben sie? Und welche Konvergenzen und Divergenzen zeigen sich im Vergleich zu anderen Einrichtungen des Erziehungs- und Bildungssystems?

In diesen Organisationen manifestieren sich Entgrenzungen auf mehreren Ebenen: eine Entgrenzung der Bildungsbereiche da sie gleich mehrere Segmente bedienen (z.B. Schule und Elementarbereich). Zudem handeln sie jenseits nationalstaatlicher Grenzen von Erziehung und Bildung und weisen insofern auf ein weltgesellschaftliches System des lebenslangen Lernens hin. Außerdem zeigt sich hier die Institutionalisierung gewichtiger „neuer“ Akteure im System, die bislang noch nicht im Fokus der Erziehungswissenschaften stehen.

 
14:00 - 16:00Ambivalenzen transnationaler Bildung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 28
 

Chair(s): Dr. Ulrike Deppe (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg), Prof. Dr. Andreas Wernet (Leibniz Universität Hannover)

Institutionalisierte Bildung steht zunehmend im Zeichen von Internationalisierungs- und Globalisierungsprozessen. Das führt zu einer sozialen Verallgemeinerung und ‚Veralltäglichung‘ eines ‚kosmopolitischen‘ Bildungsanspruchs und wird zu einem Normativ für die Bildungsinstitutionen. Die Beiträge streben eine kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff der transnationalen Bildung an. Dabei sollen einerseits begriffliche Ambivalenzen herausgearbeitet werden; andererseits sollen die empirischen Spannungen, die mit den sozialen Phänomenen, die unter diesem Begriff gefasst werden, in den Blick genommen werden. Der Anspruch der Transnationalität setzt nicht nur die Bildungsinstitutionen unter einen Profilierungs- und Distinktionsdruck; er knüpft auch gesteigerte Erwartungen an die Bildungssubjekte und ihre Familien. Im universitären Studium zeigen sich Verwerfungen zwischen den normativen Ansprüchen transkultureller Öffnung und den realen Prozessen kultureller Schließung.

 

Beiträge des Panels

 

Transnational (und) gebildet? – Grundannahmen und Missverständnisse im Feld und in der Forschung

Dr. Ulrike Deppe
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Mit transnationaler Bildung werden (nationen-)grenzüberschreitende Prozesse und Bildungsangebote in Schule und Hochschule markiert und deren steigende Wahrnehmung und Zunahme konstatiert. Zwar herrscht gemeinhin große Einigkeit darüber, dass Auslandsaufenthalte und Austausche für die Aneignung und Generierung transnationaler Bildung günstig seien. Worin aber genau dann das transnationale der Bildung besteht, inwiefern diese über die transnational organisierten Bildungseinrichtungen und transnationale Beziehungen hinausgeht, dazu gibt es bislang nur implizite Bezugnahmen. Ein Blick in die Forschungsliteratur zeigt, dass die Bezugnahmen in den Feldern der Bildung als auch in der Forschung selbst normativ geprägt sind oder aber mit bildungssoziologischen Konzepten transnationales Kapital als Erweiterung oder neue Kapitalform konzipiert wird. In dem einen Fall wird transnationale Bildung positiv konnotiert, bildungsbürgerliche Ideale transportiert und in einer globalen Idee des Bürgerlichen, wie der ‚Global Citizenship‘ modifiziert. Im anderen Fall, den konzeptionellen Arbeiten mit der Kapitaltheorie, sind zwar kritische Bezugnahmen auf soziale Distinktion und Legitimationsfiguren inhärent, sie klären jedoch (noch) nicht, inwiefern Bildungsprozesse sich national und transnational unterscheiden. Der Beitrag systematisiert mögliche Unterscheidungen des Verständnisses von Bildung und kennzeichnet Desiderate der weiteren Erforschung und Theoretisierung transnationaler Bildung.

 

Erwartungen und Mobilisierungen des Transnationalen im virtuellen Raum: Der Fall schulischer Auslandsstudienprogramme an deutschen Schulen

Dr. Catharina I. Keßler1, Dr. Simona Szakács-Behling2
1Georg-August-Universität Göttingen, 2Georg-Eckert-Institut Leibniz-Institut für Internationale Schulbuchforschung

Gegenwärtig sind Bildungssysteme durch eine Verdichtung von Prozessen gekennzeichnet, in denen Bildungsakteure zunehmend unter Inter- bzw. Transnationalisierungsdruck stehen und entsprechend markierte Bildungsangebote expandieren. Der Beitrag greift diese Beobachtung auf und analysiert Darstellungen von Auslandsprogrammen auf schulischen Internetauftritten. Wir fokussieren, wie darin Narrative von ‚Internationalisierung‘ und ‚Transnationalisierung‘ hervorgebracht werden, die Wahl von Programmen und Partnerschulen legitimiert wird, Länder entworfen werden und darin Vorstellungen von Bildung aufscheinen. Empirische Basis sind Homepages unterschiedlich privilegierter Schulen in Deutschland sowie Deutscher Auslandsschulen. Gerahmt von grundlegenden Überlegungen ethnographischen Forschens gewinnt die Exploration ihren Zugang über die Analyse sogenannter „rich points“ (Agar 1994) und arbeitet kontrastiv Muster lokaler sowie globaler Ungleichheiten heraus, wie sie in den Narrativen um einzelschulische Auslandsprogramme enthalten sind. Theoretisch verortet wird dies in einer transnationalen Perspektive: Sie verknüpft Erkenntnisse transnationaler Forschung, der (Bildungs-)Anthropologie sowie des soziologischen Neoinstitutionalismus. So verstanden präsentieren sich Schulen als Organisationen, von denen erwartet wird, auf globale gesellschaftliche Herausforderungen zu reagieren.

Agar, M. (1994). The intercultural frame. International Journal of Intercultural Relations 18(2): 221-237.

 

Adoleszenz im transnationalen Möglichkeitsraum

Charlyn-Mariella Oesterhaus, Kai Schade
Leibniz Universität Hannover

Anhand themenzentrierter Interviews untersuchen wir die Bedeutsamkeit familialer und adoleszenztypischer Dynamiken im Rahmen der Entscheidungskonstitution für den schulischen Auslandsaufenthalt. Da sich der schulische Auslandsaufenthalt im Zeichen einer Verhandlung von und Positionierung in Dimensionen der sozialen, räumlichen und damit auch der interkulturellen Mobilität bewegt, zeigt er perspektivisch ein hohes Maß an Kompatibilität zu Anspruchslagen globalisierter gesellschaftlicher Zusammenhänge. Durch eine interaktionsbezogene Perspektive, im Sinne des sequenzanalytischen Verfahrens der Objektiven Hermeneutik, untersuchen wir fallbezogen die entscheidungsleitenden Verhandlungen der sich daraus ableitenden Anspruchskategorien. Wir möchten hier exemplarisch zeigen, dass sich die Entscheidungskonstitution für den Auslandsaufenthalt nicht nur anhand binnenfamilialer Dynamiken aufrichtet, sondern emblematisch und im Kern eine Vermittlung zwischen Familie und Gesellschaft darstellt.

 

Das Studium als Bildungsraum? Muttersprachler*innen in interkulturellen Kommunikationskontexten zwischen Horizonterweiterung und Grenzüberschreitung

Dr. Nina Meister
Philipps-Universität Marburg

Im Studiengang „Deutsch als Fremdsprache“ (kurz: DaF) treffen Studierende zahlreicher Nationalitäten und unterschiedlichster Muttersprachen aufeinander. In zwei Gruppendiskussionen mit DaF-Studierenden (deutscher Muttersprache) sprechen diese u.a. über ihre interkulturellen Erfahrungen im Studium, über wahrgenommene Bildungschancen und Herausforderungen im Kontakt mit nicht-muttersprachlichen Studierenden. In einer ersten dokumentarischen Rekonstruktion konnten Orientierungen herausgearbeitet werden, die sich u.a. in der Fokussierungsmetapher der „Horizonterweiterung“ widerspiegeln sowie in weit reichenden Verantwortungsgefühlen gegenüber Mitstudierenden ohne muttersprachlichen Hintergrund, die aber auch durch deutliche Spannungen gekennzeichnet sind: So wird Interkulturalität auf einer expliziten Ebene zwar als bereichernd und wünschenswert dargestellt (Norm), die alltägliche interkulturelle Interaktionspraxis aber in den Erzählungen als anstrengend und belastend beschrieben (Orientierungsrahmen). Damit zeigen sich Verwerfungen auf zwei Ebenen: aufseiten der Studierenden zwischen Habitus und wahrgenommenen Normen, aufseiten der Universität zwischen studienkonzeptionellen Ansprüchen (z.B. Entwicklung interkultureller Kompetenzen) und den Rekonstruktionsergebnissen. Dies wirft die Frage auf, inwieweit oder unter welchen Bedingungen das Studium als Bildungsraum gelten kann.

 
14:00 - 16:00Antisemitismus an Schulen – Wahrnehmungen, Deutungen und Strukturmerkmale der Intervention
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 29
 

Chair(s): Prof. Dr. Friederike Lorenz-Sinai (FH Potsdam, Fachbereich Sozial- und Bildungswissenschaften), Marina Chernivsky (Forschungsbereich des Kompetenzzentrums für Prävention und Empowerment - ZWST)

Antisemitismus an Schulen wird in den letzten Jahren verstärkt medial und politisch diskutiert, jedoch fehlt es an empirischen Daten sowie an schulpädagogischen Konzepten (vgl. Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus 2017). Bislang wurde Antisemitismus kaum in erziehungswissenschaftlicher Perspektive als historisch tradierte Diskriminierungs- und Gewaltform und als Aufgabe für die Schulpädagogik untersucht. Aktuell entwickelt sich eine Forschungslandschaft mit bisher überwiegend qualitativen, multiperspektivisch angelegten Erhebungen (vgl. Zick et al. 2017, Bernstein 2020, Chernivsky/Lorenz/Schweitzer 2020). In der international besetzten Arbeitsgruppe werden wir drei Studien diskutieren: Eine Ethnografie zu einer Weiterbildung von Lehrer:innen sowie zwei Studien zu Antisemitismus an Schulen. Diese Untersuchungen werden anschließend in Bezug zur erziehungswissenschaftlichen Debatte zu Antisemitismus im Bildungswesen gesetzt und kritisch kommentiert.

 

Beiträge des Panels

 

Pilgrimage to an Israeli memorial and Shoah education for teachers from Germany– A miracle cure for the rise of anti-Semitism at schools in Germany?

Prof. Dr. Julia Resnik1, Lance Levenson1, Prof. Dr. Fabian Kessl2, Prof. Dr. Friederike Lorenz-Sinai3
1Hebrew University of Jerusalem, 2Bergische Universität Wuppertal, 3FH Potsdam, Fachbereich Sozial- und Bildungswissenschaften

Each year hundreds of German teachers travel to Israel to participate in a seminar at a Holocaust memorial, where they encounter the Shoah from Jewish perspectives. From 2018 to 2020 we conducted an ethnographic study following four teacher groups. Drawing on data obtained through participant observation, group discussions, and 70 interviews, we seek to understand the relevance of the Israel journey considering the challenges facing German educators. While the organizing education ministries expect the trip to increase teachers’ motivation to teach the Shoah and to irritate latent antisemitic patterns, teachers are motivated by the desire for an intense emotional experience mediated through contact with Jews and Jewish space. Beyond expectations of pedagogical advice, many teachers hope to touch students emotionally upon their return to Germany to combat anti-Semitism and the New Right. In contrast with European memorials, a memorial in the Jewish homeland is positioned as a location where an authentic transformative experience is possible. We analyze teacher expectations and practices in Israel considering Turner’s (1973) pilgrimage framework and discuss how the experience of teachers as secular pilgrims reflects patterns of dealing with anti-Semitism in contemporary Germany.

 

Antisemitismus an Schulen aus den Perspektiven von Jüdinnen und Juden

Prof. Dr. Julia Bernstein
Frankfurt University of Applied Sciences

Im Vortrag werden zentrale Ergebnisse aus der vielbeachteten Studie „Mach mal keine Judenaktion“ (Bernstein et al. 2918, Bernstein 2020) vorgestellt und diskutiert. Die Untersuchung umfasst 251 qualitative Interviews zu Erfahrungen und Umgangsweisen mit Antisemitismus im Bildungswesen. Die Erhebungen wurden von einem Team um Julia Bernstein an 171 Schulen durchgeführt. Teilgenommen haben jüdische Schüler:innen, Eltern sowie jüdische und nichtjüdische Lehrkräfte und Fachkräfte aus der Sozialen Arbeit und aus außerschulischen Bildungsorganisationen. Die Befunde verweisen auf ausbleibende Reaktionen und Relativierungen von Antisemitismus durch pädagogisch Zuständige an Schulen und weisen zuleich aus den Perspektiven der jüdischen Studienteilnehmer:innen Schule als einen Hauport aus, an dem antisemitische Erfahrungen gemacht werden. Nach einer theoretischen Einordnung von Antisemitismusformen, die an Schulen dominieren, werden die unterschiedlichen Einschätzungen von Antisemitismus und die Perspektivendivergenz als wesentliches Strukturelement aktueller Dynamiken im Umgang mit Antisemitismus an Schulen diskutiert. Vor diesem Hintergrund werden Bedarfe zum Umgang mit Antisemitismus an Schulen aufgezeigt und die Notwendigkeit einer systematischen Berücksichtigung jüdischer Perspektiven in der Entwicklung von Interventionskonzepten argumentiert.

 

Soziale Prozesse der Einordnung von Antisemitismus als Gewaltphänomen an Schulen – Empirische Einsichten aus einer Bundesländer-Studienreihe

Marina Chernivsky1, Prof. Dr. Friederike Lorenz-Sinai2
1Forschungsbereich des Kompetenzzentrums für Prävention und Empowerment - ZWST, 2FH Potsdam, Fachbereich Sozial- und Bildungswissenschaften

Wie wird Antisemitismus an Schulen wahrgenommen, verhandelt, mit Bedeutung versehen und eingeordnet? Welche Verständnisse von Antisemitismus liegen diesen Deutungen zugrunde? Aus einer Studie zu Erfahrungen mit Antisemitismus an Schulen aus der Perspektive von Jüdinnen:Juden und aus einer seit dem Jahr 2018 laufenden Studienreihe in verschiedenen Bundesländern (bisher: Berlin, Baden-Württemberg, Thüringen) stellen wir ausgewählte Befunde vor (vgl. u.a. Chernisvky/Lorenz 2020). Die Studien basieren auf Gruppendiskussionen und narrativen Interviews mit Schüler:innen, Eltern, Lehrer:innen, Schulleitungen und Fachkräften der Sozialen Arbeit und Bildungsarbeit. Multiperspektivisch rekonstruiert werden biografische Bezüge, Verständnisse von Antisemitismus, Schilderungen des Schulalltags sowie die Strukturmerkmale von Fallbesprechungen unter Lehrer:innen. Im Mittelpunkt der Analyse stehen die Prozesse der sozialen Aushandlung und Einordnung von antisemitischen Übergriffen in triadischen Konstellationen aus einer gewaltsoziologischen Perspektive (vgl. Beck 2011). Anstelle einer Fokussierung auf situative, als sogenannte ‚Vorfälle‘ abgegrenzte antisemitische Übergriffe, rückt die Aufmerksamkeit damit auf die zeitlichen und räumlichen Dimensionen antisemitischer Strukturen und Gewalterfahrungen, die Folgen für die Beteiligten und die Auswirkungen von Antisemitismus im sozialen Raum Schule.

 

Kommentar

Prof. Dr. Micha Brumlik
Goethe Universität Frankfurt am Main

Im Kommentar werden die zuvor dargestellten Studien kritisch kommentiert. Die Resonanz auf die Befunde wird verbunden mit ihrer Einordnung in den erziehungswissenschaftlichen Forschungsstand zu Antisemitismus in Deutschland und aktuelle Tendenzen und Phänomene der Antisemitismusdebatte. Auf welche Leerstellen und Kontinuitäten verweisen die Befunde und welche erziehungswissenschaftlichen Fragen werfen sie auf? Der Kommentar endet mit Thesen und Fragen zu Antisemitismus im Kontext von Schulen, die die abschließende Diskussion in der Arbeitsgruppe anregen sollen.

 
14:00 - 16:00Be- vs. Entgrenzung durch Führung? – Rekonstruktionen von Führungspraktiken aus organisationspädagogischer Perspektive
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 02
 

Chair(s): Prof. Dr. Anja Mensching (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Deutschland)

Diskutant*innen: Dr. Steffen Amling (Evangelische Hochschule Berlin)

Führung war im pädagogischen Diskurs ein lang vernachlässigtes Thema, obgleich Führungssituationen in pädagogischen Kontexten omnipräsent sind. Aus einer organisationspädagogischen Perspektive, die an aktuelle Diskurse der sozialwissenschaft­lichen Führungsforschung anschließt, wird Führung als soziale Praxis konzipiert. Die drei Vorträge, die unterschiedliche Grenzkonstitutionen fokussieren, rekonstruieren Führungspraktiken vor dem Hintergrund der Frage nach Be- und Entgrenzungen einerseits in verschiedenen Organisationen (Polizei, sozialen personenbezogenen Dienstleistungs­organisa­tio­nen, Schule) und andererseits aus der Perspektive unterschiedlicher Beteiligter (Führende, Geführte). Neben einem praxeologischen Führungsverständnis und der Analyse mittels der dokumentarischen Methode teilen die Vortragenden die Annahme, dass Führung ein wesentlicher Baustein eines reflektierten Verständnisses organisationalen Lernens ist und fragen nach Unterstützungsoptionen dieser Lernprozesse.

 

Beiträge des Panels

 

Führung als Grenzstellenfunktion – Alltagspraktiken des Führens in der Organisation Polizei

Prof. Dr. Anja Mensching
CAU Kiel

Grenzstellen sind nach Luhmann (1999) spezialisierte Funktionen in Organisationen, die deren Kontakt mit relevanten Umwelten regeln. Insbesondere Führungskräfte müssen sowohl Sinn- als auch Mitgliedschaftsgrenzen im Innen- wie im Außenverhältnis austarieren und dabei mit zuweilen unvereinbaren oder widersprüchlichen Erwartungen umgehen (lernen), um ihre Funktion, ‚Antenne‘ für Umweltveränderungen zu sein und diese in eine organisationsinterne Sprache zu übersetzen, mit dem Auftrag einer ‚idealen‘ Darstellung der eigenen Organisation nach außen zu vereinen und dabei auftretende Spannungen zu bewältigen. Empirisch basiert der Beitrag auf narrativen Interviews mit Polizist*innen im höheren Dienst der Polizei Niedersachsen, die nach ihrem Studium zum Aufstieg in den h.D. in erster Führungsfunktion sind. Die Datenmaterialien stammen aus der 1. Erhebungsphase eines insgesamt auf mindestens 12 Jahre angelegten Längsschnittprojektes, das die Führungserfahrungen (sowohl als Führende, als auch Geführte) und die jeweils favorisierten Führungspraktiken forschend begleitet. Der Fokus der Analyse für den Vortrag liegt dabei auf der Rekonstruktion des Umgangs mit Herausforderungen, die sich aus der Grenzstellenfunktion für die Führungskräfte ergeben und die Frage nach sich eröffnenden (organisationalen) Lernpotentialen, die organisationspädagogisch von Interesse sind.

Literatur:

Luhmann, Niklas (1999). Funktionen u. Folgen formaler Organisation. 5 Auflage. Berlin: Duncker & Humblot.

 

Die Entgrenzung der Führung? Eine Rekonstruktion veränderter Führungsbedingungen in sozialen personenbezogenen Dienstleistungsorganisationen

Maike Tobies-Jungenkrüger
CAU Kiel

Führen in und jenseits von Organisationen ist omnipräsent und durch dynamische, komplexe Pro­zesse und wechselseitige Interaktionen geprägt. Insbesondere die gegen­wärtige Corona-Pandemie führt uns vor Augen, in wel­cher Komplexität sich unsere Lebens- und Arbeitswelt verändert. Diese räum­lichen, sozialen und zeitlichen Be- und Entgrenzungen werden zu einer zentralen Herausfor­de­rung und werfen unter anderem die Frage nach den Grenzen von Führung auf. Der Beitrag möchte an dieser Stelle anschließen; als empirische Grundlage dienen narrative Interviews mit Führungskräften verschiedener sozialer personenbezogener Dienstleis­tungsorganisationen, die ich aktuell im Rahmen meines Dissertationsprojektes erhebe. In diesen thematisieren einige der befragten Führungskräfte vielfäl­tige Anforderungssituationen, die sich immer mehr einer planvollen Steuerung entziehen; zuneh­mend die Geführten in den Mittelpunkt des Interesses rücken und mehr denn je erforderlich ma­chen, das eigene Führungsverständnis zu reflektieren.

In meinem Vortrag fokussiere ich die anhand des Datenmaterials rekonstruierte Führungspraxis unter sich verändernden (pandemischen) Bedingun­gen und diskutiere daran anschließend die Frage nach der Entgrenzung von Füh­rung, aber auch den sich darin eröffnenden Chancen eines erweiterten Führungsverständnisses.

 

Führung und Grenzen der Erwartbarkeit. Zur Rekonstruktion von Erwartungshaltungen gegenüber Schulleiter*innen

Prof. Dr. Stefanie Kessler
IU Internationale Hochschule

Wenn es um Führung geht, wird oft das ‚Bild’, welches sich Führungskräfte von Mitarbeitenden machen und das mit spezifischen Erwartungen verbunden ist, in den Vordergrund gestellt. Oder es wird ihr Führungsverständnis untersucht. Seltener wird dagegen in den Blick genommen, welche ‚Bilder‘ Mitarbeiter*innen von Führung und Führungskräften haben. In diesem Beitrag fokussiere ich daher die Führungsbilder von Lehrer*innen in der Organisation Schule und gehe der Frage nach, wie sie die Schulleiter*innen und deren Führungspraxis wahrnehmen und welche expliziten wie impliziten Erwartungshaltungen sich hierin dokumentieren.

Als empirische Grundlage dienen narrative Interviews mit Lehrer*innen zum Thema Demokratielehre in Politikunterricht und Schule, die ich im Rahmen meiner Dissertation (erscheint 2021) geführt habe. In diesen thematisierten einige Lehrer*innen auch die Schulleitung, die von ihnen als fordernd, jedoch wenig unterstützend, oder als grenzüberschreitend für ihre Demokratielehre erlebt wird. Dabei kommen ihre expliziten wie impliziten Erwartungshaltungen an Führung bzw. Führungshandeln der Schulleiter*innen zum Ausdruck. Im Anschluss an die mit der dokumentarischen Methode rekonstruierten Führungsbilder werde ich Grenzen der Erwartbarkeit bezogen auf Führung aus Mitarbeiter*innensicht sowie deren Bedeutung für ein reziprokes Führungsverhältnis diskutieren.

 
14:00 - 16:00Bildungsbiographien – Grenzbearbeitungen im Kontext von Differenz und Ungleichheit
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 23
 

Chair(s): Dr. Patricia Stošić (Goethe-Universität, Deutschland), Prof. Dr. Julie Argyro Panagiotopoulou (Universität zu Köln)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Dorothee Schwendowius (Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg)

Die Arbeitsgruppe widmet sich dem Thema Bildungsbiographien in ungleichheits-, differenztheoretischer sowie migrationsgesellschaftlicher Perspektive. Im Fokus stehen bildungsbiographische Selbst- und Fremdverortungen, die zugleich auf eine Entgrenzung des Individuums und die Bearbeitung und Überschreitung markierter Grenzsetzungen im Horizont von Biographizität (Alheit & Dausien 2000) verweisen. Ein Beitrag ist theoretisch-methodologisch angelegt, im Mittelpunkt stehen Überlegungen hinsichtlich einer Konturierung eines Konzepts bildungsbiographischer Positionierungen. Drei weitere Beiträge sind empirisch ausgerichtet. Sie rekonstruieren bildungsbiographische Perspektivierungen und Grenzbearbeitungen von Schüler*innen und Student*innen. Herausgearbeitet werden migrations- und minderheitenspezifische, religiös, ethnisch oder sprachlich markierte Differenzsetzungen im Verhältnis von Bildungsbiographie und Institution.

 

Beiträge des Panels

 

Bildungsbiographische Positionierungen – Überlegungen zu einer Analyseperspektive erziehungswissenschaftlicher Biographieforschung

Dr. Patricia Stosic
Goethe-Universität Frankfurt

Der schillernde, man könnte auch sagen: entgrenzte, Begriff der Bildungsbiographie kommt im Kontext erziehungswissenschaftlicher Auseinandersetzungen mit verschiedensten Akzentuierungen zum Einsatz. Seine – mitunter unscharfe – Verwendung changiert zwischen lebenslauforientierten und bildungstheoretischen Konzeptionalisierungen. Die im Beitrag anvisierte Perspektivierung bildungsbiographischer Positionierungen möchte vor diesem Hintergrund einen Beitrag zur theoretisch-methodologischen Klärung in diesem Forschungsfeld leisten. Eine Analyseeinstellung auf bildungsbiographische Positionierungen erhebt dabei den Anspruch, zu beobachten und zu rekonstruieren, wie sich Biograph*innen zu den An- und Aufforderungen, Zumutungen, Normierungen und Versprechungen moderner Bildungsimperative auch vor dem Hintergrund des je eigenen Bildungsverlaufs bzw. Lebenslaufs biographisch in ein Verhältnis setzen (Dausien 2017). Über die Chiffre der Bildung vermitteln sich in der modernen sowie funktional-differenzierten Gesellschaft zentrale Perspektivierungen im Hinblick auf das Selbst- und Weltverhältnis auf verschiedenen Ebenen – Norbert Ricken (2019) hat das pädagogische Paradigma der Bildung gar als „Subjektivierungsmatrix“ der modernen Gesellschaft beschrieben. Mit dieser theoretischen Ausrichtung schließt eine Konzeptualisierung bildungsbiographischer Positionierungen an Arbeiten an, die sich im Spannungsfeld von Diskurs, Subjektivation und Biographie bewegen (z. B. Rose 2012; Spies 2017).

 

Religion – Profession – Subjekt. Biographische Positionierungen angehender Pädagoginnen und Pädagogen im Diskurs

Benjamin Rensch
Goethe-Universität Frankfurt

Im Kontext religiöser bzw. weltanschaulicher Pluralisierungsprozesse in spätmodernen Gesellschaften (Reckwitz 2019; Berger 2015) sind Pädagog*innen zunehmend damit konfrontiert, sich vor dem Hintergrund eigener weltanschaulicher Überzeugungen im Dickicht vielfältiger Anschauungen, Meinungen und Diskurse positionieren zu müssen (Prengel 2019). Der Beitrag stellt empirische Ergebnisse eines Dissertationsprojektes vor, in dem der Frage nachgegangen wird, wie Studierende pädagogischer Berufe, die sich selbst als religiös beschreiben, ihre Religiosität im Rahmen ihres Studiums, d.h. unter Bedingungen der Professionalisierung, biographisch vermitteln. In den Blick geraten Zugehörigkeitskonstruktionen, Differenzmarker und Selbstermächtigungsstrategien, die von den Befragten im Kontext ihrer Religiosität und ihrer aktuellen Lebensphase des Studiums relevant gemacht werden. Angelehnt an eine „empirische Doppelperspektive“ (Spies 2019), wird nach dominanten teils interdependenten „kollektiven Wissensordnungen“ (Reckwitz 2006) gefragt, die in biographischen Erzählungen einbezogen, verarbeitet und/oder zurückgewiesen werden. Vorgestellt wird die Varianz fallspezifischer biographischer Positionierungen, die im Horizont verschiedener Religionszugehörigkeiten unter vergleichbaren Professionalisierungsbedingungen auf differente biographische Bearbeitungs- bzw. Bewältigungsstrategien gewichtiger Wissensordnungen verweisen.

 

Familienmigration zwischen Griechenland und Deutschland: Transnationale Bildungsbiographien von Kindern und Jugendlichen

Prof. Dr. Julie Argyro Panagiotopoulou, Andreas Gkolfinopoulos
Universität zu Köln

Im Mittelpunkt des Beitrags stehen vergleichende Analyseergebnisse aus einem laufenden Forschungsprojekt, das biographische Positionierungen von in Deutschland lebenden Kindern und Jugendlichen rekonstruiert, die aus sozial (unter)privilegierten Familien, u.a. mit einer (Flucht-)Migrationsgeschichte, kommen und in den letzten Jahren Griechenland im Zuge der Finanzkrise verlassen haben (Panagiotopoulou et al. 2019; Gkolfinopoulos & Panagiotopoulou 2019). Aufgrund des unstratifizierten Bildungssystems gilt (akademische) Bildung in Griechenland – nicht nur für Angehörige distinktionsorientierter Schichten – als wichtiger „Mobilitätskanal für den sozialen Aufstieg“ (Grekopoulou 2011: 168; Siouti 2013). Daher wird im Projekt anstelle einer normativen und ethnisierenden Betrachtung (nicht) erfolgreicher Bildungsverläufe ‚griechischer‘ Schüler*innen auf Praktiken der Biographizität (Alheit & Dausien 2000) der Kinder und Jugendlichen fokussiert. Im Beitrag werden insbesondere Inklusions-/Exklusionserfahrungen und damit verbundene Zugehörigkeitskonstruktionen der Biograph*innen beim Übergang in Bildungsinstitutionen sowie familiale Distinktionsstrategien und „Bildungsentscheidungen“ (Dausien 2014) im Hinblick auf die ‚richtige‘ Schulauswahl thematisiert, die akademische Bildungsbiographien zwischen Deutschland und Griechenland hervorbringen (sollen).

 

Sprachideologien und (Aus)Grenz(ungs)erfahrungen Bildungsbiographien migrantisch positionierter Student*innen

Dr. Nadja Thoma
EURAC Research Bozen/Bolzano

Obwohl Mehrsprachigkeit als zentrale individuelle und gesellschaftliche Ressource gilt, hängt die Bewertung sprachlicher Praktiken vom sozialen Status derjenigen Individuen und Gruppen ab, um deren Sprachigkeit es geht (Flores & Rosa 2019). Auch an Bildungsinstitutionen sind Sprachideologien (Holliday 2006) wirkmächtig, die, unabhängig von der sprachlichen Kompetenz der Akteur*innen, zu Erfahrungen von Ausschluss führen können (Thoma 2020).

Theoretisch verknüpft der Beitrag Ansätze aus der Soziolinguistik, die in einer Weiterentwicklung der Bourdieu’schen Theorie des sprachlichen Marktes (Bourdieu 1990) eine Kommodifizierung von Sprachen in globalisierten Gesellschaften rekonstruiert haben (Heller 2010), und biographietheoretische Ansätze, die es ermöglichen, Bildungsprozesse als kumulative und nicht-lineare Prozesse zu rekonstruieren (Dausien et al. 2016) und die darin eingewobenen Umwege, Widersprüche und Brüche sowie die jeweiligen Sinnkonstruktionen der Subjekte sichtbar zu machen.

Auf der Basis biographischer Interviews aus zwei Forschungsprojekten geht der Beitrag der Frage nach, welche Bedeutung Sprache und Mehrsprachigkeit im Studium zukommt. Dabei stehen zwei Aspekte im Zentrum des Interesses: die Arbeit am eigenen sprachlichen Repertoire mit dem Ziel, als legitime Sprecher*in anerkannt zu werden, und der strategische Einsatz des eigenen sprachlichen Repertoires in einem meritokratisch und nach neoliberalen Gesichtspunkten strukturierten System.

 
14:00 - 16:00Bridging challenging boundaries in education. The meaning of trust as a socio-emotional and cognitive resource in interaction and change
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 14
 

Chair(s): Prof. Dr. Inka Bormann (Freie Universität Berlin, Deutschland), Dr. Sebastian Niedlich (Freie Universität Berlin)

Interactions with unfamiliar individuals or institutions, whose expectations or habitus are different from one’s own and that are not well known or break with the known, are quite common in education. Trust as a relational, affective- and cognition-based dispositional attitude may help to deal with such situations. The proposed working group will discuss the meaning of this socio-emotional and cognition-based resource for challenging interactions and change in education. Two papers will address trust in interactions between individuals and institutions that are considered challenging because of the requirement to cross the 'boundary' to an institution with different values and norms or ideas about education. The third paper discusses the quality of interaction between teachers and students, parents, colleagues and principals in outstanding schools. The fourth paper will discuss an innovative methodological approach of mapping affections and cognitions and their interplay.

 

Beiträge des Panels

 

Touching upon institutional boundaries: Home-school interactions

Prof. Dr. Inka Bormann1, Prof. Dr. Dagmar Killus2, Dr. Sebastian Niedlich1
1Freie Universität Berlin, 2Universität Hamburg

When parents interact with their child's school, the interaction may be accompanied by several problems, such as asymmetries, uncertainty of the parties involved, problematic reasons for cooperation, and/or communication. Such interactions are therefore relevant for trust, which in turn is essential for the functioning of educational partnerships and parent involvement in schools (Strier and Katz 2016). When it comes to the relevance of different home-school interaction situations for parental trust, a research gap becomes apparent. Despite increasing research on parental trust in general, the relevance of specific interaction situations for parental trust in schools has not yet been sufficiently addressed in empirical research. The aim of the present study is to examine selected interaction situations between home and school with regard to their relevance for trust. To this end, the study examines how parents perceive parent-teacher conferences and parent-teacher evenings with regard to different facets of trust and whether parents' assessments are related to personal factors. The results should provide information about the extent to which the selected situations are crucial for parents' trust. Accordingly, they should also provide information about the design of trusting forms of parent participation in school.

Strier, M.; Katz, H. (2016): Trust and parents involvement in schools of choice. In: Educational Management Administration & Leadership 44 (3), S. 363–379.

 

Overcoming institutional boundaries: Young people re-entering education

Prof. Dr. Anne Görlich
Aalborg University, Denmark

In Denmark as in Europe at large, there is a continued need for interventions helping young NEET (Not in Education, Employment or Training) into ordinary education. Research shows that 'vulnerable' children and young people have negative expectations of their surroundings and of themselves, expect to a lesser extent to meet trustful relations and exhibit less trust than those who are categorised as not vulnerable (Warming et al. 2013). The building of trust helps – particularly disadvantaged children – learn (Goddard et al. 2001). Based on 14 focus group interviews with 98 young NEET, this paper further explores the concept of ‘educational trust’ (author), which captures the socially constructed aspects of young adult’s participation in education in which social security and recognition, flexibility in structures and progression in skills are important for trust among young NEET. The aim of the analysis is to highlight what is involved in processes for young NEET in the (re)building of trust in education.

Goddard, R. D., Tschannen-Moran, M., & Hoy, W. K. (2001). A multilevel examination of the distribution and effects of teacher trust in students and parents in urban elementary schools. The elementary school journal, 102(1), 3-17.

Warming, H., Lagoni, K., & Lavaud, M. A. (2013). Tillid og mistillid i børns liv: en kvantitativ undersøgelse af børns erfaringer, oplevelser og reaktioner. Roskilde Universitet.

 

Zusammenhänge wahrgenommener Autonomie und sozialer Eingebundenheit von Lehrkräften mit deren Vertrauen in schulische Akteure

Felix Hufschmid1, Dr. Stefan Markus2
1Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg, 2Bergische Universität Wuppertal

Menschen besitzen ein intrinsisches Bedürfnis, enge Beziehungen mit anderen Personen einzugehen (Ryan & Deci, 2017). Dieser Wille sowie die reziproke Unterstützung in den Bedürfnissen nach Kompetenz, Autonomie und sozialer Eingebundenheit der Akteure führen u.a. zu sicherem Bindungsverhalten, Authentizität und Transparenz. Diese Aspekte gelten neben der Freiwilligkeit und Reziprozität von Beziehungen als Merkmale des Vertrauenskonstrukts (Goddard et al, 2001). Angenommen wird daher, dass Vertrauen mit der wahrgenommenen Erfüllung der psychologischen Basisbedürfnisse einhergeht. Der Beitrag diskutiert empirische Zusammenhänge zwischen der Zufriedenheit von Lehrkräften mit ihrer Autonomie und Eingebundenheit mit deren Vertrauen in Schüler*innen, Eltern, Kolleg*innen und Schulleitung und wie sich die Zusammenarbeit auf die Kompetenz- und Persönlichkeitsentwicklung der Schüler*innen (Sabol & Pianta, 2012) und das Wohlbefinden der Lehrkräfte auswirken.

Goddard, R. D., Tschannen-Moran, M. & Hoy, W. K. (2001) A multilevel examination of the distribution and effects of teacher trust in students and parents in urban elementary schools. The Elementary School Journal, 102(1), 3–17.

Ryan, R. M. & Deci, E. L. (2017). Self-determination theory. Basic psychological needs in motivation development and wellness. New York: The Guilford Press.

Sabol, T. J., & Pianta, R. C. (2012). Recent trends in research on teacher–child relationships. Attachment & Human Development, 14(3), 213-231.

 
14:00 - 16:00Demokratisierungspotenziale sozialpädagogischer Professionalität? Gegenwärtige Vergewisserungsversuche
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 30
 

Chair(s): Dr. Lisa Janotta (Universtität Rostock)

Diskutant*innen: Dr. Lisa Janotta (Universtität Rostock)

Theoriedebatten der Sozialen Arbeit berufen sich erneut auf Demokratie als Bedingung und Anspruch an Professionalität. Zugleich ist Soziale Arbeit Teil des wohlfahrtsstaatlichen Arrangements und darin Teil von Ungleichheit re-produzierender Herrschaft. Nicht zuletzt muss Soziale Arbeit gegenwärtig sich selbst und Adressat*innen gegenüber erstarkten antidemokratischen Interessen behaupten.

Angesichts dieser Spannungsfelder thematisiert die AG Demokratie als Anspruch und Grenzphänomen sozialpädagogischer Professionalität. Zunächst werden Bestimmungsversuche diskutiert, die das Verhältnis von Sozialer Arbeit und Demokratie unter Rückgriff auf theoretische Linien beleuchten. Anschließend wird auf Basis empirisch fundierter Erkenntnisse ein zeitdiagnostischer Blick auf aktuelle Konfliktverhältnisse geworfen.

Kann ein Bezug zur Demokratie eine produktive Be-grenzung pädagogischer Professionalität sein, um einer potentiellen Ent-grenzung durch demokratiefeindliche Haltungen entgegenzuwirken?

 

Beiträge des Panels

 

Staatsbürgerstatus und Demokratie - theoriesystematische Reflexionen zur Legitimation Sozialer Arbeit

Karina Schlingensiepen-Trint
Bergische Universität Wuppertal

Die Problematisierung von Be- und Entgrenzungen Sozialpädagogischer Professionalität führt u.a. in die Auseinandersetzung mit einem möglichen (normativen) Bezugspunkt sozialarbeiterischen Handelns bzw. mit der dieser zugrundeliegenden Frage nach einer Legitimation Sozialer Arbeit. Deren Bearbeitung ist insbesondere angesichts der historisch kontingenten (sozial)staatlichen Verankerung Sozialer Arbeit sowie aktueller gesellschaftlicher Transformationsprozesse relevant. Geht es doch um eine Vergewisserung über eigene grundlegende Bezugspunkte und Begründungszusammenhänge, die wiederum Basis einer reflexiven Professionalität sein können, um das eigene fachliche Handeln und die gesellschaftlichen Kontexte kritisch hinterfragen und ggf. auch verändern zu können. Ausgehend vom Gegenstand der Sozialen Arbeit nähert sich der Beitrag der Frage nach der Legitimation Sozialer Arbeit theoriesystematisch. In Rückgriff auf eine breite rechts- und sozialphilosophische sowie verfassungstheoretische Debatte entfaltet er dabei einen grundlegenden Begründungszusammenhang zwischen Demokratie, dem gleich-freien Staatsbürgerstatus und Sozialer Arbeit.

 

(Politische) Theoriebildung in der Sozialen Arbeit im Modus der Demokratisierung. Überlegungen zu einem nicht abschließbaren Prozess.

Stefan Schäfer
Technische Hochschule Köln

Der Beitrag fokussiert Demokratie und Demokratisierung in der Praxis der Theoriebildung zur Sozialen Arbeit. Auf Basis von Bestimmungsversuchen zum Politischen der Sozialen Arbeit wird mit Bezug auf den Begriff der Differenz der Streit um den Begriff selbst und seine jeweiligen Fundamente reflexiv eingeholt. Dieser Streit, die Aushandlungen selbst werden dabei zum anstrebenswerten Modus der Theoriebildung. Nimmt man hierbei die Konzepte der Kontingenz, Pluralität und Konfliktualität als Grenzphänomene ernst, wird einsichtig, dass es „die“ politische Theorie Sozialer Arbeit nicht geben kann— wohl aber miteinander konkurrierende wie auch miteinander verknüpfte Versuche ausfindig gemacht werden können, das Politische der Sozialen Arbeit auf den Begriff zu bringen. (Politische) Theoriebildung Sozialer Arbeit zu betreiben, wäre in diesem Sinne zu verstehen als eine Bearbeitung des Gegenstandes „(politischer) Soziale Arbeit“, die ihre Besonderheit aus dem nicht abschließbaren und niemals stillstellbaren Prozess der Auseinandersetzung um ihre eigene Bestimmung selbst bezieht. Die Theoriebildung selbst wäre in einem solchen Modus zu verstehen als demokratische Praxis.

 

Imaginäre Vielfalt – Demokratisierungspotenziale Diversity-sensibler Professionalität

Marie Frühauf
Bergische Universität Wuppertal

Eine Öffnung Sozialer Arbeit für mehr Diversität gilt als wichtiger Bestandteil ihrer Demokratisierung. Die Anerkennung von Vielfalt in Form einer Diversity-Sensibilität wird daher zunehmend als zentrales Element sozialpädagogischer Professionalität und Professionalisierung angesehen. Aus feministisch-lacanianischer Perspektive stellt sich jedoch die Frage nach den psychischen Grundlagen, die derartige Gerechtigkeits- und Professionsideale abstützen. Angenommen wird, dass die Vorstellungen über ein Zusammenleben in Vielfalt sowie über dessen pädagogische Kultivierung auf entscheidende Weise durch Begehrensdiskurse geprägt sind. Anhand von Ergebnissen einer Studie zu Diversity-Sensibilität in sozialpädagogischen Beziehungen wird im Beitrag gezeigt, dass nicht nur antidemokratische, sondern auch dezidiert plurale professionelle Selbstverständnisse diesbezüglich einem Identitätsdenken verhaftet sein können, das auf Allmachtsphantasien beruht. Dieser Befund wird im Hinblick auf die Frage nach dem Demokratisierungspotenzial Diversity-sensibler sozialpädagogischer Professionalität diskutiert.

 
14:00 - 16:00Die Entgrenzung und Begrenzung von Jugend – zur Notwendigkeit einer Neujustierung konzeptioneller Rahmungen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 18
 

Chair(s): Prof. Dr. Marius Harring (Johannes Gutenberg-Universität Mainz), Prof. Dr. Matthias D. Witte (Johannes Gutenberg-Universität Mainz)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Wiebke Waburg (Universität Koblenz-Landau)

Jugend ist aktuell einer beschleunigten Entwicklung unterzogen. Vor dem Hintergrund der Pluralisierung und Individualisierung von Lebensstilen in einer komplexen Gesellschaft ist diese Phase durch heterogene Lebenslagen, nicht linear verlaufende Biografien und ungleiche Chancenverteilungen charakterisiert und zugleich durch Ent- und Begrenzungsprozesse determiniert. Diese Prozesse haben Auswirkungen auf bisherige theoretische Verortungen von Jugend. Nur noch selten erfüllen sie den Anspruch einer umfassenden Erklärung des Aufwachsens heute. So gilt es zu hinterfragen, inwiefern z.B. das Konzept der Entwicklungsaufgaben angesichts des gesellschaftlichen Wandels die differenzierten Entwicklungswege Jugendlicher aufzufangen vermag. Die Arbeitsgruppe will Fragen der Be- und Entgrenzung anhand von unterschiedlichen thematischen Zugängen empirisch ausleuchten und darauf basierend Ableitungen und neue Impulse für die theoretische Verortung der Lebensphase Jugend herausarbeiten.

 

Beiträge des Panels

 

Zum Passungsverhältnis von empirischen Befunden aus der Jugendforschung und jugendtheoretischen Konzeptionen – Exemplarische Reflexionsanlässe

Dr. Nora Gaupp, Dr. Anne Berngruber
Deutsches Jugendinstitut (DJI)

Ausgehend von der Prämisse einer gesellschaftlichen und historischen Einbettung von „Jugend“ – und darin eingelagerten Prozessen sozialen Wandels –, steht die Jugendforschung notwendigerweise immer wieder vor der Aufgabe, bestehende jugendtheoretische Konzeptionen zu überprüfen und gegebenenfalls weiter zu entwickeln. Ausgehend von empirischen Befunden aus der Jugendforschung will der Vortrag einen Beitrag zur Reflexion konzeptioneller Perspektiven auf die Lebensphase Jugend leisten. In einem Drei-Schritt werden zunächst ausgewählte empirische Befunde aus der Jugendforschung präsentiert. Diese werden in einem zweiten Schritt auf ihre Passung zu bestehenden Konzepten von Jugend geprüft. Schließlich soll, drittens, abgeleitet werden, wie in bestimmten Aspekten angemessenere Perspektiven aussehen könnten, um das Aufwachsen von Jugendlichen in unserer heutigen Gesellschaft zu beschreiben. Dieser Gedankengang kann etwa exemplarisch anhand der Konzeption von Jugend als Moratorium geführt werden, wenn Befunde zu einer eingeschränkten Zufriedenheit Jugendlicher mit der Möglichkeit, das Leben selber zu gestalten, zu gefühltem Druck, schnell erwachsen werden zu müssen oder zu Zeitkonflikten zwischen Schule und der Zeit mit Freunde*innen eher zu Vorstellungen von Verdichtung und Beschleunigung der Jugendphase führen.

 

Aufwachsen im Horizont transnationaler Vergesellschaftung. Forschungsbezogene Implikationen

Prof. Dr. Matthias D. Witte
Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Jugendliche heute sind eingebunden in Sozialisationszusammenhänge, die beeinflusst werden von Modernisierungsdynamiken in einer global entfesselten Weltgesellschaft. Angesichts technischer Errungenschaften und den damit einhergehenden Mobilitäten, die eine Relativierung von Raum/Zeit mit sich bringen, agieren sie zunehmend in plurilokalen und über nationalstaatliche Grenzen hinausreichenden Alltagswelten, auch jenseits physischen Mobilseins. Aufwachsen in multiplen Kontexten (z.B. in digital social networks, transnationalen sozialen Feldern, postkolonialen oder multikulturellen Räumen) verweist auf die tendenziell geringer werdende Relevanz nationalstaatlicher Bezüge und kann mit einer vom methodologischen Nationalismus ausgehenden Entweder-Oder-Logik nicht angemessen erfasst werden. Es liegt nahe, im Sinne der ‚Transnational Studies’ den Blick auf (Grenz-)Überschreitungen, Verflechtungen und deren Interdependenzen in den Lebenswelten Jugendlicher zu lenken; dabei sind die Beharrungskräfte und Relevanzen des Lokalen nicht zu unterschätzen. Kurz: Das Transnationale kann auch lokalisiert und das Lokale transnationalisiert auftreten. In diesem Sinne ist Jugend multiperspektivisch, d.h. lokal, national und global zu betrachten, um die ‚Trans-Phänomene’ auf diesen Ebenen und in ihrer Mehrdimensionalität zu erfassen. Der Vortrag diskutiert Jugend unter der Perspektive von Transnationalität und arbeitet auf Grundlage empirischer Studien forschungsbezogene Notwendigkeiten heraus.

 

Ein gescheiterter Ablösungsprozess? – Das Aufwachsen in Südosteuropa und Zentralasien. Schlussfolgerungen für eine theoretische Einordnung von Jugend aus einer internationalen Perspektive

Prof. Dr. Marius Harring, Daniela Lamby, Julia Peitz
Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Das Ablösen vom Elternhaus – materiell und räumlich – stellt nach allen gängigen theoretischen Einordnungen eine zentrale Entwicklungsaufgabe des Jugendalters dar. Erst wenn dieser Prozess abgeschlossen ist, sei der Übergang ins Erwachsenenalter vollzogen. Was passiert aber, wenn Jugendliche bewusst oder unbewusst den Ablösungsprozess in dieser Form nur teilweise oder gar nicht durchlaufen? Wird ihnen damit der Status eines Erwachsenen verwehrt? Oder anders formuliert: Bleiben sie auf unbestimmte Zeit jugendlich? Muss der Prozess der Ablösung als gescheitert angesehen werden? Hier setzt dieser Vortrag an und leuchtet auf der Basis repräsentativer Fragebogenerhebungen (n=16.000) das Aufwachsen der heutigen Jugendgenerationen in Ländern Südosteuropas (Albanien, Kosovo, Kroatien etc.) und Zentralasiens (Kasachstan, Kirgisistan und Usbekistan) aus. Dabei liegt der Fokus auf familiären Sozialisationsbedingungen vor dem Hintergrund eines historisch gewachsenen und gesellschaftlich festverankerten Generationsvertrags aus der Perspektive von Jugendlichen. Die sich daraus ergebenen Wertestrukturen und auf Lebenszeit eingegangenen Verpflichtungen Jugendlicher sollen genauso betrachtet werden, wie die dahinterliegenden Motive und Konflikte. Ausgehend von diesen Befunden sollen Impulse für eine theoretische Rahmung der Lebensphase Jugend – und zwar aus einer internationalen Perspektive gedacht – diskutiert werden.

 
14:00 - 16:00Die Kommune als Bildungsakteur? Zum Bedeutungswandel von Kommunalpolitik und -verwaltung im Bildungsbereich
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 10
 

Chair(s): Dr. Christian Brüggemann (HU Berlin, Deutschland), Björn Hermstein (Stadt Oberhausen, Deutschland), Prof. Dr. Rita Nikolai (Universität Augsburg, Deutschland)

Die kommunale Ebene erlebt in den vergangenen etwa zwei Jahrzehnten einen bildungspolitischen Bedeutungsgewinn. Konkret zeigt sich dies u. a. in der Etablierung kommunal koordinierter Bildungsnetzwerke sowie neuen Formen der Zusammenarbeit zwischen Organisationen im Bildungswesen, im Ausbau der Ganztagsschule und der Expansion kommunalen Bildungsmanagements. Ob Kommunalpolitik und -verwaltung in diesem Zuge aber strukturell näher an die pädagogischen Leistungsebenen heranrücken, sich zunehmend als „Bildungsakteure“ etablieren und damit Verschiebungen von und Zuständigkeitsgrenzen evident werden, ist ungeklärt. Die Arbeitsgruppe fragt, inwieweit die Kommunen den gestiegenen Erwartungen an ihre Rolle als eigenständiger Bildungsakteur mit umfangreicher Steuerungsverantwortung gerecht werden. Aus der Zusammenschau der Befunde lassen sich theoretisch und empirisch fundierte Rückschlüsse auf Modernisierungsgrad und -formen kommunaler Bildungspolitik und -verwaltung in Deutschland ziehen.

 

Beiträge des Panels

 

: Vernetzung von Schule und Jugendhilfe: Zur Funktion der Kommune für die Arbeit an Schnittstellen

Philipp Hackstein, Prof. Dr. Sybille Stöbe-Blossey
Universität Duisburg-Essen

In den Politikfeldern Jugendhilfe und Schule trägt die Kommune mit der Zuständigkeit für Jugendhilfe- und Schulentwicklungsplanung eine zentrale Verantwortung für die örtliche Infrastruktur. Seit Beginn der 2000er Jahre ist mit dem Aufbau regionaler Bildungsnetzwerke und eines kommunalen Bildungsmanagements eine weitere Aufwertung der kommunalen Ebene festzustellen. Mit der „Aachener Erklärung“ des Deutschen Städtetages wurden diese Entwicklungstrends aufgegriffen: „Die Städte sollten Bildung als zentrales Feld der Daseinsvorsorge noch stärker erkennen und ihre Gestaltungsmöglichkeiten nutzen. Leitbild des Engagements der Städte ist die kommunale Bildungslandschaft im Sinne eines vernetzten Systems von Erziehung, Bildung und Betreuung.“ (Deutscher Städtetag, 2007) Damit werden die Schnittstellen zwischen Schule und Jugendhilfe adressiert und ein Verständnis von Bildung als Element der Daseinsvorsorge postuliert. Somit ist die Aachener Erklärung ein Meilenstein für eine stärkere, kommunal organisierte Vernetzung von Schule und Jugendhilfe.

Der Beitrag basiert auf einer Querauswertung mehrerer und analysiert, wie die Vernetzungsfunktion der Kommune gestaltet wird. Dabei wird davon ausgegangen, dass die Kommunalverwaltung (Mesoebene) eine Vermittlungsfunktion zwischen den Rahmenbedingungen (Makroebene) und der konkreten Arbeit von Lehrkräften und Fachkräften der Jugendhilfe in der einzelnen Schule (Mikroebene) einnimmt.

 

Form ohne Gehalt? Zum Verhältnis von Infrastrukturgestaltung und Gesellschaftlichkeit im kommunalen Bildungsmanagement

Prof. Dr. Stephan Maykus
Hochschule Osnabrück

Aktuell etablieren Kommunalverwaltungen – so die These – ausgeprägt lebensweltabgewandte Rationalitätsformen, um ihren Anspruch auf die eigenständige Gestaltung von Bildungsinfrastrukturen zu untermauern. Kommunale Eigenständigkeit zieht als Maßstab Instrumente selbstreferentieller Steuerung nach sich, die ohne Klärungen ihrer Bedeutung und ihres Gegenstandes auskommen: und das ist Pädagogik als Praxis der Förderung von Bildungsprozessen. Stattdessen – und das möchte dieser Beitrag gesellschaftstheoretisch begründen (Habermas 1981) – ist kommunale Eigenaktivität zwischen System und Lebenswelt das passendere Gestaltungsziel, weil es Bildung erziehungswissenschaftlich als Gemeinwohldimension berücksichtigt und Strukturen raumreferentieller und sozial wirksamer Handlungskoordinierungen nach sich zieht. Das Bild einer durchsteuernden Administration mit kompetenzbezogener Eigenständigkeit weicht dann dem einer hörenden und antwortenden Administration, die aktive Äußerungsweisen kommunaler Gesellschaftlichkeit in Stadtteilen und Gemeinden fördert, aufnimmt und strukturbildend gestaltet. Die Bedeutung der Kommunalverwaltung für die Gestaltung von Bildungsangeboten lässt sich demnach an ihrer Rolle zur Eröffnung von Kommunikation in kommunalen Öffentlichkeiten bestimmen und in dem Maß, wie sie dabei Bildung als gesellschaftlichen Modus der Integration zwischen System und Lebenswelt versteht sowie ihre systemisch geprägten Instrumente, Formen und Arbeitsstrukturen hierauf abstimmt.

 

Veränderung der Schulinfrastruktur und kommunale Schulpolitik in Bayern und Baden-Württemberg: Handlungsoptionen und Koordination bei engen Spielräumen

Prof. Dr. Stefan Immerfall1, Prof. Dr. Rita Nikolai2
1PH Schwäbisch-Gmünd, 2Universität Augsburg

Dieser Beitrag beleuchtet die Handlungsfelder, den rechtlichen Rahmen und die zentralen Akteure kommunaler Bildungspolitik in den Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg. Aus einer policy-orientierten Perspektive (Bogumil & Jann, 2020) wird der Beitrag die Handlungsspielräume und -optionen kommunaler Schulpolitik am Beispiel zweiter Kommunen in beiden Bundesländern untersuchen (Augsburg/Bayern und Schwäbisch Gmünd/Baden-Württemberg). Als bildungspolitisches Handlungsfeld konzentriert sich der Beitrag auf die Entwicklungen der Schulinfrastruktur öffentlicher und privater Schulen, basierend auf Analysen einer Schulenkarte( http://schulenkarte.wzb.eu/). Basis der anschließenden Analyse sind bildungspolitische Dokumente, die mit der qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet werden. Um die Handlungsspielräume der Kommunen in beiden Bundesländern zu bestimmen, werden zunächst die Vorgaben in Schulgesetzen in beiden Bundesländern für den Zeitraum nach 2000 bis heute berücksichtigt. Für die Kommunen (zum Teil auch zugehörige Kreise) werden sodann bildungspolitische Themensetzungen (z. B. Infrastrukturmaßnahmen, Förderprojekt) und -konflikte (z. B. um Schulsprengel) analysiert. Herangezogen werden neben Interviews, teilnehmender Beobachtungen (Bildungsausschüsse, kommunale Bildungskonferenz und Fachtagungen) und die kommunale Bildungsstatistik. Überdies werden Presseberichterstattungen zur Schulinfrastruktur in zwei Lokalzeitungen (Augsburger Allgemeine, Rems-Zeitung) berücksichtigt.

 

Kommunale Bildungspolitik im Wandel?

Dr. Christian Brüggemann1, Björn Hermstein2, Prof. Dr. Rita Nikolai3
1Humboldt-Universität Berlin, 2Stadt Oberhausen, 3Universität Augsburg

Der kommunalen Ebene werden zunehmend Steuerungskompetenzen im Bildungsbereich zugeschrieben (e. g. BMBF 2015). Trotz einer Vielzahl an Begleitforschungen zu Projekten und Programmen ist ungeklärt, ob und inwiefern die neuen Aktivitäten in den tradierten Strukturen kommunaler Bildungsverwaltung und -politik produktiv aufgegriffen und verhandelt werden, also bildungsbezogene Entgrenzungen in den kommunalen Systemen fördern.

Um dieses Desiderat zu bearbeiten wird die Ebene kommunaler Bildungssystemgestaltung unter einer Institutionalisierungsperspektive untersucht. Der Beitrag analysiert hierzu mit einem kommunalen Schulausschuss eine zentrale Arena der institutionalisierten Konfrontation von Bildungsverwaltung und –politik. Im Rahmen einer Fallstudie zu einer kreisfreien Großstadt in NRW wird anhand einer inhaltsanalytischen Auswertung aller Schulausschussprotokolle der Jahre 2004 bis 2020 untersucht, ob sich Themen und Formen der Ausschussarbeit verändern. Gefragt wird erstens, inwiefern sich mit dem Aufkommen neuer Managementtechniken ein verändertes Selbstverständnis und gewandelte Aufmerksamkeiten für pädagogische Fragen seitens der kommunalen Bildungspolitik und -verwaltung feststellen lassen, zweitens, ob die kommunalpolitischen Verfahren und Entscheidungen im Zeitverlauf inhaltlich variieren und ob diese (drittens) stärker als zuvor durch Referenzen aus Bildungsmonitoring und -management beeinflusst werden. Die Inhaltsanalyse ist quantitativ und qualitativ angelegt.

 
14:00 - 16:00Die Organisation moralischer Grenzen in sozialpädagogischen Organisationen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 33
 

Chair(s): Dr. Stefanie Schmachtel (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Deutschland), Prof. Dr. Thomas Klatetzki (Universität Siegen), Dr. Simon Mohr (FH Bielefeld)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Morten Nissen (Danish School of Education, Aarhus University)

Die Arbeitsgruppe widmet sich moralischen Grenzen und Grenzziehungen in sozialpädagogischen Organisationen am Beispiel des Kinderschutzes, der Hilfen zur Erziehung und der Schulsozialarbeit. Entgegen gängigen Konzeptionen, moralisches Handeln als individuelle Handlungsentscheidungen von Professionellen zu verstehen, nimmt sie dieses als organisational konstituiert in den Blick. Präsentiert werden unterschiedliche Ansätze und empirische Daten, mit denen die kollektive Konstituierung, Verschiebung, Überschreitung oder auch Verteidigung moralischer Grenzen in sozialpädagogischen Organisationen systematisch in den Blick genommen und problematisiert wird. Dabei wird der Zusammenhang von Moral, Grenze und Organisation mit unterschiedlichen theoretischen Zugangsweisen beleuchtet und für die organisationstheoretische und sozialpädagogische Debatte fruchtbar gemacht.

 

Beiträge des Panels

 

Emotionen und Grenzarbeit in der Organisation des Kinderschutzes

Prof. Dr. Thomas Klatetzki
Universität Siegen

Der Beitrag beschäftigt sich mit der Rolle der Emotionen und den damit verbundenen moralischen Grenzziehungen in den organisatorischen Sinnstiftungsprozessen der Kinder- und Jugendhilfe (Klatetzki 2019). Sinnstiftungsprozesse basieren auf professionelle Identitäten (Weick 1995), die eine emotionale Basis haben (Cooley 1964). Wie sich mit Hilfe der Appraisaltheorie zeigen lässt, sind Sinnstiftungen daher fortlaufend mit intuitiven Einschätzungen hinsichtlich des Wohlergehens des Selbst verbunden (Lazarus 1991). Werden Sinnstiftung als bedrohlich für das eigene Selbst erfahren, treten negative Emotionen auf; werden sie als für das Selbst förderlich erlebt, kommt es zu positiven Emotionen. Sinnstiftungen sind auf diese Weise mit emotionaler Identitätsarbeit verbunden und diese Identitätsarbeit findet ihren Ausdruck in einer Grenzarbeit (Gieryn 1990), die gerahmt ist durch das partikulare Moralsystem, das Ethos von Organisationen (Klatetzki 2017). Emotionen motivieren auf diese Weise in der Kinder- und Jugendhilfe z. B. Grenzziehungen in Form moralischer Klassifikationen von Klienten (White 2003), Abgrenzungen gegenüber anderen Berufsgruppen (Olk 1986), diffamierende Grenzüberschreitungen angesichts von Kritik (Biesel et al. 2020) und/oder Grenzverteidigungen in Form von systemischen Abwehrmechanismen (Argyris 1990). In dem Vortag wird diese Konzeption verwendet, um die Rolle der Emotion Angst in der Arbeit des Kinderschutzes zu erläutern.

 

Fachliche Grenzüberschreitungen in Organisationen der Kinder- und Jugendhilfe

Dr. Simon Mohr
FH Bielefeld

In diesem Beitrag werden tabuisierte Praktiken der Disziplinierung, Bestrafung und Kontrolle in der Sozialen Arbeit organisationstheoretisch in den Blick genommen. In professionstheoretischen Auseinandersetzungen werden solche als moralisch grenzüberschreitend problematisierte Handlungen zumeist auf spezifische politische Haltungen, punitive Überzeugungen und Qualifizierungsdefizite der Fachkräfte zurückgeführt (z.B. Ziegler 2016). Entlang empirischer Einblicke werden in diesem Beitrag hingegen solche Praktiken als Form der Bewältigung widersprüchlicher (Organisations-)Anforderungen bzw. als organisational „brauchbare Illegalität“ (Luhmann 1964) und damit tolerierte, aber weitgehend tabuisierte Formen der Abweichung von fachlichen Standards diskutiert. Diese als solche zunächst fachlich nicht reflektierbaren moralischen Grenzüberschreitungen werden als Ergebnis des kontingenten Wechselspiels von formalen und informalen Organisationsstrukturelementen rekonstruiert und somit die Organisation sowohl in ihrer konstitutiven Bedeutung für die Analyse als auch die Professionalisierung Sozialer Arbeit näher bestimmt.

 

Moral Distress als Analyse- und Transformationsressource für moralische Grenzarbeit in (sozial)pädagogischen Organisationen

Dr. Stefanie Schmachtel
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Dieser Beitrag führt in das internationale Konzept des „Moral Distress“ (MD) ein und rahmt es auf Basis von Nissens (2012; 2018) kritisch-kulturhistorischem Ansatz zur kollektiven Subjektivierung für die Analyse moralischer Grenzarbeit in pädagogischen Organisationen um (vgl. Schmachtel i.E. a; b; i.A.). MD tritt auf, wenn Akteure aufgrund äußerer Bedingungen und/oder innerer Umstände davon abgehalten werden, in einer ihren Überzeugungen nach moralisch angemessenen Weise zu handeln (z.B. Mareš 2016). Mit Nissen (2012) lässt sich MD kollektiv durch ‚situierte Ideologien‘ vermittelt verstehen, mittels derer Akteure ihr (kollektives) Selbstverständnis und moralischen Grenzen in (sozial-)pädagogischen Organisationen performativ herstellen.

MD bei sozialpädagogischen Akteuren verweist dabei auf die emotionalen Konsequenzen, Vulnerabilitäten und Prekaritäten (z.B. Butler 2016), die sich in der Dialektik zwischen individuellen und kollektiven Subjektivierungsprozessen als interne und externe Konflikte in der situativ-ideologisch hergestellten moralischen Grenzarbeit zeigen (vgl. Schmachtel i.E.). Anhand qualitativer Daten zur MD in der Schulsozialarbeit wird MD als Ansatzpunkt zur Reflexion von sozio-materiell-diskursiv gerahmten Widersprüchen und Dilemmata der sozialpädagogischen Praxis sowie deren Bewältigung und (antizipierten) Bewältigungskonsequenzen produktiv gemacht. Zugleich eröffnet ein so gedachtes MD zentrale transformative Stellschrauben zur Politisierung dieser.

 
14:00 - 16:00Digital Platforms and the Remaking of Spacetimes in Education Policy, Governance and Practice
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 01
 

Chair(s): Prof. Dr. Sigrid Hartong (Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, Deutschland)

The emphasis of this international working group is on better understanding the surging spatiotemporal power of digital platforms in education, including learning software, monitoring infrastructures, or digital com­munity building environments such as hackathons. It hereby responds to the growing need in digital education policy, governance and practice scholarship to rethink and transcend ‘static’ (e.g., topographically bordered) represen­tations of space or ‚linear‘ (e.g., chronological) understandings of time. Presenting different findings from international collaborations between German, Belgian, Finnish and Australian scholars, this working group not only discusses what platforms in education are and how they can be analyzed in their remaking of spacetimes in education (e.g. nation states, classical learning environments, policy arenas, etc.), but equally what effects this remaking produces (e.g., transforming notions of ‚good‘ education, of educa­tional professionality, etc.).

 

Beiträge des Panels

 

Navigating European (Plat)Forms For Learning Online: Are They Opening Up?

Karmjin van de Oudeweetering
KU Leuven, Belgien

European education policies have increasingly focused on the uptake of online platforms, such as platforms for Massive Open Online Courses (MOOCs) or Online Educational Resources (OER), often situating it within a discourse of ‘opening up’ education (European Commission, 2018). That is, such policies draw on a wider Open Education (OE) movement that positions ‘openness’ as a virtue of unlimited accessibility to, democratic development of, and collaborative engagement in, educational content (Weller, 2014). The enactment of this kind of openness through MOOCs and OER platforms has been contested, as some refer to them as the engines of accessibility while others emphasize the various kinds of closures they install. This contribution gives an overview of multiple case studies on online platforms that are financed through European education policies. By deploying a method of ‘active navigations’, these studies all focused on the enactment of new forms of space-time through these platforms. The studies thereby mainly focused on whether and how these (plat)forms generated ‘open’ and ‘European’ spaces-times, leading to an argument that these forms are necessarily bordered and closed, but in multifarious ways. Furthermore, the studies presents the ‘agile’ and ‘interactive’ operations of these platforms and stresses how the constant combination of stability-change ‘opens’ up various new ways for navigating and making educational spaces-times.

 

Where Are We Heading? New Spatiotemporal Forms Of Digital Educational Policymaking: The Case Of A German Hackathon

Annina Förschler1, Prof. Mathias Decuypere2
1Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, Deutschland, 2KU Leuven, Belgien

In the course of the worldwide pandemic, a new digital platform-based form of policymaking as well as a platform based way of organizing (EdTech) movements arose in Germany: Hackathons. Hereby a nation-wide educational Hackathon, claiming to “shape schooling of tomorrow together” (https://wirfuerschule.de/), took place in June 2020. This contribution wants to empirically investigate how the Hackathon, hosted on different platforms, actually creates specific new sort(s) of digital education space(s), and even more, how it (re)configures times – in our case specific sorts of futures.

Drawing on newer lines of critical platform studies, understanding digital platforms as powerful socio-technical assemblages, this contribution adopts a topological perspective (Lury, 2012) that allows to analyze digital education platforms in terms of which relations they (do not) enable, which sort(s) of circulation they offer, enact or prioritize and especially: which sorts of futures and imaginaries they design and anticipate (Lury, 2021; Jasanoff, 2015).

The research interest is therefore threefold: (1) to stress the role of platforms in contemporary educational policymaking, (2) by focusing on how imaginaries of schooling as performed in the Hackathon and changing forms of education policymaking co-constitute each other and (3) to investigate, how such new forms can be approached theoretically and methodologically.

 

Towards A Topological Genealogy For Platform Research In Education

Prof. Mathias Decuypere1, Dr. Steven Lewis2
1KU Leuven, Belgien, 2ACU Brisbane, Australien

This paper presents topological genealogy as a methodology to research transnational digital governance, and particularly how digital platform infrastructures are implicated in enacting such forms of governance. Inspired by the field of social topology, topological genealogy is centrally interested in investigating the conjoined production of digital infrastructures and present-day education policymaking as governance; as well as how both produce, and are produced by, processes of flows, flux and change. Notably, the methodology helps to disentangle digital governance in, through and as change, and in doing enables to empirically investigate the shifting spacetimes of education as enacted in/on present-day digital platform infrastructures.

Through a worked example of the European Commission’s eTwinning platform, the presentation shows the methodology of topological genealogy in action, and complements the topological analysis with methodological foregroundings. These show how the methodology impacts as much the fabrication of research data and its subsequent analysis as it impacts the doings of the researcher.

 

„Lifelong Platform“ – Insights Into The Digital (Education) State of Estonia

Prof. Dr. Sigrid Hartong1, Prof. Nelli Piattoeva2
1Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, Deutschland, 2Tampere University, Finnland

As part of its emancipation process from the UdSSR, Estonia initiated an exceptional ‚rebranding‘ strategy, which not only included a deliberate ‘re-positioning’ with Europe, but equally the invention of ‚E-Estonia‘ (Savchenko 2019). Approaching open data and ‘digital citizenship’ as key to modern democracy shifted Estonia´s imagination of the state into what Budnitskiy (2018) described as ‚digital nationalism‘. As a result, Estonia established an extensive platform architecture – a digital governmental ecosystem – in which citizens i.a. traverse education (from kindergarten to lifelong learning) through the Estonian Education Information System (EHIS). It is this ‚seamlees‘ platfor­mization of education which equally turned Estonia into a global role model for reform.

Being situated within a larger qualitative study on Education as a platform state, the aim of this contribution is twofold: First, we provide an introduction to the E-Estonia/EHIS platform architecture and its operations. Second and building on this overview, we use the Estonian case to discuss the transformative spatiotemporal power of platforms, which is how E-Estonia/EHIS have reshaped, but equally have been shaped by the ‘spacetimes’ of the ‘(national) Estonian education system’. We thus seek to better understand how we can (further) make sense of the notion of ‚bordering‘ and the role of ‚the state‘ in providing public education in times of rising platformization.

 
14:00 - 16:00Doing Transitions: Herstellung und Verhandlung von Grenzen und Zugehörigkeiten an Übergängen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 17
 

Chair(s): Dr. Anna Wanka (Goethe-Universität Frankfurt am Main)

Diskutant*innen: Dr. Kerstin Meißner (Technische Universität Chemnitz)

Übergänge lassen sich als Prozesse verstehen, in denen sozial konstruierte Grenzen überschritten, verschoben und (de-)konstruiert werden. Vollzogen innerhalb sozialer, institutioneller und diskursiver Ordnungen, gehen sie mit sich verändernden Zugehörigkeitsverhältnissen einher. Die Arbeitsgruppe „Doing Transitions“ stellt die Hervorbringung von Übergängen durch Grenzziehungen und damit einhergehende (Nicht-)Zugehörigkeiten in den Vordergrund. Mit Blick auf unterschiedliche Lebensalter sowie Phänomene, die quer zu Alterskohorten liegen, eröffnet die Arbeitsgruppe drei Perspektiven zur Erforschung von Ent- und Begrenzungen in Übergangsprozessen: Wie werden kontingente Grenzen durch Übergänge überschritten? Wie werden Zugehörigkeiten ausgehandelt? Wie werden Übergänge selbst durch Grenzziehungen in der Forschung mit hervorgebracht? Diese Fragen werden anhand empirischer Forschungsprojekte diskutiert, um so einen Beitrag zur erziehungswissenschaftlichen Übergangsforschung zu leisten.

 

Beiträge des Panels

 

The messy crossings of career and national boundaries in adulthood

Elisa Thevenot1, Michael Bernhard2
1Eberhard Karls Universität Tübingen, 2Goethe-Universität Frankfurt am Main

This presentation focuses on transitions in adulthood across socially constructed boundaries and the associated individual transformations. Drawing on qualitative data from interviews with individuals crossing careers in the context of the environmental sustainable movement, as well as those engaging with international boundaries, this contribution intends to illustrate the shifting and blurring of boundaries. Growing concerns for our environment is reorganizing individuals’ priorities and habits, for some going so far as to question the purpose behind one’s professional activity and with it, the classical work/life balance boundaries. Crossing, renegotiating and negating boundaries of a different kind comes into focus when studying transnational mobility from a “doing migration” (Amelina) perspective. Against the backdrop of the ambivalences in the Canadian migration discourse and social reality, the potential for individuals’ learning and transformation when engaging with borders will be explored. In both cases, the difficulty to fully disengage from previous practices while acquiring and stabilizing others, sometimes contradictory ones, make for interesting narratives, mirroring well the current societal transformations. From an individual perspective leaving doors opened for in-betweenness, partial or simultaneous affiliation, which Bhabha called Hybridity, embodies the process of erosion of previously unquestioned borders.

 

Diskursive Ordnungsräume. Versuch einer reflexiven Ent/grenz/ung im Forschungsprozess

Natascha Shalutkevich
Goethe-Universität Frankfurt am Main

Im frühkindlichen Übergang in die Schule werden Grenzziehungen durch Adressierungspraktiken vollzogen und damit (Un-)Zugehörigkeiten von Kindern als Zielgruppe pädagogischen Handelns produziert und verhandelt. Wer als “schulfähig” gilt und welche Normalitätsvorstellungen damit verbunden sind, wird von diskursiven Ordnungen bestimmt. Durch die Betrachtung von Kindheitskonstruktionen, die am pädagogisch initiierten und begleiteten Übergang in die Schule wirksam werden, sollen die diskursiven Zuschreibungs- und Grenzziehungsprozesse exemplarisch an einigen zentralen bildungspolitischen Texten vorgestellt und kritisch diskutiert werden. Unter der Leitfrage, wie der Übergang vom Kindergartenkind zum Schulkind diskursiv verhandelt und gedeutet wird, soll die Bedeutung solcher Grenzziehungen für kindliche Bildungsprozesse näher beleuchtet werden, indem besonders auf die Deutungsformen des Lernbegriffs als ein zentraler Referenzrahmen im institutionell regulierten Übergang der Lebensphase Kindheit näher eingegangen wird. Neben dem Fokus auf die diskursiv wandelbaren Deutungsmuster von Rollenerwartungen und die damit einhergehenden Adressierungspraktiken im frühkindlichen Bildungskontext, soll zudem das Potenzial des diskursanalytischen Forschungszugangs im Hinblick auf die eigene Zugehörigkeit der Forschenden zu bestimmten Diskursfeldern und damit hinsichtlich der Konstruktions- und Grenzziehungsleistungen im Forschungsprozess reflektiert werden.

 

Becoming Academic: Bildungsaufsteiger:innen als Grenzgänger:innen

Flora Petrik
Eberhard Karls Universität Tübingen

Der Übergang in die Universität scheint zwar mit dem Erhalt des Zulassungsbescheids abgeschlossen, ist jedoch vielfach mit unsichtbaren Grenzen verbunden – insbesondere für Studierende, die nicht bereits aus einem Akademiker:innenhaushalt kommen. Sie überschreiten mit der Aufnahme eines Studiums nicht nur institutionelle Grenzen, sondern auch Milieugrenzen. Dass dieser Aufstieg steinig bleibt, auch wenn das Eintrittsticket in die Universität bereits erworben ist, zeigen zahlreiche aktuelle Forschungsarbeiten. So werden im Kontext der Aufnahme eines Studiums nicht nur Identitäten gestiftet und Bildungsabschlüsse erworben, sondern auch Grenzen gezogen und hierarchische Ordnungen etabliert, die über die Anerkennung von Subjekten entscheiden. Der Beitrag rückt – vor dem Hintergrund der fortwährenden Bedeutung des Herkunftsmilieus für die Bildungslaufbahn – die Praktiken von Bildungsaufsteiger:innen beim Überschreiten von Milieugrenzen ins Zentrum. Zur Untersuchung der Praktiken des Bildungsaufstiegs, des ‘becoming academic’, wird mittels verschiedener qualitativer Forschungsmethoden erhobenes empirisches Material herangezogen. Ins Zentrum rücken somit nicht die individuellen Geschichten von Aufsteiger:innen, sondern die Frage nach Praktiken und Prozesse, die das Werden eines akademischen Subjekts rahmen.

 

Linking Ages: Eine reflexive Perspektivierung zur Konstruktion von Altersgrenzen in Kindheits- und Alternsforschung

Dr. Anna Wanka1, Tabea Freutel-Funke2
1Goethe-Universität Frankfurt am Main, 2Eberhard Karls Universität Tübingen

Erwachsenheit gilt in vielen westlichen Gesellschaften als Voraussetzung für die vollwertige Mitgliedschaft und Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft. Alle, die sich außerhalb der Grenzen der Erwachsenheit befinden – also Kinder und ältere Menschen – werden somit „verbesondert”. Dies spiegelt sich auch in der Alterns- und Kindheitsforschung wider. Beiden Forschungsfeldern inhärent ist ein ambivalentes Spannungsverhältnis zwischen Vulnerabilität/Resilienz, Handlungsfähigkeit/Fremdbestimmtheit und Macht/Ohnmacht in der Konstruktion ihres Gegenstands. Während der Fokus bei Übergängen in der Kindheit häufig auf einem Zugewinn an Handlungsfähigkeit liegt, werden bei Übergängen im Alter eher deren Verlust fokussiert. Als Gegenentwurf wird im Beitrag die Perspektivierung „Linking Ages“ vorgestellt, die Alter als relationale Differenzkategorie begreift und aufzeigt, wie Kindheits- und Alternsforschung selber zu ihrer Konstruktion beitragen. Anhand von empirischem Material aus zwei Forschungsprojekten zu Übergängen, von denen jeweils eines in der Kindheits- und eines in der Alternsforschung angesiedelt ist, zeigen wir das Potenzial einer Interpretation „unter anderen Vorzeichen” auf und fragen, was wir sehen, wenn wir Empirie aus der Alternsforschung aus der Perspektive der Kindheitsforschung analysieren und vice versa. Abschließend skizzieren wir „Linking Ages” als methodologisch-reflexive Perspektivierung für die erziehungswissenschaftliche Übergangsforschung.

 

Übergangsforschung als Grenzziehungspraktiken anhand einer Studie zu Gender Transitionen

Louka Maju Goetzke
Goethe-Universität Frankfurt am Main

Geschlechterübergänge – Gender Transitionen – zeichnen sich durch das Überschreiten der Grenzen aus, die die binären Geschlechter Mann und Frau in einer Kultur der Zweigeschlechtlichkeit umreißen. Gleichzeitig wird das Phänomen durch Grenzziehungsprozesse (wie ein Outing oder Namenswechsel) hervorgebracht. Teil dieser Grenzziehungsprozesse ist die Forschungspraktik, denn auch die forschende Person, ausgewählte Methoden, Konzepte und die Infrastruktur der Forschung formen das untersuchte Phänomen.

Anhand eines qualitativen Forschungsprojekts zu geschlechtlichen Transitionsprozessen wird in diesem Beitrag skizziert, wie die verschiedenen Grenzziehungsprozesse empirisch ausgelotet werden können. Im Fokus steht die Frage, was es für die Erforschung eines Übergangs bedeutet, Forschen als Praktik der Grenzziehung als ko-konstitutiver Teil eines untersuchten Übergangs zu fassen und welche Implikationen eine solche Perspektive für eine reflexive Übergangsforschung hat. Anstatt Reifizierungsprozesse zu minimieren, steht im Fokus, Forschungsprozesse selbst in der Forschung genealogisch nachzuvollziehen und als Teil der Analyse zu verstehen. Dies beinhaltet auch eine Reflexion der Position der forschenden Person, ihrer Beziehung zum Forschungsgegenstand und das Gewordensein des Forschungsprojekts, zeitliche und materielle Bedingungen und Beziehungen zu anderen (Forschungswerkstätten, Interpretationsgruppen, Austauschpartner:innen), die an der Forschungsaktivität beteiligt sind.

 
14:00 - 16:00ENT | GRENZ | UNGEN | von Familie, Elternschaft & Eltern-Kind-Beziehungen in der Spätmoderne?!
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 11
 

Chair(s): Dr. Anja Schierbaum (Universität zu Köln, Humanwissenschaftliche Fakultät, Deutschland), Dr. Ronnie Oliveras (Universität zu Köln), Jan Frederik Bossek (Universität zu Köln)

In der Arbeitsgruppe möchten wir Entgrenzungsprozesse von Familienwirklichkeit(en) auf verschiedenen Ebenen diskutieren: In komplexen Familienverhältnissen, in denen Familie immer wieder hergestellt, Verantwortlichkeiten für Care- und Erziehungsarbeit verhandelt und normative Geschlechtervorstellungen neu abgesteckt werden müssen. Auf der Ebene der Leitbilder verantworteter Elternschaft und ‚guter‘ Erziehung stellt sich die Frage, inwiefern diese Familien alltagspraktisch einengen oder Familien in ihren Erziehungsverhältnissen institutionell begrenzen. Auf interaktionaler Ebene ist zu diskutieren, inwiefern sich Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern verändern und normativ aufgeladene Zuschreibungen der Eltern-Kind-Beziehung an ihre Grenzen geraten. Des Weiteren ist zu Fragen, inwiefern familiale Entgrenzungserfahrungen durch Krankheit in Familien zu veränderten Verantwortungsgefügen in Familienbeziehungen führen und die Familienerziehung vor neue Herausforderungen stellt.

 

Beiträge des Panels

 

Begrenzungen und Entgrenzungen in komplexen Familienverhältnissen

Dr. Anna Buschmeyer, Dr. Claudia Zerle-Elsäßer
DJI München

Mit unserem Vortrag wollen wir auf unterschiedliche Konzepte von Familie blicken, zunächst aus einer theoretischen/praxelogischen Perspektive. Wer eine Familie sein darf, war über lange Zeit auf gegengeschlechtliche Paare mit Kind(ern) begrenzt. Diese Begrenzungen haben sich in den letzten Jahrzehnten zunehmend aufgelöst. An die Stelle verwandtschaftlicher Beziehungen, die eine Familie scheinbar ‚natürlich‘ formieren, treten daher Praxen der Herstellung von Familie. Familie wird nicht als etwas verstanden das man hat, sondern als etwas, das man tun muss. In dieser Logik sind Familien auf langfristige Bindungen angelegte Beziehungen, in denen über Generationen hinweg reziprok Sorge füreinander übernommen wird. So wird Familie auch für komplexe Konstellationen möglich, die auf rechtlichem Wege bisher ausgeschlossen waren oder teilweise auch heute noch eingeschränkt werden (etwa Familien mit mehr als zwei Elternteilen, nicht-verheiratete oder homosexuelle Eltern etc.).

Wird das Augenmerk auf Praxen von Familie gelegt, werden Anforderungen an das Handeln der Familienmitglieder wichtiger – etwa als Eltern im Sinne eines „good parenting“. Ansprüche an Elternschaft sind wiederum vergeschlechtlicht und unterscheiden sich in ihren Leitbildern von ‚guter Mutterschaft‘ und ‚guter Vaterschaft‘ deutlich. Diese Überlegungen werden wir im Vortrag ausgehend von verschiedenen empirischen Projekten analysieren.

 

„Muss alles perfekt sein? Leitbilder zur Elternschaft in Deutschland“

Kerstin Ruckdeschel
BIB Wiesbaden

Die Idee der „verantworteten Elternschaft“ ist in Deutschland stark präsent und prägt die Vorstellungen von Elternschaft. Es stellt sich deshalb die Frage, inwiefern eine hohe Anspruchshaltung an die eigene Elternrolle sowie die Mutter- und Vaterrolle und diesbezügliche gesellschaftliche Erwartungen den Übergang zum ersten oder zu weiteren Kindern beeinflussen.

Je höher die wahrgenommenen Anforderungen sind, desto länger sollte es dauern, sie zu erfüllen, d.h. die Bedingungen für eine Familiengründung oder -erweiterung zu schaffen. Um diese Frage zu beantworten, werden individuelle und gesellschaftliche Ansprüche in Form von Leitbildern operationalisiert.

Die Auswertungen werden mit dem Paneldatensatz Familienleitbilder 2012 und 2016 des BiB (Bundesinstitute für Bevölkerungsforschung) durchgeführt, der Fragekomplexe zum Thema ,verantwortete Elternschaft‘, ,Mutterleitbilder‘ und ,Väterleitbilder‘ beinhaltet. Es bestätigt sich, dass die Alltagserfahrung mit Kindern Leitbilder beeinflusst. Der hemmende Einfluss von Leitbildern der verantworteten Elternschaft deutet sich vor allem bei einer Familiengründung und beim Übergang zum zweiten Kind an.

 

"Ich wünschte mir, meine Mutter würde mehr als Mutter fungieren." Ent- und begrenzte Eltern-Kind-Beziehungen.

Dr. Ronnie Oliveras
Universität zu Köln

Familie als Gemeinschaftsform beinhaltet klar unterschiedliche soziale Beziehungen (Generationen- und Geschwisterbeziehungen) und es stellt sich die Frage, wie sich diese, angesichts entgrenzter sozialer Bedingungen, gestalten und wie sie sich qualitativ beschreiben lassen. So lässt sich in Bezug auf die Eltern-Kind-Beziehung in insbesondere quantitativen Studien vermehrt ablesen, dass Heranwachsende ihre Eltern als FreundInnen beschreiben, was sich als eine sich veränderte Einstellung hinsichtlich deren Beziehung diskutieren lässt (auch für Eltern gewinnen diese an freundschaftlichem Charakter) und zudem auch die Frage provoziert, welche emotionalen Grenzverschiebungen damit ausgedrückt werden.

Exemplarisch soll anhand einer Eltern-Kind-Beziehung qualitativ rekonstruiert werden, in welchen Grenzgebieten individueller Emotionalitäten und Leitbilder sich familiäre Beziehungen entwickeln und bewegen. Die Fragen, wie diese beschrieben, wie sie gestaltet, und mit welchen Qualitäten sie zu bestimmen versucht werden, sollen die emotionalen Aspekte dieser Beziehungen fokussieren, um anschließend deren Verhältnis zum Leitbild der Familie als Heimathafen und den dazugehörigen Rollenzuweisungen zu diskutieren, denen eine begrenzte Gefasstheit von Werten und erwarteten Gemütslagen inhärent ist. Gilt Familie als der zentrale Ort der Liebe und Hingabe, so stellt sich die Frage, ob und wie diese Beziehungsqualitäten biographisch erfahren und bestimmt werden.

 

Krankheit und Erziehung als sich entgrenzende Verantwortlichkeiten

Prof. Jutta Ecarius
Universität zu Köln

Familie als ‚Kooperations- und Solidaritätsverhältnis’ und damit als ‚Beziehungs- und Erziehungsfamilie’ ist aufgrund ihrer Vielschichtigkeit grundsätzlich von Entgrenzungen bedroht. Wenn dann noch Krankheit zum Thema wird, gerät Familie unter Druck. Hat ein Kind Leukämie und ist ein Geschwisterkind Knochenmarkspender, steigen die Anforderungen: Es kann zur Familienkrise und zum Ausfall von Verantwortungsübernahme kommen, das bisher Alltägliche gerät nicht nur in Bewegung, sondern entgrenzt sich.

In diesen Vortrag werden die (Ent-)Grenz(ungslinien) von Erziehung und Verantwortung diskutiert. Anhand der qualitativen Erhebung aus dem Projekt ‚Knochenmarkspende unter Geschwistern’ (Herzog et al. 2019) arbeite ich drei Dimensionen von Entgrenzungen heraus: 1. Erziehung wird aufgrund der lebensnotwendigen Sorge/Pflege des kranken Kindes nicht praktiziert, die Verantwortung für das Leben des Kindes durchbricht Erziehung. 2. Sedimentierte familiale Interaktions- und Handlungsmuster verflüssigen sich, wodurch sich Familie als Kooperations- und Solidaritätsverhältnis entgrenzt. 3. Die Kranke wird aufgrund ihrer Drogensucht, einer unabgeschlossenen Lehre etc. vom Fürsorgefall zum Problemfall, wodurch sich die spätmoderne Norm der Eigenverantwortung für ein gelingendes Leben verflüchtigt. Deutlich werden insgesamt Verflechtungen und Entgrenzungen von Erziehung, Familien- und Eigenverantwortung in der Spätmoderne.

 
14:00 - 16:00Ent-grenzte biografische Übergänge am Beispiel des Leaving Care
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 26
 

Chair(s): Dr. Carolin Ehlke (Universität Hildesheim, Deutschland), Dorothee Kochskämper (Universität Hildesheim), Dr. Severine Thomas (Universität Hildesheim), Prof. Dr. Marc Weinhardt (Universität Trier)

Das Aufwachsen in stationären Erziehungshilfen stellt aus Sicht des Normallebenslaufs eine Ent-grenzung von Kindheit und Jugend dar: Das Dasein von jungen Menschen wird dem Binnenraum familialer und privater Beziehungen zumindest partiell entzogen und in professionelle Handlungskontexte überführt. Diese Ent-grenzung setzt sich mit dem Leaving Care über das Hilfeende hinaus fort, da als Folge gängige Routinen der Unterstützung durch Eltern fehlen, die professionelle Maßnahme aber gleichzeitig endet. Die Arbeitsgruppe beleuchtet diese Ent-grenzungen im Leaving Care mit vier Beiträgen: 1) Ent-grenzungsmomente in den Strukturen des Hilfesystems und die Auseinandersetzung damit durch Care Leaver:innen, 2) die Veränderung von sozialen Unterstützungsnetzwerken im Übergang ins Erwachsenenleben, 3) (hochschulbezogene) Bildungsperspektiven der jungen Menschen und ihre Benachteiligungen und 4) eine Online-Peerberatung als mögliche Mittlerin beim Übergang von Care Leaver:innen an Hochschulen.

 

Beiträge des Panels

 

Ent-grenzte Übergangspraxis und Leerstellen in den Infrastrukturen der professionellen Hilfesysteme im Leaving-Care-Prozess

Dr. Severine Thomas
Universität Hildesheim

Auch wenn der Übergang aus stationären Erziehungshilfen ins Erwachsenenleben als Gegenstand des Fachdiskurses in der Kinder- und Jugendhilfe angekommen ist (spätestens mit den Reformbemühungen für ein neues Kinder- und Jugendhilfegesetz), ist die Fachpraxis nach wie vor sehr diskontinuierlich und eine theoretische Konzeptualisierung von “Übergangsbegleitung” steht nach wie vor aus. Dafür können unterschiedliche Hintergründe ausgemacht werden: Zum einen sind die Hilfesysteme nicht auf ein vernetztes Arbeiten an Schnittstellen ausgerichtet. Zum anderen hat sich in den Hilfesystemen bisher nicht die fachliche Grundorientierung an einer Corporate Parentship etabliert, die im Interesse junger Menschen und partizipativ mit ihnen agiert.

Es fehlen dafür überhaupt noch Konzepte, die das Ereignis des Leaving Care theoretisch genauer einordnen und in Handlungsansätze eingebettet werden: Eine entsprechende “Übergangspädagogik” gibt es bisher nicht. Leaving Care changiert somit zwischen Entlassungspraxis, lose gekoppeltem Abschied, Trauerprozess, Selbstständigkeitstraining etc. Diese Elemente spiegeln sich im Leaving Care, werden aber bisher nur wenig systematisch beleuchtet. Der fehlenden theoretischen Fokussierung steht eine en-tgrenzte (bzw. hier mit Blick auf den Aspekt des Leaving besser end-grenzte) Übergangspraxis gegenüber. In dem Beitrag werden die Leerstellen analysiert sowie Überlegungen zu den Anforderungen an ein Theoriekonzept “Leaving Care” angestellt.

 

Veränderung sozialer Unterstützungsnetzwerke im Leaving-Care-Prozess

Dr. Carolin Ehlke
Universität Hildesheim

Im Leaving-Care-Prozess finden Veränderungen nicht nur entlang offensichtlicher Übergänge statt, wie z. B. der Auszug aus der Wohngruppe in einen eigenen Wohnraum oder in eine WG. Sie zeigen sich ebenso in den sozialen Netzwerken der jungen Menschen. Mit dem Ende der Hilfen kommt es sowohl zu Abbrüchen (z. B. zu ehemaligen Betreuer:innen und Mitwohner:innen aus der Wohngruppe) als auch zu Transformationen von Beziehungen (z. B. zu den (Pflege-)Eltern). Trotz der Bedeutung von sozialen Beziehungen in der Jugendhilfe und im Leaving Care werden diese in der Hilfeplanung und Übergangsgestaltung viel zu selten explizit in den Blick genommen. Der Aufbau sozialer Beziehungen als eine Ressource im Übergang ist jedoch gerade im Leaving Care wichtig, wenn professionelle Unterstützungsstrukturen durch die Jugendhilfe enden. Wie sich soziale Beziehungen von Care Leavern im Übergangsprozess verändern und hier auch nicht-familiäre und nicht-professionelle Unterstützung von Bedeutung ist, ist in diesem Beitrag zentral. Ein besonderer Bezugspunkt bildet die Dissertation der Autorin “Care Leaver aus Pflegefamilien”.

 

Spannungsverhältnis zwischen stationären Erziehungshilfen // Leaving Care und Bildungsperspektiven: Vereinbarkeit von Jugendhilfe und Hochschulbildung?

Dorothee Kochskämper
Universität Hildesheim

Junge Menschen, die in stationären Erziehungshilfen gelebt haben und von dort aus ein eigenverantwortliches Leben beginnen, sind in ihren Bildungschancen stark benachteiligt. Dies kann mit biografischen Erfahrungen und psychischen oder anderen gesundheitlichen Folgen zusammenhängen, aber auch mit einer fehlenden Förderung der individuellen Bildungsverläufe – letztlich aber auch mit strukturellen Übergangsbarrieren am Ende der Hilfe. Daher gelingt nur sehr wenigen unmittelbar nach dem Schulabschluss bzw. dem Ende der stationären Hilfe oder zu einem späteren Zeitpunkt im Lebenslauf die Aufnahme eines Hochschulstudiums. Das Projekt CareHOPe erforscht soziale, organisationale und rechtliche Barrieren in den Bildungs- und Unterstützungsprozessen von Care Leaver:innen und entwickelt ein peer-to-peer Online-Beratungsangebot an Hochschulen.

In dem Beitrag werden (quasi hybride) Erfahrungen von Care Leaver:innen an Hochschulen diskutiert, die einerseits in den stationären Erziehungshilfen als Exot:innen aufgrund ihrer Bildungserfolge gelten, später auf dem Weg an eine Hochschule oder im Studium allerdings erneut besondere Anpassungsleistungen erbringen müssen und Be-grenzungen erfahren, da das Hochschulsystem nicht auf die Bedarfslagen von Care Leaver:innen bzw. auf junge Menschen, die ohne elterliche Unterstützung studieren, abgestimmt ist. In dem Beitrag werden auch Erkenntnisse aus der Studierendenbefragung Stu.diCo präsentiert, die während der Corona Pandemie durchgeführt wurde.

 

Ent-grenzte Beziehungen? Digitale Peerberatung als Unterstützung von und für Care Leaver:innen

Maria Groinig
Universität Hildesheim

Die Sinnhaftigkeit digitaler Beratungsangebote ist seit längerer Zeit unbestritten und wird ausdifferenziert entlang adressatenspezifischer, medienbezogener und organisationaler Aspekte diskutiert. Kennzeichnend ist dabei neben der konzeptionellen Vielfalt digitaler Darreichungsformen von Beratung (z. B. als asynchrone, textbasierte Mailberatung, als synchrone Videoberatung oder als Self Guided Treatment mit nur partiellem Einbezug menschlicher Fachkräfte) die je zielgruppenspezifisch unterschiedliche Manifestation von Vor- und Nachteilen digitaler Beratung. Der Beitrag beleuchtet ausgehend von der konkreten Lebenslage des Leaving Care und den daraus resultierenden Bewältigungsmustern Chancen und Grenzen das Konzept eines Peerberatungsangebotes, in dem Care Leaver:innen online beraterische Unterstützung für Care Leaver:innen zur Verfügung stellen. Die Analyse dieses Beratungskonzeptes macht dabei deutlich, dass ausgehend von ent-grenzenden und be-grenzenden Eigenschaften digitaler Kommunikation der geteilte Erfahrungshintergrund von Leaving Care als spezifische Wissensform in besonderer Weise genutzt werden kann, und gleichzeitig die Träger:innen dieses Wissens sowohl in der Rolle als Berater:innen als auch als Adressat:innen einen Umgang mit Ent-Grenzungs-Momenten finden müssen.

 
14:00 - 16:00Ent|grenz|ungen von Geschlecht – Inter*geschlechtlichkeit in Erziehungs- und Bildungskontexten
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 12
 

Chair(s): Prof. Dr. Melanie Groß (Fachhochschule Kiel, Deutschland)

Diskutant*innen: Anne Rimbach (Christian-Albrechts-Universität Kiel), Prof. Dr. Kathrin Schrader (Frankfurt University of Applied Science)

Immer sichtbarer werden Ent|grenz|ungen hegemonialer heteronormativ verfasster Zweigeschlechtlichkeit durch Artikulationen und Kämpfe von intergeschlechtlichen, transgeschlechtlichen und nicht-binär geschlechtlichen Menschen, deren Recht auf Anerkennung sich in der Gesetzesänderung im Personenstandsrecht im Jahre 2018 mit der Einführung von vier Optionen zum Geschlechtseintrag widerspiegelt. Trotz dieses Erfolgs im System des Rechts sowie der zunehmenden Sichtbarkeit von geschlechtlicher Vielfalt insgesamt werden Geschlechter in Erziehungs- und Bildungskontexten sowie in Bildungsinstitutionen nach wie vor durch Anrufungen, Repräsentationsweisen und Strukturen auf ein zweigeschlechtliches System begrenzt. Welche Subjektpositionierungen werden anerkannt, welche Subjektivierungsweisen erhalten das Recht der Selbstrepräsentation, auf welche Weise ermöglichen Bildungsinstitutionen welchen Subjekten das In-Erscheinung-Treten und welche emanzipatorischen Grenzüberschreitungen sind möglich?

 

Beiträge des Panels

 

Emanzipation von der medizinischen Deutungsmacht als Ent|Grenz|ung

Dr. Joris Atte Gregor
Universiät Jena

Bis heute werden die Körper intergeschlechtlicher Menschen in der medizinischen Praxis entlang der kulturellen Ordnung der Zweigeschlechtlichkeit zugerichtet. Kosmetische Operationen, Medikamentengaben, die dem diagnostizierten Geschlecht, oft aber nicht den körperlichen Bedürfnissen entsprechen, werden als Fremdbestimmung und Körperverletzungen erlebt. Die in Inter*-Selbsthilfekontexten selbstorganisierte medizinische Nachsorge solcher Zugriffe steht beispielhaft für die Emanzipation intergeschlechtlicher Menschen von der normativen medizinischen Kontrolle. Im Zuge einer Biographieforschung mit intergeschlechtlichen Menschen habe ich diesen Emanzipationsprozess in einem vierstufigen Modell systematisiert, das den Prozess der Wiederaneignung des zugerichteten Körpers, der Biographie und eine individuellen Geschlechtlichkeit nachzeichnet. Besondere Aufmerksamkeit erhält dabei die letzte Stufe, das Coming Clean, als Möglichkeitsraum der Heterotopie (Foucault).

 

Emanzipationsprozesse von Eltern intergeschlechtlicher Kinder

Anike Krämer
Universität Paderborn

Eine Diagnose aus dem Inter*-Spektrum ist für Eltern intergeschlechtlicher Kinder eine Zäsur. Aufgrund der hegemonialen Vorstellung einer zweigeschlechtlichen Ordnung können sie in der Regel nicht auf einen individuellen oder gesellschaftlichen Wissensvorrat zurückgreifen. Die Auseinandersetzung, die auf die dadurch ausgelöste Wirklichkeitskrise folgt, kann mit Hilfe des vierstufigen Modells von Emanzipationsprozessen (Gregor 2015) nachgezeichnet werden. Im Vortrag wird das Modell, welches insbesondere den Prozess der Emanzipation intergeschlechtlicher Menschen beschreibt, anhand von empirischen Daten von Eltern diskutiert. Dies kann im Sinne einer gegenstandsbezogenen Theorie die darin beschriebenen Kategorien erweitern und konkretisieren.

 

Bedeutung der Thematisierung von Inter* im Bildungskontext und warum die Kritik an medizinischen Eingriffen und Normierungen alleine nicht ausreicht

Mart Enzendorfer
Universität Wien

Ob und vor allem wie Intergeschlechtlichkeit in unterschiedlichen Bildungskontexten Berücksichtigung findet, hat einen wesentlichen Einfluss auf das Selbstverständnis intergeschlechtlicher Personen, aber auch auf die Reflexion geschlechtlicher Vielfalt für alle pädagogischen Adressat*innen. In Bildungskontexten wird nicht nur ein binäres Geschlechterverständnis abgebildet, sondern sie sind auch Konstrukteur*innen dieser Geschlechterverständnisse. Die immer lauter werdende Kritik an medizinischen Eingriffen und Normierungen ist berechtigt und notwendig, reicht aber nicht aus. Die Verantwortung liegt auch in der Bildung und der Vermittlung von bestimmten Geschlechterverständnissen. Anhand eines Einblicks in die rekonstruktive (Promotions-)Studie biografischer Erzählungen wird deutlich, wie medizinische und pädagogische Kontexte untrennbar miteinander verwoben sind.

 

Ent|grenz|ungen in Jugendarbeit und Schulsozialarbeit

Prof. Dr. Melanie Groß1, Prof. Dr. Andrea Nachtigall2
1FH Kiel, 2Alice-Salomon-Hochschule Berlin

Jugendarbeit und Schulsozialarbeit sind Bildungssettings, in denen gesellschaftliche Anforderungen der Normalisierung ausgehandelt werden und in denen Fachkräfte Jugendliche dabei unterstützen, trotz gesellschaftlicher Anforderungen handlungsfähig zu bleiben. Für die Frage nach Emanzipation von geschlechtlichen Begrenzungen könnten sie also soziale Räume der produktiven Entgrenzungen bieten, in denen jugendliches Aufwachsen in geschlechtlicher Vielfalt unterstützt und anerkannt wird. Es zeigt sich jedoch, dass die institutionellen Rahmungen einer Gestaltung von geschlechtlicher Vielfalt begrenzt sind und (hetero-)normative Begrenzungen fortschreiben – so lange, bis einzelne Fachkräfte diese Themen als zentral für Subjektivierungsweisen einordnen und zum Thema machen. Die notwendige systematische Auseinandersetzung mit Fragen geschlechtlicher Begrenzungen findet in der Regel weder auf der Ebene der Jugendforschung noch auf der Ebene der Institutionen statt.

 
14:00 - 16:00Entgrenzung und Krise - Orientierungslosigkeit oder Bildung?
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 21
 

Chair(s): Serafina Morrin (Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin, Deutschland)

Inwiefern lässt sich das Entgrenzende und Entgrenzte in transformatorischen Bildungsprozessen als krisenhaft deuten? Gehen Entgrenzungen und Krisen ineinander auf, bedingen sie einander, folgt das eine auf das andere?

Die Arbeitsgruppe nimmt die Metapher der Entgrenzung zum Anlass, um über den Krisenbegriff im Kontext der Theorie transformatorischer Bildungsprozesse zu reflektieren.

Vortrag 1 fragt, inwiefern die in Gründungsprozessen inklusiver Schulen enthaltene Kritik hegemonialer Begrenzungen (Gramsci) als Krise beschrieben werden kann. Vortrag 2 diskutiert die Krise als Antrieb und Konsequenz habitueller Entgrenzungen während Positionsveränderungen im sozialen Raum (Bourdieu). In welcher Weise sich Aushandlungen zwischen Hilfesuchenden und Hilfebietenden als krisenhafte Beziehungen gestalten (Brückner), wird in Vortrag 3 thematisiert. Vortrag 4 veranschaulicht, wie krisenhafte Begegnung mit dem Fremden mithilfe von Imaginationen als Zwischenraum ausgeleuchtet werden kann (Zirfas).

 

Beiträge des Panels

 

Ideologiekritik als Krise? – Überlegungen zu kollektiven transformatorischen Bildungsprozessen in Gründungsprozessen inklusiver Schulen

Katji S. Zauner
Humboldt-Universität zu Berlin

Was ist eigentlich das Neue an inklusiven Schulen und wie wird es hergestellt? Welchen Begrenzungen eigener Sinnhorizonte begegnen wir, wenn wir Schulen inklusiv denken? Oder bleiben die Grenzen der uns umgebenden hegemonialen Verhältnisse am Ende unangetastet?

Ausgehend von der These, dass die Herstellung gesellschaftlicher Konsense nicht als Top-Down-Strategie (u.a. Moser) funktioniert, rücken Herstellungspraktiken (neuer) gruppeninterner Konsense in den Blick. Insbesondere solche, die sich mit den sie umgebenden hegemonialen Ordnungen auseinandersetzen.

Der Vortrag basiert auf meinem laufenden Promotionsprojekt, in dem kollektive transformatorische Bildungsprozesse als Herstellung gemeinsamer Visionen in Auseinandersetzung mit (schulischen) hegemonialen Ordnungen zum Gegenstand gemacht werden. Dazu werden Treffen von Gründungsinitiativen inklusiver Schulen in Anlehnung an die Dokumentarische Methode ausgewertet und anschließend ideologiekritisch diskutiert. Damit setzt die Arbeit an der Kritik einer Unterbestimmung des Weltverhältnisses (Rosenberg) im Kontext der Theorie transformatorischer Bildungsprozesse (u.a. Koller) an und sucht durch die Verknüpfung mit einem kritischen Ideologiebegriff (u.a. Gramsci, Rehmann) Zugänge zu kollektiven transformatorischen Bildungsprozessen.

Anhand erster Ergebnisse gehe ich der Frage nach, inwiefern die gemeinsame Kritik hegemonialer Ordnungen als Entgrenzung und damit als Krise zu fassen ist.

 

Au revoir la trajectoire?! – Nachdenken über soziostrukturelle Entgrenzungen und transformatorische Bildung.

Stefanie Hoffmann
Humboldt-Universität zu Berlin

Nicht nur räumliche, sondern auch soziale Mobilität prägt das gegenwärtige Gesellschaftsbild des Anthropozäns. Als eine Personengruppe, die soziale Mobilitätsprozesse vollzieht, lässt sich die der Wissenschaftlerinnen der ersten Generation identifizieren, also Personen aus nicht-akademischen Herkunftsmilieus, die als jeweils erste Person ihrer Familie einen Studienabschluss erwerben und in der Wissenschaft tätig sind. Sie vollziehen vertikale Positionsveränderungen im sozialen Raum und verzeichnen dabei nicht nur institutionalisierte, sondern mitunter auch transformatorische Bildungsprozesse für sich.

Der Krisenbegriff nimmt in transformatorischen Bildungstheorien eine exponierte Stellung ein und soll hier anhand der empirischen Rückgebundenheit an das Dissertationsprojekt der Autorin kritisch reflektiert werden. Über die Ausdifferenzierung des Krisenbegriffs in der transformatorischen Bildungstheorie hinweg soll – vor der Theoriefolie Bourdieus (1982) – herausgestrichen werden, 1) inwiefern Krisen als Agens für die Entgrenzung habitueller Rahmungen des nicht-akademischen Milieus sowie einer klassenspezifischen Trajectoire gelesen werden können. Daran anschließend wird diskutiert, 2) inwiefern jene Entgrenzungen als Konstitutionsprinzip und zugleich als Konsequenz für Bildungsprozesse im biographischen Kontext ausgedeutet werden können. Die wechselseitigen Irritationen zwischen Empirie des Dissertationsprojekts und Bildungstheorie sind dabei Ausgangspunkt der Darstellungen.

 

Entgrenzung im Selbst-, Fremd- und Weltverhältnis von Hilfe

Marlene Jänsch
Hochschule Fulda

Hilfesuchende, die nicht mehr auf bewährte Unterstützungssysteme zurückgreifen können und institutionell arrangierte Hilfeleistungen in Anspruch nehmen, treffen im Freiwilligenkontext auf bisher fremde hilfebietende Menschen. Hilfesuche und Hilfeangebot können beide als Versuche grenzsetzender Handlungsweisen gedeutet werden, die die komplexer werdenden gesellschaftlichen Hilfestrukturen unter veränderten globalisierten Bedingungen grundlegend transformieren. Anhand meines autoethnografischen Dissertationsprojektes mit Hilfepaaren stelle ich dar, welche Entgrenzungen in Hilfesituationen als Krise und möglicherweise transformatorisches Bildungspotenzial gedeutet werden können. In meiner Rekonstruktion der Hilfebeziehungen zeigen sich permanente Aushandlungsprozesse zum Gegenstand der Hilfe, zu Erwartung und Zuschreibung von Rollen und zum ungeklärten Beziehungscharakter. Die Beteiligten haben das Bedürfnis, Hilfebedarf und Hilfesuche selbstwirksam in „der Dialektik von Anpassung und Widerstand“ (Marotzki 1990) zu gestalten, so dass es zu Konflikten und Grenzüberschreitungen in Form von krisenhafter Orientierungslosigkeit und Überforderung kommt. Neu geschaffene Figuren des Selbst-, Fremd- und Weltverhältnisses (vgl. Fuchs 2011) in den Interaktionsprozessen bilden das Potenzial für transformierte Ordnungen von Hilfe.

 

Dem Fremden begegnen – entgrenzte Zwischenräume der Imagination neu zugewanderter Kinder

Serafina Morrin
Katholische Hochschule für Sozialwesen

Kinder, die neu in Deutschland sind, können Entgrenzungen nicht nur als räumliches Verlassen von Heimat erfahren, sondern auch als Entgrenzung des bisherigen Selbst- und Weltverhältnisses, dessen Transformation mit einer Krise verbunden sein kann (Koller 2012).

Als das nicht Greifbare schlechthin, entzieht sich das Fremde jeglicher Verbegrifflichung (Waldenfels 2020). Dem „anwesend Abwesenden“ (Kokemohr 2015) zu begegnen, bedeutet Veränderung, die die inneren Bilder des bisher Vertrauten und des wahrgenommenen Fremden zerstören kann.

Wenn das Fremde als solches nicht zugänglich werden kann, bedarf es eines imaginären Raumes, in dem sich die Paradoxie des Fremden aufzulösen scheint. In liminalen Zwischenräumen können mithilfe von Imaginationen und inneren Bildern (Wulf 2014) Gegensätze bestehen bleiben und Weltoffenheit (Scheler 1947) ausgestaltet werden. Denn ästhetische Erfahrung ermöglicht es, sich herauszureißen aus dem Raum, der Zeit und der Kausalität (Zirfas 2004).

Anhand empirischer Beispiele (Promotionsprojekt) aus einem videografierten Theaterprojekt mit neu zugereisten Kindern soll exemplarisch aufgezeigt werden, welche Rolle Imaginationen bei transformatorischer Entgrenzung spielen können.

 
14:00 - 16:00Entgrenzungen in und von Schule – verschiedene Perspektiven auf „Herausforderung“ als Entschulung durch die Schule
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 04
14:00 - 16:00Ethnografische Kindheitsforschung als Grenzerfahrung: Forschungsethische Fragen, Ansprüche und Positionierungen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 20
 

Chair(s): Hoa Mai Trần (University of Siegen, Deutschland)

Diskutant*innen: Nicoletta Eunicke (Johannes Gutenberg-Universität Mainz)

Ethnografische Grenzerfahrungen von Forschenden re- und dezentrieren die Praxis der Kindheitsforschung und geben Impulse für eine verstärkte Debatte über Forschungsethik. Trotz der langjährigen Forderung, Kinder als Akteur*innen und Forschungssubjekte anzuerkennen, bedarf die forschungsethische Auseinandersetzung in der Forschung mit und über Kinder mehr Aufmerksamkeit. Zwar wurden allgemeine ethische Kodizes von diversen Fachgesellschaften formuliert, doch die Perspektiven ethnografischer Kindheitsforschung sind bislang unzureichend berücksichtigt wurden. Ansprüche und Positionierungen in der Forschungsethik mit Kindern wird über Grenzerfahrungen der Forschenden konturiert, in dem offenen und unbequemen Fragen in der ethischen Auseinandersetzung nachgegangen wird. Ziel ist es, method(olog)ische und ethische Orientierungen sowie ethische Gütekriterien kritisch zu diskutieren und zu einer fachdisziplinäre Selbstvergewisserung zur ethischen Praxis in der Kindheitsforschung beizutragen.

 

Beiträge des Panels

 

Die Kinder des Erkenntnissubjekts – Natalität, Angewiesenheit und Alterität als Ausgangspunkte radikaler Forschungsethik

Sabine Hattinger-Allende
Universität Duisburg-Essen

Kindheitsforschung ist forschungsethisch besonders herausgefordert, da Kinder dem wissenschaftlichen Blick ausgesetzt sind, ohne akademische Wissensproduktion mitgestalten zu können. In diesem Beitrag wird die entgrenzte und entgrenzende Leidenschaft der Gegenwart kritisch befragt, „jeden Schleier beiseite zuwerfen, jede Oberfläche zu durchdringen, jede Barriere zu überwinden“ (Copjec 2006, S. 23). So müssen Wege gesucht werden, um dem Erkenntnissubjekt in seinem Begehren nach Wissen Grenzen zu setzen. Anhand einer Ethnographie zu Kindern als politische Subjekte im Kontext einer sozialen Bewegung wird dem forschungsethischen Diskurs der Selbstbegrenzung eine Ethik der Begegnung entgegengestellt. In Bezogenheit auf diejenigen, denen ich in den Zeit-Räumen der Bewegung begegnet bin einerseits und auf die Tradition feministischer Wissenschaftskritik andererseits, ergründe ich in Bezug auf Irigaray Alterität als Ausgangspunkt einer radikalen Forschungsethik (Irigaray 2010). Ich frage nach Angewiesenheit, Natalität und nach der Un/Möglichkeit einer Grenze, die vom anderen herkommt.

Copjec, Joan (2006): The Object-Gaze: Shame, Hejab, Cinema. In: Filozofski Vestnik 27 (2), S. 11-29 (Übersetzung von Autorin).

Irigaray, Luce (2010): Welt teilen. Freiburg, München: Karl Alber.

 

Forschungsethische Fragen in der ethnographischen Beobachtung: Das Folgedilemma der Beobachtung von Beobachtungen

Magdalena Hartmann
Leibniz Universität Hannover

Forschungsethische Fragen durchziehen alle Phasen eines (ethnographischen) Forschungsprozesses. In diesem Beitrag wird der Entstehungsprozess von empirischem Material im Rahmen einer ethnographischen Forschung zum Beobachtungs- und Dokumentationsverfahren des Early Excellence-Ansatzes fokussiert. Über die Frage der Entziehbarkeit von Kindern aus Beobachtungsprozessen von einer pädagogischen Fachkraft und mir, als Ethnographin, wird ein Folgedilemma identifiziert und über „das Prinzip der Schadensvermeidung und der Schutz der Rechte der untersuchten Personen [hier Kinder]“ (von Unger et al. 2014, S. 21) einer forschungsethischen Auseinandersetzung zugänglich gemacht. Vor diesem Hintergrund werden Fragen der Möglichkeiten der Grenzziehung von Kindern und von mir als Ethnographin in Erhebungs- und Analyseprozessen reflektiert, um darüber eine gemeinsame Diskussion über Herausforderungen von ethischen Fragen in (ethnographischen) Forschungsprozessen zu eröffnen.

Von Unger, Hella; Narimani, Petra & M´Bayo, Rosaline (Hrsg.) (2014): Forschungsethik in der qualitativen Forschung. Reflexivität, Perspektiven, Positionen. Wiesbaden: Springer VS.

 

Rationalität als Herausforderung: Verwicklungen in die Erfahrungen von Kindern in Institutionen

Bettina Brenneke
Universität Duisburg-Essen

Im Zuge forschungsethischer Perspektiven und Ansprüche rückt auch die ethnographische Wissensproduktion über Kinder und Kindheiten in ein neues Licht. Eine zentrale Herausforderung, die ich in meiner ethnographischen Studie zum Übergang vom Kindergarten und in die Grundschule bearbeite, sind Binaritäten, die Forschungspraxis und Wissensproduktion durchziehen. Dabei gilt es mit der Gefahr umzugehen, dass die eigene Perspektive und die Perspektiven der Kinder auf Ko-Konstruktionen von bspw. Kindergartenkind – Schulkind oder auch Kita – Schule eine dualistische und hierarchisierende Wirkung entfalten können. In dem Beitrag soll der Frage nachgegangen werden, wie ein wissenschaftliches (Nach-)Denken und Sprechen über kindliche Erfahrungen und Beziehungen, wie Käte Meyer-Drawe (2000) vorschlägt, im Sinne eines „Sowohl-als-Auch“ und „Weder-Noch“ stattfinden kann. „Zwischenmöglichkeiten“ (Meyer-Drawe 2000, 10) der Erkenntnis eröffnen sich, wenn Rationalität auch in ihrer leiblichen Dimension berücksichtigt wird. Im Fokus stehen Relationen und Verwicklungen, die wiederum die Grenzziehungen der Kinder, die an der Forschung beteiligt sind, sowie eigene (Erkenntnis-)Grenzen aufzeigen.

Meyer-Drawe, Käte (2000): Illusionen von Autonomie. Diesseits von Ohnmacht und Allmacht des Ich. 2. Auflage. München: Peter Kirschheim Verlag.

 

Zombies, Töten und die Momo-Challenge: Vom un/zumutbaren Content für Kinder im Kontext (medien)ethischer Fragen

Hoa Mai Trần
Universität Siegen

Im Beitrag wird der Frage nachgegangen, was Kindern in welcher Weise an digitalem Content zugemutet werden kann, wenn es um „problematische“ digitale Inhalte geht. Die ethnografisch-qualitativen Kindheitsforschungserfahrungen werfen durch irritierende, ethische Momente ethisch Fragen auf: Welche Rolle kommt der forschenden Person zu, wenn potentiell angstauslösende, gewaltvolle Inhalte von Kindern einsehbar werden? Der Umgang mit Grenzerleben (als integritätsüberschreitend) zwischen Kind und Erwachsenen divergiert mitunter. Entlang einer posthumanistischen Ethik, welche nicht mehr nur reaktiv-negativ, sondern als experimenteller Rahmen und Wechselbeziehung verstanden wird, wird die Forschende und das Handeln Teil eines agentiellen Arrangements. Dem mehr als Menschlichem im Handeln und der Forschungspraxis wird mehr Aufmerksamkeit gewidmet und dadurch die Ethik in der Forschung Kindern im digitalen Medienkontext neu überdacht.

Diaz-Diaz, Claudia & Semenec, Paulina (2020): Posthumanist and New Materialist Methodologies. Research After the Child. Singapore: Springer Singapore.

Guillemin, Marilys & Gillam, Lynn (2004): Ethics, Reflexivity, and “Ethically Important Moments” in Research. Qualitative Inquiry 10(2), S. 261–280.

Stapf, Ingrid, Prinzing, Marlis & Köberer, Nina (Hrsg.) (2019): Aufwachsen mit Medien. Zur Ethik mediatisierter Kindheit und Jugend. Baden-Baden: Nomos.

 
14:00 - 16:00Ethos im Lehrberuf: Pädagogische Haltung an der Grenze zwischen Ethik und Profession
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 13
 

Chair(s): Prof. Dr. Malte Brinkmann (HU Berlin, Deutschland), Prof. Dr. Eveline Christof (Universität für Musik und darstellende Kunst, Wien, Österreich), Prof. Dr. Michael Schratz (Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, Österreich)

Zur Erforschung des Berufsethos von Lehrer:innen gibt es keine klaren Befunde. Gleichwohl gehören Haltung bzw. Ethos zum Kernbestand der Vorstellungen von guten, kompetenten und professionellen Lehrpersonen. In dieser Arbeitsgruppe werden Ergebnisse eines Projektes eines internationalen Forschungsteams vorgestellt. Dieses hat im Zuge der Erstellung eines Manuals für Lehramtsstudierende, das Beispiele aus der unterrichtlichen Praxis enthält, eine pädagogisch-ethische sowie professionstheoretische Neufassung von Ethos als pädagogische Praxis erarbeitet: Ethos wird als Übung in der moralischen Entscheidungsfähigkeit bestimmt. Dieses sowohl theoretische als auch praktische Konzept an der Grenze zwischen Ethik und Profession soll vorgestellt und diskutiert werden, wie es für die Lehrer:innenbildung fruchtbar gemacht werden kann. Ausgehend von einem Unterrichtsbeispiel aus dem Manual werden allgemein-pädagogische, professionstheoretische und hochschuldidaktische Perspektiven aufgezeigt.

 

Beiträge des Panels

 

Haltung zeigen – Haltung üben. Ethos im Lehrberuf

Dr. Severin Sales Rödel1, Kristina-Maren Stelze2, Prof. Dr. Malte Brinkmann1
1HU berlin, Deutschland, 2HU Berlin, Deutshcland

Der Beitrag stellt ethische, bildungs- und übungstheoretische Grundlagen für eine Neufassung von Ethos als pädagogische Praxis vor. Ausgehend von einem Beispiel wird Ethos als moralische Entscheidungsfähigkeit unter Bedingungen von Differenz, Pluralität und Kontingenz bestimmt. Zunächst wird der Stand der Forschung zum pädagogischen und professionellen Ethos diskutiert und Desiderate benannt. Eng am Beispiel werden drei mit Ambivalenzen und Antinomien durchzogenen Dimensionen unterschieden: a) Ethos als situierte Handlung und gelungene Praxis; b) Ethos als Haltung im Kontext von Verantwortung; c) Ethos als leibliche, widerständige Stellungnahme auf der Basis (professioneller) Erfahrung. Daran anschließend wird die übungstheoretische Dimension verdeutlicht. Ethos als moralische Entscheidungsfähigkeit und urteilskräftiges Können basiert auf implizitem Wissen und Erfahrung. Es taucht nur in der Praxis und in je spezifischen situativen, ganzheitlichen, impliziten Erfahrungen auf. Es kann daher nicht im Sinne einer Instruktion oder Information gelehrt werden, sondern muss als moralische Entscheidungsfähigkeit eingeübt werden. Als ein Schritt auf dem Weg zur Entwicklung und Einübung eines professionellen Berufsethos werden schließlich Anschlüsse an unterschiedliche Domänen der pädagogischen Professionalität vorgestellt.

 

Entwicklung von Professionalität zwischen Wissenschafts- und Praxisbezug. Das EPIK-Modell

Dr. Gabriele Schauer, Prof. Dr. Michael Schratz, Robert Pham-Xuan
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, Österreich

Die Aneignung eines professionellen Berufsethos erfolgt in der kritischen Auseinandersetzung mit den strukturellen Anforderungs- und Handlungslogiken beruflicher Praxis. Dieser Entwicklungsprozess kann dabei nicht bewusst gesteuert werden, sondern vollzieht sich implizit durch die explizite Übung moralischer Entscheidungsfindungen. Die professionstheoretische Rahmung konkretisiert sich hierbei durch ein mehrperspektivisches Professionsdomänenkonzept, welches aus komplexen Bündeln von Fähigkeiten, Fertigkeiten, und Haltungen besteht, die wiederum in der schulischen Praxis in Beziehung zum jeweiligen Unterrichtsfach bzw. zur fachdidaktischen Vermittlung stehen. Die Verbindung zwischen dem Domänenkonzept und ethischen Handlungsvollzügen konkretisiert sich domänenspezifisch entlang einer normativ ethischen Vorstellung von Praxis. Durch diese Beziehung können die sich in den Beispielen zeigenden Ambivalenzen auch aus professionstheoretischer Perspektive beleuchtet werden. Hiervon ableitend, sollen die Domänen im Kontext des Übens moralischer Entscheidungsfähigkeit sowie urteilskräftigem Können, als eine professionstheoretische und pädagogische Reflexionsebene für situatives und handlungsproblematisches Handeln sensibilisieren. Die Verbindung zwischen professionstheoretischen und ethischen Implikationen wird als eigenständiger reflexiver Schritt zur Einübung eines Berufsethos anhand des vorgestellten Beispiels exemplifiziert.

 

Ein Manual als professionsspezifisches Instrument zur Einübung eines pädagogischen Ethos

Dr. Evi Agostini1, Prof. Dr. Eveline Christof2, Prof. Dr. Johanna Schwarz3
1Uni Wien, 2Universität für Musik und darstellende Kunst, Wien, Österreich, 3Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, Österreich

Dieser Beitrag stellt das Konzept sowie die theoretische Fundierung des oben beschriebenen Manuals vor, zeigt beispielhaft dessen Umsetzungsmöglichkeiten auf und gibt Einblicke in erste Anwendungen. Es wird der Frage nachgegangen, wie Ethos als moralische Entscheidungsfähigkeit im Sinne der aristotelischen Phronesis in der Lehrer:innenbildung vermittelt werden kann und mit welchen Herausforderungen dabei zu rechnen ist. Dafür werden erstens die unterschiedlichen (hochschul-)didaktischen Schritte vorgestellt, wie das Finden und Begründen unterschiedlicher Lesarten einer Situation, das Durchleben von Phasen der Irritation und Distanzierung sowie das Erkennen und Abwägen alternativer Handlungsmöglichkeiten. Im Durchleben der in den Beispielen aufgezeigten Ambivalenzen wird den ethischen Prämissen Rechnung getragen, dass erstens die ,Angemessenheit‘ einer situativen, praktischen Handlungserfahrung erst im Nachhinein thematisiert, eingeschätzt und beurteilt werden kann und zweitens diese ,Angemessenheit‘ nicht darin besteht, nach normativen Vorgaben innerhalb festgesetzter Grenzen zu handeln, sondern das Besondere an einer Situation wahrzunehmen und im Sinne einer moralischen Entscheidungsfindung darauf zu antworten. Anhand der konkreten Umsetzung und Evaluation sollen abschließend erste empirische Ergebnisse im Hinblick auf die Herausbildung eines pädagogischen Ethos diskutiert werden.

 
14:00 - 16:00Facetten der Lehrkompetenz in Hochschule und Erwachsenenbildung: Entgrenzt oder begrenzt denk- und anwendbar?
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 09
 

Chair(s): Prof. Dr. Stefanie Hartz (TU Braunschweig, Deutschland), Prof. Dr. Annika Goeze (Universität Tübingen), Dr. Kirsten Aust (TU Braunschweig, Deutschland)

In der Arbeitsgruppe wird zunächst ein ausdifferenziertes Kompetenzmodell für die Hochschullehre vorgestellt. In den drei Einzelbeiträgen werden dann verschiedene Facetten des Modells ausgeleuchtet und in einer anschließenden Diskussion bezüglich ihrer bildungsbereichsübergreifenden Gültigkeit reflektiert. Den drei Beiträgen ist gemein, anhand von pädagogischen Interventionen und der Messbarmachung von Outputs dazu beizutragen, verschiedene Facetten der Lehrkompetenz in unterschiedlichen Bildungsbereichen zu erfassen und zu beschreiben. Dabei spielt in den vorgestellten Projekten der Einsatz von Videos eine zentrale, je unterschiedlich akzentuierte Rolle. Ziel der Arbeitsgruppe ist es, Lehrkompetenzen über die engen teildisziplinären Grenzen in der Erziehungswissenschaft hinweg zu betrachten und zu eruieren, welche Bestandteile von ihnen entgrenzt oder nur begrenzt auf bestimmte Bildungsbereiche (vor allem Hochschule, Erwachsenen- und Weiterbildung) denk- und anwendbar sind.

 

Beiträge des Panels

 

Lehrkompetenz an der Hochschule: Der Einfluss hochschuldidaktischer Weiterbildung und des Vorwissens auf die Entwicklung des Könnens

Dr. Kirsten Aust, Prof. Dr. Stefanie Hartz
TU Braunschweig

Die Lehrkompetenz der Lehrenden gilt bildungsbereichsübergreifend als Nadelöhr für gelungene Lernprozesse (vgl. Hattie 2009, Autoren XXXX). Während Lehrende an Schulen im Rahmen ihres Lehramtsstudiums diesbezüglich geschult werden, haben Lehrende an Hochschulen überwiegend keine pädagogische, methodisch-didaktische Ausbildung. Hochschuldidaktische Weiterbildungsangebote, die in der Regel gut akzeptiert sind, über deren Wirksamkeit jedoch bislang nur wenige bekannt ist, sollen hier gegensteuern. Der Beitrag beschäftigt sich mit Lehrkompetenz an Hochschulen und adressiert die beiden Kompetenzkomponenten Wissen und Können sowie die Entwicklung des Könnens im Zusammenhang mit dem Wissen. Zur Erfassung derselben wurden in einem BMBF-geförderten Projekt u. a. ein Wissenstest zu pädagogischen, methodisch-didaktischen Inhalten sowie ein Ratingmanual zur Auswertung des Könnens mittels Videoanalysen entwickelt. Im Kontrollgruppendesign wurden Lehrende (mit und ohne hochschuldidaktische WB) zu drei Messzeitpunkten (pre, post, follow up) beforscht. Statistische Analysen zeigen auf der Basis von n (1. MZP/3.MZP) =109/91 Videos Veränderungen in verschiedenen Facetten des pädagogischen, methodisch-didaktischen Könnens und analysieren den Einfluss des Wissens auf die Könnensentwicklung. Die Ergebnisse werden insbesondere im Hinblick auf den Einfluss von Wissen für die Könnensentwicklung hinsichtlich ihrer Bedeutsamkeit grenzüberschreitend für andere Bildungsbereiche diskutiert.

 

Die Entwicklung von Lehransätzen Hochschulehrender

Caroline Kurtz
TU Braunschweig

Eine Facette des Kompetenzmodells bildet der Bereich der „Überzeugungen/Werthaltungen/Lehr-Lernphilosophie“. Dieser kann knapp als Annahmen, Vorstellungen oder Konzepte über Lehren und Lernen, die Hochschullehrenden immanent sind und sich auf deren Lehrhandeln auswirken, verstanden werden.

Der vorliegende Beitrag fokussiert diesen Bereich des Kompetenzmodells und untersucht u.a. die Entwicklung von Lehransätzen Hochschullehrender, die an hochschuldidaktischer Weiterbildung teilnehmen, zu drei Messzeitpunkten. Lehransätze werden nach Lübeck (2009) als Schnittstelle zwischen dem, was Lehrende für lehrrelevante Gedanken haben und dem beobachtbaren Verhalten, aufgefasst. Ziel ist es den begrenzten üblichen Zugang zu Lehransätzen über Selbsteinschätzung durch die Hinzunahme der Handlung (durch Videos) und des pädagogischen Wissens zu ergänzen. Durch die Verbindung der drei Messzeitpunkte können nicht nur Veränderungen über die Zeit hinweg abgebildet, sondern es kann auch geprüft werden, ob Zusammenhänge zwischen der Selbsteinschätzung, des Wissens und der Handlung bestehen. Die Befunde lassen sich zudem auf den Bereich der Schule entgrenzen, da der Diskurs der Hochschule auf dem der Schule aufbaut (Lehrkraftüberzeugungen) und diesen um das Konzept der Lehransätze sowie um die Relationierung von Wissen, Selbsteinschätzung und Handlung hinsichtlich der Lehrkraftüberzeugungen erweitern kann.

 

Die Förderung der Kompetenz zur Diagnose von Lehr-Lernsituationen bei erfahrenen Lehrkräften: Wie kann sie gelingen und gilt sie über Bildungsbereichsgrenzen hinweg?

Prof. Dr. Annika Goeze1, Dr. Petra Hetfleisch1, Prof. Dr. Josef Schrader2
1Universität Tübingen, 2Deutsches Institut für Erwachsenenbildung

Die Kompetenz zur Diagnose von Lehr-Lernsituationen wird als wichtige Voraussetzung für professionelles Lehrhandeln in Hochschule und Erwachsenenbildung angesehen. Mit ihr ist die Fähigkeit gemeint, Lehr-Lernsituationen differenziert beschreiben, sie aus verschiedenen Perspektiven der handelnden Akteure deuten und mithilfe von allgemein- bzw. fachdidaktischem oder pädagogisch-psychologischem Wissen analysieren zu können sowie daraus eine Falldiagnose zu gewinnen, die wesentliche Aspekte des Lehr-Lerngeschehens erfasst (Autoren, xxxx). Experimentelle Studien zeigen, mit welchen didaktischen Anreicherungen authentische Videofälle aus Weiterbildungskursen besonders dafür geeignet sind, diese Kompetenz bei Lehr-NovizInnen der Erwachsenenbildung gezielt zu fördern (Autoren, xxxx).

Ungeklärt ist hingegen bislang, ob und ggf. in welchem Ausmaß dies auch für bereits praktisch tätige Lehrende mit Lehr-Vorerfahrung gilt, die weit überwiegend die (Hochschul-)Weiterbildung prägen und für die kaum Fortbildungen existieren, deren Wirksamkeit im intendierten Sinne (jenseits von Evaluationsbögen) belegt ist: Präsentiert werden die Ergebnisse einer im Feld durchgeführten quasi-experimentellen Pre-Post-Follow-up-Interventionsstudie (n = 104 NovizInnen sowie n = 80 erfahrene ErwachsenenbildnerInnen), die durch insgesamt drei Messzeitpunkte den Verlauf und die Determinanten dieser Kompetenzentwicklung abbildet. Insbesondere die Generik der Befundlage wird diskutiert.

 
14:00 - 16:00Forschendes Lernen in der universitären Lehrer*innenbildung: Befunde rekonstruktiver Studien zu Anforderungen und Bearbeitungen in der Anfangsphase
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 31
 

Chair(s): Dr. Jan-Hendrik Hinzke (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Deutschland), Prof. Dr. Angelika Paseka (Universität Hamburg)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Tobias Leonhard (Fachhochschule Nordwestschweiz)

Obgleich mit dem Aufschwung Forschenden Lernens in Lehramtsstudiengängen (etwa Schiefner-Rohs et al., 2019) die wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem hochschuldidaktischen Format zugenommen hat, bleiben empirische Beiträge rar. Weiterhin ist relativ unklar, ob, unter welchen Bedingungen und auf welche Weise die mit Forschendem Lernen verbundenen Ziele erreicht werden können (etwa Fichten & Weyland, 2019). Es fehlt v.a. an qualitativ-rekonstruktiven Studien, die Prozesse, Akteursperspektiven und die Bedeutung von Fachkulturen in den Blick nehmen (Herzmann & Liegmann, 2019).

In der Arbeitsgruppe fokussieren drei rekonstruktiv angelegte Forschungsprojekte die Frage, wie sich Forschendes Lernen in Praktiken und Orientierungen an fünf Universitätsstandorten durch verschiedene Akteur*innen und in verschiedenen Fachkulturen zeigt. Dabei fokussieren alle Projekte die Ausgangslage anvisierter Professionalisierungsprozesse und damit die Anfangsphase Forschenden Lernens.

 

Beiträge des Panels

 

Kommunikative Aushandlungen Forschenden Lernens. Adressierungsanalysen zum universitären Seminargeschehen in der Vorbereitung auf das Praxissemester

Prof. Dr. Petra Herzmann1, Dr. Anke B. Liegmann2
1Universität zu Köln, 2Universität Duisburg-Essen

Die für die Praxis universitärer Lehrer*innenbildung insgesamt zu konstatierende empirische Black Box (Herzmann et al., 2019) lässt sich auch für Forschungen zu Seminaren im Kontext des Praxissemesters ausmachen. Bislang liegen kaum Studien vor, die das Forschende Lernen als Seminargeschehen untersuchen (z.B. Stövesand, 2019; Katenbrink et al., 2019). Unsere Studie fokussiert den operativen Vollzug des Vermittlungs- und Aneignungsgeschehens Forschenden Lernens, mit dem Ziel, das seminaristische Sprechen über das Forschende Lernen als Aushandlungsgeschehen der Akteure zu rekonstruieren. Dazu werden 5 Vorbereitungsseminare zum Praxissemester aus den Bildungswissenschaften und verschiedenen Fachdidaktiken mittels eines adressierungsanalytischen Zugangs untersucht (Herzmann & Liegmann, 2020). Für den Tagungsbeitrag konzentrieren wir uns auf die Anfangssitzungen. In den Blick genommen wird, wie sich Dozent*innen und Student*innen am Beginn der seminaröffentlichen Behandlung zu den normativ-programmatischen Erwartungen Forschenden Lernens positionieren. Erste Befunde zeigen, dass sich die Thematisierungen Forschenden Lernens in den untersuchten Seminaren hinsichtlich des Fokus Forschenden Lernens (Unterricht theoriebegründet planen vs. Unterricht evaluieren) unterscheiden. Diese Beobachtung nehmen wir zum Anlass, die Aushandlungsprozesse Forschenden Lernens entlang von Ansprüchen, Zuständigkeiten und Traditionen von Bildungswissenschaften und Fachdidaktiken zu diskutieren.

 

Perspektiven von Hochschullehrenden auf Forschendes Lernen. Empirische Befunde zur Bedeutung von fachkulturellen Differenzen

Prof. Dr. Melanie Fabel-Lamla, Prof. Dr. Peter Frei, Prof. Dr. Katrin Hauenschild, Prof. Dr. Barbara Schmidt-Thieme, Dr. Ulrike Schütte, Dr. Dennis Wolff
Stiftung Universität Hildesheim

Bei der Umsetzung von Konzepten des Forschenden Lernens wird Hochschullehrenden zwar eine hohe Bedeutung zugesprochen (Huber, 2009), doch stehen diese bisher nur vereinzelt im Fokus empirischer Untersuchungen (Karber & Wustmann, 2015; Brandhorst et al., 2020). Insofern ist wenig über ihr Verständnis von Forschendem Lernen und ihre jeweiligen Erwartungen oder auch Bedenken bekannt.

Im Rahmen einer Begleitforschung zum Format Forschenden Lernens (Projektband), das parallel zur Praxisphase angeboten wird, werden neben den Erfahrungen und Einschätzungen der Studierenden auch die Perspektiven der Hochschullehrenden untersucht. Hierfür wurden mit 22 Fachdidaktiker*innen und Bildungswissenschaftler*innen qualitative Interviews zu Beginn ihres Projektbands geführt, wobei für die Auswertung auf die Grounded Theory (Strauss, 1994) zurückgegriffen wurde.

Die Hochschullehrenden wurden nach ihrem Verständnis von Forschendem Lernen, ihren konzeptionellen Überlegungen bei der Gestaltung des Vorbereitungs-, Begleit- und Nachbereitungsseminars sowie ihren Einschätzungen zur Bedeutung Forschenden Lernens für die Professionalisierung von Lehrkräften befragt. Im Vortrag soll insbesondere auf die Differenzen, die sich in den Rekonstruktionen der Bedeutungszuschreibungen von Forschendem Lernen und Professionalisierungserwartungen sowie in den geplanten praktischen Realisierungen zeigen, fokussiert werden. Erste Befunde zeigen, dass hierbei vor allem unterschiedliche Fachkulturen zum Tragen kommen.

 

Perspektiven von Lehramtsstudierenden auf Forschendes Lernen. Zur qualitativen Erschließung des Aufbaus einer forschenden Haltung

Vanessa Boldt1, Alexandra Damm2, Dr. Jan-Hendrik Hinzke3, Prof. Dr. Angelika Paseka1
1Universität Hamburg, 2Universität Bielefeld, 3Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Forschendes Lernen als hochschuldidaktisches Design (Huber & Reinmann, 2019) wird in der Lehrer*innenbildung mit der Hoffnung auf die Entwicklung eines forschenden Habitus bzw. einer forschenden Haltung bei angehenden Lehrkräfte eingesetzt (etwa Fichten, 2019). Inwieweit Forschendes Lernen dazu in der Lage ist, ist dabei empirisch noch weitgehend ungeklärt (Paseka & Hinzke, 2018). Zielsetzung des Beitrags ist daher, auf Basis einer explorativen Studie zur Beantwortung dieser Frage beizutragen.

Die empirische Basis bilden Gruppendiskussionen mit Lehramtsstudierenden, die in vier Lehrveranstaltungen zum Forschenden Lernen an zwei Universitätsstandorten (Hamburg, Bielefeld) erhoben werden. Die Auswertung der Daten erfolgt mit der Dokumentarischen Methode (Bohnsack, 2014). Für den Tagungsbeitrag werden die Daten aus der ersten Erhebungsphase, d.h. zu Beginn der Lehrveranstaltungen, vorgestellt. Im Zentrum dieser Erhebungen stehen jene studentische Erfahrungen mit Forschen, die von den Studierenden v.a. im vorangegangenen erziehungswissenschaftlichen, fachlichen und fachdidaktischen Studium gemacht wurden.

Erste Befunde aus einer Vorstudie (Hinzke & Paseka, 2021) lassen vermuten, dass die Studierenden ihre Erfahrungen mit Forschen unterschiedlich rahmen. In der Diskussion der Befunde wird danach fragt, was derartige Unterschiede zu Seminarbeginn für die Entwicklung einer forschenden Haltung qua Forschendem Lernen bedeuten.

 
14:00 - 16:00Grenzüberschreitungen im schulischen Kontext empirisch messen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 27
 

Chair(s): Dr. Anne Piezunka (Goethe-Universität Frankfurt, Deutschland), Josefine Matysiak (Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung), Dr. Linda Supik (Goethe-Universität Frankfurt)

Diskutant*innen: Dr. Ruta Yemane (Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung), Benjamin Schulz (Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung)

Im schulischen Kontext kommt es immer wieder zu Grenzüberschreitungen in Form von Diskriminierung bzw. seelischer Gewalt gegenüber Schüler_innen (z. B. Krumm & Weiß 2000; Karabulut 2020, Prengel 2019). In der empirischen Sozialforschung wird das Ziel verfolgt unter anderem mit Hilfe von quantitativen Datenerhebungen verschiedene Formen von Grenzüberschreitungen im schulischen Kontext sichtbar zu machen. Hierbei zeigt sich jedoch, dass bestimmte Aspekte in der Operationalisierung, also der Umwandlung von theoretischen Konzepten in empirisch messbare Merkmale, bisher nicht ausreichend berücksichtigt werden (u. a. Aikins et al. 2020; Baumann et al. 2018, Matysiak 2018; Gyamerah 2015). Im Rahmen der Arbeitsgruppe setzen wir uns mit verschiedenen Aspekten in Bezug auf die empirische Messbarkeit von seelischer Gewalt bzw. Diskriminierung auseinander, wie subjektiven Deutungen von seelischer Gewalt, Herausforderungen aus wissenschaftlicher Perspektive sowie Aspekten der Operationalisierung.

 

Beiträge des Panels

 

Subjektive Deutungen von Grenzüberschreitungen durch Lehrkräfte

Dr. Anne Piezunka
Goethe-Universität Frankfurt

Der erste Beitrag arbeitet mit Hilfe von leitfadengestützten Interviews heraus, wie Grenzüberschreitungen aus der Perspektive von Lehrkräften gedeutet werden. Dabei liegt der Fokus auf seelischer Gewalt, weil dieses Konzept es ermöglicht Erfahrungen zu berücksichtigen, die über eine Ungleichbehandlung aufgrund einer oder mehrerer Differenzkategorien hinausgehen. Zentrale Themen der Interviews sind, inwiefern seelische Verletzungen aufgrund der Selektionsfunktion von Schule (vgl. Fend 2006) überhaupt vermeidbar sind und wer die Definitionsmacht in Bezug auf seelische Gewalt haben sollte. Durch die Anwendung des Sensemaking-Ansatzes (vgl. Spillane et al. 2002; Weick 1985) wird das Ziel verfolgt, die verschiedenen Rahmenbedingungen, die bei der Deutung eine Rolle spielen, z. B. biographische Erfahrungen, in den Blick zu nehmen. Die Aussagen der Lehrkräfte werden in Bezug gesetzt zu rechtlichen Vorgaben zu seelischer Gewalt, z. B. Nennung in den Schulgesetzen und Rechtsprechungen, sowie in Bezug auf theoretische und empirische Arbeiten aus der Forschung zu Diskriminierung (z. B. Hormel und Scherr 2010) sowie der Beziehung zwischen Lehrkräften und Schüler_innen (z. B. Kowalski 2020, Pianta 1999, Hagenauer & Raufelder 2020; Richey et al. 2014).

In Bezug auf die empirische Messbarkeit wird ein Beitrag zur Definition von seelischer Gewalt geleistet und deutlich gemacht, inwiefern es unterschiedliche Deutungen hiervon aus der Perspektive von Lehrkräften gibt.

 

Wissenschaftliche Herausforderungen bei der empirischen Festlegung von Differenzlinien

Josefine Matysiak
Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung

Für eine empirische Sichtbarmachung von Diskriminierungen im schulischen Kontext ist es notwendig, Differenzlinien zu operationalisieren. Daher ist ein Ziel der quantitativen Bildungsforschung, die betroffenen Gruppen durch Kategorisierungen in Datensätzen möglichst präzise zu schätzen.

Im zweiten Beitrag wird auf definitorische Herausforderungen für Forschende am Beispiel des Migrationshintergrundes eingegangen. Diese Kategorie weist eine große Diskrepanz zwischen ihrer statistischen Operationalisierungsweise (u. a. Kemper & Supik 2018), dem rassifizierenden gesellschaftlichen Verständnis (vgl. Horvath 2019) sowie einer kritischen Perspektive der durch die Kategorie Bezeichneten auf (vgl. Aikins 2020, Ahyoud et al. 2018). Auf der Grundlage von problemzentrierten Interviews mit Sozialwissenschaftler_innen der Bildungsforschung wird deren Verständnis der Differenzlinie Migrationshintergrund sowie die daran anknüpfende Forschungspraxis mithilfe des Sensemaking-Ansatzes nach Weick (1985) analysiert und bestehende wissenschaftliche Herausforderungen herausgearbeitet. Zentrale Themen sind hierbei die Definitionsmacht, die resultierende (Re-)Produktion von gesellschaftlichen Kategorisierungen und Diskriminierungsmustern sowie die Herausforderungen der Operationalisierungsweise.

 

Die Operationalisierung von Differenzlinien und subjektiven Diskriminierungserfahrungen

Dr. Linda Supik
Goethe-Universität Frankfurt

Um Diskriminierung aus der Betroffenenperspektive in Surveys zu erfassen, müssen einerseits die Befragten Erfahrungen in eindeutiger Weise benennen können, und andererseits Gruppenvergleiche zwischen den Befragten möglich sein, um Gruppen mit hohem und niedrigen Diskriminierungsrisiko unterscheiden zu können. Im Rahmen des Beitrags werden beide Aspekte der Diskriminierungsmessung näher betrachtet.

Im ersten Schritt werden Ansätze zur Operationalisierung von subjektiven Diskriminierungserfahrungen vorgestellt. Die Frage „Wie oft wirst Du diskriminiert?“ eignet sich beispielsweise nicht für einen Survey, da der Begriff nicht allgemeinverständlich ist, und auch unter Wissenschaftler_innen Verständnisse divergieren. Zielführend ist vielmehr, die Bandbreite von Erfahrungen, die im rechtlichen Sinne den Tatbestand von Diskriminierung erfüllen, differenziert zu erfassen. So wurde in der gesundheitswissenschaftlichen Forschung die Alltagsdiskriminierungsskala vorgeschlagen (vgl. Schumann/ Kajikhina u.a. 2019), die sich auch für die Bildungsforschung eignet. Die Skala ermöglicht es, intersektionale und horizontale Diskriminierungserfahrungen gebündelt zu erfassen.

Zur Diskussion gestellt wird in einem zweiten Schritt die selbstwahrgenommene Fremdzuschreibung, (auch auto hetero perception oder perceived gender/ethnicity) als das Messkonstrukt, mit dem Diversitätsdimensionen (Geschlecht, Ethnizität, Behinderung usw.) für Gruppenvergleiche abgebildet werden können.

 
14:00 - 16:00Institutionelle Be- und Entgrenzungen im transnationalen Bedingungsgefüge. Schule zwischen Re- und Transnationalisierung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 22
 

Chair(s): Dr. Melanie David-Erb (Goethe-Universität Frankfurt, Deutschland), Dr. Friederike Dobutowitsch (Leuphana Universität Lüneburg), Dr. Caroline Gröschner (TU Braunschweig)

Die AG thematisiert Be- und Entgrenzungen auf bildungsinstitutioneller Ebene, die sich im Zusammenhang mit transnationalen Lebenswelten von Schüler*innen ergeben. Die Beiträge stützen sich auf Erkenntnisse aus drei aktuellen qualitativ empirischen Projekten, die sich mit Grenzen und ihrer Aufhebung im Kontext Schule aus einer transnationalen Perspektive auseinandersetzen und laden zur Diskussion theoretischer wie methodischer Herausforderungen ein.

Im Zentrum der Analysen stehen dabei Schulen als Organisationen und deren Umgang mit sich zunehmend transnational gestaltenden Lebenswirklichkeiten von Schüler*innen, sowie die Perspektive von Individuen, die als Beteiligte auf der Mikroebene an institutionellen Praktiken teilhaben.

Die Beiträge versammeln sich um folgende Kernfragen: Wie gehen Schulen auf transnationale Bedingungen ein? Wie werden institutionelle Grenzen konstruiert und wie nehmen die unterschiedlichen Akteur*innen diese Grenzen wahr? Wo werden sie aufgehoben oder geöffnet?

 

Beiträge des Panels

 

Formale und non-formale Bildungsinstitutionen in transnationalen Realitäten. Bildungskooperationen aus einer Perspektive der Mesoebene

Dr. Melanie David-Erb
Goethe-Universität Frankfurt

Ein Desiderat der erziehungswissenschaftlichen Transnationalisierungsforschung betrifft den non-formalen Bildungssektor (Pfaff u.a. 2019). Diverse private Initiativen kooperieren mit Schulen des formalen Sektors. Dabei positionieren sie sich in einem Spannungsfeld des Partikularen (exklusive Zielgruppe) und des Transnationalen (Grenzüberschreitenden) bei gleichzeitiger Angliederung an ein öffentliches Schulsystem, das als Maßstab für das zu Lernende gilt. Diese Rahmenbedingungen konstituieren ein Umfeld, in dem die Bedürfnisse von Lernenden mit transnationalen Biografien besondere Berücksichtigung finden können.

Daher zielt der Vortrag auf die Analyse des Zusammenspiels von formalen und non-formalen Bildungsinstitutionen. Zentral ist die Frage nach Gelingensbedingungen von Kooperationen, die an der Schnittstelle von formalen und non-formalen Angeboten agieren; dadurch gerät auch die Rolle non-formaler Akteur*innen im formalen System in den Blick.

Exemplarisch wird die Kooperation zwischen einem non-formalen Bildungsträger und formalen Schulen untersucht, im Rahmen derer sich junge Menschen mit transnationalen Biografien auf den Schulabschluss vorbereiten. Die Analysen von Experteninterviews mit Projekt- und Schulleitungen und von teilnehmenden Beobachtungen an den Koordinationsgesprächen geben Aufschluss über Mechanismen der Kooperation und über Strukturen der Be- und Entgrenzung von formalen Institutionen in Hinblick auf Anforderungen transnationaler Bedingungen ihres Umfeldes.

 

Grenzziehungen in der Grundschule. Re- und transnationale Vorstellungen von Grundschulleitungen in „sozial deprivierter“ Lage

Dr. Caroline Gröschner
TU Braunschweig

Ausgehend von der Annahme, dass im Sprechen über Schüler*innen in der Schule sich Zuschreibungen herkunftsbedingter Andersheiten zeigen, sollen Aussagen von Grundschulleitungen, die als bedeutende Akteur*innen im Rahmen der Gestaltung und Entwicklung von Schule betrachtet werden (ex. Rolff 2012), in den Fokus des zweiten Beitrags gerückt werden. Dieses Sprechen setzt dabei auch den Rahmen pädagogischen Handelns innerhalb der Schule und konstituiert das Selbstverständnis von Schulleitungen und Schule und legt die schulisch legitimierten Normen sowie die Ausgestaltung des schulischen Alltags fest. Der Beitrag verhandelt mithilfe von Expert*inneninterwiews, die qualitativ rekonstruktiv analysiert wurden, unterschiedliche Perspektiven und Handlungsorientierungen sowie (trans-)nationale Vorstellungen von Grundschulleitungen in „sozial deprivierter“ Lage, die leitend für den schulischen Alltag sind. Sichtbar wird, dass durch die Zuschreibungen von „kulturellen“ Differenzen, die vor allem als Defizite und Abweichungen von der Norm bewertet werden, das pädagogische Handeln seitens der Schule legitimiert und daran ausgerichtet wird. Solche Zuschreibungen werten dabei transnationale Lebenswelten ab und verweisen auf diese Weise auf nationale Norm(-vorstellung)en und Orientierungen (auch) an Grundschulen in „sozial deprivierter“ Lage. Diese Setzungen durch Schulleitungen können als Be- und Entgrenzung von schulischem Handeln und somit als Konstruktion des Normalen verstanden werden.

 

Der schulische (Fremd-)Sprachenkanon als Anlass für die Be- und Entgrenzung transnationaler Bildungsbiographien. Retrospektive Deutungen von Erfahrungen als Schüler*in durch mehrsprachige Studierende.

Dr. Friederike Dobutowitsch
Leuphana Universität Lüneburg

Transnationale Migrationserfahrungen junger Menschen gehen häufig mit dem Besuch mehrerer nationaler Bildungssysteme mit je unterschiedlichen majoritären Instruktionssprachen und Fremdsprachenangeboten einher. Nicht zuletzt die Debatte des Rats für Migration im Jahr 2020 macht mit Blick auf die Schulbildung in Deutschland deutlich, dass der schulische Sprachenkanon nur in begrenztem Maße das im transnationalen sozialen Raum erworbene Sprachkönnen aufzugreifen vermag (Vogel 2020; auch: Hopp & Jakisch 2020). In der Folge scheint eher eine Gleichzeitigkeit von schulischen Fremdsprachenangeboten und einer Dethematisierung oder Diskriminierung von transnational erworbenem Sprachkönnen der Fall zu sein.

Ausgehend von diesem Bedingungsgefüge stellt der Beitrag Erfahrungen und Strategien von Schüler*innen selbst in den Fokus. Die Daten entstammen sprachbiographischen Erzählungen mehrsprachiger Studierender, die retrospektiv auf ihre transnationalen schulischen Erfahrungen zurückblicken. Die Erzählungen zeugen von ermöglichenden und begrenzenden Momenten im Erfahrungsraum des schulischen Fremdsprachenunterrichts und werden in dem Beitrag anknüpfend an migrationspädagogische Perspektivierungen über die Macht der Sprache(n) (Dirim u.a. 2018) eingeordnet und diskutiert.

 
14:00 - 16:00Kein Unterricht, aber Schule: (mediale) Praktiken an der Peripherie von Schule-halten
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 35
 

Chair(s): Dr. Isabel Neto Carvalho (TU Kaiserslautern, Deutschland), Prof. Dr. Mandy Schiefner-Rohs (TU Kaiserslautern, Deutschland), Carina Troxler (TU Kaiserslautern, Deutschland)

Die Pandemiegeschehen zeigt, dass Unterricht ein fragiles Konstrukt ist, für das es aktuell neue Beschreibungen braucht. Meist wird gefragt, was „guter“ Unterricht sei, und dies unterschiedlich beantwortet. Anders als in praxeologisch-kulturtheoretischen Unterrichtsdiskursen, bleibt hier ungeklärt, wie Unterricht, als Konglomerat aus performativen Handlungsakten und Subjektpositionierung, immer wieder neu hervorgebracht wird. Die Schulschließungen haben Entgrenzungsprozesse in ungeahnter Weise sichtbar gemacht. Schule in der Digitalität lässt die zur Hilfe genommenen Grenzen institutioneller Rahmungen wie Raum und Zeit verschwimmen. Die Arbeitsgruppe erkundet Orte und Zeitgefüge, an denen „Schule“ stattfindet, die aber aus Akteursperspektive kein „Unterricht“ im engeren Sinn sind. Sie analysiert aus einer interdisziplinär-ethnographischen Perspektive Praktiken, die an der Grenze von unterrichtlichem Geschehen stattfinden, um sich von „Außen“ einer Bestimmung von Unterricht anzunähern.

 

Beiträge des Panels

 

„Zuhause-Schule“ – Ethnographische Beobachtungen zu Unterricht außerhalb der institutionellen Grenzen von Raum und Zeit

Dr. Isabel Neto Carvalho, Prof. Dr. Mandy Schiefner-Rohs, Carina Troxler
TU Kaiserslautern, Deutschland

Der Frage folgend, wie sich unterrichtliches Geschehen an seinen Grenzen zeigt, werden im Vortrag aus medien- und schulpädagogischer Perspektive Einblicke in Praktiken von Lehrpersonen, Schüler*innen und Eltern während der Schulschließungen im letzten Jahr gegeben. Zur Erweiterung und empirischen Sättigung der v.a. quantitativ geprägten Forschungsperspektive (vgl. z.B. Fickermann & Edelstein, 2020) auf die „Zuhause-Schule“ (der Begriff wird von einer der von uns untersuchten Familien verwendet) nehmen wir ethnographisch-rekonstruierend (Heim-)Arbeitsplätze von Lehrer*innen und das Lerngeschehen im Zuhause der Schüler*innen in den Blick, um die Vorbereitung und Umsetzung von Lernofferten zu beobachten. Im Rahmen des Vortrags werfen wir Schlaglichter auf verschiedene (mediale) Praktiken: Vorbereitungspraktiken von Lehrpersonen, die z. B. nach multimedialen Lernmitteln recherchieren und Lehrfilme produzieren. Im Zuhause der Schüler*innen sind ebenso sich transformierende Praktiken erkennbar: wir sehen Eltern, die Lernstoff selektieren, reduzieren und alternative Lernwege suchen. Diese ordnen wir schultheoretisch betrachtet dem Kerngeschäft von Lehrpersonen zu. Demnach lassen sich auch Rollenwechsel erkennen, durch die Eltern zu aktiven (Co-)Gestalter*innen der Zuhause-Schule werden. Durch das In-Beziehung-Setzen dieser unterschiedlichen Praktiken an den Grenzen von Schule und der damit verbundenen Ent-Grenzung von Unterricht kann auf dessen aktuelle Gestalt geschlossen werden.

 

“Ringen um Ordnung” an den Rändern von Schule – (Un)doing School in außerunterrichtlichen Ganztagsangeboten

Prof. Dr. Till-Sebastian Idel
Karl von Ossietzky-Universität Oldenburg, Deutschland

Der Vortrag stützt sich auf Ethnographien außerunterrichtlicher Angebote in ganztägigen Schulen der Sekundarstufe I, die in einem gerade abgeschlossenen DFG-Projekt durchgeführt wurden (Graßhoff et al. 2020). Das Projekt rekurriert auf praxistheoretische Entwürfe zu einer Theorie der Lernkultur (Idel/Rabenstein 2019), die nicht auf Unterricht fixiert ist und einen heuristischen Rahmen für komparative Analysen zu Verschiebungen schulischer Praktiken bietet. Für den Vortrag werden jene (in Ganztagsschulen nicht geringen) Angebote in den Blick genommen, die von pädagogischen Laien veranstaltet werden. Diese Personen verfügen über keine formale pädagogische Qualifizierung und sind nur sehr lose als Grenzgänger oder Zaungäste in den schulischen Betrieb eingebunden. Sie kennen die Schüler*innen meist nur flüchtig, weil die Gruppen in diesen Angeboten in der Regel halbjährlich wechseln. Die teilnehmenden Beobachtungen weisen darauf hin, dass in diesen Angeboten in besonderer Weise jene rahmenden institutionellen Strukturierungen, auf die sich die Interaktionspraxis des Unterrichts quasi gratis “verlassen” kann, dispensiert sind. Die Konstitutionsprozesse einer sozialen und pädagogischen Ordnung sind in diesen Angeboten wesentlich fragiler. Der Vortrag zeigt, wie unter diesen Bedingungen schulische Praktiken moduliert werden, um Ordnung gerungen wird und in diesen explizit als unterrichtsfern deklarierten Angeboten in ambivalenter Weise Elemente des Unterrichts zitiert werden.

 

Unterrichtsvorbereitung. Medienpraktiken vor dem Gong

Dr. Tobias Röhl
Pädagogische Hochschule Zürich, Schweiz

Der schulische Mediengebrauch beginnt nicht erst mit dem Gong. Schon vor Unterrichtsbeginn müssen digitale wie analoge Medien auf den Unterricht vorbereitet werden, damit sie dort Praxis vorwegnehmen und in der Praxis verwendet werden können. Diese Form der Unterrichtsvorbereitung findet an unterschiedlichen Orten statt. In der Lehrmittelindustrie gestalten die Hersteller die Unterrichtsmedien so, dass sie bestimmten Annahmen über Bildung entsprechen (Kalthoff et al., 2020). Auf Bildungsmessen wie der didacta werden diese Medien vermarktet und durch Überbietungs- und Revolutionsnarrative zu begehrenswerten Produkten gemacht. In der Unterrichtsvorbereitung sorgen Lehrpersonen für einen reibungslosen Ablauf und eine mediale Verdichtung. Der Beitrag entwickelt seine Argumentation auf Grundlage verschiedener ethnographischer Forschungsprojekte zur sozio-materiellen Dimension schulischer Bildung. Schulische Bildung – so zeigt der Beitrag – ist auch schon vor Corona und dem digitalen Wandel ein verteiltes, transsituatives Geschehen. Verschiedene Akteure arbeiten schrittweise daran, dass Unterrichtsmedien etwas schulisch Relevantes zeigen können.

 

“Schule – Nicht-Schule – Nicht-Nicht-Schule” – Entgrenzungspotenziale ästhetischer Praktiken in Schule und Unterricht

Dr. Tanja Klepacki
Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg, Deutschland

Ästhetischen Praktiken wird vielfach nicht nur ein besonderes Bildungspotenzial zugeschrieben, sie gelten auch - zumindest wenn sie konventionalisierte kulturelle Formen nicht lediglich affirmativ reproduzieren, sondern diese iterativ-tentativ transformieren – als kulturelle Artikulations- und Handlungsweisen, die den schulisch-unterrichtlichen Alltag potentiell variieren können und tradierte Grenzen von Schule und Unterricht – im metaphorischen wie topographischen Sinne – hinterfrag- und verhandelbar werden lassen.

Ausgehend von einem Verständnis von Schule, das diese als einen zentralen Ort der Präsentationen und Repräsentation von Kultur – im weitesten Sinn – in den Blick nimmt (Mollenhauer 2003), geht dieser praxeologisch-kulturtheoretisch orientierte Vortrag anhand empirischer Beispiele der Frage nach, inwiefern ästhetische Praktiken – sei es nun in den tradierten, dezidiert kunstästhetisch ausgewiesenen Fächern, v.a. aber auch darüber hinaus – aufgrund der potenziell transgressiv-explorativen Grundstruktur ästhetischer Artikulationsweisen (Jörissen 2015) dazu beitragen können „Third Spaces“ (Bhabha 2000) – im Sinne eines liminalen Zwischenraums von Schule, Nicht-Schule und Nicht-Nicht-Schule (Schechner 1990) – zu eröffnen, in denen aufgrund der Herstellung von Unbestimmtheit (Marotzki 1988) sowie vor dem Hintergrund neu- und andersartiger Relationierungsangebote bspw. Subjektpositionen jenseits tradierter kultureller Normen hervorgebracht und eingenommen werden können.

 
14:00 - 16:00Konstruktionen von Weltgesellschaft in schulischen Kontexten Globalen Lehrens und Lernen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 38
 

Chair(s): Dr. Susanne Timm (Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Deutschland), Dr. Susanne Ress (Otto-Friedrich-Universität Bamberg)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Gregor Lang-Wojtasik (Pädagogische Hochschule Weingarten)

In einer zunehmend global-vernetzten und von Interdependenzen geprägten Gegenwart, die durch steigende Komplexität und Unsicherheit kennzeichnet ist, bedarf es der tiefgehenden Auseinandersetzung mit der Bedeutung und Bearbeitung weltgesellschaftlicher Zusammenhänge in Lern- und Bildungsprozessen. Für Schule bedeutet dies, dass das Denken in weltgesellschaftlichen Bezügen die Grundlage dafür darstellt, die Komplexität und Vernetzung einerseits zu begreifen und andererseits Handlungskompetenz für die Gestaltung und Mitwirkung an einer großen Transformation zu erlangen. Die Arbeitsgruppe stellt sich der Frage nach Konstruktionen von Weltgesellschaft in schulischen Kontexten Globalen Lehrens und Lernens. Sie verbindet Untersuchungen zu Vorstellungen und Praktiken zur Herstellung globaler Bezüge in schulischen Zusammenhängen, um aktuelle Relevanzsetzungen besser zu verstehen und davon ableitend zukünftige Ausrichtungen von Schule im Sinn des Globalen Lernens zu konturieren.

 

Beiträge des Panels

 

Komplexitätsreduktion – und Konstruktion - Beschreibungen weltgesellschaftlicher Zusammenhänge in der Handlungspraxis von Lehrkräften an weiterbildenden Schulen

Dorothea Taube
Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Lehrkräfte weltweit sind gefordert, Fragestellungen im Unterricht zu bearbeiten, die durch Komplexität und Abstraktheit gekennzeichnet sind und in denen weltweite Zusammenhänge thematisiert werden. Bisher liegen für den deutschen Kontext allerdings kaum empirische Befunde dazu vor, wie Lehrkräfte dies in der Handlungspraxis umsetzen.

In dem Beitrag werden Befunde einer qualitativ-rekonstruktiven Studie vorgestellt, in der die Forschungsfrage leitend war, welche impliziten Wissensbestände sich in der Bearbeitung globaler Themen im Unterricht für die pädagogische Handlungspraxis von Lehrkräften bedeutsam zeigten. Die Datengrundlage der Studie bildeten 17 narrative Interviews mit Lehrkräften weiterbildender Schulen, die zu ihrer Handlungspraxis im Umgang mit globalen Themen befragt wurden. Aus den Beschreibungen konnten mit der dokumentarischen Methode handlungsleitende Orientierungen der Lehrkräfte entlang der Perspektive des Umgangs mit sozialer Komplexität globaler Themen rekonstruiert werden. Der Beitrag präsentiert Ergebnisse zu den Konstruktionen von Weltgesellschaft, die dem Verständnis vom Unterrichtsgegenstand der Lehrkräfte zu Grunde liegen und sich idealtypisch zwischen dem Setzen von Eindeutigkeiten und der Konstruktion von Vielperspektivität bewegen. Weiterhin werden Zusammenhänge zwischen den Beschreibungen von Weltgesellschaft und den Schwerpunktsetzungen in der didaktischen Umsetzung aufgezeigt.

 

Weltgesellschaftliches schulisches Lernen in Migrationskontexten: Anregungen aus demokratiebezogenen Orientierungen von Menschen in Deutschland mit türkischem Hintergrund

Emmer Demorel, Dr. Caroline Rau, Prof. Dr. Annette Scheunpflug
Otto-Friedrich-Universität Bamberg

In diesem Beitrag wird das Anregungspotenzial für didaktische Überlegungen zu weltgesellschaftlicher Bildung in Migrationskontexten aus empirischen Daten zu demokratiebezogenen Orientierungen diskutiert. Ausgangspunkt sind die Ergebnisse eines Forschungsprojekts zu demokratiebezogenen und weltbürgerlichen Orientierungen von Menschen in Deutschland mit türkischem Hintergrund, einer Bevölkerungsgruppe, die sich im Jahr 2017 mehrheitlich für Änderungen ausgesprochen hatte, die einen Abbau demokratischer Strukturen in der Türkei bedeuten. Die Daten wurden als narrative Einzelinterviews (N=22) erhoben, rekonstruktiv ausgewertet und in einer sinngenetischen Typenbildung verdichtet. Die Befunde zeigen Erwartungserwartungen (Luhmann), die spezifische weltgesellschaftlichen Orientierungen sowie Vorstellungen zu gesellschaftlicher Partizipation erkennen lassen. Der Beitrag fragt nach dem didaktischen Anregungspotenzial dieser Befunde für die schulische politische Bildung, v.a. hinsichtlich eines Verständnisses der Globalisierung und Kultur(en) sowie von Formen gesellschaftlicher Partizipation.

 

Klimawandel und Religiosität: ein internationaler, fächerübergreifender Vergleich von Schulbüchern hinsichtlich der darin dargestellten Mensch-Umwelt-Beziehung

Evi Plötz1, Dr. Susanne Ress1, Vera Centeno2
1Otto-Friedrich-Universität Bamberg, 2Tampere University, Finnland

Der Klimawandel stellt eine der größten Herausforderungen für die Menschheit des 21. Jahrhunderts dar. Bildung für Nachhaltige Entwicklung und Globales Lernen sollen junge Menschen darauf vorbereiten, mit Klimawandel und daraus resultierenden Umweltveränderungen umzugehen und nachhaltige und umweltfreundliche Lebensweise zu entwickeln. Dabei stellt sich die Frage nach der Passung zwischen offiziellen Lehrplaninhalten und den Alltagserfahrungen Jugendlicher. Außerdem machen religiöse Überzeugungen einen beachtlichen Anteil des Weltbildes von Jugendlichen aus. Bisher besteht jedoch wenig systematische Forschung zu den Vorstellungen von Klima- und Umweltveränderungen sowie eingebettete Mensch-Umwelt-Verhältnisse und religiösen Weltanschauung in offiziellen Lehrmaterialien. Der Beitrag berichtet Befunde zu den Vorstellungen von Mensch-Umwelt-Beziehungen in einem fächerübergreifenden und internationalen Vergleich von Schulbüchern der 8. Klasse aus Ghana, Malawi, Deutschland und Finnland. Die Analyse konzentriert sich auf Darstellungen religiöser und weltanschaulicher Aspekte. Bereits begonnenen Analysen der Malawi/Ghana-Materialien zeigen einen Fokus auf wirtschaftlich-utilitaristische Vorstellungen wobei alternative Weltanschauungen kaum berücksichtigt werden. Der Beitrag erweitert und reflektiert diese Befunde.

 

Differenzkonstruktionen als Zugang zu weltgesellschaftlichen Verständnishorizonten bei Lehramtsstudierenden: Empirische Ergebnisse international vergleichender Studien

Dr. Susanne Timm1, Dr. Mervi Kaukko2, Dr. Inkeri Rissanen2, Dr. Katri Jokikokko3
1Otto-Friedrich-Universität Bamberg, 2Tampere University, Finnland, 3Oulu University, Finnland

Professionelles Handeln im schulischen Kontext ist voraussetzungsreich und in den Kontext kultureller Mannigfaltigkeit und Hybridität gestellt. Dies reflexiv einzuholen und einen fluiden Zugang zu Differenzkonstruktionen zu gewinnen, sind Anforderungen, die aus einer weltgesellschaftlich orientierten Zielstellung für zukunftsfähiges Lehren resultieren. In diesem Beitrag stehen Lehramtsstudierende als zukünftige schulische Akteure im Mittelpunkt. Fokussiert werden ihre Orientierungen in Bezug auf Diversität und damit die reflexiv einzuholenden Grundlagen der eigenen Praxen der Differenzkonstruktion in der Weltgesellschaft.

Es werden Ergebnisse aus einer zweiteiligen deutsch-finnischen Studie vorgestellt: In Deutschland und Finnland wurden auf der Grundlage von dokumentarisch ausgewerteten Gruppendiskussionen (N=41) handlungsleitende Orientierungen Lehramtsstudierender im Feld kulturellen Professionshandelns rekonstruiert. Für das zweite Teilprojekt wurden in Finnland und Deutschland implizite Überzeugungen von Lehramtsstudierenden untersucht (N>600). Der Fokus lag auf den Überzeugungen zur Formbarkeit von Individuen und Gruppen und deren Zusammenhang zu ihrer Ausrichtung auf Unterrichten im Kontext von Vielfalt. Das verbindende zentrale Ziel ist es, Erkenntnisse zum Verständnis von Differenzen und den Modi ihrer Konstruktion bei Lehramtsstudierenden zu generieren, und ihre Relationierung zur Handlungsfundierungen weltgesellschaftlich professionellen Handelns aufzuzeigen.

 
14:00 - 16:00Migrationspädagogische Perspektiven auf den muttersprachlichen Unterricht
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 16
 

Chair(s): Prof. Dr. Marion Döll (PH Oberösterreich, Linz, Österreich), Prof. Dr. İnci Dirim (Universität Wien)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Drorit Lengyel (Universität Hamburg), Dr. Erkan Gürsoy (Universität Duisburg-Essen)

Trotz der jahrzehntelangen Verankerung des mutter- bzw. herkunftssprachlichen Unterrichts in den Bildungssystemen der amtlich deutschsprachigen Länger und der bildungswissenschaftlichen Hinwendung zu sprachbezogenen Fragestellungen seit der Jahrtausendwende ist die Forschungslage zum herkunfts- bzw. muttersprachlichen Unterricht überaus lückenhaft. Anliegen der Arbeitsgruppe ist es, aktuelle Befunde und Diskurse zum Schulunterricht in migrantischen Sprachen in der BRD und in Österreich zu präsentieren und die Beiträge sowie den darüberhinausgehenden Forschungsstand aus migrationspädagogischer Perspektive kritisch zu diskutieren. Dabei sollen auch Fragen nach dem Wandel der Rolle mutter- bzw. herkunftssprachlicher Bildung im Zuge migrationsgesellschaftlicher Transformationen thematisiert und weiterführende Forschungsfragestellungen zum mutter- bzw. herkunftssprachlichen Unterricht in der (Trans-/Post-) Migrationsgesellschaft abgeleitet werden.

 

Beiträge des Panels

 

Kann der Herkunfts- und Muttersprachenunterricht ein Safe(r) Space sein?

Özlem Demir1, Aybike Savaç2
1Universität Wien, 2Universität Hamburg

Der Begriff Safe(r) Space beschreibt einen möglicherweise sicheren bzw. sichereren Raum, in dem marginalisierte Gruppen keine oder weniger Stigmatisierung erfahren als in anderen Räumen. Die populäre Verwendung dieses Begriffs, besonders an Universitäten, führt zu einem kontroversen gesellschaftlichen Diskurs über die Existenz solcher Räume. Inwiefern dieser sog. Safe(r) Space frei von Stigmatisierungen sein kann und inwiefern die Notwendigkeit für einen solchen Raum als Ort für den Ausbau einer gesprochenen Sprache zu „Othering“-Mechanismen beiträgt, ist fraglich. Die Vermittlung sprachlichen sowie soziokulturellen Wissens durch die HU/MU-Lehrkräfte und nach Oğuzkan-Savvidis (2005) und Subklew (2001) deren Beitrag zur sog. „Integration“ auf der einen Seite und die Marginalität des Faches auf der anderen Seite könnten mit Mecheril (2011) zu „Othering“-Effekten führen. Das heißt, es interessiert uns, ob die Teilnehmer*Innen des HU/MU mit diesem Unterricht ein „Empowerment“ als Mitglieder der Migrationsgesellschaft erfahren oder ob sie durch die Organisation des Faches und seine Inhalte sich eher als „Andere“ erleben. Der Vortrag geht mit Bezug auf Forschungsergebnisse der Frage nach, inwiefern der HU/MU einen Safer Space bilden könnte und arbeitet Desiderata heraus, die mit weiterer Forschung geklärt werden sollten.

 

Migrationspädagogische Perspektiven auf den muttersprachlichen Unterricht und kritische Professionalisierung

Dr. Assimina Gouma1, Weichselbaum Maria2
1Bergische Universität Wuppertal, 2Universität Wien

Die institutionellen Rahmenbedingungen des muttersprachlichen Unterrichts (MSU) werden von den Unterrichtenden mehrfach als prekär und schwierig beschrieben. In der Analyse von qualitativen Interviews mit MSU-Lehrkräften gehen wir mit migrationspädagogischem Zugang (Mecheril et al. 2010) den Fragen nach, welche Erfahrungen sie in der monolingualen Institution Schule machen und wie die Marginalisierung des MSU in gesellschaftlichen Machtverhältnissen und Subjektivierungen der Migrationsgesellschaft eingebunden ist. Es zeigt sich einerseits, dass die Spannungsverhältnisse des professionellen Wissens und Handelns der MSU-Lehrkräfte in Verbindung zu gesellschaftlich-diskursiven Bedingungen bzw. der darin reflektierten Positionierung migrantischer Sprachen stehen. Andererseits wird deutlich, dass auch unterschiedliche Verständnisse von Mehrsprachigkeit relevant sind, um die Randständigkeit des MSUs zu verstehen. Diese prekären Umstände beeinflussen zudem die kritische Professionalisierung (vgl. Messerschmidt 2016) der MSU-Lehrkräfte.

 

„du bist im System, aber du gehörst nicht zum System“ - Berufsalltagserleben und die professionelle Selbstwahrnehmung von Lehrkräften des muttersprachlichen Unterrichts in Österreich

Prof. Dr. Marion Döll1, Sabine Guldenschuh2
1PH Oberösterreich, 2Karl-Franzens-Universität Graz

Unterricht in der Herkunftssprache wird in Österreich seit den 1990er Jahren angeboten. Untersuchungen aus dieser Zeit zeigen, dass nur wenige Lehrkräfte explizit sprachdidaktisch qualifiziert waren und unter prekären Bedingungen arbeiteten (Çınar 1998), über die aktuelle Situation ist wenig bekannt. Erste Anhaltspunkte dafür, dass sich die Umstände nicht wesentlich verändert haben, bieten zehn Expert*inneninterviews, die im November 2015 mit Teilnehmenden eines Hochschullehrgangs zum muttersprachlichen Unterricht in Oberösterreich geführt wurden. In unserem Beitrag möchten wir die Ergebnisse einer Sekundäranalyse des Datensatzes vorstellen, in der entlang des Modells professioneller Handlungskompetenz (Baumert & Kunter 2006) und den von Calderhead (1996) skizzierten Facetten von teacher beliefs das Berufsalltagserleben und die professionelle Selbstwahrnehmung der Befragten rekonstruiert wird. Dabei treten das Belastungserleben, das professionelle Selbstverständnis und v.a. die Rahmenbedingungen der Durchführung des Unterrichts als zentrale Kategorien hervor. In der Gesamtschau werden akademisch hoch qualifizierte, engagierte und anpassungsfähige Lehrkräfte sichtbar, die im Zusammenhang mit linguizistischen Rahmenbedingungen ihrer beruflichen Tätigkeit hohen Belastungen ausgesetzt sind und deren professionelles Selbstverständnis unter gegebenen bildungspolitischen Umständen im Spannungsfeld zwischen Schulleitung, Eltern und Schüler*innen fortlaufend irritiert wird.

 

MU in Kroatisch oder doch weiterhin in Bosnisch/Kroatisch/Serbisch? Sind Initiativen zur Ausrichtung des MU nach dem Konzept "Nation" Ausdruck eines legitimen Kampfs um Anerkennung?

Prof. Dr. Rainer Hawlik
PH Wien

Die transmigratorischen Fluchtbewegungen als Folge des Zerfalls der SFR Jugoslawien zu Beginn der 1990er liegt schulpädagogisch in Österreich eng zusammen mit der Einführung des Muttersprachlichen Unterrichts (MU) im Jahr 1992. Bosnisch/Kroatisch/Serbisch zählt heute neben Türkisch zu den am meisten vertretenen Sprachen des MU in Österreich. Die Institutionalisierung von MU in Bosnisch/Kroatisch/Serbisch war eine bewusst getroffene Entscheidung des Bildungsministeriums, wenngleich sich in Jugoslawien bereits seit den 1960er Jahren nationalistische Konflikte an der plurizentrischen Sprache Serbokroatisch entzündeten. Besonders seit Kroatien 2013 der EU beitrat, formt sich vereinzelt immer wieder organisierter Widerstand gegen einen gemeinsamen Unterricht aller Sprachvarietäten. Am 16.06.2020 hat eine parlamentarische Bürger*inneninitiative einen Antrag eingebracht, um Kroatisch als eigenständigen muttersprachlichen Unterricht zu sichern. Ihr Anliegen ist es "die kroatische Sprache aus dem künstlichen BKS-Konstrukt (BKS - Bosnisch/Kroatisch/Serbisch) zu lösen bzw. ein endgültiges Trennen dieser drei Sprachen zu gewährleisten."

Der Vortrag geht der Frage nach, ob die Ausrichtung des MU am Konzept "Nation" aus migrationspädagogischer Sicht als Ausdruck eines legitimen Kampfs um Anerkennung gewertet werden kann. Gibt hier "eine Nation, eine Sprache" den Ausschlag oder die womöglich identitätspolitische Vorstellung "Kroat*in bist du überall, solange du Kroatisch sprichst"?

 
14:00 - 16:00Narrative und Bilder in Bildungs- und Lehrmedien der DDR. Mythen und Begrenzungen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 36
 

Chair(s): Prof. Dr. Meike Sophia Baader (Universität Hildesheim, Deutschland), Prof. Dr. Sabine Reh (HU Berlin)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Emmanuel Droit (Universität Strasbourg)

Die AG fragt nach Narrativen, Motiven und Bildern in Bildungsmedien und Lehrmaterialien der DDR. Im Fokus stehen zwei sich zu Mythen verdichtende Narrative der DDR, die die Bildungsmedien und Lehrmaterialien durchziehen: der Mythos der Geschlechtergleichheit und der Mythos der Wissenschaftlichkeit. Mythen werden hier als wiederkehrende, identitätsstiftende, nicht hinterfragte Erzählungen und kollektive Selbstbilder verstanden. Diese werden als überdauernde kulturelle Konstruktionen betrachtet, die gerade hinsichtlich ihrer Orientierungsversprechen interessieren. Untersucht werden in den Vorträgen die jeweiligen Produktionsbedingungen, die Zensur- und Begutachtungswege sowie die spezifischen Funktionen und Aspirationen von Kinderliteratur, Schulbüchern, Lehrfilmen und audiovisuellen Unterrichtsaufzeichnungen. Wie funktionierten hier Kontrollmechanismen, wo waren Handlungsspielräume, wo Begrenzungen und wo lassen sich Transformationen über die Zeit identifizieren?

 

Beiträge des Panels

 

Begrenzte Geschlechtergleichheit, entgrenzte Erziehungsverhältnisse in Bildungsmedien der DDR

Dr. Sandra Koch, Friedreike Kroschel
Universität Hildesheim

Der Beitrag diskutiert den Zusammenhang von Geschlechter(un)gerechtigkeit und Erziehungsverhältnissen in Bildungsmedien der DDR. Be- und Entgrenzungen werden dabei anhand von Narrativen und Bildern zu Geschlechter- und Generationengerechtigkeit in Schulbüchern und Kinderliteratur analysiert, die in diesen Bildungsmedien zur Darstellung kommen und als Bestandteil des Bildungssystems der DDR betrachtet werden.

Denn obwohl Gleichberechtigung der Geschlechter zum Selbstverständnis des Sozialismus in der DDR gehörte, ist die traditionelle Zuordnung von Frauen für die Reproduktions-, Care- und Erziehungsaufgaben im Kern nicht in Frage gestellt worden (Trappe 1995). Auffällig ist, dass sich in den Bildungsmedien eine Vielzahl von stereotypisierten Darstellungen zu Geschlecht und Geschlechterverhältnissen finden lassen (Dölling 1991). Dies nimmt der Beitrag zum Anlass um nach den Narrativen und Bildern sowie dem Verhältnis von Text und Bild in der Darstellung von begrenzten Geschlechterverhältnissen zu fragen. Die Dimension der Entgrenzung analysieren wir bezogen auf die Narrative und Bilder zu institutionalisierten Erziehungsverhältnissen, d.h. den Kinder- und Jugendinstitutionen, die neben der Familie und Schule gleichermaßen in der Verantwortung der Gestaltung von Erziehung und Bildung standen und wodurch Jugendliche zur Erziehung von Kindern – organisational durch die FDJ gerahmt – autorisiert wurden.

 

Wissenschaftlichkeit – in Unterrichtsaufzeichnungen aus den 1970er und 1980er Jahren inszeniert

Sabine Reh1, Cäcilia v. Malotki2
1HU Berlin, 2Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung Berlin t

Ausgehend von Studien im Projekt „Indoktrinierender Unterricht. Bilder über Fachunterricht in der DDR“ sollen in diesem Beitrag Unterrichtsaufzeichnungen aus den 1970er und 1980er Jahren in der DDR analysiert werden. Die Videos entstanden an verschiedenen Forschungsstandorten der DDR und wurden in der Lehrkräfteausbildung eingesetzt (Heun 2013). Dabei wurden sie als „schlechte Fälle“ exemplarisch genutzt wie auch für die Suche nach – so würde man es heute formulieren – ‚best-practice‘-Technologien eingesetzt. Während der Analyse situativer Darstellungsmuster (Reh & Jehle 2020) im Deutsch- und Fremdsprachenunterricht rückte die Inszenierung verschiedener Formen von Wissenschaftlichkeit in den Fokus der Untersuchung – z.B. bei Problemen der Selbsttätigkeit der Schüler*innen. Der Anspruch an eine wissenschaftlich geleitete Pädagogik wird insbesondere anhand von Bemühungen um die Weiterentwicklung von Fachmethodik und Lernstoffen sichtbar. Gezeigt wird, wie Bilder von Wissenschaftlichkeit erzeugt werden, z.B. durch systematisierende Tafelbilder, das Zeigen von Fachterminologien und spezifische Praktiken der Vermittlung. Mithilfe von Veröffentlichungen führender Lehrerbildner der DDR kann das Motiv der „Wissenschaftlichkeit“ des Unterrichts „in der langen Zeit der Wende“ in seiner umfassenden Entgrenzung zu ‚Neutralität‘ genutzt werden.

 

Wissenschaftlichkeit als Komplex: Zu technisch-naturwissenschaftlichen Unterrichtsfilmen der DDR

Dr. Kerrin von Engelhardt
HU Berlin

Das Narrativ einer sich vollziehenden wissenschaftlich-technischen Revolution war eng mit dem Selbstverständnis der DDR als realsozialistischer Fortschrittsnation verbunden. Wurde unter dem Eindruck des Kalten Krieges in der alten BRD ab den 1960er Jahren eine Wissenschaftsorientierung des Unterrichts diskutiert, sollte in der DDR „Wissenschaftlichkeit“ nach sowjetischem Vorbild von Anfang an zum Leitmotiv des Unterrichts werden. Dies wurde besonders für den naturwissenschaftlichen und polytechnischen Unterricht beansprucht, wobei „Wissenschaftlichkeit“ stets dialektisch mit Parteilichkeit gepaart wurde (Tietze 2012). Wie dies zu verstehen war, sollte ein besonderes Lehrfilmformat veranschaulichen – der so genannte „Komplexfilm“. Solche Unterrichtsfilme sollten fachbezogene Wissensbestände in ihren komplexen gesellschaftspolitischen Zusammenhängen zeigen. Der Beitrag untersucht anhand von ausgewählten technisch-naturwissenschaftlichen Unterrichtsfilmen der DDR, mit welchen Mitteln das Motiv „Wissenschaftlichkeit“ umgesetzt und inwiefern dabei auf das Narrativ der „wissenschaftlich-technischen Revolution“ rekurriert wurde. Zu fragen wird dabei auch sein, inwiefern „Wissenschaftlichkeit“ und „Parteilichkeit“ entgrenzt wurden und, ob die DDR etwa in Abgrenzung zur Lehrfilmproduktion anderer Nationen (vgl. z.B. Masson, 2012) zu einer spezifischen filmischen Bildsprache fand.

 
14:00 - 16:00On Remote. Grenzerfahrungen des Pädagogischen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 08
 

Chair(s): Prof. Dr. Mirja Silkenbeumer (Goethe-Universität Frankfurt, Deutschland), Prof. Dr. Barbara Asbrand (Goethe-Universität Frankfurt), Prof. Dr. Merle Hummrich (Goethe-Universität Frankfurt)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Margret Dörr (Katholische Hochschule Mainz)

Seit der Corona-Pandemie stehen digitale Formate des Unterrichts im
besonderen Fokus medialen Interesses, die Veränderung therapeutischer und sozialpädagogischer Arbeit wird eher am Rande thematisiert. Die
Arbeitsgruppe „On Remote“ widmet sich entlang von drei Vorträgen der
Frage, ob und in welcher Weise sich Erfahrungen von Nähe und Distanz
in digital gestalteten Settings von jenen in analoger Form
unterscheiden. Unterschiedliche Diskurse werden mit Blick auf die
veränderten Bedingungen des Aufwachsens zusammengeführt und gestützt
auf Erkenntnisse laufender qualitativer Forschungsprojekte analysiert.
Grenze wird in doppelter Hinsicht thematisch: Was sind die Grenzen
digitaler Formate in schul- und sozialpädagogischen sowie
therapeutischen Settings? Inwiefern kommt es zu neuen Entgrenzungen
des Pädagogischen gegenüber bislang üblichen Unterscheidungen inner-
und außerinstitutioneller Settings?

 

Beiträge des Panels

 

Therapie on Remote

Dr. Susanne Benzel
Sigmund-Freud-Institut

Analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie gilt als ein Verfahren, welches auf einen beständigen zeitlichen und räumlichen Rahmen sowie auf Beziehungsmöglichkeiten in Präsenz angewiesen ist. Kinder und Jugendliche vermitteln etwa ihre innere Welt sehr konkret und ebenso körperlich vor allem durch Spiel, Handlungen und (nonverbale) Interaktionen. Die Umstellung auf telefon- und videobasierte Remote-Therapie infolge der Corona-Pandemie führt durch technikgestützte Interaktionsformen zu veränderten Nähe- und Distanzverhältnissen. Vor diesem Hintergrund werden in dem Vortrag die Folgen von räumlich entgrenzten digitalen Interaktionsformen einerseits und den Grenzen durch eine fehlende physisch-leibliche Qualität sozialer Interaktionen andererseits diskutiert. Grundlage dafür sind Befunde einer laufenden qualitativ ausgerichteten Pilotstudie zu ‚Remote-Therapie‘ (Reki), in der die Jugendlichen auch zu den Folgen ihrer veränderten Lebenswelt aufgrund der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie befragt werden.

 

Das schweigende Klassenzimmer. Zur Entgrenzung des Schulischen

Prof. Dr. Barbara Asbrand, Prof. Dr. Merle Hummrich, Prof. Dr. Mirja Silkenbeumer
Goethe-Universität Frankfurt

Das Phänomen der „schwarzen Kacheln“ betrifft nicht nur universitäre Seminarsituationen, sondern auch den Remote-Unterricht in der Schule: Lehrer*innen sprechen in Videokonferenzen zu Fenstern auf dem Bildschirm mit Namen, können aber weder die tatsächliche Anwesenheit, noch die Mitarbeit der Schüler*innen wahrnehmen. In der schwarzen Kachel auf dem Videobildschirm zeigt sich die Grenzerfahrung sozialer Distanzierung – so eine heuristische Hypothese dieses Vortrags – paradigmatisch. Der Vortrag referiert aus einem aktuellen Forschungsprojekt zu „Veränderungen durch Schule auf Distanz“ (VERSA), in dem u.a. schulischer Distanzunterricht mittels Aufnahme von Videokonferenzen empirisch untersucht wird. Distanz wird in einem konstitutiven Verweisungszusammenhang zu Nähe begriffen, der in Zeiten der Corona-Krise neu balanciert wird. Dabei kann insbesondere gefragt werden, wie sich Lehrer*in-Schüler*in-Beziehung im Distanzunterricht darstellen, wie sich jugendliche Individuationsprozesse im Kontext Schule ausgestalten und wie Remote-Unterricht systematisch die konventionelle Trennung von schulischer Öffentlichkeit und privater Zurückgezogenheit irritiert.

 

Kinder- und Jugendhilfe on remote

Prof. Dr. Gunther Graßhoff
Universität Hildesheim

Die Kinder- und Jugendhilfe in ihrer sozialpädagogischen Tradition wird konzeptionell und in der Praxis sehr stark als eine „Beziehungsprofession“ legitimiert. Das Aussetzen „realer“ Begegnungsmöglichkeiten zwischen Fachkräften und Adressat_innen in der Pandemie irritiert die Kinder- und Jugendhilfe in besonderer Weise. Das Thema Nähe und Distanz in sozialpädagogischen Beziehungen wird in diesem Beitrag aus der Perspektive von jungen Menschen entfaltet. Hierbei werden zentrale Strukturmerkmale für die Kinder- und Jugendhilfe herausgearbeitet und auf der Ebene des Subjektes, der Organisation und dem sozialpolitischen Rahmen diskutiert.

 
14:00 - 16:00Pädagogische Diskurse der (Re-)Stabilisierung von Geschlechter-, Generationen- und Zugehörigkeitsgrenzen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 25
 

Chair(s): Prof. Christine Thon (Europa-Universität Flensburg, Deutschland), Susanne Maurer (Philipps-Universität Marburg)

Gegenwärtig werden Erziehung und Bildung zunehmend zum Schauplatz diskursiver Kämpfe rechter und populistischer Politik gegen Bewegungen, die für Demokratisierung, soziale Teilhabe und Vielfalt eintreten. Die AG geht Diskursen der (Re-)Stabilisierung von Geschlechter-, Generationen- und Zugehörigkeitsgrenzen in diesem Kontext nach. Dazu gehören Diskurse, in denen aus einem rechten und populistischen Argumentationszusammenhang heraus pädagogische Begrifflichkeiten (um)besetzt und gegen Infragestellungen von normativen Geschlechter-, Generationen- und Zugehörigkeitgrenzen in Anschlag gebracht werden. Außerdem werden Diskursivierungen von Differenz im pädagogischen Mainstream untersucht, die Anschlüsse für die (Re-)Stabilisierung sozialer Ordnungen und die Reproduktion entsprechender Machtverhältnisse anbieten, indem sie implizit hierarchisierende Grenzziehungen zwischen dem Eigenen und dem Anderen fortsetzen und Pluralisierung und Veruneindeutigung als Bedrohungsszenario verhandeln.

 

Beiträge des Panels

 

Diskursive Artikulationen von Geschlechter- und generationalen Ordnungen in rechten Programmatiken von Erziehung und Bildung

Christine Thon
Europa-Universität Flensburg

Ausgangspunkt pädagogischer Diskurse der Neuen Rechten ist die Abwehr emanzipatorischer und antiautoritärer Pädagogik als „Umerziehung“ (vgl. Baader 2020). Gegen Szenarien von „Überfremdung“ und „Bevölkerungsaustauch“ wird das Programm einer Erziehung zum „Ethnopluralismus“ formuliert, der ethnische Identiäten „rein“ und die Grenzen dazwischen aufrecht erhalten soll (vgl. Olberg 2020). Garant dafür soll die Familie sein, die es dem Einfluss einer Pädagogik der Geschlechtergerechtigkeit und der sexuellen Vielfalt zu entziehen gelte. Rechte pädagogische Diskurse erschöpfen sich jedoch nicht mehr in entsprechenden Diffamierungen („Gender-Gaga“, „Frühsexualisierung“), sondern projektieren eine Neuordnung von Erziehung und Bildung in und zwischen Familie und Schule. Sie sehen nicht nur eine traditionelle Geschlechterordnung vor, sondern auch eine generationale Ordnung, die weitgehende Elternrechte gegenüber Kinderrechten und staatlich verantworteter Bildung privilegiert. Dabei speist sich die Pädagogik der neuen Rechten nicht mehr nur aus der Abwehr einer Demokratisierung von Erziehung und Bildung, sondern formuliert eigene Entwürfe. Dazu werden Verknüpfungen nicht nur zu Programmatiken einer „völkischen“ Erziehung hergestellt, sondern auch zu anerkannten Traditionen pädagogischer Theoriebildung (bei Sommerfeld 2019 z.B. zu Kant und der Reformpädagogik). So werden neue Bekenntnisse zu Erziehung formuliert, die diskursive Anschlussmöglichkeiten in verschiedene Richtungen aufweisen.

 

Antifeminismus und Corona-Verschwörungserzählungen – Kindeswohlgefährdung als gemeinsamer Bezugspunkt

Rebekka Blum
Universität Freiburg

Die Proteste gegen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie sind nicht nur antisemitisch und rassistisch, sondern auch latent bis offen antifeministisch. Gemeinsame Bezugspunkte antifeministischer Akteur_innen und Pandemieleugner_innen sind bspw. das Thema Elternrechte und eine vermeintliche Kindeswohlgefährdung. So erweiterten die Initiator_innen der bereits 2019 initiierten Petition gegen die Verankerung von Kinderrechten im Grundgesetz diese um den Zusatz, dass Kinderrechte »problemlos [zu] Maskenpflicht, Impfpflicht, Zwangsisolation oder Kindesentzug« führen könnten. Dies taten sie laut eigener Aussage, um den Adressat_innenkreis zu erweitern, was ihnen auch gelang. Auch auf den Demonstrationen der Querdenken-Initiative wird regelmäßig Bezug zu einer vermeintlichen Kindeswohlgefährdung genommen und wie bei der Demonstration am 03.04.2021 in Stuttgart Testungen auf Corona und das Tragen einer Gesichtsmaske gar als Terror gegen Kinder beschrieben: „Nein! Zum Terror, unserer Enkelkinder mit Masken und Test`s.“ (sic!)

Der Beitrag untersucht, wie die Behauptung der Kindeswohlgefährdung eine gemeinsame Mobilisierung antifeministischer Akteur_innen und Pandemie-Leugner_innen ermöglicht. Dies wird in größere antifeministische Entwicklungen eingeordnet. Denn schon länger versuchen Antifeminist_innen über den Umweg der vermeintlichen Kindeswohlgefährdung ihre politischen Forderungen zu legitimieren und Anknüpfungspunkte an gesamtgesellschaftliche Debatten zu erlangen.

 

(Mit) Vielfalt umgehen – Machtkritische Perspektiven auf die Diskursivierung von Heterogenität

Marina Dangelat, Frauke Grenz
Europa-Universität Flensburg

In aktuellen erziehungswissenschaftlichen und bildungspolitischen Diskursen wird die Pluralisierung von Lebensentwürfen als (neue) Herausforderung gerahmt, die eine potentielle Überforderung von Kindern, Jugendlichen und Pädagog*innen birgt. Um Risiken sozialer Ungleichheit zu reduzieren, gelte es einen pädagogischen Umgang mit Heterogenität zu finden. In Bildungs- und Lehrplänen wird die Fähigkeit mit gesellschaftlicher Diversität umzugehen daher als notwendige, individuelle Kompetenz konstruiert.

In rechten, antifeministischen Bewegungen wird die Diskursivierung von Heterogenität als Herausforderung aufgegriffen und transformiert. Vielfalt wird als Bedrohung inszeniert, die es abzuwenden gelte. Heterogenität wird ‚den Anderen‘ zugeschrieben und ‚das Eigene‘ normalisierend als homogen imaginiert. Die Lösung für die vermeintliche Krise ist hiernach nicht der individuelle Umgang mit gesellschaftlicher Vielfalt, sondern die kollektive Abwehr der imaginierten Gefahr, die von der zunehmend pluralen und uneindeutigen Welt ausgeht.

Obwohl diese beiden Perspektiven gegensätzlich erscheinen, zeigt die diskursanalytische Untersuchung, dass sich beide Diskursstränge einer ähnlichen Logik bedienen: Sowohl mainstream-pädagogische Individualisierungs- als auch rechte Kollektivierungsstrategien werden über das Bedrohungsszenario einer vermeintlich wachsenden gesellschaftlichen Vielfalt legitimiert. Eine machtkritische Auseinandersetzung mit Vielfalt und Differenz wird so verunmöglicht.

 

Pädagogiken der Grenze und Grenz-Subjekte

Dr. Denise Bergold-Caldwell
Philipps-Universität Marburg

Aktuelle Debatten zu Geschlecht und Sexualität thematisieren Geschlechterungleichheit und Sexismus häufig als Probleme „kulturell Anderer“. Insbesondere wird das in Integrationskursen deutlich, die dezidiert die Themen Geschlechtergerechtigkeit und sexuelle Vielfalt als Themen demokratischer Wertevermittlung und Integration betrachten. Das Bemühen um die bildungspraktische Vermittlung dieser Werte kann als Phänomen der kulturellen Dominanz, oder wie Gabriele Dietze (2017/2019) es bezeichnet, als Exzeptionalismus bezeichnet werden.

Die kulturelle Differenz wird als schwer überwindbare und durch pädagogische Maßnahmen zu formende, Grenze markiert. Deutlich wird bei genauerer Betrachtung des Kursgeschehens, dass es sich hier nicht ‚nur‘ um ein kulturelles Dominanzverhalten handelt, sondern vielmehr, das strukturelle Probleme als individuell handhab-bare und verlern-bare ‚Vorurteile‘ angesprochen werden; die Teilnehmenden werden zu verkörperten Grenz-Subjekten denen eine spezifische ‚Bildung‘ zukommen muss, um diese ‚Vorurteile‘ zu verlernen. Der Beitrag möchte anhand der diskursanalytischen Herangehensweise der Situationsanalyse (Clarke 2012) aufzeigen, wie Grenz-Subjekte in diesen pädagogischen Settings, durch die Thematisierung von Geschlechtergerechtigkeit und sexueller Vielfalt (als bereits vollendete Norm) geschaffen werden und gleichzeitig eine Grenze zur gleichberechtigten Teilhabe durch die Dethematisierung struktureller Hindernisse, gezogen wird.

 
14:00 - 16:00Positionierungen von Kindern und kindheitspädagogischen Fachkräften im Kontext von generationaler Ordnung und sozialer Ungleichheit – Ethnografische Perspektiven im Gespräch
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 32
 

Chair(s): Dr. Stephanie Spanu (TU Dortmund, Deutschland)

Die Arbeitsgruppe betrachtet theoretische und empirische Perspektiven auf Positionierungen in der Kindheit. Dabei wird das Arbeiten an Grenzen aus drei verschiedenen Perspektiven diskutiert: Inhaltlich über die generationale Ordnung und soziale Ungleichheit, disziplinär über die Verortung in Kindheitspädagogik und-soziologie und methodisch über verschiedene ethnografische Forschungsansätze.

Positionierungen können als diskursiver Prozess verstanden werden, in dem sich Individuen selbst und anderen Positionen zuweisen.

Mit diesem Zugriff entfaltet sich wiederum ein komplexes Verhältnis zwischen den Praktiken des Positionierens, der Fremd- und Selbstpositionierungen von Kindern und Fachkräften beziehungsweise dem Verhältnis sozio-struktureller Positioniertheiten der Kinder (und deren Eltern). Diese beiden Spannungsfelder werden in der Arbeitsgruppe in zwei Vorträgen beleuchtet und anschließend zur Diskussion gestellt.

 

Beiträge des Panels

 

Entgrenzendes Sprechen über Benachteiligung und Position(ierung)en im kindheitspädagogischen Alltag

Dr. Sylvia Nienhaus1, Sebastian Amann2, Anja Kerle3
1Universität Osnabrück, 2Katholische Hochschule NRW, 3Universität Hildesheim

Der vorliegende Beitrag greift den Schwerpunkt der Arbeitsgruppe anhand von Selbst- und Fremdpositionierungen auf und thematisiert anhand von drei qualitativ-rekonstruktiven Perspektiven unterschiedliche Facetten und Möglichkeiten des Sprechens-über und des Sprechens-mit benachteiligten Kindern und Familien.

Im ersten Input werden ausgehend von der bildungspolitisch proklamierten Relevanz von Kindertagesstätten zum Abbau sozialer Ungleichheiten das Aufrufen von Vorurteilen durch verschiedene Akteur_innen gegenüber potenziell benachteiligten Kindern und ihren Familien anhand von Interviewdaten genauer beleuchtet.

Das Sprechen-über Armut kann, so argumentiert der zweite ethnographische Input, als Schauplatz der Inszenierung anerkennbarer pädagogischer Praxis gedeutet werden. Diskutiert wird außerdem der besondere Stellenwert von Grenzen und Grenzverschiebungen in Familienzentren.

Ausgehend von zentralen Desideraten der kindheitspädagogischen Forschung im Kontext von Kinderarmut werden im dritten Input Überlegungen und Erprobungen zu einer ethnographischen armutsbezogenen und kinderrechtsbasierten Forschung mit jungen Kindern vorgestellt.

 

Fluide Positionierungen. Ab- und Entgrenzungen in der Interaktion von Akteur_innen frühkindlicher Einrichtungen.

Teresa Erlenkötter1, Laura von Albedyhll2
1Universität Siegen, 2Pädagogische Hochschule Weingarten

Der erste Beitrag thematisiert generationale Positionierungsprozesse (Machold, 2018) von Kindern und pädagogischen Fachkräften und betrachtet den alltäglichen Vollzug dieser Praktiken. Bezugnehmend auf die Diskussion um Übernahme und Abgrenzung von normativen Anforderungen durch die Akteur_innen (Meseth et.al., 2019) machen wir durch mikroanalytische Beobachtungen von Interaktionen Positionierungen sichtbar.

Die fluiden Aushandlungsprozesse, die unterschiedliche Positionierungen in Interaktionen ermöglichen, und so zu einer Verortung in dem generationalen Verhältnis der Teilnehmenden führen (Lange, 2013), werden dabei nicht nur verbal ausgetragen. Auch durch den Einbezug von Dingen werden Grenzen stets neu gesetzt, ausgehandelt oder überwunden (Nohl, 2013). Durch den Gebrauch der Dinge im Vollzug werden Positionierungen von Akteur_innen zueinander verortet (Rabenstein, 2018).

Anhand von ethnografischen Beobachtungsprotokolle aus zwei verschiedenen Forschungsprojekten, die hier gemeinsam diskutiert werden, fragen wir wie Fachkräfte und Kinder die Rolle, die ihnen qua Institution, im Sinne „guter Kindergartenkinder“ und „guter pädagogischer Fachkräfte“ zugewiesen wird, in das Interaktionsgeschehen einbringen oder aussetzen. Wir zeigen Hinweise, wie generationale Grenzsetzungen durch den Bezug auf die Dinge in diesen Interaktionen sichtbar werden.

 
14:00 - 16:00Problemlösekompetenzen in der beruflichen Bildung: Von der Aufgabenanalyse zur innovativen Messung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 15
 

Chair(s): Prof. Dr. Susan Seeber (Georg-.August-Universität, Deutschland), Prof. Dr. Eveline Wuttke (Goethe Universität Frankfurt)

Ziel der beruflichen Ausbildung ist der Erwerb beruflicher Handlungskompetenz, die neben dem beruflichen Fachwissen, Interessen und Bereitschaften situationsangemessen zu handeln, auch Fähigkeiten einschließt, anspruchsvolle berufliche Anforderungen zu bewältigen. Da künftig berufliche (Routine-)Tätigkeiten noch stärker digitalisiert werden, stehen beruflich Qualifizierte künftig vermehrt vor der Herausforderung, nicht-routinisierte, komplexe Aufgaben zu bewältigen. In der Arbeitsgruppe werden - grenzüberschreitend im Hinblick auf Domäne und disziplinäre Bezugsebenen - Modellierungen beruflicher Problemlösekompetenz vorgestellt und Ergebnisse ihrer Messung diskutiert. Ziel ist es mit Blick auf das Kongressthema darüber hinaus, die Grenzziehung zwischen kognitiven und nichtkognitiven Kompetenzfacetten zu überwinden und verschiedene methodische Zugänge auf die Messung von Problemlösekompetenzen kritisch zu reflektieren.

 

Beiträge des Panels

 

Zum Problemgehalt von Aufgaben beruflicher Abschlussprüfungen in kaufmännischen Berufen: Empirische Befunde der Aufgabenklassifikation

Prof. Dr. Susan Seeber1, Prof. Dr. Eveline Wuttke2, Dr. Carolin Geiser1, Lütfiye Turhan2, Hanna Meiners1
1Georg-August-Universität, Deutschland, 2Goethe Universität Frankfurt

Befunde bei Auszubildenden am Ende der Ausbildung zeigen, dass zwischen curricularem Anspruch und tatsächlich erreichten Problemlösekompetenzen eine erklärungsbedürftige Lücke besteht (vgl. Beck et al., 2016). Eine Ursache könnte in der Prüfungspraxis liegen, die immer noch überwiegend deklaratives Wissen statt komplexer beruflicher Kompetenzen erfasst und somit einen „heimlichen Lehrplan“ darstellt. Ob diese Kritik berechtigt ist, wird exemplarisch für die Berufe Industriekaufmann/-frau (IK) und Kaufmann/-frau für Büromanagement (KBM) untersucht. Zentrale Frage des Beitrags ist: Welchen Problemlösegehalt weisen die in Abschlussprüfungen eingesetzten Aufgaben auf?

Es wurden 1.468 Prüfungsaufgaben der Jahre 2015-2019 analysiert und inhaltanalytisch mittels deduktiver Kategorienanwendung (Mayring, 2015) ausgewertet. Das Kategoriensystem umfasst zehn Kategorien zur Problemhaltigkeit der Aufgaben und zwei zur Situierung. Dabei zeigt sich: Die analysierten Aufgaben sind wenig problemhaltig und authentisch. Ist-Zustand und Handlungsziele sind in der Aufgabenbeschreibung vorwiegend vorgegeben (83%/100% IK; 88%/99% KBM). Die meisten Aufgaben sind weder lösungsoffen gestaltet (81% IK; 85% KBM), noch sind Neben- und Folgewirkungen kaufmännischen Handelns zu berücksichtigen. Bei 99% (IK) bzw. 92% (KBM) der analysierten Aufgaben ist nur die Perspektive des Unternehmens und damit primär die der Eigenkapitalgeber zu berücksichtigen. Ebenso ist nur selten die entwickelte Lösung zu reflektieren.

 

Zur Validität von Embedded Experience Sampling (EES) bei der Messung nicht-kognitiver Facetten domänenspezifischer Problemlösekompetenz

Prof. Dr. Andreas Rausch1, Prof. Dr. Kristina Kögler2, Prof. Dr. Jürgen Seifried1
1Universität Mannheim, 2Universität Stuttgart

Wenngleich Problemlösen als Zusammenspiel aus kognitiven, metakognitiven, emotionalen und motivationalen Prozessen verstanden wird (Dörner & Funke, 2017), beschränkt sich die Messung häufig auf kognitive Facetten (Sembill et al., 2013). Embedded Experience Sampling (EES) ist eine Methode zur Messung nicht-kognitiver Facetten (Rausch, Kögler & Seifried, 2019). Im Gegensatz zu klassischem Experience Sampling werden EES-Erhebungen in die ‚Storyline‘ der Problemszenarien eingebettet. EES-Ereignisse im Rahmen einer Büroarbeitssimulation ähneln dabei sozialen Interaktionen am Arbeitsplatz (z.B. ein Kollege, der nachfragt, wie man zurechtkommt).

In drei Studien untersuchen wir, wie Testteilnehmende EES erleben, ob soziale Erwünschtheit deren Antworten verzerrt und ob die Datenstruktur theoretischen Annahmen entspricht (Multi-Trait-Multi-Method). In den retrospektiven Interviews gaben die Teilnehmenden keine Hinweise auf soziale Erwünschtheit, sondern erlebten die EES-Ereignisse als interessant und realistisch. Zudem fanden sich keine Korrelationen mit dispositionalem Impression Management (soziale Erwünschtheit), nur schwache Korrelationen mit situationalem Impression Management, aber mittlere Korrelationen mit Testmotivation und dem aktuellen Erleben. MTMM-Analysen zeigten stärkere Korrelationen zwischen gleichen Kompetenzfacetten über verschiedene Szenarien als zwischen unterschiedlichen Kompetenzfacetten innerhalb eines Szenarios. Alles in allem stimmen die Befunde optimistisch.

 

Analyse von Fehlerdiagnoseprozessen auf Basis von Logdaten- und papierbasierten Protokollen im Beruf Elektroniker*in für Automatisierungstechnik

Prof. Dr. Felix Walker
Technische Universität Kaiserlautern

Die Fehlerdiagnose stellt im Beruf des EA ein hochrelevantes Tätigkeitsfeld dar (Zinke, Schenk & Kröll, 2014), welches Auszubildende auffordert zur Fehlersuche Strategien anzuwenden (KMK, 2003, S. 29).

Der Beitrag präsentiert einen Ansatz, der den Fehlerdiagnoseprozess (Schaper & Sonntag, 1997a; Schaper & Sonntag, 1997b; Benda, 2008) als Handeln in Suchräumen (Klahr & Dunbar, 1988) begreift, wodurch eine theoriegeleitete Zuordnung von Diagnosehandlungen zu Suchräumen und dahinterliegenden Strategien möglich ist.

Konradt 1995 und Hoc, 2000 unterscheiden die symptomatische Strategie, welche an die Mustererkennungstheorie anschließt und die topographische Strategie, bei der die zielführende Informationsverarbeitung und mentale Modellbildung zentral ist.

Der Beitrag untersucht inwieweit sich die Strategien und Mischformen beim Diagnoseprozess identifizieren lassen, und welcher Zusammenhang zwischen Diagnoseprozess und -ergebnis besteht.

Basis bilden schriftliche Protokolle von Auszubildenden (n=318) und Logdaten-Analysen von Auszubildenden (n=89). Die Datenauswertung erfolgt mit Hilfe von Clusteranalysen (Calinski & Harabasz, 1974; Hall u.a., 2009) in WEKA 3.7.

Die Analyse ergab drei Clusterlösungen, welche die beiden Strategien und Mischtypen identifizierte. Kam eine topographische Strategie oder ein Strategiewechsel zum Einsatz wurde die Fehlerursache erfolgreich identifiziert. Vertiefenden Logdaten-Analysen sowie die Grenzen des Ansatzes werden abschließend diskutiert.

 
14:00 - 16:00Professionell und familial zugleich? Be- und entgrenzte Sorge im heterogenen Feld der stationären Erziehungshilfen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 24
 

Chair(s): Dr. Maximilian Schäfer (Universität Osnabrück, Deutschland), Prof. Dr. Claudia Equit (Leuphana Universität Lüneburg)

Diskutant*innen: Dr. Samuel Keller (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften)

Das Feld der stationären Erziehungshilfen zeichnet sich zwar durch eine wachsende und zunehmend schwieriger zu überblickende Heterogenität und „Formenvielfalt“ (Wolf 2005: 323) aus, gleichwohl sind nahezu alle Formen von pädagogisch-programmatischen Grenzverschiebungen und Entgrenzungstendenzen beeinflusst, die mit den fortschreitenden Prozessen der „Familialisierung der Heimerziehung und Professionalisierung des Pflegekinderwesens“ (ebd.) einhergehen. Die Arbeitsgruppe beschäftigt sich mit Logiken, Ausformungen und Folgen der an Sorgearbeitende in Heimerziehung und Vollzeitpflege zunehmend selbstverständlicher herangetragenen paradoxen Erwartung, im Alltag professionell und familial zugleich zu handeln. In den Beiträgen werden aktuelle Befunde rekonstruktiver Studien zu alltäglichen Ent- und Begrenzenungsprozessen der Sorge in Wohngruppen, familienanalogen Hilfen und Bereitschaftspflegefamilien vorgestellt, die vor dem Hintergrund transnationaler Entwicklungen diskutiert werden.

 

Beiträge des Panels

 

Institutionalisierungsprozesse in stationären Wohngemeinschaften

Prof. Dr. Claudia Equit, Dr. Julia Ganterer
Leuphana Universität Lüneburg

Nach einer kurzen thematischen Einführung durch die und den Koordinator*in der Arbeitsgruppe werden im ersten Vortrag Grenzsetzungen und Entgrenzungen pädagogischen Handelns aufgrund der in stationären Wohngruppen enaktierten Institutionalisierungsprozesse aus der Perspektive von Jugendlichen und Fachkräften analysiert. Konstruktionen von Familialität und Privatheit werden ebenso in den Blick genommen wie Partizipations- und Beschwerdeprozesse junger Menschen in Wohngruppen. Die Ergebnisse basieren auf einem von der DFG geförderten Projekt zu Partizipation in Organisationskulturen der Heimerziehung. In Anlehnung an die theoretische Figur Sozialer Arbeit als Grenzbearbeiterin (Kessl/Maurer 2010) werden im Anschluss an die referierten Projektbefunde professionspolitische Anforderungen und Herausforderungen für stationäre Erziehungshilfen benannt. Im Ausblick erfolgt eine Einordnung der Ergebnisse vor dem Hintergrund transnationaler Einwicklungen stationärer Erziehungshilfen.

 

Pädagogische Orte des Zusammenwohnens? – Über Praktiken und Logiken der verwohnräumlichten Grenzsetzung in familienanalogen Erziehungshilfen

Dr. Maximilian Schäfer
Universität Osnabrück, Deutschland

Im zweiten Vortag wird das stationäre Angebot der familienanalogen Erziehungshilfen beleuchtet, indem zentrale Befunde aus einer jüngst veröffentlichen Dissertation zur Diskussion gestellt werden. Basierend auf mehrjähriger ethnografischer Forschung im Rahmen einer von Aktion Mensch e.V. geförderten Studie und eines jeweils mehrtätigen Mitwohnens in familienanalogen Settings in der Heimerziehungs- und in der fachlich qualifizierten Vollzeitpflegeform, die sich als stationäre Hilfen von anderen Unterbringungsangeboten durch das Zusammenwohnen von (sozial-)pädagogischen Fachkräften, Angehörigen und fremduntergebrachten jungen Menschen strukturell unterscheiden, werden rekonstruierte Modi des „Zusammenwohnens“ in diesem Feld vorgestellt. Thematisch fokussiert werden hierbei insbesondere die alltäglichen Praktiken und disparaten Logiken der verwohnräumlichten Grenzsetzung an diesen Orten, deren unterschiedliche Konsequenzen im Zuge einer erwarteten Sorge mit Professionalitäts- und Familialitätsanspruch aus sozialpädagogischer Perspektive diskutiert werden.

 

Grenzgänge öffentlicher Erziehung im privaten Raum – Paradoxien aus dem Alltag der Bereitschaftspflege

Antonia Finckh
Technische Universität Dortmund

Im dritten Vortrag werden erste Ergebnisse aus einem andauernden Dissertationsprojekt zu Alltag und Übergängen in Bereitschaftspflegefamilien vorgestellt. Die Bereitschaftspflege zeichnet sich als Hilfeform insbesondere über die Verwobenheit eines öffentlichen Erziehungs- und Schutzauftrags mit den besonderen Strukturmerkmalen privater Familialität aus. Anhand von empirischem Material werden implizite und explizite Bearbeitungsweisen eben dieser Verwobenheit sowie spezifische Grenzziehungspraktiken nachgezeichnet. Dabei sind sowohl Fragen der Produktion von (Nicht-)Zugehörigkeit als auch alltägliche Herstellungspraktiken unterschiedlicher Formen familialen Zusammenlebens zentral. Letztere sollen abschließend im Hinblick auf die mitunter paradoxen Implikationen familienbasierter Formen der Fremdunterbringung analysiert und diskutiert werden.

 

Kommentar

Dr. Samuel Keller
Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Schweiz

Im Rahmen einer Kommentierung dieser Vorträge erfolgt zunächst eine Gesamteinordnung der ermittelten Befunde über be- und entgrenzte Sorge im heterogenen Feld der stationären Erziehungshilfen, ehe mit dem Blick auf transnationale Entwicklungen im Fremdunterbringungskontext weitere Anschlussmöglichkeiten für die Diskussion im digitalen Plenum aufzeigt werden.

 
14:00 - 16:00Provokationen eines pädagogischen Egalitarismus. Grenzüberschreitungen im Namen radikaler Gleichheit
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 06
 

Chair(s): Dr. Nicole Balzer (Universität Münster), Prof. Dr. Johannes Bellmann (Universität Münster, Deutschland), Dr. Hanno Su (Universität Münster)

Mit der Kritik an vormoderner Standeserziehung und dem emphatischen Bezug auf den Universali-smus ‚allgemeiner Menschenbildung‘ wurde ‚Gleichheit‘ bekanntlich zu einem zentralen Grün-dungsmotiv moderner Pädagogik. In verschiedenen aktuellen Diskurssträngen – beispielsweise zu Inklusion, Migration und Bildungsgerechtigkeit – ist dieses Motiv in den Hintergrund getreten. Nicht Gleichheit, sondern das ‚Ungleichsein‘ der pädagogischen Adressat*innen wird als die zentrale Herausforderung und zugleich Orientierungsgröße pädagogischen Handelns veranschlagt. In den letzten Jahren sind aber auch vermehrt Arbeiten vorgelegt worden, die Figuren radikaler Gleichheit (erneut) zur Geltung bringen. Die Arbeitsgruppe schließt an diese Arbeiten an und zielt darauf, verstreute Ansätze eines pädagogischen Egalitarismus und die in ihnen enthaltenen Grenzüberschreitungen in systematischer, historischer und inklusionspädagogischer Perspektive zu entfalten.

 

Beiträge des Panels

 

Theoriesystematische Orte von Gleichheit im pädagogischen Denken

Dr. Nicole Balzer, Prof. Dr. Johannes Bellmann, Dr. Hanno Su
Universität Münster

Gleichheit stellt in der pädagogischen Theoriegeschichte ein ebenso mehrdeutiges wie umstrittenes Motiv dar, das in den Lexika der Disziplin in expliziter Form zumeist nur als ‚Chancengleichheit‘ Aufnahme gefunden hat. Bei genauer Betrachtung sind jedoch die Bezüge auf ‚Gleichheit‘ im pädagogischen Denken vielfältiger: Als Voraussetzung erscheint Gleichheit etwa in der Unterstellung gleicher Bildsamkeit, als Ziel in der Selbstaufhebung der Erziehung durch eine zu erreichende Mündigkeit und Gleichstellung der Generationen, und in Bezug auf den Prozess der Erziehung steht Gleichheit z.B. für eine spezifische Praxis der Anerkennung, in der Gleichheit – ungeachtet aller empirischen Ungleichheit – verifiziert wird.

Der Beitrag gibt einen Überblick über die theoriesystematischen Orte und Einsatzpunkte von ‚Gleichheit‘ im pädagogischen Denken. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Frage, inwiefern sich nicht nur äußere Referenzen auf Gleichheit als politische, soziale, ökonomische, rechtliche oder moralische Kategorie zeigen, sondern innere systematische Bezüge, in denen Gleichheit von der Pädagogik aus und Pädagogik von der Gleichheit aus verstanden wird. Ziel ist es, die unterschiedlichen Verwendungsweisen und Bedeutungsgehalte des Gleichheitsbegriffs sowie die jeweils relevanten Abgrenzungsfiguren in einem Tableau zu systematisieren, das als Bezugspunkt für die Diskussion in der Arbeitsgruppe dienen kann.

 

Schlechte Gleichheit – Historische Überlegungen zum pädagogischen Motiv der Gleichheit

Dr. Florian Heßdörfer1, Prof. Dr. Sebastian Engelmann2
1Universität Leipzig, 2Pädagogische Hochschule Karlsruhe

Innerhalb der Erziehungswissenschaft fungiert ‚Gleichheit‘ häufig als Kontrastfolie für empirisch vorgefundene Phänomene der Ungleichheit. Auch in historischer Hinsicht zeigt sich, wie das politische Konzept der Un/Gleichheit über pädagogische Figuren der Besonderheit ausbalanciert wird, die den Anschluss an dessen praktische Bearbeitung erlauben. Angesichts dieser Konstellation sind Versuche von Interesse, die Gleichheit ernst nehmen und in den Mittelpunkt konkreter pädagogischer Praxis setzen. Unser Beitrag rekonstruiert einen solchen Versuch und befragt ihn auf sein Verständnis von Gleichheit und die daraus entstehenden Konsequenzen. Unsere These ist, dass Gleichheit in pädagogischen Zusammenhängen zwar als Chiffre genutzt wird, dieser Nutzen aber nur solange funktioniert, wie der politische Gleichheitsanspruch pädagogisch ‚gereinigt' wird und in hinreichender Distanz zur Unreinheit der Empirie bleibt. Dort wo die Gleichheitsforderung zu weit in den Alltag reicht, markiert der Begriff der ‚Gleichmacherei‘ das Tabu der Realisierung und ruft den Vorwurf ‚schlechter Gleichheit‘ auf den Plan. Als Beispiel für eine pädagogische Treue der Gleichheit nutzen wir Edwin Hoernles Überlegungen zur proletarischen Erziehung, die Gleichheit radikal denkt und dabei die Grenzen des pädagogischen Sprechens über Gleichheit verdeutlicht.

 

Zum Bedeutungswandel der Gleichheitsidee im Inklusionsdiskurs – von der Dialektik von Gleichheit und Differenz, über die radikaler Differenz zu radikaler Gleichheit?

Prof. Dr. Dieter Katzenbach
Goethe-Universität Frankfurt

Das Begriffspaar von Gleichheit und Differenz wurde von Reiser et al. bereits in den 1990er-Jahren in den – damals noch – Integrationsdiskurs eingebracht. In der bis heute einflussreichen Theorie integrativer Prozesse wird die Dialektik von Gleichheit und Differenz als sich auf vier Ebenen – innerpsychisch, interaktional, institutionell, gesellschaftlich – entfaltend konzipiert. Bereits hier scheint es lohnend, dem auf jeder dieser Ebenen aufgerufenen Begriff von Gleichheit noch einmal systematisch nachzugehen.

Mit Ersetzung des Integrations- durch den Inklusionsbegriffs geriet das als spannungsvoll konzipierte Verhältnis von Gleichheit und Differenz zunehmend aus dem Blick. An seine Stelle trat das harmonisierende Gebot der Wertschätzung von Diversität und damit einhergehend die Problematisierung binärer Kategorisierungen. Der Ruf nach Gleichheit war und ist – gerade aus der Perspektive von Behinderung – schon deshalb anrüchig, weil er, Adornos Diktum folgend, in Gefahr läuft, auf der Rückseite Ausschluss zu produzieren, da Gleichheit stets an Kriterien geknüpft wurde: Rasse, Geschlecht, Bildbarkeit, Personenstatus… So lag es für die Inklusionspädagogik nahe, eher den Anschluss an den Diskurs um radikale Differenz zu suchen, während die Schärfung eines inklusiven Begriffs radikaler Gleichheit noch aussteht.

 
14:00 - 16:00Schädigung durch die Kinder- und Jugendhilfe
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 19
 

Chair(s): Prof. Dr. Gertrud Oelerich (Bergische Universität Wuppertal, Deutschland), Katharina Gundrum (Bergische Universität Wuppertal, Deutschland), Charis Hengstenberg (Bergische Universität Wuppertal)

Auf einer programmatischen Ebene ist es wesentliches Ziel Sozialer Arbeit, die Handlungsfähigkeit von Personen wie auch die Funktionsfähigkeit ihrer lebensweltlichen Zusammenhänge zu stützen, zu ergänzen und ggf. (partiell) zu ersetzen. Über diesen Weg soll gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht und Sozialintegration realisiert werden. Zugleich wird Soziale Arbeit dieser Integrationsabsicht häufig nicht gerecht. So ist es im Diskurs durchaus bekannt, dass ihre Angebote und Maßnahmen z.T. nur sehr eingeschränkt in Anspruch genommen werden oder sogar schädigende Folgen für die Inanspruchnehmenden zeitigen können. Die Arbeitsgruppe will anhand von drei Vorträgen Überlegungen zu Schädigung in der Kinder- und Jugendhilfe diskutieren, strukturieren und präzisieren. Dabei sollen insbesondere solche Phänomene, wie bspw. Ausgrenzung und Stigmatisierung, im Fokus stehen, die nicht unmittelbar mit Schädigung assoziiert werden, sich aber als die Inanspruchnehmenden schädigend rekonstruieren lassen.

 

Beiträge des Panels

 

Schädigung durch die Kinder- und Jugendhilfe. Stand des Diskurses und Systematisierungsversuch.

Katharina Gundrum, Charis Hengstenberg
Bergische Universität Wuppertal

Der Beitrag liefert eine erste theoretische Rahmung zu Schädigung durch (Nicht-)Inanspruchnahme von Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe. Es werden Überlegungen, Untersuchungen und Analysen zu dem Themenkomplex ‚Schädigung von Nutzer*innen‘ Sozialer Arbeit, konzentriert auf das Feld der Kinder- und Jugendhilfe, zusammengetragen und strukturiert. Hierbei bildet der Forschungskontext der Sozialpädagogischen Nutzerforschung den Ausgangspunkt, wobei gleichwohl ein breiterer Blick auf die Thematik geworfen wird. Schädigung als Folge der Inanspruchnahme eines sozialpädagogischen Angebotes wird dabei als Einschränkung der bis dato bestehenden Möglichkeiten für eine produktive Bewältigung der alltäglichen Lebensgestaltungsaufgaben konzipiert. Zurückgegriffen wird in dem Vortrag u.a. auf Interviewanalysen, die zeigen, dass die Inanspruchnahme personenbezogener sozialer Dienstleistungen aufgrund mangelnder Beteiligungsmöglichkeiten für die Nutzer*innen schädigende Formen annehmen kann und dass Prozesse der Inanspruchnahme als Exklusionsprozesse mit schädigenden Folgen rekonstruiert werden können.

 

Verlegen, Abschieben und Abweisen - Schädigung im Kontext freiheitsentziehender Maßnahmen

Dr. Mischa Engelbracht
Universität Erfurt

Freiheitsentziehende Maßnahmen gehören zu den umstrittensten (Unterstützungs-)Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe. Wobei sowohl der Grad als auch die Form der im Einrichtungsalltag interdependent wirkenden Machtquellen/- mittel (Elias 1977; Wolf 1999) nicht nur in der Interaktion der beteiligten Akteur*innen, sondern in der gesamten Breite des Einrichtungssettings wirkmächtig ist. Unbestritten ist aus dieser Perspektive auch, dass der Freiheitsentzug als „Maximalintervention“ die stärkste mögliche Machtquelle der Kinder- und Jugendhilfe, aber auch der entsprechenden Einrichtung, darstellen soll. Hierdurch werden entsprechende Einrichtungen als Ultima-Ratio Maßnahme zur Endstation eines Verlege- und Abschiebeprozesses. Das der Rückgriff auf eine Maximalintervention nicht nur besonders zu legitimieren ist, sondern auch besondere Risiken einer Schädigung birgt, muss dabei Gegenstand der pädagogischen Auseinandersetzung sein. In dem Beitrag wird auf Grundlage ethnografischer Daten das Feld der freiheitsentziehenden Maßnahmen unter dem Fokus der Schädigung ihrer Nutzer*innen beleuchtet und der Frage nachgegangen, welche Machtquellen in freiheitsentziehenden Maßnahmen in Interaktionen besonders wirken, welche anderen Machtquellen dadurch verunmöglicht werden und welche Risiken einer Schädigung ihrer Nutzer*innen dadurch entstehen.

 

Stigmatisierungen und Schädigungen durch Inanspruchnahme der Jugendberufshilfe

Katja Jepkens
Hochschule Düsseldorf

Maßnahmen im Übergang zwischen Schule und Erwerbsarbeit verorten vielfach die Probleme und Defizite der nicht erfüllten Arbeitsmarkteinmündung von jungen Erwachsenen und die Lösungen in institutionellen Praktiken. Damit markieren sie zugleich, dass die indizierten Probleme subjektiv und gemessen an einer vorgegebenen Normativität und konstruierten Normalität bearbeitet werden müssen. So gehen mit der Markierung Teilnehmer*in einer Maßnahme eine Reihe von Zuschreibungen einher: Die Teilnahme an einer solchen Maßnahme macht die Abweichung von der „normalen“ Einmündung in eine Erwerbsarbeit öffentlich sichtbar. In Anlehnung an Goffman können diese Zuschreibungen als „Mittel zur Kategorisierung von Personen […], die man für Mitglieder dieser Kategorien als gewöhnlich und natürlich empfindet“ (Goffman 2012 [1963]), bestimmt werden. Soziale Einrichtungen verwalten und etablieren diese Kategorien: So müssen Maßnahmen im Übergang zwischen Schule und Erwerbsarbeit bei (Jugend-)Berufshilfeträgern explizit von jenen genutzt werden, die es zu dem jeweiligen Zeitpunkt nicht schaffen konnten, eigenständig in eine Ausbildung und/oder Erwerbsarbeit einzumünden. Im Rahmen des Vortrags wird anhand des empirischen Materials deutlich, dass sich Stigmatisierungen und Schädigungen auf durch Dritte zugeschriebene negative Konnotationen und formalisierte Inkompetenzzuschreibungen zurückführen lassen, die mit der Inanspruchnahme einhergehen.

 
14:00 - 16:00The global (Un)Making of Epistemic Boundaries: University as an origin of postcolonial, feminist and ecological futures
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 37
 

Chair(s): Dr. Julia Elven (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Germany), Prof. Dr. Susanne Maria Weber (Philipps-Universität Marburg, Germany)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Susanne Maria Weber (Philipps-Universität Marburg, Germany)

The international working group (Egypt, Germany, Turkey) will discuss contemporary epistemic boundary shifts in the context of postcolonial, feminist and ecological knowledge production at universities. Taking an organizational educational perspective, the contributions focus on the university as an organization where (legitimate) scientific knowledge, thought and action are discursively entangled and practically negotiated. But universities are not mere sites of those discourses, they transform themselves with and through them. Here, for example, forms of sustainable production, ecological coexistence, postcolonial development or postpatriarchal organization can be invented, reflected and explored, thus establishing processes of organizational learning. But these processes of organizational learning cannot take place without also questioning the organizational boundaries and rethinking the relationship between university and society.

 

Beiträge des Panels

 

University as a Place for Boundary-Work: Organizational learning in the practical-discursive negotiations and demarcations of scientific responsibility

Dr. Julia Elven
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Germany

“Boundary-work” – the way T. Gieryn (1983: 781) introduced the term – refer to a practice of creating “a public image for science by contrasting it favorably to non-scientific intellectual or technical activities” to acquire intellectual authority and protect scientific autonomy. My empirical analysis of the universities’ positioning practices in the current international discourses on scientific responsibility, showed similar demarcations (Elven 2021): Responsible research is emphasized as a characteristic of 'real' science and at the same time science presents itself as responsible for debunking fake news and fact deniers. What the study also shows, however, is that boundary work is not only directed outward, but also significantly inward, and appears in the organizational field of the university as a process of (re)shaping relational power. Drawing on my empirical findings, I will frame Gieryns concept of boundary work in an organizational pedagogical way and show how practices of positioning and demarcation in the discourse of responsibility imply learning processes that show the potential to change the university both in its relations to the environment and in its constitution.

Elven, J. 2021. Varieties of ethics in academia. Rationalities of scientific responsibility in the (german) march for science. Knowledge Cultures 9(1), 21–34

Gieryn, T. F. 1983. Boundary-Work and the Demarcation of Science from Non-Science. American Sociological Review 48(6), 781–795

 

Possibility of a Non-gendered Feminist University

Duygu Altınoluk
Kilis 7 Aralık University (Turkey)

In the wake of the feminist movement, a rich body of social theory has grown esp. over the last sixty years. Nevertheless, we spend our lifetime within a gendered society and a significant amount of our time in gendered organizations. Bureaucracy and hierarchy can be seen as male-created and male-dominated structures of control, that also shape our education system. Thus, even in their educational trajectories, girls and women encounter many difficult barriers (discussed as ‘glass-ceiling’, ‘leaky-pipeline’ or male ‘gatekeeping’). This contribution focusses on the key dilemmas and handicaps of gendered academia resp. science and then discussing the feminist pedagogical university. Science is a powerful and crucial institution for the reproduction of gender relations because men make decisions here that have a major impact on education and society. Joan Acker (1990, 1992) speaks of a "gendered academia" and in its institutional framework, the university as a "gendered organization” determines components of individual identity as well as the logic of the organization. The paper combines Acker's approach with feminist pedagogy to discuss a de-gendered university using the example of the implementation of a women's quota in the administration of a Turkish university.

Acker, J. 1990. Hierarchies, Jobs, Bodies: A Theory of Gendered Organizations. Gender & Society 4(2), 139-158
Acker, J. 1992. From Sex Roles to Gendered Institutions. Contemporary Sociology 21(5), 565-569

 

Analyzing Islamic Imaginaries of the University and Notions of Academic Freedom

Israa Medhat
Cairo University, Egypt

What are notions of academic freedom in different islamic imaginaries of the University? In contemporary middle eastern debates on the university, the modern european university is criticized as an exclusive western invention, which claims universal relevance. The search for own cultural traditions of the university shows alternative streams of discursive (re-)positionings, varying between a) liberal intellectual positions, b) institutional autonomy and c) religiously bound islamic imaginaries. The paper presents a) the thoughts of the persian doctor, natural scientist, Aristotelian-new-platonian philosopher Ibn Sina (Avicenna born 980 - 1037). Makdisi (1981), discusses b) the rise of “Madrasah” in medieval Islam as a form of higher education institutions, enjoying institutional autonomy. c) Contemporary Islamic imaginaries proposing the ‘islamization and de-westernization of knowledge’ (Wan Daud, 2013), which intend to remove secular elements from knowledge and to leave the ‘westernized’ individualized subject behind. Discussing those imaginaries of the university, different discursive positionings and notions of academic freedom are shown.

Makdisi, G. 1981. The Rise of Colleges. Institutions of Learning in Islam and the West, Edinburgh: Edinburgh University Press

Wan Mohd. Nor Wan Daud. 2013. Islamization of Contemporary Knowledge and the Role of the University in the Context of De-Westernization and Decolonization, Kuala Lampur: UTM Press

 

Contested Campus: Academic education between openness and foreclosure

Dr. Jörg Schwarz
Helmut-Schmidt-Universität / Universität der Bundeswehr Hamburg, Germany

According to the European University Association, future universities shall be "open, transformative and transnational", as "communities of learners, academics and professional staff with open boundaries" they "build bridges between countries, cultures and sectors" (EUA 2021: 5). In my contribution, I will confront this high-gloss policy vision with a real-life example: The Helmut Schmidt University was founded in 1973 as an open university that crosses boundaries between military, academia and (civil) society. The education of the military elite was not to take place in a military academy, but in an university that offers civilian degree programs, has civilian academic personnel and is subject to civil HE law. As in the idea of the 'citizen in uniform', in this encounter of two "communities of practice", "boundary practices" (Wenger 2000) might emerge and offer opportunities for individual as well as organisational learning and finally: for social integration. But this openness was contested ever since, most recently by plans for a military security area. The contribution shows that the debate can't be understood as a mere continuation of a long-running organisational struggle for power, but rather in the light of overarching discourses about universality and particularity in academic education.

EUA. 2021. Universities without walls. A vision for 2030. Brussels: EUA
Wenger, E. 2000. Communities of Practice and Social Learning Systems. Organization 7(2), 225–246

 

Shifting Ecological Boundaries of the University: Within and for the Earth

Mete Kurtoğlu
Middle East Technical University, Turkey

Given the impact of global challenges rising from global climate change, gender inequality etc., there seems to be a gradual shift towards a discourse on ‘higher education for sustainable development’ with reference to UN SDG’s. Going beyond sustainability discourse, this paper focuses on the ‘ecological university’ as a conceptional and practical framework for opening the boundaries of the modern university to holistic, indigenous, inter-cultural knowledge and pedagogies. It starts with Barnett’s (2017) conceptualization of the ecological university for realizing their potential and responsibilities in an age of super-complexity. This is followed by an analysis of three related initiatives: i. Pachamama University as an indigenous and post-colonial case from Latin America (Weber and Tascón, 2020); ii. Ecoversities alliance as a global network of alternative inter-cultural and ecological learning spaces (https://ecoversities.org/) and iii. the project for ‘the university campus as living lab for sustainability’ (https://campusaslivinglab.org/) .

Barnett, R. (2017). The Ecological University: A Feasible Utopia (1st ed.). Routledge.

Weber, S.M., Tascón, M.A. (2020) Pachamama—La Universidad del ‘Buen Vivir’: A First Nations Sustainability University in Latin America. In: Leal Filho W. et al. (eds) Universities as Living Labs for Sustainable Development. World Sustainability Series. Springer, Cham.

 
14:00 - 16:00Variable Grenzen frühkindlicher Räume. Relevanzen theoretischer und empirischer Perspektiven auf die Erziehungs- und Bildungsinstitution Kita
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 34
 

Chair(s): Dr. Regine Schelle (Deutsches Jugendinstitut, Deutschland)

Räume können als eine spezifische Strukturierung von institutionalisierten frühpädagogischen Bildungsangeboten angesehen werden und konstituieren sich als hoch dynamische soziale Prozesse auch in Differenz und mit der Etablierung von Grenzen (Löw/Weidenhaus 2018). Angesichts unterschiedlicher theoretischer Zugänge bleibt zu klären, wie variable Grenzen frühkindlicher Räume entstehen und beobachtbar werden, wie sie die Eigenlogik der Kinder be- und entgrenzen und deren Aneignungsverhalten auch im sozialräumlichen Umfeld beeinflussen (Hüllemann u.a. 2019). Insbesondere ist aufzuschlüsseln, wie die Bedeutung von Grenzen in eine Konzeption von Raum einzubinden ist, ohne einer absoluten Perspektive Vorrang einzuräumen. Die Arbeitsgruppe, die sich aus drei Projekten der BMBF-Förderrichtlinie „Qualitätsentwicklung für gute Bildung in der frühen Kindheit“ formiert, wird diese Fragen anhand von empirischen Ergebnissen reflektieren und diskutieren.

 

Beiträge des Panels

 

Grenzerfahrungen von Kindern in Kitas. Phänomenologische Annäherungen

Prof. Dr. Claus Stieve1, Antonina Poliakova2, Michéle Zirves1
1TH Köln, 2Universität zu Köln

Grenzen, die Institutionen inhärent sind (Waldenfels 1984), zeigen sich in Kitas auf vielfältige Weise. Während materielle, sachlich gegebene Grenzen, wie Zäune, Wände, Türen, den Eindruck starrer Be-Grenzung erwecken, werden Grenzen in den Sozialwissenschaften u.a. als „Räume der Differenz“ ins schwer- oder „nicht-Erreichbare“ und damit auch als potentielle „Erweiterung des Bestehenden“ begriffen (Kessl 2009). Im Kita-Alltag zeigen sich Grenzen als relationale Phänomene, in denen Verschiebungen durch pädagogische Intentionen oder Konzeptionen, wie z.B. der Offenen Arbeit, ausgehandelt und verändert werden. Der gelebte Raum der Kinder teilt sich noch weniger in eine sachliche und eine soziale Umgebung auf – beide bilden eine leibliche Erfahrungseinheit (Stieve 2015), in der Grenzen sich erst konstituieren. Im Vortrag wird sich empirisch und phänomenologisch diesen Erfahrungsvollzügen angenähert. Da Raumbildung nicht nur als aktive, sondern auch passivische Erfahrung angesehen wird (Brinkmann/Westphal 2015), gerät zum einen in den Blick, wie Kindern Ein- und Ausgrenzungen im Sinne einer „Ordnung im Entstehen“ (ebd., S. 12) widerfahren. Zum anderen wird fokussiert, wie sich Grenzen in und durch die von Kindern gelebten Räume konstituieren und variieren und welche Bedeutung diese Grenzziehungen für ihre Sozialität und ihre Eigenräume gewinnen.

 

Grenzbearbeitungen aus Kindersicht – errichten, überschreiten, niederreißen

Stephanie Simon1, Jessica Prigge1, Yvonne Gormanns2, Prof. Dr. Katja Gramelt2, Prof. Dr. Barbara Lochner3, Agata Skalska2, Prof. Dr. Werner Thole1
1Universität Kassel, 2Hochschule Düsseldorf, 3FH Erfurt

Unter der Prämisse, dass Räume hergestellt werden, sich in diesen historisch tradierte Strukturierungen materialisieren und diese beständig Transformationsprozessen unterliegen (Lefebvre [1974] 2006), an denen alle Akteur*innen beteiligt sind, beleuchten wir räumliche Arrangements in Kindertageseinrichtungen empirisch gestützt aus der Perspektive von Kindern. Die Räume dort sind von Erwachsenen entworfen, gestaltet und eingerichtet, jedoch insbesondere von Kinder „belebt“. Wie Kinder diese Raumkonstitutionen sehen ist bedeutsam auch für pädagogische Fragen. In diesem Beitrag werden Grenzbearbeitungen der Kinder beleuchtet. Über verschiedene Materialsorten (u.a. videobasierte Kitaführungen, Interviews, Begehungspläne) werden sowohl im Sprechen der Kinder wie auch im Videomaterial unterschiedliche (unsichtbare) Strukturierungen räumlicher Arrangements sichtbar. Die rekonstruktiven Analysen zeigen, wie über zentral gesetzte Altersdifferenzierungen, institutionelle Zugehörigkeiten sowie Artefakte vermeintlich entpersonalisiert Räumlichkeiten strukturiert werden und wie Kinder pädagogisch arrangierte Grenzen anerkennen, überschreiten, niederreißen oder gar selbst Grenzen errichten. Über die kritischen Anfragen der Kinder wird die Variabilität und Entgrenzbarkeit pädagogisch-räumlicher Arrangements in Kitas deutlich.

 

Sozialräumliche Vernetzung von Kitas zwischen Öffnung und Abgrenzung

Alice Altissimo, Prof. Dr. Peter Cloos, Tom Töpfer
Universität Hildesheim

Das Projekt untersucht, inwieweit sozialräumliche Vernetzung von Kindertageseinrichtungen einen Beitrag zur Verbesserung der gesellschaftlichen Teilhabe von Kindern leistet. Zur Bearbeitung der Projektziele werden Methoden der qualitativen Netzwerkanalyse und der Dokumentenanalyse genutzt und auf die Identifikation von Netzwerkstrukturen der dienstleistungsinfrastrukturellen Öffnung von Kindertageseinrichtungen im Sozialraum und den damit verbundenen Herstellungsweisen struktureller Inclusiveness abgezielt. In dem Beitrag zeigen wir anhand von qualitativen Netzwerkinterviews mit Kita-Leitungen auf wie unterschiedlich sich Kitas öffnen und in den Sozialraum hineinwirken. Kontrastierend lassen sich zwei Modi pointieren, anhand derer Sozialräume eher soziozentrisch oder egozentrisch konstruiert und begrenzt werden. Durch die jeweiligen Entwürfe der Formen der Zusammenarbeit im Sozialraum entgrenzen Kindertageseinrichtungen dabei entweder ihr Aufgabenprofil durch Erweiterung der Aufträge entlang unterschiedlicher Professionsfelder oder grenzen dieses stark ein, indem sie Zuständigkeiten und Raumbezüge zwischen dem Innen (in) der Kita und dem Außen um die Kita positionieren und abgrenzen. Es werden anhand verschiedener Modi sozialräumlicher Vernetzung funktionale und räumliche Grenzziehungen von Kindertageseinrichtungen dargestellt und Implikationen für die Gestaltung gesellschaftlicher Teilhabe von Kindern und Familien skizziert.

 
14:00 - 16:00Von der Suche nach Grenzen. Wie gestalten sich multiprofessionelle Kooperation in der schulischen Praxis und die darauf gerichtete Antizipation in der universitären Ausbildung?
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 07
 

Chair(s): Prof. Dr. Oliver Böhm-Kasper (Universität Bielefeld, Deutschland)

Im Rahmen multiprofessioneller Handlungen sind das Ringen um Zuständigkeiten und implizite Diskurse um Be- oder Entgrenzungen der jeweiligen professionellen Handlungsbereiche erkennbar. In der Arbeitsgruppe sollen daher vorliegende empirische Beobachtungen zur multiprofessionellen Kooperation in der schulischen Praxis mit den Forschungsbefunden aus multiprofessionell zusammengesetzten universitären Lehrveranstaltungen verglichen werden. Diskussionsleitend soll dabei die Frage sein, ob und inwieweit die vorgeschlagene dialektische Perspektive der „Zuständigkeitsdiffusität“ zu einer tragfähigen und verallgemeinerbaren Beschreibung der sowohl auf schulischer als auch auf hochschulischer Ebene beobachtbaren Ent- und Ausdifferenzierungsbewegungen beiträgt und was die in dieser Weise perspektivierten Befunde mit Blick auf die Entwicklung und/oder Professionalisierung der pädagogischen Berufe angesichts erweiterter Kooperationsanforderungen bedeuten.

 

Beiträge des Panels

 

Grenzfragen in der Kooperation unter Pädagog*innen

Prof. Dr. Katharina Kunze
Georg-August-Universität Göttingen

Die Rede von Ent- und Begrenzungen setzt die Bestimmbarkeit von Grenzen voraus. Inwieweit aber lässt sich – mit Blick auf die Zuständigkeiten der pädagogischen Berufe – überhaupt davon ausgehen, dass diese Bestimmbarkeit gegeben ist? Dieser Frage wird auf Basis der Befunde des Forschungsprojekts GAST („Vom Ganzen und der Summe seiner Teile. Rekonstruktionen zur Differenzierung beruflicher Zuständigkeiten in der schulischen Zusammenarbeit von Lehrkräften, Sozial- und Sonderpädagog*innen“) nachgegangen. Im Rahmen von GAST wurden über zwei Schuljahre hinweg insgesamt 92 audiographische Aufzeichnungen verschiedener so genannter ‚multiprofessioneller‘ Settings erhoben und rekonstruiert. Als methodologischer und theoretischer Bezugsrahmen diente eine strukturtheoretisch fundierte Forschungsperspektive, die mit einer im Kontext der Subjektivationsforschung etablierten anerkennungstheoretisch inspirierten Perspektive verknüpft wurde (vgl. Kunze, Bartmann & Silkenbeumer 2019). Unter systematischer Bezugnahme auf die anderen im Rahmen der AG präsentierten Forschungsbeiträge geht dieser Beitrag der Frage nach, wie sich die Dynamiken der Aushandlung und Bearbeitung von Zuständigkeitsfragen in konkreten multiprofessionellen Kooperationsgeschehen darstellen und welche Schlussfolgerungen sich aus dieser Sicht mit Blick auf die Frage nach den Grenzziehungen zwischen unterschiedlichen pädagogischen Berufsgruppen ergeben.

 

Multiprofessionelle Zusammenarbeit an Tagesschulen in der Schweiz – wenn Betreuung und Lehrpersonen Schule machen

Prof. Dr. Patricia Schuler
Pädagogische Hochschule Zürich

Tagesschulen, d.h. Schulen mit verbindlichen ausserunterrichtlichen Angeboten, gewinnen in der urbanen Schweiz zunehmend an Bedeutung (Chiapparini et al., 2016). Die professionelle Zusammenarbeit zwischen den schulischen und sozialpädagogischen Fachkräften gilt vor allem in Tagesschulen als zentrale Einflussgrösse für gelingende Schulentwicklung (Fischer et al., 2013; Olk, Speck & Stimpel, 2011). Gleichzeitig wird die Kooperation der verschiedenen Professionen als Spannungsfeld betrachtet (Merten & Kaegi, 2015; Böllert, 2008), wo hohe Erwartungen an eine gelingende Kooperationskultur in der Schule gestellt werden. Die bislang in der Schweiz empirisch kaum erforschte Kooperation zwischen den beiden Professionen werden aus dem abgeschlossenen SNF-Forschungsprojekt zu pädagogischen Zuständigkeiten an Tagesschulen (AusTEr, 2016) vorgestellt. Dazu werden die Fragen aufgegriffen, wie Lehrkräfte und sozialpädagogische Fachkräfte die Zusammenarbeit wahrnehmen und welche Bezüge zum Professionalitätsverständnis hergestellt werden. Basierend auf 31 mit der Grounded Theory ausgewerteten narrativen Interviews mit schulischen und sozialpädagogischen Fachkräften lässt sich schliessen, dass sich in der Einführungsphase der Tagesschule die Zusammenarbeit sowohl als Zuständigkeitsdiffusion als auch als Delegation abzeichnet. Drei und sechs Jahre später zeigen sich weichere Grenziehungen zwischen den Professionen und eine Praxis der reflektierten Kooperation.

 

„…dass ich jetzt als Lehrer mich da nicht so gewappnet sehe, wie einen Schulsozialarbeiter“ - Zuständigkeiten und Erziehungsziele im Rahmen multiprofessioneller Kooperation aus Sicht Studierender des Lehramts und der Sozialen Arbeit

Lea Stahl, Johanna Valentin, Prof. Dr. Natalie Fischer, Prof. Dr. Hans-Peter Kuhn
Universität Kassel

Die Aufgabentrias der Schule, Bildung, Erziehung und Unterricht wird im Kontext inklusiver (Ganztags-)Schule von vielfältigen pädagogischen Akteur*innen ausgehandelt. Allerdings wird professionsübergreifende Kooperation in der Praxis aufgrund von strukturell unterschiedlichen Arbeitsbedingungen und Bildungsverständnissen sowie unklaren Zuständigkeiten häufig als schwierig erlebt (Isaksson & Larsson, 2017). Die Basis gelingender Kooperationsbeziehungen sollte daher möglichst in der Ausbildung der pädagogisch Tätigen geschaffen werden. Hier setzt das Projekt MuTiG mit der Realisierung multiprofessioneller Lernumgebungen für Studierende des Lehramts (LA) und der Sozialen Arbeit (SA) an (Valentin et al., 2019).

Der Kongressbeitrag fragt nach Positionierungen Studierender zu verschiedenen Bildungs- und Erziehungszielen der Schule. Vor dem Hintergrund der Zuständigkeitsdiffusitätsdebatte (Kunze, 2016) wird zudem überprüft, ob sich in der Praxis vorzufindende Be- und Abgrenzungstendenzen sowie Diffusitäten auch bei Studierenden zeigen.

Herangezogen werden Fragebogendaten von insgesamt 704 Studierenden der SA und des LA zur Wichtigkeit verschiedener Erziehungsziele und dem Anspruch, diese in Zukunft realisieren zu können. Zudem werden anhand von zwölf Gruppendiskussionen antizipierte Zuständigkeiten von Lehrer*innen und Schulsozialarbeiter*innen herausgearbeitet. Die Ergebnisse werden mit Blick auf Professionalisierungsanforderungen diskutiert.

 

Ent- und Begrenzungen pädagogischer Zuständigkeiten als Erfahrungsfeld und kritischer Reflexionsgegenstand in Ausbildung und Praxis

Prof. Dr. Oliver Böhm-Kasper, Dr. Vanessa Dizinger
Universität Bielefeld

Bereits in einer auf multiprofessionelle Kooperation ausgerichteten Hochschulbildung unter Einbezug von Lehrkräften, Sozial- und Sonderpädagog*innen lässt sich das von Kunze (2016) beschriebene Zuständigkeitsdiffusitätsproblem erkennen. Auch in dieser frühen Phase der Professionalisierung lassen sich Zuständigkeitsreklamationsbewegungen beobachten, die mit den in der Praxis vorfindbaren Positionierungen vergleichbar sind. Unser Beitrag basiert einerseits auf einer wissenschaftlich begleiteten Seminarreihe, in der Lehramtsstudierende sowie Studierende der Sozialen Arbeit gemeinsam das Thema ›Multiprofessionelle Kooperation‹ bearbeiten. Die sich daraus ergebenden Ergebnisse können andererseits mit Befunden aus einem Forschungsprojekt zur multiprofessionellen Kooperation an Ganztagsschulen verglichen werden. Beide Forschungsprojekte beinhalten Mixed-Methods-Designs mit entsprechenden quantitativen (z.B. Growth-Models) und qualitativen Auswertungverfahren (u.a. Gesprächsanalyse). Theoretischer Hintergrund sind dabei organisationspsychologische (Spieß 2004) und professionalisierungstheoretische Perspektiven (Kunze 2016) auf multiprofessionelle Kooperation. Die Zusammenschau beider Forschungsprojekte zeigt, dass sich die Fragilität und das Ringen um Be- und Entgrenzungen jeweiliger pädagogischer Zuständigkeiten bereits in der universitären Ausbildung und damit vor dem Eintritt in pädagogische Berufsfelder andeutet.

 
14:00 - 16:00Zur Kommunikation organisationaler Grenzbearbeitungen in der allgemeinen Erwachsenenbildung im Zuge der Digitalisierung. Multiperspektivische empirische Analysen im Volkshochschulkontext.
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 05
 

Chair(s): Prof. Dr. Matthias Alke (Humboldt-Universität zu Berlin, Deutschland), Prof. Dr. Tim Stanik (Hochschule der Bundesagentur für Arbeit, Schwerin)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Karin Dollhausen (Deutsches Institut für Erwachsenenbildung, Bonn)

Die Digitalisierung ermöglicht neue Lernformate über die gesamte Lebensspanne jenseits räumlicher und zeitlicher Begrenzungen. Für die allgemeine Erwachsenenbildung werden Volkshochschulen adressiert, entsprechende Angebote und Teilhabemöglichkeiten aufzubauen. Gleichzeitig wird durch ihre demokratische und regionale Ausrichtung ihre Verantwortung für lokale Bildungs-, Begegnungs- und Beteiligungsräume betont, auch als Gegengewicht zu kommerziellen Plattformanbietern. Somit sind Volkshochschulen durch die Digitalisierung verursachten Entgrenzungen in ihrer organisationalen Grenzbearbeitung herausgefordert. In der Arbeitsgruppe werden aktuelle Ergebnisse empirisch-qualitativer Projekte diskutiert, die jeweils eine andere Perspektive der grenzbearbeitenden organisationalen Innen- und Außenkommunikation in Volkshochschulen thematisieren und dazu unterschiedliche theoretische Zugänge nutzen (Systemtheorie, Neo-Institutionalismus, Soziologie der Konventionen).

 

Beiträge des Panels

 

Organisationale Lernprozesse im Kontext von Digitalisierung: Eine Analyse kommunikativer Grenzziehungen in organisationalen Selbstbeschreibungen von Volkshochschulen

Prof. Dr. Tim Stanik1, Prof. Dr. Julia Franz2
1Hochschule der Bundesagentur für Arbeit, Schwerin, 2Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Die Corona-Pandemie lässt sich als zentrale Veränderung der organisationalen Umwelten der Volkshochschulen betrachten. So sind Volkshochschulen aufgrund der Maßnahmen zur sozialen Distanzierung gezwungen, neue digitale Angebotsformate zu entwickeln. Zusätzlich kommt ihnen als zentrale Organisationen der öffentlichen Erwachsenenbildung die Aufgabe zu, auf Unsicherheiten und gesellschaftlichen Veränderungen mit entsprechenden Bildungsangeboten zu reagieren. Beide Aspekte implizieren sowohl die Notwendigkeit, damit verbundene Formen der Grenzziehung nach innen und außen zu kommunizieren sowie als Organisation zu lernen, wie der Kern der Idee „Volkshochschule“ als Ort der Begegnung im Kontext von Digitalisierungsprozessen gestaltet werden kann.

Vor diesem Hintergrund wird die Frage verfolgt, welche organisationalen Lernprozesse die Volkshochschulen vollzogen haben und wie sie diese nach innen und außen kommunizieren. Hierzu ist ein breites Sample an Programmvorworten als organisationale Selbstbeschreibungen des Herbst-/Wintersemesters 2020/2021 analysiert worden. In den Selbstbeschreibungen konnten zwei organisationale Lernmodi im Hinblick auf die Digitalisierung der Bildungsangebote rekonstruiert werden. Zudem zeigen die Ergebnisse, wie pädagogische Mitarbeiter*innen, Kursleiter*innen und Teilnehmer*innen als Kollektivstruktur organisationaler Lernprozesse adressiert werden.

 

Grenzen des organisationalen Wandels von Volkshochschulen im Zuge der Digitalisierung – Die Reichweite der digitalen Durchdringung aus der Sicht des Leitungspersonals

Dr. Johannes Wahl
Eberhard Karls Universität Tübingen

Digitalisierungsphänomene führen in Organisationen wie der Volkshochschule zu nachhaltigen Veränderungen. Angesichts dieser Diagnose unmittelbarer und unweigerlicher Anpassungen sowie der bekannten Vielfalt an Volkshochschulstrukturen stellt sich die Frage nach dem Ausmaß des organisationalen Wandels und der damit verbundenen Lernprozesse der Organisation bzw. ihrer Mitglieder. Hierbei gilt es nicht nur zu eruieren, inwiefern durch die Digitalisierung umweltinduzierte Isomorphien prozessiert und/oder inhärente organisationale Impulse dynamisiert werden, sondern auch zu klären, inwieweit ressourcen- bzw. motivationsbedingte Grenzen des organisationalen Wandels existieren.

Dazu geht Vortrag den Fragen nach, (1) welche Organisationsebenen von den digitalisierungsinduzierten Wandlungsprozessen betroffen sind und (2) an welchen Stellen der organisationale Wandel an Grenzen gelangt. Um zu diesen Aspekten Aussagen zu treffen, wird die Kommunikation von Phänomenen und Grenzen des Wandels innerhalb der Organisation und gegenüber ihren Umwelten fokussiert. Dazu werden Ergebnisse von explorativen Expert*inneninterviews aus einem kontrastiven Sample herangezogen. Als Expert*innen fungieren Leitungskräfte von Volkshochschulen, die aufgrund ihrer hierarchischen Position Einblicke in die Innen- wie Außenkommunikation der Organisation besitzen. Die Ergebnisse spiegeln die Vielfalt organisationaler Lernprozesse und die Handlungsspielräume ihrer Mitglieder wider.

 

Digitalisierung und organisationale Entgrenzung von Volkshochschulen in der bildungs- und verbandspolitischen Kommunikation aus konventionentheoretischer Sicht

Prof. Dr. Matthias Alke
Humboldt-Universität zu Berlin

Ob und inwieweit sich Volkshochschulen auf die durch die Digitalisierung verursachten räumlichen und zeitlichen Entgrenzungen beziehen und organisationale Grenzbearbeitungen vornehmen, ist auch geprägt von den akteursspezifischen Erwartungen und Legitimationsnotwendigkeiten in ihren Organisationsumwelten. Es ist davon auszugehen, dass vor allem bildungs- und verbandspolitische Akteure hier einflussgebend sind, da sie sich öffentlich zur Digitalisierung der Erwachsenenbildung und den damit verbundenen Entgrenzungsphänomenen positionieren. Zugleich verfolgen sie durch die Initiierung von Förderprogrammen und Unterstützungsmaßnahmen gestaltende Ansprüche im Volkshochschulbereich. Bislang wurden die bildungs- und verbandspolitischen Positionierungen sowie die Implikationen von Förderprogrammen und anderen Maßnahmen zur Digitalisierung wenig untersucht. Davon ausgehend werden im Vortrag Befunde aus einer Analyse von bildungs- und verbandspolitischen Dokumenten wie Positionspapieren, Projektkonzepten oder Förderprogrammen vorgestellt. Angeregt durch die theoretischen Ansätze der Soziologie der Konventionen ist von Interesse, wie die Digitalisierungsstrategien von den Akteuren kommunikativ gerechtfertigt werden, auf welche Konventionen sie sich stützen, welche Wertigkeiten damit (re-)produziert und schließlich welche Legitimationsnotwendigkeiten für die organisationale Grenzbearbeitung von Volkshochschulen erzeugt werden.

 
16:30 - 19:30Mitgliederversammlung der DGfE
Virtueller Veranstaltungsort: Link wird von der DGfE per Mail versendet
20:00Gesellschaftsabend
Virtueller Veranstaltungsort: Spatial.Chat (über die Kongress-Plattform zu erreichen, Link folgt)

Es wird Musik und Austauschmöglichkeiten geben.

Mit Musikbeiträgen von Aladdin Haddad und dem Trio goraSon.

Aufgelegte Musik von DJs aus der Erziehungswissenschaft: Britta Hoffarth, Thomas Geier und Melanie Groß. 

Der Vorstand der DGfE und das Dekanat des Fachbereiches Erziehungs- und Bildungswissenschaften haben zusammengelegt, um in Bremen vor Ort eine kleine Feier in Präsenz zu finanzieren. Damit soll allen Beteiligten des Bremer lokalen Organisationskomittees gedankt werden.

Die Veranstaltung wird live auf Spatial.Chat übertragen, so dass auch alle an anderen Orten der Musik lauschen, die Tanzfläche erobern und in Austausch kommen können.