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Sitzungsübersicht
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 06
917 0452 1118, 983974
Datum: Montag, 14.03.2022
11:30 - 13:00Poster-Cluster: Perspektiven von Kindern und Jugendlichen auf Bildungsprozesse und –anforderungen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 06
Chair der Sitzung: Dr. Katja Meyer-Siever, Universität Bremen

In diesem Cluster werden sieben Poster vorgestellt, die alle deutschsprachig sind.

 

Die ERiK-Kinder- und Elternbefragung: Erhebungsdesign und erste Erkenntnisse

Susanne Rahmann, Magdalena Molina Ramirez, Dr. Susanne Kuger

Deutsches Jugendinstitut e.V., Deutschland

Kinder haben gemäß der UN-Kinderrechtskonvention das Recht, ihre Meinung in allen sie berührenden Angelegenheiten frei zu äußern. Trotzdem wird ihre subjektive Sichtweise in der Sozial- und Bildungsberichterstattung bislang nicht systematisch einbezogen. Ein wesentlicher Grund hierfür liegt in der Annahme, dass die Befragung von Kindern aufgrund entwicklungspsychologischer Besonderheiten, z.B. der in Entwicklung befindlichen sprachlichen Kompetenzen, nur begrenzt möglich sei. In der Literatur werden in diesem Kontext spezifische Altersuntergrenzen für Interviews mit Kindern diskutiert (Vogl 2015).

Im System der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung (FBBE) nehmen Kinder einerseits als Adressaten, andererseits als Akteure, die den Betreuungsalltag aktiv mitgestalten, eine zentrale Rolle ein. In den letzten Jahren wurden vermehrt qualitative Studien durchgeführt, die zeigen, welche Aspekte der Kindertagesbetreuung Kindern wichtig sind (z.B. Nentwig-Gesemann, Walther, Bakels & Munk 2021). Quantitative Studien, die bundesrepräsentative Aussagen erlauben, existieren jedoch bislang nicht.

Das Projekt ERiK verfolgt das Ziel, neben den Sichtweisen weiterer relevanter Akteure, auch die Perspektive von Kindern auf Qualität in der FBBE abzubilden und in das indikatorengestützte Monitoring zum KiTa-Qualitäts- und -Teilhabeverbesserungsgesetz (KiQuTG) zu integrieren. Hierzu soll eine bundesrepräsentative Stichprobe von 600 Kindern ab vier Jahren bis vor Schuleintritt persönlich in der Kindertageseinrichtung befragt werden. Die Kinder sollen dabei die Möglichkeit erhalten, als Expert*innen ihrer Lebenswelt Auskunft zu unterschiedlichen Qualitätsaspekten zu geben. Hierzu wurde ein standardisiertes Instrument entwickelt, das die Bereiche subjektives Wohlbefinden, soziale Eingebundenheit, wahrgenommene Selbst- und Mitbestimmungsmöglichkeiten sowie eine Einschätzung der Räumlichkeiten und der Verpflegung in der Einrichtung umfasst. Um eine kindgerechte Befragungssituation zu schaffen, wird der Fragebogen in ein Spiel eingebettet, bei dem das Kind eine selbst gewählte Figur auf einem Spielplan bewegt. Ergänzend werden die Eltern der teilnehmenden Kinder online befragt, um Informationen zur Betreuungshistorie und Soziodemografie sowie der elterlichen Wahrnehmung der Betreuungssituation zu erhalten. Das Poster stellt das Erhebungsdesign der Teilstudie „ERiK-Kinder- und Elternbefragung“ sowie erste Ergebnisse vor, die in einem Pretest mit 30 Kindern gewonnen wurden.



Entgrenztes Aufwachsen oder Freiheit von Grenzen? Kindheits- und Jugendbilder und deren biografische Genese bei Fachkräften der Offenen Kinder- und Jugendarbeit

Sebastian Rahn

Duale Hochschule Baden-Württemberg, Deutschland

Vorstellungen darüber, was Kindheit und Jugend sind und welche Rahmenbedingungen ein ‚gutes‘ Aufwachsen benötigt, sind für die Pädagogik und damit auch für die Offene Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) als Arbeitsfeld konstitutiv (Gudjons & Traub 2016, S. 183; Kausch & Sturzenhecker 2014, S. 63). Zwar existieren bereits Studien und Publikationen zu diesen Kindheits- und Jugendbildern auf der gesellschaftlichen Makro-Ebene (Hafeneger 1995; BMFSFJ 2017), jedoch ist nicht von einer bruchlosen Übernahme dieser Leitvorstellungen durch die Fachkräfte auszugehen. Das Promotionsvorhaben untersucht daher, wie mentale Kindheits- und Jugendbilder bei Fachkräften der OKJA biografisch entstanden sind und wie hierbei eigene Erfahrungen im Aufwachsen, Professionalisierungsprozesse und gesellschaftliche Leitbilder zusammenwirken (zum Begriff der mentalen Bilder: Wiezorek & Ummel 2017). Zudem wird der Zusammenhang dieser Bilder mit der jeweiligen pädagogischen Praxis mithilfe fokussierter Ethnographien (Knoblauch 2001; Knoblauch 2002) betrachtet.

Innerhalb dieses Forschungsinteresses setzt sich das Poster schwerpunktmäßig mit den in den Kindheits- und Jugendbildern enthaltenen ‚Entgrenzungen‘ auseinander. Im Auswertungsprozess werden hierzu mehrere Dimensionen sichtbar, entlang derer sich die Kindheits- und Jugendbilder unterscheiden und in denen sich ‚Entgrenzungen‘ zeigen, wie beispielsweise anthropologische Grundannahmen zum Aufwachsen, zeitdiagnostische Perspektiven auf Kindheit und Jugend sowie Rückschlüsse aus dem Kindheits- und Jugendbild auf die eigene fachliche Identität. So kann beispielsweise die Zeitdiagnose eines ‚entgrenzten Aufwachsens‘ in einem Fall zum Ausgangspunkt eines stärker auf Orientierung ausgerichteten pädagogischen Handeln gemacht werden, während im anderen Fall das Überschreiten von Grenzen für die Fachkraft einen konstitutiven Bestandteil von Kindheit und Jugend darstellt. Die Auseinandersetzung mit den ‚Entgrenzungen‘ in Kindheits- und Jugendbildern kann daher auch dabei helfen, die unterschiedlichen Kontexte der Thematisierung von Be- und Entgrenzung im Sprechen über Kindheit und Jugend zu differenzieren.



Fachkraft-Kind-Interaktionen in U3-Betreuungseinrichtungen und die Rolle von Strukturmerkmalen

Franka Baron1, Dr. Anja Linberg1, Dr. Simone Lehrl2, Dr. Dorothea Dornheim2

1Deutsches Jugendinstitut München, Deutschland; 2Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Deutschland

Institutionelle Betreuungseinrichtungen stellen zentrale Entwicklungs- und Lernumwelten für Kinder dar, zunehmend auch für Kinder unter drei Jahren (Autorengruppe Bildungsberichterstattung, 2020). Neben strukturellen Merkmalen erweist sich vor allem die Qualität von Fachkraft-Kind-Interaktionen als bedeutsam für die kindliche Entwicklung und für das Lernen (Sylva et al., 2011). Außerdem konnte gezeigt werden, dass Strukturmerkmale mit Merkmalen von Fachkraft-Kind-Interaktionen in Beziehung stehen (Slot et al., 2015). Bisher ist allerdings noch wenig darüber bekannt, welche Bedeutung diese Merkmale von U3-Betreuungseinrichtungen für Fachkraft-Kind-Interaktionen haben.

Ziel des Beitrags ist daher, die Beschaffenheit von Fachkraft-Kind-Interaktionen hinsichtlich ihrer Dimensionen, ihres Niveaus und ihrer Variabilität zu untersuchen und zu analysieren, inwieweit Aspekte der Strukturqualität hierfür eine Rolle spielen.

Zur Beantwortung der Frage wurden Fachkraft-Kind-Interaktionen in 50 Einrichtungen mit dem Classroom Assessment Scoring System toddler version (CLASS Toddler, La Paro et al., 2012) eingeschätzt. Das CLASS Toddler Beobachtungsinstrument fokussiert auf Aspekte des positiven und negativen Klimas innerhalb der Gruppe, die Feinfühligkeit der Fachkraft, die Berücksichtigung der kindlichen Perspektive, die Verhaltenslenkung, die Unterstützung des Lernens und der Entwicklung der Kinder, die Qualität des Feedbacks und den Sprachgebrauch gegenüber den Kindern. Über Fragebögen wurden Strukturmerkmale wie die Gruppengröße, der Fachkraft-Kind-Schlüssel, der Bildungshintergrund der Fachkräfte, der sozio-ökonomische Hintergrund der Kinder sowie die Muttersprache und das Alter von Fachkräften und Kindern erhoben.

In dem Poster werden Resultate der Fachkraft-Kind-Interaktionsqualität präsentiert und in Hinblick auf deren Faktorenstruktur sowie das Qualitätsniveau diskutiert. Zudem wird herausgearbeitet, welche Beziehungen zwischen Strukturmerkmalen und der Interaktionsqualität bestehen.

Anhand einer konfirmatorischen Faktorenanalyse zeigt sich, dass zwei Domänen von Interaktionsqualität abbildbar sind, die emotional unterstützende und lernanregende Interaktionen beinhalten. Das Qualitätsniveau der Interaktionen bewegt sich insgesamt in einem mittleren Bereich. Vor allem der familiäre Hintergrund der Kinder und Merkmale der Fachkraft scheinen die Interaktionen zu beeinflussen.

Die Resultate werden in Hinblick auf ihre Praxisrelevanz und Implikationen für Forschung und Politik diskutiert.



Inwieweit werden Jugendliche zur schriftlichen Diskursteilnahme befähigt? Eine Analyse relevanter Bildungsdokumente für das Schreiben im Fach Englisch

Katrin Peltzer1, Lea Siekmann1, Prof. Dr. Judy Parr2, Prof. Dr. Vera Busse1

1Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Deutschland; 2The University of Auckland, New Zealand

Die nach 2000 geborene Generation verleiht ihren Interessen zunehmend öffentlich Ausdruck; gleichzeitig wächst jedoch ihre Sorge vor „einer wachsenden Feindlichkeit zwischen Menschen, die unterschiedlicher Meinung sind“ (Hurrelmann et al., 2019, S. 15). Die Weiterentwicklung des demokratischen Zusammenlebens bedarf einer diskursfähigen jungen Generation, die dazu in der Lage ist, gesellschaftliche Aushandlungsprozesse produktiv mitzugestalten. In die Teilhabe am demokratischen Diskurs müssen Heranwachsende jedoch explizit durch schulische Bildung eingeführt werden (Benner & Brüggen, 2011). So liegt eine Befähigung Jugendlicher zur multiperspektivischen, demokratischen Diskursteilnahme auch dem modernen kommunikativen Englischunterricht als Leitidee zugrunde (z.B. Hallet, 2011), in dem Lernende durch die Lingua Franca Englisch Zugang zu universalen, globalen Diskursen erhalten sollen.

Ziel unserer Studie ist es, einen Einblick in relevante Bildungsdokumente für das Fach Englisch zu erlangen und zu untersuchen, inwieweit die Befähigung aller Lernender zur schriftlichen Teilnahme an gesellschaftlichen Diskursen angestrebt wird. Hierzu analysierten wir den GeR, die Bildungsstandards der KMK sowie elf Englischcurricula (BY, HB, NRW, SN) für den Mittleren Schulabschluss hinsichtlich zugrundeliegender Schreibüberzeugungen. Dabei wurden N = 183 schreibspezifische Kompetenzerwartungen der Dokumente den Schreibdiskursen nach Ivanič (2004) zugeordnet. Die Analyse zeigt eine Produktorientierung der Bildungsdokumente, die formalsprachliche Aspekte priorisieren und dabei wenig Raum für kreatives Schreiben oder die Auseinandersetzung mit sozialen Praktiken lassen. Soziopolitische Komponenten des Schreibens werden nicht berücksichtigt, was nahelegt, dass Lernende nicht ausreichend darauf vorbereitet werden, in fremdsprachlichen Diskursen die eigene Stimme zu finden. Die Befunde für den Bereich Schreiben weisen somit auf eine mangelnde Abstimmung der Lehrpläne mit den Zielen des modernen kommunikativen Fremdsprachenunterrichts hin. Das Poster illustriert das methodische Vorgehen bei der Dokumentenanalyse und stellt die Ergebnisse der Untersuchung detailliert dar. Wir diskutieren die Befunde auch vor dem Hintergrund nationaler (Müller et al., 2021) sowie internationaler (z.B. Peterson, Parr, Lindgren & Kaufman, 2018; Sturk & Lindgren, 2018) Forschung, die eine vergleichbare Vernachlässigung des soziopolitischen Schreibdiskurses in weiteren sprachlichen Fächern zeigt.



Selbstregulation und Emotionen in unterschiedlichen schulischen Lernumgebungen

Dr. Stefan Kulakow, Prof. Dr. Diana Raufelder

Universität Greifswald, Deutschland

Theoretischer Hintergrund

Die Gestaltung von modernen Lernumgebungen ist ein zentraler Faktor zur Optimierung schulischer Bildung, um beispielsweise dem schulischen Motivationstief der Adoleszenz entgegenzuwirken (Gnambs & Hanfstingl, 2016). Dabei stellt sich die Frage, welche Auswirkungen unterschiedliche Lernsysteme unter anderem auf Emotionen und Selbstregulation haben. Die vorliegende Studie untersucht das Zusammenspiel dieser Konstrukte anhand zweier Lernumgebungen: individualisiertes kompetenzraster-basiertes Lernen (KBL) (Krille, 2016) und traditioneller lehrerzentrierter Unterricht (LZU).

Aktuelle Forschung legt nahe, dass positive Emotionen im Unterricht von elementarer Bedeutung für die Lernprozesse von Schüler/-innen sind (Schutz & Pekrun, 2007). Dabei weisen die Selbstbestimmungstheorie und die Emotionsforschung auf die Lernumgebung als zentrale Kontextvariable im Zusammenspiel von Emotionen und Selbstregulation hin, deren Auswirkungen bisher kaum erforscht sind (Meyer, 2014; Ryan & Deci, 2017).

Fragestellung

Die vorliegende Studie untersucht, inwiefern sich Emotion und Selbstregulation gegenseitig bedingen und welche Unterschiede in den Lernumgebungen (LZU und KBL) dabei eruiert werden können. Es wurden folgende Hypothesen überprüft:

(1) Schüler/-innen aus LZU berichten geringere Ausprägungen der motivationalen Regulationsstile und der Emotion.

(2) Es gibt reziproke Wechselwirkungen zwischen Emotionen und den motivationalen Regulationsstilen während der Adoleszenz, die sich aber zwischen den Lernumgebungen (LZU und KBL) unterscheiden.

Methode

Die Forschungsfragen wurden mittels latentem Mittelwertsvergleich und Multigruppen-Cross-Lagged-Panel-Designs untersucht. Empirische Grundlage sind Fragebogendaten einer Stichprobe von 1153 Schüler/-innen der Klassenstufen 7–10 aus sechs Schulen (Mage = 13.97; SD= 1.37).

Ergebnisse

Die Ergebnisse heben die positiven Effekte von schülerzentrierten Lernumgebungen, wie KBL hervor: Die Analysen der Cross-Lagged-Panel Modelle legen nahe, dass Schüler/-innen im KBL höhere motivationale und emotionale Stabilitäten aufweisen. Darüber hinaus zeigte sich, dass positive Emotionen sowohl die intrinsische Motivation, als auch die identifizierte Regulation im KBL vorhersagten. Die Ergebnisse werden vor dem Hintergrund bestehender Forschung in Bezug auf schulische Lernumgebungen diskutiert.



Sozial kompetentes Handeln als Konstruktion – Interaktionen benachteiligter Heranwachsender in außerunterrichtlichen Angeboten. Eine Grounded-Theory-Studie.

Inga Lotta Limpinsel

Ruhr-Universität Bochum, Deutschland

Außerunterrichtliche Angebote werden im Ganztagsdiskurs als Möglichkeitsräume verstanden, in denen Merkmale des formalen Kontexts schulischen Unterrichts mit Merkmalen non-formaler Kontexte in Form von außerschulischen Freizeitangeboten vereint sind (Sauerwein et al., 2018). Vor diesem Hintergrund wird außerunterrichtlichen Angeboten das Potenzial zugesprochen, überfachliche Kompetenzen von Schüler*innen zu fördern und herkunftsbedingte Ungleichheiten zu verringern (Fischer, 2020). Letzteres trifft auch auf soziale Kompetenz zu, die als relevanter Faktor für gesellschaftliche Partizipation gilt. Theorie-Modelle verweisen darauf, dass kontextspezifische Normen und Werte rahmen, welche Handlungen als sozial kompetent legitimiert werden (Bittlingmayer et al., 2020). In der empirischen Bildungsforschung herrscht jedoch die Tendenz vor, den Kompetenzbegriff auf den Dispositionscharakter zu reduzieren und die Spezifität des Kontexts zu vernachlässigen (Otto & Schrödter, 2011). Somit mangelt es bislang auch an Untersuchungen, die betrachten, wie sozial kompetentes Handeln situativ und interaktiv ermöglicht, hergestellt und begrenzt wird. Dies trifft insbesondere auf außerunterrichtliche Angebote mit ihrer strukturellen „Eigenlogik“ (Graßhoff et al., 2019) zu.

Das Dissertationsprojekt setzt an dieser Stelle an, indem sozial kompetentes Handeln mittels der konstruktivistischen Grounded-Theory-Methodologie (Charmaz, 2014) (video-)ethnografisch untersucht wird. Den metatheoretischen Rahmen stellt der Pragmatismus dar, wobei primär auf die handlungstheoretischen Arbeiten Deweys (1910; 2011; 2020) sowie den symbolischen Interaktionismus (Blumer, 2013) zurückgegriffen wird, um sich der interaktiven Konstruktion sozial kompetenten Handelns zu nähern. Zusätzlich werden einschlägige Arbeiten zu sozial kompetentem Handeln (u.a. Roth, 1971) berücksichtigt, systematisiert und mit der metatheoretischen Ausrichtung verknüpft. Auf empirischer Ebene wird anhand außerunterrichtlicher Angebote analysiert, wie Heranwachsende das Spannungsfeld zwischen schulischen Regeln sowie Normen des Peer-Kontexts (nicht) aushandeln und was dies mit Blick auf soziale Kompetenz bedeutet. Im Fokus stehen Jugendliche der Sekundarstufe I von Schulen in herausfordernden Lagen, die tendenziell von defizitorientierten Sichtweisen auf ihre Normen, Werte und Fähigkeiten betroffen sind (Bremm, 2019).



Verunsicherung im Sportunterricht. Eine qualitative Studie zu Grenzüberschreitungen aus der Perspektive von Schüler*innen

Prof. Dr. Ina Hunger, Dr. Benjamin Zander, Sarah Metz, Martin Röttger, Dr. Babette Kirchner, Darren Meineke

Georg-August-Universität Göttingen, Institut für Sportwissenschaften, Deutschland

In bundesdeutschen Lehrplänen wird der Sportunterricht durch seine inhaltliche Ausrichtung auf Bewegungsaktivitäten als ideale Gelegenheit zur ganzheitlichen Entwicklungs- und Gesundheitsförderung von Heranwachsenden innerhalb von Schule präsentiert. Jedoch erleben Schüler*innen im Sportunterricht auch Situationen (mit Lehrkräften oder Mitschüler*innen), die sie psychosozial verunsichern und nachhaltig belasten (können).

Bislang wurde Verunsicherung in der Sportunterrichtsforschung nur vereinzelt thematisiert und an einzelne Phänomene wie Angst, Scham, Mobbing, etc. gekoppelt. In einem von mehreren deutschen Unfallkassen finanzierten Forschungsprojekt „Verunsicherung im Sportunterricht“ widmen wir uns der Perspektive der Schüler*innen und fokussieren in einer sozialkonstruktivistischen Ausrichtung in grundlegender Weise u. a. jene Prozesse der Grenzüberschreitung, die im Handlungsrahmen Sportunterricht Verunsicherungen evozieren. Unter Grenzüberschreitungen verstehen wir alle sportunterrichtlichen Handlungen (einschließlich verbaler Äußerungen) von Lehrkräften oder Mitschüler*innen, die aus Sicht der betreffenden Schüler*innen eine physische und/oder psychische Grenze überschreiten.

Konkret beforschen wir in drei Teilstudien, (1) wie und wann Schüler*innen Situationen des Sportunterrichts als physische und/oder psychische Grenzüberschreitung deuten, (2) welche Handlungsstrategien sie im Umgang mit diesen psychosozial verunsichernden Situationen entwickeln und (3) welche Konsequenzen, z. B. in Bezug auf ihren (sportbezogenen) Alltag daraus resultieren (können).

Mit einer qualitativ-interpretativen, multimethodischen Forschungsanlage (Datenkorpus bestehend aus schriftlichen Kurznarrationen, interaktiven Webseiten, Leitfaden gestützten Interviews) wollen wir nicht nur die Perspektive gegenwärtiger, sondern auch ehemaliger Schüler*innen rekonstruieren.

Basierend auf bisherigen Einblicken in das Feld finden wir Grenzüberschreitungen insbesondere in Bezug auf bzw. in Auseinandersetzung mit der Körperlichkeit von Schüler*innen, wobei sich mindestens drei Ebenen unterscheiden lassen:

  • Grenzen des subjektiv körperlich Machbaren: (zu) hohe Leistungsanforderungen, (zu) kompetitive Leistungsvergleiche.
  • Grenzen körperlich-leiblicher Berührung: Kontaktsport, Hilfestellungen, erhöhte Sichtbarkeit von Körpern, (physische) Übergriffe.
  • Grenzen körperbezogener Wahrnehmung und Adressierung: Degradieren, Ignorieren, besonderes Fokussieren.

Diese Eindrücke möchten wir im Sinne eines Werkstattberichts u. a. hinsichtlich der Bedeutung von Körperlichkeit für Prozesse der Grenzüberschreitung anhand ausgewählter Situationsdarstellungen des Sportunterrichts näher erläutern. Zur näheren Beschreibung der Perspektive von Schüler*innen soll weiterführend diskutiert werden, inwiefern sich das Erleben von Grenzüberschreitungen mit Blick auf soziale ‚Verortungen‘ unterscheidet (bzgl. vulnerabler Gruppen o. ä.) und wie das Fach Sport in programmatischer Hinsicht darauf reagieren könnte.

 
14:00 - 16:30(Neu)Rechte Aufführungen von Wissenschaftlichkeit und ihre Diskurse über Bildungspraxis. Erziehungswissenschaftliche Bestandsaufnahmen und Grenzbearbeitungen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 06
 

Chair(s): Dr. Severin Rödel (Humboldt-Universität zu Berlin, Deutschland), Dr. Lukas Otterspeer (TU Dortmund), Dr. Christoph Haker (-)

Die (neue) Rechte verfolgt mit hegemonialen Strategien das Ziel, Grenzen zwischen Politik und anderen Gesellschaftsbereichen zu überschreiten, zu bearbeiten und zu verwischen. Teil dieses Hegemonieprojekts ist es, durch Entgrenzungen institutionell und inhaltlich im Bildungs- und Wissenschaftsbereich Fuß zu fassen und damit Diskurse langfristig zu prägen. In der dabei aufgeführte Bildungs- und Wissenschaftspraxis zeigen sich Kontinuitäten zum etablierten Bildungs- und Wissenschaftsbereich.

Das interdisziplinäre Symposium vereint Beiträge aus der politischen Theorie, der Soziologie, der Allg. Erziehungswissenschaft, der Sozialpädagogik sowie der Kindheits- und Familienforschung und widmet sich Praktiken, in denen Grenzen zum Bildungs- und Wissenschaftsbereich verschoben oder verwischt werden. Ziel ist dabei eine Bestandsaufnahme sowie Theoretisierung solcher Grenzbearbeitungen und die Diskussion möglicher erziehungswissenschaftlicher Reaktionen und Reflexionen.

 

Beiträge des Panels

 

Das "Volk" der neuen Rechten: Rechtspopulismus als Herausforderung

Dr. Kolja Möller
TU Dresden

Der Vortrag entwickelt eine Analyse neuerer rechtspopulistischer Bewegungen. Dabei wird insbesondere darauf eingegangen, in welchem Sinne man hier von Entwicklungen sprechen kann, die tatsächlich „neu“ und „populistisch“ sind und sich von den etablierten Mobilisierungsformen rechtsextremer und neo-faschistischer Bewegungen unterscheiden. Dafür wird eine systemtheoretisch inspirierte Perspektive eingenommen, die beobachtet, wie die handelnden Akteure auf bestehende systemische Kontexte und kommunikative Infrastrukturen in Recht, Politik und Gesellschaft zurückgreifen. So wird es möglich den Rechtspopulismus deutlicher von anderen Politikformen zu unterscheiden und seine spezifische Funktion zu bestimmen. Sodann rekapituliert der Vortrag unterschiedliche Theorieansätze mit Blick auf mögliche Konsequenzen für einen Umgang mit rechtspopulistischen Tendenzen. Im Mittelpunkt stehen hier konflikttheoretische Überlegungen im Anschluss an die klassische Bonapartismusanalyse der kritischen Theorie, die – wie der Vortrag in einem letzten Schritt zeigen wird – zu aussichtsreicheren politischen und auch pädagogischen Strategien im Umgang mit dem neueren Rechtspopulismus beitragen kann.

 

Erziehungswissenschaft im Lichte rechtsradikaler Diskurse über Bildung und Schule

Prof. Sabine Andresen, Lukas Dintenfelder
Goethe-Universität Frankfurt am Main

Der Vortrag basiert auf einer Diskursanalyse (neu)rechter Texte zu Bildung und Schule. Die Ergebnisse sollen im Lichte erziehungswissenschaftlicher Kritik diskutiert werden. Dafür wird auf Adornos politische Adressierung aus dem Jahr 1967 Bezug genommen (Adorno 2019; s.a. Weiß 2019). Angesichts des erstarkenden Rechtradikalismus, so Adorno, dürfe man weder resignativ bleiben noch in ein „schlecht zuschauerhaftes Verhältnis zur Wirklichkeit“ fallen (ebd., S. 55). „Wie diese Dinge weitergehen und die Verantwortung dafür, wie sie weitergehen, das ist in letzter Instanz an uns.“ (ebd.) Ein daran anknüpfender Beitrag der Erziehungswissenschaft ist die Analyse, wie für die Disziplin relevante Themen auch zur Grenzziehung rechtsradikaler Akteur:innen genutzt werden. Neben der Familie sind hier Bezüge auf die Institution Schule zentral. Dies hat die systematische Sichtung von Beiträgen ergeben. Dafür wurden die Artikel in der neurechten Sezession im Netz, die zwischen Anfang 2015 und Sommer 2020 erschienen sind, auf die Thematisierung pädagogischer Felder durchsucht. Im Korpus der Analyse zur Schule befinden sich 60 Artikel von 10 verschiedenen Autor*innen. Für die Untersuchung war von Interesse, welche Themen wie angesprochen werden und was dadurch mit verhandelt wird. Wie die Schule der Gegenwart thematisiert wird, mit welchen Zuschreibungen und Grenzziehungen sie verbunden ist sowie welche Modi der Entgrenzung sich identifizieren lassen, steht im Zentrum des Vortrags.

 

Vereinnahmungen von Kindern, Kindheiten und Familie in rechtspopulistischen Narrativen im Kontext der COVID-19-Pandemie

Lukas Schildknecht, Julian Sehmer, Stephanie Simon
Universität Kassel

Kindheit stellt eine gesellschaftliche Arena unterschiedlichster Diskurse dar (Klinkhammer 2014) – an denen Kind-Bilder sowie Vorstellungen „guter Kindheit“ sichtbar werden (Bühler-Niederberger 2020). Weitgehend konsensual scheint den Erwachsenen, durch die angenommene Angewiesenheit der Kinder auf Sorge, die eigene Position als Sorgende zu autorisieren. Hier schließen rechtspopulistische Artikulationen an und reklamieren zunehmend Deutungsmacht in Bezug auf Erziehung (Andresen 2018; Grabau 2013), indem sie u.a. mit autoritären Erziehungsvorstellungen auf die Angewiesenheit des Kindes auf „Führung“ (Simon/Thole 2021) rekurrieren. Im Kontext der aktuellen Pandemie hat diese Thematisierung u.a. in Verschwörungsnarrativen und durch die Mobilisierung rechter Akteur*innen in der Gruppe der sog. Corona-Leugner*innen eine Dynamisierung erfahren.

Im Beitrag wird untersucht, wie im Kontext der sog. Corona-Proteste die Figur der Sorge um Kinder und Familien als vulnerable Subjekte (Baader et al. 2013) strategisch gegen staatliches oder solidarisches Handeln von den Teilnehmer*innen ins Feld geführt wird. Darüber soll nachgezeichnet werden, wie Narrative aus den Sorgediskursen, die auch erziehungswissenschaftliche Debatten prägen, rechtspopulistisch transformiert werden und wie dieser Entwicklung begegnet werden kann.

 

Wie hältst du es mit der Wahrheit? Ein kritisches Review zur Grenze von Wissenschaft und (neuer) Rechten

Dr. Christoph Haker1, Dr. Lukas Otterspeer2
1-, 2TU Dortmund

Die Grenze zwischen Wissenschaft und (neuer) Rechten wird nicht nur durch die neue Rechte bearbeitet, sondern auch durch Wissenschaftler*innen. Dies geschieht aktuell über gegenwartsdiagnostische Begriffe wie Fake News (Jaster/Lanius 2019), Halbwahrheiten (Gess 2021), Postfaktizität (Hendricks/Vestergaard 2018) oder Post-Truth (McIntyre 2018), die auch in der Erziehungswissenschaft Anklang finden. Diese Schlüsselbegriffe umreißen einen interdisziplinären Diskurs, in dem die Politik und insbesondere rechte Politik als das Andere markiert wird. Allerdings wird nicht nur eine Fremdbeschreibung der (neuen) Rechten explizit, sondern auch eine implizite Selbstbeschreibung der Wissenschaft vorgenommen.

Der Vortrag nimmt diese Ausgangssituation zum Anlass, die genannten Gegenwartsdiagnosen einem systematischen und kritischen Review zu unterziehen. Erstens rückt die Frage nach den vorliegenden Fremdbeschreibungen, also nach dem aus der Wissenschaft skizzierten Bild neurechter Wahrheitsszenen (Langenohl 2014) in den Mittelpunkt. Hieraus leiten sich zweitens, analog zu einem Foto-Negativ, die Selbstbilder der Wissenschaft und ihr Wahrheitsverständnis ab. Drittens folgt ein vergleichendes Fazit. Ziel dieser Rekonstruktion ist, Wissenschaftlichkeit und Wahrheit als Negative von Fake News, Halbwahrheiten, Postfaktizität und Post-Truth der Kritik zugänglich zu machen und so zu einer Positionierung zu kommen, die ein nicht-fundamentalistisches Wissenschafts- und Bildungsverständnis ausbaut.

 
Datum: Dienstag, 15.03.2022
9:00 - 11:30Ent- und Abgrenzung im transnationalen pädagogischen Raum – der sozialistische Internationalismus
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 06
 

Chair(s): Dr. Jane Weiß (Humboldt-Universität zu Berlin, Deutschland), Prof. Dr. Ingrid Miethe (Justus-Liebig-Universität Gießen), Prof. Dr. Marcelo Caruso (Humboldt-Universität zu Berlin)

Die Idee des proletarischen Internationalismus strebte den Aufbau einer kommunistischen Weltgesellschaft an. Wichtiger Motor war dabei die Dritte Internationale (Komintern). Auch nach ihrer Auflösung 1943 blieben die Ideen der Internationalisierung erhalten. Es entwickelte sich, vor allem nach der Welle der Entkolonialisierungen ab Mitte des 20. Jahrhunderts, ein weltweit wirksames, politisches, sozio-ökonomisches und transkulturelles Netz grenzüberschreitender Beziehungen. Fragen von Bildung und Erziehung spielten hierbei eine Schlüsselrolle, so entstand ein transnationaler pädagogischer Raum. Das Symposium fragt nach den Konstellationen von Ab- und Entgrenzungen in Programmen und Initiativen dieses Verflechtungsraums. Dabei werden disparate pädagogische bzw. bildungspolitische Kontexte diskutiert und zwar sowohl im Zeitraum der wechselvollen Konjunkturen des sozialistischen Weltsystems von den 1920er bis Ende der 1980er Jahre als auch in Ost-West, Nord-Süd und Süd-Süd-Verhältnissen.

 

Beiträge des Panels

 

Die pädagogische Arbeit der Komintern als Teil einer globalen sozialistischen Globalisierung

Prof. Dr. Ingrid Miethe
Justus-Liebig-Universität Gießen

Dieser Beitrag nimmt die pädagogischen Aktivitäten der Komintern (1919-1943) in den Blick und untersucht die Kinderheime, die die Komintern bzw. ihre Unterorganisation, die „Internationale Rote Hilfe“ (IRH), sowie die „Internationale Organisation für die Hilfe der Kämpfer der Revolution“ (MOPR) seit den 1920er Jahren in europäischen Staaten (Deutschland, Schweiz, Österreich, Polen, Schweden, Portugal, Italien) oder auch in der Sowjetunion errichtet und unterhalten hat. Die Grenze zwischen Kinderheimen und Erholungs- und Ferienheimen ist fließend. Teilweise haben Einrichtungen auch beide Funktionen parallel übernommen. Die Forschung zur sozialistischen Bildungszusammenarbeit hat sich bisher auf die Zeit nach 1945 konzentriert. Die Tatsache, dass diese Bildungszusammenarbeit an eine sehr viel längere Vorgeschichte anschließt und sich viele der später gewählten Formen der Zusammenarbeit bereits in den 1920er Jahren im Rahmen der Komintern finden lassen, wurde bisher nicht zur Kenntnis genommen. Der Beitrag greift diese frühen Entwicklungen auf und zeigt, dass diese als eine Vorgeschichte einer internationalistischen Pädagogik im Geiste kommunistischer Ideen und als eine der ersten pädagogischen Entgrenzungen überhaupt beschrieben werden können.

 

Die Auseinandersetzung mit Praxis und Prinzip der Abgrenzung

Prof. Dr. Henning Schluß
Universität Wien

Der Beitrag wendet sich der Spätphase der DDR zu, die als sozialistischer Staat die Prinzipien des Proletarischen, aber vor allem Sozialistischen Internationalismus als Staatsräson vertrat, deren faktische Politik aber nicht erst mit dem Mauerbau 1961 vor allem auf Abgrenzung setzte. So gab es einige internationalistische Vorzeigeprojekte und proklamierte Völkerfreundschaft und internationale Solidarität, der jedoch eine besonders auch in den 1980er Jahren immer weitergehende Abgrenzung selbst von ‚sozialistischen Bruderländern‘ entsprach. Neben der Ausreisebewegung und subversiven Unterwanderungen der Reisebeschränkungen bildeten sich, am klarsten artikuliert im kirchlichen Raum, Initiativen, die diese Abgrenzung auch politisch kritisierten. Auf der Synode des Kirchen-Bundes 1987 brachte eine Gruppe den Antrag „Absage an Praxis und Prinzip der Abgrenzung“ ein, der auf der Synode zwar abgelehnt wurde, aber der zentrale Bezugspunkt für die Auseinandersetzung mit der Abgrenzungspolitik der DRR blieb und in der Gründung der Bürgerbewegung „Demokratie Jetzt“ kulminierte. Den pädagogischen Implikationen dieser Dialektik von propagiertem Internationalismus, erlebter Ab- und Ausgrenzung und kritischer Auseinandersetzung damit, zumindest im teil-öffentlichen Raum der Kirche, wird der Beitrag nachgehen.

 

Transnationalität und Verflechtungen. Die internationalen Bildungskooperationen der DDR mit Mosambik und Finnland

Dr. Sónia Vaz Borges, Dr. Jane Weiß
Humboldt-Universität zu Berlin

Die DDR unterhielt ein Programm von weit verzweigten internationalen Bildungskooperationen. Anlass der Zusammenarbeit war der jeweils stattfindende gesellschaftliche Transformationsprozess, wie der antikoloniale Befreiungskampf bzw. eine sozialistische Revolution oder, wie im Fall skandinavischer Länder, angestrebte Bildungsreformen. Es gab sowohl gegenseitigen Austausch zu Bildungsfragen, wie gemeinsame Symposien und Konsultationsbesuche, als auch konkrete Unterstützungsleistungen, wie die Bereitstellung von Lehr- und Unterrichtsmaterialien als auch die jahrelange Entsendung von DDR-Beratern und -Ausbildern in die jeweiligen Länder. Der Beitrag präsentiert und diskutiert jeweils differente Aspekte von Ab- und Entgrenzungen mit einem verflechtungsgeschichtlichen Zugang. Zum einen wird anhand eines Mathematiklehrbuch, das noch während des mosambikanischen Befreiungskampfes in Kooperation mit der DDR entwickelt und produziert und ebenso in Angola und Guinea-Bissau verwendet wurde, Transnationalität und Zirkulation als innerafrikanische Entgrenzung thematisiert. Zum anderen verweisen die präsentierten vielfältigen und vielgestaltigen Kommunikations- und Austauschprozesse zwischen Finnland und der DDR zwischen 1959 und 1989 auf dem Gebiet der Bildung auf die Mehrdimensionalität bilateraler Beziehung. Hierbei stehen vor allem die Gleichzeitigkeit von Entgrenzung und wechselseitigen Abgrenzungen im Fokus.

 

Grenzziehungen auf der Insel der Entgrenzten. Programm und Wirkung nationaler Abgrenzungen im Bildungsexperiment der Isla de la Juventud (1979-1990)

Dayana Murguía1, Prof. Dr. Marcelo Caruso2
1Instituto de Historia de Cuba (Havanna)/Humboldt-Universität zu Berlin, 2Humboldt-Universität zu Berlin

Zwischen 1977 und 1990 lernten zehntausende Schüler/innen und Studenten/innen aus 40 Ländern auf der seitdem als Isla de la Juventud (Insel der Jugend) bekannten zweitgrößten Insel Kubas. Aus der punktuellen Bildungshilfe für angolanische Waisenkinder wurde ein riesiger Bildungskomplex, in dem Kuba mit vielfältigen Schul- und Ausbildungsprogrammen ihre starke Stellung im sozialistischen transnationalen System ausbaute und festigte. Somit versorgte Kuba tausende Kinder und Jugendliche aus Asien, Afrika und Lateinamerika mit einer höher wertigen Schulbildung und auch Ausbildungen, als dieses in ihren Heimatländern möglich war. Der Gebäudekomplex aus zahlreichen Schulen und Wohnheimen war ein Sinnbild einer vor Ort sichtbaren und erfahrbaren, entgrenzten sozialistischen Solidarität und Kooperation. Zur Entgrenzung eigener Identitäten gehörte bspw. auch, dass Spanisch zur lingua franca wurde sowie die häufigen Austauschmöglichkeiten und Treffen. Dennoch sind bereits die Einteilungen auf dem Gelände von vielfältigen Abgrenzungen charakterisiert. Einerseits waren Wohnheime und Schulen weiterhin national organisiert. Andererseits war eine der expliziten Ziele des Programms, die jeweilige kulturelle und nationale Identität zu bewahren. Der Vortrag fokussiert auf der Grundlage von Dokumenten und Interviews auf Formen expliziter und subtiler Abgrenzungen in ihrer Spannung zur Entgrenzung sozialistischer Solidarität.

 
14:00 - 16:00Provokationen eines pädagogischen Egalitarismus. Grenzüberschreitungen im Namen radikaler Gleichheit
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 06
 

Chair(s): Dr. Nicole Balzer (Universität Münster), Prof. Dr. Johannes Bellmann (Universität Münster, Deutschland), Dr. Hanno Su (Universität Münster)

Mit der Kritik an vormoderner Standeserziehung und dem emphatischen Bezug auf den Universali-smus ‚allgemeiner Menschenbildung‘ wurde ‚Gleichheit‘ bekanntlich zu einem zentralen Grün-dungsmotiv moderner Pädagogik. In verschiedenen aktuellen Diskurssträngen – beispielsweise zu Inklusion, Migration und Bildungsgerechtigkeit – ist dieses Motiv in den Hintergrund getreten. Nicht Gleichheit, sondern das ‚Ungleichsein‘ der pädagogischen Adressat*innen wird als die zentrale Herausforderung und zugleich Orientierungsgröße pädagogischen Handelns veranschlagt. In den letzten Jahren sind aber auch vermehrt Arbeiten vorgelegt worden, die Figuren radikaler Gleichheit (erneut) zur Geltung bringen. Die Arbeitsgruppe schließt an diese Arbeiten an und zielt darauf, verstreute Ansätze eines pädagogischen Egalitarismus und die in ihnen enthaltenen Grenzüberschreitungen in systematischer, historischer und inklusionspädagogischer Perspektive zu entfalten.

 

Beiträge des Panels

 

Theoriesystematische Orte von Gleichheit im pädagogischen Denken

Dr. Nicole Balzer, Prof. Dr. Johannes Bellmann, Dr. Hanno Su
Universität Münster

Gleichheit stellt in der pädagogischen Theoriegeschichte ein ebenso mehrdeutiges wie umstrittenes Motiv dar, das in den Lexika der Disziplin in expliziter Form zumeist nur als ‚Chancengleichheit‘ Aufnahme gefunden hat. Bei genauer Betrachtung sind jedoch die Bezüge auf ‚Gleichheit‘ im pädagogischen Denken vielfältiger: Als Voraussetzung erscheint Gleichheit etwa in der Unterstellung gleicher Bildsamkeit, als Ziel in der Selbstaufhebung der Erziehung durch eine zu erreichende Mündigkeit und Gleichstellung der Generationen, und in Bezug auf den Prozess der Erziehung steht Gleichheit z.B. für eine spezifische Praxis der Anerkennung, in der Gleichheit – ungeachtet aller empirischen Ungleichheit – verifiziert wird.

Der Beitrag gibt einen Überblick über die theoriesystematischen Orte und Einsatzpunkte von ‚Gleichheit‘ im pädagogischen Denken. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Frage, inwiefern sich nicht nur äußere Referenzen auf Gleichheit als politische, soziale, ökonomische, rechtliche oder moralische Kategorie zeigen, sondern innere systematische Bezüge, in denen Gleichheit von der Pädagogik aus und Pädagogik von der Gleichheit aus verstanden wird. Ziel ist es, die unterschiedlichen Verwendungsweisen und Bedeutungsgehalte des Gleichheitsbegriffs sowie die jeweils relevanten Abgrenzungsfiguren in einem Tableau zu systematisieren, das als Bezugspunkt für die Diskussion in der Arbeitsgruppe dienen kann.

 

Schlechte Gleichheit – Historische Überlegungen zum pädagogischen Motiv der Gleichheit

Dr. Florian Heßdörfer1, Prof. Dr. Sebastian Engelmann2
1Universität Leipzig, 2Pädagogische Hochschule Karlsruhe

Innerhalb der Erziehungswissenschaft fungiert ‚Gleichheit‘ häufig als Kontrastfolie für empirisch vorgefundene Phänomene der Ungleichheit. Auch in historischer Hinsicht zeigt sich, wie das politische Konzept der Un/Gleichheit über pädagogische Figuren der Besonderheit ausbalanciert wird, die den Anschluss an dessen praktische Bearbeitung erlauben. Angesichts dieser Konstellation sind Versuche von Interesse, die Gleichheit ernst nehmen und in den Mittelpunkt konkreter pädagogischer Praxis setzen. Unser Beitrag rekonstruiert einen solchen Versuch und befragt ihn auf sein Verständnis von Gleichheit und die daraus entstehenden Konsequenzen. Unsere These ist, dass Gleichheit in pädagogischen Zusammenhängen zwar als Chiffre genutzt wird, dieser Nutzen aber nur solange funktioniert, wie der politische Gleichheitsanspruch pädagogisch ‚gereinigt' wird und in hinreichender Distanz zur Unreinheit der Empirie bleibt. Dort wo die Gleichheitsforderung zu weit in den Alltag reicht, markiert der Begriff der ‚Gleichmacherei‘ das Tabu der Realisierung und ruft den Vorwurf ‚schlechter Gleichheit‘ auf den Plan. Als Beispiel für eine pädagogische Treue der Gleichheit nutzen wir Edwin Hoernles Überlegungen zur proletarischen Erziehung, die Gleichheit radikal denkt und dabei die Grenzen des pädagogischen Sprechens über Gleichheit verdeutlicht.

 

Zum Bedeutungswandel der Gleichheitsidee im Inklusionsdiskurs – von der Dialektik von Gleichheit und Differenz, über die radikaler Differenz zu radikaler Gleichheit?

Prof. Dr. Dieter Katzenbach
Goethe-Universität Frankfurt

Das Begriffspaar von Gleichheit und Differenz wurde von Reiser et al. bereits in den 1990er-Jahren in den – damals noch – Integrationsdiskurs eingebracht. In der bis heute einflussreichen Theorie integrativer Prozesse wird die Dialektik von Gleichheit und Differenz als sich auf vier Ebenen – innerpsychisch, interaktional, institutionell, gesellschaftlich – entfaltend konzipiert. Bereits hier scheint es lohnend, dem auf jeder dieser Ebenen aufgerufenen Begriff von Gleichheit noch einmal systematisch nachzugehen.

Mit Ersetzung des Integrations- durch den Inklusionsbegriffs geriet das als spannungsvoll konzipierte Verhältnis von Gleichheit und Differenz zunehmend aus dem Blick. An seine Stelle trat das harmonisierende Gebot der Wertschätzung von Diversität und damit einhergehend die Problematisierung binärer Kategorisierungen. Der Ruf nach Gleichheit war und ist – gerade aus der Perspektive von Behinderung – schon deshalb anrüchig, weil er, Adornos Diktum folgend, in Gefahr läuft, auf der Rückseite Ausschluss zu produzieren, da Gleichheit stets an Kriterien geknüpft wurde: Rasse, Geschlecht, Bildbarkeit, Personenstatus… So lag es für die Inklusionspädagogik nahe, eher den Anschluss an den Diskurs um radikale Differenz zu suchen, während die Schärfung eines inklusiven Begriffs radikaler Gleichheit noch aussteht.

 
Datum: Mittwoch, 16.03.2022
9:30 - 11:30Schüler*innen-Perspektiven als Erkenntnisgewinn bei der Analyse pädagogischer Grenzbearbeitung im inklusiven Unterricht
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 06
 

Chair(s): Prof. Dr. Andreas Köpfer (Pädagogische Hochschule Freiburg, Deutschland), Dr. Monika Wagner-Willi (Pädagogische Hochschule FHNW, Schweiz), Prof. Dr. Raphael Zahnd (Pädagogische Hochschule FHNW, Schweiz)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Anja Hackbarth (Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Deutschland)

Mit dem Ziel, Grundschulen im Anschluss an internationale Richtlinien (UN 2006, UN 2015) zur Gewährleistung inklusiver Bildungsprozesse weiterzuentwickeln, stellen Fragen pädagogischer Grenzbearbeitung - im Sinne von Praktiken des Ein- und Ausschliessens - seit den 1990er Jahren verstärkt Gegenstand wissenschaftlichen Erkenntnisinteresses dar. Obwohl der Schüler*innen-Perspektive für die Entwicklung inklusiven Unterrichts eine bedeutende Rolle zugewiesen wird, wurde sie in empirischer Hinsicht bisher vergleichsweise wenig beleuchtet.

Das Forum greift diese Ausgangslage auf und verfolgt das Ziel, Fragen des forschenden Einbezugs von Schüler*innen-Perspektiven zu stellen: So sollen zunächst die method(olog)ischen Zugänge der Partizipativen Forschung und der Dokumentarischen Methode präsentiert und entlang von Datenmaterial zweier Forschungsprojekte aus Deutschland und der Schweiz hinsichtlich deren Erkenntnisgewinn im Kontext pädagogischer Grenzbearbeitung diskutiert werden.

 

Beiträge des Panels

 

Partizipative Zugänge zu Raumpraktiken von Schüler*innen

Kathrin Lemmer, Prof. Dr. Andreas Köpfer
Pädagogische Hochschule Freiburg, Deutschland

In diesem Beitrag werden empirische Zugänge zur Schüler*innen-Perspektive im Rahmen Partizipativer Forschung thematisiert (Nind 2014). Dabei werden Zugänge zu schulischen Raumpraktiken von Schüler*innen bemüht, die Aufschluss über die Herstellung von Inklusion/Exklusion am Beispiel der Raumaneignung und -produktion in inklusionsorientierten Schulen ermöglichen. Zwei Ebenen stehen im Zentrum: Zum einen wird, mit Bezug zu theoretischen Vorarbeiten zu Raumproduktion und Raumaneignung, gemeinsam untersucht, wie sich Schüler*innen differenzierte Lernräume in Schulen aneignen und diese gestalten. Zum zweiten werden, vor dem Hintergrund empirischer Beispiele aus dem Projekt „Raum räumen“ (Köpfer, Lemmer & Rißler 2020) bezogen auf den Partizipativen Forschungsprozess methodologische Implikationen und Spannungsfelder für die empirische Adressierung von Schüler*innen-Milieus i.S.d. Forschungshabitus von Schüler*innen im Kontext Partizipativer Forschung aufgezeigt. Hierbei eröffnet der Partizipative Forschungsprozess die Möglichkeit, die facettenreichen Perspektiven der Schüler*innen auf Lernräume in Bezug auf Datenerhebung und -auswertung methodisch einzubeziehen.

Literatur:

Köpfer, A., Lemmer, K., & Rißler, G. (2020). Zwischen Fremd- und Selbstbestimmung – Raumnutzung von Rückzugsräumen durch Schüler*innen in inklusionsorientierten Schulen. Gemeinsam Leben, 28(2), 68-78.

Nind, M. (2014). What is Inclusive Research? London.

 

Erfahrungen von Schüler*innen zur primarschulischen Praxis im Spannungsfeld von Inklusion und Bildungsstandards – Fallvergleichende Rekonstruktionen mit der Dokumentarischen Methode

Katharina Papke, Dr. Monika Wagner-Willi
Pädagogische Hochschule FHNW, Schweiz

Im Hinblick auf die unterrichtliche Praxis und damit verbundene Inklusions- und Exklusionsprozessen werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede konjunktiver Erfahrungen und handlungsleitender Orientierungen von Schüler*innen-Milieus relevant (vgl. Wagner-Willi 2018). In der mit dem Ansatz der Praxeologischen Wissenssoziologie (vgl. Bohnsack 2017) arbeitenden Unterrichtsforschung hat sich vor dem Hintergrund dieser komplexen sozialen Interaktionspraxis ein Methodenkatalog entwickelt, der darauf zielt, das diese Praxis strukturierende habitualisierte Wissen zu rekonstruieren. Der vorliegende Beitrag möchte dabei entlang von Daten aus dem aktuellen SNF-Projekt „Primarschulen im Spannungsfeld von Inklusion und Bildungsstandards” diskutieren, inwiefern (Peer-)Gruppendiskussionen und Videografien (z.B. von Gruppenarbeiten im Unterricht) sowie deren dokumentarische Interpretation die „zentralen Erlebniszentren und Relevanzsysteme“ (Nentwig-Gesemann 2002, 46) von Schüler*innen offenlegen können.

Literatur:

Bohnsack, R. (2017): Praxeologische Wissenssoziologie. Opladen.

Nentwig-Gesemann, I. (2002). Gruppendiskussionen mit Kindern. Die dokumentarische Interpretation von Spielpraxis und Diskursorganisation. Zeitschrift für qualitative Bildungs-, Beratungs- und Sozialforschung, 3(1), 41-63.

Wagner-Willi, M. (2018). Schülerinnen und Schüler: Inklusion und Differenz in mehrdimensionaler Perspektive. In: T. Sturm & M. Wagner-Willi (Hrsg.), Handbuch schulische Inklusion, 315-329. Opladen.

 

Primarschulen im Spannungsfeld von Inklusion und Bildungsstandards – Partizipative Entwicklung inklusiven Unterrichts

Franziska Oberholzer, Prof. Dr. Raphael Zahnd
Pädagogische Hochschule FHNW, Schweiz

In diesem Beitrag wird am Beispiel praxisorientierter Partizipativer Forschung, die der Logik von Entwicklungsforschung bzw. Design-Based-Research folgt (vgl. Reinmann 2005), aufgezeigt, wie die Perspektive von Schüler*innen miteinbezogen werden kann, um inklusiven Unterricht weiterzuentwickeln. Dabei wir einerseits von Erkenntnissen aus der Partizipativen Forschung ausgegangen, die darlegt, dass die Berücksichtigung möglichst vielfältiger Akeur*innen-Perspektiven eine umfassendere Analyse komplexer Problemstrukturen ermöglicht (von Unger 2014); andererseits wird dabei auch berücksichtigt, dass insbesondere die Perspektive der Schüler*innen für die Weiterentwicklung von inklusivem Unterricht als äußerst relevant einzuschätzen ist (Florian & Beaton 2018).

Literatur:

Florian, L., & Beaton, M. (2018). Inclusive pedagogy in action: getting it right for every child. International Journal of Inclusive Education, 22(8), 870-884.

Reinmann, G. (2005). Innovation ohne Forschung? Ein Plädoyer für den Design-Based Research-Ansatz in der Lehr-Lernforschung. Unterrichtswissenschaft, 33(1), 52-69.

von Unger, H. (2014). Partizipative Forschung. Wiesbaden.

 
14:00 - 16:00Aktivieren, Strafen und trans-/formierende Grenzziehungen des Pädagogischen. Befunde zur Neujustierung pädagogischer Disziplin
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 06
 

Chair(s): Dr. Sophia Richter (Goethe-Universität Frankfurt am Main, Deutschland), Christoph T. Burmeister (Humboldt-Universität zu Berlin), Dr. Thorsten Hertel (Universität Duisburg-Essen), Dr. Stefan Wellgraf (Humboldt-Universität zu Berlin)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Karin Amos (Eberhard Karls Universität Tübingen), Prof. Dr. Antje Langer (Universität Paderborn)

Die Arbeitsgruppe thematisiert historische und gegenwärtige Neujustierungen pädagogischer Disziplin(-ierung)en im Spannungsfeld zwischen aktivierender Optimierung und strafender Sanktionierung als Hervorbringung bzw. Ent- wie Begrenzung von Verhalten. Der vermeintliche Widerspruch zwischen Grenzziehungen einerseits und Überwindungen von Grenzen im Sinne von Wachstum und Optimierung andererseits wird dabei als Ausdruck aktueller sozialer Transformationen verstanden, die Logiken von autonomer Freisetzung und reflexiver Individualisierung systematisch mit solchen des Pathologisierens und des (bisweilen repressiven) Sanktionierens verkoppeln. Diese Neujustierungen pädagogischer Disziplin(-ierung)en im Spannungsfeld von Produktion und Repression implizieren Grenzziehungen pädagogischen Handelns, die in der interdisziplinären Arbeitsgruppe aus unterschiedlichen Perspektiven anhand von Forschungsprojekten aus Erziehungswissenschaft, Kultursoziologie und Kulturanthropologie diskutiert werden.

 

Beiträge des Panels

 

Norm, Normal, Potenzial – Entgrenzungen kindlicher Entwicklungskonzeptionen am Beispiel „emotionaler Kompetenz“

Christoph T. Burmeister
Humboldt-Universität zu Berlin

Kindheit ist in der westlichen Moderne stets Entwicklungskindheit. Aus genealogischer, subjektivierungs- und machtanalytischer Perspektive lassen sich dabei – so meine The-se – drei Konzeptionen kindlicher Entwicklung unterscheiden, die sich als Norm, Normal und Potenzial fassen lassen. Sie sind an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten entstanden, lösen einander aber nicht ab, vielmehr überlagern sie sich. Derweil erweisen sich Konzeptionen der Potenziale in der Spätmoderne als die dominanten, was zu einer Entgrenzung von Prävention und Optimierung führt. So sind in disziplinäre Praktiken, die konstitutiv für jedes modernen Erziehungsarrangements sind, zwar vom frühmodernen Beginn an präventive und optimierende Elemente eingelassen, doch kommt es seit den 1970/80ern sowohl zu ihrer Zunahme und Ausbreitung als auch zu ihrer intensivierten Verschränkung. Aufgezeigt wird der behauptete Zusammenhang am Beispiel der „emotionalen Kompetenz“, in welcher der Aufstieg von Konzeptionen kindlicher Entwicklungspotenziale und die Relevanz von Emotionen kulminieren. „Emotional kompetent“ zu sein gilt gegenwärtig sowohl als Garant gesellschaftlichen Erfolges als auch, bei mangelhafter Entwicklung, als vielfacher Risikofaktor diverser Pathologien und Devianzen. Sie soll eine Selbstführung anleiten, die den Entscheidungs- und Handlungsspielraum der Einzelnen zu entgrenzen vermag. Und doch wird im historischen Vergleich der Korridor legitimer Seinsweisen begrenzt.

 

Zwischen Strafen und Entziffern. Entgrenzungen schulischer Disziplin unter Bedingungen urbaner Marginalisierung

Dr. Thorsten Hertel
Universität Duisburg-Essen

Schulen in marginalisierten Stadtteilen sind Kristallisationspunkte sozialer Prekarität. Der Beitrag präsentiert Ergebnisse einer qualitativen Studie, welche die Formen pädagogischer Disziplin an solchen Schulen untersucht. Ausgehend von einer theoretischen Lesart der Schule als ‚Machtdispositiv‘ (Foucault) und vermittels der praxeologisch-wissenssoziologischen Analyse von Gruppendiskussionen und Interviews wird rekonstruiert, welcher Logik Disziplin dort folgt, welche impliziten Wissensbestände sie tragen und wie sie innerhalb einzelschulischer Organisationen zirkuliert. Dabei verweisen die Ergebnisse auf zwei empirische Typen, in denen der disziplinierende Zugriff auf ein je spezifisch konstruiertes Subjekt unterschiedlich austariert wird: Der Modus der repressiven Disziplin konstruiert Schüler*innen als notorisch deviante Subjekte, die durch die Expansion von Kontrolle und Strafe zugerichtet werden müssen. Explorative Disziplin hingegen affiziert das Subjekt mittels Techniken der Beobachtung und (Selbst-)Befragung – und bringt es in dieser analytischen Entgrenzung als eines hervor, das pädagogisch gesetzte Ordnungen als seine eigenen versteht. Die beiden Typen pädagogischer Disziplinierung werden in ihren Unterschieden und Interferenzen machtanalytisch diskutiert, mit Blick auf das Verhältnis von Kontinuität und Neujustierung pädagogischer Disziplin im Machtdispositiv Schule reflektiert und auf die in ihnen angelegten subjektivierenden Effekte befragt.

 

Strafe(n) und Disziplin(ierung) – Verhandlungen um Grenzen des Pädagogischen

Dr. Sophia Richter
Goethe-Universität Frankfurt am Main

Im pädagogischen Alltag lassen sich Strafpraktiken tagtäglich beobachten. Von Seiten der Erziehungswissenschaft gibt es innerhalb der letzten 50 Jahre jedoch kaum relevante Studien zu diesem Thema. In dem Beitrag steht die Frage im Fokus, wie es zu diesem vermeintlichen Verschwinden von Strafen aus dem erziehungswissenschaftlichen Diskurs kommt und welche Effekte damit einhergehen. Anhand der Analyse von Lexikabeiträgen der letzten 100 Jahre werden Konjunkturen und Transformationen im Sprechen über Strafe nachgezeichnet: von der pädagogischen Erziehungsstrafe über die pädagogische Kontrolle der Disziplinarstrafe hin zum Ideal des Zustandes Disziplin, einhergehend mit der Frage, wie sich dieser pädagogisch (wieder-)herstellen lässt. Es wird aufgezeigt, dass sich über Strafen nur in Form von Differenzierungen bei gleichzeitiger Positionierung bzw. Distanzierung sprechen lässt, was auf die sich stetig wandelnde(n) Grenze(n) des Pädagogischen verweist, die das Phänomen Strafe durchzieht/durchziehen. Die Gleichzeitigkeit von Repression und Aktivierung/Produktion führt im pädagogischen Alltag zu Praktiken der Auslagerung von Strafen aus dem Pädagogischen (Verrechtlichung und Psychologisierung) oder auch der Institutionalisierung (als Entpersonalisierung), was dann jedoch wiederum in Konflikt mit dem Pädagogischen gerät und zu immer wieder neuen Problematisierungen oder Tabuisierungen führt.

 

Positivierung. Teach First, „Rock your Life!” und „School Turnaround“

Dr. Stefan Wellgraf
Humboldt Universität zu Berlin

In der gegenwärtigen Regierung sozialer Ungleichheit zeichnet sich eine eigentümliche Doppelstruktur aus negativen Sanktionen und positivierender Aktivierung ab, in der gegensätzliche emotionale Register mobilisiert werden und eine Entgrenzung des Pädagogischen stattfindet. Der Beitrag diskutiert dieses Phänomen anhand dreier Programme, die im Hauptschulkontext aktiv die positive Emotionalisierung ihrer Zielgruppen betreiben. Wo „Teach First” Universitätsabsolvent*innen vor dem Berufseinstieg die Möglichkeit bietet, für zwei Jahre an Schulen zu unterrichten, führt das Mentor*innenprogramm „Rock your Life!“ Studierende mit Haupt- und Realschüler*innen zusammen. Das Schulentwicklungsprogramm „School Turnaround“ sollte die Situation sogenannter „Problemschulen“ verbessern und arbeitete hierzu insbesondere mit der Neuausrichtung schulischer Führungsstrukturen. Alle Programme setzen der weithin wahrgenommenen schulischen Misere eine demonstrative Positivierung und einen Appell an Eigenverantwortung entgegen, wobei sich Rezepte, Personal und Auftreten stark ähneln. Damit stehen sie für eine ganze Welle sozialpädagogischer Angebote, durch die Schüler*innen motiviert, optimistisch gestimmt und am Subjektmodell des „unternehmerischen Selbst“ ausgerichtet werden. So leisten die Programme aber einen Beitrag zur Reproduktion von Marginalisierung, da sie deren strukturelle Mechanismen qua ökonomistischer Rhetorik überdecken, invisibilisieren und so letztlich soziale Grenzen zementieren.

 

 
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