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Sitzungsübersicht
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 14
926 7516 1367, cg0ZZa
Datum: Montag, 14.03.2022
14:00 - 16:30Gymnasium und andere Wege zum Abitur – Begrenzungen und Entgrenzungsdynamiken im Migrationskontext
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 14
 

Chair(s): Dr. Dita Vogel (Universität Bremen), Prof. Dr. Yasemin Karakaşoğlu (Universität Bremen)

Im deutschen Schulsystem erweist sich Bildungsteilhabe als in besonderem Maße abhängig von Herkunftssprache und Aufenthaltsperspektive, was sich u.a. in unterschiedlichen Schulabschlüssen spiegelt. In drei empirisch fundierten Beiträgen werden exemplarisch systemische Begrenzungen auf dem Weg zum Abitur als höchstem Schulabschluss nachgezeichnet: Institutionelle beim Zugang von im Schulalter Migrierten zum Gymnasium; curriculare durch enge Regelvorgaben für den Nachweis einer sogenannten ‚zweiten‘ Fremdsprache sowie didaktische am Beispiel diskursiver Aushandlungsprozesse in der Lehramtsausbildung. Diskutiert wird auch, welche Ansätze einen Beitrag zur Überwindung der Begrenzungen leisten. Ein abschließender internationaler Beitrag diskutiert den Ansatz theoretisch im Licht anti-rassistischer, polit-ökonomischer und linguizistischer Ansätze.

 

Beiträge des Panels

 

Zugang zum Gymnasium im Kontext von Migrationsbewegungen der 2010er Jahre: Institutionelle Begrenzungen und Entgrenzungsstrategien unterschiedlicher Akteure

B. Johanna Funck
Universität Bremen

Die Frage, wie im Sekundarschulalter Migrierte in die monolingual-deutschsprachig verfasste Schule einmünden, wirft vor dem Hintergrund des stratifizierten Sekundarsystems zugleich die Frage nach der Bildungsplatzierung auf.1 Bremen hatte flächendeckend an allen Sekundarschulen – auch den Gymnasien – Vorkurse eingerichtet. Um Wege ins Schulsystem zu erfassen wurden in einem Promotionsprojekt elf Interviews mit Eltern und Jugendlichen geführt, die zwischen 2012 und 2018 nach Bremen migriert sind und in unterschiedliche aufenthaltsrechtliche Zonen2 gelangten. Wenige der Minderjährigen wurden von Anfang an auf einem Gymnasium platziert, andere sind zu einem späteren Zeitpunkt gewechselt. Durch Follow-Up Interviews mit Akteur*innen aus der Bildungsbehörde, Gymnasien, Beratungsstellen und Unterkünften wurden die Schulplatzierungsprozesse mehrperspektivisch untersucht. Die Analyse erfolgt mittels eines inhalts-, deutungs- und argumentationsanalytischen Ansatzes. Im Beitrag wird präsentiert, welche Faktoren den Zugang zu einem Gymnasium begünstigen oder verhindern können.

1Massumi, Mona (2019): Migration im Schulalter. Systemische Effekte der deutschen Schule und Bewältigungsprozesse migrierter Jugendlicher. Berlin

2Buckel, Sonja (2013): "Welcome to Europe"- die Grenzen des europäischen Migrationsrechts. Juridische Auseinandersetzungen um das "Staatsprojekt Europa". Bielefeld

 

„Fremdsprachenunterricht“ - Curriculare Begrenzungen und Entgrenzungstendenzen

Dr. Dita Vogel
Universität Bremen

Wer in Deutschland Abitur machen will, muss eine „Fremdsprache“ ins Abitur einbringen und Unterricht in einer zweiten nachweisen. Nur in Ausnahmefällen kann die Belegpflicht durch den Nachweis von außerschulisch erworbenen Sprachkompetenzen ersetzt werden. Diese curriculare Vorgabe ignoriert weitgehend, dass viele Schüler*innen bereits mehrsprachig aufwachsen. Sie müssen die Angebote in Französisch, Latein und Spanisch wahrnehmen, auch wenn sie schon weitere Sprachen sprechen, die sie bestenfalls in einem Herkunftssprachenunterricht außerhalb der regulären Stundentafel pflegen können. Diese Begrenzungen werden zunehmend problematisiert und die Prüfung und Weiterentwicklung aller Sprachen vorgeschlagen1, wobei an bereits vorhandene entgrenzende Regelungen der Bundesländer wie Sprachprüfungen und Anerkennung des Herkunftssprachenunterrichts angeknüpft wird. Der Beitrag skizziert solche Regelungen auf der Basis einer Dokumentenanalyse im Überblick und resümiert den Stand der Debatte unter der Perspektive von Begrenzungen und Entgrenzungsdynamiken auf dem Weg zum Abitur.

1RfM (Hg.) (2021): Drei Sprachen sind genug fürs Abitur! Ein Reformvorschlag für den Abbau der Diskriminierung von mehrsprachig Aufgewachsenen bei Schulabschlüssen. Rat für Migration Debatte 2020. Redaktion Norbert Cyrus Linda Supik. Rat für Migration. Berlin

 

Das Verhandeln von Sprache im Kontext migrationsgesellschaftlicher Aushandlungsprozesse in der Lehramtsausbildung – Eine ent- und begrenzende Wissensproduktion

Deniz Barasi
Universität Bremen

Die monolinguale Ausrichtung von Schulen trägt zu einer geringeren Wertschätzung anderer Sprachen als Deutsch bei und begrenzt inhaltliche Zugänge in den verschiedenen Fächern.1 Die Universität reagiert mit der Vermittlung von sprachsensiblen Konzepten in den Fachdidaktiken und kritischen Perspektiven in den Erziehungswissenschaften. Im Diskurs dieser Lehrveranstaltungen wird zu sprachsensiblem Unterricht angeleitet sowie (vermeintliches) Wissen über als ‚Migrationsandere‘2 konstruierte Schüler*innen reflektiert, aber auch (re-)produziert. Im Rahmen eines rassismuskritisch ausgerichteten Promotionsprojekts wurden Lehrveranstaltungen der Erziehungswissenschaften und Physikdidaktik über zwei Semester teilnehmend beobachtet und durch Forschungsgespräche ergänzt. Die erhobenen Daten wurden im Sinne der Reflexiven Grounded Theory diskurskritisch analysiert. Der Beitrag skizziert diskursive Aushandlungsprozesse von Sprache sowie die damit verbundene Wissensproduktion über Migration und diskutiert, welche Be- und Entgrenzungen damit erzeugt werden.

1Dirim, İnci.; Khakpour, Natascha (2018): Migrationsgesellschaftliche Mehrsprachigkeit in der Schule. In: İnci Dirim & Paul Mecheril (Hg.): Heterogenität, Sprache(n), Bildung. Eine differenz- und diskriminierungstheoretische Einführung. Bad Heilbrunn, S. 201-225

2Mecheril, Paul (2004): Einführung in die Migrationspädagogik. Weinheim u.a

 

Anti-racist and political-economic perspectives on Entgrenzungen, language, and schooling

Prof. Dr. Jeff Bale
University of Toronto

This paper draws on critical anti-racist and political-economic perspectives to consider Entgrenzungen in two ways. “Removing barriers” implies change; this requires us to clarify our assumptions about what has to change and who has to change when boundaries are dissolved. A materialist, anti-racist approach to education policy1 re-frames structural changes as primarily a question of the distribution of material resources in society. As we discuss curricular or structural reforms to secondary schools, how do we assess whether these Entgrenzungen work to destabilize, and not reinscribe, social hierarchies based on race, language, migration status, etc. A raciolinguistic perspective2 on language in education3 challenges us to change expectations that users of minoritized languages learn to speak differently, and instead require that users of dominant languages learn to listen differently. The paper uses these theoretical perspectives to discuss the findings presented earlier in this session.

1Bale, J. (2016). In defense of language rights: Re-thinking the rights-orientation from a political economy perspective. Bilingual Research Journal, 39, 231–237

2Flores, N., & Rosa, J. (2015). Undoing appropriateness: Raciolinguistic ideologies and language diversity in education. Harvard Educational Review, 85, 149–171

3Rösch, H. (2019). Linguizismus(-kritik) in der Lehrkräftebildung. In Schmölzer-Eibinger et al. (Eds.), Mit Sprachen Grenzen überwinden (pp. 179–194). Münster

 
Datum: Dienstag, 15.03.2022
9:00 - 11:30Zusammenspiel informeller, non-formaler und formaler Bildungsprozesse digital ent|be|grenz|en
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 14
 

Chair(s): Prof. Dr. Rudolf Kammerl (Friedrich-Alexander-Universtität Erlangen-Nürnberg, Deutschland), Dr. Claudia Lampert (Leibniz-Institut für Medienforschung / Hans-Bredow-Institut)

Infolge von Mediatisierung und Digitalisierung verändert sich das Zusammenspiel zwischen Sozialisationsinstanzen, Bildungseinrichtungen und subjektiven Entwicklungsprozessen. Diesem veränderten Zusammenspiel von informellen, non-formalen und formalen Bildungsprozessen und dem Phänomen der Ent|grenz|zung geht das Symposium anhand von theoretischen Zugängen und Forschungsergebnissen aus aktuellen Projekten und unterschiedlichen Disziplinen (Erziehungswissenschaft, Soziologie und Kommunikationswissenschaft) nach. Dazu soll vor dem Hintergrund aktueller sozialisationstheoretischer und bildungstheoretischer Ansätze die Metapher der Ent|grenz|ungen kritisch hinterfragt und eingeordnet werden. So wird u.a. versucht, praxistheoretische, systemtheoretische und figurationstheoretische Perspektiven der Sozialisationsforschung einerseits einem subjektorientierten Bildungsverständnis andererseits gegenüberzustellen und dabei geplante, sowie ungeplante Aspekte von Ent|- und Be|grenz|ungen auszuloten

 

Beiträge des Panels

 

Bildungsbezogene Medienrepertoires als Schnittstelle informeller und formaler Bildung

Prof. Dr. Rudolf Kammerl1, Katrin Potzel1, Paul Petschner1, Dr. Claudia Lampert2
1Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, 2Leibniz-Institut für Medienforschung / Hans-Bredow-Institut

Im Zuge der Digitalisierung sind die Grenzen verschiedener sozialer Domänen, wie z. B. Familie und Schule, zunehmend in Auflösung begriffen. Dies hat auch für Bildungsprozesse Konsequenzen, da formales Lernen verstärkt (wie etwa in der derzeit andauernden Pandemie) auch in familiären Kontexten stattfindet und wiederum informelles Lernen auch für die schulische Bildung an Bedeutung gewinnt. Ausgehend vom theoretischen Rahmen der kommunikativen Figurationen (Hepp & Hasebrink 2014) schlagen wir vor, mit dem Konzept des Medienrepertoires die Schnittstelle zwischen formalen und informellen Bildungskontexten zu untersuchen. Das Medienrepertoire bezeichnet ein relativ stabiles, individuelles und medienübergreifendes Muster von Medienpraktiken, das Individuen orientiert an übergreifenden Prinzipien (z. B. Nützlichkeit, Involvement) entwickeln (Hasebrink & Hölig 2017). Statt auf ein einzelnes Medium bzw. eine Medienpraktik, wie z. B. Fernsehen oder Lesen, richtet sich mit dem Medienrepertoire der Blick auf die Gesamtheit der etablierten Medienpraktiken einer Person. In diesem Beitrag soll die Rolle des Medienrepertoires für mediatisierte Bildungs- und Sozialisationsprozesse anhand empirischen Materials aus einer qualitativen Panelstudie zur Sozialisation in einer sich wandelnden Medienumgebung veranschaulicht werden.

 

Lernort Familie als Schnittstelle informeller und formaler Bildung vor und während der Pandemie – ein längsschnittlicher Vergleich

Lara Gerhardts1, Lea Richter2, Prof. Dr. Anna-Maria Kamin2, Prof. Dr. Dorothee M. Meister1, Jeannine Teichert1
1Universität Paderborn, 2Universität Bielefeld

Der pandemiebedingte Distanzunterricht verwischt zunehmend die Grenzen zwischen den Lernorten Schule und Familie bzw. zwischen formalen und informellen Bildungsprozessen. Auch formales Lernen findet nun verstärkt im häuslichen Kontext statt. Damit der Erfolg solch eines entgrenzten, mit Hilfe digitaler Medien räumlich wie zeitlich flexibilisierten Lernens gesichert ist, sind insbesondere jüngere und weniger medienkompetente Kinder auf Begleitung angewiesen. Diese findet im Idealfall in Abstimmung zwischen Elternhaus und Schule statt.

Im Rahmen eines BMBF-geförderten Verbundforschungsprojektes wurde die Aneignung digitaler Kompetenzen von Schüler*innen vor bzw. während der Pandemie aus Elternsicht erfasst. Zu drei Zeitpunkten (Sept. 2019 – Nov. 2020) wurden fünf Elternteile von Schüler*innen der 5. und 6. Klassenstufe leitfadengestützt interviewt. Die Datenlage ermöglicht, die Ent|grenzung des Lernortes Familie unter verschiedenen äußeren Rahmenbedingungen zu vergleichen und unter der Frage zu analysieren, wie sich diese Prozesse auf das Lernen der Kinder sowie auf diesbezügliche elterliche Unterstützung auswirken. Erste Ergebnisse zeugen davon, dass viele Kinder sich angesichts elterlicher Überforderung mediale Kenntnisse selbst aneignen müssen, wodurch inhaltliche Lernprozesse beeinträchtigt werden (Anonym et al. 2020).

 

Ent|Grenzungen thematischer Rahmen in Instant-Messaging-Gruppen in Schulklassen

Caroline Grabensteiner
PH Wien, Österreich

Instant Messaging als Online-Peer-Kommunikation wird schon seit Beginn der 2000er Jahre beforscht (vgl. Subrahmanyam & Greenfield, 2008). Technische Innovation und zunehmende Personalisierung haben WhatsApp als aktuelle Ausprägung dieser Kommunikationsform hervorgebracht. Instant-Messaging-Gruppen in Schulklassen stehen am Übergang, oder: an der Grenze zwischen Schule und Familie.

Die Rekonstruktion der Herstellung von Bildungsverhältnissen im Medienhandeln steht im Zentrum der vorgestellten Studie. Medienbildung wird als medial vermittelte Verhältniskonstruktion (vgl. Meder, 2007), bzw. als materiale, soziale und biografische Relation verstanden. Diese wird empirisch entlang sensibilisierender Konzepte modelliert. Mit Bezug auf Agency (vgl. Emirbayer & Mische, 1998) und das Modell der kommunikativen Figurationen (vgl. Hepp & Hasebrink, 2014) werden Zusammenhänge zwischen Akteurskonstellationen, Kommunikationsformen und der Entwicklung thematischer Rahmen auf individueller und kollektiver Ebene nachvollzogen. Dazu wurden soziale Netzwerkdaten, sowie individuelle Befragungen und Fokusgruppen im Mixed Methods Design nach Grounded Theory (Charmaz, 2006) ausgewertet.

Vorgestellt werden bisher unerreichte Einblicke in Aushandlungsprozesse unter Schüler*innen zwischen formalen und informellen Bildungskontexten via Instant Messaging. Im Mittelpunkt stehen die Entwicklungen in sog. «Klassenchats» aus drei Schulklassen (Sek I, Schweiz, 2018/19) entlang thematischer Ent- und Begrenzung

 

An der Grenze von Realität und Virtualität. Bildungspotenziale von VR-Anwendungen in informellen, non-formalen und formalen Kontexten

Olag Neuberger, Inga Limpinsel, Prof. Dr. Sandra Aßmann
Universität Bochum

Technologische Entwicklungen wie Virtual Reality (VR) haben Einzug in den Bildungssektor gehalten: Vom Sachunterricht in der Grundschule (Buchner & Aretz, 2020) über Gedenkstätten (Bunnenberg, 2020) bis hin zu YouTube (Hellriegel & Čubela, 2018). Somit durchdringt VR formale, non-formale und informelle Bildungskontexte. Dabei zeigt sich ein Spannungsfeld bezüglich der Frage nach Grenzen von Realität und Virtualität: Während die VR-Umgebungen durch ein immersives Eintauchen eine (vermeintliche) Erweiterung und Ent|grenzung der Realität versprechen (Buchner & Freisleben-Teutscher, 2020), be|grenzt die Gebundenheit des Körpers an Zeit und Raum gleichzeitig das Eintauchen in virtuelle Welten (Neitzel, 2008). Im Rahmen eines vom BMBF geförderten Verbundforschungsprojektes wird dieses Phänomen aus interdisziplinärer Perspektive analysiert.

Der Beitrag stellt Ent|- und Be|grenz|ungen am Beispiel von zwei VR-Anwendungen aus dem Bildungskontext vor. Leitend ist dafür die Fragestellung, wie Nutzer*innen der VR-Anwendungen sich selbst im virtuellen Raum wahrnehmen und welche Deutungen der VR sie in Relation zur sozialen Wirklichkeit vornehmen. Innerhalb einer Grounded Theory-Studie wurden zu diesem Zweck Studierende nach der VR-Rezeption in Gruppen interviewt. Es werden Ergebnisse dieser Untersuchung vorgestellt, die eine Diskussion über Reflexionspraktiken entlang der Grenze zwischen Realität und Virtualität anstoßen sollen

 
14:00 - 16:00Bridging challenging boundaries in education. The meaning of trust as a socio-emotional and cognitive resource in interaction and change
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 14
 

Chair(s): Prof. Dr. Inka Bormann (Freie Universität Berlin, Deutschland), Dr. Sebastian Niedlich (Freie Universität Berlin)

Interactions with unfamiliar individuals or institutions, whose expectations or habitus are different from one’s own and that are not well known or break with the known, are quite common in education. Trust as a relational, affective- and cognition-based dispositional attitude may help to deal with such situations. The proposed working group will discuss the meaning of this socio-emotional and cognition-based resource for challenging interactions and change in education. Two papers will address trust in interactions between individuals and institutions that are considered challenging because of the requirement to cross the 'boundary' to an institution with different values and norms or ideas about education. The third paper discusses the quality of interaction between teachers and students, parents, colleagues and principals in outstanding schools. The fourth paper will discuss an innovative methodological approach of mapping affections and cognitions and their interplay.

 

Beiträge des Panels

 

Touching upon institutional boundaries: Home-school interactions

Prof. Dr. Inka Bormann1, Prof. Dr. Dagmar Killus2, Dr. Sebastian Niedlich1
1Freie Universität Berlin, 2Universität Hamburg

When parents interact with their child's school, the interaction may be accompanied by several problems, such as asymmetries, uncertainty of the parties involved, problematic reasons for cooperation, and/or communication. Such interactions are therefore relevant for trust, which in turn is essential for the functioning of educational partnerships and parent involvement in schools (Strier and Katz 2016). When it comes to the relevance of different home-school interaction situations for parental trust, a research gap becomes apparent. Despite increasing research on parental trust in general, the relevance of specific interaction situations for parental trust in schools has not yet been sufficiently addressed in empirical research. The aim of the present study is to examine selected interaction situations between home and school with regard to their relevance for trust. To this end, the study examines how parents perceive parent-teacher conferences and parent-teacher evenings with regard to different facets of trust and whether parents' assessments are related to personal factors. The results should provide information about the extent to which the selected situations are crucial for parents' trust. Accordingly, they should also provide information about the design of trusting forms of parent participation in school.

Strier, M.; Katz, H. (2016): Trust and parents involvement in schools of choice. In: Educational Management Administration & Leadership 44 (3), S. 363–379.

 

Overcoming institutional boundaries: Young people re-entering education

Prof. Dr. Anne Görlich
Aalborg University, Denmark

In Denmark as in Europe at large, there is a continued need for interventions helping young NEET (Not in Education, Employment or Training) into ordinary education. Research shows that 'vulnerable' children and young people have negative expectations of their surroundings and of themselves, expect to a lesser extent to meet trustful relations and exhibit less trust than those who are categorised as not vulnerable (Warming et al. 2013). The building of trust helps – particularly disadvantaged children – learn (Goddard et al. 2001). Based on 14 focus group interviews with 98 young NEET, this paper further explores the concept of ‘educational trust’ (author), which captures the socially constructed aspects of young adult’s participation in education in which social security and recognition, flexibility in structures and progression in skills are important for trust among young NEET. The aim of the analysis is to highlight what is involved in processes for young NEET in the (re)building of trust in education.

Goddard, R. D., Tschannen-Moran, M., & Hoy, W. K. (2001). A multilevel examination of the distribution and effects of teacher trust in students and parents in urban elementary schools. The elementary school journal, 102(1), 3-17.

Warming, H., Lagoni, K., & Lavaud, M. A. (2013). Tillid og mistillid i børns liv: en kvantitativ undersøgelse af børns erfaringer, oplevelser og reaktioner. Roskilde Universitet.

 

Zusammenhänge wahrgenommener Autonomie und sozialer Eingebundenheit von Lehrkräften mit deren Vertrauen in schulische Akteure

Felix Hufschmid1, Dr. Stefan Markus2
1Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg, 2Bergische Universität Wuppertal

Menschen besitzen ein intrinsisches Bedürfnis, enge Beziehungen mit anderen Personen einzugehen (Ryan & Deci, 2017). Dieser Wille sowie die reziproke Unterstützung in den Bedürfnissen nach Kompetenz, Autonomie und sozialer Eingebundenheit der Akteure führen u.a. zu sicherem Bindungsverhalten, Authentizität und Transparenz. Diese Aspekte gelten neben der Freiwilligkeit und Reziprozität von Beziehungen als Merkmale des Vertrauenskonstrukts (Goddard et al, 2001). Angenommen wird daher, dass Vertrauen mit der wahrgenommenen Erfüllung der psychologischen Basisbedürfnisse einhergeht. Der Beitrag diskutiert empirische Zusammenhänge zwischen der Zufriedenheit von Lehrkräften mit ihrer Autonomie und Eingebundenheit mit deren Vertrauen in Schüler*innen, Eltern, Kolleg*innen und Schulleitung und wie sich die Zusammenarbeit auf die Kompetenz- und Persönlichkeitsentwicklung der Schüler*innen (Sabol & Pianta, 2012) und das Wohlbefinden der Lehrkräfte auswirken.

Goddard, R. D., Tschannen-Moran, M. & Hoy, W. K. (2001) A multilevel examination of the distribution and effects of teacher trust in students and parents in urban elementary schools. The Elementary School Journal, 102(1), 3–17.

Ryan, R. M. & Deci, E. L. (2017). Self-determination theory. Basic psychological needs in motivation development and wellness. New York: The Guilford Press.

Sabol, T. J., & Pianta, R. C. (2012). Recent trends in research on teacher–child relationships. Attachment & Human Development, 14(3), 213-231.

 
Datum: Mittwoch, 16.03.2022
9:30 - 11:30Forschung im Kontext von Waldorfpädagogik und Erziehungswissenschaft
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 14
 

Chair(s): Eric Bollmann (Alanus Hochschule, Deutschland), Prof. Dr. Jost Schieren (Alanus Hochschule)

Der empirische Forschungsstand zur Waldorfpädagogik ist im Vergleich zu den anderen Schultypen der klassischen Reformpädagogik vergleichsweise komfortabel, es mangelt aber nach wie vor an einem offenen, konstruktiven Dialog zwischen Erziehungswissenschaft und Waldorfpädagogik. An diesem Desiderat setzt das seit 2015 an der Alanus Hochschule in Alfter bei Bonn angesiedelte Graduiertenkolleg Waldorfpädagogik an, das vom Bund der Freien Waldorfschulen finanziert wird. Am Kolleg sind auch Erziehungswissenschaftler*innen staatlicher Hochschulen beteiligt; die Promotionen werden an unterschiedlichen staatlichen Universitäten durchgeführt. Gefördert werden (vor allem empirische) Arbeiten mit Anbindung an aktuelle erziehungswissenschaftliche bzw. schulpädagogische Forschungsfelder; eine reine Steiner-Exegese soll vermieden werden. Im Forschungsforum sollen vier aktuelle Promotionsprojekte aus dem Kontext des Graduiertenkollegs vorgestellt werden.

 

Beiträge des Panels

 

Bildungserfahrungen geflüchteter Adoleszenter an einer Waldorfschule

Larissa Beckel
Alanus Hochschule

Insbesondere für neu migrierte und geflüchtete Kinder und Jugendliche besteht ein hohes Risiko, in gering qualifizierende Bildungsgänge des deutschen Bildungssystems eingruppiert zu werden, wodurch ein Bildungsaufstieg und gesellschaftliche Partizipation stark erschwert werden. Das rekonstruktiv angelegte Promotionsprojekt zeigt anhand von Fallbeispielen minderjähriger unbegleiteter Geflüchteter, welche Faktoren zu mehr Bildungsgerechtigkeit insbesondere für Schüler*innen mit Fluchthintergrund beitragen können. Das Datenmaterial wurde mit Hilfe kartografischer Methoden der Sozialraumforschung (narrative Landkarte) sowie ethnografischer Methoden (teilnehmende Beobachtung) gesammelt. Die Daten wurden hinsichtlich der Alltagsorganisation, der Unterrichtspraxis und der Beziehungsgestaltung zwischen pädagogischem Team und Schüler*innen analysiert. Somit findet ein Adressierungswechsel statt, der den Blick von den Institutionen hin zu den von den Beschulungsmaßnahmen betroffenen Geflüchteten lenkt. Die Jugendlichen geben durch die kartografische Methode der narrativen Landkarte Einblicke in die Organisation und Aneignung ihres Sozialraums. Dadurch ergeben sich Aufschlüsse über die strukturellen, institutionellen und individuellen Ressourcen und Barrieren für gesellschaftliche Partizipation. Das Promotionsprojekt zeigt somit auf, wo Potenzial besteht, um mehr Bildungsgerechtigkeit für (neu) migrierte Schüler*innen in Deutschland zu erreichen.

 

Die Möglichkeiten des fächerübergreifenden Unterrichtens für die Klassenlehrerin bzw. den Klassenlehrer an der Waldorfschule in den Jahrgangsstufen 6 bis 8

Moritz Gritschneder
Alanus Hochschule

Die Aufgliederung des schulisch zu vermittelnden Wissens in einzelne, voneinander isoliert unterrichtete Fächer ist schon seit mehr als hundert Jahren Gegenstand der Kritik an Schule. Der aktuelle erziehungswissenschaftliche Diskurs zur Fachlichkeit (vgl. ZfPäd 5/2020) wirft unter anderem die Frage auf, ob die Strukturierung des Unterrichts nach dem Fachprinzip auch angesichts veränderter gesellschaftlicher Verhältnisse nicht dringend einer Transformation bedarf. Ausgehend von der Kritik am Fachprinzip werden in diesem Promotionsprojekt ältere wie neuere Konzepte zum fächerübergreifenden Unterricht historisch-genetisch nachvollzogen und im Hinblick auf ihre didaktische Aktualität überprüft. Darüber hinaus werden die Möglichkeiten des interdisziplinären Unterrichtens für die Klassenlehrerin bzw. den Klassenlehrer an der Waldorfschule eruiert. Es werden sowohl die theoretischen Grundlagen der Waldorfpädagogik (Entwicklungspsychologie, Lerntheorie, Phänomenologie, Holismus) ausgewertet als auch Aspekte der gelebten Schulpraxis (Klassenlehrer-Prinzip, Epochenunterricht) herangezogen. Hierbei rücken verstärkt fächerübergreifende Kompetenzen in den Fokus schulpädagogischen Interesses. Der Beitrag diskutiert das Potenzial der Waldorfpädagogik in Bezug auf die Entwicklung fächerübergreifenden Unterrichts.

 

Anthropologische Reflexions- und Vermittlungslinien im Schnittfeld von Gesundheitsförderung und Allgemeiner Didaktik in der Waldorfpädagogik

Florentine Mostaghimi-Gomi
Alanus Hochschule

Im Dissertationsprojekt werden anthropologisch-erziehungswissenschaftliche sowie leibphänomenologische Perspektiven auf die Bedeutung des „Leibes“ im pädagogischen Kontext daraufhin untersucht, inwiefern sie an der Berührungsfläche von Gesundheitsförderung und Allgemeiner Didaktik der Waldorfpädagogik, welcher die anthropologischen Entwürfe Rudolf Steiners zugrundeliegen, einen vermittelnden Reflexionsrahmen aufspannen. An der Schnittstelle von Erziehungswissenschaften und Leibphänomenologie schließt die Dissertation an die Arbeiten von Malte Brinkmann, Barbara Wolf, Eckard Liebau, Jörg Zirfas u. a. an. Ausgehend von herausgearbeiteten Facetten des „Leibes“ sowie von Aspekten der Gesundheitsförderung in der waldorfpädagogischen Praxis soll die salutogenetische Wirkung typischer Signaturen der Waldorfpädagogik weiter erforscht werden. In einem konzeptionell-konstruktiven Teil der Dissertationsschrift soll auf Grundlage von Experteninterviews ein Gesprächsleitfaden erarbeitet werden, der der Kooperation von Schulärzt*innen und Lehrkräften dienen kann. Im Beitrag sollen Konzeption und Vorgehen dieses Promotionsprojekts zur Diskussion gestellt werden.

 

Pädagogische Qualität in Waldorfkindergärten und Waldorfkrippen

Philipp Gelitz
Universität Passau

Das Promotionsprojekt rekonstruiert mit der qualitativen Methode des Experteninterviews (n=8) Handlungswissen und Relevanzsetzungen beteiligter Erwachsener – Fachkräfte, Eltern und Dozierende – im Untersuchungsfeld von Waldorfkindergärten und -krippen. Den theoretischen Bezugsrahmen bilden zum einen vier Stränge des erziehungswissenschaftlichen Qualitätsdiskurses (quantitative Qualitätsfeststellung, qualitativ-rekonstruktiver Zugang, Kompetenzorientierung und Ko-Konstruktion sowie Professionalisierung und Persönlichkeit), zum anderen werden anthropologische Annahmen der waldorfpädagogischen Literatur zum vorschulischen Alter vertieft. Mit der theoriegenerierenden Auswertungsmethode nach Bogner et al. (2014, S. 75-83) wurden zunächst die relevantesten Themenfelder identifiziert, dann implizit wirkende Konzepte im Hintergrund der Ausführungen rekonstruiert sowie in einem letzten Schritt eine theoretische Generalisierung vorgenommen. Der Beitrag stellt die zentralen Befunde der Studie in den Mittelpunkt und diskutiert sie im Schnittfeld erziehungswissenschaftlicher Qualitätskonzepte und waldorfpädagogischer Überlegungen zu fachlich qualifizierter pädagogischer Arbeit in der frühkindlichen Bildung.

Literatur:

Bogner, A., Littig, B., Menz, W. (2014): Interviews mit Experten. Eine praxisorientierte Einführung. Wiesbaden: Springer VS.

 
14:00 - 16:00„Radikales Denken“? - Über das Auflösen von Selbstverständlichkeiten in der Pädagogik und Erziehungswissenschaft der 1970er Jahre.
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 14
 

Chair(s): Dr. Selma Haupt (RWTH Aachen), Friederike Thole (Universität Kassel), Dr. Christian Timo Zenke (Universität Bielefeld)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Edith Glaser (Universität Kassel)

Mit drei Beiträgen will diese Arbeitsgruppe aus unterschiedlichen Perspektiven aufzeigen, wie in den 1970er Jahren vormals als selbstverständlich geltende Grenzen einer (wissenschaftlichen) Pädagogik zunehmend in Frage gestellt wurden – beziehungsweise wie vorher scharfe Konturen, die die Disziplin prägten, sich aufzulösen begannen. Dabei wird erstens eine neue Thematisierung der Grenze zwischen Theorie und Praxis aufgegriffen; zweitens wird gezeigt, wie mit den Debatten um Antipädagogik das Selbstverständnis der Pädagogik an sich angegriffen wurde; und drittens wird thematisiert, wie sich die Institution Schule im Zuge der Diskussion um eine „Entschulung der Gesellschaft” mit einem radikalen Versuch der pädagogischen wie organisationalen Entgrenzung konfrontiert sah. Die Arbeitsgruppe will anhand dieser drei Perspektiven diskutieren, inwieweit radikale wissenschaftliche sowie handlungspraktische Diskurspositionen die Erziehungswissenschaft der 1970er beeinflussten.

 

Beiträge des Panels

 

Weder praktisch noch theoretisch? Entgrenzungen zwischen pädagogisch-politischer Praxis und erziehungswissenschaftlicher Theorie

Friederike Thole
Universität Kassel

"Es gibt keine Repräsentation mehr, es gibt nur Aktion: die Aktion der Theorie und die Aktion der Praxis in einem Netz von Beziehungen und Übertragungen." (Deleuze im Gespräch mit Foucault, 1974, S. 129)

Theorie und Praxis wird und wurde häufig als klassischer Antagonismus diskutiert. Gerade in der Erziehungswissenschaft, werden die Grenzen zwischen Theorie und Praxis häufig scharf gezogen und Transfer- und Transformationsprozesse über diese Grenzen hinaus gelten als konfliktbehaftet.

Das kritisch-alternative Milieu der 1960er und 1970er Jahre zeichnete sich jedoch - und das nicht nur in der Erziehungswissenschaft - aus durch ein besonderes Verhältnis zwischen (pädagogischer und politischer Protest-)praxis und wissenschaftlicher Theorie (vgl. für die EW: Bastian 1988; Baader 2014; Bock et. al . 2019 für die Soziologie u. Politologie: Bude 1995 u. 2018; Hodenberg 2018; Nassehi 2018; Wehrs 2018 )

Dieser Beitrag will anhand ausgewählter Aspekte aufzeigen, wie die Differenzen zwischen wissenschaftlichem Wissen, pädagogisch-professionellem oder sogar alltäglichem Wissen in den 1960er und 1970er fluide waren und sich eine Wissensbewegung generell die Sphären und Grenzen überschreitend vollzog und auch noch vollzieht (vgl. Dinkelaker 2020, S. 36). Dabei wird sich von der „Vorstellung eines singulären Ursprungs von Wissen" abgewandt, zugunsten der Vorstellung, "dass Wissen ortlos ist und über Genre- und Institutionen- (und sonstige) Grenzen hinweg zirkuliert“ (Sarasin 2020, S. 21).

 

Nicht erziehungsbedürftig? Zwischen Abschaffung und Entgrenzung von Erziehung

Dr. Selma Haupt
RWTH Aachen

In der Erziehungswissenschaft besteht in den 1970er Jahren (und weitestgehend bis heute) Konsens darüber, dass die anthropologische Ausgangssituation für ihren namensgebenden Begriff – die Erziehung – in der Erziehungsbedürftigkeit des Menschen liegt (Kant 1803, Roth 1966). Die Infragestellung dieser Begründung deutet sich zwar in Teilen der liberalen antiautoritären Erziehung – z.B. mit Bezug auf Neills Summerhill schon an - wird aber erst von den antipädagogischen Texten ab 1975 (Braunmühl 1975, Braunmühl/Ostermeyer/Kupffer 1976) explizit benannt und in Teilen von anarchistischen Pädagog*innen aufgenommen (Klemm 1988). Der in der Erziehungsbedürftigkeit begründete Anspruch der Erziehung wird hier abgelehnt und Erziehung wird als ebenso abzulehnendes Gewaltverhältnis gefasst. Im vorgeschlagenen Beitrag soll die erziehungswissenschaftliche Diskussion und Rezeption der antipädagogischen Einwände betrachtet werden (Winkler 1982, Flitner 1982, Oelkers/Lehmann 1983). Dies wird besonders vor dem Hintergrund der teils konservativen zeitgenössischen Diskussionen (Mattes 2020) - wie etwa der “Tendenzwende” (1974) oder dem Forum “Mut zur Erziehung” (1978) - und der Disziplingeschichte - wie etwa dem “scheinbaren Stillstand” der 1980er Jahre (Hoffmann-Ocon/Criblez 2018) - diskutiert.

 

Schule oder Leben? Die “Entschulung” der Schule und die Frage nach einer „Entgrenzung pädagogischen Handelns“

Dr. Christian Timo Zenke
Universität Bielefeld

Vertreter*innen der Konzepte sowohl einer „Entschulung der Gesellschaft“ (Illich 1971) als auch einer „Entschulung der Schule“ (Hentig 1971) stellten in der ersten Hälfte der 1970er Jahre ganz grundsätzlich die Grenzen zwischen Schule und Leben in Frage und plädierten dafür, die Bildungsaufgaben der Schule verstärkt im alltäglichen Leben aufgehen zu lassen. Obwohl diese Initiativen dabei zunächst einmal von einem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber der Macht der Institution Schule geprägt waren, lässt sich doch zugleich konstatieren, dass der Schule in diesem Zusammenhang eine andere, wenn auch deutlich subtilere Form von Macht über das Leben von Kindern und Jugendlichen eröffnet wurde. So steht etwa am Ende von Hentigs Adaption des Illich'schen Entschulungs-Konzepts ein neuerliches Plädoyer gerade für den Erhalt der Institution Schule – ja, für deren Ausweitung zu einem umfassenden, ganztägig organisierten und dadurch umso machtvolleren „Lebens- und Erfahrungsraum“. Vor diesem Hintergrund soll im Beitrag einerseits eine historiographische Analyse der Entschulungs-Debatte der 1970er Jahre vorgenommen werden und gleichzeitig die Frage diskutiert werden, inwiefern auch aktuelle Tendenzen einer „Entgrenzung pädagogischen Handelns“ (Hecht 2019, S. 1183) durch Vorhaben der Entschulung nicht letztlich sogar zu einer Ausweitung der Macht der Schule führen könnten – und damit paradoxerweise sogar zu einer zunehmenden Verschulung des Lebens von Kindern und Jugendlichen.

 

 
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