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Sitzungsübersicht
Sitzung
Poster-Cluster: Interkulturelle und international vergleichende Bildungsforschung
Zeit:
Montag, 14.03.2022:
11:30 - 13:00

Chair der Sitzung: Dr. Christoph Fantini, Uni Bremen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 05

922 6850 5746, 480192
Sitzungsthemen:
3. Interkulturelle und International Vergleichende Erziehungswissenschaft, Sektion 3, Kommission Interkulturelle Bildung, Deutsch

In diesem Cluster werden acht Poster vorgestellt, die alle deutschsprachig sind.


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Präsentationen

Die (Re-)Produktion „europäischer“ Grenzziehungen von Schüler*innen

Saskia Langer

Universität Trier, Deutschland

Die Institutionen der EU empfehlen für die Europabildung die Förderung einer „europäischen Identität“ neben den nationalen Identitäten (Rat der Europäischen Union, 2018). Jedoch existieren gesellschaftlich unterschiedliche Vorstellungen darüber, was „Europa“ respektive „europäische Identität“ konstituiert (Quenzel, 2005). Verschiedene Grenzziehungen zwischen jenem, was als europäisch inkludiert und jenem, was exkludiert wird, werden dabei durch entsprechend variierende Diskurse legitimiert. Dabei wird Europa mitunter nicht differenziert betrachtet, sondern naturalisiert, kulturalisiert, politisiert oder ökonomisiert.

Mit diesen Vorstellungen von „Europa“ werden Schüler*innen in der Familie, im Bildungssystem sowie in den Medien konfrontiert und vor die Herausforderung gestellt, daraus eine eigene (kohärente) Vorstellung zu bilden. Außerdem bieten ihnen diese auch heterogene Identifikationsangebote. Identität wird in diesem Promotionsvorhaben in Anschluss an Parsons (1968) als Rollenidentität verstanden. Seiner Theorie zufolge werden die gesellschaftlichen Erwartungen von den Individuen reflektiert und die Identität als Verknüpfung verschiedener Rollen und Erwartungen gebildet. Auf dieser Grundlage lässt sich für den Themenbereich Europa vermuten, dass verschiedene Erwartungen gleichzeitig an die Individuen gerichtet werden und somit vielfältige europäische Identitäten entstehen können.

In dem Promotionsvorhaben wird den Forschungsfragen nachgegangen, welche Vorstellungen von Europa und somit Grenzziehungen politischer, kultureller und sozialer Art Schüler*innen (re)produzieren, wie sie sich zu diesen positionieren und welche raumbezogenen Identitäten sie bilden. Den Untersuchungsraum bildet die Großregion (Luxemburg, Lothringen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Wallonie und die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens) als transnationaler Bildungsraum. Als Informant*innen werden Schüler*innen der Sekundarstufe I befragt, um eine Vergleichbarkeit zwischen den zu untersuchenden Regionen zu gewährleisten.

Im Forschungsvorhaben werden qualitative und quantitative Methoden verbunden: zuerst wird eine quantitative Fragebogenstudie und im Anschluss werden qualitative Interviews durchgeführt. Idealerweise können in der Auswertung der Fragebogen „repräsentative Akteure“ (Kergel, 2018, S. 69) festgestellt werden, welche dann als Fallbeispiele zum Interview eingeladen werden.

Das Poster spannt einen Bogen von den unterschiedlichen Vorstellungen zu Europa und Europabildung über den Identitätsdiskurs bis hin zu Ansätzen einer empirischen Erfassung.



Ent- und Begrenzung von Bildungsteilhabe junger Geflüchteter im Kontext digitalisierter Bildungswelten

Michi Sebastian Fujii1, Jana Hüttmann2, Prof. Dr. Nadia Kutscher1, Prof. Dr. Henrike Friedrichs-Liesenkötter2, Antonia Dold1, Till Mülheims1, Niko Engfer2

1Universität zu Köln, Deutschland; 2Leuphana Universität Lüneburg, Deutschland

Der Alltag von jungen Geflüchteten ist von Grenzziehungen und -überschreitungen geprägt. So sind junge Geflüchtete mit Grenzen zwischen als auch innerhalb von Staaten konfrontiert: In der Aufnahmegesellschaft können (institutionelle) Barrieren (Lechner et al. 2016) etwa Bildungsteilhabe begrenzen. Digitalen Medien wird einerseits das Potenzial zugeschrieben, Begrenzungen zu überwinden und Bildungschancen zu fördern (Europäische Kommission 2020). Gleichzeitig wird auf Limitierungen des Potenzials digitaler Medien, z.B. angesichts von Ungleichheitsreproduktion, verwiesen (Kutscher/Kreß 2018). Bislang konzentriert sich die Forschung hierzu vor allem auf den formalen Bildungskontext Schule (und blendete beispielsweise andere Bildungsbereiche wie die Kinder- und Jugendhilfe als non-formales Feld aus) und fokussierte einzelne institutionelle Felder ohne hinreichend das Zusammenspiel von formalen, non-formalen und informellen Kontexten zu berücksichtigen (Korntheuer 2016).

Das ethnografische Verbundprojekt „Bildungsteilhabe Geflüchteter im Kontext digitalisierter Bildungsarrangements“ (BIGEDIB) der Universität zu Köln und der Leuphana Universität Lüneburg, gefördert durch das BMBF (Laufzeit 2019-2022), knüpft hier an. Ziel des Forschungsprojekts ist es, Gelingensbedingungen für die (Bildungs-)Teilhabe geflüchteter Jugendlicher im Kontext digitaler Medien in formalen (Schule), non-formalen (Kinder- und Jugendhilfe) und informellen (Freizeit, Familie) Bildungssettings zu rekonstruieren. Über verschiedene Feldphasen folgt das Projekt als multi-sited ethnography (Falzon 2009) insgesamt 27 geflüchteten Jugendlichen (13 bis 21 Jahre) in ihrem (Bildungs-)Alltag. Die Daten aus teilnehmenden Beobachtungen, Feldgesprächen, Interviews und Artefaktanalysen (Lueger/Froschauer 2018; zur Ethnografie: Breidenstein et al. 2015) werden unter Perspektive der Praxistheorie (Schatzki 2016; Bollig/Kelle 2014) mittels der Grounded Theory erhoben und ausgewertet (Strauß/Corbin 1990; Clarke 2018).

Aus einem praxistheoretischen Bildungsverständnis (Asmussen 2020) heraus zeigen sich in den Daten bildungsbezogene Praktiken mit digitalen Medien über Institutionsgrenzen hinweg als transorganisational verortet (Eßer/Schröer 2019). Digitale Artefakte wie das Smartphone nehmen dabei über ihre ‚eigensinnige‘ Beteiligtheit an den jeweiligen Praktiken (Bollig/Kelle 2014) eine zentrale, wenngleich ambivalente Rolle ein. So sind mit der digitalen Durchdringung des Alltags der Jugendlichen und den damit verbundenen Anforderungen auch Hürden für Bildungsteilhabe festzustellen. Vor diesem Hintergrund präsentiert und diskutiert das Poster das ambivalente Wechselspiel zwischen Grenzüberwindung und Grenzziehung im Kontext digitaler Medien für die Bildungsteilhabe geflüchteter Jugendlicher.



Entgrenztes Verhalten - Wie die empirische Erfassung von seelischer Verletzung in der Schule von Diskriminierungsforschung profitieren kann

Clara Overweg1,2

1Humboldt-Universität zu Berlin; 2Projektteam Reckahner Reflexionen zur Ethik Pädagogischer Beziehungen

Verschiedene gesetzliche Vorgaben wie die Kinderrechtskonvention (Art. 19) machen deutlich, dass „seelische Verletzungen“ durch pädagogische Fachkräfte gegenüber Kindern und Jugendlichen unzulässig sind. Im deutschsprachigen Raum ist dieses Konzept bisher empirisch allerdings wenig untersucht (Ausnahmen siehe: Krumm & Weiß 2006, Schubarth & Ulbricht 2015). Im Rahmen des Projekts Reckahner Reflexionen zur Ethik Pädagogischer Beziehungen (z.B. Prengel 2019) wird nun ein Erhebungsinstrument erarbeitet, welches sich mit der quantitativ-empirischen Erfassung des Konzepts auseinandersetzt. Um Herausforderungen und Besonderheiten dessen vorzustellen, bedient sich das Poster an Erkenntnissen aus der Diskriminierungsforschung und beantwortet darin die Frage:

Wie kann die Abgrenzung und Nähe zum Konzept „Diskriminierung“ die Herausforderungen einer empirischen Erfassung von „seelischer Verletzung“ im Schulkontext verdeutlichen?

Zunächst einmal sind sich die Konzepte „Diskriminierung“ und „seelischer Verletzung“ insofern nah, dass es um gesellschaftlich verankerte Machtasymmetrien im Kontext von verschiedenen Differenzlinien geht (z.B. Gomolla & Radtke 2010, Crenshaw 1989). Die Untersuchung seelischer Verletzungen in der Schule muss auch die systematische Asymmetrie zwischen Lehrenden und Schüler:innen in den Blick nehmen (vgl. Oevermann 1996, Helsper & Hummrich 2014) und stellt so insofern eine Erweiterung dar, als dass neben den Differenzlinien auch die Rolle der Schüler:innen generell als vulnerabel klassifiziert wird.

Zweitens zeigt die Frage nach Intention als Kriterium für diskriminierendes Verhalten (z.B. Hormel & Scherr 2010) eine definitorische Unklarheit in der Erfassung seelischer Verletzung auf. So wird in US-amerikanischer Forschung zu „teacher bullying“ Intention teilweise als Kriterium herangezogen (vgl. Burriss & Snead 2018), teilweise explizit ausgeschlossen (vgl. Sylvester 2011). Das Poster argumentiert für eine effektorientierte Operationalisierung, die sich darüber hinaus eher am Umgang mit Fehlern als deren Ursache orientiert (Piezunka, im ersch.).

Drittens weist die Diskriminierungsforschung auf ein mögliches Problem hin: die Tatsache, dass größere Sensibilisierung für Diskriminierung auch zu vermehrter Wahrnehmung führt (vgl. El-Mafaalani et al. 2017). Auch in der Erfassung seelischer Verletzung kann dies zur Herausforderung werden.



Wandel und Dynamik familiärer Generationsbeziehungen im Kontext von Flucht und Asyl

Prof. Dr. Manuela Westphal, Franziska Korn, Anita Hubo, Samia Aden, Dr. Jiayin Li-Gottwad

Universität Kassel, Deutschland

Fluchtbedingte Migration wurde in den vergangenen Jahren in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen intensiv beforscht. Es lässt sich jedoch eine deutliche Forschungslücke an der Schnittstelle zwischen Familien, Erziehung, Flucht und Asyl feststellen (Westphal/Aden 2020). Hier setzt das DFG-Forschungsprojekt „Wandel und Dynamik familiärer Generationsbeziehungen im Kontext von Flucht und Asyl“ (DyFam, 2020-2023) an. Das Projekt nimmt insbesondere Familien aus dem Fluchtkontext Somalia in den Blick.

Familienkonstellationen und Familienleben erfahren im Kontext von Flucht und Asyl multiple Begrenzungen und gleichzeitig auch Entgrenzungen: Familie wird durch bestehende rechtliche und ordnungspolitische Regelungen begrenzt und reguliert. Dies gilt besonders im Hinblick auf Familiennachzug (Aden/Westphal i.E.). Gleichzeitig findet eine Entgrenzung von Familienleben statt, die das alltägliche „doing und displaying family“ (Finch 2007) im Kontext von Flucht und Asyl über nationalstaatliche Grenzen hinweg in einen transnationalen Raum verlagern (können).

Mithilfe von qualitativ-ethnografischen Fallstudien wird der Frage nachgegangen, wie Familie und Familienerziehung im Kontext von Flucht und Asyl hergestellt wird und inwiefern sich Figurationen, Interdependenzen und Eigenlogiken der Familienerziehung wandeln. Das Projektteam besucht Familien deutschlandweit jeweils mindestens fünfmal in ihrem Zuhause. Das entwickelte mehrstufige Verfahren dient zum einen dem Aufbau vertrauensbasierter Forschungsbeziehungen und zum anderen der Erhebung unterschiedlicher empirischer Daten. Zunächst werden gemeinsam mit den Familien familienzentrierte Netzwerkkarten erstellt, um der Frage nachzugehen, wer überhaupt als Familie verstanden wird und dazu gehört sowie welche transnationalen Vernetzungen bestehen. Anschließend werden u.a. mithilfe von Familienfotografien und der Aufnahme von (transnationalen) Familieninteraktionen den Fragen nachgegangen, wie Familie und Familienerziehung symbolisch (displaying) und interaktiv (doing) hergestellt und aufrechterhalten wird. Ein abschließendes reflektierendes Gespräch rundet die Studie ab. Ziel ist es, mit DyFam einen Beitrag zur Theorie der Familienerziehung unter besonderer Berücksichtigung von Flucht und Asyl zu leisten. Hierzu wird auf die Studien von Müller und Krinninger (2016, u.a. in Anlehnung an Elias) sowie an die „participatory family research“ (Walsh 2015, S. 85ff.) aufgebaut.

Das Poster auf dem 28. DGfE-Kongress soll das Forschungsprojekt vorstellen und erste methodische und methodologische Erkenntnisse aus den Zwischenergebnisse aus den ethnographischen Familienstudien vorstellen.



Reflexionsorientierter Umgang mit Ungewissheit im transkulturellen Raum: Das Tricontinental Teacher Training (TTT) für Lehramtsstudierende

Sezen Merve Yilmaz, Dr. Anja Wilken, Prof. Dr. Telse Iwers, Prof. Dr. Andreas Bonnet

Universität Hamburg, Deutschland

Einführung

Ziel von Austauschprogrammen, die Ungewissheit thematisieren, ist es neben den in verschiedenen Kompetenzmodellen dargestellten Selbstkompetenzen auch, die Grenzen des eigenen Denkens und Handelns zu erweitern. Angesichts der wachsenden Diversität im Schulwesen ist ein reflektierter Umgang mit den eigenen impliziten Annahmen (z.B. bezogen auf Migration und damit bedingte Prozesse der (Nicht-) Zugehörigkeit) von Lehramtsstudierenden bedeutsam. Durch die Teilnahme am TTT Projekt erhalten die Studierenden die Gelegenheit, eigene diversitätsbedingte Ungewissheitserfahrungen und damit verbundene subjektive Theorien zu reflektieren. Nachfolgend wird das Projekt und die damit verknüpfte Begleitforschung skizziert.

Projektbeschreibung

Das Projekt „Tricontinental Teacher Training“ zwischen der Universität Hamburg, der University of Education in Winneba und der University of North Carolina at Chapel Hill ermöglicht Lehramtsstudierenden, ein Praktikum an einer Schule an einem der oben genannten Standorte zu absolvieren. Die Studierenden werden über einen Zeitraum von drei Semestern durch Seminare begleitet, in welchen u.a. Ungewissheit als konstitutives Element der pädagogischen Interaktion thematisiert wird. Fokussiert wird dabei die Frage, welchen Einfluss eine kulturelle Dezentrierung (oder: Entgrenzung) im jeweiligen Austauschland auf die eigenen impliziten Annahmen und inneren Paradigmen (z.B. subjektive Imperative) haben kann und wie diese mittels einer theoriegeleiteten Reflexion de- und rekonstruiert werden können.

Begleitforschung

Die Rolle irritierender Erfahrungen und deren transkulturelle Verarbeitung ist bislang wenig empirisch untersucht; deshalb wird das Projekt durch zwei qualitative Studien begleitet.

  • In einer Interviewstudie wird untersucht, wie angehende Lehrkräfte ihre Erfahrungen während eines transkulturellen Austauschprogramms gestalten und verarbeiten. Die Studie konzentriert sich auf die Rekonstruktion des impliziten Wissens der Teilnehmenden im Umgang mit Irritationen und Ungewissheit durch im Austausch gemachte Differenzerfahrungen (Wilken & Bonnet i.E.).
  • Die zweite Fragestellung untersucht, inwiefern die Teilnahme am Projekt eine Reorganisation der (migrationsbezogenen) Subjektiven Theorien der Teilnehmenden bewirkt Groeben et al. (1988).


Im Raum der Bild-ung? Ethnografische Erkundung des Sozialraums Schule aus Perspektive junger Menschen mit Fluchterfahrung

Caroline Junge

Humboldt-Universität zu Berlin, Graduiertenkolleg "Inklusion - Bildung - Schule", Deutschland

In meinem Promotionsprojekt wird der Versuch unternommen, Schule als Sozialraum in den Blick zu nehmen und dadurch den Fokus auf Praktiken jenseits des Unterrichtens zu richten.

Im Rahmen eines inklusiven Forschungsdesigns ist die Forschungsfrage auf die Perspektive von Schüler*innen mit Fluchterfahrung ausgerichtet. Dieser „strategische Essentialismus“ (Spivak 1981) dient dazu, einen Beitrag zu einer systematischen Thematisierung von Migration zu leisten, welche in der Wissenschaftslandschaft ein noch junges Phänomen darstellt. Zugleich soll damit der dominante Diskurs, in welchem der Zusammenhang von Bildung und Migration v.a. im Kontext gelingender Integration (in das bestehende System) diskutiert wird, konterkariert werden (vgl. Mecheril 2013).

Für die ethnografisch-praxeologische Perspektive auf Schule als Sozialraum sind zum einen die (Raum-) Erfahrungen der Schüler*innen sowie zum anderen Praktiken der Subjektivierung von Interesse. Zentral ist hierbei die These, „dass die Schule eine Alltagswelt darstellt, in der deutlich mehr geschieht als Schulunterricht“ (Hillebrandt 2014, S. 429). Methodologisch soll dieses mehr als Schulunterricht mittels partizipativer Forschung – also durch den aktiven Einbezug der Schüler*innen in den Forschungsprozess – erfasst werden (vgl. von Unger 2014). Hierbei wird auf die Methode Photovoice zurückgegriffen, indem die Schüler*innen ihren Schulalltag – auf vorab partizipativ erarbeitete Perspektiven hin – fotografisch dokumentieren sollen. Da Fotografie als Forschungsmethode, welche einem bestimmten Forschungsinteresse nachgeht, nicht von der jeweiligen situativen Praxis des Fotografierens zu trennen ist, soll zugleich genau diese Praktik des Fotografierens selbst mit in den Blick genommen werden:

„Eine Aufnahme zu machen, ist selbst schon ein Ereignis, und zwar eines, das immer mehr gebieterische Rechte verleiht: sich einzumischen in das, was geschieht, es zu usurpieren oder aber zu ignorieren. Unsere Einstellung zur jeweiligen Situation wird jetzt durch die Einmischung der Kamera artikuliert“ (Sontag 1977, S. 17).

So erhebt das Projekt ein doppeltes Erkenntnisinteresse: a) Praktiken der Subjektivierung sowie Raumerfahrungen innerhalb von Schule zu rekonstruieren sowie b) das Erhebungsinstrument des Fotografierens selbst als Praktik in den Blick zu nehmen und daraufhin zu befragen, welche Möglichkeitsräume der „widerständigen Positionierungen“ (Ploder 2013, S. 141) sich hier eröffnen und welche Rolle Fotografie als ästhetisch-künstlerische Strategie hierbei einnimmt.



Förderung von mehrsprachigkeitsbefürwortenden Überzeugungen von Grundschullehrkräften durch ausbildungs- und berufsbezogene Unterstützungsfaktoren

Dr. Sarah Désirée Lange, Laura Zapfe, Prof. Dr. Sanna Pohlmann-Rother, Daniel Then

Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Deutschland

Lehrkräfte mit positiven Überzeugungen hinsichtlich der unterrichtlichen Integration verschiedener Erstsprachen der Schülerinnen und Schüler nehmen migrationsbedingte Mehrsprachigkeit tendenziell als ‚potenzielle Ressource‘ wahr und räumen ihr zumindest zeitweise einen Platz im Unterricht ein (Lange & Pohlmann-Rother, 2020). Daher kommt den Überzeugungen zum Umgang mit Mehrsprachigkeit eine wichtige Bedeutung als Kompetenzfacette pädagogischer Professionalität zu. Bezogen auf die Professionalisierung (angehender) Grundschullehrkräfte stellt sich darauf aufbauend die Frage nach möglichen Einflussfaktoren auf mehrsprachigkeitsbefürwortende Überzeugungen.

Das Ziel der Studie bestand darin, zu analysieren welche ausbildungs- und berufsbezogenen Faktoren für mehrsprachigkeitsbefürwortende Überzeugungen von berufstätigen Grundschullehrkräfte förderlich sind. Hierzu wurden theoretisch relevante ‚Stellschrauben‘ im universitären als auch im berufsbezogenen Abschnitt der Lehrkräfteprofessionalisierung in den Blick genommen (Cramer, 2012).

Die Datengrundlage stammt aus der BLUME-Studie, in der Grundschullehrkräfte (N=123) zu ihren mehrsprachigkeitsbezogenen Überzeugungen befragt wurden (Lange & Pohlmann-Rother, 2020). Anhand schrittweise aufgebauter linearer Regressionsmodelle wurde analysiert, inwieweit die Überzeugungen von der Nutzung DaZ-bezogener Lerngelegenheiten während der Ausbildung, von unterrichtlichen Kontakterfahrungen, von der Nutzung von Fortbildungsangeboten zum Thema Mehrsprachigkeit und von sprachsensiblen Schulprogrammen beeinflusst werden.

Von den untersuchten Faktoren kommt vor allem der Nutzung formaler Aus- und Fortbildungsangebote Bedeutung zu; insbesondere die Teilnahme an DaZ-spezifischen Aus- und Fortbildungen führt zu wertschätzenderen Überzeugungen gegenüber Mehrsprachigkeit im Unterricht. Wenn Lehrkräfte die Erfahrungen mit mehrsprachigen Lernenden im Unterricht als bereichernd bewerten, führt dies ebenfalls zu befürwortenderen Überzeugungen zum Umgang mit Mehrsprachigkeit im Unterricht. Wie viele Kontakterfahrungen Lehrkräfte mit mehrsprachigen Kindern im Unterricht sammeln, ist hingegen weniger relevant. Eine Tätigkeit an Schulen mit sprachsensiblem Schulprogramm geht mit marginal ablehnenderen Überzeugungen zu Mehrsprachigkeit im Unterricht einher.

Zusammenfassend lässt sich aus den vorliegenden Befunden die Relevanz der mehrsprachigkeitsbezogenen Aus- und Fortbildung von Grundschullehrkräften schließen, da der Kontakt zu mehrsprachigen Schülerinnen und Schülern durch formale Lerngelegenheiten vorbereitet und flankiert werden sollte. Auch deutlich wird, dass mehr Erfahrung nicht per se zu befürwortenderen Überzeugungen gegenüber Mehrsprachigkeit im Unterricht führt. Stattdessen scheinen die wahrgenommene Qualität und damit die subjektive Bewertung der mehrsprachigkeitsbezogenen Kontakterfahrungen für die Überzeugungen der Lehrkräfte entscheidend zu sein.



Raumkonstruktionen – Gruppendiskussionen mit französischen und deutschen Jugendlichen zu geopolitischen Themen

Teresa Köhler

Johannes Gutenberg Universität Mainz, Deutschland

Das Dissertationsprojekt ist an der Schnittstelle einer vergleichenden Unterrichtsforschung und Geographie(-didaktik) angesiedelt. Anhand von online geführten Gruppendiskussionen zu geopolitischen Themen soll eruiert werden, inwiefern französische und deutsche Jugendliche räumliche Wirklichkeit (re-)konstruieren. Ausgangspunkt ist das Werk Orientalism (1979) des Literaturwissenschaftlers Edward Said. Es gilt als Klassiker in Bezug auf die Dekonstruktion populärer Geographien: Said entlarvt das herrschende Orientbild als eine Vorstellung und gesellschaftliche Konstruktion der westlichen Welt und seiner Wissenschaften (vgl. Schlottmann & Wintzer, 2019, S. 241). Der Geograph Derek Gregory spricht in Rezeption von Said, von geographical imaginations (vgl. Glasze & Thielmann, 2006, S. 2). Deren Herausbildung findet immer in einem bestimmten gesellschaftlichen Kontext statt und wird getragen von Politik und Medien und – je nach Fachrichtung - von WissenschaftlerInnen und LehrerInnen (vgl. Wolkersdorfer, 2006, S. 12; Plien, 2015, S. 190). Vermeintlich natürliche Ordnungen kommen „vom Klassenzimmer bis zum Kanzleramt auf unzähligen Ebenen zum Tragen“ (Lossau, 2002, S. 128). Das Dissertationsprojekt versucht den populären geographischen Blick von Jugendlichen/SchülerInnen ein Stück weit einzufangen und stellt folgende Forschungsfragen (vgl. Lossau, 2000, S. 23 f.): Inwiefern konstruieren deutsche und französische Jugendliche Räume in Gruppendiskussionen zu (geopolitischen) Themen? Inwieweit gibt es Gemeinsamkeiten und/oder Spezifikationen und inwieweit lassen sich aus den Ergebnissen schließlich Erkenntnisse für das Lernen in der Schule ableiten? Zur Datenerhebung waren ursprünglich Unterrichtsaufzeichnungen von Geographieunterricht geplant. Pandemiebedingt sind diese durch digitale Gruppendiskussionen ersetzt worden. Insgesamt sind jeweils drei Gruppendiskussionen mit drei bis vier deutschen bzw. französischen SchülerInnen (16-18 Jahre) geführt worden. Als Diskussionsanlass fungiert ein Pressefoto des brennenden World Trade Centers am Tag der Anschläge vom 11.9.2001. Die Wahl des Impulses wird u.a. mit dem, nach 9/11, hegemonial gewordenen Schema einer kulturell fragmentierten Welt und der verstärkten Dichotomisierung von „Okzident“ und „Orient“ begründet (vgl. Glasze & Thielmann, 2006, S. 2). Die Auswertung der Daten erfolgt mittels der Dokumentarischen Methode: Das Augenmerk der Analyse liegt auf dichten Passagen, in denen sich Spezifika und/oder Gemeinsamkeiten in den Raumkonstruktionen erkennen lassen. Gefragt wird, ob und auf welchen geteilten Sozialisationserfahrungen und Wissensbeständen diese beruhen und inwiefern sich Räume rekonstruieren lassen, denen aufgrund des Aufwachsens in verschiedenen Erfahrungsräumen spezifische Orientierungsrahmen zugrunde liegen. Ziel der vergleichenden Fragestellung ist die Eröffnung von Fragehorizonten, die bei einer nur einzelgesellschaftlichen Analyse nicht auf der Hand liegen.



 
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