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Sitzungsübersicht
Sitzung
ENT | GRENZ | UNGEN | von Familie, Elternschaft & Eltern-Kind-Beziehungen in der Spätmoderne?!
Zeit:
Dienstag, 15.03.2022:
14:00 - 16:00

Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 11
932 6037 0671, J0xYps
Sitzungsthemen:
2. Allgemeine Erziehungswissenschaft, 8. Sozialpädagogik und Pädagogik der frühen Kindheit, Sektion 2, Kommission Qualitative Bildungs- und Biographieforschung, Sektion 8, Kommission Sozialpädagogik, qualitativ, quantitativ, theoretisch, Deutsch

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Präsentationen

ENT | GRENZ | UNGEN | von Familie, Elternschaft & Eltern-Kind-Beziehungen in der Spätmoderne?!

Chair(s): Dr. Anja Schierbaum (Universität zu Köln, Humanwissenschaftliche Fakultät, Deutschland), Dr. Ronnie Oliveras (Universität zu Köln), Jan Frederik Bossek (Universität zu Köln)

In der Arbeitsgruppe möchten wir Entgrenzungsprozesse von Familienwirklichkeit(en) auf verschiedenen Ebenen diskutieren: In komplexen Familienverhältnissen, in denen Familie immer wieder hergestellt, Verantwortlichkeiten für Care- und Erziehungsarbeit verhandelt und normative Geschlechtervorstellungen neu abgesteckt werden müssen. Auf der Ebene der Leitbilder verantworteter Elternschaft und ‚guter‘ Erziehung stellt sich die Frage, inwiefern diese Familien alltagspraktisch einengen oder Familien in ihren Erziehungsverhältnissen institutionell begrenzen. Auf interaktionaler Ebene ist zu diskutieren, inwiefern sich Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern verändern und normativ aufgeladene Zuschreibungen der Eltern-Kind-Beziehung an ihre Grenzen geraten. Des Weiteren ist zu Fragen, inwiefern familiale Entgrenzungserfahrungen durch Krankheit in Familien zu veränderten Verantwortungsgefügen in Familienbeziehungen führen und die Familienerziehung vor neue Herausforderungen stellt.

 

Beiträge des Panels

 

Begrenzungen und Entgrenzungen in komplexen Familienverhältnissen

Dr. Anna Buschmeyer, Dr. Claudia Zerle-Elsäßer
DJI München

Mit unserem Vortrag wollen wir auf unterschiedliche Konzepte von Familie blicken, zunächst aus einer theoretischen/praxelogischen Perspektive. Wer eine Familie sein darf, war über lange Zeit auf gegengeschlechtliche Paare mit Kind(ern) begrenzt. Diese Begrenzungen haben sich in den letzten Jahrzehnten zunehmend aufgelöst. An die Stelle verwandtschaftlicher Beziehungen, die eine Familie scheinbar ‚natürlich‘ formieren, treten daher Praxen der Herstellung von Familie. Familie wird nicht als etwas verstanden das man hat, sondern als etwas, das man tun muss. In dieser Logik sind Familien auf langfristige Bindungen angelegte Beziehungen, in denen über Generationen hinweg reziprok Sorge füreinander übernommen wird. So wird Familie auch für komplexe Konstellationen möglich, die auf rechtlichem Wege bisher ausgeschlossen waren oder teilweise auch heute noch eingeschränkt werden (etwa Familien mit mehr als zwei Elternteilen, nicht-verheiratete oder homosexuelle Eltern etc.).

Wird das Augenmerk auf Praxen von Familie gelegt, werden Anforderungen an das Handeln der Familienmitglieder wichtiger – etwa als Eltern im Sinne eines „good parenting“. Ansprüche an Elternschaft sind wiederum vergeschlechtlicht und unterscheiden sich in ihren Leitbildern von ‚guter Mutterschaft‘ und ‚guter Vaterschaft‘ deutlich. Diese Überlegungen werden wir im Vortrag ausgehend von verschiedenen empirischen Projekten analysieren.

 

„Muss alles perfekt sein? Leitbilder zur Elternschaft in Deutschland“

Kerstin Ruckdeschel
BIB Wiesbaden

Die Idee der „verantworteten Elternschaft“ ist in Deutschland stark präsent und prägt die Vorstellungen von Elternschaft. Es stellt sich deshalb die Frage, inwiefern eine hohe Anspruchshaltung an die eigene Elternrolle sowie die Mutter- und Vaterrolle und diesbezügliche gesellschaftliche Erwartungen den Übergang zum ersten oder zu weiteren Kindern beeinflussen.

Je höher die wahrgenommenen Anforderungen sind, desto länger sollte es dauern, sie zu erfüllen, d.h. die Bedingungen für eine Familiengründung oder -erweiterung zu schaffen. Um diese Frage zu beantworten, werden individuelle und gesellschaftliche Ansprüche in Form von Leitbildern operationalisiert.

Die Auswertungen werden mit dem Paneldatensatz Familienleitbilder 2012 und 2016 des BiB (Bundesinstitute für Bevölkerungsforschung) durchgeführt, der Fragekomplexe zum Thema ,verantwortete Elternschaft‘, ,Mutterleitbilder‘ und ,Väterleitbilder‘ beinhaltet. Es bestätigt sich, dass die Alltagserfahrung mit Kindern Leitbilder beeinflusst. Der hemmende Einfluss von Leitbildern der verantworteten Elternschaft deutet sich vor allem bei einer Familiengründung und beim Übergang zum zweiten Kind an.

 

"Ich wünschte mir, meine Mutter würde mehr als Mutter fungieren." Ent- und begrenzte Eltern-Kind-Beziehungen.

Dr. Ronnie Oliveras
Universität zu Köln

Familie als Gemeinschaftsform beinhaltet klar unterschiedliche soziale Beziehungen (Generationen- und Geschwisterbeziehungen) und es stellt sich die Frage, wie sich diese, angesichts entgrenzter sozialer Bedingungen, gestalten und wie sie sich qualitativ beschreiben lassen. So lässt sich in Bezug auf die Eltern-Kind-Beziehung in insbesondere quantitativen Studien vermehrt ablesen, dass Heranwachsende ihre Eltern als FreundInnen beschreiben, was sich als eine sich veränderte Einstellung hinsichtlich deren Beziehung diskutieren lässt (auch für Eltern gewinnen diese an freundschaftlichem Charakter) und zudem auch die Frage provoziert, welche emotionalen Grenzverschiebungen damit ausgedrückt werden.

Exemplarisch soll anhand einer Eltern-Kind-Beziehung qualitativ rekonstruiert werden, in welchen Grenzgebieten individueller Emotionalitäten und Leitbilder sich familiäre Beziehungen entwickeln und bewegen. Die Fragen, wie diese beschrieben, wie sie gestaltet, und mit welchen Qualitäten sie zu bestimmen versucht werden, sollen die emotionalen Aspekte dieser Beziehungen fokussieren, um anschließend deren Verhältnis zum Leitbild der Familie als Heimathafen und den dazugehörigen Rollenzuweisungen zu diskutieren, denen eine begrenzte Gefasstheit von Werten und erwarteten Gemütslagen inhärent ist. Gilt Familie als der zentrale Ort der Liebe und Hingabe, so stellt sich die Frage, ob und wie diese Beziehungsqualitäten biographisch erfahren und bestimmt werden.

 

Krankheit und Erziehung als sich entgrenzende Verantwortlichkeiten

Prof. Jutta Ecarius
Universität zu Köln

Familie als ‚Kooperations- und Solidaritätsverhältnis’ und damit als ‚Beziehungs- und Erziehungsfamilie’ ist aufgrund ihrer Vielschichtigkeit grundsätzlich von Entgrenzungen bedroht. Wenn dann noch Krankheit zum Thema wird, gerät Familie unter Druck. Hat ein Kind Leukämie und ist ein Geschwisterkind Knochenmarkspender, steigen die Anforderungen: Es kann zur Familienkrise und zum Ausfall von Verantwortungsübernahme kommen, das bisher Alltägliche gerät nicht nur in Bewegung, sondern entgrenzt sich.

In diesen Vortrag werden die (Ent-)Grenz(ungslinien) von Erziehung und Verantwortung diskutiert. Anhand der qualitativen Erhebung aus dem Projekt ‚Knochenmarkspende unter Geschwistern’ (Herzog et al. 2019) arbeite ich drei Dimensionen von Entgrenzungen heraus: 1. Erziehung wird aufgrund der lebensnotwendigen Sorge/Pflege des kranken Kindes nicht praktiziert, die Verantwortung für das Leben des Kindes durchbricht Erziehung. 2. Sedimentierte familiale Interaktions- und Handlungsmuster verflüssigen sich, wodurch sich Familie als Kooperations- und Solidaritätsverhältnis entgrenzt. 3. Die Kranke wird aufgrund ihrer Drogensucht, einer unabgeschlossenen Lehre etc. vom Fürsorgefall zum Problemfall, wodurch sich die spätmoderne Norm der Eigenverantwortung für ein gelingendes Leben verflüchtigt. Deutlich werden insgesamt Verflechtungen und Entgrenzungen von Erziehung, Familien- und Eigenverantwortung in der Spätmoderne.