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Sitzungsübersicht
Sitzung
Poster-Cluster: Perspektiven von Kindern und Jugendlichen auf Bildungsprozesse und –anforderungen
Zeit:
Montag, 14.03.2022:
11:30 - 13:00

Chair der Sitzung: Dr. Katja Meyer-Siever, Universität Bremen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 06
917 0452 1118, 983974
Sitzungsthemen:
2. Allgemeine Erziehungswissenschaft, 4. Empirische Bildungsforschung, Sektion 2, Kommission Qualitative Bildungs- und Biographieforschung, Sektion 4, Arbeitsgruppe Empirische Pädagogische Forschung, Deutsch

In diesem Cluster werden sieben Poster vorgestellt, die alle deutschsprachig sind.


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Präsentationen

Die ERiK-Kinder- und Elternbefragung: Erhebungsdesign und erste Erkenntnisse

Susanne Rahmann, Magdalena Molina Ramirez, Dr. Susanne Kuger

Deutsches Jugendinstitut e.V., Deutschland

Kinder haben gemäß der UN-Kinderrechtskonvention das Recht, ihre Meinung in allen sie berührenden Angelegenheiten frei zu äußern. Trotzdem wird ihre subjektive Sichtweise in der Sozial- und Bildungsberichterstattung bislang nicht systematisch einbezogen. Ein wesentlicher Grund hierfür liegt in der Annahme, dass die Befragung von Kindern aufgrund entwicklungspsychologischer Besonderheiten, z.B. der in Entwicklung befindlichen sprachlichen Kompetenzen, nur begrenzt möglich sei. In der Literatur werden in diesem Kontext spezifische Altersuntergrenzen für Interviews mit Kindern diskutiert (Vogl 2015).

Im System der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung (FBBE) nehmen Kinder einerseits als Adressaten, andererseits als Akteure, die den Betreuungsalltag aktiv mitgestalten, eine zentrale Rolle ein. In den letzten Jahren wurden vermehrt qualitative Studien durchgeführt, die zeigen, welche Aspekte der Kindertagesbetreuung Kindern wichtig sind (z.B. Nentwig-Gesemann, Walther, Bakels & Munk 2021). Quantitative Studien, die bundesrepräsentative Aussagen erlauben, existieren jedoch bislang nicht.

Das Projekt ERiK verfolgt das Ziel, neben den Sichtweisen weiterer relevanter Akteure, auch die Perspektive von Kindern auf Qualität in der FBBE abzubilden und in das indikatorengestützte Monitoring zum KiTa-Qualitäts- und -Teilhabeverbesserungsgesetz (KiQuTG) zu integrieren. Hierzu soll eine bundesrepräsentative Stichprobe von 600 Kindern ab vier Jahren bis vor Schuleintritt persönlich in der Kindertageseinrichtung befragt werden. Die Kinder sollen dabei die Möglichkeit erhalten, als Expert*innen ihrer Lebenswelt Auskunft zu unterschiedlichen Qualitätsaspekten zu geben. Hierzu wurde ein standardisiertes Instrument entwickelt, das die Bereiche subjektives Wohlbefinden, soziale Eingebundenheit, wahrgenommene Selbst- und Mitbestimmungsmöglichkeiten sowie eine Einschätzung der Räumlichkeiten und der Verpflegung in der Einrichtung umfasst. Um eine kindgerechte Befragungssituation zu schaffen, wird der Fragebogen in ein Spiel eingebettet, bei dem das Kind eine selbst gewählte Figur auf einem Spielplan bewegt. Ergänzend werden die Eltern der teilnehmenden Kinder online befragt, um Informationen zur Betreuungshistorie und Soziodemografie sowie der elterlichen Wahrnehmung der Betreuungssituation zu erhalten. Das Poster stellt das Erhebungsdesign der Teilstudie „ERiK-Kinder- und Elternbefragung“ sowie erste Ergebnisse vor, die in einem Pretest mit 30 Kindern gewonnen wurden.



Entgrenztes Aufwachsen oder Freiheit von Grenzen? Kindheits- und Jugendbilder und deren biografische Genese bei Fachkräften der Offenen Kinder- und Jugendarbeit

Sebastian Rahn

Duale Hochschule Baden-Württemberg, Deutschland

Vorstellungen darüber, was Kindheit und Jugend sind und welche Rahmenbedingungen ein ‚gutes‘ Aufwachsen benötigt, sind für die Pädagogik und damit auch für die Offene Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) als Arbeitsfeld konstitutiv (Gudjons & Traub 2016, S. 183; Kausch & Sturzenhecker 2014, S. 63). Zwar existieren bereits Studien und Publikationen zu diesen Kindheits- und Jugendbildern auf der gesellschaftlichen Makro-Ebene (Hafeneger 1995; BMFSFJ 2017), jedoch ist nicht von einer bruchlosen Übernahme dieser Leitvorstellungen durch die Fachkräfte auszugehen. Das Promotionsvorhaben untersucht daher, wie mentale Kindheits- und Jugendbilder bei Fachkräften der OKJA biografisch entstanden sind und wie hierbei eigene Erfahrungen im Aufwachsen, Professionalisierungsprozesse und gesellschaftliche Leitbilder zusammenwirken (zum Begriff der mentalen Bilder: Wiezorek & Ummel 2017). Zudem wird der Zusammenhang dieser Bilder mit der jeweiligen pädagogischen Praxis mithilfe fokussierter Ethnographien (Knoblauch 2001; Knoblauch 2002) betrachtet.

Innerhalb dieses Forschungsinteresses setzt sich das Poster schwerpunktmäßig mit den in den Kindheits- und Jugendbildern enthaltenen ‚Entgrenzungen‘ auseinander. Im Auswertungsprozess werden hierzu mehrere Dimensionen sichtbar, entlang derer sich die Kindheits- und Jugendbilder unterscheiden und in denen sich ‚Entgrenzungen‘ zeigen, wie beispielsweise anthropologische Grundannahmen zum Aufwachsen, zeitdiagnostische Perspektiven auf Kindheit und Jugend sowie Rückschlüsse aus dem Kindheits- und Jugendbild auf die eigene fachliche Identität. So kann beispielsweise die Zeitdiagnose eines ‚entgrenzten Aufwachsens‘ in einem Fall zum Ausgangspunkt eines stärker auf Orientierung ausgerichteten pädagogischen Handeln gemacht werden, während im anderen Fall das Überschreiten von Grenzen für die Fachkraft einen konstitutiven Bestandteil von Kindheit und Jugend darstellt. Die Auseinandersetzung mit den ‚Entgrenzungen‘ in Kindheits- und Jugendbildern kann daher auch dabei helfen, die unterschiedlichen Kontexte der Thematisierung von Be- und Entgrenzung im Sprechen über Kindheit und Jugend zu differenzieren.



Fachkraft-Kind-Interaktionen in U3-Betreuungseinrichtungen und die Rolle von Strukturmerkmalen

Franka Baron1, Dr. Anja Linberg1, Dr. Simone Lehrl2, Dr. Dorothea Dornheim2

1Deutsches Jugendinstitut München, Deutschland; 2Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Deutschland

Institutionelle Betreuungseinrichtungen stellen zentrale Entwicklungs- und Lernumwelten für Kinder dar, zunehmend auch für Kinder unter drei Jahren (Autorengruppe Bildungsberichterstattung, 2020). Neben strukturellen Merkmalen erweist sich vor allem die Qualität von Fachkraft-Kind-Interaktionen als bedeutsam für die kindliche Entwicklung und für das Lernen (Sylva et al., 2011). Außerdem konnte gezeigt werden, dass Strukturmerkmale mit Merkmalen von Fachkraft-Kind-Interaktionen in Beziehung stehen (Slot et al., 2015). Bisher ist allerdings noch wenig darüber bekannt, welche Bedeutung diese Merkmale von U3-Betreuungseinrichtungen für Fachkraft-Kind-Interaktionen haben.

Ziel des Beitrags ist daher, die Beschaffenheit von Fachkraft-Kind-Interaktionen hinsichtlich ihrer Dimensionen, ihres Niveaus und ihrer Variabilität zu untersuchen und zu analysieren, inwieweit Aspekte der Strukturqualität hierfür eine Rolle spielen.

Zur Beantwortung der Frage wurden Fachkraft-Kind-Interaktionen in 50 Einrichtungen mit dem Classroom Assessment Scoring System toddler version (CLASS Toddler, La Paro et al., 2012) eingeschätzt. Das CLASS Toddler Beobachtungsinstrument fokussiert auf Aspekte des positiven und negativen Klimas innerhalb der Gruppe, die Feinfühligkeit der Fachkraft, die Berücksichtigung der kindlichen Perspektive, die Verhaltenslenkung, die Unterstützung des Lernens und der Entwicklung der Kinder, die Qualität des Feedbacks und den Sprachgebrauch gegenüber den Kindern. Über Fragebögen wurden Strukturmerkmale wie die Gruppengröße, der Fachkraft-Kind-Schlüssel, der Bildungshintergrund der Fachkräfte, der sozio-ökonomische Hintergrund der Kinder sowie die Muttersprache und das Alter von Fachkräften und Kindern erhoben.

In dem Poster werden Resultate der Fachkraft-Kind-Interaktionsqualität präsentiert und in Hinblick auf deren Faktorenstruktur sowie das Qualitätsniveau diskutiert. Zudem wird herausgearbeitet, welche Beziehungen zwischen Strukturmerkmalen und der Interaktionsqualität bestehen.

Anhand einer konfirmatorischen Faktorenanalyse zeigt sich, dass zwei Domänen von Interaktionsqualität abbildbar sind, die emotional unterstützende und lernanregende Interaktionen beinhalten. Das Qualitätsniveau der Interaktionen bewegt sich insgesamt in einem mittleren Bereich. Vor allem der familiäre Hintergrund der Kinder und Merkmale der Fachkraft scheinen die Interaktionen zu beeinflussen.

Die Resultate werden in Hinblick auf ihre Praxisrelevanz und Implikationen für Forschung und Politik diskutiert.



Inwieweit werden Jugendliche zur schriftlichen Diskursteilnahme befähigt? Eine Analyse relevanter Bildungsdokumente für das Schreiben im Fach Englisch

Katrin Peltzer1, Lea Siekmann1, Prof. Dr. Judy Parr2, Prof. Dr. Vera Busse1

1Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Deutschland; 2The University of Auckland, New Zealand

Die nach 2000 geborene Generation verleiht ihren Interessen zunehmend öffentlich Ausdruck; gleichzeitig wächst jedoch ihre Sorge vor „einer wachsenden Feindlichkeit zwischen Menschen, die unterschiedlicher Meinung sind“ (Hurrelmann et al., 2019, S. 15). Die Weiterentwicklung des demokratischen Zusammenlebens bedarf einer diskursfähigen jungen Generation, die dazu in der Lage ist, gesellschaftliche Aushandlungsprozesse produktiv mitzugestalten. In die Teilhabe am demokratischen Diskurs müssen Heranwachsende jedoch explizit durch schulische Bildung eingeführt werden (Benner & Brüggen, 2011). So liegt eine Befähigung Jugendlicher zur multiperspektivischen, demokratischen Diskursteilnahme auch dem modernen kommunikativen Englischunterricht als Leitidee zugrunde (z.B. Hallet, 2011), in dem Lernende durch die Lingua Franca Englisch Zugang zu universalen, globalen Diskursen erhalten sollen.

Ziel unserer Studie ist es, einen Einblick in relevante Bildungsdokumente für das Fach Englisch zu erlangen und zu untersuchen, inwieweit die Befähigung aller Lernender zur schriftlichen Teilnahme an gesellschaftlichen Diskursen angestrebt wird. Hierzu analysierten wir den GeR, die Bildungsstandards der KMK sowie elf Englischcurricula (BY, HB, NRW, SN) für den Mittleren Schulabschluss hinsichtlich zugrundeliegender Schreibüberzeugungen. Dabei wurden N = 183 schreibspezifische Kompetenzerwartungen der Dokumente den Schreibdiskursen nach Ivanič (2004) zugeordnet. Die Analyse zeigt eine Produktorientierung der Bildungsdokumente, die formalsprachliche Aspekte priorisieren und dabei wenig Raum für kreatives Schreiben oder die Auseinandersetzung mit sozialen Praktiken lassen. Soziopolitische Komponenten des Schreibens werden nicht berücksichtigt, was nahelegt, dass Lernende nicht ausreichend darauf vorbereitet werden, in fremdsprachlichen Diskursen die eigene Stimme zu finden. Die Befunde für den Bereich Schreiben weisen somit auf eine mangelnde Abstimmung der Lehrpläne mit den Zielen des modernen kommunikativen Fremdsprachenunterrichts hin. Das Poster illustriert das methodische Vorgehen bei der Dokumentenanalyse und stellt die Ergebnisse der Untersuchung detailliert dar. Wir diskutieren die Befunde auch vor dem Hintergrund nationaler (Müller et al., 2021) sowie internationaler (z.B. Peterson, Parr, Lindgren & Kaufman, 2018; Sturk & Lindgren, 2018) Forschung, die eine vergleichbare Vernachlässigung des soziopolitischen Schreibdiskurses in weiteren sprachlichen Fächern zeigt.



Selbstregulation und Emotionen in unterschiedlichen schulischen Lernumgebungen

Dr. Stefan Kulakow, Prof. Dr. Diana Raufelder

Universität Greifswald, Deutschland

Theoretischer Hintergrund

Die Gestaltung von modernen Lernumgebungen ist ein zentraler Faktor zur Optimierung schulischer Bildung, um beispielsweise dem schulischen Motivationstief der Adoleszenz entgegenzuwirken (Gnambs & Hanfstingl, 2016). Dabei stellt sich die Frage, welche Auswirkungen unterschiedliche Lernsysteme unter anderem auf Emotionen und Selbstregulation haben. Die vorliegende Studie untersucht das Zusammenspiel dieser Konstrukte anhand zweier Lernumgebungen: individualisiertes kompetenzraster-basiertes Lernen (KBL) (Krille, 2016) und traditioneller lehrerzentrierter Unterricht (LZU).

Aktuelle Forschung legt nahe, dass positive Emotionen im Unterricht von elementarer Bedeutung für die Lernprozesse von Schüler/-innen sind (Schutz & Pekrun, 2007). Dabei weisen die Selbstbestimmungstheorie und die Emotionsforschung auf die Lernumgebung als zentrale Kontextvariable im Zusammenspiel von Emotionen und Selbstregulation hin, deren Auswirkungen bisher kaum erforscht sind (Meyer, 2014; Ryan & Deci, 2017).

Fragestellung

Die vorliegende Studie untersucht, inwiefern sich Emotion und Selbstregulation gegenseitig bedingen und welche Unterschiede in den Lernumgebungen (LZU und KBL) dabei eruiert werden können. Es wurden folgende Hypothesen überprüft:

(1) Schüler/-innen aus LZU berichten geringere Ausprägungen der motivationalen Regulationsstile und der Emotion.

(2) Es gibt reziproke Wechselwirkungen zwischen Emotionen und den motivationalen Regulationsstilen während der Adoleszenz, die sich aber zwischen den Lernumgebungen (LZU und KBL) unterscheiden.

Methode

Die Forschungsfragen wurden mittels latentem Mittelwertsvergleich und Multigruppen-Cross-Lagged-Panel-Designs untersucht. Empirische Grundlage sind Fragebogendaten einer Stichprobe von 1153 Schüler/-innen der Klassenstufen 7–10 aus sechs Schulen (Mage = 13.97; SD= 1.37).

Ergebnisse

Die Ergebnisse heben die positiven Effekte von schülerzentrierten Lernumgebungen, wie KBL hervor: Die Analysen der Cross-Lagged-Panel Modelle legen nahe, dass Schüler/-innen im KBL höhere motivationale und emotionale Stabilitäten aufweisen. Darüber hinaus zeigte sich, dass positive Emotionen sowohl die intrinsische Motivation, als auch die identifizierte Regulation im KBL vorhersagten. Die Ergebnisse werden vor dem Hintergrund bestehender Forschung in Bezug auf schulische Lernumgebungen diskutiert.



Sozial kompetentes Handeln als Konstruktion – Interaktionen benachteiligter Heranwachsender in außerunterrichtlichen Angeboten. Eine Grounded-Theory-Studie.

Inga Lotta Limpinsel

Ruhr-Universität Bochum, Deutschland

Außerunterrichtliche Angebote werden im Ganztagsdiskurs als Möglichkeitsräume verstanden, in denen Merkmale des formalen Kontexts schulischen Unterrichts mit Merkmalen non-formaler Kontexte in Form von außerschulischen Freizeitangeboten vereint sind (Sauerwein et al., 2018). Vor diesem Hintergrund wird außerunterrichtlichen Angeboten das Potenzial zugesprochen, überfachliche Kompetenzen von Schüler*innen zu fördern und herkunftsbedingte Ungleichheiten zu verringern (Fischer, 2020). Letzteres trifft auch auf soziale Kompetenz zu, die als relevanter Faktor für gesellschaftliche Partizipation gilt. Theorie-Modelle verweisen darauf, dass kontextspezifische Normen und Werte rahmen, welche Handlungen als sozial kompetent legitimiert werden (Bittlingmayer et al., 2020). In der empirischen Bildungsforschung herrscht jedoch die Tendenz vor, den Kompetenzbegriff auf den Dispositionscharakter zu reduzieren und die Spezifität des Kontexts zu vernachlässigen (Otto & Schrödter, 2011). Somit mangelt es bislang auch an Untersuchungen, die betrachten, wie sozial kompetentes Handeln situativ und interaktiv ermöglicht, hergestellt und begrenzt wird. Dies trifft insbesondere auf außerunterrichtliche Angebote mit ihrer strukturellen „Eigenlogik“ (Graßhoff et al., 2019) zu.

Das Dissertationsprojekt setzt an dieser Stelle an, indem sozial kompetentes Handeln mittels der konstruktivistischen Grounded-Theory-Methodologie (Charmaz, 2014) (video-)ethnografisch untersucht wird. Den metatheoretischen Rahmen stellt der Pragmatismus dar, wobei primär auf die handlungstheoretischen Arbeiten Deweys (1910; 2011; 2020) sowie den symbolischen Interaktionismus (Blumer, 2013) zurückgegriffen wird, um sich der interaktiven Konstruktion sozial kompetenten Handelns zu nähern. Zusätzlich werden einschlägige Arbeiten zu sozial kompetentem Handeln (u.a. Roth, 1971) berücksichtigt, systematisiert und mit der metatheoretischen Ausrichtung verknüpft. Auf empirischer Ebene wird anhand außerunterrichtlicher Angebote analysiert, wie Heranwachsende das Spannungsfeld zwischen schulischen Regeln sowie Normen des Peer-Kontexts (nicht) aushandeln und was dies mit Blick auf soziale Kompetenz bedeutet. Im Fokus stehen Jugendliche der Sekundarstufe I von Schulen in herausfordernden Lagen, die tendenziell von defizitorientierten Sichtweisen auf ihre Normen, Werte und Fähigkeiten betroffen sind (Bremm, 2019).



Verunsicherung im Sportunterricht. Eine qualitative Studie zu Grenzüberschreitungen aus der Perspektive von Schüler*innen

Prof. Dr. Ina Hunger, Dr. Benjamin Zander, Sarah Metz, Martin Röttger, Dr. Babette Kirchner, Darren Meineke

Georg-August-Universität Göttingen, Institut für Sportwissenschaften, Deutschland

In bundesdeutschen Lehrplänen wird der Sportunterricht durch seine inhaltliche Ausrichtung auf Bewegungsaktivitäten als ideale Gelegenheit zur ganzheitlichen Entwicklungs- und Gesundheitsförderung von Heranwachsenden innerhalb von Schule präsentiert. Jedoch erleben Schüler*innen im Sportunterricht auch Situationen (mit Lehrkräften oder Mitschüler*innen), die sie psychosozial verunsichern und nachhaltig belasten (können).

Bislang wurde Verunsicherung in der Sportunterrichtsforschung nur vereinzelt thematisiert und an einzelne Phänomene wie Angst, Scham, Mobbing, etc. gekoppelt. In einem von mehreren deutschen Unfallkassen finanzierten Forschungsprojekt „Verunsicherung im Sportunterricht“ widmen wir uns der Perspektive der Schüler*innen und fokussieren in einer sozialkonstruktivistischen Ausrichtung in grundlegender Weise u. a. jene Prozesse der Grenzüberschreitung, die im Handlungsrahmen Sportunterricht Verunsicherungen evozieren. Unter Grenzüberschreitungen verstehen wir alle sportunterrichtlichen Handlungen (einschließlich verbaler Äußerungen) von Lehrkräften oder Mitschüler*innen, die aus Sicht der betreffenden Schüler*innen eine physische und/oder psychische Grenze überschreiten.

Konkret beforschen wir in drei Teilstudien, (1) wie und wann Schüler*innen Situationen des Sportunterrichts als physische und/oder psychische Grenzüberschreitung deuten, (2) welche Handlungsstrategien sie im Umgang mit diesen psychosozial verunsichernden Situationen entwickeln und (3) welche Konsequenzen, z. B. in Bezug auf ihren (sportbezogenen) Alltag daraus resultieren (können).

Mit einer qualitativ-interpretativen, multimethodischen Forschungsanlage (Datenkorpus bestehend aus schriftlichen Kurznarrationen, interaktiven Webseiten, Leitfaden gestützten Interviews) wollen wir nicht nur die Perspektive gegenwärtiger, sondern auch ehemaliger Schüler*innen rekonstruieren.

Basierend auf bisherigen Einblicken in das Feld finden wir Grenzüberschreitungen insbesondere in Bezug auf bzw. in Auseinandersetzung mit der Körperlichkeit von Schüler*innen, wobei sich mindestens drei Ebenen unterscheiden lassen:

  • Grenzen des subjektiv körperlich Machbaren: (zu) hohe Leistungsanforderungen, (zu) kompetitive Leistungsvergleiche.
  • Grenzen körperlich-leiblicher Berührung: Kontaktsport, Hilfestellungen, erhöhte Sichtbarkeit von Körpern, (physische) Übergriffe.
  • Grenzen körperbezogener Wahrnehmung und Adressierung: Degradieren, Ignorieren, besonderes Fokussieren.

Diese Eindrücke möchten wir im Sinne eines Werkstattberichts u. a. hinsichtlich der Bedeutung von Körperlichkeit für Prozesse der Grenzüberschreitung anhand ausgewählter Situationsdarstellungen des Sportunterrichts näher erläutern. Zur näheren Beschreibung der Perspektive von Schüler*innen soll weiterführend diskutiert werden, inwiefern sich das Erleben von Grenzüberschreitungen mit Blick auf soziale ‚Verortungen‘ unterscheidet (bzgl. vulnerabler Gruppen o. ä.) und wie das Fach Sport in programmatischer Hinsicht darauf reagieren könnte.



 
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