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Sitzungsübersicht
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 09
982 4768 1881, 040174
Datum: Montag, 14.03.2022
11:30 - 13:00Poster-Cluster: Bildung für Nachhaltige Entwicklung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 09
Chair der Sitzung: Prof. Dr. Anne Levin, Universität Bremen

In diesem Cluster werden acht Poster vorgestellt, die alle deutschsprachig sind.

 

Nachhaltige Ernährungsbildung in Schule und Unterricht aus Sicht der Lehrkräfte – eine qualitative Untersuchung

Aline Haustein, Leena Bröll

TU Chemnitz, Deutschland

Ernährungsbildung ist vor allem ein Schwerpunkt der schulischen Gesundheitsförderung (KMK 2012). Fachlich ist sie in der Grundschule im Sachunterricht verankert, bietet aber auch fächerübergreifende und fächerverbindende Anknüpfungspunkte. Darüber hinaus bietet Ernährungsbildung Zugangsweisen für die Beschäftigung mit Dimensionen des Leitbildes für nachhaltige Entwicklung. Sie kann der lebensnahen und anschaulichen Vermittlung von Nachhaltigkeit im Alltag dienen, da damit verbundene Handlungen (Herstellung, Beschaffung, Verarbeitung, Entsorgung, ...) neben gesundheitlichen auch eng mit ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Aspekten verknüpft sind (Koerber, Männle, Leitzmann 2004). Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) zielt darauf ab, dass Lernende fähig sind, „aktiv an der Analyse und Bewertung von nicht nachhaltigen Entwicklungsprozessen teilzuhaben, sich an Kriterien der Nachhaltigkeit im eigenen Leben zu orientieren und nachhaltige Entwicklungsprozesse gemeinsam mit anderen lokal wie global in Gang zu setzen“ (de Haan 2008). Auch wenn BNE als Bildungskonzept zunehmend strukturell in den Lehrplänen verankert ist, gibt es bisher wenige Hinweise, ob und wie Lehrkräfte in ihrer Rolle als Multiplikator*innen BNE vermitteln und damit nachhaltige Entwicklungsprozesse anstoßen. Ihre eigenen Vorstellungen, Überzeugungen und Werte nehmen dabei genauso Einfluss auf unterrichtliches Handeln und sind Teil Ihrer professionellen Handlungskompetenz wie ihr pädagogisches, fachliches oder fachdidaktisches Wissen (Baumert & Kunter 2006; Hartinger, Kleickmann, Hawelka 2006).

Die vorgestellte Untersuchung beschäftigt sich mit der Fragestellung, welche Vorstellungen Grundschullehrkräfte zu nachhaltiger Ernährung als Thema im Sachunterricht besitzen. Gleichzeitig wird untersucht, ob und wie BNE als Bildungsziel in ernährungsbezogenen Themenbereichen berücksichtigt wird. In leitfadengestützten Interviews werden Lehrkräfte befragt, wie sie die beiden Bildungsbereiche Ernährungsbildung und BNE miteinander verknüpfen und welche Lernziele sie beispielsweise als relevant erachten. Ihre Aussagen werden mittels inhaltlich strukturierender qualitativer Inhaltsanalyse nach Kuckartz (2018) ausgewertet. Ausgewählte Ergebnisse der Studie werden auf dem Poster präsentiert und diskutiert. Auf Grundlage der empirischen Ergebnisse ist ein konzeptioneller Entwurf einer nachhaltigen Ernährungsbildung in der Grundschule und damit die Weiterentwicklung dieses Bildungsbereichs denkbar.



Das Österreichische Schulnetzwerk ÖKOLOG – Ergebnisse der Begleitforschung

Mira Dulle, Prof. Dr. Franz Rauch

Universität Klagenfurt, Österreich

ÖKOLOG ist ein Programm und Netzwerk für die Ökologisierung von Schulen und Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) in Österreich. Sein Hauptziel ist es, verschiedene Themen der BNE (Inhalte und Methoden) in die Lehr- und Lernpraxis sowie in die Schulentwicklung zu integrieren und eine nachhaltige Schulkultur aufzubauen. Zur Unterstützung wurde eine Netzwerkstruktur mit ÖKOLOG-Regionalteams in den neun österreichischen Bundesländern entwickelt. Das ÖKOLOG-Netzwerk wächst stetig, derzeit sind über 600 Schulen (ca. 10% der österreichischen Schulen) und 12 von 14 Pädagogischen Hochschulen im Netzwerk aktiv. Die Koordination erfolgt durch das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung und die Universität Klagenfurt.

In den 25 Jahren des Bestehens des ÖKOLOG-Schulnetzwerks wurden eine Reihe von Evaluierungen, Untersuchungen und Studien durchgeführt (Rauch & Pfaffenwimmer, 2020).

Die Ergebnisse zeigen Erfolge des gesamtschulischen Ansatzes von ÖKOLOG und geben Aufschluss über Entwicklungsfelder und weitere Forschungsbereiche. Auf Schulebene beeinflusst ÖKOLOG die Veränderung von Unterrichtsmethoden, die verstärkte Integration von gesundheitlichen, ökologischen und sozialen Themen in den auch fachübergreifenden Unterricht und die Gestaltung von Gebäuden bzw. die Schaffung eines gesunden Schullebens (Rauch & Dulle, 2016; Ziener, 2017). Die Umsetzung von ÖKOLOG im Schulalltag erfolgt vor allem durch installierte Mülltrenn- und Vermeidungssysteme, die Nutzung nachhaltiger Energieressourcen und die Implementierung einer nachhaltigen Mobilität. Als besonderer Erfolg des Beitritts zum ÖKOLOG-Netzwerk wird auch die positive Wirkung auf die Schulentwicklung hervorgehoben. ÖKOLOG-Schulen, die eine nachhaltige Alltagskultur leben, können das Umweltbewusstsein und die Kompetenzen der SchülerInnen positiv beeinflussen. Auswirkungen auf das Verhalten der SchülerInnen an ÖKOLOG-Schulen werden in gesundheitsbezogenen Aspekten sowie in der nachhaltigen Nutzung von Ressourcen gesehen (Swatek & Rauch, 2020). Die Zusammenarbeit mit dem schulischen Umfeld der ÖKOLOG-Schulen wird als ausbaufähig angesehen, ebenso könnten soziale und wirtschaftliche Aspekte stärker gefördert werden (Swatek & Rauch, 2020).



A Rounder Sense of Purpose - Grenzen einer Kompetenzbildung für BNE-Lehrende

Lukas Scherak, Prof. Dr. Marco Rieckmann

Universität Vechta, Deutschland

Das Erreichen einer sozial und ökologisch nachhaltigen Entwicklung wird auch davon beeinflusst, was in unseren Schulen unterrichtet wird, und auf welche Art und Weise Bildungsprozesse gestaltet werden. Dies unterstreicht den Bedarf an Lehrer*innen, die über die Fähigkeiten und die Motivation verfügen, ihren Schüler*innen eine Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) zu ermöglichen. Damit Lehrer*innen mit dem Konzept einer BNE arbeiten können, müssen sie Schlüsselkompetenzen für Nachhaltigkeit entwickeln (einschließlich Wissen, Fähigkeiten, Einstellungen, Werte, Motivation und Engagement). Zusätzlich zu den allgemeinen Nachhaltigkeitskompetenzen benötigen sie auch BNE-Kompetenzen, die als die Fähigkeit der Lehrkräfte beschrieben werden können, Menschen bei der Entwicklung von Nachhaltigkeitskompetenzen durch eine Reihe von innovativen Lehr- und Lernmethoden zu unterstützen. Elemente solcher BNE-Kompetenzen werden in verschiedenen Konzepten detailliert beschrieben: das CSCT-Modell (Sleurs 2008), das UNECE-Modell (UNECE 2012), das KOM-BiNE-Modell (Rauch et al. 2008; Rauch & Steiner 2013) und die Ansätze von Bertschy et al. (2013) und Timm & Barth (2021) (vgl. Corres et al. 2020). Auf dieser Grundlage wurde in dem europäischen Projekt 'A Rounder Sense of Purpose' ein Modell für BNE-Kompetenzen entwickelt (Vare et al. 2019), das in verschiedenen Bildungssettings in Deutschland, Großbritannien, Italien, Spanien, der Schweiz, Ungarn und Zypern angewendet und validiert wird. In Deutschland wird das Modell als Rahmen für eine Reihe von hochschuldidaktischen Weiterbildungen an der Universität Vechta verwendet (Scherak & Rieckmann 2020). Ausgehend von der Anwendung des Modells an der Universität Vechta wird in diesem Beitrag gefragt: Welche Kompetenzen müssen Hochschullehrer*innen haben, um mit dem Konzept von BNE in der Hochschulbildung zu arbeiten, und wie können diese durch hochschuldidaktische Weiterbildungen entwickelt werden? An welche Grenzen stößt eine BNE-orientierte hochschuldidaktische Weiterbildung? Auf der Grundlage einer Fokusgruppe mit sechs Teilnehmenden der hochschuldidaktischen Weiterbildungen sowie einer Befragung aller Teilnehmenden wurden empirische Daten zu der Beantwortung dieser Frage gewonnen. Die Ergebnisse zeigen u.a., dass die Teilnehmenden durch die hochschuldidaktische Weiterbildung Wissen über das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung, das BNE-Konzept sowie BNE-Methoden gewinnen. Ein Erwerb von BNE-Kompetenzen findet hingegen nur in geringem Maße statt (Scherak & Rieckmann 2020). Ausgehend von diesen Ergebnissen und in Anlehnung an die Unterscheidung einer instrumentellen und einer emanzipatorischen BNE (Rieckmann 2016) soll im Hinblick auf das Tagungsthema reflektiert werden, welche Grenzen und Möglichkeiten sich durch Weiterbildungen für die Entwicklung von BNE-Kompetenzen von Hochschullehrenden bieten.



Zwischen Be- und Entgrenzung: Wildnisbildung im Kontext einer Bildung für nachhaltigen Entwicklung

Prof. Dr. Anne-Kathrin Lindau1, Toni Simon2, Jaqueline Simon2, Mohs Fabian3, Reinboth Alma2, Hottenroth Daniela4

1Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt, Deutschland; 2Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg; 3Christian-Wolff-Gymnasium Halle; 4Staatliche Regelschule „G. E. Lessing“ Nordhausen

Das 21. Jahrhundert stellt die Erde und damit die Menschheit vor große globale Herausforderungen wie Klimawandel, Bevölkerungswachstum, Bodendegradation und Verlust von Biodiver­sität, die im Modell der Planetaren Grenzen eindrucksvoll aufgezeigt werden (Röckström et al. 2009). Dem Konzept einer Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) wird ein wichtiger Beitrag zur Lösung dieser Herausforderungen zugesprochen, da sich das Konzept inhaltlich auf die in der Agenda 2030 verankerten 17 Nachhaltigkeitsziele bezieht (UN 2015; Rieckmann 2016). Auf der Suche nach möglichen Konzepten zur Umsetzung einer BNE zeigt der Ansatz der Wildnisbildung Chancen und Potenziale mit Blick auf Ent- und Begrenzungen innerhalb des Bildungsprozesses auf (Lindau et al. 2021). Wildnisbildung fokussiert auf das Erleben von wilder beziehungsweise verwildernder Natur mit dem Ziel, das Verstehen komplexer Systemzusammenhänge zu fördern, um auf dieser Basis Nachhaltigkeitsfragen kritisch zu reflektieren und Möglichkeiten und Grenzen eines nachhaltigeren Handelns zu erörtern (Langenhorst 2016; Lindau, Mohs & Reinboth 2021).

Mit dem Poster soll einerseits bündig das Forschungsfeld der Wildnisbildung skizziert werden, welches in einigen erziehungswissenschaftlichen Diskursen noch weitgehend unbekannt und entsprechend kaum aufgegriffen worden ist. Andererseits sollen mit dem Poster wesentliche Problemfelder der Be- und Entgrenzung von/durch Wildnisbildung zusammenfassend dargestellt werden. Zu diesen gehören beispielsweise (1) die Begrenzung i. S. der wildnisbildnerisch bedeutsamen Suffizienz versus der im Kontext der Wildnisbildung bislang kaum diskutierten „digitalen Entgrenzung“ zum Zwecke der barrierefreien Gestaltung wildnisbilderischer Maßnahmen; (2) die Be-/Entgrenzung von Lehr-Lern-Prozessen durch Schüler*innenvorstellungen und fachliche Klärungen; (3) der mögliche Zusammenhang von Einstellungen und der für den Kontext Schule nach wie vor zentralen Differenzlinie Migration sowie (4) notwendige Entgrenzungen professioneller Handlungskompetenzen im Kontext der universitären (Geographie)Lehrkräftebildung. Mit Blick auf diese und weitere Aspekte werden Be- und Entgrenzungen von und durch Wildnisbildung pointiert sowie ausgewählte Anregungen zur Diskussion und weiteren themenbezogenen Forschung gegeben.



Bildung für nachhaltige Entwicklung im naturwissenschaftlichen Unterricht: Die Auswirkungen einer Thematisierung des Ökosystems Wattenmeer auf umweltpsychologische Konstrukte

Till Schmäing

Universität Bielefeld, Deutschland

Der globale Klimawandel stellt die gesamte Menschheit zunehmend vor teilweise existenzielle Herausforderungen. Im Kontext von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) wird in der schulischen Praxis über die Grenzen der Fächer hinweg eine Thematisierung von globalen Umweltproblemen mit verschiedenen inhaltlichen Zugängen umgesetzt. In den Naturwissenschaften werden die Folgen der globalen Erwärmung und die Bedrohungen unter anderem mit einem Fokus auf verschiedene Ökosysteme erörtert.

Obwohl das Wattenmeer ein UNESCO-Weltnaturerbe ist und auf einer nationalen Ebene geschützt wird, wurde es bisher kaum aus der Perspektive der empirischen Bildungsforschung betrachtet (Schmäing & Grotjohann 2021). Um das Potenzial und die Grenzen des Wattenmeeres für die BNE erschließen zu können, wurde in Kooperation mit dem UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer-Besucherzentrum Cuxhaven eine Stationsarbeit entwickelt und durchgeführt. In einem Prä-Post-Follow-Up-Design wurden die Auswirkungen des Unterrichts auf verschiedene umweltpsychologische Konstrukte erhoben. So konnten jeweils über die drei Messzeitpunkte hinweg mit der 2-Major-Environmental-Values-Scale (Bogner & Wieseman 2006) die Einflüsse auf die Umwelteinstellungen und mit der Inclusion of Nature in Self Scale (Schultz 2001) jene auf die Naturverbundenheit der Lernenden (n=157) ermittelt werden. Mit dem erst genannten Instrument werden die Einstellungen zur Natur(aus)nutzung und zum Umweltschutz erfasst. Beide Instrumente wurden bisher in zahlreichen internationalen Studien eingesetzt.

Zum aktuellen Zeitpunkt befindet sich das Projekt in der Datenauswertung. Der Posterbeitrag wird die Ergebnisse präsentieren und dabei die Entwicklung zu den drei Testzeitpunkten sowie den Zusammenhang zwischen den betrachteten Konstrukten statistisch darlegen. Auf diese Weise wird ein Beitrag aus dem Bereich der empirischen Bildungsforschung geleistet mit welchem konkrete Implikationen für die Vermittlung von BNE gegeben werden können.

Literatur:

Bogner, F.X. & Wiseman, M. (2006): Adolescent’s attitudes towards nature and environment: Quantifying the 2-MEV model. In: Environmentalist, 26(4): 247-254.

Schmäing, T., & Grotjohann, N. (2021). Students’ Word Associations with Different Terms Related to the Wadden Sea: Does the Place of Residence (Coast or Inland) Have an Influence? Education Sciences, 11(6), 284.

Schultz, P. W. (2001): The structure of environmental conern: Concern für self, other people, and the biosphere. Journal of Environmental Psychology, 21: 327-339.



Der professionelle Umgang von Geographielehrer*innen mit Unsicherheiten im Kontext des Klimawandels

Melissa Hanke, Prof. Dr. Angelika Paseka, Prof. Dr. Sandra Sprenger

Universität Hamburg, Deutschland

Der Klimawandel stellt eine globale, intra- sowie intergenerationale Herausforderung für das System der Erde dar. Im Sinne einer Bildung für eine nachhaltige Entwicklung ist die Thematisierung des Klimawandels im Unterricht für Geographielehrer*innen unerlässlich. Eine Schwierigkeit stellt hierbei die Unsicherheit dar, die konstitutiv für Erziehung (Paseka et al. 2018) sowie Wissenschaft ist (Schmidt et al. 2017; Ruggeri 2011) und insbesondere im Kontext von zukunftsbezogenen Nachhaltigkeitsthemen diskutiert wird.

Mit den wissen(-schaft)stheoretischen und handlungsbezogenen Unsicherheiten müssen Geographielehrer*innen in der Unterrichtsplanung und -durchführung umgehen, wobei unterschiedliche Umgangsformen denkbar sind, wie beispielsweise: ignorierend-ablehnend, akzeptierend-bewältigend oder affirmativ-anerkennend (Böing 2016), die differente Auswirkungen auf den Unterricht haben. Beruhend auf der Wissenssoziologie nach Mannheim, ist beim Umgang nicht das explizite Wissen der Geographielehrer*innen handlungsleitend. Entscheidend sind die impliziten, atheoretischen Orientierungen (Nohl 2017).
Folglich soll der Forschungsfrage nachgegangen werden: Woran orientieren sich Geographielehrer*innen beim Umgang mit Unsicherheiten im Rahmen der Unterrichtsplanung und -durchführung zur Thematik Klimawandel?

Die Orientierungen von Geographielehrer*innen wurden im Rahmen von achtzehn digital durchgeführten, narrativen Einzelinterviews mit Geographielehrer*innen mit unterschiedlicher Berufserfahrung an weiterführenden Schulen erhoben und werden aktuell mithilfe der dokumentarischen Methode ausgewertet und rekonstruiert (Nohl 2017). Erste Ergebnisse sollen im Rahmen des Vortrags präsentiert werden.

Literatur
Böing, U. (2016). Ungewissheit – Implikationen einer nicht ausgrenzenden Pädagogik. In U. Böing & A. Köpfer (Hrsg.). Be-Hinderung der Teilhabe. Soziale, politische und institutionelle Herausforderungen inklusiver Bildungsräume (95-114). Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt.

Nohl, A.-M. (2017). Interview und Dokumentarische Methode. Anleitungen für die Forschungspraxis (5. Auflage). Wiesbaden: Springer.

Paseka, A. & Keller-Scheider, M. & Combe, A. (2018). Ungewissheit als Herausforderung für pädagogisches Handeln. In A. Paseka & M. Keller-Schneider & A. Combe (Hrsg.), Ungewissheit als Herausforderung für pädagogisches Handeln (1-14). Wiesbaden: Springer Fachmedien.

Ruggeri, N. L. (2011). Scientific Uncertainty and Its Relevance to Science Education. The University of Wisconsin: ProQuest Dissertations And Theses.

Schmidt, H. & Eyring, V. & Latif, M. & Rechid, D. & Sausen, R. (2017). Globale Klimaprojektionen und regionale Projektionen für Deutschland und Europa. In G. P. Brasseur (Hrsg.), Klimawandel in Deutschland. Entwicklung, Folgen, Risiken und Perspektiven (7-16). Berlin, Heidelberg: Springer Spektrum.



Bildung für nachhaltige Entwicklung und Serious Games. pigNplay als Beispiel für die co-kreative Entwicklung digitaler Lernmedien

Alexandra Reith1, Prof. Dr. Marco Rieckmann1, Gero Corzilius2, Dr. Barbara Grabkowsky2, Sarah Reddig3, Annika Greven3, Dr. Justus von Geibler3, Dr. Stefan Alexander Christ4, Prof. Dr. Joachim Hertzberg4, Christian Post5, Sabrina Elsholz5, Prof. Dr. Imke Traulsen5

1Universität Vechta, Fach Erziehungswissenschaften, Deutschland; 2Universität Vechta, Verbund Transformationsforschung Agrar Niedersachsen, Deutschland; 3Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie gGmbH, Deutschland; 4Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, Osnabrück, Deutschland; 5Georg-August-Universität Göttingen, Department für Nutztierwissenschaften, Deutschland

Wie in zahlreichen Wirtschaftssektoren sollten im Interesse des Klimaschutzes in der Schweinehaltung effektive emissionsmindernde Maßnahmen getroffen werden. Der Transfer von wissenschaftlichen Erkenntnissen hierzu in die Praxis, vermittelt über die Aus- und Weiterbildung, ist eine pädagogische Herausforderung. Da neben der Sachkenntnis auch Einstellungen und Werte der Lernenden berührt sind, erscheinen im Feld von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) Lern-Umgebungen und -Methoden unverzichtbar, die spezifische Kompetenzen fördern (Brundiers et al., 2021) und Verantwortungsübernahme und Handlungsbereitschaft hervorrufen (UNESCO, 2017).

Mit dem Serious Game (SG) pigNplay für digitale Endgeräte wird die komplexe Thematik von Stickstoffkreisläufen in der Schweinemast simuliert. Spieler*innen können Maßnahmen zur Reduzierung klimaschädigender Emissionen virtuell erproben und deren Potential basierend auf den hinterlegten empirischen Daten und Modellen für einen in die Zukunft hineinreichenden Zeithorizont überprüfen. Ziel des Spiels ist es, die Nutzer*innen zu befähigen und zu motivieren, eigenständig klimafreundliche Strategien zu entwickeln.

Der im Rahmen eines DBU-Projekts konzipierte Prototyp des SG wird an landwirtschaftlich berufsbildenden Schulen im Rahmen des Unterrichts getestet. Über die Zielgruppe von Schüler*innen hinaus soll das Endprodukt Studierende und erfahrenere Landwirt*innen beim selbstbestimmten Lernen unterstützen. Um variierenden Ansprüchen gerecht zu werden, wurde für die Entwicklung des SG ein Co-Creation-Ansatz gewählt. Unterschiedliche Interessenvertreter*innen erhalten dabei die Möglichkeit, über Umfragen, Interviews und Workshops Einfluss auf die Spielgestaltung zu nehmen. Einem interdisziplinären Team von Spielentwickler*innen liefert dieses Feedback wertvolle Anhaltspunkte hinsichtlich getroffener Annahmen, der Wahl von Lernzielen und der Zielerreichung.

SGs lassen ein starkes Potential erkennen, Szenarien komplexer Umweltproblematiken darzustellen (Reckien und Eisenach, 2013). Die Strategien und der Erfolg co-kreativer Spielentwicklung sind hingegen kaum erforscht (Katsaliaki und Mustafee, 2015). Erfolgen parallel zu dem Konzeptions- und Entwicklungsprozess von SGs dahingehende Untersuchungen, kann empirisch abgesichert werden, welche Voraussetzungen es begünstigen, dass SGs ihren Zweck in der BNE erfüllen, und mit Blick auf die Spielentwicklung können Optimierungen erfolgen.



Gesellschaftliche Transformation durch studentisches Engagement. Eine rekonstruktive Studie im Kontext von Bildung als nachhaltige Entwicklung

Aline Steger

Pädagogische Hochschule Weingarten, Deutschland

Das Promotionsvorhaben hat zum Ziel, das Transformationsverständnis von Studierenden im Kontext von Nachhaltiger Entwicklung zu untersuchen und ihre handlungsleitenden Orientierungen zu rekonstruieren.

Für das Gestalten von Nachhaltigkeitsprozessen im Hochschulbereich wird Studierenden die Rolle als „Change Agents“ zugeschrieben (Nationaler Aktionsplan, 2017). Ein Bildungsformat, in dem sich studentisches Engagement im Kontext von nachhaltiger Entwicklung zeigt, sind die sogenannten „Nachhaltigkeitswochen“. Dabei handelt es sich um eine junge, bildungspolitisch motivierte Bottum-Up-Initiative, die hochschul- und länderübergreifend einen nachhaltigen (Hochschul-)Wandel anstrebt.

Bildung für Nachhaltige Entwicklung wird im Hochschulkontext bisher überwiegend im Bereich der LehrerInnenbildung sowie der Hochschuldidaktik thematisiert (Keil et al., 2020; Künzli David, 2007; Rieckmann & Holz, 2017), wenige Arbeiten widmen sich explizit Studierenden als GestalterInnen einer Hochschulbildung für nachhaltige Entwicklung (Singer-Brodowski, 2016).

Im geplanten Promotionsprojekt soll folgende Forschungsfrage bearbeitet werden:

Welches Transformationsverständnis leitet Studierende in ihrem Engagement für nachhaltige Entwicklung und welche konjunktiven Erfahrungsräume lassen sich dabei beschreiben?

Das Bildungsformat der Nachhaltigkeitswochen ist ein praktisches Handlungsfeld für BNE/Transformative Bildung und bietet daher einen geeigneten Zugang für die Rekrutierung des Samples an. Dafür sollen mind. 16 Studierende an ca. sechs bis neun deutschsprachigen Hochschulstandorten (D, Ö & CH) befragt werden. Zusätzlich zu Narrativen Interviews werden Gruppendiskussionen geführt, um neben der Identifikation von individuellen, biographischen Auslösern für das Engagement auch die Aushandlungsprozesse über das implizite Verständnis von Transformation für die jungen Menschen rekonstruieren zu können.

Das rekonstruktive Verfahren ermöglicht die Dokumentation der impliziten Strukturen der Orientierungen der Studierenden. Die Daten werden mit der Dokumentarischen Methode ausgewertet (Nohl, 2017 & Bohnsack, 2010), mit dem Ziel eine sinngenetische Typenbildung zu entwickeln.

Die Studie bietet auf bildungstheoretischer Ebene die Möglichkeit, den Transformationsbegriff innerhalb des Spannungsfeldes von Bildung als nachhaltige Entwicklung und Transformativer Bildung unter Bezugnahme verschiedene Perspektiven auf transformativen Lernens (Freire, 1971; Koller, 2012; Mezirow, 1997) und des Diskurses um Bildung als nachhaltige Entwicklung (Singer-Brodowski, 2016) zu klären. In Anbetracht einer nicht mehr zu ignorierenden Weltgesellschaft ist das Potential von Bildungsprozessen für eine Nachhaltige Entwicklung an Hochschulen von enormer Bedeutung und bedarf einer größeren Beachtung. Für die Hochschulpraxis können die Ergebnisse zu einer strukturellen Veränderung der Hochschulen beitragen, um globalen (Bildungs-)Fragen und der Gestaltung von Transformation innerhalb des Curriculums mehr Raum zu bieten.

 
14:00 - 16:30Verdeckung umstrittener Grenzziehungen – eine Re-Perspektivierung von Inklusionsbemühungen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 09
 

Chair(s): Prof. Dr. Michaela Vogt (Universität Bielefeld, Deutschland), Prof. Dr. Saskia Bender (Universität Bielefeld)

Diskutant*innen: Daniel Tröhler (Universität Wien)

Ziel dieses Symposiums ist es, Praktiken der Verdeckung durch eine disziplinübergreifende Betrachtung der umstrittenen Grenzen im weiten Feld der Inklusion exemplarisch zu isolieren, hinsichtlich ihrer Wirkungsweisen und Mechanismen zu analysieren und auf dieser Grundlage erste Hypothesen zu einem Konzept von Verdeckung zu entwickeln. Durch diese interdisziplinäre Begriffs- und Theoriearbeit leistet das Symposium in mehrerlei Hinsicht einen wissenschaftlichen Mehrwert, da der zentrale Begriff der Inklusion als Ausdruck der Grenzbearbeitung weiterentwickelt und unter Gesichtspunkten der Verdeckung re-perspektiviert wird.

In den einzelnen Beiträgen werden die durch inklusive Bemühungen neu gezogenen Grenzen aus erziehungswissenschaftlichen, soziologischen (Vortrag 1), politikwissenschaftlichen (Vortrag 2) und philosophischen (Vortrag 3) Blickwinkeln begefragt.

 

Beiträge des Panels

 

Verdeckung als Notwendigkeit inklusiver Programmatiken – (Bildungs-)Soziologische Perspektiven

Marc Jacobsen, Till Neuhaus
Universität Bielefeld

Dieser Beitrag setzt es sich zum Ziel, die konzeptionelle Ausrichtung des Terminus ‚Inklusion‘ bildungssoziologisch zu betrachten. Im Rahmen der Analyse wird – aufgrund der definitorischen Vagheit des Begriffes (Dederich 2020) – die potenzielle Unmöglichkeit von Inklusion herausgearbeitet. Dabei erfassen wir Inklusion als eine empirische Kategorie, in dem wir sie als ein normatives Ziel, als Anspruch und Erwartung von sozialen Akteuren erfassen, deren vollumfängliche Realisierung aus zahlreichen Gründen strukturell unwahrscheinlich ist. Philosophisch gesprochen handelt es sich bei Inklusion um einen (höchsten) Wert. In der Folge treffen diese normativen Forderungen auf (schul-)strukturelle Hindernisse und müssen entsprechend angepasst werden; es entwickelt sich ein praktisch-technisches Inklusionsverständnis, das zwar umsetzbar ist, allerdings nie den höchsten Wert vollends widerspiegelt und ihn über die Zeit zunehmend vernachlässigt. Da Schule im 21. Jhd. sich primär nach außen verantworten muss (Ritter 2021), hat diese Nichtpassung von inklusiven Ansprüchen und technisch-praktischer Realisierung das Potenzial die Annäherung ans Ideal im Rahmen der umzusetzenden Programmatik zu unterminieren. Damit eine Fortführung inklusiver Programmatiken unter Rückbezug des politisch-öffentlichen Diskurses über Schule stattfinden kann, muss Verdeckung zwangsläufig mitgedacht werden, da alternativ Heucheleikosten (Greenhill 2016) entstehen, die auf die inklusive Programmatik zurückfallen.

 

Spannungsfeld von Inklusion und Exklusion

Prof. Dr. Oliver Flügel-Martinsen
Universität Bielefeld

Die Kontestation von Exklusionsmechanismen setzt demokratietheoretisch die Kritik bestehender Zugehörigkeitsordnungen voraus. Als schwierig erweist sich in diesem Zusammenhang, dass gerade die politischen Ordnungen in demokratischen Gesellschaften sich zumeist nicht offen als Ausgrenzungsordnungen zu erkennen geben, sondern selbst erklärtermaßen Ansprüche auf Inklusion und Teilhabe erheben, die jedoch ihrerseits Exklusionseffekte verdecken. Um Ordnungen und ihre Grenzziehungen einer Kritik zu unterziehen, könnte es daher zunächst erforderlich erscheinen, bestehende Inklusionsvorstellungen mit einem umfassenderen Konzept von Inklusion zu konfrontieren. Dadurch entsteht eine enorme Begründungslast, die vielfach zu Recht als normative Überfrachtung kritisiert wird.

Im Anschluss an Jacques Rancières (2018) Überlegungen zur sinnlichen Aufteilung (partage du sensible) der Welt und der mit ihr verbundenen Hervorbringung eines Teils ohne Anteil (la part des sans-part) lässt sich eine negativ verfahrende Kritik der Verdeckung von Exklusionsmechanismen entwickeln, die – nicht nur – demokratietheoretisch fruchtbar ist: Sie setzt ihrerseits nicht auf eine umfassende normative Konzeption von Inklusion etwa in Form einer inklusiven sinnlichen Weltaufteilung, sondern nimmt erstens ausschließenden Effekte jeder Weltaufteilung kritisch in den Blick und weist zweitens die Kontingenz und damit verbunden auch die Möglichkeit der Neuaufteilung gegebener Ordnungen und ihrer Grenzziehungen aus.

 

Die Umdeutung des Labels ‚Inklusion‘ seitens der universitären Fachdidaktiken

Dr. Kinga Golus
Universität Bielefeld

In den Fachdidaktiken kollidieren die seitens der (Schul-)Politik artikulierten Ansprüche an Lehrer*innenbildung mit den strukturellen, institutionellen sowie historisch gewachsenen (Fach-)Traditionen innerhalb der Universitäten. Eine der zentralen Forderungen der vergangenen zehn Jahre war die Arbeit im Themenfeld ‚Inklusion‘, in dem sich die o.g. Widersprüche in besonderer Art und Weise manifestieren. Exemplarisch wird am Beispiel der (Bielefelder) Philosophiedidaktik aufgezeigt, wie das Fach mit diesen divergierenden Ansprüchen – von außen artikulierten Ansprüchen auf der einen Seite, den fachlich-theoretischen Grenzen auf der anderen – umgeht. Seitens der Philosophie erfolgt bspw. eine vorweggenommene Flucht aus der Praxis (inklusionsorientierter Philosophieunterricht) in die vertraute Theorie, die neu gedeutet wird (Inklusion als philosophischer Gegenstand) (Golus/Bergmann 2021). Inwiefern eine bestimmte Fachkultur als Ausdrucksform einer stabilen, hegemonial-sozialen Praxis (Nonhoff 2019) gedeutet werden kann, deren inhaltlicher Zugang zum Thema der schulischen Inklusion im Gegensatz zur praktizierten Fachkultur steht, lohnt der Untersuchung. Die Philosophie begründet nämlich inhaltlich eine Praxis der (schulischen) Inklusion, doch gleichzeitig vollziehen sich diese Begründungen innerhalb einer praktizierten Fachlogik, die möglichst praxisfern (verdeckend) arbeitet. Im Rahmen des Symposiums kann dieses Vorgehen exemplarisch als Verdeckungsleistung gedeutet werden.

 
Datum: Dienstag, 15.03.2022
9:00 - 11:30Zur Bearbeitung und Hervorbringung prekärer Positionierungen – Empirische Rekonstruktionen zur Sinnhaftigkeit und Funktionalität lehrer*innenseitiger Entgrenzungen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 09
 

Chair(s): Dr. Daniel Goldmann (Eberhard Karls Universität Tübingen, Deutschland), Prof. Dr. Nele Kuhlmann (Friedrich-Schiller-Universität Jena, Deutschland)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Fabian Dietrich (Universität Bayreuth, Deutschland)

Lehrer*innenseitige Entgrenzungen gegenüber Schüler*innen stellen ein empirisch omnipräsentes Phänomen dar, das in seiner sozialen Sinnhaftigkeit noch nicht umfassend geklärt wurde. Im Symposium wird auf Grundlage von empirisch-rekonstruktiven Analysen die Frage bearbeitet, welche situativen und berufsspezifischen Problemstellungen in entgrenzenden Bezugnahmen bearbeitet und inwiefern darin funktionale Momente sichtbar werden. In den mehrperspektivisch-angelegten theoretischen Rückbindungen wird deutlich, dass lehrer*innenseitige Entgrenzungen auf prekäre Positionierungen – im Sinne einer Anerkennungsbedürftigkeit oder einer Unsicherheit bzgl. der eigenen Professionalisiertheit – antworten, ohne diese Prekarität aber dadurch stillstellen zu können. Diese Figur der Bearbeitung und gleichzeitigen Hervorbringung prekärer Positionen wollen wir abschließend zum Anlass nehmen, die professionstheoretische Frage nach den Bedingungen und Grenzen des Lehrer*innenseins neu aufzunehmen.

 

Beiträge des Panels

 

Anerkennungsbedürfnisse diesseits und jenseits der Grenzen des Schulischen – Rekonstruktionen zu Aushandlungen zwischen Lehrpersonen während der pandemie-bedingten Schulschließungen

Prof. Dr. Nele Kuhlmann
Friedrich-Schiller-Universität Jena

Im Kontext der Pandemie kam es zu flächendeckenden Schulschließungen, Wechselunterricht und der Umstellung auf ‚Distanzlernen‘. Diese weitreichenden Eingriffe machen nicht nur eine Neuaushandlung der Grenzen des Schulischen notwendig, sie lassen auch sichtbar werden, was Schule und Unterricht als Interaktion unter leiblich Anwesenden auszeichnet. Während der Pandemie erhobene Gruppeninterviews mit Lehrpersonen eines Kollegiums machen deutlich, dass die Bezugnahmen auf die körperliche Abwesenheit von Schüler*innen während der ersten Schulschließung sehr unterschiedlich ausfallen. In der anerkennungs- und berufskulturtheoretischen Ausdeutung (Balzer/Ricken 2010; Terhart 1996) lassen sich darin je spezifische Anerkennungsbedürfnisse von Lehrpersonen rekonstruieren, die – so die Annahme – nicht durch die derzeitige Situation erzeugt, wohl aber krisenhaft und dadurch sichtbar(er) werden. So reichen die Bezugnahmen über einen impliziten Kontaktabbruch zu Schüler*innen, über das Bedürfnis einer Novizin, sich selbst in der Interaktion mit Schüler*innen als ‚richtige Lehrerin‘ zu erfahren bis hin zu entgrenzenden Positionierungen, in denen sich die Lehrperson als bedürftig gegenüber einer umfassenden Anerkennung durch die Schüler*innen zeigt. Im Beitrag werden sowohl die verschiedenen Modi der Be- und Entgrenzung in der Bezugnahme auf Schüler*innen in ihrer sozialen Funktionalität wie auch berufskulturelle Typiken der Aushandlung dieser teils konträren Bedürfnisse rekonstruiert.

 

Zwischen den Zeilen. Anerkennungstheoretische Perspektiven auf ironische Disziplinierungen im Unterricht

Anne Sophie Otzen
Universität Bremen

Explizite Formen der Disziplinierung im Unterricht genießen keinen guten Ruf. Vielmehr stehen sie unter dem Verdacht auf „äußere[n] Zwang“ zu setzen, wohingegen aus pädagogischer Perspektive „die Befähigung zur Selbstführung“ das Ziel jedes pädagogischen Handelns sein sollte (Langer/Richter 2015, S. 216). Darüber hinaus tendieren sie auch immer wieder dazu – wie empirische Studien zeigen – Schüler*innen auf entgrenzende Weise zu exponieren (Wernet 2018). Obwohl pädagogisch delegitimiert, gehören Disziplinierungen zum schulischen Alltag, wobei auffällt, dass sich viele dieser Praktiken im ironischen Modus ereignen. Ziel des Beitrags ist es zu zeigen, wie sich diese impliziten und augenzwinkernden Sprechakte einerseits als Ausdruck der Strukturierungsmacht der Lehrperson sowie andererseits als Zeichen ihrer Anerkennungsbedürftigkeit verstehen lassen. Grundlegend für die anerkennungstheoretische Perspektive des Vortrags ist die Annahme, dass im Wechselspiel der Adressierungen die Beteiligten sich nicht nur gegenseitig zu jemanden machen, sondern sich auch als ein spezifischer jemand zeigen (vgl. exempl. Ricken et al. 2017). Wie ironische Disziplinierungen Schüler*innen – auch durchaus entgrenzend – adressieren und gleichzeitig für die Lehrpersonen einen Modus darstellen, ihre prekäre Autorität – im Sinne der „Imagepflege“ (Goffman 1975) – zu bearbeiten, soll anhand von Transkripten aus dem Schulunterricht rekonstruiert werden.

 

Entgrenzende Verortung. Zur Funktion der pädagogischen Entgrenzung der Schüler*innenrolle im Kontext einer bi-professionellen Kulturellen Unterrichtsentwicklung

Dr. Maike Lambrecht1, Prof. Dr. Saskia Bender2
1Ruhr-Universität Bochum, 2Universität Bielefeld

Die im Zuge des Ausbaus des Ganztags aktualisierte reformpädagogische Forderung nach einer Öffnung der Schule hat zu einer Erweiterung schulisch-außerschulischer Kooperationen geführt. Damit einher geht auch der Anspruch einer konzeptionellen Verzahnung von Ganztagsangebot und Unterricht, was jedoch die schulische Positionierung unterschiedlicher Professionen zueinander erfordert. Vor diesem Hintergrund fokussiert der Beitrag in berufskulturtheoretischer Perspektive (Kramer, Idel & Schierz 2018) auf die entgrenzende Bearbeitung von Lehrer*innen-Künstler*innen-Kooperationen im Rahmen Kultureller Unterrichtsentwicklung (Fuchs & Braun 2018). Anhand wechselseitiger Bezugnahmen in Tandeminterviews wird der prekäre Status der Künstler*innen objektiv-hermeneutisch rekonstruiert (Oevermann et al. 1979). Anschließend wird gezeigt, wie diese prekäre schulische Verortung künstlerseitig durch die Entgrenzung der Schüler*innenrolle versucht wird zu bearbeiten. Ob eine schulische Verortung über diese Aufforderung zur Entgrenzung gelingen kann, hängt vom professionellen Selbstverständnis der Lehrer*innen ab, d. h. davon, inwiefern diese die künstlerische Entgrenzung entweder begrenzen oder als funktional im Sinne eines „erziehenden Unterrichts“ deuten. Diese Beobachtungen werden sowohl professions- als auch schultheoretisch im Hinblick auf die Funktionalität der rekonstruierten Entgrenzung für eine arbeitsteilige Stabilisierung des Schulischen diskutiert.

 

Entgrenzungen als Kompetenzkompensation – Zur Herausforderung strikter Rollen-förmigkeit und Gelassenheit im Umgang mit schüler*innenseitigen Entgrenzungen

Dr. Daniel Goldmann
Eberhard Karls Universität Tübingen

Lehrkräfte werden nach Wernet (2003) ihrer Rolle gerecht, wenn sie schüler*innenseitige Entgrenzungen mit strikter Rollenförmigkeit und damit einer „Vermeidung von Entgrenzung und Distanzlosigkeit“ (ebd.: 152) begegnen. Entgrenzungen wurde jedoch professionstheoretisch bisher „kaum Aufmerksamkeit“ (Wernet 2018: 242) geschenkt. Dieser Beitrag greift die Beobachtung Wellendorfs (1967) auf, dass in Kollegien Inkompetenz von Lehrkräften an der äußeren Erscheinung der Undiszipliniertheit der Klasse festgemacht wird, und diskutiert anhand von rekonstruktiv ausgewerteten Interviews, inwieweit Entgrenzungen Ausdruck einer solchen ‚äußerlichen‘ Bestimmung von pädagogischer Professionalität sind. Die These ist, dass entgrenzende Disziplinierungen den stets unzureichenden Versuch darstellen können, die Unsicherheit in der eigenen Professionalisiertheit kompensatorisch zu bearbeiten. Zur Bestimmung des hinter der Unsicherheit liegenden Problems nutzt der Beitrag die These Luhmanns (2002, 152f.), dass v. a. Misserfolge die eigene stabile Annahme professioneller Kompetenz herausfordern, und reformuliert diese Anforderung als doppeltes Kompetenzproblem der (Nicht-)Zuständigkeit und des (Nicht-)Könnens (vgl. Verf.). Dies hilft die dahinter liegende Schwierigkeit für die Lehrkräfte genauer zu verstehen und zu verdeutlichen, dass weder die Forderung nach Gelassenheit noch die Aufforderung zur strikten Einhaltung der Rollenförmigkeit hinreichend für eine Unterlassung von Entgrenzungen sind.

 
14:00 - 16:00Facetten der Lehrkompetenz in Hochschule und Erwachsenenbildung: Entgrenzt oder begrenzt denk- und anwendbar?
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 09
 

Chair(s): Prof. Dr. Stefanie Hartz (TU Braunschweig, Deutschland), Prof. Dr. Annika Goeze (Universität Tübingen), Dr. Kirsten Aust (TU Braunschweig, Deutschland)

In der Arbeitsgruppe wird zunächst ein ausdifferenziertes Kompetenzmodell für die Hochschullehre vorgestellt. In den drei Einzelbeiträgen werden dann verschiedene Facetten des Modells ausgeleuchtet und in einer anschließenden Diskussion bezüglich ihrer bildungsbereichsübergreifenden Gültigkeit reflektiert. Den drei Beiträgen ist gemein, anhand von pädagogischen Interventionen und der Messbarmachung von Outputs dazu beizutragen, verschiedene Facetten der Lehrkompetenz in unterschiedlichen Bildungsbereichen zu erfassen und zu beschreiben. Dabei spielt in den vorgestellten Projekten der Einsatz von Videos eine zentrale, je unterschiedlich akzentuierte Rolle. Ziel der Arbeitsgruppe ist es, Lehrkompetenzen über die engen teildisziplinären Grenzen in der Erziehungswissenschaft hinweg zu betrachten und zu eruieren, welche Bestandteile von ihnen entgrenzt oder nur begrenzt auf bestimmte Bildungsbereiche (vor allem Hochschule, Erwachsenen- und Weiterbildung) denk- und anwendbar sind.

 

Beiträge des Panels

 

Lehrkompetenz an der Hochschule: Der Einfluss hochschuldidaktischer Weiterbildung und des Vorwissens auf die Entwicklung des Könnens

Dr. Kirsten Aust, Prof. Dr. Stefanie Hartz
TU Braunschweig

Die Lehrkompetenz der Lehrenden gilt bildungsbereichsübergreifend als Nadelöhr für gelungene Lernprozesse (vgl. Hattie 2009, Autoren XXXX). Während Lehrende an Schulen im Rahmen ihres Lehramtsstudiums diesbezüglich geschult werden, haben Lehrende an Hochschulen überwiegend keine pädagogische, methodisch-didaktische Ausbildung. Hochschuldidaktische Weiterbildungsangebote, die in der Regel gut akzeptiert sind, über deren Wirksamkeit jedoch bislang nur wenige bekannt ist, sollen hier gegensteuern. Der Beitrag beschäftigt sich mit Lehrkompetenz an Hochschulen und adressiert die beiden Kompetenzkomponenten Wissen und Können sowie die Entwicklung des Könnens im Zusammenhang mit dem Wissen. Zur Erfassung derselben wurden in einem BMBF-geförderten Projekt u. a. ein Wissenstest zu pädagogischen, methodisch-didaktischen Inhalten sowie ein Ratingmanual zur Auswertung des Könnens mittels Videoanalysen entwickelt. Im Kontrollgruppendesign wurden Lehrende (mit und ohne hochschuldidaktische WB) zu drei Messzeitpunkten (pre, post, follow up) beforscht. Statistische Analysen zeigen auf der Basis von n (1. MZP/3.MZP) =109/91 Videos Veränderungen in verschiedenen Facetten des pädagogischen, methodisch-didaktischen Könnens und analysieren den Einfluss des Wissens auf die Könnensentwicklung. Die Ergebnisse werden insbesondere im Hinblick auf den Einfluss von Wissen für die Könnensentwicklung hinsichtlich ihrer Bedeutsamkeit grenzüberschreitend für andere Bildungsbereiche diskutiert.

 

Die Entwicklung von Lehransätzen Hochschulehrender

Caroline Kurtz
TU Braunschweig

Eine Facette des Kompetenzmodells bildet der Bereich der „Überzeugungen/Werthaltungen/Lehr-Lernphilosophie“. Dieser kann knapp als Annahmen, Vorstellungen oder Konzepte über Lehren und Lernen, die Hochschullehrenden immanent sind und sich auf deren Lehrhandeln auswirken, verstanden werden.

Der vorliegende Beitrag fokussiert diesen Bereich des Kompetenzmodells und untersucht u.a. die Entwicklung von Lehransätzen Hochschullehrender, die an hochschuldidaktischer Weiterbildung teilnehmen, zu drei Messzeitpunkten. Lehransätze werden nach Lübeck (2009) als Schnittstelle zwischen dem, was Lehrende für lehrrelevante Gedanken haben und dem beobachtbaren Verhalten, aufgefasst. Ziel ist es den begrenzten üblichen Zugang zu Lehransätzen über Selbsteinschätzung durch die Hinzunahme der Handlung (durch Videos) und des pädagogischen Wissens zu ergänzen. Durch die Verbindung der drei Messzeitpunkte können nicht nur Veränderungen über die Zeit hinweg abgebildet, sondern es kann auch geprüft werden, ob Zusammenhänge zwischen der Selbsteinschätzung, des Wissens und der Handlung bestehen. Die Befunde lassen sich zudem auf den Bereich der Schule entgrenzen, da der Diskurs der Hochschule auf dem der Schule aufbaut (Lehrkraftüberzeugungen) und diesen um das Konzept der Lehransätze sowie um die Relationierung von Wissen, Selbsteinschätzung und Handlung hinsichtlich der Lehrkraftüberzeugungen erweitern kann.

 

Die Förderung der Kompetenz zur Diagnose von Lehr-Lernsituationen bei erfahrenen Lehrkräften: Wie kann sie gelingen und gilt sie über Bildungsbereichsgrenzen hinweg?

Prof. Dr. Annika Goeze1, Dr. Petra Hetfleisch1, Prof. Dr. Josef Schrader2
1Universität Tübingen, 2Deutsches Institut für Erwachsenenbildung

Die Kompetenz zur Diagnose von Lehr-Lernsituationen wird als wichtige Voraussetzung für professionelles Lehrhandeln in Hochschule und Erwachsenenbildung angesehen. Mit ihr ist die Fähigkeit gemeint, Lehr-Lernsituationen differenziert beschreiben, sie aus verschiedenen Perspektiven der handelnden Akteure deuten und mithilfe von allgemein- bzw. fachdidaktischem oder pädagogisch-psychologischem Wissen analysieren zu können sowie daraus eine Falldiagnose zu gewinnen, die wesentliche Aspekte des Lehr-Lerngeschehens erfasst (Autoren, xxxx). Experimentelle Studien zeigen, mit welchen didaktischen Anreicherungen authentische Videofälle aus Weiterbildungskursen besonders dafür geeignet sind, diese Kompetenz bei Lehr-NovizInnen der Erwachsenenbildung gezielt zu fördern (Autoren, xxxx).

Ungeklärt ist hingegen bislang, ob und ggf. in welchem Ausmaß dies auch für bereits praktisch tätige Lehrende mit Lehr-Vorerfahrung gilt, die weit überwiegend die (Hochschul-)Weiterbildung prägen und für die kaum Fortbildungen existieren, deren Wirksamkeit im intendierten Sinne (jenseits von Evaluationsbögen) belegt ist: Präsentiert werden die Ergebnisse einer im Feld durchgeführten quasi-experimentellen Pre-Post-Follow-up-Interventionsstudie (n = 104 NovizInnen sowie n = 80 erfahrene ErwachsenenbildnerInnen), die durch insgesamt drei Messzeitpunkte den Verlauf und die Determinanten dieser Kompetenzentwicklung abbildet. Insbesondere die Generik der Befundlage wird diskutiert.

 
Datum: Mittwoch, 16.03.2022
9:30 - 11:30Kulturelle Teilhabe in peripheren Regionen: Orte, Institutionen, (digitale) Räume und Potentiale
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 09
 

Chair(s): Prof. Dr. Sonja Nonte (Universität Osnabrück, Deutschland), Prof. Dr. Thade Buchborn (Hochschule für Musik Freiburg), Prof. Dr. Andreas Lehmann-Wermser (Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover), Prof. Dr. Wolfgang Lessing (Hochschule für Musik Freiburg)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Nina Kolleck (Universität Leipzig)

Der Aspekt der musikalisch-kulturellen Teilhabe ist in den vergangenen Jahren vergleichsweise umfangreich beforscht worden (Kranefeld, 2015; Lehmann-Wermser, Weishaupt & Konrad, 2020). Bislang fehlt es jedoch an Untersuchungen, die diesen Aspekt in Bezug auf periphere Regionen diskutieren. Die theoretische Rahmung bildet der Befähigungsansatz nach Sen (Sen, 2012; Krupp-Schleußner, 2016). Unter Einbezug sozioökonomischer und wirtschaftlicher, aber auch familiärer Kontextfaktoren sowie des domänenspezifischen well-beings eignet er sich besonders als Analyserahmen individueller Teilhabechancen, auch mit Blick auf strukturelle Herausforderungen. Im Forum wird die Frage: „Wie können Bildungs- und kulturelle Institutionen sowie lokale Akteure (Musikvereine, freie Kulturschaffende etc.) musikalische kulturelle Teilhabe in peripheren Regionen ermöglichen?“ anhand von vier Beiträgen aus den Forschungsprojekten MOKUB und PReTuS aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet und diskutiert.

 

Beiträge des Panels

 

Schulentwicklung und Kooperationen in peripheren Bildungslandschaften

Mario Mallwitz
Universität Osnabrück

Die Entwicklung und Gestaltung lokaler Bildungslandschaften wird in den vergangenen Jahren als eine bildungspolitisch „hochaktuelle“ Aufgabe stetig vorangetrieben (Weiß, 2011). Schulen und ihre standortspezifische Entwicklung werden hier an ihr lokales Umfeld gebunden betrachtet und auf die Chancen einer gegenseitigen Öffnung verwiesen: Kooperationen mit außerschulischen Bildungspartnern werden als (potentiell erfolgreiche) Netzwerke verstanden und erforscht (Fischbach et al., 2015). Das Forschungsprojekt PReTuS fokussiert Schulen als Orte der Vermittlung und Ermöglichung kultureller Teilhabe. Gerade im ländlichen Raum sind Schulen hierbei häufig auf die Kooperation mit außerschulischen Bildungsakteuren (Musikvereine, Konzerthäuser usw.) angewiesen, die jedoch anders als in städtischen Ballungsräumen, nicht immer in unmittelbarer Nähe liegen. Der Vortrag präsentiert Ergebnisse einer triangulativen Befragung von Schulleiter*innen peripher verorteter Schulstandorte hinsichtlich ihrer bestehenden Kooperationen, der von ihnen identifizierten Entwicklungsbedarfe und bisher ungenutzten Potenziale zur Vernetzung innerhalb einer kommunalen Bildungslandschaft. Während die Fragebogenerhebung vor allem eine Bestandsaufnahme der schulischen Ausstattung und bestehender Kooperationen bietet, ermöglichen die Ergebnisse einer qualitativen Inhaltsanalyse (Kuckartz, 2016) von Schulleiterinterviews vertiefende Einblicke in die Gründe für bisher ungenutzter Kooperationspotenziale.

 

Blasmusikvereine und ihre Beziehungen zu anderen kulturellen Bildungsinstitutionen

Johanna Borchert
Hochschule für Musik Freiburg

In ländlichen Räumen spielen Blasmusikvereine (MV) nicht nur als kulturelle Institutionen, sondern auch in Bezug auf die musikalische (Aus-) Bildung außerhalb allgemeinbildender Schulen eine bedeutsame Rolle (Laurisch 2018). Insbesondere aufgrund ihrer teils sehr periphere Lage sind sie Prozessen des gesellschaftlichen und demographischen Wandels ausgesetzt (Sievers 2018), sodass die Kooperation und Vernetzung mit anderen Institutionen musikalisch-kultureller Bildung einen wichtigen Aspekt der Verankerung in der Kulturlandschaft (Keuchel 2013) und Sicherung des Fortbestands darstellt. Besonders zu Musikschulen, allgemeinbildenden Schulen und der Musikhochschule stehen MV in Beziehungen die auf unterschiedliche Weise (z. B. Kooperationen, Übergangsbeziehungen, durch eine gemeinsame Zielgruppe) strukturiert sein können. Für das Forschungsprojekt MOkuB ist die Akteur:innenperspektive in Bezug auf diese Beziehungen von Interesse. Deshalb werden diesbezüglich handlungsleitende Orientierungen durch die Auswertung von Gruppendiskussionen zwischen MV-Akteur:innen und Akteur:innen weiterer musikalischer Bildungsinstitutionen mittels der dokumentarischen Methode nach Ralf Bohnsack (Bohnsack 2014) herausgearbeitet. Es zeigen sich dabei Eigen- und Fremdwahrnehmungen der einzelnen Institutionen sowie Fördernisse und Hemmnisse der Kooperationen auch unter veränderten Bedingungen der Corona-Pandemie.

 

Musikalisch kulturelle Bildung in Musikvereinen aus Sicht der Akteur*innen. Eine Dokumentarische Studie

Verena Bons
Hochscule für Musik Freiburg

Insbesondere in ländlichen Regionen Deutschlands gelten Musikvereine (MV) als zentrale Akteure der Amateurmusikszene (MLR 2013). Sie fördern u.a. die produktive Auseinandersetzung mit Musik, eröffnen einem breiten Publikum Möglichkeiten der (Live-)Musikrezeption und initiieren musikalische Bildungsprozesse, etwa durch ihr Instrumentalunterrichtsangebot (Ardila-Mantilla 2016, Berg 2010, Deutsche Bläserjugend 2016). Wie die Mitglieder von MV ihre Arbeit im Kontext musikalisch kultureller Bildungsarbeit verorten und ob sie durch ihr Wirken in der Nachwuchsarbeit Teilhabemöglichkeiten eröffnen wollen, ist bislang nicht erforscht. Auch wenn neuere Publikationen die Mitgliederperspektive (BMJ 2017a und b, 2018, Laurisch 2017a und b, 2018) beleuchten, wurden weder das Selbstverständnis noch die Praktiken von Amateurblasorchestern genauer untersucht. Im Zentrum der Präsentation steht daher die Frage: An welchen impliziten oder expliziten Wissensbeständen orientieren MV-Mitglieder ihre musikalische Ausbildungsarbeit und inwiefern zeigen sich Gemeinsamkeiten und Unterschiede zum Diskurs der musikalisch-kulturellen Teilhabe?

Anhand von Gruppendiskussionen rekonstruieren wir mittels der Dokumentarischen Methode (Bohnsack 2014) handlungsleitende Orientierungen von MV-Mitgliedern. Unsere Ergebnisse zeigen, dass die musikalische Ausbildungsarbeit zwar einen hohen Stellenwert im Selbstverständnis der MV hat, jedoch werden Begriffe wie Teilhabe oder kulturelle Bildung kaum gebraucht.

 

Musikkultur zwischen Wald und Wiese. Musikalische Praxen auf dem Prüfstand der Attraktivität für Kinder und Jugendliche in peripheren Regionen

Julius Kopp
Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover

Kulturelle Bildung in ländlichen Regionen gestaltet sich anders als in urbanen. So bilden beispielsweise Musik- und Bläservereine einen eigenen Kosmos gleichermaßen der musikalischen Praxis als auch des sozialen Austauschs, und während in städtischen Regionen oft eigene Kinder- und Jugendchöre existieren, gestalten sich Chor- und Gesangsvereine im ländlichen Raum intergenerativ (Overbeck, 2018; Vogt, 2020). Ein zentraler Bestandteil im Vereinswesen stellt beispielsweise neben der gelebten Laienmusikpraxis auch die Nachwuchsförderung dar. Doch welche Kinder und Jugendlichen sprechen diese Angebote an?

Das Forschungsprojekt PReTuS widmet sich den musikalischen Bildungsangeboten in peripheren Regionen des Harzes und des Kyffhäuser-Kreises. Bestehende Angebote werden auf ihre Erreichbarkeit für die Kinder und Jugendlichen erfasst und individuelle Teilhabechancen untersucht (Lehmann-Wermser & Krupp-Schleußner, 2017). Der Beitrag stellt auf individueller Ebene dar, inwiefern unterschiedliche Formen musikalischer Bildungsangebote für Kinder und Jugendliche zugänglich, attraktiv und ansprechend sind, und welche Rolle die subjektiv eingeschätzte Entfernung zu diesen darstellt. Besonders vielversprechend könnten in diesem Zusammenhang digitale Formate sein, die aufgrund der weltweiten CoVid19-Pandemie auch vermehrt in etablierten institutionellen Bildungsangeboten Einsatz finden. Untersucht werden dabei sowohl formale und non-formale traditionelle musikalische Praxen.

 
14:00 - 16:00Pädagogische Professionalität: Entgrenzungen und Begrenzungen des pädagogisches Arbeitsbündnisses in digitalen Lehr-Lernkontexten
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 09
 

Chair(s): Dr. Johanna Pangritz (FernUniversität in Hagen, Deutschland), Prof. Dr. Julia Schütz (FernUniversität in Hagen), Dr. Lena Rosenkranz (FernUniversität in Hagen), Cylia Messer (Hochschule Ludwigsburg), Dr. Petra Bollweg (Universität Bielefeld), Dr. Jana Wienberg (University of Labour)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Melanie Kubandt (Universität Vechta)

Im pädagogischen Arbeitsbündnis kommt die professionelle Verschmelzung von Können und Wissen in den Interaktionen mit der pädagogischen Klientel situativ zum Ausdruck. Ein tragfähiges, vertrauensvolles Arbeitsbündnis ist jedoch immer wieder neu herzustellen und ist daher besonders störanfällig. Dies gilt bereits für die professionelle Bearbeitung und Begleitung von Lehr-/Lernprozessen in unmittelbaren, persönlichen Begegnungen, sprich in Präsenz. Durch die Ausbreitung des Corona-Virus wurden Lehrende und Lernende in Bildungs- und Erziehungsinstitutionen zur Umgestaltung und Entgrenzung ihrer gewohnten Lehr-Lernumgebung gezwungen - das praktisch bedeutsame Arbeitsbündnis musste irgendwie anders als in Präsenz hergestellt werden. Die krisenbedingte Verschiebung des pädagogischen Arbeitsbündnisses, meist in den virtuellen Raum, wird in der Arbeitsgruppe zum Anlass genommen, über das Konzept des pädagogischen Arbeitsbündnisses nachzudenken und eine theoretische Erweiterung anzubieten.

 

Beiträge des Panels

 

Irgendwie … wie Treffen einer Selbsthilfegruppe« – Pädagogisches Arbeitsbündnis in Online-Seminaren

Dr. Petra Bollweg
Universität Bielefeld

Pädagogische Arbeitsbündnisse verweisen nach Werner Helsper und Merle Hummrich (2008) als elementare und unmittelbare Strukturkategorie schulischen Unterrichtens auf die soziale Konstituiertheit von Bildungsprozessen. Sigrid Blömke (2009) geht für die Lehrer:innen(aus)bildung davon aus, dass hochschulische Lehre eine Modellfunktion hat, um sowohl eine „Habitualisierung der Regeln der Praxis“ (Wildt 1996, S. 100) zu ermöglichen als auch die Erwünschtheit späteren Handelns „als Ausgangspunkt für die Gestaltung der Lehre … zu nehmen“ (Blömke 2009, S. 487). Mit Blick auf die umfassende Umstellung universitärer Präsenz- auf Onlinelehre im Frühjahr 2020 wurden Fragen sozialer Konstituiertheit in digitalen (Unterrichts-)Settings didaktisch-konzeptionell primär entlang technischer Möglichkeiten und methodischer Technologien bearbeitet. Die These ist, dass so die Modellfunktion hochschulischer Lehre in der Lehrer:innen(aus)bildung nur in Richtung einer Professionalisierung anwendungsbezogener ‚Digitaler Bildung‘ erfüllt wurde, während Fragen sozialer Konstituiertheit pädagogischer Arbeitsbündnisse zwischen Lehrenden und Studierenden keine systematische Berücksichtigung fanden. Exemplarisch sollen die Erfahrungen aus der „Hybridphase“ vom Sommersemester 2020 bis zum Wintersemester 2020/21 genutzt werden, um die Rahmenbedingungen und den Stellenwert pädagogischer Arbeitsbündnisse digitaler Lehrer:innen(aus)bildung vorzustellen und zu diskutieren.

 

Die Pandemie als krisenbedingte Neujustierung professionellen Handelns. Professionstheoretische Überlegungen und empirische Befunde zum pädagogischen Arbeitsbündnis in digitalen Lehr-Lernkontexten

Prof. Dr. Julia Schütz1, Dr. Lena Rosenkranz1, Cylia Messer2, Dr. Johanna Pangritz1
1FernUniversität in Hagen, 2Hochschule Ludwigsburg

Das pädagogische Arbeitsbündnis wurde professionstheoretisch insbesondere für den schulischen Bereich ausbuchstabiert und gilt weitestgehend als universell übertragbar auf formalisierte Lehr-/Lernsettings. Im Kontext der krisenbedingten Umstellung von Präsenz- auf Distanzunterricht bzw. -lehre erscheinen sowohl für das Bildungssegment Schule als auch Hochschule gerade die professionstheoretisch begründeten, widersprüchlichen Handlungsanforderungen an die pädagogischen Akteur:innen, als Antinomien, interessant. Damit verbunden werden die spezifischen strukturellen, personellen und finanziellen Rahmenbedingungen der Institutionen bedeutsam, die gerade in der Pandemie einen erheblichen Einfluss auf die Gestaltung des Arbeitsbündnisses haben dürften. Wie verändern sich pädagogische Antinomien unter den skizzierten Bedingungen? Welche neuen Antinomien ruft die Herstellung des Arbeitsbündnisses in digitalen Lernarrangements hervor? Wie beschreiben die Tätigen in pädagogischen Bereichen den Umgang mit den heterogenen Erwartungen, die manchmal paradoxe Handlungsaufforderungen implizieren und von den Akteur:innen interpretiert und ausbalanciert werden müssen, um ihr Handeln im digitalen Raum lernfördernd zu gestalten (v. Hippel/Buschle/Schütz et. al. 2014, S. 201)? Der Beitrag fokussiert auf die genannten Fragestellungen unter Rückbindung auf die empirischen Befunde der Studie „Professionalität und Bildungsgerechtigkeit in der Krise“.

 

Resonanzerleben von Trainer:innen in der Erwachsenenbildung/Weiterbildung

Dr. Jana Wienberg
University of Labour

Der Beitrag widmet sich der Frage, inwiefern Trainer:innen, im erwachsenenpädagogischen Feld im Zuge der Digitalisierung mit veränderten Berufsanforderungen konfrontiert sind: Wie erleben Trainer:innen beispielsweise die Rückmeldung von Teilnehmenden in digitalen Settings, wie wird Distanz im e-learning erlebt und wie nehmen sie die Entwicklung des Berufsfeldes wahr? Wie gehen sie mit dem Fehlen von Resonanz um, und welche Strategien wenden sie an, um das Berührt-Sein und die Beziehung zu Inhalten und zu den Lernenden zu ermöglichen? Der Beitrag betrachtet die Bereiche der Beschleunigung und Digitalisierung im Weiterbildungskontext, welche im Rahmen des empirisch angelegten DFG-Projekts „Weiterbildung als Beruf – Relationale Resonanzstrategien (RRS) von Kursleitenden“ untersucht wurden. Diskutiert wird zum einen welche Resonanz- und Entfremdungsmomente sich im Lehr-Lern-Geschehen aus Lehrendensicht im Bereich der Erwachsenbildung/Weiterbildung identifizieren lassen und zum anderen wird der (strategische) Umgang mittels der Hinzuziehung des heuristischen Modells der bereits bestehenden und erprobten Relationalen Resonanzstrategien (Wienberg 2019) beleuchtet.

Die Ergebnisse sollen vor dem Hintergrund des professionstheoretischen Konzepts zur Gestaltung eines pädagogischen Arbeitsbündnisses in digitalen Lehr-/Lernkontexten innerhalb der Arbeitsgruppe diskutiert werden.

 

 
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