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Sitzungsübersicht
Sitzung
Optimierung als Entgrenzung. Markierungen der Pädagogischen Anthropologie
Zeit:
Montag, 14.03.2022:
14:00 - 16:30

Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 04

991 0587 7576, 569878
Sitzungsthemen:
2. Allgemeine Erziehungswissenschaft, 6. Sonderpädagogik, Sektion 2, Kommission Pädagogische Anthropologie, theoretisch, Deutsch

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Präsentationen
ID: 121
Symposium

Optimierung als Entgrenzung. Markierungen der Pädagogischen Anthropologie

Chair(s): Prof. Dr. Markus Dederich (Universität zu Köln, Deutschland), Moritz Krebs (Universität zu Köln, Deutschland), Philipp Seitzer (Universität zu Köln, Deutschland), Dr. Gabriele Sorgo (PH Salzburg, Österreich), Prof. Dr. Jörg Zirfas (Universität zu Köln, Deutschland)

Mit der Optimierung fokussiert das Symposion eine paradoxe Technologie der Moderne. Ideen und Praktiken zur Verbesserung oder Vervollkommnung des Menschen gibt es schon seit der Antike, werden aber unter den Bedingungen der Moderne zu einem potentiell unabschließbaren Projekt, das kein überhistorisch gültiges Optimum mehr zum Ziel hat. Optimierung steht also für den entgrenzten Versuch, unter bestimmten Ausgangslagen und mit Blick auf spezifische Zielsetzungen Lösungen zu finden, die „Verbesserungen“ bedeuten. Gegenwärtig erscheint es kaum mehr möglich, sich nicht optimieren zu wollen oder zu können. Optimierung erweist sich in anthropologischer Perspektive als vieldeutige und spannungsreiche Figur, die mit teilweise widersprüchlichen Bedeutungen aufgeladen ist, die regulative Ziele vorgeben, Entwicklungsperspektiven und -richtungen kanalisieren, praktisch-technologische Umsetzungsmöglichkeiten vorschreiben und positive (Neben-)Wirkungen prognostizieren will.

 

Beiträge des Panels

 

Bildsamkeit und Vervollkommnung. Historische Perspektiven

Prof. Dr. Markus Dederich, Prof. Dr. Jörg Zirfas
Universität zu Köln, Deutschland

Historisch erscheint die Umstellung der Semantik von Vollkommenheit als Optimum menschlicher Entwicklung auf Perfektionierung bzw. Vervollkommnung im 16. und 17. Jahrhundert bedeutsam. Infolge dessen wurde die Vervollkommnung von der (absoluten) Vollkommenheit gelöst bzw. die Vollkommenheit selbst als entwicklungsfähig bzw. steigerbar angesehen. Wenn in den aktuellen Debatten weder von einer Vollkommenheit des Menschen, noch von seiner Vollendung die Rede ist, ist das auch ein Indiz dafür, dass ein integrales Ziel menschlichen Lebens nicht mehr vorstellbar erscheint. Genau dieser Verlust macht die Figur der Optimierung attraktiv, bietet diese doch eine irgendwie geartete Orientierung. Zwei pädagogische Grundbegriffe sind mit dieser Orientierung verbunden: Bildsamkeit und Vervollkommnung. Bildsamkeit kann ganz allgemein als eine dem Menschen zugeschriebene Fähigkeit verstanden werden, Fähigkeiten auszubilden und zu entwickeln, zu lernen und sich mit pädagogischer Unterstützung und im Austausch mit der natürlichen, sozialen und kulturellen Welt zu bilden. Auf der anderen Seite verweist der Begriff der Vervollkommnungsfähigkeit darauf, dass das Konzept der Bildsamkeit mit einem Telos versehen werden muss, auf das diese hin entwickelt werden soll. Unter den Bedingungen der Moderne geraten Bildsamkeit und Vervollkommnung in den Sog eines entgrenzten Optimierungsmodells, das in seinen extremen Spielarten über den Menschen hinausweist.

 

Optimierung von Subsumtionsprozessen. Anmerkungen zur Dialektik räumlicher und zeitlicher Entgrenzungen im Kapitalozän

Moritz Krebs
Universität zu Köln, Deutschland

Kapitalistische Vergesellschaftung unterliegt mit Marx einer fortwährenden Unterordnung menschlicher Praxis und vorhandener Ressourcen unter die Erfordernisse der Verwertung. Diese Prozesse werden als formelle und reelle Subsumtion bezeichnet. Formell insofern, als sowohl die lebendige Arbeitskraft als auch die jeweils erschließbaren Ressourcen dem kapitalistischen Produktionsprozess ein- und untergeordnet werden. Reell insofern, als die Produktion des relativen Mehrwerts durch ständige Produktivitätssteigerung historisch zur prägenden Produktionsweise wurde. Einerseits sind Prozesse der Subsumtion auf die historische Entwicklung des Kapitalismus und der bürgerlichen Gesellschaft bezogen, andererseits aber auch ein ständig weitergetriebener Prozess, der stetig neue Formen der Entgrenzung mit sich bringt. Insbesondere lassen sich Aspekte der zeitlichen Entgrenzung (Postone 2003) von Aspekten der räumlichen Entgrenzung (Moore 2020) unterscheiden. Während zeitliche Entgrenzung mit dem Drang zur technischen und sozialen Beschleunigung und Optimierung einhergeht, ist räumliche Entgrenzung auf die materiellen Grundlagen menschlichen Lebens bezogen. Beide Tendenzen bringen jeweils spezifische Anthropologien hervor, die entweder in neuartiger Weise die Conditio humana reflektieren oder aber in Form neuer Menschenbilder affirmativ oder kritisch auf diese Prozesse Bezug nehmen. Welche Bedeutung Vorstellungen von Grenzziehungen in diesen Diskursen haben, soll Gegenstand der Erörterung sein.

 

Grenzen sonderpädagogischer Optimierung jenseits von Defizit- und Ressourcenorientierung

Philipp Seitzer
Universität zu Köln, Deutschland

Die Themen Grenzen und Entgrenzung spielen in der Heil- und Sonderpädagogik eine zentrale Rolle. Heil- und sonderpädagogisches Handeln setzt dort an, wo die allgemeinen Erziehungswissenschaften an ihre Grenzen stoßen und normalisierte Lernprozesse brüchig werden (Möckl 2019). Andererseits findet es traditionell innerhalb institutionalisierter Grenzen statt, die als Schutzbereiche im Sinne bedarfs- und entwicklungsgerechter Sonderumwelten legitimiert waren. Damit einher ging jedoch, dass immer zumindest implizit gewisse Grenzen, etwa der Bildbarkeit und Integrationsfähigkeit, mitgedacht wurden. Diese institutionellen und einstellungsbasierten Grenzen wurden später selbst ins Zentrum der Kritik gerückt und ein Perspektivwechsel von einer individuumszentrierten und defizitorientierten zu einer sozialkritischen und ressourcenorientierten Haltung gefordert. Je mehr jedoch reale Verhältnisse ein von Diskriminierung, Fremdbestimmung und struktureller Gewalt beherrschtes Bild abgeben, desto verheißungsvoller erscheinen auf der anderen Seite die durch Optimierung, Selbstbestimmung und Resilienz gekennzeichneten „Paradiesmetaphern von Bildung“ (Stinkes 2008). In diesem Vortrag soll die Spannung zwischen diesen beiden Seiten der Optimierung als Entgrenzung herausgearbeitet und der Frage nachgegangen werden, ob der Ausgang von der Vulnerabilität des Menschen einen geeigneten Ansatz darstellt, um sonderpädagogische Grenzpfeiler zu bestimmen, die jenseits gängiger Alternativen verlaufen.

 

Not happy to bleed. Entgrenzung und Optimierung des weiblichen Körpers

Dr. Gabriele Sorgo
PH Salzburg, Österreich

Seit der gesetzlichen Gleichstellung der Geschlechter, so würde man logisch schließen, gehören alte abendländische Vorstellungen von einer größeren Vollkommenheit des Mannes gegenüber der Frau endgültig der Vergangenheit an. Doch die spätmodernen Praktiken des Umgangs mit der Menstruation weisen in eine andere Richtung: die Medizin will sie minimieren bzw. abschaffen, um Frauen von dieser als Behinderung eingestuften Heimsuchung zu befreien. Als Norm gilt der männliche Körper ohne zyklische Blutungen. Der Vortrag stützt sich auf anthropologische Studien zum Menstruationstabu, um zu zeigen, dass Menstruierende nach wie vor stigmatisiert werden, während die Menstruation in pädagogischen Diskursen zur Inklusion „vergessen“ wird. Die These lautet, dass die Monatsblutung die Natur-Kulturschranke und somit die androzentristische Vorstellung des vernünftigen Subjekts in Frage stellt, welches Natur und Tier als das Andere des Anthropos sieht. Neue Technologien ermöglichen in marketinggesteuerten Kontrollgesellschaften den Frauen nun, sich vom concealment-imperative zu befreien und sich zu optimieren, indem sie die Grenzen der Natur überschreiten und den Männern körperlich gleicher werden. Theoretisch knüpft der Beitrag an die Theorien von Michel Foucault zur Biopolitik und von Rosi Braidotti zum Posthumanismus an.