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Sitzungsübersicht
Sitzung
Poster-Cluster: Sozialisation und Bildungsverläufe unter dem Aspekt von Entgrenzung
Zeit:
Montag, 14.03.2022:
11:30 - 13:00

Chair der Sitzung: Dr. Lars Heinemann, Uni Bremen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 12
963 6729 1452, jzYkc9
Sitzungsthemen:
2. Allgemeine Erziehungswissenschaft, 4. Empirische Bildungsforschung, Sektion 2, Kommission Qualitative Bildungs- und Biographieforschung, Sektion 4, Arbeitsgruppe Empirische Pädagogische Forschung, Deutsch

In diesem Cluster werden acht Poster vorgestellt, die alle deutschsprachig sind.


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Präsentationen

Soziale Identifikation und Studienabbruchsintention von Bildungsaufsteiger*innen mit und ohne Migrationshintergrund

Inka Achtelik

Universität Duisburg-Essen, Deutschland

Im Fokus der bisherigen Ursachenforschung des Studienmisserfolgs von Bildungsaufsteiger*innen stehen klassischerweise Passungsproblematiken zwischen milieuspezifischen Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata (Bourdieu, 1988). Diese werden überwiegend in Form qualitativer Studiendesigns bearbeitet. Vor dem Hintergrund des Bedarfs von neuen theoretischen sowie methodischen Zugängen wird im vorliegenden Beitrag auf Basis der Selbstkategorisierungstheorie (Tajfel & Turner, 1986; Mikrotheorie der Theorie der sozialen Identität, Tajfel, 1978; Tajfel & Turner, 1979) die Frage beantwortet, wie Passungsproblematiken in Form von sozialer Identifikation (mit der Gruppe der Akademiker*innen) mit der Studienabbruchsintention von Studierendenden nichtakademischer Bildungsherkunft in Zusammenhang stehen. Neben differentiellen Effekten in Bezug auf die ethnische Herkunft der Studierenden wird auch das Zusammenwirken mit sozialer, akademischer und organisationaler Integration näher betrachtet. Die Datenbasis bildet eine standardisierte schriftliche Befragung von Studierenden der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Duisburg-Essen (N = 262), welche im Rahmen eines Dissertationsprojekts im Jahr 2019 durchgeführt wurde. Regressionsanalysen verweisen auf einen signifikanten negativen Zusammenhang zwischen dem Migrationshintergrund und der sozialen Identifikation der Studierenden (OR = .019 (95% CI: -6.565, -1.402). Es zeigten sich weitere bedeutsame Zusammenhänge in Bezug auf studentische Passungsproblematiken, die im Rahmen der Posterpräsentation vorgestellt werden.



Bedeutungen von Musik für Identitätsentwicklungen - Ergebnisse biografieanalytischer Betrachtungen aus musikpädagogischen und interdisziplinären Perspektiven

Dr. Sabine Schneider-Binkl

Staatliche Hochschule für Musik Trossingen, Deutschland

Im Leben eines jeden Menschen ist Musik von Bedeutung und kann dabei individuell unterschiedliche Stellenwerte und Funktionen einnehmen. Die Bedeutung von Musik für Identitätsentwicklungen wurde von Hargreaves et al. (2017, S. 4–5) ausgehend von einem weiten Verständnis der Einbindung musikbezogener Identitäten in universelle, soziale Kontexte dargestellt. Das erkannte Potential jeglicher Formen der Auseinandersetzung mit Musik als ein „Identity Project“ (Hargreaves, MacDonald & Miell 2017) verdeutlicht die Relevanz von Musik für die Identitätsentwicklung und eröffnet interdisziplinäre Perspektiven.

Das Forschungsprojekt möchte über die Erschließung der Bedeutung von Musik für Identitätsentwicklungen aus einer musikpädagogischen sowie interdisziplinären Perspektive Anknüpfungspunkte und Vorschläge für musikpädagogische Arbeit sowie für einen erweiterten Blick auf Bildungsarbeit in einem interdisziplinären Verständnis eröffnen.

Die Frage nach der eigenen Identität und die damit verbundene Identitätsarbeit erfahren vor dem Hintergrund der aktuellen Lebensbedingungen einer sich durch Individualisierung, Pluralisierung und Globalisierung verändernden Welt und der Auflösung verpflichtender Lebensformen innerhalb unserer Gesellschaft besondere Bedeutung (Keupp 2014, Schäfers & Scherr 2005). Die Beschäftigung mit der eigenen Persönlichkeit und den Anforderungen des sozialen Umfelds sowie die Gestaltung von gewünschten Lebenswelten haben insbesondere in der Phase der Adoleszenz einen hohen Stellenwert (Oerter & Dreher 2008). Im deutschsprachigen Diskurs der Musikpädagogik erfolgte die Auseinandersetzung mit Identität bislang schwerpunktmäßig auf theoretischer Ebene (Hammel 2013, Kaiser 2008).

Vor dem Hintergrund einer reflexiven Verortung des Menschen in Selbst- und Weltreferenz spielt aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive der biografische Prozess der Entwicklung einer Haltung zu sich selbst und zum Umfeld eine wichtige Rolle (Ecarius 2006; Marotzki 2006). Das entwickelte Forschungskonzept verbindet biografieanalytische Betrachtungen in einem Mixed-Methods-Design mit einer längsschnittlichen Untersuchung von Entwicklungsverläufen bei Studierenden vor und nach den ersten Semestern ihres Studiums.

Der Posterbeitrag möchte die Ergebnisse der Analyse von neun biografischen Interviews vorstellen.



Transformierte Männlichkeit(en) - Alternative Männlichkeitsvorstellungen und Entwürfe im Spiegel von Erziehung und Bildung

Johanna Pangritz

FernUniversität in Hagen, Deutschland

Mit der politischen Forderung bzw. dem Ruf nach mehr männlichen Fachkräften in Erziehungs- und Bildungseinrichtungen wurde und wird von Teilen der Erziehungswissenschaft und Geschlechterforschung die Hoffnung verbunden, dass die Stärkung von Männern im Bereich der öffentlichen Care-Arbeit auch zu einer Ausdifferenzierung von Männlichkeitsbildern beiträgt, indem Pädagogen alternative Männlichkeitsentwürfe vorleben, die mit Fürsorge und Lernen verbunden sind (vgl. Cremers & Krabel 2016). Vor allem in Bezug auf Jungen wird darin die Chance gesehen, dass die (alternativen) Männlichkeitsvorbilder einen positiven Effekt auf ihre derzeitigen Bildungsmisserfolge haben (für einen Überblick Hurrelmann & Schultz 2012; kritisch dazu Rose & May 2014). Das impliziert die Annahme, dass durch Bildungsprozesse in pädagogischen Kontexten eine Transformation und somit Entgrenzungen von Männlichkeitsvorstellungen und Entwürfen initiiert werden kann. Bisher wird diese These jedoch hauptsächlich versucht theoretisch zu begründen und weniger empirisch verfolgt.

Das geplante Projekt, welches über ein Poster vorgestellt und diskutiert werden soll, setzt an dieser Stelle an und wirft die Frage auf, wie durch Bildungsprozesse eine Transformation von Männlichkeit(en) angeregt werden kann und welche Faktoren und Einflüsse dabei eine Rolle spielen. Dafür soll eine zeitdiagnostische Analyse von Männlichkeitsentwürfen bei Jugendlichen durchgeführt werden und mit dem Fokus auf alternative Männlichkeitsentwürfe, die zur Demokratisierung des Geschlechterverhältnisses beitragen können, herausgearbeitet werden, ob und wie sie durch (institutionelle) Erziehungs- und Bildungsprozesse angestoßen werden konnten. Das Projekt befindet sich in der Konzeptionsphase, weshalb die grundlegende Fragestellung und das angedachte Vorgehen vorgestellt werden sollen.



Ent/gren/zungen im Bereich der Lehrer*innen-Schüler*innenbeziehung während dem Distance Learning an österreichischen Schulen

Prof. Dr. Agnes Turner, Tamina-Melanie Scherde

Universität Klagenfurt, Österreich

Die COVID-19 Pandemie hat den Schulalltag schlagartig verändert und war für die meisten Schüler*innen und Lehrer*innen durch Fernunterricht geprägt. Aufgrund der fortgeschrittenen Digitalisierung unserer Gesellschaft konnte ein rascher Wechsel erfolgen. Dennoch waren jene Zeiten durch Herausforderungen, Unsicherheiten sowie physische Distanz für Lehrer*innen und Schüler*innen gekennzeichnet. Eine emotional positive Lehr-Lernbeziehung ist ein wesentlicher Prädiktor für gelingendes Lernen. Die emotionale Komponente scheint deshalb auch im Fernunterricht eine besondere Rolle zu spielen. Wie gut dies gelingen kann, wenn physische Distanz gegeben ist und die Kommunikation ausschließlich über digitale Medien zustande kommen kann, soll in diesem Beitrag mittels einer Interviewstudie mit Pflichtschullehrer*innen diskutiert werden. Mit Blick auf die unterrichtliche Interaktion im Bereich der digitalen Medien konzentrierten sich neuere Studien oftmals auf den Umgang mit (Lern-)Programmen. Hier, in dieser Studie, konzentrieren wir uns auf die Veränderungen, Herausforderungen und Erkenntnisse für die Bildungsbeziehung durch Fernunterricht.

Daher wird der Frage nachgegangen, inwiefern Lehrkräfte in Zeiten des Corona bedingten Fernunterrichts mit ihren Schüler*innen in (emotionalen) Kontakt bleiben konnten und die Grenze der physischen Distanz überwunden werden konnte. Diese Forschungsfrage möchten wir vor dem Hintergrund des Schön-Konzepts des „Reflective Practitioner“ (1983) und dem Kontext emotionaler Nähe und Distanz (Dörr & Müller, 2007) diskutieren. Eine der Hypothesen des Forschungsteams war, dass durch die Distanz im Fernunterricht das Verhältnis von Schüler*innen und Lehrer*innen schwächer wurde.

Im Rahmen des Forschungsprojekts Digi4Learners (Turner & Scherde 2021) wurden 20 qualitative Interviews mit Pflichtschullehrer*innen, die Schüler*innen im Alter von 10 bis 14 in Österreich unterrichten, zur Lehr-Lernbeziehung im Fernunterricht durchgeführt. Die qualitativen Leitfadeninterviews wurden mittels qualitativer Inhaltsanalyse nach Mayring (2014) ausgewertet.

In diesem Beitrag werden Ergebnisse der Interviewstudie, sowie Chancen, Hürden und Learnings für den digitalisierten Unterricht dargestellt. Vor dem theoretischen Hintergrund und mit Blick auf das empirische Material ist die Bedeutung der beruflichen Reflexion im Umgang mit den Herausforderungen und Veränderungen in der Lehrer*innen-Schüler*innen-Beziehung in der aktuellen Covid-19-Situation zu betonen.



'Und wie hast du’s mit der Demokratie?' Subjektive Theorien von Lehrkräften über Demokratie und Demokratie-Erziehung

Peter Große Prues

Universität Osnabrück, Deutschland

Demokratie-Erziehung gilt als eine Querschnittsaufgabe aller Schulfächer und aller Lehrkräfte (KMK 2018) und ist im aktuellen Kontext der „angegriffenen Demokratie“ (Förster/Beutel/Fauser 2019) eine verstärkt diskutierte professionelle Herausforderung. Während das Verhältnis von Demokratie, Schule und Erziehung einen (bildungs-)theoretischen ‚Dauerbrenner‘ darstellt und gegenwärtig politisch mit Schulerlassen – etwa in Niedersachsen - forciert wird, bestehen aus Perspektive der empirischen (Professions-)Forschung noch einige ungeklärte Fragen: Wie nehmen Lehrkräfte die Aufgabe Demokratie-Erziehung eigentlich wahr? Als eine spezifische Aufgabe der Fachgruppe der Politischen Bildung oder als fächerübergreifenden Auftrag? Welche Rolle spielt Demokratie und Demokratie-Erziehung für das professionelles Handeln und das berufliche Selbstbild? Während international einige Studien zu teacher beliefs vorliegen, sind die Vorstellungen deutscher Lehrkräfte – insbesondere in fächerübergreifender Perspektive - bisher kaum beforscht worden.

In meinem Poster möchte ich deshalb die abschließenden Ergebnisse meiner qualitativen Studie zu den Subjektiven Theorien (Groeben/Scheele 2020) von 14 Lehrkräften verschiedener Fächer und Schulformen über Demokratie und Demokratie-Erziehung darstellen. Die aus individuellen Struktur-Lege-Bildern rekonstruierten Subjektiven Theorien bieten jeweils einen tiefgehenden Einblick in subjektive Sinn- und Deutungsstrukturen. Ihr Vergleich untereinander offenbart darüber hinaus verschiedenste Ausprägungsmuster in insgesamt sieben für die Lehrkräfte induktiv relevanten Themenbereichen. Unter anderem zeigt sich etwa, dass die Lehrkräfte den sozialen Ausgangsbedingungen aufseiten der Kinder und Jugendlichen große Bedeutung für die methodische Ausrichtung und den antizipierten Erfolg von Demokratie-Erziehung zusprechen. Im Poster wird das Design meiner Studie, vor allem aber deren Ergebnisse präsentiert und im Hinblick auf Implikation für die Profession(-alisierung) von Lehrkräften kritisch diskutiert. So lässt sich auf Grundlage der Studienergebnisse die Forderung des 20. Kinder- und Jugendberichts empirisch untermauern, dass „keine angehende Lehrperson die Hochschule verlassen [darf], ohne auf diese Aufgabe vorbereitet zu sein“ (BMFSJF 2020, 236).



„Ich bin zum Beispiel nicht mehr 19“ – Zum Distinktionscharakter der Schüler*inrolle im Erwachsenenalter

Edwina Albrecht

Leibniz Universität Hannover, Institut für Erziehungswissenschaft

Schüler*innen des institutionalisierten Zweiten Bildungswegs (ZBW) – in Form von Abendgymnasien – sind „einem atypischen, regressiven Rollenwechsel ausgesetzt“ (Albrecht-Heide, 1974, 54), welcher sich entlang des Lebensalltags veranschaulichen lässt. So wird die Berufstätigkeit während des Schulbesuchs im ZBW – bis auf die letzten drei Halbjahre – vorausgesetzt (KMK, 2018). Obwohl sich das Erwachsensein mit der Zeit auch im Sprechen über den ZBW etablierte („Studierende“, „Schulen für Erwachsene“, etc.) (vgl. Bellenberg et al., 2019), kann es für Schüler*innen des ZBW durch das Einnehmen der Schüler*inposition im Wechsel mit der Berufstätigkeit und dem alltäglichen Familienleben zum Rollenkonflikt kommen (vgl. Jüttemann, 1991), was auf eine Entgrenzung bzgl. potentieller Altersnormen (vgl. Neugarten et al., 1978) hinweist. Indes ist die bildungsbiografische Verbindung zum ersten Bildungsweg im Kinder- und Jugendalter, welche durch die Nachholbewegung im ZBW in Erscheinung tritt, naheliegend und scheint regressionsverstärkend, was dem Zurückfallen in juvenile Verhaltensmuster gleichzusetzen wäre.

Der Beitrag fokussiert Schüler*innen an Abendgymnasien, welche zwischen Berufsrolle und Schüler*instatus changieren und deren früheren Schulerlebnisse länger zurückliegen. Da innerhalb der Schulklassen das Altersspektrum von 19 Jahre bis hin zum Rentenalter reicht, die Adressierung als Schüler*in davon aber unangetastet bleibt, soll der Frage nachgegangen werden, wie sich die Schüler*innen in der Mitte (ab 30 Jahre) rollenspezifisch verorten und wie diese Positionierung sinnstrukturell expliziert werden kann.

Es wurden fünf narrativ-bildungsbiografische Interviews mit Schüler*innen (30-40 Jahre) an Abendgymnasien in Deutschland geführt. Das Datenmaterial legt hinsichtlich der subjektiven Ausdeutung der Rolle eine Fokussierung auf zwei Bereiche nahe: 1. Die Stellung innerhalb der Klasse, sowie 2. Die Differenzsuche zum ersten Bildungsweg. Diese zwei groben Kategorien dienen als Rahmung der Interviewsequenzen, welche objektiv-hermeneutisch (Oevermann et al., 1980; Wernet, 2009) rekonstruiert werden sollen. Einer anhaltenden Altersdistinktion, welche sich auf manifester Ebene durchsetzt, ist der individuelle Niederschlag der Nachholfigur im ZBW entgegenzustellen. So scheint der Regressionsaspekt, welcher normativ an die Schüler*inrolle im ZBW herangetragen wird, sinnstrukturell inadäquat. Insgesamt bietet die Rolleneinnahme vornehmlich Distinktionspotential gegenüber anderen und kann stärker als Reminiszenz an die Erfahrungen im ersten Bildungsweg verstanden werden. Dieses Wiedererinnern bietet Anknüpfungspunkte zur Bearbeitung der eigenen Bildungserfahrungen, welche ohne den Begriff der Regression auskäme.



Begabung und Leistung zwischen hierarchisierenden Differenzkonstruktionen und Normalisierungspraktiken von Eltern

Anna Schwermann

Universität Paderborn, Deutschland

Theoretische Bezüge und Forschungsinteresse

Das Promotionsvorhaben fragt nach den Orientierungen von Eltern zu Begabung und Leistung, da diese im Diskurs um eine inklusive Begabungs- und Leistungsförderung (vgl. Seitz et al. 2016) bislang nur wenig Berücksichtigung gefunden haben, obgleich der Passung (vgl. Bourdieu 1979) zwischen dem primären, familiären Habitus einerseits und dem sekundären Schüler*innenhabitus andererseits eine entscheidende Rolle für den Bildungsverlauf von Kindern und Jugendlichen beigemessen wird (vgl. Helsper et al. 2014). Ziel ist es, die Perspektiven von Eltern sichtbarzumachen und hieraus folgend gemeinsam getragene Anerkennungskulturen zu entwickeln (vgl. Kaiser et al. 2020), die Perspektiven auf eine diversitätssensible Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus eröffnen.

Durch das Promotionsvorhaben wird die Beantwortung folgender Forschungsfragen angestrebt:

  1. Welche handlungsleitenden Orientierungen zeigen Eltern in Bezug auf Begabung und Leistung?
  2. Inwiefern werden Differenzierungs- und Normalisierungspraktiken gezeigt?
  3. Wie können die rekonstruierten Orientierungen und Praktiken in einer leistungsfördernden Schulkultur kommuniziert werden?
  4. Welche Implikationen lassen sich aus den Befunden für die Fort- und Weiterbildung von Lehrkräften ableiten?

Das Promotionsvorhaben ist an das Projekt „Leistung macht Schule“ (LemaS) angebunden, in dem durch den Standort Paderborn ein kasuistisches Format zur Schulentwicklungsberatung entwickelt wird, das insbesondere mit der dritten und vierten Forschungsfrage verknüpft ist.

Anlage der Studie

Die Studie ist in der qualitativ-rekonstruktiven Sozialforschung verortet und steht in der methodologischen Tradition der Praxeologischen Wissenssoziologie (vgl. Bohnsack 2017). Vor diesem Hintergrund wurden im vergangenen Jahr 2020 zwanzig biographisch-narrative Einzelinterviews (vgl. Nohl 2019) mit Eltern geführt. Hierbei handelt es sich um Eltern, deren Kinder Primar- oder Sekundarschulen besuchen, die am Projekt „Leistung macht Schule“ teilnehmen. Die Interviews wurden mit der Dokumentarischen Methode (vgl. Bohnsack 2017; Nohl 2017) ausgewertet, bis eine theoretische Sättigung der Ergebnisse erreicht worden ist. Bei der Auswertung bildet ein Einzelinterview einen zu analysierenden Fall.

Vorläufige Befunde

Die bisherige Interpretation verweist auf zehn Kernfälle, die in einer Typologie handlungsleitender Orientierungen von Eltern zu Begabung und Leistung aufgehen, und die sich entlang von drei vorläufigen Typen aufgliedern. In der Typologie variieren die rekonstruierten Orientierungen auf einem Spektrum zwischen Differenzierungs- und Normalisierungspraktiken im Umgang mit Begabung und Leistung und zeigen darüber hinaus, wie diese durch den vorangestellten Differenzmarker „Geschlecht“ beeinflusst werden.



Orientierungen Jugendlicher aus Armutsverhältnissen auf politische Partizipation und ihre Bedeutung für demokratiepädagogische Arbeit

Oscar Yendell

Universität Mannheim, Deutschland

Studien zeigen, dass Jugendliche aus Armutsverhältnissen seltener an institutionalisierten politischen Prozessen partizipieren. Dem begegnend werden oftmals Hoffnungen an politische Bildungsformate formuliert, die Partizipationsinteresse und relevante Kompetenzen ausbilden sollen. Selten werden dabei die subjektiven Orientierungen der Bildungsadressierten einbezogen. Diesem Desiderat wurde im Rahmen einer Forschungsarbeit begegnet, in welcher vier Jugendliche aus Armutsverhältnissen ihre Orientierungen auf Politik in qualitativen Interviews beschreiben konnten. Dabei bezogen sie sich auch auf Freizeitstätten, Schulen, Peergroups und ihre Familien als politische Sozialisationsinstanzen.

Die Jugendlichen beschreiben Freizeitstätten, entgegen der Schule, zwar als Räume demokratischer Erfahrungen, politische Partizipation verstehen sie jedoch als eine Praxis, die in begrenzten und politisch-etablierten Strukturen stattfindet. Dieses Verständnis basiert auf einer institutionsfixierten Vorstellung von Politik, welche sie in Freizeitstätten und Schule vermittelt bekommen und wodurch auch die Praxen der Jugendlichen innerhalb ihrer Peergroups und Familien entpolitisiert werden. Trotz ihres demokratischen Engagements, mit dem sie auf gesellschaftliche Zustände reagieren, verstehen sich die Jugendlichen daher als unpolitisch, sofern sie keinen Zugriff auf etablierte politische Institutionen haben. Gleichzeitig wird den Jugendlichen in Schule und Freizeitstätten vermittelt, dass für den Eintritt in diese begrenzten politischen Prozesse, Fachwissen und soziale Kontakte vorausgesetzt werden. Unter Bezugnahme auf Pierre Bourdieu und Helmut Bremer lassen sich so Selbstausschlüsse der Jugendlichen rekonstruieren, die als Folge erlebter Delegitimierungen der eigenen Praxen zu verstehen sind. Diese Delegitimierungen verweisen nicht direkt auf die ökonomische Armut, sondern vielmehr auf fehlende soziale und kulturelle Kapitalformen, welche jedoch in einem stetigen Austausch mit dem ökonomischen Kapital stehen. Schlussendlich wird so der armutsbedingte Fremdausschluss verschleiert.

Diese Erkenntnisse speisen zudem den Diskurs zwischen einer fachlich politischen Bildung und der Demokratiepädagogik, die auf John Dewey zurückgeht. Sie offenbaren den Bedarf nach einer demokratiepädagogischen Arbeit, die keine Grenze zwischen demokratischem und politischem Engagement konstruiert, sondern das bestehende Engagement der Jugendlichen mit einbezieht, sie dadurch als politisch handelnde Subjekte versteht und einen legitimierenden Charakter aufweist. Dazu gehört, vermeintlich unpolitische Freizeitstätten und Schulen als politische Orte zu verstehen. Zugleich zeigt sich für die demokratiepädagogische Arbeit der Bedarf nach einer immanenten Machtkritik, die bestehende Grenzen der Teilhabe an institutionalisierten Strukturen thematisiert und die dort mangelnde Teilhabe der Jugendlichen nicht individualisiert, sondern den Grenzziehungen dieser Strukturen zuschreibt.



 
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