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Sitzungsübersicht
Datum: Mittwoch, 16.03.2022
9:00 - 9:30Kulturprogramm: Nihan Devecioğlu
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 01

Exklusives Konzert der Sängerin Nihan Devecioğlu

Die Sängerin Nihan Devecioğlu hat exklusiv für den Bremer DGfE-Kongress ein Konzert zusammengestellt, das uns musikalisch auf den letzten Kongresstag einstimmt.

Nihan Devecioğlu ist ausgebildete Konzert- und Opernsängerin, ordnet sich aber nicht einem einzigen Genre zu. Als Ergebnis der Erkundung und Erforschung einer Vielzahl von Techniken in Vokalimprovisationen hat sie eine eigene, unvergleichliche Stimmpraxis entwickelt, mit der sie die Grenzen musikalischer Traditionen, Genres und Epochen bewußt überschreitet, dabei auch immer wieder auf ihre musikalischen Wurzeln, die in der türkischen Sufi- und Volksmusik liegen, zurückkommend.

Nihan Devecioğlu hat nach ihrem Bachelor in Medien und Kommunikationswissenschaften an der Bilgi Universität Istanbul ihren Master in Musik an der Technischen Universität Istanbul gemacht, am Mozarteum in Salzburg hat sie 2003-2008 Gesang und Oper studiert. Die freischaffende Künstlerin lebt in Barcelona. Mit ihrem multinationalen Ensemble „The Single Camels“ gastierte sie in den vergangenen Jahren wiederholt am Bremer Theater am Goetheplatz. Hier wirkt sie als Schauspielerin und Sängerin aktuell im Stück „MutterVaterLand“ (von Akin Sipal, Premiere war im Sommer 2021) mit.

Sie singt für uns:

Beautiful Day – Improvisation

Beata Viscera Maria Virginis von Pérotin (12. Jh. Notre Dame, Paris)

Yağmur Yağar Taş Üstüne (traditionelles Lied aus der Türkei)

Improvisation mit Kalimba

Istanbul´u dinliyorum (Gedicht von Orhan Veli (1914-1950, Istanbul), Musik: Nihan Devecioğlu)

9:30 - 11:30Forschungsforen
Ort: *rein digital*

In diesem Zeitfenster stehen 41 Forschungsforen zur Auswahl, davon ein englischsprachiges Panel und zwei Veranstaltungen, die deutschsprachige und englischsprachige Vorträge beinhalten. 

Forschungsforen sind in ihrer inhaltlichen wie formalen Gestaltung frei. Sie bieten nationalen wie internationalen Forschungsprojekten oder -verbünden sowie Nachwuchs- resp. Doktorand*innengruppen eine Möglichkeit des fachlichen Austauschs.

9:30 - 11:30'Neue' Migration, Differenz(-ierung) und Schule. Symbolische und institutionelle Grenzen im Bildungssystem.
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 46
 

Chair(s): Lydia Heidrich (Universität Bremen), Judith Jording (Bergische Universität Wuppertal), Anna Cornelia Reinhardt (Universität Osnabrück)

Im Forum werden drei aktuelle qualitativ-empirische Forschungsprojekte zum schulischen ‘Seiteneinstieg’ von Neuzugewanderten präsentiert. Es werden nicht nur die einzelnen Forschungserkenntnisse im Kontext ungleichheitstheoretischer Überlegungen dargestellt, sondern auch die Potenziale in ihrer Komplementarität für die sich mit Differenz(-ierungen) befassende erziehungswissenschaftliche (Migrations-)Forschung diskutiert. Ein besonderer Erkenntnisgewinn ergibt sich daraus, dass die Grenzen und Potenziale der unterschiedlichen grundlagentheoretischen Perspektiven (Systemtheorie, situationsanalytischer Ansatz, Praxistheorie) reflektiert werden. Der Übergang aus Vorbereitungsklassen in die Regelklasse wird fokussiert und dieser als für Neuzugewanderte bildungsbiographisch relevante symbolische und institutionelle Grenze gelesen. Durch das multiperspektivisch angelegte Forschungsforum wird ein Raum zum Austausch über ‘Seiteneinstieg’, soziale Ungleichheit und Differenz(-ierung) eröffnet.

 

Beiträge des Panels

 

Differenzierungspraxen und Partizipationsbedingungen neu migrierter Schüler*innen in der Schule der Migrationsgesellschaft

Judith Jording
Bergische Universität Wuppertal

Auf Basis einer Regionalstudie an sechs Grundschulen in zwei Kommunen in NRW stellt der Vortrag einen empirisch fundierten Beitrag zur Debatte um die (Re-)Produktion von Bildungsungleichheit in der Migrationsgesellschaft dar. Der Fokus liegt auf der Frage, welche Partizipationsbedingungen an die Differenzierungen neu migrierter Schüler*innen anknüpfen. Aufgezeigt wird, dass in den dokumentarisch ausgewerteten Interviews keine einheitlichen Muster der Beobachtung und Beschulung neu Zugewanderter ausgemacht werden können. Vielmehr differieren die untersuchten Schulen erheblich in der Art und Weise, 1) wie (ökonomische, rechtliche, politische) Umweltanforderungen organisationsintern verarbeitet werden, 2) wie auf Gelegenheitsstrukturen reagiert wird und 3) wie neu migrierte Schüler*innen auf der Grundlage von Wissens- und Deutungsressourcen klassifiziert werden. Argumentiert wird entsprechend, dass neben gesellschaftlich verankerten (ungleichheitsrelevanten) Wissens- und Deutungsressourcen auch die interne Verarbeitung von ökonomisch, rechtlichen oder politischen Kontexten in der Organisation Schule zu analysieren sind, um die Komplexität der Erzeugung ungleichheitsrelevanter Strukturbildungen im Erziehungssystem erfassen zu können. Exemplarisch aufgezeigt wird die im Projekt verfolgte systemtheoretisch fundierte Analyseperspektive hinsichtlich der bildungsbiographisch relevanten Entscheidungsstelle des Übergangs neu migrierter Schüler*innen in den Regelschulbetrieb.

 

‘Grenzen’ der Mitgliedschaft – die (Re-)Produktion von sozialen Welten in der Übergangssituation ‘Vorbereitungsklasse‘

Anna Cornelia Reinhardt
Universität Osnabrück

Der Vortrag thematisiert das Phänomen der (teil-)separierenden Beschulung neu Migrierter in sog. Vorbereitungsklassen als eine, im Sinne Clarke (2012), (Übergangs-)Situation. Infolgedessen rückt die Situationsanalyse als ein Theorie-Methoden-Paket (Diaz-Bone 2013) mit ihrem sozialtheoretischen Fundament der “Sozialen Welten und Arena Theorie” (Strauss 1978) in den wissenschaftlichen Fokus. Infolge dieser Überlegungen wirft der Vortrag die Fragen auf, wie und inwiefern soziale Welten in der Übergangssituation ‘Vorbereitungsklasse‘ durch Differenz hergestellt und wie dabei Mitgliedschaft(-sgrenzen) sozial konstruiert werden.

Anhand ethnografischer Daten kann empirisch gezeigt werden, dass die sozialen Konstruktionen von Differenz(-markierungen) einen integralen Bestandteil für die Herstellung der Übergangssituation darstellt. Dies verdeutlicht sich empirisch durch eine ‘institutionelle Exklusion’ der sog. ‘Seiteneinsteiger*innen‘ im schulischen Alltag. Des Weiteren kann gezeigt werden, dass durch Praktiken des Differenzierens Mitgliedschaftsgrenzen konstruiert werden, die u.a. eine „Etablierte und Außenseiter“-Figuration (Elias/Scotson 1990) zwischen den ‘Seiteneinsteiger*innen‘ und den Regelklassenschüler*innen hervorbringen. Diese symbolischen Aushandlungsprozesse von Differenz(-markierungen) verweilen dabei nicht im schulischen System allein, sondern verweisen letztendlich auf die allgemeine Frage nach Zugehörigkeit(en) in der Migrationsgesellschaft.

 

Soziale Praktiken der Begrenzung in der Schule. Die Herstellung migrationsbezogener Differenzordnungen

Lydia Heidrich
Universität Bremen

In dem Vortrag werden Ergebnisse eines Dissertationsprojektes präsentiert, in dem ethnographisch die Beschulung von neu migrierten Kindern und Jugendlichen ‚ohne Deutschkenntnisse‘ an einer Sekundarschule untersucht wird.

Diesem Dissertationsprojekt liegt eine praxistheoretische Perspektive zugrunde (Schatzki 1996; Reckwitz 2002). Schule wird in diesem Sinne als ein durch (institutionelle) Praktiken hergestellter Raum verstanden (Mecheril/Shure 2018). Praktiken der Besonderung werden im Kontext migrationsgesellschaftlicher Verhältnisse als eine Form der Differenzproduktion in und durch die Schule sowie in ihrem Beitrag zu einer migrationsbezogenen Differenzordnung betrachtet. Dabei wird weder von einer vorgeschalteten Existenz sozialer Ordnungen noch von völlig unabhängigen individuellen Handlungen ausgegangen, sondern das Ordnen des Sozialen in den Geflechten sozialer Praktiken fokussiert (Alkemeyer/Buschmann 2016; Rieger-Ladich 2017).

Empirische Ergebnisse verdeutlichen, wie der Übergang aus der Vorbereitungsklasse in den Regelunterricht im Kontext des teilintegrativen Beschulungsmodells als Praktiken der Begrenzung gelesen werden können. Es wird untersucht, wie sich Entscheidungspraktiken im Übergang in einer Schüler-Lehrer*innen-Konferenz routinisieren und in Stundenplänen materialisieren. Von besonderem Interesse ist dabei, wie in dieser Übergangspraktik auf schulinterne sowie rassismusrelevante Wissenbestände zurückgegriffen wird.

 
9:30 - 11:30Aktuelle Spannungsfelder der Sexualmoral: Ambivalenzen des Lustgewinns zwischen Grenzziehungen und Entgrenzungen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 13
 

Chair(s): Dr. Melanie Babenhauserheide (Universität Bielefeld, Deutschland), Dr. Sonja Witte (Internationale Psychoanalytsiche Universität Berlin (IPU)), Prof. Dr. Julia König (Gutenberg Universität Mainz)

Seit jeher sind in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um Sexualmoral Bilder und Vorstellungen kindlich-jugendlicher Sexualität, Generationenkonflikte sowie geschlechtsspezifische Aufladungen zentral. Während einerseits Moral als Begrenzung von Möglichkeiten sexuellen Lustgewinns gelten kann, schafft sie andererseits zugleich auch jeweils historisch spezifische Anreize sexueller Erregungen, nicht zuletzt in Form lustvoller moralischer Empörung. Welche Ambivalenzen treten in aktuellen Phänomenen der Sexualkultur in Erscheinung und welche Funktion haben diese in der Wirkungsweise sexualmoralischer Diskurse? Welche Bedeutung haben Reflexionen dieser Ambivalenzen für erziehungswissenschaftliche Perspektiven auf generationale Ordnung, Geschlechterverhältnisse und infantile/adoleszente Sexualität? Diese Fragen diskutieren wir an kulturellen bzw. medialen Fallbeispielen u.a. aus psychoanalytischer und kulturwissenschaftlicher Perspektive.

 

Beiträge des Panels

 

Pairing Draco Malfoy/Harry Potter: Das Anbahnen sexueller Beziehungen als Grenzüberschreitung in Fan-Erzählungen und ihrer Rezeption

Dr. Melanie Babenhauserheide
Universität Bielefeld

In fan fiction werden populäre Narrationen um- und weitergeschrieben. Im Subgenre slash fiction dichten häufig Mädchen männlichen Figuren 'homosexuelle' Beziehungen an. Viele dieser Erzählungen überschreiten die Grenze von der Liebesgeschichte zur Pornographie. In online-Archiven diskutieren die Leser_innen sie auch im Hinblick auf sexualmoralische Grenzziehungen. Konflikte drehen sich u.a. um den Übergang vom verbalen zum körperlichen Kontakt, da eine Grenzüberschreitung stattfindet, die sich nachträglich als unwillkommen erweisen könnte. Unerwünschte sexuelle Aufmerksamkeit gilt in der Verhandlungsmoral jedoch als anstößig. Gerade in Erzählungen über im canon verfeindete Figuren wie Harry Potter und Draco Malfoy aus Rowlings Jugendreihe ist der Übergang heikel. Konsensmoralische Konzepte schlagen oft verbale Fragen und Antworten als Lösung vor, um eine möglichst risikoarme sexuelle Annäherung zu gewährleisten – doch auch eine Frage kann als Übergriff wahrgenommen werden. Zur Minimierung dieser Problematik werden in Harry Potter-fan fiction oft (zum Teil verbunden mit dem männlich konnotierten Stereotyp vom randy teenager) magische Lösungen wie Telepathie präsentiert, die jedoch ihrerseits einen übergriffigen Charakter haben, weil sie ungefragt körperliche oder mentale Grenzen auflösen. Ausschnitte einzelner Erzählungen über Draco/Harry und ihrer Rezeption werden im Hinblick auf Ambivalenzen sexueller und sexualmoralischer Erregung hin gedeutet.

 

„Sexualization of a child“ – Grenzüberschreitende Kunst und sexualmoralische Grenzziehungen im Kontext von #MeToo

Dr. Sonja Witte
IPU

Die #MeToo-Debatte gilt weithin als eine Zäsur im gesellschaftlichen Umgang mit sexuellen Grenzüberschreitungen und geschlechtsspezifischen Machtungleichheiten. Die These des Beitrags lautet, dass im Kontext der #MeToo-Debatte exemplarisch Konfliktpotentiale des verhandlungsmoralischen Paradigmas gegenwärtiger Sexualkultur hervortreten und sich diese in spezifischer Weise in Aushandlungen sexualmoralischer Grenzziehungen angesichts ‚Pädophilie‘ inszenieren.

Der Beitrag beschäftigt sich mit einer an das Metropolitan Museum (NYC) gerichteten Petition, die sich im Zuge von #MeToo gegen die Präsentation des Gemälde „Thérèse rêvant“ (Balthus 1938) richtete. Die Analyse der in der Kampagne aufgerufenen ‚pädophil-grenzüberschreitenden‘ Aspekte des Kunstwerks zielt auf die Frage, inwiefern kulturell-gesellschaftliche Verhandlungen von sexuellen Grenzüberschreitungen und sexualmoralischen Grenzziehungen mit (geschlechtlich aufgeladenen) Bildern und Vorstellungen kindlich-jugendlicher Sexualität verbunden sind und sich hier prädestiniert Ambivalenzen und Grenzen des verhandlungsmoralischen Paradigmas abzeichnen. Angeregt werden soll zur Diskussion, inwiefern kulturelle Konflikthaftigkeit sexualmoralischer Diskurse für erziehungswissenschaftliche Perspektiven auf gegenwärtige Phänomene des Geschlechterverhältnisses und infantiler Sexualität von Bedeutung sind.

 

„Nur das Schlimmste verhindern!“ Prävention als Versuch der Begrenzung des (un)heimlich Sexuellen

Prof. Dr. Julia König
Gutenberg Universität Mainz

In den letzten Jahren häufen sich hitzige, moral(ist)isch aufgeladene Debatten und Skandale im Spannungsfeld von Kindern, Kindheit und Sexualität, deren Fluchtpunkt sowohl auf progressiver wie konservativer oder rechter Seite der Präventionsgedanke setzt. So werden sowohl die kritisierte wie auch eingeforderte sexualmoralische Grenzziehungen im Erziehungs- und Bildungsbereich durch den Hinweis auf eine ungenügende oder auch fehlgeleitete Prävention begründet.

Diese Dynamik soll im Beitrag daraufhin analysiert werden, welchen Nöten und Bedürfnissen die projektiv aufgeladenen Verfolgungsphantasien und entsprechende Präventionsmaßnahmen entgegenkommen, und inwiefern sich diese als Versuch einer Begrenzung eines unheimlich Heimlichen begreifen lassen. Besonders in den Fokus genommen wird dabei der andauernde öffentliche Angriff auf die ‚Sexualpädagogik der Vielfalt‘ durch medial breit flankierte Initiativen ‚Besorgter Eltern‘ und sich als sexualmoralische Aktivist:innen inszenierender politischer Akteur:innen einerseits und andererseits die kollektive Phantasie von der auf das ‚unschuldige Kind‘ lauernden Bestie, die dann nach Herzenslust gejagt werden kann. Gezeigt werden soll auf dieser Grundlage, inwiefern die erwachsene Irritation über kindliche Sexualität und darin die Verkennung der Differenz (und damit der Grenze) zwischen kindlicher und erwachsener Sexualität diese Dynamik der präventiv legitimierten Jagd befeuern.

 
9:30 - 11:30Alternative Schulwelten. Rekonstruktive Forschungen zur Veränderung des Schulischen in Reform- und Alternativschulen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 44
 

Chair(s): Dr. Selma Haupt (RWTH, Deutschland), Anna-Luise Rehm (Universität Oldenburg), Julia Kernbach (Alanus Hochschule), Tobias Leßner (Universität Siegen), Sven Pauling (Universität Oldenburg)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Heiner Ullrich (Universität Mainz)

Im Forschungsforum wird diskutiert, wie das Schulische im Kontext von Reform- und Alternativschulen verhandelt wird. Diese werden nicht nur als Nischen und Provinzen des Schulsystems, sondern auch als Orte der Erprobung von Neuem verstanden. Die Beiträge des Forums konzentrieren sich dabei auf zwei Merkmale. Erstens untersuchen sie, wie in Reform- und Alternativschulen die Öffnung zur Subjektivität einzelner Schüler*in betrieben wird. Zweitens wird die Inverhältnissetzung reformpädagogischer Schulen zum Regelschulsystem beleuchtet, im Rahmen derer sie fortlaufende Entgrenzungen und Grenzüberschreitungen schulischer Semantiken vornehmen. Entlang beider Merkmale werden in den vier Beiträgen die vier Aspekte Leistung, Medialität, Schulentwicklung und Partizipation betrachtet. Diese Merkmale werden in Schulen mit unterschiedlicher Nähe zum etablierten Schulsystem untersucht. Die Projekte eint ein rekonstruktiver Forschungsansatz sowie schul-, struktur- und praxistheoretische Optiken.

 

Beiträge des Panels

 

Zur Frage der Entgrenzung von Leistung in individualisierten Lernkulturen

Anna-Luise Rehm
Universität Oldenburg

Dieser Beitrag diskutiert die Frage, inwiefern an reformorientierten Sekundarschulen, die eine individualisierte und dezentrale Unterrichtspraxis aufweisen, von Entgrenzungstendenzen schulischer Leistung gesprochen werden kann. Die Datengrundlage bilden audiographierter Lehrer*innenkonferenzen sowie ethnographischer Feldprotokolle, die im Rahmen eines sich in der Anfangsphase befindenden Promotionsprojektes erhoben wurden. Aus einer praxistheoretischen Perspektive wird aufgezeigt, wie in Praktiken des Beratens über sowie des Rückmeldens, Kommentierens und Bewertens von Leistung Schüler*innen als ganze Personen in den Blick geraten, die nicht nur über ein domänenspezifisches Wissen und Können verfügen, sondern die mit ihren individuellen Eigenschaften, Einstellungen, Vorlieben, Verhaltensmerkmalen, Haltungen und Emotionen in je spezifischer Weise als Leistungserbringer*innen und als für ihre Leistung Verantwortliche adressiert werden. Leistung wird auf diese Weise hochgradig individualisiert. In dem Beitrag wird somit aufgezeigt, wie sich in den Praktiken der Leistungskommunikation die Grenzen dessen, was in der Schule als Leistung gilt oder nicht, zu einem diffuseren vielschichtigen Leistungsverständnis hin verschiebt und wie diese Grenzziehung auch auf der Ebene der einzelnen Schüler*innen stetig neu vorgenommen wird. Ebenso wird gezeigt, wie in Praktiken des Beratens und Rückmeldens das Spannungsfeld zwischen Individualisierung und Standardisierung stets neu bearbeitet wird.

 

Medienbildung 360° Grad? – Zum Spannungsverhältnis der Medienbildung für reformpädagogische Bildungseinrichtungen

Julia Kernbach
Alanus Hochschule

Um in einer mediatisierten Welt den Forderungen nach Medienbildung gerecht zu werden, sind Lehrkräfte zu einer aktiven, kritischen Auseinandersetzung gefordert (Paus-Hasebrink und Hasebrink 2017). Dabei stellt sich Weiterbildung für sie als bedeutsam für die Schultransformation im digitalen Zeitalter dar (Schultransform 2021). Hierbei scheint entgegen dem Anschein von Offenheit und Partizipation ein spezifisches Framing auf ein bestimmtes Verständnis dessen gelegt zu werden, was Lehrkräfte für Lehren und Lernen im digitalen Zeitalter benötigen (Allert 2020). Dieses Dissertationsprojekt legt anhand von Interviews mit reformpädagogischen Lehrkräften dar, welches Verständnis von Medienbildung sich bei ihnen zeigt und wie sie als Akteure in diesem Spannungsverhältnis Schultransformation im digitalen Zeitalter gegenüber stehen. Der Beitrag diskutiert, was für sie ganzheitliche Medienbildung - die das Digitale in einem technisch-kompetenzorientierten Sinn beinhaltet - nicht nur bedeutet, sondern auch inwiefern dies für die Weiterbildung von Lehrkräften bedeutsam ist (Hippel 2011, S.693).

 

Schülerorientierung in Schulentwicklung als Moment von Überschreitung und Anpassung

Sven Pauling
Universität Oldenburg

Der Beitrag beschäftigt sich mit der Frage, was es für Lehrpersonen bedeutet, vor dem Hintergrund berufsbiographischer Deutungsmuster eine veränderte pädagogische Praxis zu vollziehen und deren Bedingungen zugleich im Rahmen von Schulentwicklung erst hervorbringen so müssen. Für die Bearbeitung dieser Frage wurden im Rahmen einer sich im Abschluss befindenden Dissertationsstudie im Kontext der Begleitforschung zum Schulversuch PRIMUS Interviews mit Lehrkräften geführt. Diese wurden mit der Deutungsmusteranalyse unter einer strukturtheoretischen Perspektive ausgewertet. Die aufgeworfene Frage soll im Forschungsforum diskutiert werden, indem empirisch gezeigt wird, dass Deutungsmuster im Schulversuch einerseits bezüglich des pädagogischen Handelns Fragen nach der Selbständigkeit und dem Wohlbefinden einzelner Schüler*innen betreffen. Hinsichtlich des Schulentwicklungshandelns werden diese Momente andererseits aufgegriffen, um regelschulische Normen und Formen als Anpassungs- und Überschreitungshorizont heranzuziehen. Damit kann exemplarisch diskutiert werden, inwiefern a) sowohl im pädagogischen Handeln wie auch im Schulentwicklungshandeln Deutungsmuster von Lehrpersonen als handlungsleitende und implizite Wissensbestände auftreten, inwiefern sie b) in beiden Bereichen antinomische Handlungsstrukturen bearbeiten und inwiefern sie c) irritiert werden.

 

An den Grenzen Demokratischer Schulen: „den Begriff der Demokratischen Schule nicht der Beliebigkeit anheimgeben“

Tobias Leßner
Universität Siegen

Im Beitrag wird die praktische Hervorbringung von Grenzen durch die AkteurInnen der Gruppierung der Freien Demokratischen Schulen (vgl. Ullrich 2017) zu konventionellen Schulen analysiert. Im Kontext der sich im Abschluss befindenden ethnografisch angelegten Dissertationsstudie wird dabei entlang von Beobachtungen und gesammelten Textartefakten eine Gruppierung skizziert, die sich als besserer Gegenentwurf zu „nicht wirklich" demokratischen Schulen versteht sowie von diesen abzugrenzen und zu unterscheiden versucht. Dabei geraten an verschiedenen Orten der Inszenierung (z.B. Homepages, Zeitschriftenartikel) Praktiken der Abgrenzung, Beschreibung und Definierung in den Fokus. U.a. hinsichtlich des Demokratieverständnisses und einer radikalen Subjektorientierung. Der Beitrag zeigt letztlich auf, wie diese hergestellten Grenzen im schulischen Alltag als Praktiken des Demokratie(vor)spielens besonders dann sichtbar und sichtbar gemacht werden, wenn VertreterInnen konventioneller Schulen zu Gast sind.

 
9:30 - 11:30Anerkennung, Verkennung, Aberkennung: An den Grenzen des Subjekts oder: Praktiken der Subjektivierung reloaded
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 27
 

Chair(s): Dr. Jakob Christoph Will (Katholische Hochschule Mainz, Deutschland), Dr. Denise Bergold-Caldwell (Wissenschaftliche Referentin am Zentrum für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung, Philipps Universität Marburg), Prof. Dr. Eva Georg (Hochschule Bremen)

Wir möchten mit diesem Forschungsforum die Diskussion um die Frage nach dem Subjekt als Kategorie der Be- und Entgrenzung in den untrennbaren Zusammenhang mit (aktuellen) gesellschaftspolitischen Diskussionen stellen. Was dabei unter Subjekt zu verstehen sein kann, ist im Diskurs nicht immer einheitlich formuliert – nicht einmal innerhalb einer Disziplin. Da dies unmittelbare Bedeutung und Auswirkungen für Phänomene der Anerkennung, der Verkennung, aber auch der Aberkennung bestimmter Subjekte hat, erscheint es uns wichtig, unterschiedliche Perspektiven auf Subjektivierung als „Praktik der Grenzziehung“ miteinander ins Gespräch zu bringen. Wir wollen dies als Fragen nach dem „Wie“ der Grenzziehung und den Folgen auf die Auseinandersetzung mit Heterogenität in pädagogischen Kontexten beziehen mit den weiteren Teilnehmenden diskutieren.

 

Beiträge des Panels

 

Karen Barads Konzept der Ethico-onto-epistemo-logie:

Prof. Dr. Eva Georg
Hochschule Bremen

Grenzziehung und Subjekt-Werdung beschreibt Barad mit dem Begriff der IntrAaktion. Sie liefert damit nicht nur eine Neubeschreibung dessen, wie etwas (z.B. ein Subjekt) in die Existenz kommt und wie Bedeutung zugewiesen wird, sondern verdeutlicht auch die Untrenntbarkeit (Ent-grenzung) der Subjekte und Diskurse im Prozess des Grenzens. Über Foucault bspw. hinausgehend kann mit Barad verdeutlicht werden, wie „wir“ sog. agentielle Schnitte vornehmen, um etwas in die Existenz zu bringen – d.h. auch zu einer Subjektivierung zu gelangen. Grenzziehungen sind dabei natürlich nicht willkürlich, sondern durch Apparate (ähnlich dem Diskursbegriff von Foucault) mitbestimmt. „Wir“ sind Teil eines materiellen Werdens das wir aber auch immer wieder mit zu vollziehen helfen. Da wir mit Barad durch IntrAaktion in die Existenz kommen, so haben „wir“ damit offenbar eine Verantwortung. Barad betont damit die Verschränkung der Subjekte und die Rolle der Relationen, aber auch das „Angewiesensein“ und eine „Abhängigkeit“. Es lässt sich kritisch fragen: Was bedeutet dieser Moment des „Ausgeliefertseins“ gegenüber den „anderen“? (Wie) kann ich mich „wehren“ gegen „dich“? Die Bedeutung dieser theoretischen Perspektive für aktuelle Diskussionen um LGBT*IQ und BPoC-Sichtbarkeit und Subjektivierungsformen soll hier angeschlossen werden.

 

Afropessimistische Perspektiven auf Schwarze Nicht-Subjekte

Dr. Denise Bergold-Caldwell
Wissenschaftliche Referentin am Zentrum für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung, Philipps Universität Marburg

Menschen aus der afrikanischen Diaspora und dem afrikanischen Kontinent wurden als Sklav*innen in anderen Ländern gefangen gehalten und verschifft. Sklav*in zu sein und mithin Eigentum eines anderen Menschen; sich selbst, den eigenen Körper, das eigene Begehren, das eigene Leben nicht zu eigen zu haben – also (käufliches) Objekt sein– ist bei genauerer Betrachtung das komplette Gegenteil, von dem was allgemein unter einem Subjekt verstanden wird.

Afropessimistische Perspektiven (Wilderson 2015; Sharpe 2016) gehen davon aus, dass sich diese Geschichte – diese Subjektlosigkeit – nicht wieder herstellen lässt; zu deutlich treten immerwährende (strukturelle) Benachteiligungen, der Raub kulturellen Eigentums und Identifikationsmöglichkeiten und Ausbeutungssituationen zu tage. Selbst etablierte Schwarze Menschen können innerhalb von Sekunden ihrer Geschichte ausgeliefert sein und kolonial-rassistische (Re-) Stabilisierungen erfahren und das kollektive Trauma ist noch immer greifbar. Sharpe plädiert deshalb für eine ‚Arbeit‘, die dort ansetzt das Geschehene nicht als überwunden zu denken, sondern die anhaltende Geschichte in den Mittelpunkt zu stellen. Subjekt-Sein wird von seiner Unmöglichkeit aus gedacht und wird zum Ausgangspunkt der Analyse. Der Beitrag möchte untersuchen ob und inwiefern diese (Ab-)Grenzung von (hegemonialen) Subjekt-Sein eine Möglichkeit der versöhnlichen Existenz darstellt.

 

Alterität als absolute Grenze

Dr. Jakob Christoph Will
Katholische Hochschule Mainz, Deutschland

Eine dritte Perspektive verweist mit Levinas auf eine absolute Grenze, die das Selbst von Anderen trennt - und dies absolut. Damit ist eine Grenze angesprochen, die selbst durch die Grenze verläuft. Denn während Grenzen als Differenzsetzung von dem Wissen um beide Seiten ausgehen, die sich durch die Trennung der Grenze ergeben, verweist die absolute Grenze auf deren absolutes und unverfügbares Außen- dessen Wissen um die andere Seite nicht unmittelbar zugänglich ist. Das Erkennen anderer ist dabei nämlich immer an die Einordnung in eine symbolische Ordnung geknüpft und damit immer auch Anerkennung, bzw. Aberkennung. In gleichem Maße verkennt nicht nur die Aberkennung sondern damit auch die Anerkennung jedoch genau das, was die Grenze markiert: (absolute) Andersheit. Das Selbst bewegt sich damit am äußeren Rand der inneren Grenze des „Bewusstseins von…“ anderen, was lediglich als Spur des inneren Rands der äußeren Grenze vernehmbar wird: Erkennen anderer ist geknüpft an An/Aberkennung die damit auch gleichzeitig Verkennung andere ist (Bedorf). Subjekt-Sein ist damit immer von einer absoluten Begrenzung bestimmt (die damit immer auch eine Abgrenzung ist), was jedoch gleichermaßen als Entgrenzung begriffen werden muss - als Grenzüberschreitend. In diesem Spannungsfeld gestalten sich (professionelle) Beziehungen.

 
9:30 - 11:30Annäherungen an die empirische Untersuchung der Vermittlung und Ausbildung psychoanalytisch-pädagogischer Kompetenzen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 41
 

Chair(s): Prof. Dr. Wilfried Datler (Universität Wien), Dr. Kathrin Trunkenpolz (Universität Wien)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Bernhard Rauh (Universität Regensburg), Prof. Dr. Georg Hans Neuweg (Johannes Keppler Universität Linz)

In diesem Forschungsforum werden Einblicke in zwei laufende Projekte gegeben, in denen die Vermittlung und Ausbildung psychoanalytisch-pädagogischer Kompetenzen mit besonderem Bezug zur Diskussion um das Theorie-Praxis-Verhältnis empirisch untersucht werden.

In beiden Projekten steht die Entwicklung der Fähigkeit im Zentrum, sich in theoriegeleiteter respektive theoriefundierter Weise ausgewählten Praxissituationen zuzuwenden, und in beiden Projekten wird untersucht, welche Bedeutung spezifische Aus- und Weiterbildungsprozesse für die Entfaltung dieser Fähigkeiten beizumessen ist. Eine weitere Ähnlichkeit zwischen beiden Projekten besteht darin, dass zum Zweck der Einschätzung der Entwicklung psychoanalytischer-pädagogischer Kompetenzen spezifische Ratingsysteme entwickelt wurden.

Die Konzeptionen der Projekte und erste Ergebnisse werden präsentiert. Zwei Diskutanten werden kritische Anmerkungen vortragen sowie Bezüge zu ihren Forschungen herstellen.

 

Beiträge des Panels

 

Work Discussion und die Entwicklung einer besonderen Fähigkeit zur „reflection on action“: Ein Konzept zur Einschätzung von psychoanalytisch-pädagogischer Basiskompetenzen und deren Veränderung

Prof. Dr. Margit Datler1, Dr. Irmtraud Sengschmied2, Regina Studener-Kuras2
1KPH Wien/Krems, 2Universität Wien

Personen, die an Work Discussion Seminaren teilnehmen, arbeiten meist in psychosozialen Feldern und verfassen regelmäßig möglichst deskriptiv gehaltene Berichte über eine Stunde ihrer Arbeit, in der sie mit anderen Menschen in Interaktion stehen. Zu viert oder fünft treffen sie sich einmal wöchentlich, um im Kleingruppensetting gemeinsam mit einer Seminarleitung jeweils einen Bericht gemeinsam zu besprechen. Im unmittelbaren Fokus steht das Bemühen, die bewusste und unbewusste Dynamik des beschriebenen Arbeitsgeschehens besser zu verstehen. Durch die längerfristige Teilnehme am Seminar soll u.a. die Fähigkeit entwickelt werden, über Arbeitssituationen auch selbständig so nachdenken zu lernen, wie dies im Seminar vermittelt wird.

Auch Angehörige pädagogischer Berufe nehmen an der Universität Wien oft über mehrere Semester hindurch an Work Discussion Seminaren teil. Am Ende eines jeden Seminars ist den teilnehmenden Personen aufgegeben, eine Sequenz aus einem ihrer Berichte selbständig zu analysieren und das Ergebnis ihrer Analyse schriftlich darzulegen. Um die Qualität dieser Analysen auch unter quantifizierenden Gesichtspunkten präzise einschätzen und die Zunahme an Analysekompetenz über die Semester hinweg bestimmen, diskutieren und rückmelden zu können, wurde eine Ratingsystem entwickelt. Im Beitrag wird die Methode der Work Discussion sowie dieses Ratingsystem unter Bezugnahme auf kasuistisches Material samt ersten Ergebnissen präsentiert und zur Diskussion gestellt.

 

Die Suche nach der praxisleitenden Bedeutung psychoanalytischer Theorien im erzählten Beispiel: Forschungsmethodische Zugänge, rahmentheoretische Überlegungen und erste Ergebnisse aus dem Projekt „TheoPrax“

Prof. Dr. Wilfried Datler1, Bernadette Strobl1, Prof. Dr. Tamara Katschnig2
1Universität Wien, 2KPH Wien/Krems

Im Fokus des geplanten Beitrags steht die mentale Repräsentation der praxisleitenden Bedeutung von Theorie sowie die Fähigkeit, diese Bedeutung einem selbstgewählten Beispiel verdeutlichen zu können. Im Forschungsprojekt „TheoPrax“ wird angenommen, dass es komplexer Prozesse der Herausbildung dieser mentalen Repräsentation und dieser Fähigkeit im Rahmen von Aus- und Weiterbildungsprozessen bedarf. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen werden mit Hilfe eines speziellen Interviews Personen befragt, welche in pädagogischen und angrenzenden Feldern professionell tätig sind. Für den Forumsbeitrag werden Interviews mit jenen Personen herangezogen, welche davon berichten, sich in ihrer professionellen Tätigkeit an psychoanalytischen Theorien und Konzepten zu orientieren. Unter Zuhilfenahme eines Ratingsystems wird (1.) untersucht, in welcher Qualität es diesen Personen gelingt, die praxisleitende Bedeutung der von ihnen genannten Theorien an einem Praxisbeispiel darzulegen. Es wird (2.) gefragt, welche Zusammenhänge zwischen der Qualität der Ausführungen und absolvierten Aus-, Fort- und Weiterbildungsprozessen auszumachen sind. Dies verweist (3.) auf eine weitere Projektphase, in der vertiefende narrative Interviews geführt werden. Schließlich wird (4.) zur Diskussion gestellt, welche Beiträge das Projekt zur Weiterentwicklung der Diskussion des Theorie-Praxis-Verhältnisses in der Erziehungswissenschaft sowie zur Konzeption von Aus-, Fort- und Weiterbildung leisten kann.

 
9:30 - 11:30Be-oder entgrenzende Erziehungswissenschaft? Qualifizierung und Prekarisierung von Wissenschaftler*innen als Motoren der Disziplin
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 35
 

Chair(s): Stefanie Leinfellner (Universität Paderborn, Deutschland), Friederike Thole (Universität Kassel)

Das Forum widmet sich dem Lebens- und Arbeitskontext von Wissenschaftler*innen jenseits unbefristeter Professuren und analysiert die möglichen Auswirkungen eines qualifizierenden wie prekarisierenden Wissenschaftssystems auf die Bedingungen der Wissensproduktion in der Erziehungswissenschaft. Hierzu wird (1.) die Historie und scheinbar grenzenlose Expansion der Erziehungswissenschaft ab den 1960er Jahren aus der Perspektive damals aktiver Wissenschaftler*innen beleuchtet; (2.) werden Subjektformationen von wissenschaftlich tätigen Paaren bei der Ausbalancierung entgrenzter Familien- und Berufsalltage fokussiert; und (3.) stehen aktuelle Perspektiven von Erziehungswissenschaftler*innen im Zentrum, die be- wie entgrenzenden Rahmenbedingungen ausgesetzt sind. Alle Beiträge nähern sich dem Themenfeld aus biographischer Perspektive und versuchen, die Entgrenzungen einer evidenz- wie profitabilitätsorientierten Forschungslandschaft aus Akteur*innenperspektiven in den Blick zu nehmen.

 

Beiträge des Panels

 

Erziehungswissenschaftliche Biographien zwischen Bildungsexpansion, empirischer Wende und Kritischer Universität

Friederike Thole
Universität Kassel

Dieser Forumsbeitrag soll einen exemplarischen Einblick in Wissenschaftsbiographien während des expansiven Ausbaus der Erziehungswissenschaft ab Mitte der 1960er bis in die 1980er Jahre geben – eine Zeit, die nicht nur geprägt war von einem Anstieg der Studierendenzahlen, sondern auch von einem (fast grenzenlosen) Mehr an Qualifizierungsarbeiten und Drittmittelförderungen (vgl. Lüders 1997; Schulze-Krüdener 2005). Eine Zeit, in der eine Generation im Wissenschaftssystem heranwuchs, die sich durch eine besondere Theoriearbeit profilierte (vgl. Felsch 2015) und deren Qualifizierungsphase geprägt war durch das Klima der ‚langen 68er’ (vgl. Hodenberg/Siegfried 2006). Weiter war diese Zeit neben dem quantitativen Ausbau – bezogen auf die Inhalte der Erziehungswissenschaft – eine Zeit des Umbruchs, kam es doch zu einer ‚Empirischen Wende’ (vgl. Tenorth 1986) und zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der bis dahin dominierenden Geisteswissenschaftlichen Pädagogik (vgl. Peukert 1983).

Die hier verwendeten biographischen Interviews sollen die subjektiven Perspektiven auf entgrenzte erziehungswissenschaftliche Karrierewege in dieser Zeit des Auf- und Umbruchs beleuchten, um so diskutieren zu können, was diese zeithistorisch besonderen Bedingungen im Wissenschaftssystems eventuell für Folgen für erziehungswissenschaftliche Lehre und Forschung gehabt haben (können).

 

Subjektformationen und Entgrenzungspotenziale von in der Wissenschaft beschäftigten Elternpaaren

Stefanie Leinfellner
Universität Paderborn

Im zweiten Beitrag geht es um die Vermischung wirtschaftlicher und familiärer Interessen im Arbeitskontext Wissenschaft, die an vermehrt wettbewerbsorientierten Universitäten (Riegraf/Weber 2013) insbesondere dann deutlich wird, wenn sich Wissenschaftler*innen – trotz vergleichsweise hoher Kinderlosigkeit in diesem Arbeitsfeld (Metz-Göckel et al. 2014) – für Elternschaft entscheiden. Durch die Auswertung biographischer Interviews und mittels einer gouvernementalitätsanalytischen Perspektive richtet der Vortrag seinen Blick auf die Organisation Wissenschaft als Arbeitskontext, die darin beschäftigten Eltern sowie deren politisches Selbstbild. Ökonomischen Interessen folgend werden sie im Sinne eines ‚Sich-selbst-Regierens‘ als leistungsfähige Erkenntnissubjekte (Beaufaÿs 2003) in von Unsicherheit, Entgrenzung und Prekarisierung geprägten Beschäftigungsverhältnissen angeleitet. Infolge sind sie bestrebt (1.) ihren wissenschaftlichen Karriereverlauf, (2.) Forschungsaktivitäten und (3.) einen marktwirtschaftlich orientierten Universitätsalltag effizient auszugestalten und zugleich selbstoptimiert mit ‚privaten‘ Belangen wie Elternschaft und Familie zu organisieren (Leinfellner/Bomert 2016). Gefragt wird danach, ob die Befragten Kritik an Kontextfaktoren und Leitbildern üben, oder ob sie selbst zu den „social agents“ werden, denen der auf Entgrenzung setzende Ethos zu seiner Operationalisierung bedarf?

 

Biographische Konstruktionen und Entgrenzungserfahrungen von Wissenschaftler*innen jenseits unbefristeter Professuren

Julian Sehmer1, Stephanie Simon2
1ITES, HAWK Holzminden, 2Universität Kassel, ITES

Gegenwärtige Veränderungen der Arbeits- und Lebensbedingungen von Wissenschaftler*innen jenseits unbefristeter Professuren können ungleichheitsverstärkende Wirkung haben – darauf deuten u.a. Ergebnisse zum Promotionserfolg hin (Matthes 2018; Baader/Korff 2017). Was bedeutet das für eine Disziplin? Im Feld der Hochschulforschung lassen sich kaum systematische Forschungsstränge identifizieren, die sich qualitativ mit Fragen wie dieser beschäftigen. Es existieren quantitative Studien, die sich mit Absolvent*innen oder -abbrecher*innen (Franz 2018) auseinandersetzen und Arbeiten, die strukturelle Veränderungen nachzeichnen, z.B. den Wandel von Studiengängen und seine Folgen für die Erziehungswissenschaft (Grunert/Ludwig 2018). Über die Personen, die einen Großteil von Lehre und Forschung an Hochschulen und Universitäten tragen, liegen wenig Befunde zur Analyse der „Karrierewege“ in- wie außerhalb der Wissenschaft vor (Kosmützky et al. 2017).

Im dritten Beitrag werden empirische Einblicke in die Biographiekonstruktionen von Wissenschaftler*innen jenseits unbefristeter Professuren gegeben. Ziel ist es, deren Deutungen des erziehungswissenschaftlichen Feldes vor dem Hintergrund der von ihnen eingeschlagenen Wege in die Wissenschaft sowie der von ihnen wahrgenommenen Be- wie Entgrenzungen im Feld der hochschulischen Forschung und Lehre zu rekonstruieren.

 
9:30 - 11:30Begrenzte Hilfe? Entgrenzte Kontrolle? Aktuelle Herausforderungen und Entwicklungen in der Jugendstraffälligenhilfe in Deutschland und in der Schweiz
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 19
 

Chair(s): Dr. Simone Brauchli (Universität Zürich, Schweiz), Dirk Lampe (Deutsches Jugendinstitut München)

In jüngerer Zeit haben sich die kriminalpolitischen Vorzeichen, unter denen Jugendhilfe im Strafverfahren stattfindet, in Deutschland und der Schweiz verändert. Die Ausrichtung auf Risikominimierung und Prävention, Akzentuierungen von punitiven Zugängen sowie die wachsende Bedeutung von Diagnostik und Prognostik prägen die aktuelle fachliche Debatte. Diese Entwicklungen können als Ausdruck eines veränderten gesellschaftspolitischen Umgangs mit grundlegenden Spannungsfeldern der Jugendstraffälligenhilfe gedeutet werden. Sie weisen in Richtung einer Entgrenzung von kontroll- und sicherheitsorientierten Maßnahmen, zulasten von Hilfe- und Erziehungsmaßnahmen als zentralem Moment der Sozialen Arbeit. Inwiefern spiegeln diese Einschätzungen aber die aktuelle Fachpraxis und die damit verbundenen Herausforderungen im Feld der Jugendstraffälligenhilfe wider? Diesen Fragen wird anhand von empirischen Studien aus Deutschland und der Schweiz in einer ländervergleichenden Perspektive nachgegangen.

 

Beiträge des Panels

 

Der pädagogische Gebrauch ‚justizieller Drohkulissen‘ als Entgrenzung?

Patrick Zobrist
Hochschule Luzern

Im Spannungsfeld von „Hilfe und Kontrolle“ in der Jugendstraffälligenhilfe akzentuieren sich Fragen nach den Bedingungen und Möglichkeiten professionellen Handelns (Dollinger 2012; Scherr 2015). Der Vortrag gibt Einblicke in erste Ergebnisse eines Forschungsprojektes zur Sozialen Arbeit in schweizerischen Jugendstrafverfolgungsbehörden. In der Studie werden Gesprächs-, Beobachtungs- und Interviewdaten von Interaktionen zwischen straffällig gewordenen Jugendlichen und den Sozialarbeiter:innen aus einer interaktionistisch-machttheoretischen Perspektive rekonstruiert. Es wird dargelegt, wie strukturell angelegte ‚justizielle Drohkulissen‘ in der Interaktion zwischen den Adressat:innen und den Sozialarbeiter:innen aufgebaut und zur Herstellung einer Kooperation in der Arbeitsbeziehung pädagogisch verwendet werden. Im Vortrag soll diskutiert werden, wie diese Praktiken die Soziale Arbeit auf der Ebene der Arbeitsbeziehung entgrenzen können.

Literatur:

Dollinger, Bernd (2012): Professionelles Handeln im Kontext des Jugendstrafrechts. Konzeptionelle Bestimmungen und empirische Hinweise. In: Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform 95, S. 1–17.

Scherr, A. (2015). Professionalisierung im Kontext von Hilfe und Kontrolle. Der Fall Jugendgerichtshilfe. In R. Becker-Lenz, S. Busse, G. Ehlert, & S. Müller (Hrsg.), Bedrohte Professionalität (S. 165–187). Wiesbaden: Springer.

 

Entgrenzter Schutz der Gesellschaft? Normative Bezugspunkte in Schweizer Jugendanwaltschaften

Dr. Simone Brauchli
Universität Zürich

Das Schweizer Jugendstrafrecht ist am Schutz und an der Erziehung von jugendlichen Straftäter:innen orientiert. Die begriffliche Unschärfe dieser beiden Rechtsbegriffe, die in Anlehnung an Scheiwe (2013) auch als «Grenzobjekte» gefasst werden können, ermöglichen Kommunikation und Kooperation zwischen den unterschiedlichen am Jugendstrafverfahren beteiligten Berufsgruppen. Zugleich gibt es Hinweise darauf, dass Risikoorientierung und ein Bestreben, die Gesellschaft vor Straftäter:innen zu schützen, die gegenwärtige Strafrechtspraxis in der Schweiz bestimmen (Lindenau und Meier Kressig 2015).

Inwieweit manifestiert sich in den Perspektiven und Selbstverständnissen von Fachkräften der Sozialen Arbeit und der Jurisprudenz in Jugendanwaltschaften eine Orientierung an den genannten normativen Bezugspunkten? Gibt es empirische Hinweise für Tendenzen einer entgrenzten Orientierung am Schutz der Gesellschaft? Inwiefern sind der Schutz und die Erziehung jugendlicher Straffälliger sowie der Schutz der Gesellschaft für die interprofessionelle Zusammenarbeit in Jugendanwaltschaften von Bedeutung?

Diesen Fragen wird anhand von empirischen Befunden aus qualitativen Interviews zur interprofessionellen Zusammenarbeit in Jugendanwaltschaften in der Schweiz nachgegangen.

 

Entgrenzter Zugriff – Begrenztes Verstehen? Beschuldigte in Jugendstrafverfahren nach der Reform des Jugendgerichtsgesetzes

Dirk Lampe, Annemarie Schmoll
Deutsches Jugendinstitut München

Sind junge Menschen in einem Jugendstrafverfahren Beschuldigte, führt das bei ihnen in der Regel zu diffusen Ängsten und Unsicherheiten. Sie werden mit ihnen unbekannten Verfahrensabläufen konfrontiert und verschiedene institutionelle Akteure mit je eigenen Aufgaben und Handlungsweisen greifen auf sie zu und erforschen u.a. ihre Persönlichkeit, Lebensumstände und ihr Verhalten. Gleichzeitig drohen im Ausmaß und den Folgen nur schwer abschätzbare Sanktionierungen (Dollinger et al., MSchrKrim 2016, 325 ff.). Weitgehend empirisch ungeklärt ist in diesem Kontext, wie junge Menschen ein Jugendstrafverfahren insgesamt erleben, verstehen und deuten. Dies betrifft auch das Handeln der unterschiedlichen verfahrensbeteiligten Institutionen (u.a. Jugendhilfe, Polizei, Staatsanwaltschaft). Infolge des „Gesetzes zur Stärkung der Verfahrensrechte von Beschuldigten im Jugendstrafverfahren“ (2019) müsste die Jugendhilfe im Strafverfahren nun früher in die Verfahren eingebunden werden, um zeitnaher Kontakte zu jungen Beschuldigten aufzubauen, diese über ihre Rechte sowie die Abläufe, Rollen und Zuständigkeiten im Strafverfahren aufzuklären und ihre Beteiligung in Verfahren zu stärken. Ausgehend von diesen Neuregelungen wird im Vortrag anhand qualitativer Interviews mit jungen Menschen deren Sichtweise auf ihr Strafverfahren und die handelnden Akteure, mit Fokus auf die Jugendhilfe im Strafverfahren, eruiert und vorgestellt.

 
9:30 - 11:30Bildungsprozesse in der diskriminierungskritischen Hochschullehre
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 16
 

Chair(s): Prof. Dr. Constantin Wagner (Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Deutschland), Dr. Yalız Akbaba (Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Deutschland), Prof. Dr. Karin Bräu (Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Deutschland), Prof. Dr. Alexandra Klein (Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Deutschland), Prof. Dr. Carmen Mörsch (Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Deutschland)

In einem 2021 begonnenen Graduiertenkolleg interessieren wir uns für die Bearbeitung von struktureller bzw. institutioneller Diskriminierung und epistemischer Gewalt in der universitären Lehre. Dabei fokussieren wir mit einem intersektionalen Verständnis auf die Verhandlung von Ungleichheit und Diskriminierung(-skritik) im Bereich der Lehrer_innenbildung, der Sozialen Arbeit und der kulturellen Bildung. Im Rahmen universitärer Lehrveranstaltungen werden die Auseinandersetzung mit diskriminierungskritischen Materialien, die Umgangsweisen mit dabei auftretenden Widerständen sowie die Entwicklung von Haltungen und veränderten pädagogischen Handlungsweisen bei den Studierenden, kurz: Bildungsprozesse, untersucht. Dies knüpft an das Thema der Entgrenzungen an, etwa welche Grenzen und Ausgrenzungen in der Hochschullehre gezogen und/oder überschritten werden. In diesem Forschungsforum sollen erste Ergebnisse der angelaufenen Studien vorgestellt und diskutiert werden.

 

Beiträge des Panels

 

Bildungsprozesse in der diskriminierungskritischen Hochschullehre

Stefan Bast1, Latifa Hahn1, Christiane Jaspers1, Merle Kondua1, Sheila Ragunathan2, Franziska Schreiter1, Purnima Vater1
1Johannes Gutenberg-Universität Mainz, 2Justus Liebig-Universität Gießen

In einem 2021 begonnenen Graduiertenkolleg interessieren wir uns für die Bearbeitung von struktureller bzw. institutioneller Diskriminierung (Gomolla & Radtke, 2002) und epistemischer Gewalt (Brunner, 2020) in der universitären Lehre. Dabei fokussieren wir mit einem intersektionalen Verständnis auf die Verhandlung von Ungleichheit und Diskriminierung(-skritik) im Bereich der Lehrer_innenbildung, der Sozialen Arbeit und der kulturellen Bildung. Im Rahmen universitärer Lehrveranstaltungen werden die Auseinandersetzung mit diskriminierungskritischen Materialien, die Umgangsweisen mit dabei auftretenden Widerständen sowie die Entwicklung von Haltungen und veränderten pädagogischen Handlungsweisen bei den Studierenden, kurz: Bildungsprozesse, untersucht. In diesem Forschungsforum sollen erste Ergebnisse der angelaufenen Studien vorgestellt und diskutiert werden. Dabei sind u. a. folgende Fragen relevant: Welche Diskurse hinsichtlich Diskriminierungskritik lassen sich an der Universität rekonstruieren? Was, wen und welches Wissen repräsentieren Lehr-Lern-Materialien, die in der diskriminierungskritischen Hochschullehre eingesetzt werden? Welche Positionierungen nehmen Studierende hinsichtlich Benachteiligung und Privilegierung ein und wie verändern sich Haltungen und Handlungsweisen?

 
9:30 - 11:30Die Überwindung von Sprach|losigkeit|en. Forschungsforum zu Ent|grenz|ungen durch Sprache
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 24
 

Chair(s): Dr. Julia Ganterer (Leuphana Universität Lüneburg), Hila Kakar (Leuphana Universität Lüneburg), Verena Marke (Leuphana Universität Lüneburg)

Sprache schafft und überwindet zugleich Grenzen. Ent|grenz|ungen durch Sprache stellen eine Herausforderung für erziehungswissenschaftliche Forschung dar und lassen sich in vielen gesellschaftlichen Zusammenhängen beobachten. Ziel des Forschungsforums ist es Möglichkeiten und Grenzen dem/den Sprachlosen eine Sprache zu geben aufzuzeigen. Durch vier Impulsvorträge (10 min) aus aktuellen Forschungszusammenhängen werden beispielhaft Ent|grenz|ungen durch Sprache in Geschlechterverhältnissen, in globalisierten generationalen Ordnungen sowie in durch Migration geprägte Zusammenhängen skizziert und über Möglichkeiten Sprachlosigkeit zu überwinden diskutiert. Anschließend an die vier Impulsvorträge wollen wir folgende Fragen diskutieren:

- Wie entstehen sprachliche Ent|grenz|ungen?

- Welche Rahmenbedingungen braucht es, um Sprachlosigkeit zu überwinden?

- Wie kann Sprache als Medium eingesetzt/verhandelt/genutzt werden, um Ent|grenz|ungen entgegenzuwirken?

 

Beiträge des Panels

 

Sprach-Los – Grenzen-Los

Dr. Julia Ganterer
Leuphana Universität Lüneburg

Gewalt spricht nicht, gleichwohl sie ein Akt der Sprache ist. Die Gewalt ist in und durch die Sprache uns „heimisch geworden“ (Liebsch 2014: 356). (Sprachliche) Gewalt ist zerstörerisch, sie erniedrigt und herabwürdigt; be- und entgrenzt Menschen aus ihren sozialen Positionen und heimischen Plätzen. Anhand erzählter Gewalterfahrungen von Cis-Frauen, die sie durch eine männliche Beziehungsperson erlitten haben, soll nicht jene geschlechtsspezifische Gewalt sichtbar dargestellt werden, sondern gilt es, dem Dazwischen auf die Spur zu kommen. Also jenen existierenden Gewaltdynamiken, die nicht manifest, nicht sichtbar oder sagbar sind, sondern latent in der Welt, lautlos und leibhaftig in uns heimisch sind. Es gilt der Gewalt eine Sprache zu geben und ein Vokabular jenen zu geben, die es benötigen um sich auszudrücken, sich Grenzen-Los zu machen.

Literatur:

Liebsch, Burkhard (2014). Was (nicht) als Gewalt zählt. Zum Stand des philosophischen Gewaltdiskurses heute. In: Staudigl, Michael (Hg.). Gesichter der Gewalt. Beiträge aus phänomenologischer Sicht. Paderborn: Wilhelm Fink, S. 355-381.

 

Sprachliche Ent-grenz-ungen der UN-Kinderrechtskonvention und deren globalen und nationalen Auswirkungen

Verena Marke
Leuphana Universität Lüneburg

Die sprachlich und sozial konstruierten Prinzipien der binären Generationenzugehörigkeit der Kinder- und Menschenrechte, sowie der „sich entwickelnden Fähigkeiten von Kindern“ können in der UN-Kinderrechtskonvention auf zwei gegensätzliche Arten verstanden werden (Stoecklin & Bonvin 2014: 69): Als Einschränkung der von Kindern ausgeübten Rechte oder als Anerkennung der besonderen Fähigkeiten von Kindern im Sinne einer ethisch symmetrischen und akteurszentrierten Beziehungsqualität. Solange jedoch Erwachsene die Definitionsmacht für die Rechte des Kindes hierarchisch auslegen, wird das Prinzip im Sinne einer Einschränkung für Kinder angewendet.

Das generational ordnende Bild vom „Kind“ findet in „Sprache“ unreflektiert Anwendung und Reproduktion und lässt sich in der Absenz der Stimme von Kindern festmachen. „Sprache“ und „Mitsprache“ fungieren als Barrieren für vulnerable Gruppen und lassen sie in gesellschaftlicher Sprachlosigkeit verstummen. Intersektionale Wirkmechanismen können durch die sprachliche Anwendung und Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention verstärkt oder abgeschwächt werden.

Literatur:

Stoecklin, D. & Bonvin, J.-M. (2014). Children’s Rights and the Capability Approach. Challenges and Prospects. Dordrecht: Springer.

 

Sprachliche Ent|grenz|ung durch Migration

Hila Kakar
Leuphana Universität Lüneburg

„Die Sprache bildet einen zentralen Aspekt der Integration von Migranten, womöglich sogar den wich-tigsten“ (Esser 2006: 23). Dies hat die politische und öffentliche Integrationsdebatte stark geprägt: Der Erwerb von Deutschkenntnissen wird als Voraussetzung für die Teilhabe von Migranten*innen an der Gesellschaft gesehen. Die gelebte Mehrsprachigkeit von Migranten*innen wird dabei jedoch kaum be-rücksichtigt. Infolgedessen sehen die Migranten*innen die deutsche Sprache als größte Herausforderung im Kontakt mit Ämtern und Behörden sowie generell für das Leben in Deutschland.

Literatur:

Esser, Hartmut (2006). Sprache und Integration. Die sozialen Bedingungen und Folgen des Spracher-werbs von Migranten, Frankfurt: Campus.

 
9:30 - 11:30Die Zukunft ist schon da. Die handlungsleitende Rolle von Zukunftsnarrativen in der Bildungspolitik
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 15
 

Chair(s): Prof. Dr. Florian Waldow (Humboldt-Universität zu Berlin, Deutschland)

Diskutant*innen: Ana Werkstetter Caravaca (Freie Universität Berlin)

Zukunftserwartungen sind in pädagogischen und bildungspolitischen Diskursen allgegenwärtig. Bildungspolitische Agenden gründen notwendigerweise auf Annahmen über zukünftige Entwicklungen, versuchen, die Organisationen und die Lernenden auf antizipierte Entwicklungen vorzubereiten, und gestalten diese Entwicklungen gleichzeitig mit.

Zukunftserwartungen werden im bildungspolitischen Feld aktiv von Akteuren mitkonstruiert und reproduziert. Für die Herstellung von Plausibilität und Legitimitität dieser Erwartungen spielen Narrationen, „stories“, eine wichtige Rolle.

Im Forschungsforum sollen derartige Zukunftsnarrative und wie sie zustande kommen in den Blick genommen werden, einerseits im Blick auf die Digitalisierungsdebatte in deutschen Leitmedien, andererseits im Blick auf übergreifende, tlw. globale Geltung beanspruchende Zukunftsnarrative, wie sie in internationalen Organisationen konstruiert, verhandelt und verbreitet werden.

 

Beiträge des Panels

 

Zwischen Hoffnung und Bedrohung. Zukunftsnarrative und Plausibilisierungsstrategien in der massenmedialen Digitalisierungsdebatte

Jakob Erichsen
Humboldt-Universität zu Berlin

Der Beitrag rekonstruiert und analysiert massenmedial vermittelte Zukunftserwartungen im Hinblick auf den Prozess der Digitalisierung im Bildungsbereich. Er geht von der Prämisse aus, dass Zukunftserwartungen handlungsleitende Phänomene sind, die nicht als rein individuell kreiert betrachtet werden dürfen, sondern kollektiv vermittelt und sozial geformt Eingang in Debatten und Interaktionen finden.

Mediale Debatten sind hier ein interessantes Forschungsobjekt, da sie aktiv am Agenda Setting und am Framing von Problemen mitwirken. Sie verbreiten, erzeugen und verstärken Erwartungen, Problemlagen und Begründungsmuster, die in der Folge von anderen Akteuren übernommen werden können. Die Betrachtung der medialen Debatten erlaubt darüber hinaus Aussagen darüber, wie das Handeln von anderen bildungspolitischen Akteuren im Bezug auf bestimmte Zukunftserwartungen öffentlich wahrgenommen und bewertet wird.

Im Beitrag wird dargestellt, welche Zukunftserwartungen die Debatte prägen, durch welche Narrative sie plausibilisiert werden und welche policies ihrerseits mit ihnen legitimiert werden. Dabei wird das Wechselspiel zwischen allgemeinen, breit diffundierten Zukunftserwartungen und gesellschaftlichen Erwartungen an das Bildungssystem analysiert und argumentiert, dass bildungspolitische Debatten von Antizipationsprozessen geprägt sind und Entscheidungen mehr auf Interpretation und Imagination als auf rationaler Kalkulation beruhen.

 

The Presence of Futures. Futures Discourse in the Global Education Governing Arena Mediated by UNESCO’s “Futures of Education”

Franziska Primus
Örebro University, Schweden

This paper presents insights into the analysis of how futures are imagined or portrayed in the global education governing arena. The United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization (UNESCO) and its current initiative “Futures of Education” serve as concrete entry points. The analysis of material published by the initiative between its launch in 2019 and the end of 2020, and of historical commission reports is inspired by the discourse historical approach (DHA). The paper discusses first findings along argumentative topoi which are reconstructed from the material representing general reasonings on futures. The topoi of crisis, negative disruption and threat come to the fore with the COVID-19 pandemic. The respective global challenges prevail, but the possibly impending loss of future opportunities is framed as the actual central threat. Hope seems to rise as a topos to counter that.

The paper is part of a broader study based on sociology of expectations and sociological fictionalism aiming to gain a deeper understanding of the (re)production of global education policy by relating it to future imaginaries. Therefore, it also discusses first indications of how the discourse on futures relates to the programmatic level of education policy.

 

Naming the Future: Die Relevanz kultureller Repertoires über die Zukunft bei der OECD und UNESCO im Vergleich

Walter Fritsch
Humboldt-Universität zu Berlin

Wie Menschen die Zukunft wahrnehmen, ist in der Tat keine rein individuelle Entscheidung, sondern durch soziale Gegebenheiten geprägt und damit ein inhärent kulturelles Phänomen. Welche Zukunftsrepertoires Individuen dabei zur Verfügung stehen, ist allerdings stark von historischen und materiellen Voraussetzungen geprägt, sodass die ‚capacity to aspire‘ ungleich verteilt ist.

Der Beitrag analysiert, wie Akteure auf globaler Ebene um Zukunftsnarrative im Bildungsbereich konkurrieren und inwiefern dabei Rücksicht auf die ungleiche Verteilung jener Kapazität genommen wird. Insbesondere sollen dabei Unterschiede zwischen den zwei internationalen Organisationen (UNESCO und OECD), die für sich beanspruchen, die Zukunft der Bildung gestalten zu wollen, herausgearbeitet werden. Als Grundlage dafür dienen Materialien, die im Rahmen der Futures Of Education Initiative der UNESCO und dem Future of Education and Skills 2030 Projekt der OECD zwischen 2019 und 2021 veröffentlicht wurden. Es wird argumentiert, dass auf dem Rücken der Zukunftsgestaltung politische Auseinandersetzungen ausgetragen werden, da beide Organisationen versuchen, sich durch ihre (sehr unterschiedlichen) Vorstellungen der Zukunft voneinander abzugrenzen, um eine Führungsrolle in der internationalen Bildungspolitik beanspruchen zu können. Obwohl die Relevanz kultureller Repertoires unterschiedlich stark betont wird, hat sie bei beiden Organisationen ähnlich wenig Auswirkungen auf die Umsetzung ihrer Programme.

 
9:30 - 11:30Digital gestützte Entgrenzung der Forschungs- und Fördermöglichkeiten zu/von Feedback-, Klassenführungs- und Planungskompetenz
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 40
 

Chair(s): Prof. Dr. Daniel Scholl (Universität Vechta, Deutschland), Prof. Dr. Marc Kleinknecht (Leuphana Universität Lüneburg), Prof. Dr. Katharina Müller (Leibniz Universität Hannover)

In diesem Forschungsforum werden die erweiterten Möglichkeiten diskutiert, die digitale Tools für die (videobasierte) Lehrerinnen- und Lehrerkompetenzforschung und -förderung bieten. Die Diskussionsgrundlage bilden drei Projekte, in denen 1. Unterrichtsvideos in eine Lernsoftware zur Förderung von Reflexions- und Feedbackkompetenzen integriert und 2. videobasierte Unterrichtssimulationen mit 360°- und mobile Eyetracking-Kameras zur Förderung von Klassenführungskompetenzen betrachtet wurden sowie 3. eine Unterrichtsplanungssoftware zur kognitiv entlastenden Förderung der Planungskompetenz entwickelt wurde. Die Diskussion dieser Projekte, die im größeren Kontext einer forschungs- und praxisorientierten Lehrerinnen- und Lehrerbildung(-sforschung) stehen, zielt – im Wechselbezug von Untersuchungsgegenstand, Untersuchungsdesign und gegenstandskonstituierender Forschungsfrage – auf die Auslotung von Perspektiven der digital gestützten Kompetenzforschung- und -förderung.

 

Beiträge des Panels

 

Analytisch und authentisch? Förderung der Wahrnehmungs- und Feedbackkompetenz von Lehramtsstudierenden mit einem online- und videobasierten Unterrichtsfeedback

Prof. Dr. Marc Kleinknecht, Dorothee Anders, Christopher Neil Prilop, Dr. Kira Elena Weber
Leuphana Universität Lüneburg

Aktuelle Studien im Rahmen einer praxisbasierten Lehrkräftebildung verweisen auf die Bedeutung eines situierten, fallbasierten Lernens für die Kompetenzentwicklung von angehenden Lehrkräften. Möglichst authentische text- und videobasierte Fälle sollen es angehenden Lehrkräften ermöglichen, Lehr- und Lernsituationen zu analysieren und die Reflexion ihrer eigenen Praxis zu verbessern. Insbesondere Videofälle ermöglichen eine Dekomposition von komplexen „Core-Practices“ (Grossman et al., 2009). Bislang mangelt es allerdings an quasi-experimentellen Studien, die einzelne Bedingungen videofallbasierter Lernumgebungen systematisch variieren.

In mehreren Interventionsstudien im Rahmen des Unterrichtspraktikums an der Leuphana Universität haben wir uns mit der Wirkung eines strukturierten online- und unterrichtsvideobasierten ExpertInnen- und Peer-Unterrichtsfeedbacks auf abhängige Variablen wie Feedback- und Wahrnehmungskompetenz beschäftigt (Weber et al., 2018; Prilop et al., 2020, 2021). Durch das Durchlaufen eines Videofeedbackzirkels (Kleinknecht & Gröschner, 2016) sollten Studierende dabei die Core Practice „lerneffektives Gestalten eines Phasenübergangs“ (als Teilfacette von Klassenführung) erlernen.

Im Vortrag wird auf eine Studie eingegangen, bei der die Reflexion und das Feedback asynchron direkt bei der Videobeobachtung erfolgten. Die Potenziale einer solchen Lernumgebung werden abschließend diskutiert.

 

Unterrichtssimulationen und mobile Eyetracking-Videos zur Förderung und Erforschung handlungsnaher Kompetenzen im Bereich des Classroom Management

Prof. Dr. Katharina Müller, Madlena Kirchhoff, Leonie Telgmann
Leibniz Universität Hannover

Zur Förderung handlungsnaher Kompetenzen des Unterrichtens von angehenden Lehrkräften werden zunehmend Unterrichtsvideos (Gaudin & Chalies 2015) und Simulationen in der Lehrkräftebildung eingesetzt (Chernikova, 2020). Unterrichtssimulationen im universitären Setting erlauben eine Annäherung an die unterrichtliche Praxis im Sinne der approximations of practice (Grossmann et al. 2009) und ermöglichen die gezielte Verknüpfung von unterrichtlichen Teilfertigkeiten im Bereich der Planung, Durchführung und Reflexion. In der Kombination mit der videographischen Aufzeichnung des simulierten Lehr-Lerngeschehens können die eigenen handlungsnahen Kompetenzen für eine Reflexion zugänglich gemacht werden. Die Aufzeichnung erfolgt neben herkömmlich aufgezeichneten Videos zunehmend auch mit neuen Technologien, wie 360°- und mobilen Eyetracking (MET)-Kameras, welche eine veränderte Perspektive auf das Unterrichtsgeschehen ermöglichen (Cortina et al. 2018).

Im Vortrag wird anhand aktueller Forschungsbefunde aufgezeigt, wie MET-Videos und Simulationen gewinnbringend zur Förderung und Erforschung handlungsnaher Kompetenzen des Unterrichtens eingesetzt werden können. Beispielhaft wird dafür auf die Core Practice (McDonald et al., 2013) Umgang mit Störungen im Bereich des Classroom Management (Kounin, 2006) in der Planung, Durchführung und Reflexion fokussiert.

 

Kompetenzförder- und -forschungsperspektiven der softwarebasierten Planung von Unterricht

Prof. Dr. Daniel Scholl, Simon Küth
Universität Vechta

Eine gründliche Strukturplanung von Unterricht verlangt, Entscheidungen u.a. zu seinen Zielen, Inhalten, Methoden und Medien in wechselseitiger Bezugnahme aufeinander und in Abstimmung mit den individuellen und situativen Lehr-Lernvoraussetzung zu treffen (Friesen, 2010). Gerade Noviz*innen haben aber grundsätzlich Schwierigkeiten beim Erkennen dieser Wechselwirkungen (Koeppen, 1998), weshalb ihr Planungsdenken in der Regel linear verläuft (Westerman, 1991). Ein Grund für diese Schwierigkeiten liegt in der hohen Elementinteraktivität der Planungsaufgabe, die mit einer starken intrinsischen kognitiven Belastung für die Planenden einhergeht (Sweller, van Merriënboer & Paas, 1998, 2019).

Im Vortrag wird eine selbstentwickelte, forschungsbasierte Planungssoftware vorgestellt, die – im Anschluss an bestehende Planungstools (Strickroth, 2019), deren Funktionsvielfalt (Prieto et al., 2013) und deren Möglichkeit der Verringerung kognitiver Planungsbelastung (Schrader & Schöb, 2016) – ein kognitiv entlastendes Unterstützungssystem (part-whole sequencing, Gerjets, Scheiter und Catrambone, 2004) zur Förderung dynamischen Planungsdenkens bietet. Außerdem werden Forschungsanforderungen und -befunde präsentiert und diskutiert, die einerseits die heuristischen Evaluation (Nielsens, 1993) der Usability (Brooke, 1996) dieser Software, andererseits die Evaluation ihrer Lernwirksamkeit mit einem standardisierten, vignettenbasierten und raschhomogenen Kompetenztest betreffen.

 
9:30 - 11:30Digitale Welt – digitale Grundschule: Begegnungen mit und über digitale Medien eröffnen und gestalten
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 26
 

Chair(s): Larissa Ade (Universität Würzburg, Deutschland), Prof. Dr. Sanna Pohlmann-Rother (Universität Würzburg)

In einer digital geprägten Gesellschaft erscheinen die Einsatzmöglichkeiten digitaler Medien nahezu grenzenlos und eröffnen bereits Grundschulkindern vielfältige Lern- und Erfahrungsräume. Insbesondere mit Blick auf die heterogenen Lernvoraussetzungen der Schüler*innen sowie die zunehmend inklusive Bildungslandschaft stellt sich die Frage, wie digitale Lern- und Erfahrungsräume in der Grundschule gestaltet werden können.

In dem Forschungsforum „Digitale Welt – digitale Grundschule: Begegnungen mit und über digitale Medien eröffnen und gestalten“ werden diese digitalen Lern- und Erfahrungsräume aus Sicht der Grundschulpädagogik sowie der Pädagogik bei Geistiger Behinderung betrachtet. Dabei werden verschiedene Perspektiven (Studierende, Lehrkräfte, Schüler*innen) berücksichtigt, die mittels qualitativer und quantitativer methodischer Zugänge beleuchtet werden. Ziel ist eine kritische Diskussion der Chancen und Herausforderungen digitaler Medien in der (inklusiven) Grundschule.

 

Beiträge des Panels

 

Förderung medienpädagogischer Überzeugungen durch interdisziplinäre Lerngelegenheiten in der Lehrkräftebildung?

Dr. Katharina Kindermann, Prof. Dr. Sanna Pohlmann-Rother, Prof. Dr. Christoph Ratz
Universität Würzburg

Der sinnvolle und gewinnbringende Einsatz digitaler Medien im Unterricht setzt medienpädagogische Kompetenzen der Lehrkräfte voraus. Bei Lehramtsstudierenden, die später in der Primarstufe unterrichten, stellt das die universitäre Lehrkräftebildung vor besondere Herausforderungen. Lehrkräfte an Grund- und Förderschulen sind nicht nur für die Förderung von Medienkompetenzen bei jungen Schüler*innen verantwortlich, sondern auch für den Einsatz digitaler Medien in der sensiblen Phase des Anfangsunterrichts und in meist sehr heterogenen Lerngruppen. Das Forschungsprojekt fokussiert die medienpädagogischen Überzeugungen von Lehramtsstudierenden als einen zentralen Bestandteil ihrer medienpädagogischen Kompetenzen (Tiede, Medie-related Educational Competencies of German and U.S. preservice Teachers, 2020). Teil des Projekts ist ein interdisziplinäres Seminarangebot zum Thema „Individuelle Förderung im inklusiven Schriftspracherwerb durch digitale Medien – am Beispiel digitaler Bilderbücher“, in dem Studierende des Lehramts an Grundschulen und des Lehramts für Sonderpädagogik gemeinsam digitale Bilderbücher für den Anfangsunterricht in der Grundschule erstellen. Die medienpädagogischen Überzeugungen der Studierenden werden sowohl vor als auch nach dem Seminar mittels Fragebogen erhoben. Im Vortrag werden erste Ergebnisse des Pre-Post-Designs (N = ca. 100) vorgestellt und das Potenzial des Seminarangebots für die Entwicklung medienpädagogischer Kompetenzen diskutiert.

 

Digital Storytelling – Wie können Lernsituationen im digital-inklusiven Anfangsunterricht gestal-tet werden?

Julia Warmdt, Henrik Frisch, Prof. Dr. Sanna Pohlmann-Rother, Prof. Dr. Christoph Ratz
Universität Würzburg

Die zunehmende Digitalisierung aller Lebensbereiche führt zu Transformationsprozessen auf allen Ebenen, unter anderem auch im schulischen Kontext. Insbesondere vor dem Hintergrund verstärkt inklusiver Schulentwicklung bleibt zu klären, wie das entgrenzende Potenzial digitaler Medien im gemeinsamen Anfangsunterricht von Schüler*innen mit und ohne Förderschwerpunkt geistige Entwicklung genutzt werden kann (Zorn et al., Theoretische Grundlagen inklusiver Medienbildung, 2019). Im inklusiven Unterricht wird von einer großen Spannweite der Lernvoraussetzungen ausgegangen, die in individualisierten und gemeinsamen digitalen Lernsituationen berücksichtigt werden. Das Konzept des Digital Storytellings bietet eine Möglichkeit für die Gestaltung digitaler Lernumgebungen, die den heterogenen literarischen, schriftsprachlichen und medialen Lernvoraussetzungen gerecht werden können und ein hohes Potenzial für kognitive Aktivierung bieten. Im Rahmen des Forschungsprojektes werden multimediale Impulse für den Anfangsunterricht konzipiert, die Schüler*innen im Sinne eines Digital Storytellings rezipieren und eigenständig multimedial weitergestalten. Dabei stehen Ihnen neben herkömmlichen (Bild, Schrift) auch erweiterte Ausdrucksmöglichkeiten (Audio, Foto, Video) zur Verfügung. Dieses unterrichtspraktische Lehr- und Lernsetting für den inklusiv-digitalen Anfangsunterricht wird aus grundschul- und sonderpädagogischer Perspektive betrachtet und kritisch diskutiert.

 

Die Erfassung und Förderung von digitalen Informationskompetenzen bei Grundschulkindern

Tina Jocham, Prof. Dr. Sanna Pohlmann-Rother
Universität Würzburg

Der Zugang zu Informationen wird durch die Digitalisierung zunehmend entgrenzt. Die gesteigerte Verfügbarkeit von Informationen führt zu neuen Herausforderungen, wodurch ein kritischer Umgang mit Informationen an Bedeutung gewinnt. Für die schulische Bildung ergibt sich deshalb die Aufgabe, die Nutzung und Bewertung von Informationen verstärkt in den Blick zu nehmen (Çetta et al. Informationskompetenz als Schlüsselkompetenz, 2020). Vor diesem Hintergrund sind grundschulspezifische Konzeptionen zur Ausbildung von digitalen Informationskompetenzen notwendig, die unter anderem problemorientiertes Lernen stärken und Transfermöglichkeiten bieten (Irion et al. Grundschulbildung in der digitalen Welt, 2018). Ein Konzept zur Förderung der Informationskompetenzen in der Grundschule wird im Rahmen eines Warte-Kontrollgruppendesigns entwickelt und empirisch evaluiert, wobei der Schwerpunkt auf der kritischen und reflexiven Auseinandersetzung mit recherchierten digitalen Informationen liegt. Die Überprüfung der Wirksamkeit erfolgt mithilfe eines Schüler*innenfragebogens im Prä-Post-Design. Zur Sektionstagung werden Ergebnisse der Pilotierung (N = 50) und Teile der Intervention präsentiert sowie methodische Herausforderungen diskutiert.

 

Aushandlungsprozesse von Grundschüler*innen beim kooperativen multimedialen Gestalten am Tablet – Ergebnisse einer qualitativen Interview- und Videostudie

Larissa Ade, Prof. Dr. Sanna Pohlmann-Rother
Universität Würzburg

Kooperatives Lernen eröffnet Chancen, fachliche und soziale Kompetenzen von Schüler*innen anzubahnen. Voraussetzung hierfür ist die gemeinsame, konstruktive Gestaltung sozialer und fachbezogener Lernprozesse, die auch positive sozioemotionale Interaktion zwischen den Lernenden einschließt (Rogat et al. Socially Shared Regulation in Collaborative Groups, 2011). Bei kooperativen Aufgaben mit digitalen Medien werden diese sozialen und fachlichen Interaktionen um mediale Aushandlungsprozesse erweitert. Dies kann Gestaltungsräume für die Lernenden eröffnen, jedoch auch erweiterte Anforderungen an sie stellen, weswegen der Begleitung und Unterstützung der Aushandlungsprozesse seitens der Lehrkraft besondere Bedeutung zukommt. Ziel des Forschungsprojekts ist es, die Nutzung kooperativer multimedialer Gestaltungsaufgaben durch Schüler*innen mehrperspektivisch zu erfassen. Dazu wurden 28 Drittklässler*innen bei der kooperativen Gestaltung eines multimedialen E-Books videografiert und anschließend leitfadengestützt befragt. Die Ergebnisse der Interview- und Videodaten verweisen unter anderem auf die besondere Bedeutsamkeit von sozialen und medialen Aushandlungsprozessen für eine gelingende Mediengestaltung, in die alle Schüler*innen eingebunden sind. Im Vortrag werden die Potenziale der Lernbegleitung durch die Lehrkraft in ihrer Bedeutung für die sozialen Aushandlungsprozesse der Schüler*innen reflektiert und Perspektiven zur Gestaltung kooperativer Arbeitsphasen am Tablet aufgezeigt.

 
9:30 - 11:30Ent- und Begrenzung der Wissensproduktion in einer globalisierten Bildungswelt
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 11
 

Chair(s): Nina Westerholt (Hochschule Niederrhein, Deutschland), Sandra Holtgreve (Hochschule RheinMain)

Im Forschungsforum betrachten wir die Ent- und Begrenzung(en) von Wissensproduktion in einer globalisierten Bildungswelt und überschreiten dabei theoretische, methodische und disziplinäre Grenzen. Mit Kindertagesstätte, Schule, Hochschule und Wissenschaftskonferenzen werden Bildungsorte verschiedener Lebensphasen in den Blick genommen, deren ‚Grenzen‘ zum Beispiel durch Migrationsbewegungen oder Globalisierung immer wieder neu in Frage gestellt werden. Dabei werden die Akteur*innen, die den Bildungsrahmen gestalten, in den Vordergrund gestellt und ergänzen somit Ansätze, die die Position von Bildungsempfänger*innen untersuchen. Im Forschungsforum wollen wir erörtern, welche Grenzen in den Lehr-Lernsettings, -diskursen und -praxen in diesen Bildungsinstitutionen (re-)produziert werden. Inwiefern werden durch Ent- und Begrenzung (Un-)gleichheiten und Machtasymmetrien legitimiert? Wie kann man diesen Ungleichheiten begegnen?

 

Beiträge des Panels

 

Rassismuskritische Fachdidaktik

Prof. Dr. Nina Simon1, Prof. Dr. Karim Fereidooni2
1Universität Leipzig, 2Ruhr-Universität Bochum

Basierend auf Erläuterungen zu Rassismus, Rassismuskritik sowie einem Plädoyer für eine gesellschaftstheoretisch informierte, kritisch-reflexive Fachdidaktik gehen wir in unserem theoretischen Vortrag der Frage nach, welcher Prämissen rassismuskritische Fachdidaktik bedarf und welche Herausforderungen damit verbunden sind.
Die Notwendigkeit einer bisher nur marginal vertretenen rassismuskritischen Perspektive auf rassismusrelevante Sachverhalte in den Fachdidaktiken und damit im Kontext einer der zentralen Bildungsinstitutionen, der Schule, stellt dabei den Ausgangspunkt der nachfolgenden Betrachtung dar.
Zentral erscheint uns eine rassismuskritisch informierte Perspektive auf Fachdidaktiken nicht zuletzt deshalb, da diesen neben dem Generieren wissenschaftlicher Erkenntnisse die Aufgabe zukommt, sie in fachdidaktische Umsetzungsvorschläge, die somit „Lösungsvorschläge“ darstellen, zu übersetzen und damit (auch) Lehramtstudent_innen, Referendar_innen und Lehrer_innen einen Zugang zum Feld rassismuskritischer Fachdidaktik zu ermöglichen.Rassismuskritische Fachdidaktik stellt keineswegs einzig, aber auch für Schule(n) in der Migrationsgesellschaft ein unabdingbares Moment dar, trägt doch die Absenz einer derart ausgerichteten Fachdidaktik zur (Re)Produktion hegemonialer Wissensbestände, die (gerade in der zentralen Bildungsinstitution Schule) als Begrenzung(en) gedacht werden sollte, bei.

 

Be- und Entgrenzung durch bzw. von Wissen und Macht in Studiengängen der Sozialen Arbeit mit internationalem Fokus

Nina Westerholt
Hochschule Niederrhein

Hochschulinternationalisierung gilt häufig als neutrale und unausweichliche Antwort auf Globalisierungsprozesse (Majee/Ress 2020). Allerdings besteht dabei die Gefahr einer Fortsetzung eurozentristischer Wissensproduktion (Stein 2019) und somit der (Re-)Produktion von Wissensgrenzen und Machtgrenzen – Aspekte, die in der Forschung um Internationalisierung bislang allerdings nur wenig Beachtung finden.

Der Beitrag beschäftigt sich mit den Internationalisierungsdiskursen deutscher Hochschulen und speziell des Studiengangs Soziale Arbeit. Auf Basis einer kritischen Diskursanalyse wird untersucht, inwiefern in Internationalisierungsdiskursen des Studiengangs Soziale Arbeit eine Be- und Entgrenzung durch bzw. von Wissen und Macht stattfindet. Inwiefern lassen sich Mechanismen des Otherings in Modulhandbüchern von Studiengängen der Sozialen Arbeit mit internationalem Fokus erkennen und welche Rolle spielen dabei Konstruktionen um den ‘Westen‘ und den ‚Rest‘ (vgl. Hall 2018)? Dabei wird auch die Frage bearbeitet, inwiefern diese Konstruktionen (gegen-)hegemoniale Wissensordnungen (re-)produzieren. Die besondere Betrachtung des Studiengangs Soziale Arbeit begründet sich in dessen disziplinarischer Nähe zu macht- und differenzsensiblen Ansätzen. Welchen Einfluss haben diese Theorien sowie das ‚Spannungsverhältnis‘ von Kontextualisierung vs. Internationalisierung Sozialer Arbeit auf das Internationalisierungsverständnis im Studiengang Soziale Arbeit?

 

On the promises and pitfalls of building knowledge horizontally in hybrid international conferences - reflections from a transatlantic graduate academy

Sandra Holtgreve
Hochschule RheinMain

After more than a year of pandemic ‘state of crisis’, many colleagues have emphasised the opportunities of virtual spaces for more ecologically and socially sound conferences, but also warned about inequality drivers in the evaluation of their experiences. But only few fully or partly virtual events specifically considered social inequalities in their planning and organisation. The presentation reflects on such an endeavor by asking what changes when these inequalities are explicitly taken into account in the planning and organisation of a virtual academic event series. A reflection of the practices based on work diaries conducted between October 2020 and June 2021 on the planning and implementation process of the event series shows potential to address structural inequalities with admission, funding and language policies, but comes to clear limits in applying horizontal processes to international online conference design and organisation.

 
9:30 - 11:30Ent- und Begrenzungen des Lernens mit digitalen Medien bei Kindern und Jugendlichen in verschiedenen Bildungskontexten
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 30
 

Chair(s): Prof. Dr. Ivo Züchner (Philipps-Universität Marburg, Deutschland), Prof. Dr. Angela Tillmann (TH Köln), Prof. Dr. Kai Hugger (Universität zu Köln)

Digitalisierung trägt zu einer Dezentralisierung und Deregulierung von Bildungsorten bei. Kinder und Jugendliche finden im Rahmen digitaler Mediennutzung an verschiedenen Orten neue Zugänge zu Wissen und können online sowie offline in hybriden Bildungskontexten lernen. Entsprechend wird heute Medienbildung entlang der gesamten „Bildungskette“ gefordert, die alle Kontexte der Medienbildung einbezieht und auch die Überlappungsbereiche einbezieht. Da sich die gegenwärtige Forschung zu digitalen Medien in der Bildung meist auf einzelne Bildungsorte bezieht, wird in diesem Forschungsforum anhand vier empirischer Zugänge das Zusammenspiel von schulischer und außerschulischer Bildung beleuchtet. Die Frage ist, welche Kompetenzen sich Kinder und Jugendliche im Zusammenspiel verschiedener Bildungskontexten aneignen. Auf der Grundlage der vier sich ergänzenden Zugänge wird diskutiert, wie eine angemessene Passung zwischen unterschiedlich formalisierten Bildungskontexten hergestellt werden kann.

 

Beiträge des Panels

 

Gestaltbarkeit im Schnittfeld zwischen FabLabs und Schule

Elisa Dittbrenner1, Prof. Dr. Heidrun Allert1, Prof. Dr. Lydia Murmann2
1Christian Albrechts-Universität zu Kiel, 2Universität Bremen

Zur Generierung von Veränderungswissen für das Schnittfeld Fablab/ Schule forscht und gestaltet das DBR-Projekt „FaBuLoUs“ auf drei Ebenen: a) Gelingensbedingungen für die Kooperation von Schule/FabLab, b) Potenziale von FabLabs für Schüler*innen durch Gestaltung von Bildungsmodulen, und c) Rolle informellen Wissens in non-formalen Settings und deren Anerkennungsformen.

Gelagert sind diese Zielsetzung auf der Designhypothese, dass Themen der Digitalisierung in non-formalen Settings wie FabLabs anders als in Schule betrachtet, zu Wort gebracht und gestaltet werden können. Damit markiert das Projekt sowohl Fragen der Mit-Gestaltbarkeit (post-)digitaler Prozesse allgemein als auch die Gestaltbarkeit von Bildungsprozessen als Kernproblem pädagogisch-didaktischer Intervention.

Die Erkenntnisse des Projekts sollen für das Forschungsforum anhand einer Reflexion vorgefundener und hergestellter Gestaltbarkeit im Schnittfeld zwischen FabLabs und Schule vorgestellt werden. Die Reflexionen folgen dem von Grundwald skizzierten Begriff von Gestaltbarkeit, der ermöglichen soll, „das Verhältnis von Intentionen ex ante und realen Folgen ex post einschließlich der Nebenfolgen zu betrachten und im jeweiligen Einzelfall die Grenze zwischen Gestaltbarkeit und Nicht-Gestaltbarkeit zu beurteilen“ (Grunwald 2003, S. 35).

 

Wozu noch Schule, wenn es YouTube gibt?

Dr. Ilona Andrea Cwielong1, Verena Honkomp-Wilkens2, Prof. Dr. Karsten Wolf2, Prof. Dr. Sven Kommer1
1RWTH Aachen, 2Universität Bremen

Digitale Medien eröffnen in einer tiefgreifend mediatisierten Welt sowohl potentielle als auch praktische Zugänge zu Bildungsressourcen jenseits formaler Bildungsangebote. Damit gestaltet sich die Relation von formaler und non-formaler Bildung neu, das Bildungssystem verliert sein bisheriges Alleinstellungsmerkmal ‚Wissensvorsprung‘ und erfährt damit eine Entgrenzung. Das hier berichtende BMBF-Verbundprojekt Dab-J untersucht in vier Teilprojekten interdisziplinär und triangulativ am Beispiel der Nutzung von Erklärvideos auf der Plattform YouTube digitale außerschulische lern- und bildungsbezogene Handlungspraxen von Jugendlichen. Die Daten der vor der Corona-Pandemie durchgeführten quantitativen Untersuchung werden dabei ergänzt um eine qualitative Studie, welche zusätzlich die pandemiebedingten Veränderungen beim Umgang mit den Erklärvideos einfängt. Insgesamt wird hier eine deutliche Entgrenzung des ‚Lernraums Schule‘ deutlich: um im formalen System zu reüssieren, nutzen die Heranwachsenden ein vielfältiges Set von Videos – insbesondere dann, wenn die schulische Vermittlung wenig erfolgreich ist. Nicht zuletzt als Folge des Notfall-Distanzunterrichts wandern die Videos aber verstärkt auch in das formale Bildungssystem ein. Der Beitrag stellt zunächst Ergebnisse des Projekts vor und diskutiert auf deren Basis die Frage nach den hier zu beobachtenden Entgrenzungen (wie auch neuen Begrenzungen) des traditionellen Bildungssystems.

 

Rekonstruktion des Medienhandelns von Kindern und Jugendlichen im Zusammenspiel unterschiedlicher Bildungskontexte der Ganztagsschule

Prof. Dr. Angela Tillmann1, Ellen Witte1, Prof. Dr. Kai Hugger2, Dr. Riettiens Lilli2
1TH Köln, 2Universität zu Köln

Ganztagsschulen werden durch das Mehr an Zeit und dem Zusammenspiel von formaler Bildung durch schulischen Unterricht, non-formaler Bildung und informeller Bildung neue Potentiale für eine Medienbildung zuerkannt. Das Forscher*innenteam des BMBF-Verbundprojekts Ganztag-digital untersucht im Rahmen einer qualitativen Erhebung mit Schüler*innen der Sek. 1 in Ganztagsschulen des Kreises Recklinghausen, ob sich diese Potentiale auch in der subjektiven Perspektive von Schüler*innen entfalten, und zwar einerseits für Medienhandeln und Medienbildung und andererseits für die Frage, wie sie die Bildungsorte miteinander verknüpfen. Dies wird in 2 methodischen Schritten umgesetzt: 1) Durch qualitative Interviews: Dabei wird untersucht, wie sie digitale Medien bezogen auf Familie, Peers, Ganztag, Unterricht und in Zusammenhang mit den damit einhergehenden Aufgaben (z.B. Autonomiebestreben, Ablösung Eltern, Leistungsorientierung, Teilhabe) nutzen und welche Bedeutung sie ihrem digitalen Medienhandeln speziell für Lernen und Bildung zuschreiben. 2) Mithilfe von Unstrukturierten Netzwerkkarten, die die Schüler*innen im Rahmen der Interviews anfertigen und dabei erzählen, welche Bedeutung sie ihrem digitalen Medienhandeln im Kontext unterschiedlicher Bildungssettings beimessen und wo sie sich Wissen über digitale Medien aneignen. Die Interviews und Netzwerkkarten werden in Anlehnung an das Verfahren des „theoretischen Kodierens“ im Sinne der Grounded Theory ausgewertet.

 

Formal, non-formal, informell – Orte und Modalitäten der Medienbildung von Kindern und Jugendlichen

H. Rahel Jäkel, Prof. Dr. Ivo Züchner
Philipps-Universität Marburg

Bezug nehmend auf die vielfach formulierte Annahme, dass kontextübergreifendes Medienhandeln die Ausbildung von kompetentem Medienumgang befördert, wird untersucht, welche Rolle digitale, insbesondere lernbezogene, Aktivitäten in verschiedenen Lernorten für die Selbstwahrnehmung der eigenen Fähigkeiten im Umgang mit Medien für Schüler*innen der Sek. I spielen Theoretisch gefasst wird dies u.a. im Konzept von „Doing Connectivity“ als Praxis des kontextübergreifenden Medienhandelns (Aßmann 2013). Analysiert wird die Frage mittels regressionsanalytischem Vorgehen anhand der Daten einer Teilstudie des BMBF-geförderten Projektes Ganztag-digital mit einem Datensatz von 750 Kinder und Jugendliche aus 6 Schulen in NRW. Als zentrales Konstrukt werden Skalen verwendet, die den Medienkompetenzrahmen NRW abbilden, basierend auf der Abfrage, ob und wo medienkompetentes Handeln erlernt wurde. Als Einflussfaktoren werden, neben medialen lernbezogenen Aktivitäten in verschiedenen Kontexten, auch individuelle Variablen zum sozioökonomischen Status sowie Angaben zur technischen Infrastruktur der Schule getestet, die sich bereits in den ICILS-Studien als relevant erwiesen (Eickelmann et al. 2019).

 
9:30 - 11:30Entgrenzte Normalitäten? – Die Erforschung von Selbst- und Weltverhältnissen im Kontext digitaler Transformationen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 22
 

Chair(s): Dr. Frank Beier (Technische Universität Dresden, Deutschland), Dr. Merle Hinrichsen (Goethe-Universität Frankfurt am Main), Dr. Julia Lipkina (Universität Siegen), Dr. Maike Lamprecht (Universität Bielefeld)

Das Forschungsforum stellt die Frage nach der Erforschung und Konstitution „neuer“ Formen von Selbst- und Weltverhältnissen im Kontext der Digitalisierung. Zentral wird diskutiert, ob es auch neuer methodologischer Überlegungen in der qualitativen Bildungs- und Biografieforschung bedarf, um digitale „Medialiserungsformen des Selbst“ (Heinze 2018) adäquat zu erfassen und welchen Beitrag althergebrachte Konzepte leisten können. Durchaus kritisch soll sich damit auseinandergesetzt werden, ob es sich tatsächlich um eine „neue Normalität“ handelt und welche bildungstheoretischen Herausforderungen damit verbunden sind. Anhand von empirischen Beispielen werden konkrete Formen sozialer Selbstpräsentationen vorgestellt und methodologische Schlussfolgerungen gezogen. Das Forschungsforum geht aus dem Post-Doc-Netzwerk der QBBF-Kommission hervor und liefert einen Rahmen, innovative Ansätze zur Erforschung des Digitalen aus sehr unterschiedlichen Perspektiven zur Diskussion zu stellen.

 

Beiträge des Panels

 

Grenzen des Sagbaren verschieben? Die Artikulation von Rassismus- und Sexismuserfahrungen in Sozialen Medien

Dr. Merle Hinrichsen1, Betül Karakoc2
1Goethe-Universität Frankfurt am Main, 2Goethe-Universität Frankfurt

Die Verwobenheit von Rassismus- und Sexismus erhält in Folge jüngster Diskursereignisse zunehmende Aufmerksamkeit; insbesondere soziale Medien wie Instagram fungieren als Möglichkeitsräume des Austausches und der transnationalen Vernetzung (Kemp-Graham 2018). Diskussionen dort werden von konservativen Medien aufgegriffen und eröffnen Optionen, diskursive Sagbarkeitsgrenzen zu verschieben und gesellschaftlichen Tabuisierungen zu begegnen. Dies gilt auch für die Thematisierung von Diskriminierung in Bildungsinstitutionen. So finden sich in sozialen Medien vermehrt Posts, in denen marginalisierte Subjekte eigene biographische Erfahrungen präsentieren.

Unser Beitrag setzt hier an und fragt nach Form, Funktion und Bedeutung solcher medialen Selbstpräsentationen und den damit einhergehenden sozialen Positionierungen. Dabei stehen Möglichkeiten der Widerstandsartikulation ebenso im Fokus wie (neu entstehende) Sagbarkeitsgrenzen. Empirische Grundlage für diese Untersuchung bildet die Triangulation von schriftlichen Artikulationen von Diskriminierungserfahrungen und narrativen Interviews mit den Autor*innen; die Rekonstruktion erfolgt mit einer Kombination von aus Biographie- und Diskursanalyse.

Kemp-Graham, K. Y. (2018). # BlackGirlsMatter: A Case Study Examining the Intersectionality of Race, Gender, and School Discipline. Journal of Cases in Educational Leadership, 21(3), 21-35.

 

“Sehen und Gesehen werden” - Bildungstheoretische Perspektiven auf Artikulationsspielräume in digitalen Konferenzen

Dr. Julia Lipkina
Universität Siegen

Videokonferenzsysteme wie Zoom erlauben es, Nähe und Verbundenheit auf Distanz zu erleben. Obwohl sie der analogen Kommunikation ganz nahe kommen, entstehen mit ihnen andere Erfahrungs- und Handlungsräume, die das Verhältnis zu sich selbst und anderen transformieren können. So lassen sich Aspekte der Identität stärker in den Vordergrund stellen und optimierte Varianten des Selbst entwerfen. Besonders die Tatsache, sich selbst beim Sprechen zu sehen, impliziert eine Form der Selbstkontrolle und -inszenierung, die in der Kommunikation Face-to-Face undenkbar wäre. Gleichzeitig bleibt das Sich-Ansehen lediglich eine Simulation, in der das Subjekt trotz Anwesenheit des Anderen nur sich selbst spürt. Der geplante Beitrag fragt nach möglichen Folgen der intensivierten Selbstwahrnehmung bei gleichzeitigem Verlust des (an-)erkennenden Blickes des Gegenübers für Bildungsprozesse von Subjekten. Dazu sollen die kommunikativen und sozialen Strukturen virtueller Konferenzen vor dem Hintergrund einer artikulationstheoretischen Fassung von Bildung (Lipkina 2021) diskutiert werden, um nach Möglichkeiten und Restriktionen für Bildungsprozesse und ihrer empirischen Erfassung zu fragen.

Lipkina, J. (2021): Bildung und Transformation ‚anders denken’. Über die Bedeutung positiver Erfahrungen für Bildungsprozesse im Anschluss an Charles Taylor. ZfPäd 67, 1, 102-119.

 

Entgrenzung oder neue Normalität? Überlegungen zur Transformation von Bildungswelten im Kontext von Digitalisierung und Inklusion

Dr. Frank Beier
TU Dresden

Erziehungswissenschaftliche Theoriebildung hat sich über Jahrzehnte hinweg an der Relationierung von Subjekt und Objekt abgearbeitet. Während in den klassischen pädagogischen Auseinandersetzungen bspw. Fragen der Ermächtigung zur Autonomie durch heteronome Handlungsrahmen thematisiert werden und dabei ganz grundsätzlich - in etwa mit dem Begriff der Bildsamkeit - das Wesen pädagogischen Handelns an Bildungsprozessen austarieren, scheint sich die erziehungswissenschaftliche Debatte in den letzten Jahren deutlich verschoben zu haben. Neue Ankerpunkte sind stattdessen gesellschaftliche Transformationsprozesse wie Digitalisierung oder Inklusion. In beiden Diskursen wird eine neue Normalität propagiert, deren Subjektivierungsmechanismen zwar breit kritisiert, jedoch kaum mehr für pädagogische Theoriebildung genutzt werden. Während in der Inklusionsdebatte vor allem Differenzkonstruktionen und deren reifikatorische Wirkung angesprochen werden, werden im Digitalisierungsdiskurs v.a. Techniken der Selbstdarstellung und segregierter Kommunikationsräume diskutiert. Pädagogische Diskurse reagieren darauf, wenn überhaupt reaktiv. Im Beitrag sollen diese „Entgrenzungen“ systematisch hinterfragt werden. Erziehungswissenschaftliche Diskurse – so die These des Beitrags – sollten sich auf Grundprobleme pädagogischen Handelns beziehen, die durch gesellschaftliche Transformationen beeinflusst werden, anstatt vice versa gesellschaftliche Transformationsprozesse pädagogisch begleiten zu wollen.

 

Digitalität und Latenz – Methodologische Überlegungen zum „entgrenzenden“ Charakter rekonstruktiver Bildungs- und Biographieforschung

Dr. Maike Lambrecht
Universität Bielefeld

Neue Medien sind Ausdruck und Steigerung dessen, was A. Nassehi (2019) als „digitale Struktur“ moderner Gesellschaften bezeichnet hat. Digitalisierung stellt für den Soziologen Nassehi eine Form gesellschaftlicher Selbstbeobachtung dar, die Ordnung über Mustererkennung generiert, also latente Regelmäßigkeiten sichtbar macht. Darin sieht er auch die Ursache für das „Unbehagen“, das der aktuelle technologische Digitalisierungsschub im modernen Subjekt erzeuge: dieses gründe im „Sichtbarwerden der Unsichtbarkeit der gesellschaftlichen Antezendenzbedingungen des individuellen Lebens“ (S. 44). Vor diesem Hintergrund stellt der Vortrag methodologische Überlegungen zu einer erziehungswissenschaftlichen Bildungs- und Biographieforschung an, die die Frage der Digitalität zunächst einmal reflexiv auf diese Forschung selbst und ihr „entgrenzendes“ Interesse am Latenten des Sozialen wenden. Davon ausgehend werden in einem zweiten Schritt Anschlussfragestellungen skizziert, die sich aus diesen methodologischen Überlegungen für eine rekonstruktive Bildungs- und Biographieforschung im Kontext des Digitalen ergeben. Dabei ist insbesondere danach zu fragen, was das eigentlich Spezifische am aktuellen technologischen Digitalisierungsschub ist.

Nassehi, A. (2019). Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft. München: C.H. Beck.

 
9:30 - 11:30Entgrenzung des Lehramtszugangs - Berufliche Orientierung in Richtung Lehrberuf erforschen und gestalten
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 28
 

Chair(s): Prof. Dr. Sylvia Rahn (Bergische Universität Wuppertal, Deutschland), Prof. Dr. Birgit Ziegler (TU Darmstadt)

In vielen Forschungs- und Entwicklungsprojekten werden für diverse Lehrämter und Mangelfachrichtungen neue Adressat*innen identifiziert und berufliche Übergänge in den Lehrberuf untersucht. Das Forschungsfeld ist erkennbar plural. Neben "klassischen" berufswahltheoretischen Ansätzen gewinnen Erwartungs-Wert-Theorien an Bedeutung. Zudem zeichnet sich eine Renaissance des Persönlichkeitsansatzes ab.

Das Forschungsforum bietet die Gelegenheit zu einem projektübergreifenden Austausch. Erfahrungen aus abgeschlossenen Studien sollen für das Forschungsfeld nutzbar gemacht, Zwischenergebnisse aus laufenden Untersuchungen zur Diskussion gestellt und neue, projektübergreifende Kooperationen angebahnt werden. Ziel ist es, einen konstruktiven Dialog über die Reichweite divergenter Forschungszugänge für die empirische Rekonstruktion und praktische Lehrergewinnung anzuregen.

Zu diesem Zweck sind jeweils drei fünfzehnminütige Kurzvorträge, Plenumsdiskussionen und parallele "runde Tische" geplant.

 

Beiträge des Panels

 

Entgrenzung und Heterogenität - Studierende im beruflichen Lehramt an berufsbildenden Schulen in unterschiedlichen Studienmodellen

Prof. Dr. Silke Lange, Lisa Bertke
Universität Osnabrück

Im Impulsvortrag wird die Frage in das Forschungsforum eingebracht, welche Personen und Personengruppen unter den Bedingungen der divergenten Studienprogramme für das Lehramt an berufsbildenden Schulen gewonnen werden können. Auf der Grundlage von Strukturanalysen haben Trampe & Porcher (i.E.) sieben unterschiedliche Studienmodelle für das berufliche Lehramtsstudium identifiziert, die sich hinsichtlich ihrer Zugangsmodalitäten und Studiengangsstrukturen unterscheiden. Mit diesen unterschiedlichen Studien- und Zugangsmodellen werden die Studienprogramme auf verschiedene Zielgruppen ausgerichtet. Auf der Grundlage der Daten der ersten Erhebungswelle aus einem standortübergreifenden Monitoring zum beruflichen Lehramtsstudium sollen diese Zielgruppen bzw. die Studierenden als erfolgreich angesprochene Personengruppe in den Blick genommen, charakterisiert und verglichen werden. Der Monitor bietet aus seiner ersten Erhebungswelle hierzu Daten von Studierenden an 23 Standorten, die in den unterschiedlichen Studiengangsmodellen studieren. Die Datenerhebung erfolgt im Juni 2021. Dargestellt werden die Studierendengruppen anhand unterschiedlicher soziodemographischer sowie biographischer und interessenbezogener Merkmale. Ziel ist es, die unterschiedlichen Personengruppen der divergenten Studienprogramme zu beschreiben und zu analysieren, welche Personengruppen mit welchen Studiengangsmodellen für das berufliche Lehramt gewonnen werden können.

 

Lehrer*in werden: Wie tragfähig sind die Erwartungs-Wert Modelle für die Erforschung der beruflichen Orientierung in Richtung Lehrberuf?

Prof. Dr. Sylvia Rahn1, Bernd Schäfer2
1Bergische Universität Wuppertal, 2Bergische Universität Wupperta

In der Forschung zu Studien- und Berufswahl angehender Lehrkräfte kommt erwartungs-werttheoretischen Ansätzen hohe Bedeutung zu. Einschlägige empirische Untersuchungen greifen verstärkt auf das das FIT-Choice Modell (Watt und Richardson, 2007) und den FEMOLA (Pohlmann und Möller, 2010) zurück. Variablenzentrierte Forschungsansätze liefern dabei fast immer das gleiche Ergebnis: intrinsische Motive werden rückblickend als bedeutsamer eingeschätzt als extrinsische Motive (Rothland, 2014; Cramer, 2016). Neue Studien mit personenzentrierter Auswertung deuten aber auch auf die Existenz latenter Profilgruppen hin, die die Bedeutung intrinsischer Motive zumindest für Teilgruppen der angehenden Lehrerschaft zu relativieren scheinen (König et al., 2018; Biermann et al., 2019).
In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, welche Bedeutung die Entgrenzung des Lehramtszugangs für die Forschung zu Studien- und Berufswahlmotiven anhand erwartungs-wert-theoretischer Ansätze hat? Liefern das populäre Fit-Choice-Modell und der FEMOLA tatsächlich einen ausreichenden Erklärungsrahmen für die Behandlung dieser Thematik? Welche Motivkonstellationen und -ausprägungen erwarten wir von Personen, die über einen untypischen Weg zum Lehramt gefunden haben, und welche Auswirkungen könnte dies auf ihre Professionalitätsentwicklung haben? Ziel des Kurzvortrages ist es, solche Fragen auf der Basis erster empirischer Befunde eines laufenden Projekts als Impuls in die Forschung zum Lehrberuf einzubringen.

 

Warum entscheiden sich junge Menschen gegen ein Lehramtsstudium?

Prof. Dr. Birgit Ziegler, Nico Dietrich
TU Darmstadt

Wie stark eine Person einem Beruf zugeneigt ist, wird vor allem durch das Zusammenwirken von Faktoren beeinflusst, wie sozialen Passungserwägungen in Bezug auf Gender und sozialem Ansehen, der Passung zu tätigkeitsspezifischen Interessen, Erfolgserwartungen im Hinblick auf Realisierungschancen des Berufswunsches, antizipierten beruflichen Rahmenbedingungen sowie der Urteilsicherheit zu Anforderungen, Rahmenbedingungen und Erfolgserwartungen (vgl. Matthes 2019; Gottfredson 2005). Letzteres ist abhängig von der Vertrautheit mit dem Beruf bzw. dem Berufswissen. So begründen auch Lehramtsstudierende ihre Berufswahl häufig mit Erinnerungen an die eigene Schulzeit bzw. an konkrete Lehrpersonen (vgl. Rothland 2014, Cramer 2016) und auch die Berufsvererbungsquote ist im Lehramt ähnlich hoch wie beim Arztberuf (Rothland et al. 2015, Herzog et al. 2007). Ob eine berufliche Neigung sich in einer konkreten beruflichen Entscheidung manifestiert, hängt wiederum von Gelegenheitsstrukturen ab, wie dem Angebot an Ausbildungs- oder Studienplätzen und damit verbundenen Hürden. Im Zentrum des Vortrags steht die Frage nach Implikationen aus dieser Befundlage für eine evidenzbasierte Entwicklung und Evaluation von Konzepten zur nachhaltigen Sicherung des künftigen Lehrkräftebedarfs im Bildungssystem (KMK 2020).

 
9:30 - 11:30Experiences abroad: Youth, Mobility and Normativity
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 33
 

Chair(s): Dr. Benjamin Bunk (Justus-Liebig-Universität Gießen, Germany), Nadine Etzkorn (Universität Bielefeld, Germany)

Diskutant*innen: Dr. Benjamin Bunk (Justus-Liebig-Universität Gießen, Germany)

An increasing number of programs promote youth mobility as a way to gain international experiences by being temporarily abroad. For a long time, youth-mobility was framed by an “employability” discourse of self-optimization. Nowadays, this “pedagogical” practice is (re)charged with expectations to bring about global citizens. Yet, others need to move from the “periphery”.

“Experiences abroad” methodologically focuses on the subjectivities involved in mobility, turning it an heuristic instrument to ent|grenz|en related practices but distinct discourses. Thus, bringing different perspectives into dialogue. Thereby, we want to discuss, which norms are underneath these programs? How does mobility (re)produce subjectivities, leading to political orientations? Does the “pedagogization” prevent irritating experiences ofthe "self"? To which extend do these practices stabilize new inequalities, especially by setting a standardized norm of being young? Why do “we” frame mobilities so differently?

 

Beiträge des Panels

 

Youth, peripherality and the mobility discourse: a view from Sardinia

Prof. Valentina Cuzzocrea
University of Cagliari, Italy

Young people who have grown up in peripheral locations may regard mobility as a particularly crucial resource in the transition to adulthood, one which has been aligned with a normative discourse for some time now. However, intervening at a crucial stage in the lifecourse, mobility may be a source of further inequalities. In the proposed presentation, I first focus on reconstructing the significance of spatiality for young people in peripheral areas of Europe, where a discourse of mobility superimposes itself on both national and local traditions of migration. In such contexts, young people’s aspirations may be liberated by a sense of belonging to one place; however, this doesn't not necessarily mean to be in simple contraposition to mobility (Cuzzocrea 2018). Last but not least, the immobility brought about by the Covid 19 pandemia has complicated such a dialectic.

Being attentive to different configurations of ‘peripherality’, I then concentrate on Sardinia as a case study, reflecting on recent mobility programmes for young people. Policies are often inspired by a need to allocate young people in the labour market. Thus, attention needs to be drawn to the risk that these programs might foster exclusion (of those unwilling to leave) rather than inclusion, that ‘virtuous’ circulation (successfully taking off in a globalized Europe) may be left unaccomplished and that forms of local engagement are in the end sacrificed in the name of a fashionable cosmopolitan appeal.

 

Experiences of alienness as a value in itself? Perspectives on conflictuous self-constructions in Franco-German youth encounters

Diemut König
Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes, Germany

The planned contribution focusses on narrative and performative constructions of national identities as a part of self-concepts based on qualitative research data from interviews and participant observations gathered in international, Franco-German youth encounters. Under the perspective of Erving Goffman’s frame-analysis (1986) the participants’ narrations on confusion or confirmation of their imagined national identities (Anderson 1996) will be regarded. Goffman’s interactionist view emphasises the context-dependence as well as the contingency of identity concepts in a reciprocal relation between interaction partners. Along this line, Alois Hahn points out that the institutional context – the framing –, in which self-concepts are being constructed, appear to be essential for their constitution (Hahn 1987).

Accordingly, international youth encounters can be re-constructed as framings that pre-structure interaction processes and therefore contain the potential to alienate constructions of the self. As these programmes work with Be|grenz|ung in several conditions of participation they aim to create Ent|grenz|ung in the way of thinking and interacting of young people. At this point, questions on the role of the political agenda of international programmes and the executing organizations arise. Which suggestions on possible outcomes of youth encounters on individual development are evocated? What could be their chances and challenges regarding experiences of alienness today?

 

Racialized experiences of belonging and processes of subjectivation in the context of postcolonial ‘Development Mobility’ of young adults

Manuel Peters
Brandenburgische Technische Universität, Germany

This contribution focuses on experiences of belonging and their relation to processes of subjectivation and “Bildung” in the context of postcolonial ‘development’ mobilities of selected young adults (weltwärts). Building on recent research that highlights the continuing racialization of orders of belonging and their relevance for the production of subjectivities (e.g. Amelina 2020; Mecheril 2016), the focus is on how ‘race’ pervades these mobilities. To this end, my qualitative research focuses on how differently positioned young adults, within the same mobility programme, recount their experience as (non-)racialized subjects. A first focus, then, is on how these young adults explain and narrate their mobility and what they were doing within it, trying to trace discursive representations of the meaning of ‘voluntary development’ mobility (in Germany). Secondly, I focus on what kinds of racialized subject positions and active positionings in a racialized order become visible within these narrations, also looking for what can be learned about the racialization of the contexts of mobility in question as well as about their relation to each other. Thirdly, and against the background of the reconstructed positions and positionings, the research focuses on where and why processes of ‘Bildung’/politization of orders of belonging, i.e. active stances against racialization processes, are (not) taking place.

 

Decolonising internationalisation of higher education through study abroad? An empirical study with international students from the Global South

Nadine Etzkorn
Universität Bielefeld, Germany

Around the globe, universities are intensifying processes of internationalisation. Until today, internationalisation of higher education was mainly considered as a westernized neoliberal imperative, but within the last years, it has started to gain momentum as part of the process of decolonising universities and their internationalisation practices. In line with the Agenda 2030 and its 17 Sustainable Development Goals (SDGs), there is a call for developing a more inclusive and social internationalisation through, for instance, paying more attention to the qualitative dimension of internationalisation such as global citizenship development (de Wit & Altbach 2021). Global Citizenship Education (GCE) is guided by values such as non-discrimination, respect for diversity, solidarity for humanity and global social justice (e.g. Abdi et al. 2015; Andreotti 2021; Stein et al. 2020). In this contribution, I present the results of an empirical study where I interviewed international students from different countries from the Global South about the meaning of their study abroad experiences for their life course. The autobiographical-narrative interviews were analysed using documentary analysis. Using decolonial theory as a theoretical lens, the aim is to discuss the potential of study abroad for building global citizenship as a decolonial approach to internationalisation-as-mobility practices.

 

Normativity on the move: pre-service teachers’ educational internships abroad

Thilde Juul-Wiese
Aarhus University, Denmark

Throughout the past few decades, there has been a call for an increasing internationalization of teacher education, as teachers need to be “globally minded” (Kissock & Richardson 2009) in order to teach in an increasingly interdependent and globalized world (Leutwyler et al. 2017; Sieber & Mantel 2012). One way of supporting this is by engaging pre-service teachers in outgoing mobility such as educational internships abroad (Mahon 2010). Much research indicates that such educational internships have positive outcomes, such as intercultural competence (e.g. Cushner 2007), competent and professional teachers (Abraham & Brömssen 2018), and development of global awareness (Klein & Wikan 2019). In this presentation, I question whether and how normative assumptions about the educational outcome of student mobility possibly create blind spots in terms of missing other effects, both positive and negative, that student mobility can entail. This, I argue, can have the unintended consequence of maintaining knowledge hierarchies and existing power structures. For instance, my research points to pre-service teachers carrying and acting upon specific ideas of ‘good’ pedagogy, schooling, and teaching while undertaking an educational internship abroad and thus enacting imagined hierarchies of ‘who knows best’. During the presentation, I develop this argument by presenting insights from my doctoral research, which focuses on pre-service teachers’ experiences with outgoing mobility.

 
9:30 - 11:30Forschung im Kontext von Waldorfpädagogik und Erziehungswissenschaft
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 14
 

Chair(s): Eric Bollmann (Alanus Hochschule, Deutschland), Prof. Dr. Jost Schieren (Alanus Hochschule)

Der empirische Forschungsstand zur Waldorfpädagogik ist im Vergleich zu den anderen Schultypen der klassischen Reformpädagogik vergleichsweise komfortabel, es mangelt aber nach wie vor an einem offenen, konstruktiven Dialog zwischen Erziehungswissenschaft und Waldorfpädagogik. An diesem Desiderat setzt das seit 2015 an der Alanus Hochschule in Alfter bei Bonn angesiedelte Graduiertenkolleg Waldorfpädagogik an, das vom Bund der Freien Waldorfschulen finanziert wird. Am Kolleg sind auch Erziehungswissenschaftler*innen staatlicher Hochschulen beteiligt; die Promotionen werden an unterschiedlichen staatlichen Universitäten durchgeführt. Gefördert werden (vor allem empirische) Arbeiten mit Anbindung an aktuelle erziehungswissenschaftliche bzw. schulpädagogische Forschungsfelder; eine reine Steiner-Exegese soll vermieden werden. Im Forschungsforum sollen vier aktuelle Promotionsprojekte aus dem Kontext des Graduiertenkollegs vorgestellt werden.

 

Beiträge des Panels

 

Bildungserfahrungen geflüchteter Adoleszenter an einer Waldorfschule

Larissa Beckel
Alanus Hochschule

Insbesondere für neu migrierte und geflüchtete Kinder und Jugendliche besteht ein hohes Risiko, in gering qualifizierende Bildungsgänge des deutschen Bildungssystems eingruppiert zu werden, wodurch ein Bildungsaufstieg und gesellschaftliche Partizipation stark erschwert werden. Das rekonstruktiv angelegte Promotionsprojekt zeigt anhand von Fallbeispielen minderjähriger unbegleiteter Geflüchteter, welche Faktoren zu mehr Bildungsgerechtigkeit insbesondere für Schüler*innen mit Fluchthintergrund beitragen können. Das Datenmaterial wurde mit Hilfe kartografischer Methoden der Sozialraumforschung (narrative Landkarte) sowie ethnografischer Methoden (teilnehmende Beobachtung) gesammelt. Die Daten wurden hinsichtlich der Alltagsorganisation, der Unterrichtspraxis und der Beziehungsgestaltung zwischen pädagogischem Team und Schüler*innen analysiert. Somit findet ein Adressierungswechsel statt, der den Blick von den Institutionen hin zu den von den Beschulungsmaßnahmen betroffenen Geflüchteten lenkt. Die Jugendlichen geben durch die kartografische Methode der narrativen Landkarte Einblicke in die Organisation und Aneignung ihres Sozialraums. Dadurch ergeben sich Aufschlüsse über die strukturellen, institutionellen und individuellen Ressourcen und Barrieren für gesellschaftliche Partizipation. Das Promotionsprojekt zeigt somit auf, wo Potenzial besteht, um mehr Bildungsgerechtigkeit für (neu) migrierte Schüler*innen in Deutschland zu erreichen.

 

Die Möglichkeiten des fächerübergreifenden Unterrichtens für die Klassenlehrerin bzw. den Klassenlehrer an der Waldorfschule in den Jahrgangsstufen 6 bis 8

Moritz Gritschneder
Alanus Hochschule

Die Aufgliederung des schulisch zu vermittelnden Wissens in einzelne, voneinander isoliert unterrichtete Fächer ist schon seit mehr als hundert Jahren Gegenstand der Kritik an Schule. Der aktuelle erziehungswissenschaftliche Diskurs zur Fachlichkeit (vgl. ZfPäd 5/2020) wirft unter anderem die Frage auf, ob die Strukturierung des Unterrichts nach dem Fachprinzip auch angesichts veränderter gesellschaftlicher Verhältnisse nicht dringend einer Transformation bedarf. Ausgehend von der Kritik am Fachprinzip werden in diesem Promotionsprojekt ältere wie neuere Konzepte zum fächerübergreifenden Unterricht historisch-genetisch nachvollzogen und im Hinblick auf ihre didaktische Aktualität überprüft. Darüber hinaus werden die Möglichkeiten des interdisziplinären Unterrichtens für die Klassenlehrerin bzw. den Klassenlehrer an der Waldorfschule eruiert. Es werden sowohl die theoretischen Grundlagen der Waldorfpädagogik (Entwicklungspsychologie, Lerntheorie, Phänomenologie, Holismus) ausgewertet als auch Aspekte der gelebten Schulpraxis (Klassenlehrer-Prinzip, Epochenunterricht) herangezogen. Hierbei rücken verstärkt fächerübergreifende Kompetenzen in den Fokus schulpädagogischen Interesses. Der Beitrag diskutiert das Potenzial der Waldorfpädagogik in Bezug auf die Entwicklung fächerübergreifenden Unterrichts.

 

Anthropologische Reflexions- und Vermittlungslinien im Schnittfeld von Gesundheitsförderung und Allgemeiner Didaktik in der Waldorfpädagogik

Florentine Mostaghimi-Gomi
Alanus Hochschule

Im Dissertationsprojekt werden anthropologisch-erziehungswissenschaftliche sowie leibphänomenologische Perspektiven auf die Bedeutung des „Leibes“ im pädagogischen Kontext daraufhin untersucht, inwiefern sie an der Berührungsfläche von Gesundheitsförderung und Allgemeiner Didaktik der Waldorfpädagogik, welcher die anthropologischen Entwürfe Rudolf Steiners zugrundeliegen, einen vermittelnden Reflexionsrahmen aufspannen. An der Schnittstelle von Erziehungswissenschaften und Leibphänomenologie schließt die Dissertation an die Arbeiten von Malte Brinkmann, Barbara Wolf, Eckard Liebau, Jörg Zirfas u. a. an. Ausgehend von herausgearbeiteten Facetten des „Leibes“ sowie von Aspekten der Gesundheitsförderung in der waldorfpädagogischen Praxis soll die salutogenetische Wirkung typischer Signaturen der Waldorfpädagogik weiter erforscht werden. In einem konzeptionell-konstruktiven Teil der Dissertationsschrift soll auf Grundlage von Experteninterviews ein Gesprächsleitfaden erarbeitet werden, der der Kooperation von Schulärzt*innen und Lehrkräften dienen kann. Im Beitrag sollen Konzeption und Vorgehen dieses Promotionsprojekts zur Diskussion gestellt werden.

 

Pädagogische Qualität in Waldorfkindergärten und Waldorfkrippen

Philipp Gelitz
Universität Passau

Das Promotionsprojekt rekonstruiert mit der qualitativen Methode des Experteninterviews (n=8) Handlungswissen und Relevanzsetzungen beteiligter Erwachsener – Fachkräfte, Eltern und Dozierende – im Untersuchungsfeld von Waldorfkindergärten und -krippen. Den theoretischen Bezugsrahmen bilden zum einen vier Stränge des erziehungswissenschaftlichen Qualitätsdiskurses (quantitative Qualitätsfeststellung, qualitativ-rekonstruktiver Zugang, Kompetenzorientierung und Ko-Konstruktion sowie Professionalisierung und Persönlichkeit), zum anderen werden anthropologische Annahmen der waldorfpädagogischen Literatur zum vorschulischen Alter vertieft. Mit der theoriegenerierenden Auswertungsmethode nach Bogner et al. (2014, S. 75-83) wurden zunächst die relevantesten Themenfelder identifiziert, dann implizit wirkende Konzepte im Hintergrund der Ausführungen rekonstruiert sowie in einem letzten Schritt eine theoretische Generalisierung vorgenommen. Der Beitrag stellt die zentralen Befunde der Studie in den Mittelpunkt und diskutiert sie im Schnittfeld erziehungswissenschaftlicher Qualitätskonzepte und waldorfpädagogischer Überlegungen zu fachlich qualifizierter pädagogischer Arbeit in der frühkindlichen Bildung.

Literatur:

Bogner, A., Littig, B., Menz, W. (2014): Interviews mit Experten. Eine praxisorientierte Einführung. Wiesbaden: Springer VS.

 
9:30 - 11:30Geschlecht und Sexualität in der Schule. Zwischen Begrenzung und (Grenz-)erweiterung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 36
 

Chair(s): Prof. Dr. Jeannette Windheuser (Humboldt-Universität zu Berlin, Deutschland), Prof. Dr. Bettina Kleiner (Goethe-Universität Frankfurt)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Elke Kleinau (Universität zu Köln)

Die Schule ist für Kinder und Jugendliche Ort institutioneller Grenzziehung, zugleich ermöglichen die dort eröffneten Bildungserfahrungen, Gewohntes zu überschreiten. Darin angelegte Spannungen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit werden brisant, wenn Schule Geschlecht und Sexualität thematisiert. Be- und Entgrenzung in der Verbindung von Pädagogik und Sexualität sind so wiederholt Schauplatz für gesellschaftliche und politische Konflikte. Davon ausgehend widmet sich das Forschungsforum der Sexuellen Bildung bzw. ihrer Geschichte. Eine geschlechtertheoretisch transformierte Wissensgeschichte analysiert die Geschichte der (schulischen) Sexualpädagogik von 1960 bis heute (Vortrag 1). Weiter wird die Übersetzung der Programmatik Sexueller Bildung in den Schulalltag anhand einer empirischen Fallstudie untersucht (Vortrag 2). In der Verschränkung der erkenntnistheoretischen und methodologischen Perspektivierungen werden die Möglichkeiten und Grenzen beider Projekte ausgelotet.

 

Beiträge des Panels

 

Wissensgeschichte der Sexuellen Bildung in der Bundesrepublik

Prof. Dr. Jeannette Windheuser1, Dr. Anna Hartmann2
1Humboldt-Universität zu Berlin, 2Bergische Universität Wuppertal

Das Forschungsprojekt bettet die konzeptionellen und theoretischen Verschiebungen in der Sexualpädagogik in die bildungs- und geschlechtergeschichtliche Transformation in der Bundesrepublik in den Zeiträumen von 1960 bis 1980 (rechtliche Institutionalisierung schulischer Sexualerziehung) sowie von 2000 bis 2020 (Entstehung und Etablierung des Konzepts Sexueller Bildung für Schule und Lehrerbildung) ein. Es zielt darauf, die Geschichte der (schulischen) Sexualpädagogik sowie das vor diesem Hintergrund entstandene Konzept Sexueller Bildung in ihrem bildungs- und geschlechtertheoretischen sowie geschlechtergeschichtlichen Zusammenhang zu untersuchen. In beiden Phasen spielen Grenzziehungen und deren Erweiterung im Zusammenhang von Pädagogik und Sexualität eine zentrale Rolle.

Im Vortrag werden exemplarisch historische Materialien aus dem Projekt vorgestellt und das methodologische Vorgehen zur Diskussion gestellt, das eine durch feministische Wissenschaftstheorie und Geschlechtergeschichte transformierte Wissensgeschichte verfolgt.

Anhand der Geschichte der Sexualpädagogik trägt die Studie nicht nur zu einer allgemeinen Klärung des Generationen- und Geschlechterverhältnisses in Erziehung und Bildung bei, sondern soll darüber hinaus einen Beitrag für die wissenschaftliche Begründung gesellschaftspolitischer Maßnahmen und solchen zur pädagogischen Professionalisierung im Bereich der Geschlechtergerechtigkeit leisten.

 

Vom heimlichen Lehrplan zur Affirmation von Vielfalt?

Prof. Dr. Bettina Kleiner, Clara Kretzschmar
Goethe-Universität Frankfurt

Die neue Rechtsprechung in Bezug auf Personenstandskategorien und die zunehmend öffentliche Wahrnehmung der Einsprüche, Ansprüche und Lebensweisen von trans* und inter*geschlechtlichen Menschen fordern dazu auf, Grenzziehungen in Bezug auf Vorstellungen einer quasi natürlichen Zweigeschlechtlichkeit zu überdenken. Gleichzeitig zeigen in den letzten Jahren erschienene empirische Untersuchungen, dass den Öffnungen auf der Ebene von Recht und Lehrplänen nicht unbedingt eine Übersetzung in den Schulalltag folgt: nach wie vor scheinen Schulen oftmals „heteronormative Orte“ zu sein, die sowohl im Unterricht als auch in schulischen Interaktionen über Ein- und Ausschlüsse und über spezifische Sichtbar- und Unsichtbarmachungen strukturiert sind (Krell et al. 2015; Schmidt et al. 2015). Im Mittelpunkt des mehrebenenanalytisch angelegten Forschungsprojekts steht eine Gesamtschule, an der ein aktuelles Konzept Sexueller Bildung umgesetzt werden soll. Mittels Dokumentenanalysen, Beobachtungen und Interviews mit schulischen Akteur*innen und Fortbildner*innen wird analysiert, wie gesellschaftliche und rechtliche Veränderungen in Bezug auf Geschlecht und Sexualität auf der Ebene von aktuellen Bildungsplänen und Curricula thematisiert werden, wie entsprechende Thematisierungen in die schulische Praxis übersetzt werden und inwiefern sich dabei Grenzen des Sagbaren, Sichtbaren und Lebbaren verschieben.

 
9:30 - 11:30Grenzen und Potenziale von Systematic Reviews in Educational Technology
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 39
 

Chair(s): Prof. Dr. Michael Kerres (Universität Duisburg-Essen, Deutschland)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Svenja Bedenlier (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg), Dr. Annika Wilmers (DIPF)

Systematic Reviews nehmen einen zunehmend größeren Teil in der Educational Technology Forschung ein (Zawacki-Richter et al., 2020). Ursprünglich wurden sieentwickelt, um Praxisentscheidungen zu treffen (Chalmers et al., 2002). In der Bildungsforschung lassen sich klare Evidenzen oft nicht identifizieren (Berliner, 2002), da die Forschungsthemen oft schlecht beobachtbar sind. Es ist notwendig, darüber zu diskutiere, welche Rolle Systematic Reviews in der Forschung zur Educational Technology spielen sollen und wie diese methodisch sinnvoll konstruiert angelegt werden (Bedenlier et al., 2020). In dem vorliegenden Forschungsforum möchten wir anhand konkreter Reviews unterschiedliche methodische Herausforderungen vorstellen. Es soll anhand neun Reviews diskutiert werden, wie die methodischen Herausforderungen exemplarisch angegangen wurden. Hierdurch soll ein Beitrag zur Diskussion über eine Methodologie für Sekundäranalysen in der Educational Technology Forschung geleistet werden.

 

Beiträge des Panels

 

Virtual Reality in der Schulpraxis? – Unterschiede hinsichtlich eingesetzter Visualisierungstechnologien

Miriam Mulders
Universität Duisburg-Essen

Virtual Reality (VR) wird großes Potential zugesprochen (Mulders et al., 2020), bislang jedoch im Schulsektor wenig eingesetzt (Kantar Emnid, 2017). Um Praxiswissen zu schaffen und den Einsatz von VR in Schule zu erleichtern, ist es bedeutsam, Lehrer:innen einen Überblick zum Forschungsstand zu Lehr-/Lernprozessen in VR zu bieten (u.a. Radianti et al., 2020; Wu et al., 2020) und dabei reine Medienvergleiche zu meiden. Bisher untersuchte keine Überblicksarbeit den Einsatz von VR an Schüler:innen weiterführender Schulen und verglich dabei die eingesetzten Visualisierungstechnologien. Daran knüpft dieser Beitrag an, indem die methodische Herangehensweise des Systematic Reviews vorgestellt wird.

Eine initiale Suche in Web of Science ergab 79 englischsprachige Studien zwischen 2010 und 2021, welche desktop- und headsetbasierte VR bezüglich der Lernprozesse- und resultate bei Schüler:innen weiterführender Schulen experimentell verglichen. Nach dem ersten Screening erwiesen sich 3 Studien als hinsichtlich der Kriterien passend. Mit der bestehenden Suchstrategie wurden somit kaum relevante Studien gefunden, weshalb eine Überarbeitung der Kriterien nötig wurde (z.B. Öffnung für andere Forschungsmethoden, Lernorte). Dazu wird in diesem Beitrag diskutiert, wie sich Suchstrategien in einem wenig beforschten Feld realisieren lassen und welche Herausforderungen dies mit sich bringt.

 

Student Engagement - Ein Konstrukt, diverse Messungen Lösungsansätze zur Synthetisierung im Systematic Review

Anna Heinemann, Katja Buntins
Universität Duisburg-Essen

Student Engagement ist ein zunehmend bedeutendes Konstrukt in der empirischen Bildungsforschung (Aparicio et al., 2020). Bond und Bedenlier (2019) zeigen, dass dieses Umbrellakonzept sehr viele verschiedene Facetten beinhaltet. Henrie et al. (2015) beschäftigen sich mit der Messung von Student Engagement und zeigen in einem Review, dass das Konzept sehr unterschiedlich gemessen wird. Bond et al. (2020) können in ihrem Review jedoch zeigen, dass nur ein Bruchteil der Studien, die zu Facetten von Student Engagement forschen, dies tatsächlich auch so benennen. Auch konnte sie finden, dass es große Differenzen zwischen verschiedenen Ländern gab.

In dem vorliegenden Beitrag betrachten wir einen Systematic Review über den Schulbereich und diskutieren, welche Schwierigkeiten und Probleme ein Umbrellakonstrukt, wie Student Engagement, für die Messung und Synthesierbarkeit von Studien mit sich bringt. Hierfür wurden 10227 Artikel gescreent und 1727 werden entsprechend der verwendeten Konstrukte und Messinstrumente ausgewertet und der regioanlen Herkunft der Studie kodiert.

Die Ergebnisse und die methodischen Herausforderungen aus beiden Reviews werden in diesem Beitrag vorgestellt. Abschließend werden mögliche Lösungsansätze für den Umgang mit vielfältigen Konstrukten, wie dem Student Engagement kritisch beleuchtet und miteinander diskutiert.

 

Systematic Mapping zu Open Educational Resources 

Daniel Diekmann, Nadine Schröder, Dr. Daniel Otto, Dr. Pia Sander
Universität Duisburg-Essen

Open Educational Resources (OER) bilden ein wichtiges Element im Diskurs über die Digitalisierung von Bildung (vgl. Bozkurt et al. 2019). Trotz der OER zugeschriebenen Potenziale für Lernen und Lehren (vgl. Echterhoff und Kröger 2020) verbleiben diese im deutschsprachigen Diskurs meist auf einer strategisch-konzeptionellen Ebene. Evidenzbasierte Befunde spielen bislang nur eine marginale Rolle (vgl. Deimann 2019; Otto 2020). Um Implikationen für die künftige deutschsprachige OER-Forschung abzuleiten, wurde der Stand der internationalen evidenzbasierten OER-Forschung mittels eines Systematic Mappings erhoben.  

Systematische Mapping-Studien bieten die Möglichkeit, ein Forschungsgebiet überblicksartig zu kartieren und hinsichtlich Quantität und Qualität, der Arten der Forschung, der verwendeten Methodik, der bisherigen Schwerpunkte innerhalb des Forschungsbereichs sowie prävalenter Fach- und Bildungsbereiche zu systematisieren.  

Der vorliegende Beitrag stellt das methodische Vorgehen der durchgeführten Mapping-Studie vor und diskutiert, inwieweit sich dieser Ansatz eignet, um sich – auch in Abgrenzung zu Systematic Reviews – einem Forschungsfeld wie dem der OER, welches sich im Entstehungsprozess befindet (vgl. Bozkurt et al. 2019) und zudem über keinen disziplinären Ursprung verfügt oder eine originäre Fachdomäne besitzt (vgl. Otto 2019), anzunähern.

 

Medienintegration in die schulische Unterrichtspraxis - Implikationen für Lehrkräfte und das Führungshandeln von Schulleiter:innen

Anja Heinemann
Universität Duisburg-Essen

Medien verändern die Art, wie Menschen kommunizieren, an Problemlösungen arbeiten, Projekte anlegen und ihr Wissen erweitern. Die Geschwindigkeit der Veränderungen in der digital geprägten Welt führt zu bahnbrechenden Innovationen und damit zu einer Auseinandersetzung über das Bildungsverständnis und Inhalte sowie Methoden schulischen Lernens. Diese Entwicklung lässt die Anzahl der Forschungsarbeiten in dem Feld in einem Umfang steigen, der zu einer zunehmenden Unübersichtlichkeit der aktuellen Befundlage führt.

In dem Beitrag werden 2 Forschungssynthesen vorgestellt, die sich am Verfahren der Critical Reviews orientieren, um Befunde systematisch zu recherchieren, qualitativ einzuordnen und mit Bezug zu dem jeweiligen Fokus auszuwerten.

In dem 1. Review werden die empirischen Befunde und konzeptionelle Überlegungen hinsichtlich der Bedeutung der Digitalisierung für Lehrkräfte identifiziert. Dazu ergab die Recherche einen Datenkorpus von 3380 Studien aktueller internationaler Literatur zwischen 2010 und 2019. Systematisch und transparent wurde der Korpus eingegrenzt und 125 Studien in die Analyse des Reviews aufgenommen.

Das 2. Review fokussiert die Bedeutung der Medienintegration für das Führungshandeln vor dem Hintergrund der Schulentwicklung. Aus einem Datenkorpus von 1556 Studien zwischen 2016 und 2020 wurden 56 Studien für die Synthese identifiziert.

Die methodische Herangehensweise insbesondere bei der Reduktion des Datenkorpus sollen vorgestellt und diskutiert werden.

 

Systematic Reviews als Analyseinstrument der Forschungspraxis in Educational Technology Studien

Josef Buchner
Universität Duisburg-Essen

In diesem Vortrag wird argumentiert, dass mithilfe der Methode des Systematic Review eine kritische Analyse der Forschungspraxis in Educational Technology Studien vorgenommen werden kann. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Forschungspraxis ist insbesondere im Feld der Educational Technology Forschung notwendig, da viele Primärstudien nach wie vor simple Forschungsdesigns in der Form von Medienvergleichen anwenden und dabei eine Technologie-zentrierte Perspektive auf das Lernen einnehmen (Reeves & Lin, 2020). Diese Perspektive schreibt einer Technologie eine Wirkkraft beim Lernen zu und nicht etwa dem didaktischen Design oder den angebotenen Lernaufgaben (West et al., 2020). Dass so eine Perspektive weder Forschung noch Praxis voranbringen kann, wurde bereits von vielen Forscherinnen und Forschern immer wieder betont (e.g. Clark, 1983; Clark & Feldon, 2014; Mayer, 2020). Wie im Rahmen einer eigenen Systematic Review mit dieser Problematik umgegangen werden kann, wird anhand zweier bereits abgeschlossener Review-Studien skizziert. Dazu werden alternative, Lernenden-zentrierte Forschungsdesigns vorgestellt sowie Kodierschemata präsentiert, mit denen die in den Primärstudien auftretenden Designs analysiert werden können. Die Bedeutung einer solchen kritischen Analyse der Forschungspraxis für zukünftige Forschungsvorhaben wird diskutiert.

 
9:30 - 11:30Habitusanalyse und Biographieforschung. Zur theoretischen und methodologischen Verschränkung im Feld der Hochschulforschung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 20
 

Chair(s): Prof. Dr. Bettina Dausien (Universität Wien, Österreich), Prof. Dr. Helmut Bremer (Universität Duisburg-Essen)

Diskutant*innen: Dr. Andrea Lange-Vester (Hannover)

Im Forschungsforum werden Verknüpfungen von Habitusanalyse und Biographieforschung diskutiert und konkretisiert. Dafür werden Wissenschaftler*innen einer länderübergreifenden Arbeitsgruppe, die empirisch zu Studierendenbiographien, „non-traditional students“, Studienabbrüchen und Bildungsaufstiegen arbeitet, an bestehende Debatten anknüpfen und ihre je unterschiedlichen theoretischen und methodologischen Perspektiven an demselben Datenmaterial sichtbar machen. Im Zentrum des Forums stehen das Spannungsfeld von „Habitus“ und „Biographie“ und die theoretische und empirische Erkundung bestehender Gemeinsamkeiten, Differenzen und Leerstellen in der Verbindung der beiden Forschungsansätze.

 

Beiträge des Panels

 

Habitusanalyse und Biographieforschung – Einführung in Problemstellung und Material des Forums

Prof. Dr. Helmut Bremer1, Prof. Dr. Bettina Dausien2
1Universität Duisbrug-Essen, 2Universität Wien, Österreich

Einführend werden mit Blick auf zentrale Forschungslinien, in denen sich Habitusanalyse und Biographieforschung treffen, wichtige Berührungspunkte und Abgrenzungen beider Perspektiven benannt. Besonders in den Fokus gerät die Frage, wie individuelles Handeln mit gesellschaftlichen Logiken verbunden ist und wie daraus folgend Bildungswege vorstrukturiert sind, welche Gestaltungsräume die Individuen haben und wie Veränderungs- bzw. Transformationsmöglichkeiten jeweils gesehen werden. Daraus ergeben sich unterschiedliche Blickwinkel und Gewichtungen, die auch mit unterschiedlichen Erkenntnisinteressen verbunden sind. Abschließend wird der beispielhafte Fall, der Gegenstand der weiteren Inputs und Diskussionen sein wird, knapp vorgestellt.

 

An der Bordsteinkante entlangbalancieren? – Biographische Erzählungen von Habitus(ent)grenzen(den)-Erfahrungen von first-in-family-Studierenden

Jacqueline Hackl
Universität Wien, Österreich

Ziel dieses Beitrags ist es, am Beispielfall den Weg aus einem nicht-akademischen Milieu an die Universität aus einer biographietheoretischen und narrationsanalytischen Perspektive genauer zu rekonstruieren. Dabei geht es um die Erfahrung von Grenzen ebenso wie um biographische Handlungspotenziale und „Biographizität“, die zu Bildungs- und Aneignungsprozessen genutzt werden können. Studierenden, die u.U. einen weiten Weg vom Herkunftsumfeld bis zum Studium und der Teilnahme am Universitätsleben zurücklegen, leisten oft eine komplexe „biographische Arbeit“. Folgende Fragen werden am Fall untersucht: Wie gestaltet sich ein „Weggehen“ vom Herkunftshabitus, von der Lebenswelt der sozialen Herkunft? Welche Prozesse in der Lebensgeschichte gehen damit einher, wie wiederholen und verändern sich damit verbundene biographische Erfahrungen? Welche Veränderungspotenziale, Aspirationen und Handlungsmöglichkeiten werden in der Biographie rekonstruierbar – aber auch welche Prozesse der Beharrung und des Zurückziehens?

 

Kulturelle Passung zwischen Habitus, Milieu und Hochschule

Catrin Opheys
Universität Duisburg-Essen

Ziel dieses Beitrags ist es, aus der Perspektive der Habitusanalyse am Beispielfall die Lebensgeschichte einer*eines Studierenden und den Weg vom nicht-akademischen Milieu an die Hochschule mit Fokus auf die Beharrungstendenzen des Habitus zu analysieren. Dabei wird untersucht, wie unter sich verändernden gesellschaftlichen Bedingungen im Zugang zum Studium und im Prozess der Aneignung des Studiums kulturelle (Nicht-)Passungen des Habitus/Milieus zum Feld der Hochschule durch Reibungen an den vorherrschenden Strukturen sichtbar werden. Zentrales Erkenntnisinteresse ist hierbei, wie sich die Handlungsmuster des Habitus über die Biographie hinweg fortsetzen und in Form von Passungen und Nicht-Passungen zu Studium und Fachkultur zum Tragen kommen.

 

Akademiker*in Werden – Habitus und Subjektivierung im Dialog

Flora Petrik
Eberhard Karls Universität Tübingen

In diesem Beitrag gilt das Interesse den Prozessen des „Akademiker*in Werdens“. Wie verläuft die Annäherung an einen akademischen Habitus bei sogenannten „non-traditional students“? Was gerät in den Blick, wenn der Fokus auf Prozesse des „Werdens“ gerichtet wird? Welche Erlebnisse, Räume und Praktiken werden für eine Habitustransformation bedeutsam? Für die Beleuchtung dieser Fragen bietet sich ein Dialog mit jenen Theorien an, die untersuchen, wie Subjekte über soziale Praktiken erzeugt werden. Die hier angewandte Perspektive orientiert sich daher an theoretischen Überlegungen zu Anrufungs- und Adressierungsgeschehen. Denn die Möglichkeitsräume, in denen habituelle Veränderungen hervorgebracht werden, sind von wirkmächtigen Anrufungen gerahmt. Die Fokussierung auf das Adressierungs- und damit Anerkennungsgeschehen in biographischen Erzählungen kann dazu beitragen, die Spielräume für habituelle Transformationsprozesse explorativ zu erschließen.

 
9:30 - 11:30Inklusion, Neuzuwanderung und Flucht: Vergleichende Rekonstruktionen sprachlicher Bildung in separierenden und integrativen Schul- und Unterrichtsmodellen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 34
 

Chair(s): Prof. Dr. Sara Fürstenau (Universität Hamburg), Prof. Dr. Lisa Rosen (Universität Koblenz-Landau, Deutschland)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Michelle Proyer (Universität Wien)

Mit rekonstruktiven Analysen zu In- und Exklusion werden kaum untersuchte schulische Modelle (teilintegrativ, inklusiv) sowie der Übergang in die Regelklasse im Kontext von Neuzuwanderung beleuchtet. Dabei steht die sprachliche Bildung unter den gesetzlichen und institutionellen Vorgaben von drei Bundesländern und unterschiedlicher Schulstufen im Fokus. Kontrastierend wird in den Vorträgen 1) die Präsenz von Exklusionsmechanismen im integrativen als auch im parallelen Modell, 2) die Adressierungen neuzugewanderter Schüler*innen im internationalen Vergleich (Deutschland/Italien) und 3) die diskursive bildungspolitische Rahmung der Deutschförderung gegenüber der pädagogischen Praxis der Sprachfördermaßnahmen im Deutschen untersucht. Nach einführenden Vorträgen zu den Dissertationsvorhaben (2 & 3) und dem DFG-Projekt (1) sollen im Forschungswerkstattformat parallel erste Hypothesen kommunikativ validiert und dann durch einen Kommentar aus dem internationalen Diskursraum gerahmt werden.

 

Beiträge des Panels

 

Ein Vergleich von Exklusionsmechanismen im integrativen und parallelen Modell – Einblicke in drei Hamburger Stadtteilschulen

Simone Plöger, Dr. Elisabeth Barakos
Universität Hamburg

Neu zugewanderte Schüler*innen werden in Hamburg zunächst in Internationalen Vorbereitungsklassen (IVK) unterrichtet und wechseln im Schnitt nach zwölf Monaten in die Regelklasse. Im Rahmen des DFG-geförderten Projekts SpraBÜ (Sprachliche Bildung am Übergang) nutzen wir einen ethnographischen Forschungsansatz, um sprachliche Bildungsangebote und -prozesse am Übergang von Vorbereitungs- in Regelklasse in drei Stadtteilschulen zu analysieren. Anhand einer Explorationsstudie (vgl. Plöger in Vorb.) haben wir einen institutionell ethnographisch-reflexiven Ansatz entwickelt (Plöger/Barakos im Erscheinen), mit dem wir Schulen begleiten, in denen Schüler*innen sowohl integrativ (über eine additive Sprachförderung begleitend zum Regelunterricht) als auch parallel (über separate, parallel geführte Vorbereitungsklassen) beschult werden (vgl. Dewitz/Massumi 2017). Im Beitrag wird mittels eines Vergleichs untersucht, welche Exklusionsmechanismen sowohl im integrativen als auch im parallelen System präsent sind und situativ wirksam werden. In unserem Datenkorpus beziehen wir uns auf Protokolle aus teilnehmenden Beobachtungen und informellen Gesprächen, Interviews mit Schulleitungen, Lehrkräften sowie ausgewählten Fokusschüler*innen. Durch den Vergleich können wir datenbasiert den Habitus der IVK als Grenzort institutioneller und individueller Ansprüche problematisieren und beide Modelle der Beschulung mit Hinblick auf Bildungsungleichheiten diskutieren.

 

Adressierungen neuzugewanderter Kinder und Jugendlicher im Alltag integrativer Schulformen in Deutschland und Italien

Fenna tom Dieck
Universität Koblenz-Landau

Die Bildungssysteme Deutschlands und Italiens sind durch unterschiedliche historisch gewachsene Strukturen des schulorganisatorischen Umgangs mit Neuzuwanderung gekennzeichnet: Während in Deutschland die Beschulung neuzugewanderter Schüler*innen häufig über einen Zeitraum von mehreren Jahren teilintegrativ oder gänzlich von der übrigen Schüler*innenschaft separiert erfolgt (Vogel/Stock 2018: A11), werden neuzugewanderte Schüler*innen in Italien meist von Beginn an in Regelklassen beschult (Grigt 2018: B9; Dovigo 2020).

Dies bildet einen Ausgangspunkt der Dissertation „Schulische Teilhabe neuzugewanderter Kinder & Jugendlicher im internationalen Vergleich“. Einem ethnographischen Zugang folgend wurde hier der schulische Alltag von Kindern und Jugendlichen aus unterschiedlichen Migrationskontexten im Alter von neun bis fünfzehn Jahren in mehreren Feldphasen teilnehmend beobachtet. Im Fokus stehen Settings gemeinsamen Unterrichts in Regelklassen in jeweils zwei Schulen in Italien und Deutschland in vergleichender Perspektive (Fritzsche 2013: 198; Proyer/Bilgeri 2021: 308). Die Auswertungen des erhobenen Materials erfolgen mit der Grounded Theory (Charmaz 2014). Den Fokus dieses Beitrags bilden Rekonstruktionen von Adressierungen (Rose/Ricken 2018: 168) neuzugewanderter Schüler*innen durch Mitschüler*innen und pädagogisch Professionelle. In diesem Zusammenhang werden interaktive Prozesse der Grenzziehung und -bearbeitung im Kontext sprachlicher Bildung herausgearbeitet.

 
9:30 - 11:30Institutionelle Begrenzungen? Forschungsperspektiven auf die De-/Institutionalisierung des Pädagogischen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 32
 

Chair(s): Prof. Dr. Anja Tervooren (Universität Duisburg-Essen, Deutschland), Prof. Dr. Fabian Kessl (Bergische Universität Wuppertal), Prof. Dr. Claudia Machold (Bergische Universität Wuppertal), Prof. Dr. Nicolle Pfaff (Universität Duisburg-Essen), Prof. Dr. Martina Richter (Universität Duisburg-Essen)

Diskutant*innen: Dr. Stephan Dahmen (Universität Bielefeld), Prof. Dr. Nicolas Engel (Goethe-Universität Frankfurt)

Die Moderne ist durch die Institutionalisierung des Pädagogischen innerhalb von sich mehr und mehr ausdifferenzierenden, untereinander kontrastierenden pädagogischen Feldern gekennzeichnet, in denen sich aktuell eine widersprüchliche, in manchen Feldern gegenläufige Verschränkung von Institutionalisierung und Deinstitutionalisierung abzeichnet. Allerdings wird letztere eher selten thematisiert. Im Forschungsforum wird diese Gleichzeitigkeit als De-/Institutionalisierung in den Mittelpunkt gestellt und flexible Begrenzungen des Pädagogischen in systematischer und methodologischer Perspektive exemplarisch bezogen auf die pädagogischen Felder der Jugendhilfe und der Bildung in der frühen Kindheit diskutiert. Dabei wird das Desiderat einer erziehungswissenschaftlichen Institutionalisierungstheorie ausgeleuchtet, die auf dem Vergleich und der qualitativen Erforschung unterschiedlicher pädagogischer Felder aufbaut.

 

Beiträge des Panels

 

Institutionalisierung als Ringen um Passung. Perspektiven einer erziehungswissenschaftlichen Institutionalisierungsforschung

Prof. Dr. Fabian Kessl
Bergische Universität Wuppertal

Institutionalisierung in pädagogischen Kontexten lässt sich über die Modi der Verrechtlichung und Professionalisierung sowie der Routinisierung von pädagogischer Praxis und deren Organisation fassen (vgl. Honig 2002). Vor diesem Hintergrund wird eine systematische Perspektive für die erziehungswissenschaftliche Institutionalisierungsforschung am Beispiel der Jugendhilfe ausgeleuchtet und das alltägliche Tun der beteiligten Akteur:innen als Praxis und Organisation der Institutionalisierung gefasst (Münchmeier 1992). In einer rekonstruktiven Analyse ist diese Praxis als Ringen um Passungsverhältnisse zu identifizieren: erstens auf der Ebene der pädagogischen Interaktion als Passung zwischen Erbringung und Inanspruchnahme, zweitens der Ebene der pädagogischen Organisation als Passung zwischen Leitungsinteressen und Fallbearbeitung und drittens jener der Allokation und politischen Legitimation als Passung zwischen Leistungsauftrag und organisational-fachlicher Ausgestaltung. In dem Ringen der beteiligten Akteur:innen um die notwendigen Passungsverhältnisse auf diesen Ebenen zeigen sich nicht nur Form und Inhalt der Praxis und Organisation institutionalisierter Bildung und Erziehung. Vielmehr lassen sich hier auch die widersprüchliche Gleichzeitigkeit von Institutionalisierungsprozessen und Deinstitutionalisierungsdynamiken ebenso wie die politische und kulturelle Auseinandersetzung um die institutionellen Grenzen und Begrenzungen pädagogischer Praxis und Organisation analysieren.

 

De-/Institutionalisierung als methodologische und methodische Herausforderung. Perspektiven ethnographischer Zugänge zur frühen Kindheit

Prof. Dr. Claudia Machold1, Prof. Dr. Anja Tervoooren2
1Bergische Universität Wuppertal, 2Universität Duisburg-Essen

Prozesse der Institutionalisierung von Kindheit stellen seit jeher einen der zentralen Bezugspunkte der sozial- und erziehungswissenschaftlichen Kindheitsforschung dar. Gerade im Feld der frühen Kindheit lassen sich im Zuge des Ausbaus der Kindertagespflege und ihrer Diversifizierung eine zunehmende Verrechtlichung, Routinisierung und Professionalisierung beobachten. Wird in der Kindheitsforschung bereits vor einem „methodologischen Institutionalismus“ gewarnt (Eßer & Schröer, 2019), ist dennoch bisher nicht in den Blick gekommen, dass dieser Institutionalisierungsschub auch von Formen der Deinstitutionalisierung begleitet wird (Tervooren 2021). Ausgehend von kindheitstheoretischen Betrachtungen wird der Frage nachgegangen, wie die Perspektive der De-/Institutionalisierung methodologisch erarbeitet und methodisch umgesetzt werden kann. Dabei wird die „Institutional Ethnography“ (Smith 2005) als Forschungszugang vorgeschlagen, der sich empirisch mit der Bedingtheit von Handeln in und durch institutionelle Kontexte befasst. Sein Potenzial für eine Empirie der De-/Institutionalisierung des Pädagogischen wird am Beispiel der im Feld der Kindertagespflege vor dem Hintergrund der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention beobachtbaren Prozesse der De-/Institutionalisierung ausgelotet. In den Blick kommen damit auch Veränderungen in der Art und Weise, wie Normalitäten in früher Kindheit konstruiert und Klassifikationen organisiert und prozessiert werden.

 
9:30 - 11:30Jugend und ländliche Regionen - Möglichkeiten, Herausforderungen und Grenzen für gesellschaftliches, politisches und kulturelles Engagement
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 29
 

Chair(s): Dr. Maren Zschach (Deutsches Jugendinstitut, Außenstelle Halle, Deutschland), Prof. Dr. Cathleen Grunert (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg)

Jugendforschung, die sich auch unter regionalen Perspektiven mit ungleichen Lebensverhältnissen junger Menschen befasst, scheint sich erst langsam wieder zu etablieren. Jugendliche in ländlichen Regionen geraten bislang eher selten in den Forschungsfokus und wenn, dann oftmals unter einer Defizitperspektive im Hinblick auf Schulschließungen, Mobilitätseinschränkungen, der Abwanderung aus strukturschwachen Regionen oder Gefährdungen ihrer Entwicklung durch das Erstarken demokratie-ablehnender Akteure. Neuere Entwicklungen zeigen jedoch ein verstärktes Forschungsinteresse an einer multidimensionalen Analyse diversifizierter Lebensverhältnisse, Handlungspraktiken und Bedeutungszuschreibungen der Jugendlichen selbst. Die im Forschungsforum versammelten Beiträge schlagen diese Richtung ein und werfen die Frage auf, wie für Jugendliche in ihrer Lebensgestaltung regionale Bedingungen relevant werden, sie sich darauf beziehen und diese selbst mit hervorbringen.

 

Beiträge des Panels

 

Orientierungen zu Engagement und Politik von jungen Menschen im ländlich geprägten, kleinstädtischen Milieu. Rekonstruktionen zur Lebenswelt 12-Jähriger in ermöglichenden und begrenzenden Räumen

Dr. Maren Zschach, Pia Sauermann
Deutsches Jugendinstitut e.V., Außenstelle Halle

Das Lebensumfeld und der Alltag junger Menschen in ländlichen Regionen ist einerseits von der Möglichkeit geprägt, selbstständig aktiv zu sein und andererseits nur wenige formalisierte Freizeitaktivitäten nutzen zu können. Im Vortrag soll dieses Spannungsfeld auf seine gesellschaftspolitische Dimension hin analysiert werden. Dabei wird gefragt, welche Partizipationsmöglichkeiten Jugendlichen in ländlichen Regionen offenstehen und wie das Lebensumfeld als ein Ort in Erscheinung tritt, der zur Entwicklung gesellschaftspolitischer Interessen, Haltungen und Handlungspraxen beiträgt. Begünstigende und unterstützende Faktoren für politische Sozialisationsprozesse werden dabei ebenso in den Blick genommen wie hemmende, behindernde und gefährdende Einflüsse auf die Herausbildung eines politischen Bewusstseins. Dazu erfolgt eine Panel-Untersuchung, in der aktuell ca. 12-jährige Jugendliche mittels narrativ-biographischer Interviews befragt werden. Neben einem individuellen Blick auf ihr Leben im Zusammenhang mit (vor)politischen Orientierungen, spielen Online-Aktivitäten in sozialen Medien und die Frage nach einer Konfrontation mit bzw. einem Engagement für gesellschaftspolitische Themen im Internet ebenfalls eine Rolle. Im Vortrag werden diese Fragestellungen miteinander verbunden und zur Diskussion gestellt.

 

Digital engagiert auf dem Land? Zum Wechselverhältnis von Digitalisierung und Jugendengagement im ländlichen Raum

Dr. Katja Ludwig, Markus Schwarz
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Obwohl regionale Disparitäten auch im Kontext von Zugangs- und Teilhabechancen Jugendlicher an gesellschaftlich relevanten Prozessen und Gütern diskutiert werden, ist eine regionale Perspektive auf Engagement und Beteiligung von Jugendlichen in ländlichen Regionen bislang in der Forschung ebenso wenig berücksichtigt worden, wie die Bedeutung von Digitalisierungsprozessen in diesem Kontext. Die Zusammenhänge von digitalen Praktiken und dem Engagement Jugendlicher im Kontext des sozialen Zusammenlebens in ländlichen Regionen in den Blick zu nehmen, ist Ziel des Projektes. Dabei stehen die Relevanz (post-)digitaler Praktiken für Jugendliche im ländlichen Raum und ihre Potenziale für lokales Engagement und kommunale Beteiligung ebenso im Fokus wie die damit einhergehenden veränderten Praktiken und Prozessregeln auf Seiten der Engagementorganisationen. Um diese unterschiedlichen Ebenen einzufangen, werden sowohl quantitative Daten zu Angebotsstrukturen und zu lokalen und digitalen Aktivitäten Jugendlicher erhoben, als auch Expert:inneninterviews und qualitative Interviews mit Jugendlichen durchgeführt. Im Vortrag sollen erste Befunde vorgestellt und diskutiert werden, inwiefern regionale Bedingungsfaktoren bestehende Ungleichheitsstrukturen, die sich auch über unterschiedliche Nutzungs- und Beteiligungsformen im Netz manifestieren, weiter verstärken oder möglicherweise modifizieren.

 

Gesellschaftspolitisch relevantes Engagement Jugendlicher im ländlichen Raum. Zur Bedeutung von verfügbaren Freizeitangeboten für politische Sozialisationsprozesse

Johanna Häring, Marco Schott
Deutsches Jugendinstitut e.V., Außenstelle Halle

Im Gegensatz zu urbanen Zentren sind ländliche Regionen häufig von demographischen Veränderungen, knappen Ressourcen und einer begrenzten Infrastruktur geprägt. Daraus ergeben sich besondere Herausforderungen in Bezug auf die Möglichkeiten politischer Partizipation Jugendlicher. Diese Aspekte werden auf ihre Bedeutung für politische Sozialisationsprozesse junger Menschen hin untersucht. Von Interesse sind insbesondere Fragen nach der Politisierung von Jugendlichen in strukturschwachen, ländlichen Regionen mit dem Fokus auf freizeit- und peerbezogene Instanzen in deren unmittelbarem Umfeld. In einem gestuften Setting werden zwei regionale Sozialräume durch Interviews mit Kommunalverantwortlichen erschlossen und daran anknüpfend offene, narrative Interviews mit Aktiven der Kinder- und Jugendarbeit durchgeführt. Im Anschluss werden die, in Institutionen und Vereinen aktiven oder sich informell treffenden, Jugendlichen mittels Gruppendiskussionen befragt. Mit Hilfe dieses Vorgehens wird rekonstruiert, wie politische Themen in Freizeit- und Peeraktivitäten von Jugendlichen verhandelt werden und welche Rolle der Sozialraum für deren politische Sozialisation spielt. Im Vortrag werden erste empirische Erkenntnisse vorgestellt und Analyseergebnisse zu Prozessen politischer Sozialisation in ländlichen Regionen zur Diskussion gestellt.

 

Ländliche Regionen als Räume kultureller Bildung im Jugendalter?

Prof. Dr. Cathleen Grunert1, Maria Neumann2
1Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, 2Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg

Der Vortrag fragt nach den Möglichkeitsräumen für Lern- und Bildungsprozesse, die sich Jugendlichen in der Auseinandersetzung mit Musik, Kunst und Kultur in peripheren ländlichen Regionen eröffnen. Dafür wird insbesondere auf qualitatives Datenmaterial zurückgegriffen. Mittels Expert:inneninterviews mit Verantwortungsträger:innen und Praktiker:innen im Bereich der kulturellen Bildung sowie biographisch-narrativen Interviews mit Jugendlichen aus ländlichen Regionen, wird der Blick auf das Zusammenspiel von regionalen und administrativen Bedingungskonstellationen und auf Handlungspraktiken der Jugendlichen selbst gerichtet. Dadurch geraten nicht nur vorstrukturierte Angebote, sondern auch Möglichkeitsräume kultureller Bildung in den Blick, die von Jugendlichen eigeninitiativ hergestellt werden oder, die sich vor dem Hintergrund lokaler Begrenzungen in den digitalen Raum verlagern.

 
9:30 - 11:30Kulturelle Teilhabe in peripheren Regionen: Orte, Institutionen, (digitale) Räume und Potentiale
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 09
 

Chair(s): Prof. Dr. Sonja Nonte (Universität Osnabrück, Deutschland), Prof. Dr. Thade Buchborn (Hochschule für Musik Freiburg), Prof. Dr. Andreas Lehmann-Wermser (Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover), Prof. Dr. Wolfgang Lessing (Hochschule für Musik Freiburg)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Nina Kolleck (Universität Leipzig)

Der Aspekt der musikalisch-kulturellen Teilhabe ist in den vergangenen Jahren vergleichsweise umfangreich beforscht worden (Kranefeld, 2015; Lehmann-Wermser, Weishaupt & Konrad, 2020). Bislang fehlt es jedoch an Untersuchungen, die diesen Aspekt in Bezug auf periphere Regionen diskutieren. Die theoretische Rahmung bildet der Befähigungsansatz nach Sen (Sen, 2012; Krupp-Schleußner, 2016). Unter Einbezug sozioökonomischer und wirtschaftlicher, aber auch familiärer Kontextfaktoren sowie des domänenspezifischen well-beings eignet er sich besonders als Analyserahmen individueller Teilhabechancen, auch mit Blick auf strukturelle Herausforderungen. Im Forum wird die Frage: „Wie können Bildungs- und kulturelle Institutionen sowie lokale Akteure (Musikvereine, freie Kulturschaffende etc.) musikalische kulturelle Teilhabe in peripheren Regionen ermöglichen?“ anhand von vier Beiträgen aus den Forschungsprojekten MOKUB und PReTuS aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet und diskutiert.

 

Beiträge des Panels

 

Schulentwicklung und Kooperationen in peripheren Bildungslandschaften

Mario Mallwitz
Universität Osnabrück

Die Entwicklung und Gestaltung lokaler Bildungslandschaften wird in den vergangenen Jahren als eine bildungspolitisch „hochaktuelle“ Aufgabe stetig vorangetrieben (Weiß, 2011). Schulen und ihre standortspezifische Entwicklung werden hier an ihr lokales Umfeld gebunden betrachtet und auf die Chancen einer gegenseitigen Öffnung verwiesen: Kooperationen mit außerschulischen Bildungspartnern werden als (potentiell erfolgreiche) Netzwerke verstanden und erforscht (Fischbach et al., 2015). Das Forschungsprojekt PReTuS fokussiert Schulen als Orte der Vermittlung und Ermöglichung kultureller Teilhabe. Gerade im ländlichen Raum sind Schulen hierbei häufig auf die Kooperation mit außerschulischen Bildungsakteuren (Musikvereine, Konzerthäuser usw.) angewiesen, die jedoch anders als in städtischen Ballungsräumen, nicht immer in unmittelbarer Nähe liegen. Der Vortrag präsentiert Ergebnisse einer triangulativen Befragung von Schulleiter*innen peripher verorteter Schulstandorte hinsichtlich ihrer bestehenden Kooperationen, der von ihnen identifizierten Entwicklungsbedarfe und bisher ungenutzten Potenziale zur Vernetzung innerhalb einer kommunalen Bildungslandschaft. Während die Fragebogenerhebung vor allem eine Bestandsaufnahme der schulischen Ausstattung und bestehender Kooperationen bietet, ermöglichen die Ergebnisse einer qualitativen Inhaltsanalyse (Kuckartz, 2016) von Schulleiterinterviews vertiefende Einblicke in die Gründe für bisher ungenutzter Kooperationspotenziale.

 

Blasmusikvereine und ihre Beziehungen zu anderen kulturellen Bildungsinstitutionen

Johanna Borchert
Hochschule für Musik Freiburg

In ländlichen Räumen spielen Blasmusikvereine (MV) nicht nur als kulturelle Institutionen, sondern auch in Bezug auf die musikalische (Aus-) Bildung außerhalb allgemeinbildender Schulen eine bedeutsame Rolle (Laurisch 2018). Insbesondere aufgrund ihrer teils sehr periphere Lage sind sie Prozessen des gesellschaftlichen und demographischen Wandels ausgesetzt (Sievers 2018), sodass die Kooperation und Vernetzung mit anderen Institutionen musikalisch-kultureller Bildung einen wichtigen Aspekt der Verankerung in der Kulturlandschaft (Keuchel 2013) und Sicherung des Fortbestands darstellt. Besonders zu Musikschulen, allgemeinbildenden Schulen und der Musikhochschule stehen MV in Beziehungen die auf unterschiedliche Weise (z. B. Kooperationen, Übergangsbeziehungen, durch eine gemeinsame Zielgruppe) strukturiert sein können. Für das Forschungsprojekt MOkuB ist die Akteur:innenperspektive in Bezug auf diese Beziehungen von Interesse. Deshalb werden diesbezüglich handlungsleitende Orientierungen durch die Auswertung von Gruppendiskussionen zwischen MV-Akteur:innen und Akteur:innen weiterer musikalischer Bildungsinstitutionen mittels der dokumentarischen Methode nach Ralf Bohnsack (Bohnsack 2014) herausgearbeitet. Es zeigen sich dabei Eigen- und Fremdwahrnehmungen der einzelnen Institutionen sowie Fördernisse und Hemmnisse der Kooperationen auch unter veränderten Bedingungen der Corona-Pandemie.

 

Musikalisch kulturelle Bildung in Musikvereinen aus Sicht der Akteur*innen. Eine Dokumentarische Studie

Verena Bons
Hochscule für Musik Freiburg

Insbesondere in ländlichen Regionen Deutschlands gelten Musikvereine (MV) als zentrale Akteure der Amateurmusikszene (MLR 2013). Sie fördern u.a. die produktive Auseinandersetzung mit Musik, eröffnen einem breiten Publikum Möglichkeiten der (Live-)Musikrezeption und initiieren musikalische Bildungsprozesse, etwa durch ihr Instrumentalunterrichtsangebot (Ardila-Mantilla 2016, Berg 2010, Deutsche Bläserjugend 2016). Wie die Mitglieder von MV ihre Arbeit im Kontext musikalisch kultureller Bildungsarbeit verorten und ob sie durch ihr Wirken in der Nachwuchsarbeit Teilhabemöglichkeiten eröffnen wollen, ist bislang nicht erforscht. Auch wenn neuere Publikationen die Mitgliederperspektive (BMJ 2017a und b, 2018, Laurisch 2017a und b, 2018) beleuchten, wurden weder das Selbstverständnis noch die Praktiken von Amateurblasorchestern genauer untersucht. Im Zentrum der Präsentation steht daher die Frage: An welchen impliziten oder expliziten Wissensbeständen orientieren MV-Mitglieder ihre musikalische Ausbildungsarbeit und inwiefern zeigen sich Gemeinsamkeiten und Unterschiede zum Diskurs der musikalisch-kulturellen Teilhabe?

Anhand von Gruppendiskussionen rekonstruieren wir mittels der Dokumentarischen Methode (Bohnsack 2014) handlungsleitende Orientierungen von MV-Mitgliedern. Unsere Ergebnisse zeigen, dass die musikalische Ausbildungsarbeit zwar einen hohen Stellenwert im Selbstverständnis der MV hat, jedoch werden Begriffe wie Teilhabe oder kulturelle Bildung kaum gebraucht.

 

Musikkultur zwischen Wald und Wiese. Musikalische Praxen auf dem Prüfstand der Attraktivität für Kinder und Jugendliche in peripheren Regionen

Julius Kopp
Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover

Kulturelle Bildung in ländlichen Regionen gestaltet sich anders als in urbanen. So bilden beispielsweise Musik- und Bläservereine einen eigenen Kosmos gleichermaßen der musikalischen Praxis als auch des sozialen Austauschs, und während in städtischen Regionen oft eigene Kinder- und Jugendchöre existieren, gestalten sich Chor- und Gesangsvereine im ländlichen Raum intergenerativ (Overbeck, 2018; Vogt, 2020). Ein zentraler Bestandteil im Vereinswesen stellt beispielsweise neben der gelebten Laienmusikpraxis auch die Nachwuchsförderung dar. Doch welche Kinder und Jugendlichen sprechen diese Angebote an?

Das Forschungsprojekt PReTuS widmet sich den musikalischen Bildungsangeboten in peripheren Regionen des Harzes und des Kyffhäuser-Kreises. Bestehende Angebote werden auf ihre Erreichbarkeit für die Kinder und Jugendlichen erfasst und individuelle Teilhabechancen untersucht (Lehmann-Wermser & Krupp-Schleußner, 2017). Der Beitrag stellt auf individueller Ebene dar, inwiefern unterschiedliche Formen musikalischer Bildungsangebote für Kinder und Jugendliche zugänglich, attraktiv und ansprechend sind, und welche Rolle die subjektiv eingeschätzte Entfernung zu diesen darstellt. Besonders vielversprechend könnten in diesem Zusammenhang digitale Formate sein, die aufgrund der weltweiten CoVid19-Pandemie auch vermehrt in etablierten institutionellen Bildungsangeboten Einsatz finden. Untersucht werden dabei sowohl formale und non-formale traditionelle musikalische Praxen.

 
9:30 - 11:30Methodologisch-methodische Zugänge zu Kinderzeichnungen in der qualitativen Forschung: Potenziale und Grenzen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 08
 

Chair(s): Prof. Dr. Melanie Kubandt (Universität Vechta, Deutschland), Dr. Mirja Kekeritz (Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz (bis 30.09.2021))

Diskutant*innen: Prof. Dr. Birgit Hüpping (Pädagogische Hochschule Ludwigsburg), Dr. Wiebke Hiemesch (Universität Hildesheim)

Kinderzeichnungen als symbolisches Material jenseits sprachlichen Ausdrucksvermögens stellen einen wertvollen empirischen Zugang zu Welt- und Selbstverhältnissen von Kindern dar. Nichtsdestotrotz sind viele Fragen zu Kinderzeichnungen in der qualitativen Forschung noch nicht umfassend diskutiert. So besteht u.a. die Notwendigkeit an Reflexionen zu Potentialen und Grenzen unterschiedlicher analytischer Zugänge im Kontext der spezifischen Ausdrucksmaterialität von Kinderzeichnungen. Daher wird ein Überblick über Forschungszugänge und Desiderata im Hinblick auf Kinderzeichnungen gegeben und dabei u.a. methodologische Grundfragen zum Bildbegriff fokussiert. Ausgehend von einer Kinderzeichnung werden unterschiedliche analytische Zugänge zu Kinderzeichnungen im Hinblick auf ihren jeweiligen Erkenntnismehrwert vorgestellt, aber auch hinsichtlich ihrer Grenzen vor dem Hintergrund methodologisch-methodischer Herausforderungen des Fremdverstehens von Kindern gemeinsam diskutiert.

 

Beiträge des Panels

 

Kinderzeichnungen im qualitativen Forschungskontext zwischen Potenzialen, Grenzen und Desiderata - Eine Einführung

Dr. Mirja Kekeritz1, Prof. Dr. Melanie Kubandt2
1Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz (bis 30.09.2021), 2Universität Vechta

Trotz zahlreicher Publikationen und vielfältiger Aufbrüche in den vergangenen Jahren im Hinblick auf Forschungsarbeiten zu Kinderzeichnungen sind im Rahmen der empirischen Sozialforschung viele Fragen nach wie vor zu diskutieren und systematisch weiter zu bearbeiten: Denn wenngleich weitestgehend Einigkeit darüber besteht, welches Potenzial ein Fokus auf Kinderzeichnungen im Hinblick auf kindliche Weltzugänge beinhaltet, so bleibt jedoch immer wieder die Hürde des Fremdverstehens und auch die sowohl erkenntnistheoretische als auch forschungspraktische Herausforderung, wie überhaupt aus der Perspektive von Kindern geforscht werden kann (vgl. Mey 2003, Heinzel 2012). Zentrale Argumente für entsprechende Vorbehalte sind neben der methodischen Herausforderung, symbolische Ausdrucksformen auch jenseits von verbaler Sprache zu berücksichtigen, u.a. die Gefahr der Reifikation bzw. die Schwierigkeit aus der Perspektive von Kindern zu forschen (vgl. Betz/Eßer 2016). Das heißt konkret, dass Kinderzeichnungen zwar fest im Methodenrepertoire der Neuen Kindheitsforschung geführt werden, wenngleich bis heute grundlegende theoretische wie empirische Leerstellen bzw. Herausforderungen zu methodisch-methodologischen Aspekten von Kinderzeichnungen virulent bleiben. Der einleitende Vortrag des Forschungsforums bereitet vor dem Hintergrund der genannten Herausforderungen zentrale Strömungen und Desiderata im Kontext nationaler wie internationaler Kinderzeichnungsforschung auf.

 

Herausforderungen und Grenzen bei der Analyse von Kinderzeichnungen. Ein Problemaufriss aus kunsthistorischer und bildmethodologischer Perspektive

Dr. Kathrin Borg-Tiburcy
Universität Osnabrück

Ziel des Vortrages ist es aus der Perspektive kunsthistorisch entwickelter und fundierter Methoden die Analyse von Kinderzeichnungen einer kritischen Reflexion zu unterziehen und damit verbundene Herausforderungen und Grenzen herauszuarbeiten. Hierbei wird auf kunsthistorische Perspektiven von Panofsky und Imdahl zurückgegriffen, welche im aktuellen sozialwissenschaftlichen Diskurs systematisch erarbeitete bildanalytische Verfahren wesentlich fundieren. In diesem Zusammenhang werden Aspekte dieser prominent gewordenen kunsthistorischen Zugänge, die immer auch bildtheoretische Implikationen enthalten, an aktuellen bildanalytischen Verfahren wie der Dokumentarischen Methode und Objektiven Hermeneutik diskutiert und zwar unter Berücksichtigung vorliegender Analysen von Kinderzeichnungen. Auf dieser Basis werden noch zu bearbeitende Desiderata bzw. offene Fragen im Hinblick auf die Analyse von Kinderzeichnungen veranschaulicht und zusammengefasst. Zentrale Fragen sind hierbei, ob Kinderzeichnungen mit bild- und kunstwissenschaftlichen Methoden analysiert werden und inwiefern Kinderzeichnungen vor diesem Hintergrund überhaupt als Bild konzipiert werden können.

 

Möglichkeiten einer immanenten Bildanalyse von Kinderzeichnungen: Ein objektiv-hermeneutischer Zugang

Prof. Dr. Claudia Scheid, Jirko Piberger, Dr. Peter Münte
Universität Innsbruck

Im Zentrum der Objektiven Hermeneutik (OH) steht die Idee eines kontrollierten Erschließungsprozesses, der am Material ansetzt, mikrologisch verfahrend auch kleinste Sinneinheiten berücksichtigt und auf die Rekonstruktion fallspezifisch sich ausprägender sozialer Praxis zielt. Dies hat Konsequenzen für das im Forschungsforum behandelte Problem des Fremdverstehens: Um eine Kinderzeichnung zu verstehen, muss man sich der OH zufolge nicht vorgängig mit der Lebenswelt des Kindes vertraut machen. Vielmehr werden in der mikrologischen Analyse der Zeichnung Hypothesen dazu formuliert, was das Kind beim Verfertigen der Zeichnung beschäftigt haben und wie dies im Bild bearbeitet worden sein könnte. Es wird nicht das, was man über andere Datenerhebungswege über das Kind ohnehin weiß, in der Zeichnung entdeckt. Erst nach der Analyse der Zeichnung wird über den sukzessiven Einbezug von weiteren Daten in einen sich selbst korrigierenden und erweiternden Erkenntnisprozess eingetreten. Wenn man dieserart an der Kinderzeichnung selbst ansetzt, hat das insbesondere unter bildtheoretischen Gesichtspunkten erhebliche Vorzüge: Es ergibt sich so – und nur so – die Chance, den Erkenntniswert des Datentypus „Kinderzeichnung“ für die Kindheitsforschung zu bestimmen: Lassen sich an diesem Datum Hypothesen über den Bildungsprozess eines Kindes entwickeln, die sich auch im Zusammenhang umfassenderer Datenarrangements als tragfähig erweisen, ja bieten sie möglicherweise einen privilegierten Zugang?

 

Potenziale und Grenzen der visuellen Segmentanalyse von Kinderzeichnungen

Raphaela Kogler
Universität Wien

Die Methode der visuellen Segmentanalyse nach Roswitha Breckner (2010, 2020) macht bildliche Wahrnehmung über Sprache für eine interpretative Analyse zugänglich. Ähnlich der objektiven Hermeneutik (vgl. Oevermann et al. 1979) will die visuelle Segmentanalyse die Eigenlogik des Bildes nicht ignorieren. Kinderzeichnungen werden aus phänomenologischer Sicht als bildliche Dokumente, die „Zugang zu visuell verdichteten Erlebnis-, Erfahrungs- und Gestaltungszusammenhängen“ (Breckner 2012: 161) eröffnen, gefasst. Eine solche rekonstruktive Bildanalyse fragt nicht nach vordergründigen Inhalten und Motiven der Zeichnung bzw. setzt (Ein-)Gezeichnetes nicht mit subjektiv Relevantem gleich: Vielmehr bietet diese Methode Potenziale zur Analyse des Bildsinns und der Bedeutungsschichtung einzelner Bildsegmente. Außergewöhnlich erscheinen der Einbezug von weiterem empirischen Material des Forschungsprozesses (z.B. Transkripte) sowie die Relevanz des Kontextwissens über das Kind, welche explizit herangezogen werden. Dadurch können interpretative Erkenntnisse generiert und kindbezogene Ergebnisse im Hinblick auf eine spezifische Forschungsfrage formuliert werden. Der Vortrag zeigt anhand der Kinderzeichnung die visuelle Segmentanalyse in sechs Schritten: Dabei werden in jedem Schritt Potenziale und Grenzen aufgezeigt, um die Diskussion und Implementierung des Materials der Kinderzeichnung und dessen Analyse(möglichkeiten) im Kanon der qualitativen, kindbezogenen Forschung zu forcieren.

 

Kinderzeichnungsforschung in der Kunstpädagogik – Das hermeneutisch-mehrperspektivische Interpretationsmodell

Prof. Dr. Monika Miller
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg

In einer anthropologisch und hermeneutisch ausgerichteten Kunstpädagogik stehen das bildnerische Wahrnehmungs-, Vorstellungs-, Darstellungs- und Mitteilungsvermögen des jungen Menschen in seiner Entwicklung und Bildungsfähigkeit im Mittelpunkt (vgl. Krautz 2015: 225). In der kunstpädagogischen Lern- und Unterrichtsforschung, wie sie in den letzten zehn Jahren im Umfeld des IMAGO-Forschungsverbundes durchgeführt wird (vgl. Miller 2016; Brandenburger 2018; Fröhlich 2019; Gonser 2018), wurden dafür u.a. Forschungsinstrumente weiterentwickelt, die einer hermeneutisch-mehrperspektivischen Interpretation der bildnerischen Lern- und Gestaltungs-prozesse dienlich sind. Wenn bildnerische Arbeiten von Kindern untersucht werden, müssen unterschiedliche Daten erfasst, analysiert und interpretiert werden. Neben Kinderzeichnungen werden daher u.a. Videografien, problemzentrierte Befragungen und Interviews als Quellen herangezogen, mit der Zielsetzung, Kinderzeichnungen in einem integralen Sinnzusammenhang zu verstehen, zu interpretieren und zu erklären. Der Vortrag stellt in diesem Zusammenhang das hermeneutisch-mehrperspektivische Produkt-Prozess-Interpretationsmodell vor.

 
9:30 - 11:30Pädagogik, Sexualität und Körperpolitik – Diskurse, Praxen, Erfahrungsräume 1870-1930
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 45
 

Chair(s): Prof. Dr. Sylvia Kesper-Biermann (Universität Hamburg, Deutschland), Prof. Dr. Esther Berner (Helmut-Schmidt Universität / Universität der Bundeswehr Hamburg, Deutschland), Prof. Dr. Carola Groppe (Helmut-Schmidt Universität / Universität der Bundeswehr Hamburg, Deutschland), Prof. Dr. Ingrid Lohmann (Universität Hamburg, Deutschland)

Mit der Frage nach der Rolle von Sexualität als Erfahrungsraum wie als Normengefüge für das Aufwachsen von Jugendlichen sowie für die Lebensweise junger Erwachsener widmet sich das Forschungsforum einem in der Historischen Bildungsforschung erst in Ansätzen behandelten Thema. Im Mittelpunkt stehen Mädchen und Frauen als Adressatinnen pädagogischer Maßnahmen und sozialpolitischen Handelns wie als Akteurinnen sexueller Praxen zwischen 1870 und 1930. Die Beiträge bearbeiten das Themenfeld mit verschiedenen sozialisations- und sozialhistorischen, ideen- und diskursgeschichtlichen Zugängen. Vorgesehen sind materialnahe Analysen mittels eines breiten Spektrums zeitgenössischer Quellen wie Zeitschriften, Erziehungsratgebern oder Umfragen. Sie bieten einen noch weitgehend ungenutzten Fundus für die Rekonstruktion geschlechtlicher Sozialisationsbedingungen und Sexualverhaltens sowie von pädagogischem Wissen und Normen hinsichtlich Sexualität und Geschlecht in Kaiserreich und Weimarer Republik.

 

Beiträge des Panels

 

‚Möglichkeitsräume‘. Zur sexuellen Sozialisation bürgerlicher Mädchen und junger Frauen im späten Kaiserreich

Prof. Dr. Carola Groppe
Helmut-Schmidt Universität / Universität der Bundeswehr Hamburg, Deutschland

Der Vortrag widmet sich der Sexualität bürgerlicher Mädchen und Frauen als Teil ihrer Sozialisation im Kaiserreich. Anhand statistischer medizinischer Erhebungen zur Sexualität männlicher und weiblicher Jugendlicher (z.B. Blaschko 1900, Meirowsky 1915) soll zunächst rekonstruiert werden, was über sexuelle Erfahrungen bürgerlicher Mädchen durch die zeitgenössische Empirie bekannt ist. Die Forschungsliteratur zu diesem Thema ist nach wie vor spärlich (vgl. Jütte 2003, Eder 2002, Gay 1986). Ergänzt wird dies durch die Analyse von Briefen und Aufzeichnungen von Mädchen im späten Kaiserreich sowie zwei Fallbeispiele (Clara Zetkin und die Psychoanalytikerin Karen Horney), um ‚Möglichkeitsräume‘ und Grenzen erotisch-sexueller Begegnungen für bürgerliche Mädchen und Frauen zu erörtern. Zugleich interessiert, wie Eltern und Schule mit dem Thema umgingen. Wie wird über die Sexualität von Mädchen und jungen Frauen kommuniziert und - etwa ab 1900 – auch publiziert (z.B. Kertz 1916)? Hier sollen auch die auf Sexualerziehung zielenden Veröffentlichungen der Sexualwissenschaft (Ivan Bloch, August Forel, Anna Fischer-Dückelmann) und die Debatten der Frauenbewegung über weibliche Sexualerfahrungen und ihre Legitimität herangezogen werden, um die zeitgenössischen Dimensionen des Themas zu erfassen. Ziel ist, Sexualität als Element von weiblichen Erziehungs- und Sozialisationsprozessen im Bürgertum zu rekonstruieren und die These ihrer weitgehenden Tabuisierung in Frage zu stellen.

 

Sittlichkeitsvereine, Jugendschutz und (weibliche) Sexualität (1880-1930)

Prof. Dr. Sylvia Kesper-Biermann
Universität Hamburg, Deutschland

Ende des 19. Jahrhunderts entstanden in Deutschland wie im übrigen Europa Sittlichkeits- und Jugendschutzvereine, die sich gegen Prostitution und generell als unmoralisch angesehenes Verhalten wie voreheliche Sexualität engagierten. Neben der Präventionsarbeit etwa in konfessionellen „Jungfrauenvereinen“ gehörte die Arbeit mit „gefährdeten“ oder „gefallenen“ Mädchen zu den Tätigkeitsbereichen der Vereine (Brinkmeier 2003). Während sie bislang vor allem im Hinblick auf die von ihnen vertretene Sexualmoral sowie das Thema Prostitution untersucht wurden, ist die Frage danach, welche Aussagen sich aus ihren Aktivitäten sowie den von ihnen produzierten Materialien im Hinblick auf die alltägliche Sexualität weiblicher Jugendlicher zwischen ca. 1880 und 1930 ableiten lassen, noch nicht systematisch verfolgt worden. So kann die Analyse des Umgangs mit Schwangerschafts-„Fällen“ in einzelnen Vereinen über das Sexualverhalten von Mädchen und jungen Frauen Aufschluss geben. Ferner liegen die Ergebnisse einer Umfrage zu den „geschlechtlich sittlichen Verhältnisse[n] der evangelischen Landbewohner im Deutschen Reiche“ vor (Wittenberg u.a. 1895/96), die einen bislang selten unternommenen Blick auf den ländlichen Raum erlauben, in dem offensichtlich länger als in den (Groß-)Städten traditionelle Formen der Eheanbahnung einschließlich vorehelicher Sexualität üblich waren.

 

Der Diskurs über Sexualität und sittliche Gefährdung in pädagogischen Zeitschriften und Lexika, ca. 1890–1918

Prof. Dr. Ingrid Lohmann
Universität Hamburg, Deutschland

Mit jugendlicher Sexualität setzten sich bereits in der Spätaufklärung Mediziner und Erziehungstheoretiker auseinander, letztere vor allem aus dem Kreise der Philanthropisten und schon damals im Umfeld „kolonialen Begehrens“ (Zantop), das in Abstufungen von Kultur und Zivilisiertheit gebändigt werden musste. Weniger gut erforscht ist das erneute Wiederaufleben der Thematik hundert Jahre später, diesmal mitten in der kolonialen Realität der imperialistischen Ära des Wilhelminischen Kaiserreichs. Ende des 19. Jahrhunderts nahm in Pädagogik, Psychologie, Psychiatrie und Medizin die Debatte über geschlechtliche „Verirrungen“, „Selbstbefleckung“ bei Jugendlichen sowie die Gefährdung der Sitten durch uneheliche Kinder („Bastarde“) wieder Fahrt auf; etwa ab 1900 ist ein deutlicher Anstieg der Zahl einschlägiger Zeitschriften- und Wörterbuchartikel zu verzeichnen. Anhand ausgewählter Periodika wie „Zeitschrift für Kinderforschung“, „Die Lehrerin“ und „Allgemeine Lehrerzeitung“ sowie Lexika wie Roloffs „Lexikon der Pädagogik“ und Reins „Enzyklopädischem Handbuch der Pädagogik“ wird rekonstruiert, wie der „Geschlechtstrieb“ und seine (rassischen) „Verirrungen“ im pädagogischen Feld im Kaiserreich verhandelt wurden und welche Normalitätsvorstellungen damit verbunden waren. Untersucht wird insbesondere, wie diese sich als Gegenentwurf zu Unsittlichkeit und Unzivilisiertheit präsentierten, die man kolonialisierten afrikanischen Völkern ankonstruierte.

 

Die Erziehung des weiblichen ‚Geschlechts’: Körper- und Geschlechterwissen (1870-1930)

Prof. Dr. Esther Berner
Helmut-Schmidt Universität / Universität der Bundeswehr Hamburg, Deutschland

Mit der Ausdifferenzierung einer Frauenheilkunde bzw. Gynäkologie intensivierte sich im 19. Jh. die Erforschung des „Weibes“ und seiner Körperlichkeit. Das im Zuge dessen generierte Körper- und Geschlechterwissen bot in der Folge eine wichtige Grundlage für die geschlechtsspezifische (Körper-)Erziehung von Mädchen in der Volksschule und in höheren Schulen (Mädchenturnen, Gesundheitslehre) wie im Privaten (Frauengymnastik, Ratgeberliteratur). Dabei lässt sich um die Jahrhundertwende insofern von einem Paradigmenwechsel sprechen, als der Primat der Schonung aufgrund von körperlichen und geistigen leistungsbezogenen Defizitannahmen (etwa vor und während der Menstruation) zunehmend von Empfehlungen einer aktiven Kräftigung des Körpers gerade auch im Hinblick auf dessen Reproduktionsfunktion flankiert wurde. Eingebettet in den nach dem Ersten Weltkrieg verstärkt aufkommenden biopolitischen Diskurs schlugen sich dieses Wissen und davon abgeleitete (Experten-)Tipps in einer zahlreichen Ratgeberliteratur nieder. Der Beitrag fragt nach Transformationen entsprechenden Wissens und dessen Popularisierung. Als Quellengrundlagen dienen sowohl einschlägige anatomische, physiologische und medizinische Lehrbücher wie (körper-)hygienische Ratgeberliteratur zuhanden der Frau. Letztere verfolgte im Wesentlichen den Zweck, die Adressatinnen über das Wesen und die Funktionen ihres (Geschlechts-)Körpers zu informieren und bezüglich dessen Pflege anzuleiten.

 
9:30 - 11:30Prozesse des Lehrer*in-Werdens zwischen Subjektivierungsimpulsen und Habitustransformation
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 07
 

Chair(s): Prof. Dr. Tobias Leonhard (Pädagogische Hochschule Zürich, Schweiz)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Petra Herzmann (Universität zu Köln)

Im Forschungsforum werden vier Dissertationsvorhaben vorgestellt, die jeweils Teilaspekte der qualitativen Längsschnittstudie "TriLAN" bearbeiten. Im Gesamtvorhaben werden bei insgesamt 19 Studierenden über drei Jahre des BA-Studiums zur Kindergarten- und Primarlehrperson Studienverläufe als Trajektorien untersucht. Ziel ist, besser zu verstehen, wie Prozesse des Lehrer*in-Werdens zwischen Subjekten, Habitus und den institutionellen Anforderungen der diversen Felder der Lehrer*innenbildung an drei Studienstandorten der Deutschschweiz verlaufen, ohne diese bereits vorgängig gegenstandsnormativ als "Entwicklung" oder "Professionalisierungsprozess" zu fassen.

Die vier DIssertationsvorhaben befassen sich mit Rekonstruktionen des Habitus der Studienanfänger*innen, Adressierungspraktiken und Subjektivierungsprozessen in Lehre und Praktikum, mit Thematisierungsweisen grundlegender fachlicher Bildung in Lehrveranstaltungen sowie der Analyse normativer Ordnungen an den Studienstandorten.

 

Beiträge des Panels

 

Normative Ordnungen in Studiengängen zur Kindergarten- und Primarlehrperson – Rekonstruktion von Adressierungen Studierender in Hochschule und Berufsfeld

Andrea Müller
Pädagogische Hochschule Zürich

Studierende des Lehrberufs bewegen sich im Verlauf ihres Studiums in unterschiedlichen Feldern. Zum einen studieren sie an einer Hochschule, die von ihnen eine nach wissenschaftlichen Prinzipien ausgeführte Arbeitsweise und die Einarbeitung in die Erziehungswissenschaften sowie die Unterrichtsfächer erwartet. Zum anderen verbringen sie einen wesentlichen Teil des 6-semestrigen Studiums im Berufsfeld als Praktikant*in, wo sie sich mit den Ansprüchen dieses Feldes auseinandersetzen.

In diesen Feldern werden Erwartungen und Ansprüche an die zukünftigen Lehrpersonen gestellt, um als Lehrperson, Student*in oder Praktikant*in anerkannt zu werden. In diesem Anerkennungsprozess müssen sich der/die Anerkannte sowie der/die Anerkennende den normativen Ordnungen, die im jeweiligen Feld gelten, «unterwerfen» (Reh & Rabenstein, 2012, S. 230).

Die normativen Ordnungen werden als Set interaktiv aufgerufener Normen, das zumeist implizit bleibt und dennoch deutlich macht, was im jeweiligen Feld gilt, um als angehende Lehrpersonen anerkennbar zu werden, gefasst. Diese normativen Ordnungen werden im vorgestellten Promotionsvorhaben durch beobachtende Teilnahme und audiografische Dokumentation in den verschiedenen Feldern dokumentiert, adressierungsanalytisch rekonstruiert und zueinander in Beziehung gesetzt werden.

Im Beitrag werden Einblicke in die erhobenen Daten und in erste Analysen dieser Daten mit der Adressierungsanalyse möglich und offene Fragen zur Diskussion gestellt.

 

Subjektivationsprozesse auf dem Weg in den Lehrberuf – studentische Umgangsweisen mit den Anforderungen eines Studiums

Ezgi Güvenç
Pädagogische Hochschule Zürich

Studierende bewegen sich im Verlauf des dreijährigen BA-Studiums durch drei weitgehend distinkte Formate: Lehrveranstaltungen als Anlässe kollektiver Auseinandersetzung mit curricularen Inhalten, Praktika als begleitete und didaktisierte Formen der Begegnung und Mitgestaltung von beruflicher Praxis sowie das Mentorat als Format der Begleitung individueller Professionalisierungsprozesse. Im vorgestellten Promotionsvorhaben wird untersucht, wie sich berufsbezogene Subjektivationsprozesse von Studierenden in verschiedenen sozialen Situationen während des Studiums vollziehen und wie sich Studierende sowohl unmittelbar als auch mittelbar mit den berufsbezogenen Anforderungen auseinandersetzen. Das Vorhaben bezieht sich mit der Perspektive auf Adressierungspraktiken auf die Untersuchung von Interaktionen, die in situ in verschiedenen Feldern der Lehrer*innenbildung stattfinden. In diesen Situationen werden ihnen, verschiedene Subjektformen und -positionen zugeschrieben, die adressierungsanalytisch (vgl. Kuhlmann et al. 2017) untersucht werden. Im Vortrag werden die Forschungsfragen, exemplarische Daten zu formatbezogenen Differenzen bzw. Homologien sowie erste Rekonstruktionsbefunde dargestellt.

Literatur

Kuhlmann, N., Ricken, N., Rose, N., & Otzen, A. (2017). Heuristik für eine Adressierungsanalyse in subjektivationstheoretischer Perspektive. Vierteljahresschrift für wissenschaftliche Pädagogik, 93, S. 234-235.

 

Thematisierungs- und Herstellungsweisen grundlegender fachlicher Bildung im Studiengang Kindergarten-/Primarstufe

Melanie Leonhard
Pädagogische Hochschule FHNW

Eine zentrale Aufgabe von Primarlehrpersonen ist die Vermittlung grundlegender fachlicher Bildung. Diese spezifische Form fachlicher Bezugnahme, die sich von Konzeptionen gymnasialer Fachlichkeit grundsätzlich unterscheidet (vgl. Heinzel, 2019; Vogt, 2019), wird in Lehrveranstaltungen der Hochschule zum Gegenstand.

In der Studie werden Lehrveranstaltungen an drei Standorten der Deutschschweiz mit dem Ziel der systematisierenden Beschreibung von Thematisierungs- und Herstellungsweisen grundlegender fachlicher Bildung durch Rekonstruktionen von Interaktionen in (schul-) fachbezogenen Lehrveranstaltungen der Fächer Mathematik, Sprache bzw. Deutsch und des Sachunterrichts bzw. Natur, Mensch, Gesellschaft untersucht, wie sie Studierende während des Grundstudiums besuchen.

Nach inhaltsanalytischer Systematisierung werden prototypische Ausschnitte identifiziert, die anschliessend einer Analyse der Adressierung der fachlichen Gegenstände und der Studierenden als zukünftige Lehrer*innen sequenziell unterzogen werden.

Im Vortrag werden exemplarische Daten sowie die methodische Vorgehensweise zur Diskussion gestellt.

Literatur

Heinzel, F. (2019). Zur Doppelfunktion der Grundschule, dem Kind und der Gesellschaft verpflichtet zu sein – die generationenvermittelnde Grundschule als Konzept. ZfG, 12, 275 - 287.

Vogt, M. (2019). Grundlegende Bildung als Zielvorgabe einer Schule für alle – Deutungsvarianten in der Geschichte der Grundschule in Deutschland. Forschungsperspektiven, 12, 241 - 258.

 

Professionalisierung im Studium zum Lehrberuf – Eine Ent I grenz I ung habitueller Dispositionen?

Adrian Ulmcke
Pädagogische Hochschule FHNW

Dieser Beitrag beleuchtet die Grenzen und Entgrenzungen des individuellen Habitus werdender Lehrpersonen und ihre Bedeutung für den Verlauf von Professionalisierungsprozessen im Studium. Bourdieu entwirft den Habitus als „System von Grenzen“ (Fröhlich & Rehbein, 2014, S. 38). Statt Studierende zu Beginn des Studiums als „unbeschriebene Blätter“ aufzufassen, werden sie hier als Individuen mit jenen bei Bourdieu zu findenden, habitusinhärenten Grenzen verstanden, die den Studienverlauf maßgeblich strukturieren. Inwiefern habituelle Dispositionen Professionalisierungsprozesse im Studium beeinflussen und ob ein Studium zu Grenzverschiebungen oder gar Entgrenzungen habitueller Dispositionen führen kann, ist die zentrale Fragestellung des Beitrags. Innovativer Kern ist neben der sequenzanalytischen Rekonstruktion habitueller Dispositionen (vgl. Kramer, 2019) der besondere Zugriff auf die Empirie der Professionalisierung zukünftiger Lehrpersonen im Studium durch die Triangulation von Interviews und Tagebucheinträgen.

Literatur:

Fröhlich, G., & Rehbein, B. (Hrsg.). (2014). Bourdieu-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Stuttgart: J. B. Metzler.

Kramer, R.-T. (2019). Sequenzanalytische Habitusrekonstruktion. In R.-T. Kramer & H. Pallesen (Hrsg.), Lehrerhabitus. Theoretische und empirische Beiträge zu einer Praxeologie des Lehrerberufs (S. 307-330). Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

 
9:30 - 11:30Qualitative Bildungs- und Biografieforschung unter Bedingungen der Corona-Pandemie
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 21
 

Chair(s): Prof. Dr. Anke Wischmann (Europa-Universität Flensburg, Deutschland), Prof. Dr. Thorsten Fuchs (Universität Koblenz-Landau), Prof. Dr. Juliane Engel (Goethe-Universität Frankfurt am Main), Prof. Dr. Christine Demmer (Universität Bielefeld)

Das Forschungsforum widmet sich den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf qualitative Bildungs- und Biografieforschung. Es geht darum, die Einsichten in die notwendig gewordenen Veränderungen von Forschungsprozessen qualitativen Zuschnitts auf die Frage hinauszuführen, ob und inwiefern sie Innovationen und Transformationspotenziale für die qualitative Bildungs- und Biografieforschung bereithalten. Auf diese Weise wird die Gelegenheit genutzt, über Einblicknahmen in konkrete qualitativ-erziehungswissenschaftliche Forschungsprojekte und ihre erforderlichen Veränderungen in Anbetracht der Corona-Pandemie die methodischen und methodologischen Konsequenzen für die qualitative Bildungs- und Biografieforschung insgesamt zu sondieren – konkret unter der Frage, welche der entwickelten Neujustierungen bzw. -perspektivierungen Aussicht darauf haben, qualitative Ansätze in der Erziehungswissenschaft zu innovieren.

 

Beiträge des Panels

 

Komputable Perspektiven auf virtuelle Situiertheiten – Qualitative Erhebungsszenarien auf Distanz am Beispiel digitaler Jugendkulturforschung

Anna Carnap1, Viktoria Flasche2
1Humboldt Universität zu Berlin, 2Universität Erlangen-Nürnberg

Im Rahmen der Corona Pandemie werden vermehrt qualitative Erhebungsszenarien über digitale Plattformen umgesetzt. Wenngleich qualitative Forschung die konstitutive Positioniertheit der Forschenden als Situiertheit (Haraway 1988) oder Standortgebundenheit (Mannheim 1980) berücksichtigt, zeigte sich bereits vor der Digitalisierung, dass mediale Voraussetzungen des Forschungsprozesses oft unhinterfragt bleiben (Schäffer 2021). Vor dem Hintergrund eines technischen Solutionismus gerät nun das Berechenbare oder Komputable (Jörissen 2020) aus dem Blick.

Diese Entwicklung zeigt sich im Forschungsprozess mit Jugendlichen u.a. darin, dass sich konjunktives Erfahrungswissen nicht unabhängig vom plattformspezifischen Feld des Erscheinens entfalten kann: Was ist etwa das Konjunktive einer Kommentarspalte? Welche Rolle spielen algorithmische Entscheidungsprozesse? Warum mangelt es bei einer Gruppendiskussion auf Zoom an interaktiver Dichte?

Ausgehend von einer transaktionalen Methodologie (Nohl 2012, Engel/Jörissen 2018) und dem Material Feminism (Taylor 2013) diskutieren wir eine rekonstruktive Vorgehensweise, die die technischen, materialen, digitalen Bedingungen des in Erscheinung Tretens in virtuellen Räumen systematisch im Forschungsprozess berücksichtigt.

 

Veränderung des Forschungsfeldes = Veränderung der Feldforschung? Einblicke in Forschungserfahrungen unter Pandemiebedingungen

Prof. Dr. Jens Oliver Krüger, Mirjam Schön
Universität Koblenz-Landau

Die Corona-Pandemie hat nicht nur die Verhältnisse, unter denen geforscht wird, sondern mitunter auch die zu erforschenden Verhältnisse verändert. Um die daraus resultieren Herausforderungen zu reflektieren, referiert der Beitrag Erfahrungen aus einem qualitativen Forschungsprojekt zur kulturellen Bildung, in dem ursprünglich mit Interviews und ethnographischen Beobachtungen gearbeitet werden sollte. Projektbezogen wird die Notwendigkeit zu methodischen Anpassungen in einem ersten Schritt an Beispielen nachvollziehbar gemacht, in denen der ethnographische Anspruch der „Gleichörtlichkeit“ (Breidenstein u.a. 2013, 46) bzw. der „synchrone[n] Begleitung lokaler Praktiken“ (ebd., 47) durch Kontaktbeschränkungen irritiert wurde. Darüber hinaus gehend, fragt der Beitrag in einem zweiten Schritt, was die Veränderungen, die die Corona-Pandemie im Feld verursacht, für dessen Erforschung bedeuten. Den Bereich der kulturellen Bildung betreffend, ist hier nicht nur der Ausfall von Veranstaltungen bzw. deren digitale Substitution zu reflektieren, sondern insb. eine Verunsicherung, die sich in den Interviews mit professionellen Akteur:innen artikuliert.

Während sich die methodischen Herausforderungen, die durch die Pandemie entstehen, im Sinne einer rekursiven Forschungslogik (Bischoff u.a. 2018, 4) noch lösen und mitunter sogar produktiv machen lassen, wird abschließend die offene Frage diskutiert, ob der Veränderung des Feldes damit genüge getragen werden kann.

 

Teilnahme wie und woran? Ethnografie im Online-Unterricht

Dr. Andrea Bossen1, Prof. Dr. Jürgen Budde2
1Universität Halle-Wittenberg, 2Europa-Universität Flensburg

Die ethnografische Unterrichtsforschung verliert in Zeiten von digitalem Lernen und Unterricht ihre gewohnten Routinen. Im Online-Unterricht sind nicht mehr nur Schüler:innen und schulisches Personal anwesend; auch (Groß-)Eltern, Geschwister und die Dinge und Räume privater Lebenswelten werden zu Teilnehmenden im Forschungsfeld: Wie also lässt sich der Gegenstand der Beobachtung (Unterricht) in seiner digitalen Erscheinungsform beschreiben? Was kann digital teilnehmend in welcher Weise beobachtet werden?

So transformiert sich der Fokus von Beobachtungen einer digitalen Ethnographie von klaren Einheiten (Klassen, Räume, Schüler:innen) zu diversifizierten Konstellationen, und zu fragen ist, inwiefern sich auch die Rolle der Forscher:innen verändert. Dabei stellen sich ebenso ethische Fragen neu. In der Summe könnten die Transformationen auf eine Neujustierung von Zentrierung/Dezentrierung des Lernens im Digitalen hindeuten, die die Frage aufwerfen, woran eigentlich bei Unterrichtsethnografien in Zeiten von Corona (auch noch) teilgenommen wird. Inwieweit dies neue erkenntnistheoretische und methodische Herausforderungen sind oder eher eine Reformulierung traditioneller Spannungsfelder ethnografischer Forschung, soll in dem Beitrag anhand von Überlegungen zu einer virtuellen Ethnografie (vgl. z.B. Marotzki 2003; Hine 2000) und Unterrichtsbeobachtungen aus digitalen Klassenzimmern (vgl. Bossen/Breidenstein i.E.) ausgelotet werden.

 
9:30 - 11:30Quer- und Seiteneinsteiger*innen im Lehrerberuf – Diskurse, Praktiken und Forschungsbefunde
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 42
 

Chair(s): Prof. Dr. Raphaela Porsch (Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Deutschland)

Die Anpassung der Lehrerbildung an die sich wandelnden Herausforderungen des Berufs sowie der Umgang mit der „Dynamik und Komplexität des Lehrerarbeitsmarktes“ (Boecker & Drahmann, 2016, S. 50) können als ein stetiges Bemühen um Optimierung des Berufsfeldes ‚Schule‘ beschrieben werden. Aktuell stehen zahlreiche Bundesländer in Deutschland vor der Aufgabe ausreichend Lehrkräfte einzustellen, um den Unterricht abdecken zu können. Die Sorge mehrere Fachverbände besteht, dass Quer- und Seiteneinsteiger*innen nicht angemessen in der Lage sind, die an sie gestellten beruflichen Anforderungen zu bewältigen und Nachteile für die Lernentwicklung der Schüler*innen entstehen. In diesem Forschungsforum werden in fünf Beiträgen aus Deutschland und der Schweiz sowohl qualitative als auch quantitative Arbeiten zum Thema vorgestellt und mit den Tagungsteilnehmenden über Konsequenzen und Forschungsdesiderata diskutiert.

 

Beiträge des Panels

 

Quer- und Seiteneinsteiger*innen im Lehrer*innenberuf: Thesen in der Debatte um die Einstellung nicht-traditionell ausgebildeter Lehrkräfte

Prof. Dr. Raphaela Porsch
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Deutschland

Quer- und Seiteneinsteigende werden seit einigen Jahren vermehrt auch an allgemeinbildenden Schulen als Lehrkräfte eingestellt. Der vorliegende Beitrag greift drei zentrale Thesen auf, die in der Debatte um die Einstellung von Quer- und Seiteneinsteiger*innen wiederholt für bzw. gegen die Einstellung in den Lehrer*innenberuf angeführt werden. Anhand von Befunden empirischer Studien und Statistiken wird versucht zu eruieren, inwieweit eine Kohärenz zwischen den im Diskurs gebrauchten Aussagen und der Sach- bzw. Forschungslage besteht. Im Ergebnis zeigt sich, dass die bislang vorliegenden empirischen Befunde die Annahme der ungünstigeren Voraussetzungen für das Lehrerhandeln weitgehend nicht stützen können. Zur Unterrichtsqualität liegen bislang keine Befunde vor und zu den Auswirkungen auf Schülerleistungen erst zwei Studien aus Deutschland. Dagegen zeigt ein historischer Exkurs und die Entwicklung des Lehrerarbeitsmarktes der letzten Jahre, dass Quer- und Seiteneinsteiger*innen im Lehrerberuf dringend gebraucht werden, um die Unterrichtsversorgung zu gewährleisten. Der Beitrag endet mit Vorschlägen für zukünftige Forschungsarbeiten sowie Gedanken zur Anstellung alternativ qualifizierter Lehrkräfte an deutschen Schulen.

 

Lehrkräfte mit und ohne Lehramtsstudium: Zeigen sich Unterschiede in der Unterrichtsqualität?

Christin Lucksnat1, Eric Richter1, Dr. Lars Hoffmann2, Dr. Sofie Henschel2, Dr. Stefan Schipolowski2, Prof. Dr. Dirk Richter1
1Universität Potsdam, 2IQB Berlin

Quer- und Seiteneinsteigenden fehlt die im traditionellen Lehramtsstudium vermittelte tiefgreifende pädagogische und fachdidaktische Qualifizierung. Es lässt sich daher vermuten, dass sie sich von traditionell ausgebildeten Kolleginnen und Kollegen darin unterscheiden, wie qualitätsvoll sie ihren Unterricht gestalten. Auf Basis der Daten des IQB-Bildungstrends 2018 werden Lehrkräfte mit und ohne traditionellem Lehramtsstudium hinsichtlich der von Schülerinnen und Schülern eingeschätzten Unterrichtsqualität im Fach Mathematik verglichen. Die Stichprobe umfasst 1.947 Lehrkräften mit Lehramtsstudium und 185 Lehrkräften ohne Lehramtsstudium. Im Rahmen von Mehrebenanalysen fanden sich zunächst in Bezug auf die ausgewählten Dimensionen „Schülerorientierung“, „Störungsausmaß“ und „kognitive Aktivierung“ keine signifikanten Unterschiede. Ein genauerer Blick auf die Berufserfahrung der Lehrkräfte zeigt jedoch, dass Schülerinnen und Schüler von erfahrenen Lehrkräften mit Lehramtsstudium das Störungsausmaß im Unterricht signifikant geringer einschätzen als von wenig erfahrenen Lehrkräften ohne Lehramtsstudium. Die Ergebnisse verdeutlichen den Unterstützungsbedarf von Lehrkräften ohne Lehramtsstudium im Bereich des Klassenmanagements zu Beginn ihrer Tätigkeit. Für die anderen zwei Dimensionen zeigen sich keine Unterschiede. Die Studie ist eine der ersten, die die Unterrichtsqualität von Lehrkräften mit und ohne Lehramtsstudium vergleicht.

 

Naja man muss schon dafür brennen“ – Erzählmomente von Seiteneinsteiger*innen zwischen schulischen Normen und habitualisierter Handlungspraxis

Teresa Beck
TU Chemnitz

Das Dissertationsprojekt SeLe an Grundschulen (Seiteneinstieg in den LehrerInnenberuf an Grundschulen) beleuchtet das Desiderat der berufsbiographischen Übergänge von Lehrpersonen mit einem alternativen Berufszugang. Der Vortrag fokussiert dabei individuelle Reflexionsmomente der Berufseinsteiger*innen, wobei der Übergang in die Lehrtätigkeit als Prozess von Professionalisierung sichtbar gemacht werden soll. Der Schwerpunkt liegt dabei in der Rekonstruktion beschriebener Erfahrungen sowie der Betrachtung von korrelierenden biografischen Abfolgen, welche ineinandergreifen, sich bedingen und dabei neben persönlicher Kohärenz, einen lebensgeschichtlichen Sinn und damit einher Identität und über dies einen konjunktiven Erfahrungsraum dokumentieren. In theoretischer Rahmung der praxeologischen Wissenssoziologie werden dabei Aporien zwischen Norm und Habitus in ihrer Spannung rekonstruiert und in Vergleichshorizonten kontrastiert.

 

Kompetenzen und Arbeitssituationen von MINT-Lehrkräften verschiedener Professionalisierungswege

Prof. Dr. Friederike Korneck, Renan Vairo Nunes
Goethe-Universität Frankfurt

Vor allem im MINT-Bereich herrscht seit Jahren ein akuter Lehrkräftemangel. Sondereinstellungsmaßnahmen haben zur Folge, dass ein substanzieller Anteil des heutigen MINT-Unterrichts von Quer- und Seiteneinsteigenden, fachfremd Unterrichtenden und studentischen Vertretungslehrkräften erteilt wird und sich zudem die Zusammensetzungen der MINT-Kollegien erheblich verändern. Noch fehlen ausreichende Erkenntnisse über die Auswirkungen der kultusadministrativen Entscheidungen auf die professionelle Kompetenz und Arbeitssituation von Lehrkräften. Der Beitrag widmet sich diesen Fragen, indem er zum einen Ergebnisse einer Studie zum Vergleich der Kompetenzen von Quereinsteiger*innen und Lehramtsabsolvent*innen (Korneck et al., 2021) und zum anderen die aktuelle Studie MINT-Personal zur Arbeitssituation von Lehrkräften verschiedener Professionalisierungswege (Vairo Nunes et al., 2021) vorstellt.

 
9:30 - 11:30Same same but different? Methodologische Herausforderungen und Chancen international vergleichender Forschung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 25
 

Chair(s): Dr. Onno Husen (Leuphana Universität Lüneburg), Britta Menzel (Deutsches Jugendinstitut)

International vergleichende Forschung befinden sich in einem Spannungsverhältnis, da sie auf der einen Seite den Nationalstaat als Bedingungsgefüge zum Ausgangspunkt nimmt und gleichzeitig den Forschungsgegenstand nicht ausschließlich auf nationalstaatliche Strukturen beziehen darf. Der Umgang mit diesem Spannungsverhältnis zeichnet sich durch eine Vielzahl theoretischer Perspektiven und methodologisch-methodischer Vorgehen aus, die zum Ziel haben den jeweiligen Forschungsgegenstand angemessen zu beforschen. Gleichzeitig zeigen sich für international vergleichende Forschungen besondere methodologische Herausforderungen, die vom Forschungsdesign bis zur Auswertung und Interpretation der Ergebnisse den Forschungsprozess mitbestimmen. Hier setzt das Forschungsforum an, in dem es die methodologischen Herausforderungen international vergleichender Forschung sowohl in qualitativen als auch quantitativen Forschungszusammenhängen thematisiert.

 

Beiträge des Panels

 

Zebrastreifen und crossing guards - Wege in die unabhängige Mobilität von Kindern in Berlin und New York City

Tabea Freutel-Funke
Universität Tübingen

Ab wann geht ein Kind alleine auf der Straße spielen oder zur Schule? Unterscheidet sich das in Berlin und New York City? Welche Akteure (Kinder, Eltern, Nachbarn) und Elemente (Straßenverkehrsordnung, Bebauung oder Busfahrplan) sind an diesem Übergang beteiligt? Der stetige Rückgang unabhängiger Mobilität von Kindern wird seit den 70er Jahren beklagt (vgl. Hillman et al. 1990, Shaw et al. 2015). González und andere sprechen beispielsweise mit Blick auf den aktiven Schulweg in fünf Staaten trotz Differenzen zwischen dem globalen Norden und Süden von einer „global crises of physical inactivity“ (González et al. 2020). Die Forschung zur Mobilität von Kindern wird dabei vorrangig in quantitativen Studien international vergleichend untersucht.

In der vorliegenden Studie ermöglichen Dispositive (vgl. Foucault 1986) konkreter Nachbarschaften eine historische, relationale und machtsensible Analyse der unabhängigen Mobilität von Kindern in beiden Städten. Der Vergleich der Elemente, der Genese und Konstellationen dieser Dispositive ermöglicht Überlegungen zu Unterschieden und Gemeinsamkeiten. Neben historischen und politischen Dokumenten wurde das empirische Material im Rahmen von Fotospaziergängen mit Kindern zwischen 6 und 12 Jahren, Experten- und Stehgreifinterviews erhoben. Der Beitrag konzentriert sich auf zentrale Herausforderungen der internationalen vergleichenden Forschung im Rahmen des Projekts.

 

Integration und Inklusion von „recently arrived migrants“ in Kindertagesstätten im deutsch-norwegischen Vergleich - Methodologische Herausforderungen

Dr. Onno Husen
Leuphana Universität Lüneburg

In allen entwickelten Wohlfahrtsstaaten sind Strukturen entstanden, die sich auf die Regulierung, Unterstützung und Gestaltung öffentlicher frühkindlicher Bildung spezialisiert haben. Ungeachtet dieser auf den ersten Blick homogenen Entwicklung unterscheiden sich frühkindliche Bildungssysteme in unterschiedlichen Wohlfahrtssystemen u.a. in Bezug auf die Konstruktion von Zielgruppen, Handlungslogiken und Organisationsformen. Im Zuge zunehmender Migrationsbewegungen ist eine in den letzten Jahren immer wichtiger gewordene Aufgabe frühkindlicher Bildungseinrichtung die Arbeit mit migrierten Kindern und Eltern (vgl. Hendrichs 2016).

In diesem Beitrag sollen anhand einer Studie, die sich mit der Integration und Inklusion von„recently arrived migrants“ in norwegischen und deutschen Kindertagesstätten aus der Sicht von Fachkräften beschäftigt, exemplarisch methodologische Herausforderungen und Chancen international vergleichender Forschung verdeutlicht werden. Das Forschungsvorhaben folgt einer systemtheoretischen Perspektive und nutzt Einzel- und Gruppeninterviews als Erhebungsmethode.

 

Lokale Zugangsgestaltung zu frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung im internationalen Vergleich – Herausforderung, Möglichkeiten, Grenzen

Britta Menzel, Dr. Antonia Scholz
Deutsches Jugendinstitut

In diesem Beitrag werden Einblicke in die Durchführung einer qualitativen, international vergleichenden Studie zu (un)gleichen Zugangsbedingungen in Deutschland, Kanada und Schweden gegeben. Ausgangspunkt der Studie bilden wissenschaftliche Erkenntnisse darüber, dass Kinder aus benachteiligten Lebenslagen bislang seltener frühkindliche Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungseinrichtungen besuchen (Van Lancker 2018), wenngleich die Bildungsteilhabe Ungleichheitsverhältnisse reduzieren (kann) (Yoshikawa u.a. 2013).

Zugänge zum frühkindlichen Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungssystem werden vielerorts auf kommunaler Ebene gestaltet. Daher wurden mittels qualitativer Interviews Fallstudien zu der Zugangsgestaltung in je zwei Kommunen pro Land erstellt. Ziel war es im inter- und intranationalen Vergleich der kommunalen Fallstudien nachzuvollziehen, wie die lokale Akteure Handlungsspielräume und –grenzen nutzen, um Zugänge zu gestalten und inwieweit dabei auch (neue) Zugangsbarrieren entstehen bzw. abgebaut werden. Für den Input in diesem Forschungsforum werden davon ausgehend zentrale methodologische Herausforderungen in der Auswertung thematisiert sowie mögliche Strategien diskutiert. Hierzu werden Beispiele gegeben, wie die jeweilige Kontextualisierung und der inter- und intranationale Vergleich der Ergebnisse im Forschungsverlauf bearbeitet wurden.

 

Herausforderungen in der international vergleichenden quantitativen (Survey-) Forschung

Carolyn Seybel, Samuel Bader, Daniel Turani
Deutsches Jugendinstitut

In diesem Beitrag steht die Entwicklung, Durchführung und Auswertung einer internationalen Befragung von Kita-Personal in neun Ländern (Chile, Dänemark, Deutschland, Island, Israel, Japan, Norwegen und die Türkei) im Fokus. Insgesamt wurden ca. 15.000 pädagogisch Tätige sowie Leitungen aus mehr als 3.000 Kitas mithilfe von standardisierten Fragebögen u.a. zu ihren Arbeitsbedingungen, Aus- und Weiterbildung, ihrer beruflichen Praxis und ihrer Arbeitszufriedenheit bzw. Belastungen befragt. Damit erlaubt die Studie erstmals einen international vergleichenden Einblick in den Kita-Alltag. In diesem Input diskutieren wir Herausforderungen bei der Entwicklung von länderübergreifenden inhaltlichen Schwerpunkten, Fragen und Items, die den Anspruch haben, den Besonderheiten jedes Kita-Systems gerecht zu werden (He & Van de Vijver 2013). Außerdem wird diskutiert, welche Faktoren bei der Interpretation von Daten berücksichtigt werden müssen (z.B. kulturelles Antwortverhalten oder soziale Erwünschtheit), und, welche Möglichkeiten es gibt, Verzerrungen weiter zu minimieren.

 
9:30 - 11:30Schulentwicklung unter den Bedingungen der Pandemie: Eine längsschnittliche Analyse der schulspezifischen Herausforderungen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 31
 

Chair(s): Prof. Dr. Tobias Feldhoff (Johannes Gutenberg Universität Mainz, Deutschland), Prof. Dr. Falk Radisch (Universität Rostock)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Herbert Altrichter (Johannes Kepler Universität Linz, Österreich)

Die Weiterentwicklung der schulischen Qualität ist zentral von den Fähigkeiten der Schulen abhängig, auf Herausforderungen kompetent zu reagieren. Die COVID-19-Pandemie kann als eine besonders starke Herausforderung interpretiert werden, der sich die Schulen stellen müssen. Etablierte Handlungsroutinen wurden unter Druck gesetzt und mussten in kürzester Zeit angepasst werden. Die Schulleiter*innen nehmen diesbezüglich eine Schlüsselposition ein. In diesem Forum wird anhand einer Längsschnittstudie in allgemeinbildenden Schulen in Deutschland, Österreich und der Deutschschweiz zu drei Zeitpunkte (Herbst 2020 / Frühjahr 2021 / Sommer 2021) untersucht, wie die Schulen mit den Herausforderungen umgegangen sind, welche Strategien sie eingesetzt haben und inwiefern die Schulen durch die Pandemie Veränderungen realisieren konnten. Aktuell liegen Daten von Schulleiter*innen aus t1 (N = 1174) und t2 (N = 1577) vor, zum Kongress werden Ergebnisse zu allen drei Zeitpunkten präsentiert.

 

Beiträge des Panels

 

Theoretisches Konzept und Design der Studie sowie methodologische Analysen

Prof. Dr. Tobias Feldhoff1, Prof. Dr. Falk Radisch2, Prof. Dr. Katharina Maag Merki3
1Johannes Gutenberg Universität Mainz, Deutschland, 2Universität Rostock, 3Universität Zürich, Schweiz

Dieser Beitrag führt in das theoretische Konzept sowie das methodische Design der Studie ein. Die Studie ist eine Längsschnittstudie über drei Messzeitpunkte, wobei das Erleben der Schulleiter*innen zu Beginn des Schuljahres 20201/2021 (September/Oktober 2020), Mitte des Schuljahres (Februar/März 2021) sowie am Ende des Schuljahres (Juni 2021) untersucht wird. Die Grundgesamtheit bilden die allgemeinbildenden Schulen in den Bundesländern und ausgewählten Kantonen in Deutschland, Österreich und der Deutschschweiz. Die realisierte Stichprobe ist repräsentativ in Bezug auf die Verteilung der Schulformen, teilweise auch in Bezug auf die regionale Lage. Theoretisch orientiert sich die Studie an Konzepten der Schulentwicklung und Schulentwicklungskapazität (Mitchell & Sackney, 2011) sowie der Schulleitungsforschung (Leithwood et al., 2020). Die Realisierung einer Längsschnittstudie in Zeiten von bildungs- und gesellschaftspolitischen Risikobedingungen ist besonders herausforderungsreich, wobei im Beitrag die Stärken und Grenzen der Studie insbesondere aus methodischer Perspektive diskutiert werden soll.

 

Schulentwicklung in der Pandemie – ein Ländervergleich

Prof. Dr. Nina Jude1, Prof. Dr. Falk Radisch2, Prof. Dr. Stefan Brauckmann-Sajkiewicz3
1Universität Heidelberg, 2Universität Rostock, 3Alpen-Adria-Universität Klagenfurt

In diesem Beitrag wird untersucht, wie Schulen neuartige Herausforderungen in disruptiven Zeiten wahrnehmen, welche darauf bezogenen Handlungsstrategien sie entwickeln und welche Effekte auf die Schulentwicklung beobachtbar sind. Dabei steht insbesondere eine ländervergleichende Perspektive im Fokus. Im Ländervergleich ist nicht nur auf Systemebene von unterschiedlichen Ausgangssituationen auszugehen: Die drei hier untersuchten Länder wiesen vor der Pandemie heterogene Voraussetzungen hinsichtlich der Digitalisierung auf. Als Reaktionen auf die gesundheitlichen Risiken griffen auf Länderebene unterschiedliche administrative Regelungen. Nicht zuletzt sind in föderalen Systemen auch innerhalb des "Bildungssystems" große Unterschiede in der Förderung und Umsetzung digitaler Lösungen zu beobachten. Dieser Beitrag wählt einen vergleichenden Zugang und nimmt Herausforderungen, Strategien und Professionalisierung in allen drei Ländern den Blick. Ausgehend von der Darstellung der Unterschiede in den Ausgangslagen werden die Entwicklungen für Deutschland, Österreich und für fünf deutschsprachige Kantone der Schweiz über den Verlauf des Schuljahres 2020/2021 beschrieben. Analysiert wird weiterhin, welche Kontextfaktoren mit unterschiedlichen Entwicklungsverläufen in den drei Ländern zusammenhängen. Diskutiert wird die Bedeutung von verfügbaren Strategien und Professionalisierung im Bereich Schulentwicklung im trinationalen Vergleich.

 

Schulspezifische Profile zum Umfang mit der Pandemie

Dr. Katharina Kriegbaum1, Dr. Mona Arndt2, Olivia Wüst3
1Universität Heidelberg, 2Universität Rostock, 3Universität Zürich

Das Konzept der Selbstwirksamkeit nach Bandura (1992) wurde auf zahlreiche Situationen bezogen und in unterschiedlichen Handlungsfeldern angewendet. So lässt sich die Theorie bspw. auf die Stressbewältigung oder das Gesundheitsverhalten übertragen (Jerusalem & Schwarzer 1992). Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass die Selbstwirksamkeitserfahrungen eine Grundbedingung dafür darstellen, Herausforderungen mit innovativen Ideen zu begegnen (u.a. Jerusalem 2002). Eine hohe Selbstwirksamkeit geht u. a. mit einer größeren Anstrengung und einer größeren strategischen Flexibilität bei der Problemlösung einher (Bandura 1997). Vor diesem Hintergrund fokussiert der Beitrag die Wahrnehmung der pandemiebedingten Herausforderungen der Schulleiter*innen sowie den Umgang der Schulen mit diesen unter Einbezug der kollektiven Selbstwirsamkeit. Erste Ergebnisse zeigen, dass systematische Unterschiede zwischen den Schulen bestehen. Dies zeigt sich v. a. im Erleben der Herausforderungen, in den (Vor-)Erfahrungen mit digitalem Lernen sowie in der schulischen Selbstwirksamkeit. Latente Profilanalysen zeigen grosse Unterschiede u. a. in Bezug auf die einzelnen Schulformen, die Nationen sowie die Zusammensetzung der Schülerschaft. Zudem wird der Frage nachgegangen, inwiefern die identifizierten Profile über das Schuljahr 2020/2021 hinweg stabil blieben oder sich ggf. veränderten. Praktische Implikationen als Anlass für Schulentwicklung werden diskutiert.

 

COVID-19-Pandemie als driver for change?

Francesca Suter1, Prof. Dr. Katharina Maag Merki1, Prof. Dr. Tobias Feldhoff2, Tanja Rettinger2
1Universität Zürich, 2Johannes Gutenberg Universität Mainz, Deutschland

Im Zentrum dieses Beitrags stehen die Fragen, wie die Schulen die durch die Pandemie hervorgerufenen Herausforderungen bewältigten, welche Faktoren den erfolgreichen Umgang mit diesen Herausforderungen unterstützten und welche Veränderungen in Schule und Unterricht mit der Pandemie verbunden sind. Diese Fragen werden auf Basis theoretischer Wirkungsmodelle (Bryk et al., 2010; Mitchell & Sackney, 2011) mittels Strukturgleichungsmodellen im Längsschnitt untersucht. Erste Analysen unter Berücksichtigung der Daten zum ersten Messzeitpunkt zeigen folgende Befunde: 1. Je erfahrener die Schulen vor der Pandemie in den Bereichen Digitalisierung (DI) und Schulentwicklung (SE) waren, desto stärker waren sie überzeugt, in ihrer Schule erfolgreich mit der Pandemie umgehen zu können und desto geringer erlebten sie die Herausforderungen. 2. Je besser sich die Schulleiter*innen von den Schulbehörden informiert fühlten, desto geringer erlebten sie die Herausforderungen. 3. Der wahrgenommene Nutzen der Pandemie wird durch die Erfahrungen der Schulen in SE und DI vor der Pandemie positiv beeinflusst, allerdings vermittelt durch die Selbstwirksamkeitsüberzeugungen der Schulen und den implementierten Strategien in den Schulen während der Pandemie. Am Kongress werden die Ergebnisse der Längsschnittanalysen präsentiert und Implikationen für die Praxis diskutiert.

 
9:30 - 11:30Schulentwicklungskapazität als Voraussetzung für die Qualitätsentwicklung von schulischen Prozessen. Eine Bilanz.
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 18
 

Chair(s): Dr. Andrea Wullschleger (Universität Zürich, Schweiz), Prof. Dr. Katharina Maag Merki (Universität Zürich, Schweiz)

In der Schulentwicklungsforschung gilt das Konstrukt der Schulentwicklungskapazität als für die Weiterentwicklung der schulischen Qualität bedeutsames Schulmerkmal. Allerdings bestehen verschiedene theoretische und methodische Forschungsdesiderata. Darauf Bezug nehmend werden in diesem Forschungsforum die theoretische Fundierung des Konzeptes sowie das Forschungsdesign einer umfangreichen Studie in 59 Primarschulen (ca. 1500 Lehrpersonen ca. 1500 Schüler*innen) unter Berücksichtigung unterschiedlicher methodischer Erhebungs- und Analyseinstrumente präsentiert. Zudem werden zentrale Ergebnisse auf der Basis von sozialen Netzwerkanalysen, time-sampling-Verfahren und eines Mixed-Method Ansatzes für Schulentwicklung zur Diskussion gestellt. Stärken und Schwächen des Ansatzes sowie weiterführende Forschungsfragen werden diskutiert. Insbesondere stellt sich die Frage, inwiefern aufgrund des neuen Ansatzes Erkenntnisse zur Qualitätsentwicklung von schulischen Prozessen gewonnen werden können.

 

Beiträge des Panels

 

Theoretische Fundierung und Forschungsdesign zur Analyse der Schulentwicklungskapazität in Primarschulen

Dr. Andrea Wullschleger, Prof. Dr. Katharina Maag Merki
Universität Zürich

Schulentwicklungskapazität (SIC) kann als das Zusammenspiel von schulischen Routine- und Regulationsprozessen zur nachhaltigen Verbesserung von Unterrichtsqualität und der Lernergebnisse der Schüler*innen definiert werden (Maag Merki et al., 2021). In diesem Beitrag wird die theoretische Fundierung und das methodische Design einer umfangreichen Studie in 59 Primarschulen vorgestellt. Aus theoretischer Perspektive basiert SIC auf der Theorie des organisational learning nach Argyris und Schön (1996), in welcher individuelles und kollektives Lernen innerhalb einer Organisation unterschieden wird. Diese wird durch die Theorie der Learning Community nach Mitchell und Sackney (2011) ergänzt. Darüber hinaus stellt das Modell des selbstregulativen Lernens nach Winne und Hadwin (2010) eine wesentliche Erweiterung dar, um schulische Regulationsprozesse differenziert zu modellieren.

Um das theoretische Modell empirisch zu untersuchen, werden bei Lehrpersonen mittels eines standardisierten Fragebogens, sozialer Netzwerkanalysen und time-sampling-Analysen Schulentwicklungsstrategien, Motivationen, metakognitives Strategiewissen sowie die Kooperationen in Schulteams erfasst. Diese Analysen werden mit einer qualitativen Fallstudie mittels Gruppendiskussionen vertieft.

Darüber hinaus werden die Unterrichtsqualität, Motivationen sowie Mathematikleistungen der Schüler*innen im Längsschnitt erhoben. Stärken und Schwächen des theoretischen und methodischen Forschungsdesigns werden diskutiert.

 

Die Erfassung schulentwicklungsrelevanter Aktivitäten von Lehrpersonen über ein online Logbuch auf der Basis von time-sampling Daten

Dr. Miriam Compagnoni, Prof. Dr. Katharina Maag Merki, Dr. Urs Grob
Universität Zürich

In diesem Beitrag werden Ergebnisse eines time-sampling-Verfahrens zur Erfassung der täglichen Aktivitäten von Lehrpersonen im und außerhalb des Unterrichts berichtet. Diese Methode verspricht eine größere Performanznähe und damit Validität als dies über retrospektive Selbstbeschreibungen möglich wäre (Ohly, Sonnentag, Niessen, & Zapf, 2010). Untersucht wird, welche Aktivitäten Lehrpersonen in Bezug auf die Weiterentwicklung der eigenen Praxis im Unterricht, in Teams und in der Schule realisieren und inwiefern an Tagen, an denen schulentwicklungsrelevante Tätigkeiten realisiert werden, eine höhere Ergiebigkeit für das Lernen der Schüler*innen oder für den Unterricht wahrgenommen wird. Anhand eines online Logbuchs, welches von den Lehrpersonen über 21 Tage ausgefüllt worden ist, werden die Fragen mehrebenenanalytisch untersucht. Erste Ergebnisse zeigen, dass Lehrpersonen ausserhalb ihres Unterrichts zur Hälfte Aktivitäten in Kooperation mit anderen Personen realisieren, wobei wiederum ca. die Hälfte davon der Klärung administrativ-organisatorischer Fragen dient, gefolgt von fachlichen sowie Fragen zur Team- und Schulentwicklung. Kooperative Aktivtäten nehmen über die Woche linear ab. Tage, an denen kooperative Aktivitäten realisiert wurden, erlebten die Lehrpersonen für das Lernen der Schüler*innen sowie für Team- und Schulentwicklung als ertragreicher. Stärken und Schwächen des Ansatzes für Erkenntnisse zur Qualitätsentwicklung von schulischen Prozessen werden diskutiert.

 

Kooperation von Schulteams zur Entwicklung der Schule. Analysen auf der Basis sozialer Netzwerke

Dr. Andrea Wullschleger, Beat Rechsteiner, Ariane Rickenbacher
Universität Zürich

Schulen als pädagogische Organisationen gelten als «loosely coupled systems» (Weick, 1976) und sind eher organisch strukturiert (Lindemann, 2017), wobei die Koordination nicht über eine Hierarchiespitze geschieht, sondern vielmehr durch alle Teammitglieder. Deshalb spielt bei ihrer Entwicklung das Agieren des Schulteams als professionelle Lerngemeinschaft eine entscheidende Rolle (Idel, Ullrich & Baum, 2012). Dabei wird das Ziel verfolgt, die personale, interpersonale und organisationale Kapazität der Lerngemeinschaft weiterzuentwickeln (Mitchell & Sackney, 2011), um Unterrichtsqualität und Lernen zu verbessern (Spillane & Louis, 2002).

Um die Kooperation in Schulteams performanznahe zu erfassen, kamen soziale Netzwerkanalysen (Wasserman & Faust, 1994) zum Einsatz. Bisherige Netzwerkstudien untersuchten, wie schulinterne Faktoren die Kooperation von Schulteams hinsichtlich Unterricht und Lernen begünstigen (z.B. Spillane, Kim & Frank, 2012). Effekte von sozialen Netzwerken auf die Schüler*innen wurden bisher kaum erforscht (Mooleaar, Sleegers & Daly, 2012).

In dieser Teilstudie wird die Kooperation von Schulteams nicht nur mit Blick auf Unterrichtsentwicklung, sondern auch auf Team- und Organisationsentwicklung untersucht und darüber hinaus in Beziehung zu Unterrichtsqualität, Mathematikleistungen und dem Interesse an Mathematik der Schüler*innen gestellt.

Am Kongress werden die Ergebnisse präsentiert und für die Qualitätsentwicklung von schulischen Prozessen diskutiert.

 

Baking-the-Cake der Schulentwicklung: Interpersonale und organisationale Voraussetzungen bei Schulen unterschiedlicher Schulentwicklungskapazität

Dr. Lisa Schäfer
Universität Zürich

Seit langem werden Voraussetzungen für eine nachhaltige Schulentwicklung untersucht und finden sich für zentrale Bereiche konsistent beschrieben (u.a. Reynolds et. al. 2016). Modelle wie Professionelle Lerngemeinschaften oder Lernende Organisationen, aber auch Studien auf der Basis von Best-Practice-Beispielen bündeln diese Erkenntnisse. Dabei gilt es zu beachten:

  • Anhaltend erreicht nur ein kleiner Teil der Schulen solch komplexe Entwicklungsstrukturen
  • Der Transfer von Best-Practice-Konzepten erweist sich als sehr voraussetzungsreich
  • Schulentwicklung zeigt sich als «Baking-The-Cake»-Phänomen, d.h. bereits das Fehlen einer zentralen Bedingung schränkt die Wirksamkeit der Entwicklungsbemühungen, insbesondere bezüglich des Lernerfolgs der Schüler*innen, ein (vgl. Bryk 2010).

Eine Grenze scheint hier demnach weniger zwischen Systemen und Schularten als zwischen High-Performern und der Breite des Feldes zu verlaufen.

Ziel dieser Teilstudie ist es, das Zusammenspiel bekannter Entwicklungsvoraussetzungen besser zu verstehen und Muster bei der Entstehung von «Baking-the-Cake-Effekte» zu identifizieren.

Dazu werden in einem Mixed-Methods Design Schulen mit verschiedenen Schulentwicklungskapazitäten einander gegenübergestellt. So werden Befunde der Analyse qualitativer Gruppendiskussionen mit quantitativen Befragungsdaten schulischer Akteure sowie einer Governance-Analyse in Verbindung gebracht, um ein differenziertes Bild der Wirkmechanismen auf Einzelschulebne zu erhalten.

 
9:30 - 11:30Schüler*innen-Perspektiven als Erkenntnisgewinn bei der Analyse pädagogischer Grenzbearbeitung im inklusiven Unterricht
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 06
 

Chair(s): Prof. Dr. Andreas Köpfer (Pädagogische Hochschule Freiburg, Deutschland), Dr. Monika Wagner-Willi (Pädagogische Hochschule FHNW, Schweiz), Prof. Dr. Raphael Zahnd (Pädagogische Hochschule FHNW, Schweiz)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Anja Hackbarth (Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Deutschland)

Mit dem Ziel, Grundschulen im Anschluss an internationale Richtlinien (UN 2006, UN 2015) zur Gewährleistung inklusiver Bildungsprozesse weiterzuentwickeln, stellen Fragen pädagogischer Grenzbearbeitung - im Sinne von Praktiken des Ein- und Ausschliessens - seit den 1990er Jahren verstärkt Gegenstand wissenschaftlichen Erkenntnisinteresses dar. Obwohl der Schüler*innen-Perspektive für die Entwicklung inklusiven Unterrichts eine bedeutende Rolle zugewiesen wird, wurde sie in empirischer Hinsicht bisher vergleichsweise wenig beleuchtet.

Das Forum greift diese Ausgangslage auf und verfolgt das Ziel, Fragen des forschenden Einbezugs von Schüler*innen-Perspektiven zu stellen: So sollen zunächst die method(olog)ischen Zugänge der Partizipativen Forschung und der Dokumentarischen Methode präsentiert und entlang von Datenmaterial zweier Forschungsprojekte aus Deutschland und der Schweiz hinsichtlich deren Erkenntnisgewinn im Kontext pädagogischer Grenzbearbeitung diskutiert werden.

 

Beiträge des Panels

 

Partizipative Zugänge zu Raumpraktiken von Schüler*innen

Kathrin Lemmer, Prof. Dr. Andreas Köpfer
Pädagogische Hochschule Freiburg, Deutschland

In diesem Beitrag werden empirische Zugänge zur Schüler*innen-Perspektive im Rahmen Partizipativer Forschung thematisiert (Nind 2014). Dabei werden Zugänge zu schulischen Raumpraktiken von Schüler*innen bemüht, die Aufschluss über die Herstellung von Inklusion/Exklusion am Beispiel der Raumaneignung und -produktion in inklusionsorientierten Schulen ermöglichen. Zwei Ebenen stehen im Zentrum: Zum einen wird, mit Bezug zu theoretischen Vorarbeiten zu Raumproduktion und Raumaneignung, gemeinsam untersucht, wie sich Schüler*innen differenzierte Lernräume in Schulen aneignen und diese gestalten. Zum zweiten werden, vor dem Hintergrund empirischer Beispiele aus dem Projekt „Raum räumen“ (Köpfer, Lemmer & Rißler 2020) bezogen auf den Partizipativen Forschungsprozess methodologische Implikationen und Spannungsfelder für die empirische Adressierung von Schüler*innen-Milieus i.S.d. Forschungshabitus von Schüler*innen im Kontext Partizipativer Forschung aufgezeigt. Hierbei eröffnet der Partizipative Forschungsprozess die Möglichkeit, die facettenreichen Perspektiven der Schüler*innen auf Lernräume in Bezug auf Datenerhebung und -auswertung methodisch einzubeziehen.

Literatur:

Köpfer, A., Lemmer, K., & Rißler, G. (2020). Zwischen Fremd- und Selbstbestimmung – Raumnutzung von Rückzugsräumen durch Schüler*innen in inklusionsorientierten Schulen. Gemeinsam Leben, 28(2), 68-78.

Nind, M. (2014). What is Inclusive Research? London.

 

Erfahrungen von Schüler*innen zur primarschulischen Praxis im Spannungsfeld von Inklusion und Bildungsstandards – Fallvergleichende Rekonstruktionen mit der Dokumentarischen Methode

Katharina Papke, Dr. Monika Wagner-Willi
Pädagogische Hochschule FHNW, Schweiz

Im Hinblick auf die unterrichtliche Praxis und damit verbundene Inklusions- und Exklusionsprozessen werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede konjunktiver Erfahrungen und handlungsleitender Orientierungen von Schüler*innen-Milieus relevant (vgl. Wagner-Willi 2018). In der mit dem Ansatz der Praxeologischen Wissenssoziologie (vgl. Bohnsack 2017) arbeitenden Unterrichtsforschung hat sich vor dem Hintergrund dieser komplexen sozialen Interaktionspraxis ein Methodenkatalog entwickelt, der darauf zielt, das diese Praxis strukturierende habitualisierte Wissen zu rekonstruieren. Der vorliegende Beitrag möchte dabei entlang von Daten aus dem aktuellen SNF-Projekt „Primarschulen im Spannungsfeld von Inklusion und Bildungsstandards” diskutieren, inwiefern (Peer-)Gruppendiskussionen und Videografien (z.B. von Gruppenarbeiten im Unterricht) sowie deren dokumentarische Interpretation die „zentralen Erlebniszentren und Relevanzsysteme“ (Nentwig-Gesemann 2002, 46) von Schüler*innen offenlegen können.

Literatur:

Bohnsack, R. (2017): Praxeologische Wissenssoziologie. Opladen.

Nentwig-Gesemann, I. (2002). Gruppendiskussionen mit Kindern. Die dokumentarische Interpretation von Spielpraxis und Diskursorganisation. Zeitschrift für qualitative Bildungs-, Beratungs- und Sozialforschung, 3(1), 41-63.

Wagner-Willi, M. (2018). Schülerinnen und Schüler: Inklusion und Differenz in mehrdimensionaler Perspektive. In: T. Sturm & M. Wagner-Willi (Hrsg.), Handbuch schulische Inklusion, 315-329. Opladen.

 

Primarschulen im Spannungsfeld von Inklusion und Bildungsstandards – Partizipative Entwicklung inklusiven Unterrichts

Franziska Oberholzer, Prof. Dr. Raphael Zahnd
Pädagogische Hochschule FHNW, Schweiz

In diesem Beitrag wird am Beispiel praxisorientierter Partizipativer Forschung, die der Logik von Entwicklungsforschung bzw. Design-Based-Research folgt (vgl. Reinmann 2005), aufgezeigt, wie die Perspektive von Schüler*innen miteinbezogen werden kann, um inklusiven Unterricht weiterzuentwickeln. Dabei wir einerseits von Erkenntnissen aus der Partizipativen Forschung ausgegangen, die darlegt, dass die Berücksichtigung möglichst vielfältiger Akeur*innen-Perspektiven eine umfassendere Analyse komplexer Problemstrukturen ermöglicht (von Unger 2014); andererseits wird dabei auch berücksichtigt, dass insbesondere die Perspektive der Schüler*innen für die Weiterentwicklung von inklusivem Unterricht als äußerst relevant einzuschätzen ist (Florian & Beaton 2018).

Literatur:

Florian, L., & Beaton, M. (2018). Inclusive pedagogy in action: getting it right for every child. International Journal of Inclusive Education, 22(8), 870-884.

Reinmann, G. (2005). Innovation ohne Forschung? Ein Plädoyer für den Design-Based Research-Ansatz in der Lehr-Lernforschung. Unterrichtswissenschaft, 33(1), 52-69.

von Unger, H. (2014). Partizipative Forschung. Wiesbaden.

 
9:30 - 11:30Schulqualität und Schulentwicklung an Schulen mit besonderen Herausforderungen bzw. besonders belasteten Schulen – Gelingensbedingungen und Voraussetzungen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 37
 

Chair(s): Prof. Dr. Stephan Gerhard Huber (Pädagogische Hochschule Zug, Schweiz), Prof. Dr. Christoph Helm (Johannes Kepler Universität Linz, Österreich), Dr. Rolf Strietholt (International Association for the Evaluation of Educational Achievement)

In diesem Forschungsforum sollen Gelingensbedingungen und Voraussetzungen für Schulentwicklung an besonders belasteten Schulen bzw. Schulen mit besonderen Herausforderungen betrachtet werden. Daher wird zunächst der Frage nachgegangen, welche nationalen und internationalen empirischen Ergebnisse zu Qualitätsdiagnose- und -entwicklungsprozessen an besonders belasteten Schulen vorliegen. Daran anknüpfend werden Studien vorgestellt, die sich mit der Wirkung von Maßnahmen der Führungskräfteentwicklung und Schulentwicklungsmaßnahmen in Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Berlin beschäftigen. Weiterhin soll der Frage nachgegangen werden, ob und wie der Ansatz der design-basierten Schulentwicklung gewinnbringend für den deutschen Kontext genutzt werden kann und eine Kombination von design-Prinzipien und Elementen der evidenzorientierten und netzwerkbasierten Schulentwicklung möglich ist. Zudem sollen theoretische und v.a. methodologische Konsequenzen diskutiert werden.

 

Beiträge des Panels

 

Schulqualität multiperspektivisch erfassen – Eine multitrait, multiinformant, multilevel Analyse

Prof. Dr. Christoph Helm1, Stephan. G. Huber2, Rolf Strietholt3
1Johannes Kepler Universität Linz, Österreich, 2Pädagogische Hochschule Zug, Schweiz, 3International Association for the Evaluation of Educational Achievement Hamburg

Die Erfassung von Schulqualität erfolgt meist über Einschätzungen von Schulleiter*innen oder Lehrkräften, selten werden beide Akteursgruppen als Informationsquelle herangezogen. Studien, die nur auf Informationen einer Gruppe basieren, bergen die Gefahr in verzerrten Befunden zu münden, da bspw. Schulleitungen dazu tendieren, die Qualität an der eigenen Schule positiver einzuschätzen als sie tatsächlich ist („cheerleading effect“, Bingham et al., 1993).

Im Vortrag präsentieren wir eine multitrait-multiinformant study zur Erfassung einer Reihe zentraler Schulqualitätsmerkmale aus Schulleiter- und Lehrerperspektive. Mittels Cross-Level Group Measurement Models (Kim, Wang & Kiefer, 2018) prüfen wir, ob die bei Schulleiter*innen und Lehrkräften eingesetzten, identischen Items auch in beiden Akteursgruppen dasselbe latente Konstrukt auf Schulebene erfassen (Messinvarianzprüfung). Auf Basis messinvariant erfasster Konstrukte prüfen wir dann mittels Unterschieds- und Zusammenhangsanalysen, inwiefern die Einschätzungen zu den Schulqualitätsmerkmalen zwischen den beiden Personengruppen variieren; oder anders formuliert: Wie einig sich Schulleitungen und (ihre) Lehrkräfte hinsichtlich der Schulqualität (am Schulstandort) sind. Dazu werden Daten der impakt-Studie (N = 116 Schulleiter/innen, 2380 Lehrpersonen) herangezogen. Auf Basis der Befunde wird diskutiert, wie bestehende Befunde aus bisherigen Schulqualitätsuntersuchungen zu interpretieren und einzuordnen sind.

 

Wirkung von Maßnahmen der Führungskräfteentwicklung und Schulentwicklung

Prof. Dr. Stephan Gerhard Huber1, Prof. Dr. Christoph Helm2, Marius Schwander1, Jane Pruitt1, Julia Alexandra Schneider1
1Pädagogische Hochschule Zug, Schweiz, 2Johannes Kepler Universität Linz, Österreich

In zwei Bundesländern werden Maßnahmen der Professionalisierung und der Schulentwicklung an rund 200 Schulen über fünf Jahre qualitativ und quantitativ untersucht, um die Qualität und die Veränderung der Qualität von Schulmerkmalen und die Einschätzung der Qualität der Maßnahmen und deren wahrgenommen Nutzen (Angebots-Nutzungsmodell (Fend, 1980)) zu erfassen.

Durch den Längsschnitt werden ebenfalls Daten erhoben, welche die aktuelle Schulsituation unter Pandemiebedingungen abbilden. Hierzu werden ebenfalls Auswertungen erfolgen, um zu erfassen, wie sich Merkmale der Qualitäten, Rahmenbedingungen, Prozesse und Ergebnisse für die Schulen in der Krise verändert und ausgewirkt haben.

Es werden ausgewählte Ergebnisse vorgestellt, u.a. zu direkten und indirekten Effekten des Schulleitungshandelns auf die Inklusion am Schulstandort im Längsschnitt (mittels latentem Mehrebenen-Mediationsmodell), zu Veränderungen in Schulqualitätsmerkmalen und der Qualitäten der erfolgten Professionalisierungs- und Unterstützungsmaßnahmen (längsschnittliche Analysen, Angabe von Effektstärken) sowie zu qualitativen Inhaltsanalysen im Rahmen von Fallstudien und vertiefter Untersuchungen der Interventionen.

Insgesamt konnte festgestellt werden, dass sich sowohl positive als auch negative Veränderungen in unterschiedlichen Ausprägungen an den Schulen im Verlauf des Programms zeigen, die mit spezifischen Schulmerkmalskonfigurationen, aber auch mit kontextualen außerorganisatorischen Merkmalen zusammenhängen.

 

Schulentwicklung an Schulen in sozialräumlich benachteiligter Lage – Zum Zusammenhang von Entwicklungskultur, Entwicklungsprozessen und Entwicklungsergebnissen

Eunji Lee, Dr. Marko Neumann, Dr. Susanne Böse, Prof. Dr. Kai Maaz
DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation

Schulen in sozialräumlich benachteiligter Lage sind aufgrund ihres Standortes mit besonderen Herausforderungen konfrontiert und weisen oftmals einen erhöhten Entwicklungs- und Förderbedarf auf (Klein, 2017). Entsprechend wird die Förderung von Schulentwicklungsprozessen als eine mögliche Form der Unterstützung für Schulen in sozialräumlich benachteiligter Lage angesehen.

Vor diesem Hintergrund wird im Beitrag das Berliner Bonus-Programm zur Unterstützung von Schulen in sozialräumlich benachteiligter Lage fokussiert, durch das Schulentwicklungsprozesse an den teilnehmenden Schulen angeregt werden sollen. Mit Rückgriff auf das comprehensive framework for effective school improvement (Stoll et al., 2006) wurde untersucht, inwieweit Merkmale der Entwicklungskultur, Entwicklungsprozesse und Entwicklungsergebnisse in Zusammenhang stehen und inwieweit Entwicklungsergebnisse durch Entwicklungskultur und -prozesse vorhergesagt werden. Hierfür wurden längsschnittliche Daten von 90 Schulleiterinnen und Schulleitern mittels Korrelations- und Pfadanalysen untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass Merkmale der Entwicklungskultur vielfach mit denen der Entwicklungsprozesse korrelieren. Es sind ebenfalls einige Korrelationen zwischen Kultur- und Prozessvariablen mit Entwicklungsergebnissen zu finden. Für die Vorhersage der Entwicklungsergebnisse ging insbesondere die datengestützte Entscheidung für die Mittelverwendung als signifikanter Prädiktor hervor.

 

Kombination evidenzorientierter, netzwerk- und designbasierter Schulentwicklungsansätze in Schulen in benachteiligten Lagen: Potenziale und Grenzen.

Prof. Dr. Nina Bremm
Pädagogische Hochschule Zürich, Schweiz

Der Beitrag widmet sich der Frage, ob und wie der Ansatz der design-basierten Schulentwicklung (Mintrop & Zumpe, 2019; Bryk, 2015) gewinnbringend für den deutschen Kontext genutzt werden kann. Zudem wird diskutiert, ob sich design-Prinzipien und Elemente der evidenzorientierten und netzwerkbasierten Schulentwicklung so kombinieren lassen, dass dem häufig diskutierten Problem des ‚up-scalings‘ (Holtapples, 2019) fruchtbar begegnet werden kann.

Dazu wurde im Rahmen eines Schulentwicklungsprojekts für Schulen in kritischen Lagen eine Strategie gewählt, die eben diese Konzepte und Elemente kombiniert. Zunächst wurden Fragebogendaten von Lehrkräften, Eltern und Schülern aus 36 Schulen verwendet, um Netzwerke zwischen Schulen zu bilden, die sich viermal im Jahr trafen. Darüber hinaus wurde jede Schule von einem Schulentwicklungscoach unterstützt, um mithilfe von design- und evidenzorientierten Prinzipien, Coachings und schulinternen Lehrkräftefortbildungen an schulspezifischen Entwicklungen zu arbeiten.

Die Analysen aus Gruppendiskussionen mit Schulleitungen, Lehrkräften und Schulentwicklungsberatern zum Projektende zeigen, dass der Ansatz sehr fruchtbar für Schulen war, die bereits vor Projektstart über eine relativ hohe Schulentwicklungskapazität (Maag Merki & Fend, 2017) verfügten. Schulen, die hingehen über weniger starke Strukturen zur Eigenentwicklung verfügten, hätten wahrscheinlich von einem klassischen und enger begleitetem design-Ansatz mehr profitiert.

 
9:30 - 11:30Sorgen. Um Artikulation.
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 17
 

Chair(s): Prof. Dr. Malte Brinkmann (HU Berlin, Deutschland), Prof. Dr. Cornelie Dietrich (HU Berlin, Deutschland)

Im Forschungsforum sollen verschiedene theoretische, feldbezogene und empirische Zugänge zum Phänomen der Sorge - verstanden als eine ambivalente Antwort auf die Fragilität und Verletzlichkeit des Menschen und seiner Weltverhältnisse - zur Diskussion gestellt werden, die in einer interdisziplinären und interuniversitären Forscher:innengruppe bearbeitet werden. Neben einer systematischen und bildungstheoretischen Verständigung über Sorge als einem pädagogischen Grundbegriff wird eine Erweiterung des inter- und intrapersonalen Sorgeverständnisses vorgenommen, sodass auch die Sorge um Prozesse und Situationen von Bildung und Unterricht thematisiert werden kann. Im zweiten Teil des Forums kommen als Gegenstand einer pädagogischen Sorge solche Artikulationsformen des Bildungssubjekts in den Blick, die aufgrund ihrer Exponiertheit der besonderen Sorge bedürfen: Die Gebärdensprache in der Gehörlosenpädagogik, die Selbstartikulation in der Theaterpädagogik und in der Psychopathologie.

 

Beiträge des Panels

 

Sorge – machttheoretische, ethische und bildungstheoretische Perspektiven

Prof. Dr. Malte Brinkmann
HU Berlin, Deutschland

Ausgehend von der klassischen Formulierung zur „cultura animi“ bei Cicero werden Dimensionen des Sorgens (Pflege, Formung, Kultivierung, Belehrung) vorgestellt. Die Arbeit an der natürlichen und menschlichen Natur verweist auf den ambivalenten Charakter menschlicher Macht über Natur, Andere und sich selbst. Hier entspinnt sich die Geschichte der Kultivierung im Prozess der Zivilisation (Elias) und im „Unbehagen an der Kultur“ (Freud) bis hin zu den schon etymologischen Verwandtschaften von ausziehen (extrahere), colere und excolere (verbessern, höher bilden), ziehen und züchten in den sozialdarwinistischen Praktiken der Auslese und Eugenik.

Diese Ambivalenz der Sorge wird in einem zweiten Schritt mit Foucault als pastorale Machtform aufgewiesen, wobei die Ambivalenzen zwischen machtförmiger Unterwerfung und praktischer Freiheit bzw. „Gegen-Verhaltens (contre-conduite)“ (Foucault) im Mittelpunkt stehen. Dies wird mit der These verbunden, dass erzieherische Fürsorge sich auf die Ermöglichung einer Selbstsorge richtet, d.h. darauf, ein gutes Leben führen zu können. Diese ethische Perspektive wird dann als eine Verantwortlichkeit ausgewiesen, die im Sinne einer pädagogischen Ethik der Sorge und als pädagogische Antwort auf die o.g. Machtproblematik vorgestellt wird. Schließlich wird bildungstheoretischer Perspektive Sorgepraxis als ein Üben vorgestellt, das auf ein Selbst-Können zielt.

 

Sorge um Bildungsprozesse

Prof. Dr. Cornelie Dietrich
HU Berlin, Deutschland

Sorge-Arbeit und Sorge-Fähigkeiten im schulischen Feld werden in einer feministisch-differenztheoretischen Diskurstradition einerseits als zu stark marginalisiert (Tronto 1996, Noddings 2001), andererseits als anfällig für die Reproduktion von asymmetrischen Beziehungsstrukturen diskutiert (Noack 2012). Fürsorgepraktiken zeigen in der Regel ein starkes Gefälle zwischen Sorgegebenden und Sorgeempfangenden (Lehrer*in/Kind; Erzieherin/Kind; Schulbegleiter/Kind mit Beeinträchtigung; Sozialpädagog*in/Klient*in). Im Beitrag wird danach gefragt, ob und wie sich diese Asymmetrien verschieben (lassen), wenn man als sorgebedürftig nicht nur Personen, sondern auch Themen, Situationen, Dinge des Unterrichts betrachtet. Denn fasst man den Begriff der Sorge weiter im Sinne einer anthropologischen conditio humana, werden Sorgepraktiken nicht als vorbereitende, flankierende und damit ermöglichende Hilfe-Prozesse für einen dann „sorglosen“ Unterricht verstanden, sondern sind selbst unhintergehbarer Bestandteil von Unterrichtsprozessen. Kinder werden darin ebenso wie Erwachsene Sorgende und Umsorgte. Sie konstituieren den (Lern)Gegenstand sowie die Praktiken der Einübung (practice) bestimmter Umgangsformen mit diesem mit, ohne dass sich die Ambivalenz von Bevormundung und Ermöglichung auflöste. Zu fragen ist dann, unter welchen Umständen Kinder in der Schule zur Sorgepraxis befähigt werden.

 

Sorge im Kontext ästhetischer Bildung in der Schule, speziell im Schulfach Theater

Prof. Dr. Ute Schlegel-Pinkert
Universität der Künste Berlin

Der Beitrag wendet die vorangegangenen bildungstheoretischen Überlegungen auf den Bereich ästhetischer Bildung an. Ausgehend von der Hypothese, dass die Einführung des Begriffsfeldes von Sorge in den Diskurs ästhetischer Bildung neue Perspektiven auf bislang unterbelichtete Aspekte dieses Bildungsbereiches eröffnen kann, werden Bedingungen und Potentiale bildungsrelevanter ästhetischer Praxis in zwei Aspekten diskutiert.

1. Dem Aspekt eines Spielraumes (Nickel)/Driftraumes (Preuss), dessen Zustandekommen eine Voraussetzung für die bildende Wirkung ästhetischer Praxis bildet. These ist, dass die Erzeugung dieser Räume wesentlich auf Praktiken der Sorge beruht: strukturell, beziehungsbezogen und individuell. Von Interesse ist, wer und in welcher Weise für die Etablierung eines (stets fragilen) Spiel- bzw. Driftraumes im Unterricht sorgt.

2) Dem Aspekt des Gegenstandes ästhetischer Bildung, der zeitgenössischen Kunst. Hier kann davon ausgegangen werden, dass Praktiken der Sorge und Selbstsorge nicht mehr nur als bedingende Momente (s.o.) gesehen, sondern selbst zum Gegenstand künstlerisch-ästhetischer Auseinandersetzung werden. Gefragt wird, in welcher Weise diese Veränderung der Gegenstände zeitgenössischer Kunst auf die Praxis ästhetischer Bildung im schulischen Kontext zurückwirkt und u.a. zu Verschiebungen innerhalb pädagogischer Situationen und Machtverhältnisse führen kann.

 

Sorge im Kontext von Depression als bildsame Erfahrung

Kathrin Klees
HU Berlin

Depressionen sind Anlass und Gegenstand psychologischer und therapeutischer Interventionen. Sie gelten als affektive Störung (ICD-10). Im Unterschied dazu werden sie in der phänomenologischen Psychopathologie als Unterbrechung von Selbst- und Weltverhältnissen verstanden (Binswanger, früher Foucault). Als „negative Erfahrung“ (G. Buck) können sie damit zum potenziellen Ausgangspunkt von Bildungsprozessen werden. Wenn die vulnerablen und relationalen Momente einer existenziellen Erfahrungsdimensionen in den Blick geraten, wird das Subjekt als eines sichtbar, das der Selbst- und Fürsorge bedarf: Um sich aus einem Zustand der Ungestimmtheit (Bollnow) zu lösen, erfordert es praktische und leibliche Reflexionen. Mit Foucault werden diese Selbstsorgepraktiken als geistige und körperliche Übungen dargestellt, mit denen Verhältnisse zu sich selbst und zu anderen transformiert werden können. (Brinkmann 2021) Davon ausgehend, dass diejenigen Erfahrungen, die gegenwärtig unter dem Begriff der Depression firmieren, anhand literarischer Beispiele als Momente prekärer Bildsamkeit ausgewiesen werden können, lassen sich therapeutische Praktiken, die auf Gesundheit gerichtet sind, von pädagogischen Praktiken der Fürsorge, die auf die Ermöglichung von Selbstsorge gerichtet sind, unterscheiden.

 

Sorgen um Artikulation und Verstehen im gemeinsamen Unterricht mit gehörlosen und hörenden Schüler*innen

Prof. Dr. Claudia Becker
HU Berlin

In Deutschland besuchen zunehmend gehörlose Schüler*innen Regelschulen, wobei zur Absicherung der Kommunikation Gebärdensprachdolmetscher*innen eingesetzt werden. In diesen Settings besteht eine besondere Form der Vulnerabilität, da u.a. die Kommunikation zwischen gehörloser/m Schüler*in und den Lehrkräften sowie Mitschüler*innen meist nur indirekt und eine Verdolmetschung nicht in allen Bereichen des schulischen Lebens erfolgt (z.B. in der Pause).

Diese Verletzlichkeit löst unterschiedliche, z.T. ambivalente Fürsorge- und Selbstsorgepraxen aus, wobei Machtgefälle und Prozesse der Er- und Bemächtigung sichtbar werden, die die beteiligten Akteur*innen – Regelschullehrkräfte, Dolmetscher*innen, Schüler*innen und Sonderpädagog*innen - zurzeit nicht selten konfliktär aushandeln: So verlagert zum Beispiel eine Lehrkraft ihre pädagogische Fürsorge um die Verstehensmöglichkeiten der gehörlosen Schülerin auf die Dolmetscher*innen, ohne ihren Unterricht an die Lernbedingungen gehörloser Schüler*innen anzupassen. Eine andere Dolmetscherin betrachtet sich als „Anwältin“ einer gehörlosen Schülerin und streitet mit der Schulleitung um Nachteilsausgleiche. Eine gehörlose Schülerin verweigert die Unterstützung bzw. Fürsorge durch eine Sonderpädagogin und fordert ein, die Dolmetschteams selbst auszusuchen.

Anhand von Daten aus qualitativen Interviews und Videoanalysen werden verschiedene Sorgepraktiken hinsichtlich ihrer Ambivalenzen und Potentiale diskutiert.

 
9:30 - 11:30Szenarien der Nachnutzung qualitativer Daten – methodisch-methodologische Implikationen, Möglichkeiten und Grenzbestimmungen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 12
 

Chair(s): Prof. Dr. Mirja Silkenbeumer (Goethe-Universität Frankfurt), Dr. Christoph Leser (Goethe-Universität Frankfurt), Tristan Bauder (Goethe-Universität Frankfurt), Sinje Brinkmann (Goethe-Universität Frankfurt), Karla Wazinski (Goethe-Universität Frankfurt), Saskia Terstegen (Goethe-Universität Frankfurt)

Im Dialog mit Erziehungswissenschaftler*innen, die jeweils unterschiedliche Perspektiven im Spektrum qualitativer Methoden und Methodologien verfolgen (strukturtheoretische, praktikentheoretische u. poststrukturalistische Zugänge), werden Überlegungen zu möglichen Nachnutzungsszenarien qualitativer Forschungsdaten vorgestellt. Ausgehend von aktuellen Forschungsarbeiten werden Überlegungen und Erkenntnisse zu einem an die eigene Forschung anschließenden Nachnutzungsszenario archivierter Forschungsdaten vorgestellt. Dies erfolgt ausgehend von einem archivierten Datensatz. Herausgearbeitet und diskutiert werden sollen ähnliche und differente Perspektiven zwischen unterschiedlichen erkenntnistheoretischen Positionen, methodologischen Perspektiven und methodischen Zugängen, die es ermöglichen, übergreifende Möglichkeiten und Herausforderungen in der Nachnutzung qualitativer Forschungsdaten auszuloten.

 

Beiträge des Panels

 

Nachnutzung qualitativer Forschungsdaten: Poststrukturalistische Methodologie und Diskursanalyse

Prof. Dr. Christine Thon
Europa-Universität Flensburg

Im Vortrag wird ein Nachnutzungsszenario qualitativer Forschungsdaten ausgehend von einem poststrukturalistischen und diskursanalytischen Bezugsrahmen vorgestellt.

 

Nachnutzung qualitativer Forschungsdaten: Praktikentheoretische und adressierungsanalytische Perspektivierungen

Prof. Dr. Anna Moldenhauer
Technische Universität Dresden

Im Vortrag wird ein Nachnutzungsszenario qualitativer Forschungsdaten ausgehend von praktikentheoretischen und adressierungsanalytischen Perspektivierungen vorgestellt.

 

Nachnutzung qualitativer Forschungsdaten: Objektive Hermeneutik und Strukturtheorie

Dr. Julia Labede
Leibniz Universität Hannover

Im Vortrag wird ein Nachnutzungsszenario qualitativer Forschungsdaten im methodologisch-methodischen Horizont der Objektiven Hermeneutik entfaltet.

 
9:30 - 11:30Transformationsprozesse im Schulsystem auf der Makro- und Mikroebene. Interaktiver Austausch über Entgrenzungspotentiale von Unterricht und Schule im Kontext von Digitalität und Inklusion
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 23
 

Chair(s): Dr. René Breiwe (Universität Duisburg-Essen, Deutschland), Dr. Claudia Obermeier (Europa-Universität zu Flensburg), Prof. Dr. Christian Filk (Europa-Universität zu Flensburg), Dr. Anke B. Liegmann (Universität Duisburg-Essen), Prof. Dr. Kathrin Racherbäumer (Universität Siegen)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Matthias Proske (Universität zu Köln)

Das Forschungsforum möchte Entgrenzung und Begrenzung anhand einer zwischen Makro- und Mikroebene changierenden Betrachtung des schulpraktischen Feldes im Kontext von Digitalität und Inklusion thematisieren. Die durch Digitalisierung beförderten Transformationsprozesse und die Aufgabenstellung einer inklusiv gestalteten Schulkultur führen zu der Notwendigkeit eines Neuarrangierens von lehr- und lernbezogenen Paradigmen. Damit in Verbindung steht die Neuausrichtung von in Schule wirksamen Strukturen und Prozessen und das Reformulieren von Rollenverständnissen und Aufgabenfeldern von Akteur*innengruppen im schulpraktischen Feld. In Impulsvorträgen werden aus Perspektive zweier Forschungsprojekte diese Transformationsprozesse vor dem Hintergrund der Frage nach Entgrenzungs- und Begrenzungsphänomenen beleuchtet. Das zentrale Anliegen des Forschungsforums besteht in dem diskurs-interaktiven Austausch aller Forumteilnehmenden auf Basis zweier Impulsvorträge und eines Diskussionsbeitrags.

 

Beiträge des Panels

 

Transformationsprozesse auf der Makroebene: Entgrenzung des Schulsystems als Chance für die Herausbildung einer inklusiv-digitalen Schulkultur

Dr. Claudia Obermeier1, Prof. Dr. Christian Filk1, Dr. Heike Schaumburg2, Julia Hartung2, Dr. Marcel Kabaum2, Daniela Hill1, Johanna Profft2, Nicole Vieregg2
1Europa-Universität zu Flensburg, 2Humboldt-Universität zu Berlin

Das Anliegen des Forschungsprojektes ist es, Überlegungen, die aus der Umsetzung von Inklusion und Digitalisierung resultieren, systematisch aufeinander zu beziehen und herauszuarbeiten, wie inklusive und digitale Schul- und Unterrichtsentwicklung synergetisch miteinander verbunden werden können. Die Momente Begrenzung und Entgrenzung sind dem damit verbundenen Erkenntnisinteresse in (mindestens) zweifacher Weise immanent: Durch das Verweben von Inklusion und Digitalität wird eine im schulpraktischen Feld noch immer existente (künstliche) Trennung aufgehoben (Filk & Schaumburg 2021). Des Weiteren besteht die Zielsetzung der Forschungsaktivitäten des Projektes darin, ein inklusiv-digitales Modell der Schul- und Unterrichtsentwicklung zu generieren. Dabei wird offenkundig, dass das Schulsystem selbstreferentiell agiert (Bellmann 2016), was dazu führt, dass Einzelschule und das Schulsystem an sich von anderen (gesellschaftlichen) Teilsystemen entkoppelt sind (Drieschner & Gaus 2014). Um die Werte einer inklusiv-digital gestalteten Schulkultur proaktiv mitgestalten zu können, müssen bestehende Begrenzungen aufgeweicht werden. Der Einzelbeitrag skizziert die (notwendigen) Entgrenzungsprozesse im System Schule aus der Makroperspektive in einer systemtheoretisch-konstruktivistischen Lesart.

 

Transformationsprozesse auf der Mikroebene: Chancen und Grenzen inkludierender Entgrenzung im Kontext digitalisierten Unterrichts und die Bedeutung für Schulentwicklungsprozesse

Dr. René Breiwe1, Marion Schwehr2, Britta Ervens1, Dr. Anke B. Liegmann1, Prof. Dr. Kathrin Racherbäumer2
1Universität Duisburg-Essen, 2Universität Siegen

Aktuell sind Lehrkräfte gefordert, Unterricht zu digitalisieren, insbesondere in Form von Distanzunterricht bzw. hybriden Lernformen. Die Bedeutung von Digitalisierung rückt damit als zentrales Thema von Schul- und Unterrichtsentwicklung in den Fokus des öffentlichen und wissenschaftlichen Diskurses (Klieme 2020). Damit ist die Aufgabe verbunden, den Unterricht auch in digitalisierter Form inklusiv zu gestalten. Unterricht wird dabei nicht als in sich geschlossener Raum konzeptualisiert, sondern öffnet sich anknüpfend an das Optimierungsnarrativ des Digitalisierungsdiskurses (Wolf & Thiersch 2021) lerntheoretisch bzw. didaktisch im Rahmen hybrider Lernräume. Demgegenüber stehen Verhaftungen an traditionellen Vorstellungen von Unterricht, die sich an den Paradigmen der Oralität, Skriptografie und Typografie orientieren (Krommer 2020). Hier können digitale Medien als Verstärker für (exkludierende) Muster (z. B. Orientierung am monolingualen Habitus auch im virtuellen Raum) fungieren (Hoffmann 2020). So gilt Präsenzunterricht normativ als der Unterricht, während digitalisierte Formen des Unterrichts einen kompensativen Ersatz darstellen (Krommer & Wampfler 2021). Anhand von ethnographischen Beobachtungen von (Distanz-)Unterricht aus einem Forschungsprojekt wird analysiert, inwiefern mit digitalisierten Lehr-Lernformen transformative Entgrenzungen von Unterricht im Sinne der Inklusion verbunden sind und wie diese auf Schulentwicklungsprozesse wirken können.

 
9:30 - 11:30Universitäts- und Versuchsschulen als Orte der Forschung: Einblicke und Perspektiven
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 38
 

Chair(s): Dr. Gabriele Klewin (Universität Bielefeld), Benedict Kurz (Universität Bielefeld), Dr. Christian Timo Zenke (Universität Bielefeld, Deutschland)

In den letzten Jahren entstehen zunehmend Universitäts- und/oder Versuchsschulen als enge Kooperationsform von Wissenschaft und Schule. Sie werden als Orte angesehen, an denen eine neue Form von Forschung entstehen kann, die durch eine Kooperation zwischen Praktiker*innen und Wissenschaftler*innen, einen starken Praxisbezug sowie eine hohe Relevanz für die schulische Weiterentwicklung gekennzeichnet ist. Je nach Kontext unterscheidet sich die konkrete Ausgestaltung vor Ort jedoch zum Teil erheblich. Folglich werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Rahmen dieses Forschungsforums genauer in den Blick genommen und diskutiert. Zunächst stellen Beteiligte von unterschiedlichen Standorten ihren jeweiligen Forschungszugang in kurzen Impulsvorträgen vor. Daran anschließend folgt eine Diskussion zur Frage, ob – und wenn ja, wie – sich das Spezifische der Forschung an Universitäts- und Versuchsschulen aktuell fassen und weiterentwickeln lassen kann.

 

Beiträge des Panels

 

IUS Köln: Forschung als multiparadigmatischer und multiperspektivischer Prozess

Marion Hensel1, Andreas Niessen2, Ellen Reuther3, Dr. Lucia Sehnbruch3
1Inklusive Universitätsschule, Heliosschule Primarstufe, 2Inklusive Universitätsschule, Heliosschule Sekundarstufe, 3Universität zu Köln

In der Inklusiven Universitätsschule der Stadt Köln (IUS) werden vier gleichrangige, miteinander vernetzte Aufgabenfelder bearbeitet (Hensel et al. 2020): Forschung, Schulentwicklung, Lehrer*innenbildung und Innovationstransfer in das (regionale) Schulsystem. An allen vier Aufgabenfeldern wirken sowohl die Mitarbeitenden der Schule als auch Vertreter*innen von vier lehrer*innenbildenden Fakultäten der Universität zu Köln sowie zweier kooperierender Hochschulen mit. Für den Bereich Forschung bedeutet dies die Einbindung und Koordination unterschiedlicher Forschungszugänge, -interessen und -ziele: Die IUS ist aktuell ein Ort für Grundlagenforschung, entwicklungsbezogene Bildungsforschung, Evaluations- und Begleitforschung, Forschendes Lernen von Studierenden und Schüler*innen. Herausfordernd ist es, das verteilte multiparadigmatisch und multiperspektivisch angelegte Engagement auf die Schulentwicklung zu beziehen und die entstandenen Ergebnisse nachhaltig zu nutzen.

Hensel, M. / Niessen, A. / Reuther, E. / Rosen, L. / Sehnbruch / L., Şengüler, B. / Weber, B. / Werker, B. (2020): Die „Heliosschulen – Inklusive Universitätsschulen der Stadt Köln". Gründungsgeschichte und aktuelle Entwicklungsperspektiven. In: WE_OS-Jahrbuch, 3, 37–47.

 

Schulnahe Schulentwicklungsforschung und Evaluation von Schulen

Prof. Dr. Natalie Fischer, Prof. Dr. Barbara Koch, Prof. Dr. Hans Peter Kuhn
Universität Kassel

Neuere Entwicklungen in der Schulentwicklungsforschung zeigen, dass evidenzbasierte Verfahren der externen Evaluation wie z.B. Schulinspektion zunehmend an Bedeutung verlieren. Gestärkt werden soll aber die Selbstevaluation von Schulen (Ackeren et al. 2017). Allerdings wurden die in den 1990er Jahren festgestellten Probleme, wie mangelnde methodische Kompetenzen der Lehrkräfte oder eine zu geringe Verknüpfung zwischen Evaluation und Didaktik, inzwischen kaum bearbeitet. Eine Kooperation zwischen Schulen und Universitäten soll diese Lücke schließen, indem Aufgaben seitens der Universität übernommen werden, ohne dass die Schule die Verantwortung für den Forschungs- und Entwicklungsprozess abgibt. An der Universität Kassel werden zwei Modelle der Kooperation realisiert: eine mit einem Kooperationsvertrag geschlossene Partnerschaft zwischen der Universität Kassel und der Offenen Schule Waldau, der Reformschule Kassel und der Steinwaldschule Neukirchen. Das andere Modell beinhaltet schulnahe Schulentwicklungsforschung auf Anfrage von Schulen aus dem regionalen Umfeld. In dem Beitrag wird vorgestellt, welche Forschungszugänge im Rahmen dieser Kooperationen gewählt werden und welche Chancen und Herausforderungen sich daraus ergeben.

Ackeren, I. / Demski, D. / Klein, E. D. (2017): Entwicklungsprobleme Neuer Steuerung im Schulsystem. In H. G. Holtappels (Hrsg.): Entwicklung und Qualität des Schulsystems. Neue empirische Befunde und Entwicklungstendenzen. Münster: Waxmann, 241–259.

 

Dokumentarische Evaluationsforschung: Wissenschaft und Schulpraxis auf Augenhöhe

Prof. Dr. Barbara Asbrand, Carmen Bietz
Goethe-Universität Frankfurt/Main

In der wissenschaftlichen Begleitung der Helene-Lange-Schule (hess. Versuchsschule) wird eine Kooperation von Wissenschaft und Praxis realisiert, von der beide Seiten profitieren und sich gegenseitig in ihrer Expertise anerkennen. Die Zusammenarbeit basiert auf einem Verständnis von Wissenschaft und Praxis als gleichrangig, aber verschieden (Asbrand & Martens 2021/i.E.) und wird möglich durch den forschungsmethodischen Ansatz der dokumentarischen Evaluationsforschung (Bohnsack 2006). Wesentliche Aspekte sind die Suche nach Schnittstellen zwischen erziehungswissenschaftlicher Grundlagenforschung und Fragestellungen, die in der Schulpraxis entstehen, die rekonstruktive Forschungsperspektive als Beobachtung zweiter Ordnung und die Responsivität im Umgang mit Forschungsergebnissen (ebd.). Anschlussfähigkeit entsteht zwischen rekonstruktiver Forschung, die Reflexionswissen zu Handlungsproblemen der Schulpraxis hervorbringt, und professioneller Schulentwicklung.

Asbrand, B. / Martens, M. (2021/i.E.): Zum Verhältnis von Wissenschaft und Schulpraxis: Potenziale der dokumentarischen Evaluationsforschung für die Schul- und Unterrichtsentwicklung. In: E. Zala-Mezö & N. Bremm (Hrsg.): Die Dokumentarische Methode in der Schulentwicklungsforschung. Münster: Waxmann.

Bohnsack, R. (2006): Qualitative Evaluation und Handlungspraxis – Grundlagen dokumentarischer Evaluationsforschung. In: U. Flick (Hrsg.): Qualitative Evaluationsforschung. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 135–155.

 

Der Schulversuch „Universitätsschule Dresden“

Prof. Dr. Anke Langner1, Maxi Heß2
1TU Dresden, 2Universitätsschule Dresden

Eine Schule in einem Ko-Konstruktionsprozess zwischen Praxis und Forschung für die gelingende Entwicklung für alle Schüler*innen zu etablieren, ist das Ziel des Schulversuchs. Der gemeinsame Entwicklungsprozess folgt dem Verständnis einer gestaltenden Bildungsforschung (Tulodziecki et.al. 2013) und verwendet als methodologisches Grundverständnis den Ansatz des Design-Based-Research. In der aktuellen Phase des Schulaufbaus richtet sich die Forschung sehr stark an den Bedarfen der Schule aus, um das Reallabor (Schäpke et.al. 2018) zu stärken. Folglich werden ausgehend von Herausforderungen in der pädagogischen Praxis Veränderungen theoriebasiert und auf die Praxis bezogen gemeinsam modelliert. Anschließend wird gemeinsam der Durchführungsprozess der geplanten Modellierungen und dessen Evaluation bestimmt. Die Umsetzungsergebnisse werden ausgewertet, auf dessen Basis weitere Schritte gemeinsam entwickelt werden. Der kooperative und iterative Prozess der gemeinsamen Gestaltung von schulischen Bildungsprozessen wird exemplarisch in diesem Forum herausgearbeitet.

Schäpke, N. et al. (2018): Jointly Experimenting for Transformation? Shaping Real-World Laboratories by Comparing Them. In: GAIA - Ecological Perspectives for Science and Society, 27 (1), 85–96.

Tulodziecki, G. et al. (2013): Gestaltungsorientierte Bildungsforschung und Didaktik. Theorie – Empirie – Praxis. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt.

 

Praxisforschung an Versuchsschulen

Dr. Gabriele Klewin, Benedict Kurz, Prof. Dr. Annette Textor, Dr. Christian Timo Zenke
Universität Bielefeld

Am Standort Bielefeld besteht eine langjährige Tradition der Forschung von Lehrkräften über ihre eigene Praxis. Doch auch wenn das Bielefelder Praxisforschungsmodell seit Eröffnung der beiden Versuchsschulen Laborschule und Oberstufen-Kolleg mehrfach verändert und ausdifferenziert wurde, bleibt als wesentliches Merkmal die gleichberechtigte Kooperation von Praktiker*innen und Wissenschaftler*innen in allen Phasen der Forschung erhalten. In diesem Beitrag sollen daher drei Aspekte hinsichtlich der Forschung an den Versuchsschulen aufgegriffen werden.

In der ersten Fokussierung wird die Organisationsstruktur in Bezug auf die Kooperation vorgestellt und gefragt, welche Inhalte bearbeitet wurden, wie die Forschungs- und Entwicklungsarbeit im Kollegium personell verankert ist und welche Kooperationsvarianten zwischen Universität und Schule in den Projekten zu finden sind.

In der zweiten Fokussierung wird die Frage gestellt, welche Implikationen es hat, die aus der Praxis entstehenden Fragestellungen gegenstandsangemessen zu bearbeiten und sich dabei verschiedener paradigmatischer Herangehensweisen zu bedienen. Was bedeutet ein multiparadigmatischer Ansatz für die Forschung, aber insbesondere für die Nutzung der gewonnen Erkenntnisse in Unterrichts- und Schulentwicklung?

Ausgehend von diesen beiden Fokussierungen wird der Blick abschließend auf das internationale Phänomen der „Laboratory Schools“ und daraus abgeleitete grundlegende Forschungsprinzipien gerichtet.

 
9:30 - 11:30Zum Wandel von Leitbildern der Kinderbetreuung auf individueller, medialer und institutioneller Ebene seit den 1990er Jahren
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 43
 

Chair(s): Dr. Felix Berth (Deutsches Jugendinstitut e.V.), Dominik Hank (Deutsches Jugendinstitut e.V.), Leonie Kleinschrot (Deutsches Jugendinstitut e.V.)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Yvonne Anders (Universität Bamberg), Prof. Dr. Johanna Mierendorff (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg)

Das Forschungsforum analysiert Leitbilder der Betreuung von Kleinkindern in Deutschland auf den Ebenen von Eltern, Massenmedien und Politik und ihren Wandel in Ost- und Westdeutschland seit dem Jahr 1990. Leitbilder werden verstanden als kollektiv geteilte, normative Vorstellungen zu Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, zur Rolle von Betreuungsinstitutionen oder zu Bildungsfragen im Aufwachsen. Auf einer Mikroebene werden Leitbilder in individuellen Einstellungen von Erwachsenen zur „guten“ Kinderbetreuung und elterlichen Erwerbstätigkeit quantitativ betrachtet. Auf einer Mesoebene werden Leitbilder anhand von Beiträgen aus Massenmedien qualitativ herausgearbeitet. Auf der Makroebene wird anhand von parlamentarischen Entscheidungsprozessen sichtbar gemacht, welchen Leitbildern die deutsche Politik folgte. Die Beiträge werden mit drei Gesprächspartnerinnen aus Erziehungswissenschaft und Verbänden diskutiert.

 

Beiträge des Panels

 

Zum Wandel von Elternschaftsleitbildern

Leonie Kleinschrot
Deutsches Jugendinstitut e.V.

Der Beitrag untersucht den Wandel individueller Elternschaftsleitbilder und deren Zusammenhang mit Einstellungen zur Ausgestaltung von Kinderbetreuung und elterlichen Erwerbsmöglichkeiten. Anhand wiederholter Querschnittstudien des Deutschen Jugendinstituts wird der Zeitraum von 1988 bis 2014 betrachtet. Es wird analysiert, wie ausgeprägt die Unterschiede in den Elternschaftsleitbildern von Erhebung zu Erhebung sind, in welchen soziodemografischen Gruppen die Unterschiede am deutlichsten ausfallen und welche Trends in den Einstellungen zu Kinderbetreuung und elterlicher Erwerbstätigkeit im Vergleich von Ost und West auszumachen sind.

Mehrere Studien konstatieren inter- wie auch national in den letzten Jahren eine zunehmende Verbreitung des Leitbilds der intensivierten Elternschaft, bei dem sich beide Elternteile stark dafür verantwortlich fühlen, den Kindern bestmögliche Aufwachsensbedingungen zu bieten, obwohl sie selbst dafür zurückstehen müssen (Bianchi et al. 2006; Ruckdeschel 2015). Hierzulande geht dies offenbar mit gesteigerten Ansprüchen an Elternschaft und vor allem mit der Erwartung an erhöhte zeitliche und emotionale Aufwendungen von Eltern in ihre Kinder einher (IfD Allensbach 2020).

Erste Analysen zeigen eine eher moderate Verbreitung von Aspekten intensivierter Elternschaft in Deutschland, wenngleich ressourcenärmere Eltern die erhöhten Ansprüche weniger stark teilen als ressourcenstärkere.

 

Zum Wandel medialer Leitbilder der (außer-)familialen Kleinkindbetreuung in Ost- und Westdeutschland

Dominik Hank
Deutsches Jugendinstitut e.V.

Der Beitrag beleuchtet den Wandel medial transportierter gesellschaftlicher Leitbilder der (außer-)familialen Kinderbetreuung seit den 1990er Jahren in Ost- und Westdeutschland, wobei der Fokus auf Kindern unter drei Jahren liegt. Dazu werden mit einem inhaltsanalytischen Vorgehen die Bewertungen der außerfamilialen Kleinkindbetreuung, die Beurteilungen mütterlicher Erwerbstätigkeit, die Zuschreibung von Bildungsrelevanz sowie die wissenschaftlichen Bezugsdisziplinen in massenmedialen Berichten erfasst.

Der Datenkorpus setzt sich aus Artikeln verschiedener west- und ostdeutscher Zeitungen im Zeitverlauf seit 1990 zusammen, in denen Fragen der außerfamilialen U3-Betreuung thematisiert wurden. Die Methode ermöglicht dabei die Veranschaulichung der Konjunktur medialer Leitbilder im Längsschnitt sowie einen Ost-West-Vergleich.

Dabei zeigt sich, dass Fragen der außerfamilialen Tagesbetreuung in Ost- und Westdeutschland unterschiedlich aufgegriffen wurden, was u.a. den Aspekt der Ermöglichung elterlicher Erwerbstätigkeit betraf. Wurden U3-Einrichtungen in Westdeutschland kritisch beurteilt, so erfolgte dies unter Bezug auf einen angenommenen Vorrang von familialer Kinderbetreuung vor mütterlicher Erwerbstätigkeit. In den ostdeutschen Berichten wurden Krippen hingegen häufig als Möglichkeit einer Gleichberechtigung der Geschlechter angesehen. Im weiteren zeitlichen Verlauf glichen sich die medialen Leitbilder Ost- und Westdeutschlands zunehmend an.

 

Die DDR, das heimliche Vorbild? Zur Entwicklung der deutschen Kita-Politik

Dr. Felix Berth
Deutsches Jugendinstitut e.V.

Der Beitrag analysiert, welchen Logiken die Entwicklung der institutionellen Kindertagesbetreuung in Ost- und Westdeutschland seit der Wiedervereinigung folgte. Zunächst wird für den politischen Diskurs gezeigt, dass die Abgrenzung von der DDR, die sich in der alten Bundesrepublik etabliert hatte, nach 1990 in der Familienpolitik weiterwirkte. So zeigt sich in Bundestagsdebatten, dass neue politische Instrumente (Elterngeld, Krippenausbau) ohne Wahrnehmung der Vorläufer zu DDR-Zeiten (Babyjahr, Krippenausbau) diskutiert wurden.

Kontrastierend dazu beschreibt der Beitrag auf Basis amtlicher Daten, dass sich die tatsächlichen Kita-Betreuungsquoten in Westdeutschland allmählich denen von Ostdeutschland annäherten. Besonders auffällig wird dies bei Kindern unter drei Jahren: Gab es in Westdeutschland im Jahr 1990 lediglich für knapp 2 Prozent dieser Kinder einen Betreuungsplatz, stieg diese Quote bis zum Jahr 2020 auf 31 Prozent. Damit wurde eine Dimension erreicht, wie sie für die DDR der 1970er- und 1980er-Jahre typisch war.

Abschließend wird diskutiert, wie sich diese Prozesse – diskursive Abgrenzung zur DDR-Familien- und Kindheitspolitik bei gleichzeitiger Annäherung der faktischen Betreuungsstrukturen – im gesellschaftlichen Kontext verstehen lassen. Der westdeutsche Kita-Ausbau wird als verspätete Modernisierung gedeutet, die auf steigende weibliche Erwerbstätigkeit reagierte, aber in den 1970er- und 1980er-Jahren wegen der Systemkonkurrenz unmöglich war.

 
9:30 - 11:30Zwischen diskursiver Grenzziehung und Widerstand. Subjektivierungsanalytische Perspektiven auf schulische Anrufungen.
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 10
 

Chair(s): Anne Otzen (Universität Bremen, Deutschland), Marie Hoppe (Universität Bremen), Saskia Terstegen (Goethe-Universität Frankfurt am Main), Svenja Strauß (Georg-August-Universität Göttingen)

Gegenstand des Forschungsforums bilden subjektivierungsanalytische Perspektiven auf die Schule, dort beobachtbare normative Ordnungen und Widerstände. Die Einzelbeiträge diskutieren Ergebnisse aus aktuellen Dissertationsprojekten, deren gemeinsamer Fluchtpunkt eine subjektivierungstheoretisch informierte Perspektive auf Anrufungsprozesse in der Schule bildet. Anhand von verschiedenen Materialsorten und Forschungsgegenständen wird empirisch herausgearbeitet, wie Schüler*innen sich zu Anrufungen in unterschiedlichen schulischen Kontexten auf widerständige Weise in ein Verhältnis setzen. Das Forschungsforum widmet sich dabei folgenden Fragen: Wie und über welche Praktiken rufen die pädagogischen und gesellschaftlichen Ordnungen die jeweiligen Subjekte an? Wie sind diese Anrufungen von Macht- und Herrschaftsverhältnissen durchzogen und welche Ausschlüsse (re-)produzieren sie? Welche widerständigen Praktiken lassen sich in diesen ‚umwendenden‘ Verhältnissetzungen identifizieren?

 

Beiträge des Panels

 

Rassifizierte Subjekte? Anrufungen und Widerstände am schulischen Ort der Diskursproduktion

Saskia Terstegen
Goethe-Universität Frankfurt am Main

Der erste Beitrag fokussiert auf diskursive Praktiken im schulischen Kontext, in denen Schüler*innen als rassifizierte Subjekte angerufen werden. Die Schule wird dabei als Ort der Diskursproduktion verstanden, an dem Rassismus als gesellschaftliches Verhältnis (Rommelspacher, 2009) wirksam und über je spezifische ,Konjunkturen‘ (Bojadžijev, 2008) (re-)produziert wird. In Rückgriff auf ethnographische Daten, die an einer US-amerikanischen Highschool erhoben wurden, wird eine materialübergreifende Analyse der Praktiken präsentiert. Ausgehend von einer subjektivierungstheoretischen Perspektive werden die rekonstruierten rassifizierenden Anrufungen als machtvolle Prozesse aufgefasst, zu denen die Schüler*innen sich gleichermaßen affirmativ wie widerständig verhalten. Der Beitrag kann dabei zeigen, wie diese In-Verhältnissetzungen der Schüler*innen zu den Anrufungen als Widerstand begriffen werden können und unter welchen spezifischen Bedingungen Widerstand gegen rassifizierende Anrufungen in schulischen (Macht- und Herrschafts-)Verhältnissen möglich wird. Die diskurs- und machtanalytische Betrachtung (Hall, 2017) ermöglicht es, sowohl die in Rassifizierungen produzierten Ausschlüsse als auch Potenziale und Grenzen der Irritation zugrundeliegender schulischer Differenzordnungen herauszuarbeiten, auf die die analysierten Schüler*innenpraktiken verweisen.

 

Zwischen(-)Spiel und Subversion? Subjektivierungsanalytische Perspektiven auf Ironie im Unterricht.

Anne Otzen
Universität Bremen

Im Zentrum des zweiten Beitrags stehen ironische Adressierungen aus dem Schulunterricht. Ausgehend davon, dass ironische Anrufungen mit diskursiven Bedeutungen spielen, ist es Ziel des Vortrags zu zeigen, wie Lehrpersonen und Schüler*innen sich über Ironie zu spezifischen normativen Anrufungen des schulischen Alltags positionieren. Ironie als Modus, der Dinge zu Sprache kommen lässt, die ohne ein Augenzwinkern problematisch wären, tangiert die Grenzen des Sagbaren und ist pädagogisch dann problematisiert, wenn das Gegenüber durch entgrenzende Kommentare exponiert wird. Doch bieten ironische Bezugnahmen auch die Möglichkeit sich uneindeutig zu vorherigen Anrufungen zu positionieren und diese somit für sich zu wenden. Ziel des Beitrags ist es anhand von Transkripten aus dem Unterricht zu rekonstruieren, wie in diesem Modus die schulischen Ordnungen und Praktiken gewendet und verschoben werden und wie Ironie eine Spielweise darstellt sich anders bzw. weniger determiniert zu entwerfen. Leitend für die Untersuchung ist ein adressierungsanalytischer Ansatz, der danach fragt, wie jemand über eine ironische Re-Adressierung in ein spezifisches Verhältnis zu Normen, Positionierungen und sich selbst gesetzt und dadurch zu jemanden gemacht wird, der_die sich wiederum - ggf. ironisierend - zu diesen Re-Adressierungen verhält (vgl. exempl. Ricken et al. 2017).

 

Subjektwerden in der nationalen Schule. Marginalisierung und Handlungsfähigkeit in biographischer Perspektive

Marie Hoppe
Universität Bremen

Der dritte Beitrag richtet den Blick auf Subjektivierung unter Bedingungen natio-ethno-kulturell codierter In- und Exklusionsverhältnisse im Nationalstaat, für deren Aushandlung die Institution Schule ein zentraler Ort darstellt. Empirische Grundlage des Vortrags stellen schulbildungsbiographische Selbstauskünfte kurdisch positionierter Frauen in der Türkei dar. Der biographische Forschungszugang erlaubt es nicht nur, retrospektive Ins-Verhältnis-Setzungen zu sozialen Normen der Anerkennbarkeit zu re-konstruieren, sondern ebenfalls zu zeigen, als welche Subjekte die Befragten im (schulbildungs-)biographischen Sprechen (nicht) entstehen (können). Gerade die Re-Konstruktion widerständiger Umwendungen auf Anrufungen fordert dabei zu Rückfragen an die Theorie auf: Wie privilegiert positioniert muss ein Subjekt sein, um über Resignifizierungen handlungsfähig zu werden? Welcher Widerstandsbegriff lässt sich sinnvoll für Subjekte anlegen, deren Subjektsein durch gesellschaftliche Ordnungen und deren schulische Artikulationen massiv restringiert wird? Im Beitrag wird somit auch diskutiert, welche Praktiken schon bzw. noch als Widerständigkeit gegen soziale Normen gelten und (normativ) anerkennbar sind.

 
12:00 - 13:00Parallelvorträge II
Ort: *rein digital*

In diesem Zeitfenster stehen fünf Parallelvorträge zur Auswahl, davon ein englischsprachiger Vortrag. 

Die im Plenum stattfindenden Parallelvorträge stellen Impulse für den DGfE-Kongress dar, deren Referent*innen durch den DGfE-Vorstand und das LOK Leitungsteam persönlich eingeladen werden.

12:00 - 13:00Digitalisierung und Hochschulbildung. Ordnungen eines Felds unter Pandemie-Bedingungen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Hörsaal 3 MI
 

Chair(s): Prof. Dr. Elke Kleinau (Universität zu Köln)

Vortragende: Prof. Dr. Sandra Hofhues (FernUniversität in Hagen, Deutschland)

Am Beispiel des Handlungsfelds Hochschule wird im Vortrag gezeigt, dass Digitalisierung hier sukzessive eine Ordnung herstellt, die für studierende Subjekte nicht ohne Folgen bleibt. Unter Einbezug empirischer Ergebnisse wird erstens skizziert, wie Studierende Ordnungen dieses Felds schon vor Pandemie-Bedingungen erleb(t)en. Zweitens wird eingeordnet, inwieweit diese auch als Handlungsan- und -aufforderungen im Kontext von Digitalisierung und Hochschulbildung anzusehen sind. Drittens wird der Blick gewendet: Es wird danach gefragt, welche Bedeutung der vorwiegend am ‚Betrieb’ der Bildungsinstitution orientierte Fokus für die Ermöglichung von Studieren unter Pandemie-Bedingungen eingenommen hat. Die so aufscheinenden Entgrenzungen und Ordnungen von Digitalisierung werfen schließlich die Frage danach auf, wie diese aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive auch method(olog)isch sichtbarer gemacht werden können.

 
12:00 - 13:00Ent|grenz|ungen der Allgemeinen Erziehungswissenschaft – Grenzen, Übergänge, Übersetzungen, Anschlüsse
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Hörsaal 4 MI
 

Chair(s): Prof. Dr. Harm Kuper (Freie Universität Berlin)

Vortragende: Prof. Dr. Edwin Keiner (.)

Das breite Thema ‚Ent|grenz|ungen‘ betrifft nicht nur pädagogische Bereiche, sondern auch die Erziehungswissenschaft selbst. Zum einen indiziert die Suche nach disziplinärer Identität den Bedarf an Begrenzung; zum anderen gilt Diversität als innovatives Programm, das solche Grenzziehungen zurückweist. Zudem findet man in der Forschungspraxis verstärkte Fragmentierungen, die u.a. dazu führen, dass sich – z.B. bei der Denomination von Professuren - die traditionelle, vertraute disziplinäre Matrix aufzulösen scheint.

Der Vortrag versucht solche Prozesse und Probleme, mit besonderem Blick auf die Allgemeine Erziehungswissenschaft, in drei Linien zu diskutieren:

  1. Bei Grenzen geht es auch um risikoreiche und ungewisse Übergänge – Themen, mit denen die Erziehungswissenschaft eigentlich vertraut sein dürfte.
  2. Diversität markiert Prozesse einer zentrifugalen Vervielfältigung von Unterschiedlichkeiten, die aber kaum mit zentripetalen Prozessen der Integration diskursiv verbunden werden. Dies betrifft dann auch das Verhältnis von Forschung und Lehre.
  3. Prozesse der Internationalisierung verändern den disziplinären, kulturellen und sprachlichen Diskursraum. Sie zeigen die ‚Allgemeine Erziehungswissenschaft‘ keineswegs als ‚allgemein‘. ‚Ent|grenz|ungen‘ betreffen insofern auch die Struktur der Selbstorganisation und -reflexion der Disziplin.
 
12:00 - 13:00Gibt es eine „richtige“ Pädagogik in der „falschen“? Zur Frage der Überwindung disziplinärer Grenzziehungen zwischen Allgemeiner und Sonderpädagogik durch eine „Inklusionspädagogik"
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Hörsaal 5 MI
 

Chair(s): Prof. Dr. Tanja Sturm (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg)

Vortragende: Prof. Dr. Marc Willmann (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Deutschland)

Die Legitimationsfrage ist der Sonderpädagogik in die Wiege gelegt, denn das „System Sonderpädagogik“ steht der Zielsetzung inklusiver Erziehung und Bildung kontrafaktisch gegenüber. Die inklusionspädagogische Kritik zielt konsequent auf eine Aufhebung der sonderpädagogischen Institutionen, ihrer Professionen und nicht zuletzt: der wissenschaftlichen Disziplin. Damit richtet sich der Blick auf die disziplinäre Grenzziehung, die sich in der traditionellen Arbeitsteilung zwischen der Allgemeinen Pädagogik und der Sonderpädagogik in Bezug auf die Differenzkategorie „Behinderung“ etabliert hat.

Der „Inklusionspädagogik“ allerdings mangelt es bislang an einer erziehungstheoretischen und bildungsphilosophischen Grundlegung und zugleich bleibt auch weitgehend ungeklärt, inwiefern sich etwa eine allgemeine Schulpädagogik und ihre Didaktik empfänglich zeigt für eine Re-Delegation sonderpädagogischer Themen und Fragestellungen – oder ob die voranschreitende subdisziplinäre Ausdifferenzierung der Pädagogik sich hier nicht eher als Hemmnis erweisen könnte.

Die mit einer Fachintegration implizierte Retransformation des Sonderpädagogischen in das Pädagogische verbindet sich notwendigerweise mit der der Frage nach einem einigenden und sinnstiftenden Leitmotiv, einer Vision von der Pädagogik als Wissenschaft von der Erziehung und Bildung. Hierin liegt die disziplinäre Herausforderung unter den Vorzeichen von Inklusion.

 
12:00 - 13:00Pädagogische Entgrenzung: Empirische Impressionen und professionalisierungstheoretische Implikationen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Hörsaal 1 MI
 

Chair(s): Prof. Dr. Rolf-Torsten Kramer (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg)

Vortragende: Prof. Dr. Andreas Wernet (Leibniz Universität Hannover, Deutschland)

Die Beobachtung unterrichtlicher Interaktion ist regelmäßig mit dem Phänomen der pädagogischen Entgrenzung konfrontiert. Regelmäßig stoßen wir auf kränkende, missachtende, herablassende oder demütigende Adressierungen von Schülerinnen und Schülern. Dies situative ‚Taktlosigkeit‘ pädagogischen Handelns ist deshalb schwer zu würdigen, weil es sich dabei in der Regel um Episoden handelt, die keine schweren ‚Verstöße‘ gegen eine pädagogische Ethik darstellen, sich deshalb sowohl der alltagsweltlichen als auch der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit entziehen. Entsprechend geht es mir in meinem Vortrag nicht um eine Skandalisierung dieser Entgrenzungen. Ich möchte sie nicht unter dem Aspekt der Verletzung der Schülerinnen und Schüler, sondern unter dem Aspekt der Verletzung der Lehrerrolle, also gleichsam als pädagogische Selbstbeschädigung thematisieren.

Im ersten Teil werde ich unter Bezugnahme auf unterrichtliche Interaktionsprotokolle einen empirischen Einblick in das Phänomen geben und an diesem Datenmaterial unterschiedliche Aspekte und Dimensionen pädagogischer Entgrenzung thematisieren. Im Zentrum des zweiten Teils steht der Versuch einer professionalisierungstheoretischen Verortung. Dieser Versuch betrifft auch die kritische Frage nach der explikativen Kraft der pädagogischen Professionalisierungstheorie.

 
12:00 - 13:00Shaping Future Schools with Big Data: Towards Evidence Informed School Evaluation
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Hörsaal 2 MI
 

Chair(s): Prof. Dr. Bernhard Schmidt-Hertha (Ludwig-Maximilians-Universität München)

Vortragende: Prof. Dr. Mustafa Yunus Eryaman (Çanakkale Onsekiz Mart Üniversitesi)

In the last decade, the use of research data in schools has been one of the most discussed topics in school evaluation. In the era of big data, the educational community is inspired to maximize the utilization and processing of the rapidly expanding educational datasets for policy-driven research. Policymakers seek data as a lever for wise, evidence-informed decision-making. Yet, bridging the gap between data generation, analysis, and policymaking is a major challenge.

The purpose of this presentation is to introduce a multi-national and longitudinal project on school evaluation to demonstrate how the use of big data may contribute to the quality of public schools as the institutions of serving public good. The evidence-informed school evaluation empowers teachers and school administrators to wisely contemplate how evidence generated from big data research informs their practice in the context of a particular child, family or community, and then weighs this up together with knowledge drawn from their professional experience and the experiences of students and parents to develop a culture of school excellence.

Prof. Dr. Mustafa Yunus Eryaman is the president of the World Education Research Association - WERA.

 
13:15 - 13:30Bewegte Pause / Moving break 3
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Sportraum

Nutzen Sie die Möglichkeit der aktiven Bewegungspausen, um arbeitsbedingten Beschwerden durch das viele Sitzen im Büro vorzubeugen.

- 15-minütige aktive Bewegungspause
- Übungen zur Kräftigung, Dehnung und Mobilisation mit dem Fokus auf Rücken- und Nackenmuskulatur sowie Entspannungsübungen
- Anleitung durch eine qualifizierte Multiplikatorin

Die Bewegte Pause ist ein Angebot des betrieblichen Gesundheitsmanagements der Uni Bremen.

Mehr Informationen unter https://www.uni-bremen.de/bgm/angebote/bewegte-pause

 

Marcella Becker

 
14:00 - 16:00Arbeitsgruppen II
Ort: *rein digital*

In diesem Zeitfenster stehen 36 Arbeitsgruppen zur Auswahl, davon drei englischsprachige Panels und zwei Veranstaltungen, die deutschsprachige und englischsprachige Vorträge beinhalten. 

Arbeitsgruppen sind in ihrer Gestaltung der Arbeitsgruppen thematisch frei, ein Bezug zum Kongressthema jedoch wünschenswert. Es liegen keine Regeln zur Auswahl der Referent*innen für die Arbeitsgruppen vor, die Beteiligung von Wissenschaftler*innen in Qualifikationsphasen ist aber ebenso erwünscht wie die Mitwirkung internationaler Kolleg*innen oder auch das Angebot internationaler Arbeitsgruppen. Auch Anmeldungen englischsprachiger Arbeitsgruppen sind ausdrücklich willkommen.

14:00 - 16:00"Für-Wahr-Halten – In-Geltung-Setzen – Autorisieren." Schulwissen unter Bedingung seiner Entgrenzung und In-Frage-Stellung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 03
 

Chair(s): Prof. Dr. Till-Sebastian Idel (Uni Oldenburg, Deutschland), Prof. Dr. Nadine Rose (Uni Bremen)

Dem Schulwissen kam lange Zeit hohe Geltung zu. Im Kontext aktueller gesellschaftlicher Veränderungen im Umgang mit Wissen (Digitalisierung, Produktion alternativer Fakten, Bubbles) wird die Wissenskonstruktion im Unterricht aus struktureller Sicht prekärer. Darüber hinaus führen individualisierende Perspektiven auf Lernprozesse in der Schulpädagogik und die bildungspolitische Kompetenzorientierung zur autoritativen Relativierung eines zunehmend unbestimmteren schulischen Wissenskanons. Unter der grundlegenden These, dass für die unterrichtliche Wissenskommunikation ein Geschehen der sozialen Konstruktion einer Wissensordnung konstitutiv ist, befasst sich die Arbeitsgruppe mit dem Fragekomplex, wie Schulwissen unter diesen Bedingungen autorisiert, in Geltung gesetzt und letztlich für wahr gehalten wird. In den Beiträgen werden diese Prozesse der Objektivierung, Subjektivierung, Autorisierung und Validierung aus bildungswissenschaftlicher und fachdidaktischer Sicht beleuchtet.

 

Beiträge des Panels

 

Wie konstituiert sich Schulwissen im Sachunterricht der Grundschule?

Prof. Dr. Lydia Murmann, Prof. Dr. Anja Starke
Uni Bremen

In der Grundschule ist der Sachunterricht das zentrale Fach zur Anbahnung fachlichen Wissenserwerbs so unterschiedlicher Schulfächer wie Geschichte, Physik oder Geografie (GDSU 2013). Ihm kommen eine propädeutische und eine Lebenswelt erschließende Funktion zu. Durch die Entwicklung hin zu einem inklusiven Schulsystem wird die auch zuvor schon bestehende Vielfalt in Schule gesteigert, zunehmend wahrgenommen und auch in Unterrichtskontexten konstitutiv. Die Auswahl, Inszenierung und sprachliche Vermittlung von Inhalten im Sachunterricht vollziehen sich zusätzlich in diversen konzeptionellen Spannungsfeldern (vgl. Murmann 2020). So stellen sprachliche Zugänglichkeit und fachliche Korrektheit durchaus konfligierende Zielvorstellungen dar, ebenso sind pädagogische Ziele, die Interessen und Bedürfnisse der Schüler*innen aufgreifen, mit (fach-)didaktischen Zielvorstellungen einer curricularen Orientierung auszubalancieren (vgl. Tempelmann u.a. 2021, Kern u.a. 2021). Die Autorisierung von Wissen erfolgt in der Grundschule in hohem Maße durch die Lehrperson. Anhand von Vignetten untersuchen wir, welche Inhalte und Darstellungsformen Lehrpersonen mit welchen Begründungen autorisieren und wie sie Entscheidungen vor dem Hintergrund sprachlicher und inhaltlicher Differenzierungsnotwendigkeiten und konzeptioneller Zielkonflikte reflektieren.

 

Digitalisierung von Bildungsmedien

Dr. Martin Karcher1, Trupp Johann2, Voß Christin1, Ntonti Antigoni1, Prof. Dr. Thomas Höhne1
1HSU Hamburg, 2Leibniz-Institut für Bildungsmedien | Georg-Eckert-Institut

Lernen wurde und wird in seiner institutionalisierten schulischen Form stets mittels Medien vollzogen und Schulbücher bilden das klassische und zentrale Bildungsmedium, in dem das als relevant erachtetes Schulwissen für die vielfältigen Vermittlungszwecke manifestiert ist. Nach der Erfindung der Schrift und des Buchdrucks, so Michel Serres, wandle „sich die Pädagogik völlig mit den neuen Technologien“ (2016: 21). Mit der Digitalisierung verändern sich – so die zentrale These – Produktions- und Rezeptionsformen von Bildungsmedien in entscheidender Weise, was wiederum Effekte für Lernpraktiken zeitigen könnte, so unsere weitergehende Vermutung. Denn es lässt sich seit mehreren Jahren beobachten, wie sich das einstmalige Monopol der Schulbuchverlage auflöst und ein mittlerweile kaum zu überblickender Markt an digitalen Bildungsmedien-Anbietern entstanden ist. Hierbei wirkt die Coronakrise wie ein Katalysator. Hinzu kommen noch die veränderten bildungspolitischen und curricularen Bedingungen seit PISA, d.h. die Kompetenzorientierung, Bildungs- statt Lehrpläne, Output-Orientierung usw. Zu befürchten ist ein Verdichtungseffekt von bildungspolitischem Umsteuern und Digitalisierung. Im DFG-Projekt zu ‚Bildungsmedien 4.0‘ untersuchen wir diese digitalen und bildungspolitischen Transformationen des Bildungsmedienfelds, die sich – so eine weitere These – bis auf die Ebene des Schulwissens auswirken und es nachhaltig verändern, was wir beispielhaft zeigen wollen.

 

Rekonstruktion von Angeboten zur Herstellung von Geltung in mathematischen Erklärvideos: (Wie) geht das?

Martin Ohrndorf, Prof. Dr. Maike Vollstedt, Prof. Dr. Florian Schmidt-Borcherding
Uni Bremen

Der Einsatz von multimedialen Erklärvideos gewinnt seit 10 Jahren an Bedeutung (Dorgerloh & Wolf, 2020; Moussiades et al. 2019). Erklärvideos stehen auf Online-Plattformen leicht zugänglich zur Verfügung und werden von Schüler*innen der Sekundarstufe zum Lernen genutzt. Zahlreiche Studien zeigen, dass die Nutzung digitaler Lernumgebungen positive Auswirkungen auf Lernprozesse von Schüler*innen hat (Hillmeyr et al. 2017). Ein Element für das erfolgreiche Lernen schulischer Inhalte ist nach Hofer (2010) eine subjektive Akzeptanz der Geltung des Gelernten. Doch wie gestaltet sich die Herstellung von Geltung bei der Nutzung von mathematischen Erklärvideos? Bislang wurden Erklärvideos vorwiegend im Hinblick auf allgemeine Design- und fachdidaktische Qualitätskriterien, zum Beispiel in der Physik (Kulgemeyer 2019), untersucht. Für die Mathematik sind solche Untersuchungen bislang kaum vorhanden (z.B. Marquardt 2016; Treidt 2020). Diese Studie untersucht, inwieweit Erklärvideos Angebote zur Herstellung von Geltung unterbreiten und wie diese durch allgemeine Design- und mathematikdidaktische Qualitätskriterien beeinflusst werden. Dafür werden die Videos inhaltsanalytisch untersucht und induktiv bzw. deduktiv kodiert. Im Vortrag wird ausgelotet, inwiefern das Konzept der Geltung nach Bardy (2015) auf mathematische Erklärvideos übertragen werden kann und welche Arten der Angebote zur Herstellung von Geltung rekonstruiert werden können.

 

Wie Digitalisierung ein Bild von Gesellschaft erzeugt und unsere Meinungsbildung darüber prägt

Prof. Dr. Andreas Klee1, Dr. Schmidt Jan-Hinrik2
1Uni Bremen, 2Hans Bredow Institut

Als Teil und Gegenüber von Gesellschaft ist politische Bildung dauerhaft in soziale Wandlungsprozesse verwickelt. Dies gilt insbesondere wenn sich der gesellschaftliche Wandel auf eine ihrer Kernaufgaben, nämlich die Wahrnehmung und Beurteilung „gesellschaftlicher Entwicklungen“ und damit verbunden das Erzeugen und Fortschreiben eines gesellschaftlichen Konsenses über das, was als wahr und bedeutsam gilt, bezieht (Schmidt 2019). Es wird hier von der These ausgegangen, dass die voranschreitende digitale Formalisierung politischer Artikulationen und die Wahrnehmung gesellschaftlicher Prozesse durch Digitalisierung und Datafizierung (Williamson, Bayne & Shay 2020; Mau 2017) neuer Kompetenzen bei Lernenden und Lehrenden sowie neuer didaktischer und methodischer Prinzipien zu deren Anbahnung bedarf. Das didaktische-methodische Konzept des „DataSprint“ greift dieses Verständnis auf. Das innovative Format zielt darauf ab, die digitale Darstellung und Beschreibung von Gesellschaft im Rahmen eines Lehr-Lernprozesses erlebbar und aus wissenschaftlicher Perspektive beobachtbar zu machen. Der Vortrag versucht die Veränderungen, die Digitalisierung für die Darstellung und Wahrnehmung von Gesellschaft mit sich bringt, konzeptionell zu fassen, leitet hieraus Leitlinien für eine politikdidaktische Begegnung ab und präsentiert erste empirische Einblicke (Teilnehmende Beobachtung, Interviews mit Teilnehmenden, Evaluation) in ein mögliches Format (DataSprint) zu deren praktischen Umsetzung.

 
14:00 - 16:00„Doing transfer“ in der frühen Bildung – Entgrenzungen zwischen Wissenschaft und Praxis?
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 16
 

Chair(s): Dr. Kristine Blatter (Deutsches Jugendinstitut e. V., Deutschland)

Ein gezielter, effektiver Transfer von der Wissenschaft in die Praxis wird häufig als Voraussetzung für die Weiterentwicklung der Praxis beschrieben. Transfer wird dabei zunehmend als komplexer, interaktiver Prozess verstanden und nicht als rein linearer, unidirektionaler Vorgang. Beim „doing transfer“ wird in Kooperation zwischen Wissenschaft und Praxis neues, für alle Beteiligten relevantes Wissen hergestellt. Dabei stellt sich die Frage, inwiefern sich die Grenzen zwischen Wissenschaft und Praxis verändern (müssen), damit Transfer gelingen kann. In der Arbeitsgruppe wird diese Frage aufgegriffen und eine empirische Reflexionsfolie präsentiert. Dazu werden Erkenntnisse aus drei Forschungsprojekten zum Wissenstransfer in der frühen Bildung, die verschiedene Ebenen berücksichtigen, vorgestellt. Die Beiträge werden mit Blick auf eine erfolgreiche Gestaltung von Wissenstransfer in der frühen Bildung zusammenfassend reflektiert und hinsichtlich der Überwindung von Grenzen diskutiert.

 

Beiträge des Panels

 

Forschungsergebnisse als Professionalisierungsgrundlage: Bedarfe und benefits aus Sicht von pädagogischen Fach- und Leitungskräften

Dr. Beatrice Rupprecht, Dr. Katrin Lattner
Universität Leipzig

Die Professionalisierung pädagogischer Fachkräfte bezieht nach dem Kompetenzmodell der Frühpädagogik (Fröhlich-Gildhoff u. a. 2011) einen forschenden Habitus, im Sinne der Erschließung eines verstehenden Zugangs zur eigenen Praxis, ein. Die Entwicklung einer in diesem Zusammenhang wissenschaftlich geprägten Expertise von Fachkräften wurde bislang verstärkt im Rahmen akademischer Qualifizierungen diskutiert (Stieve 2013). Bislang wenig Beachtung fand im Diskurs die Professionalisierung durch Forschungsergebnisse im Allgemeinen und im Kontext einer eigenen Teilnahme an Forschungsprojekten durch Kita-Akteure. Hierin wird jedoch das Potenzial der Entgrenzung von Wissenschaft und Praxis durch forschungsbedingte Synergieeffekte auf der Makroebene gesehen. Im Beitrag werden folgende Fragestellungen anhand der Ergebnisse einer Online-Befragung pädagogischer Fachkräfte beantwortet: Welchen Nutzen ziehen Akteure aus Forschungsprojekten in Kitas für die eigene pädagogische Praxis und welche Bedarfe sehen sie hinsichtlich des Ergebnistransfers? In die Diskussion wird ergänzend der von den Teilnehmer*innen geäußerte Kritikpunkt der unzureichenden Ergebnisrückmeldungen einbezogen. Der Vortrag wird damit zum Ausgangspunkt einer vertieften Betrachtung zum Entgrenzungspotenzial des Transfers innerhalb der Folgebeiträge.

 

Transfer als Kooperation: Perspektiven von Forschenden und Praktiker*innen

Dr. Kristine Blatter, Dr. Regine Schelle, Stefan Michl
Deutsches Jugendinstitut e. V.

Beim System der frühen Bildung handelt es sich um ein komplexes Netzwerk aus diversen Akteuren, welches von wechselseitiger Beeinflussung geprägt ist. Im Sinne aktueller systemischer Transfermodelle aus dem Bildungsbereich (z. B. Cooper u. a. 2020, Farley-Ripple u. a. 2018) sollten daher bei der Betrachtung des Wissenstransfers die Perspektiven möglichst aller Beteiligten beleuchtet werden. Aus diesem Grund werden in der vorliegenden Studie bezogen auf Forschungsergebnisse zur Qualitätsentwicklung in Kitas und deren Implikationen für die Praxis nicht nur Forschende in Experteninterviews befragt, sondern auch Gruppendiskussionen mit pädagogischen Fachkräften durchgeführt. Insbesondere wird analysiert, welche Einstellungen die unterschiedlichen Akteure zum Transfer empirischer Ergebnisse zeigen und welche Erfahrungen sie damit bereits gesammelt haben. Förderliche Bedingungen sowie Barrieren und Hindernisse für den Transfer empirischer Erkenntnisse in der frühen Bildung sollen herausgearbeitet werden. So werden erste Einblicke in die Bedeutung der Kooperation und der gemeinsamen Hervorbringung von Wissen im Sinne einer Transformation möglich. Dabei liegt ein besonderes Augenmerk auf der Rolle sogenannter „knowledge broker“ (Cooper 2013; Ward, House & Hamer 2009), die als Vermittler*innen die Grenzen zwischen Wissenschaft und Praxis überschreiten können. Im Rahmen der Arbeitsgruppe werden die Ergebnisse dieser beiden Erhebungen zueinander in Beziehung gebracht und diskutiert.

 

Gelingensbedingungen und Hemmnisse im Kontext der nachhaltigen Implementation einer Weiterqualifizierungsmaßnahme

Kathrin Hormann, Dr. Michael Lichtblau, Dr. Heike Wadepohl, Prof. Dr. Claudia Schomaker, Prof. Dr. Katja Mackowiak
Leibniz Universität Hannover

Die diesem Beitrag zugrundeliegenden Verbundprojekte verfolgen das Ziel, die Entwicklung der professionellen Kompetenzen frühpädagogischer Fachkräfte im Bereich der alltagsintegrierten Lernunterstützung durch eine kognitiv-aktivierende Gestaltung von Fachkraft-Kind-Interaktionen zu unterstützen. Forschungsergebnisse zeigen, dass diese Form der Interaktionsgestaltung besonders lernförderlich ist, jedoch im Kita-Alltag vergleichsweise selten bzw. in niedriger Qualität von Fachkräften umgesetzt wird (u. a. König, 2009; Wadepohl/Mackowiak, 2016). Aus diesem Grund wurde eine modularisierte Weiterqualifizierung (Fortbildungen & Prozessbegleitung) entwickelt, in 27 Kitas durchgeführt und umfangreich anhand eines Mixed-Methods-Designs auf verschiedenen Ebenen (z.B. Institution, Fachkraft, Kind) evaluiert. Dabei wird versucht, Kenntnisse und Fähigkeiten zur kompetenten Gestaltung von kognitiv-aktivierenden Interaktionen ins frühpädagogische Feld zu transferieren. Zudem wird in acht Einrichtungen eine nachhaltige Implementation des entwickelten Konzepts in die pädagogische Praxis intensiv begleitet (z.B. Fallbesprechungen, Prozessbegleitungen, Zielvereinbarungen, Konzeptionelle Implementation). Der Beitrag stellt unter Transfer-Perspektive quantitative und qualitative Ergebnisse der Evaluation zur nachhaltigen Implementation der Weiterqualifizierung vor und diskutiert Erfahrungen im Hinblick auf Gelingensbedingungen und Hemmnisse des angestrebten „Doing Transfer“ (Dewe, 2005).

 
14:00 - 16:00„Folgenforschung als Entgrenzung von Wirkungsperspektiven – methodologische Überlegungen und empirische Anschlüsse“
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 12
 

Chair(s): Prof. Dr. Bernd Dollinger (Universität Siegen), Dr. Hanna Weinbach (Universität Siegen), Dr. Jennifer Buchna (Universität Siegen), Selina Heppchen (Universität Siegen)

Die Arbeitsgruppe stellt Optionen zur Diskussion, wie Folgen sozialpädagogischer Maßnahmen erforscht werden können. Dies erfolgt in kritischer Absetzung von der etablierten Wirkungsforschung und ist ausgerichtet an den Adressat*innen der Maßnahmen beziehungsweise Hilfen. Anstelle eines spezifischen Forschungsdesigns als „Goldstandard“ der Forschung werden unterschiedliche Methodologien, Methoden und empirische Ergebnisse vorgestellt und diskutiert, um einer Begrenzung der aktuellen Wirkungsforschung und ihren meist impliziten Kausalitätsannahmen mit einem breiten Verständnis von Hilfen, ihren Beteiligten und den durch sie hervorgebrachten Folgen zu begegnen. Fokussiert wird auf das Erkenntnispotential und die jeweils besondere Art von Folgen, die mit den unterschiedlichen methodischen und methodologischen Herangehensweisen (nicht) sichtbar gemacht werden können.

 

Beiträge des Panels

 

Anmerkungen zu Kausalitätsannahmen von Folgenforschung

Prof. Dr. Bernd Dollinger
Universität Siegen

Der Vortrag vermittelt der Arbeitsgruppe einleitende Bezugspunkte, indem begründet wird, dass heterogene Forschungen notwendig sind, um zu verstehen, wie Folgen bzw. Wirkungen in sozial-/pädagogischen Kontexten hervorgebracht werden. Es werden hierzu in einem ersten Schritt zunächst allgemein verbreitete Optionen der Wirkungsforschung systematisiert, um deren jeweilige Erkenntnispotentiale, aber auch Einschränkungen zu markieren. Anstelle einer Benennung vermeintlich „besserer“ oder „schlechterer“ Forschungsdesigns erscheint es sinnvoll, durch die Forschung Aspekte hervorzuheben, die als charakteristisch für soziale Maßnahmen anzusehen sind. Dies wird, in einem weiteren Schritt, auf die Interaktionen bezogen, die von professionellen Akteur*innen und Adressat*innen der Maßnahmen realisiert werden. In dem Beitrag wird argumentiert, dass sozialen Maßnahmen beziehungsweise Hilfen insbesondere solche Kausalitätsverständnisse und mit ihnen verbundene Arten der Folgenforschung entsprechen können, die empirisch anschlussfähig sind, um diesen Referenzpunkt beforschen zu können. Die Rekonstruktion von Folgen sozialer Hilfen, so die Quintessenz, muss im Detail die interaktiv, im Zeitverlauf realisierten Praktiken einer Hilfeerbringung und die mit ihnen assoziierten Bedeutungszuschreibungen rekonstruieren, um nachvollziehen zu können, wie Folgen von Maßnahmen entstehen.

 

Adressat*innenorientierte Dispositivanalyse. Methodologische Reflexionen und Implikationen

Dr. Jennifer Buchna
Universität Siegen

Nach Foucault (1978) handelt es sich bei der Dispositiv-Figur um ein machtvolles, netzartiges soziales Ensemble, das Diskurse generiert, legitimiert und potentiell modifiziert. Dispositive antworten in diesem Sinne auf einen sozialen Notstand und scheinen demnach für die Erforschung von Folgen sozialer Hilfen, die vielfach als Reaktion auf problematische Verhältnisse ‚eingesetzt‘ werden, als besonders geeignet. Dispositivanalysen sind, angelehnt an Foucault, häufig strukturalistischen Perspektiven auf gesellschaftliche (Wissens-)Verhältnisse und deren Folgen verschrieben. In diesem Zusammenhang werden z.B. Subjekte meist außerhalb von Dispositiven positioniert oder ausschließlich als Konsequenzen von Diskursen in den Blick genommen, was wiederum Begrenzungen der Adressat*innen als Akteur*innen der Hilfen und gleichsam des Verständnisses von Folgen impliziert. Basierend auf dem empirischen Habilitationsprojekt der Vortragenden werden theoretische und methodische Reflexionen von Dispositivanalysen vorgenommen, poststrukturalistisch gewendet und in Konzeptualisierungen einer adressat*innenorientierten Dispositivanalyse überführt. Vorgestellt und diskutiert werden soll, welche Entgrenzungen die adressat*innenorientierte Dispositivanalyse für die Erforschung von Folgen sozialer Hilfen als komplexe, multiperspektivische Prozesse mit sich bringt und welche (neuen) forschungsmethodologischen Begrenzungen sich gegebenenfalls daraus ergeben.

 

Professionelle Grenzbearbeitungen im Kontext wirkungsorientierter Steuerung. Ethnographische Notizen zu Positionierungen und Verschiebungen im Alltag Sozialer Arbeit.

Prof. Dr. Andreas Polutta
Duale Hochschule Baden-Württemberg Villingen-Schwenningen

Der Beitrag diskutiert Praxen der Grenzbearbeitung, Grenzvergewisserung und Grenzziehungen pädagogischer Fachkräfte im Feld der Sozialen Arbeit auf Basis ethnographischer Forschung. Die dem Beitrag zugrunde gelegte Forschung nimmt Konsequenzen wirkungsorientierter Steuerung in öffentlichen und freien Jugendhilfeträgern in den Blick und führt zur Erörterung folgender Fragen: Welche Logiken dokumentieren sich in der Praxis der Kinder- und Jugendhilfe im Zuge des zunehmenden Einflusses von Wirkungsdokumentation, Ergebnisdarstellung und Steuerungstechnologien? Welche Territorien, Wissensbestände und fachliche Haltungen werden im Alltag thematisch und können hier sozialpädagogische ‚Grenzbearbeitungspraktiken‘ (Kessl/Maurer 2010) rekonstruiert werden? Auch wenn hier zunächst die institutionell-professionellen Arrangements im Alltag Sozialer Arbeit in den Blick rücken, wird zugleich sichtbar, wie die Bearbeitungen von Grenzen des Nachweisbaren das Verhältnis zu Adressat*innen Sozialer Dienste justieren und wie diese die pädagogische Arbeitsbeziehungen und fachlichen Haltungen prägen.

 

Grenzerfahrungen als Folge? Leiblich-affektive Betroffenheit in Angeboten sozialpädagogischer Fanprojekte

Jannis Albus
Universität Siegen

In Anlehnung an die phänomenologische Lesart von Plessner (1975), in der der Körper in seiner Doppelung zu verstehen ist, haben Menschen einen Körper und sind ein Leib. Der subjektiv spürbare Leib hat das Potenzial, von Situationen leiblich-affektiv betroffen zu sein und über die körperlich konstituierte Grenze hinaus Erfahrungen zu machen (Gugutzer 2012). Die körperleibliche Konstitution des Menschen ermöglicht es somit, Grenzerfahrungen zu erleben und dadurch sich selbst zu erfahren. Gerade die körperleiblichen Regungen sowie individuelle als auch kollektive Erfahrungen von Fans im Fußball und den damit einhergehenden diversen Angeboten sozialpädagogischer Fanprojekte eröffnen die Möglichkeit, körperleibliche Grenzerfahrungen differenziert zu untersuchen. Anhand erster empirischer Ergebnisse des laufenden Promotionsprojektes wird diskutiert, inwiefern leiblich-affektives Betroffensein in Situationen sozialpädagogischer Fanprojektarbeit be- und/oder entgrenzende Erfahrungen für die Adressat*innen darstellen und ob und wenn ja wie, körperlich-leibliche Grenzerfahrungen als Folgen der Fanprojektarbeit analysiert werden können.

 

Folgen des Jugendstrafverfahrens: Sozialpädagogische Ableitungen einer adressat*innenorientierten Folgenforschung

Selina Heppchen
Universität Siegen

Ob soziale Hilfen ‚wirklich‘ wirksam sind, ist in Jugendstrafkontexten von besonderer Bedeutung, denn die Maßnahmen sollen zukünftiges delinquentes Verhalten verhindern und gleichzeitig erzieherisch auf die jungen Straftäter*innen wirken. Mit der neueren Forschungsrichtung der narrative criminology erfuhren kriminologische Diskurse über das Verständnis von Kriminalität Konjunktur. Die in der narrative criminology fokussierte Annahme, dass Kriminalität in Narrationen aktiv hergestellt wird und folglich nicht als faktisch gegeben betrachtet werden kann, wird anhand empirischer Befunde eines Promotionsprojektes mit einem sozialpädagogischen Blick diskutiert. Am Beispiel des Jugendstrafverfahrens werden die Folgen einer konsequent narrativen Betrachtung von Kriminalität in den Fokus gerückt. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Kriminalität und Straftäter*innenschaft von den Angeklagten im Kontext des Jugendstrafrechts hergestellt und verhandelt werden und welche Folgen sich daraus ableiten lassen. Die Folgen lassen sich hierbei zum einen auf einer methodisch-methodologischen Ebene rekonstruieren. Zum anderen wird ein Ausblick auf sozialpädagogische Perspektiven auf Kriminalität gegeben und kritisch diskutiert.

 
14:00 - 16:00„Radikales Denken“? - Über das Auflösen von Selbstverständlichkeiten in der Pädagogik und Erziehungswissenschaft der 1970er Jahre.
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 14
 

Chair(s): Dr. Selma Haupt (RWTH Aachen), Friederike Thole (Universität Kassel), Dr. Christian Timo Zenke (Universität Bielefeld)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Edith Glaser (Universität Kassel)

Mit drei Beiträgen will diese Arbeitsgruppe aus unterschiedlichen Perspektiven aufzeigen, wie in den 1970er Jahren vormals als selbstverständlich geltende Grenzen einer (wissenschaftlichen) Pädagogik zunehmend in Frage gestellt wurden – beziehungsweise wie vorher scharfe Konturen, die die Disziplin prägten, sich aufzulösen begannen. Dabei wird erstens eine neue Thematisierung der Grenze zwischen Theorie und Praxis aufgegriffen; zweitens wird gezeigt, wie mit den Debatten um Antipädagogik das Selbstverständnis der Pädagogik an sich angegriffen wurde; und drittens wird thematisiert, wie sich die Institution Schule im Zuge der Diskussion um eine „Entschulung der Gesellschaft” mit einem radikalen Versuch der pädagogischen wie organisationalen Entgrenzung konfrontiert sah. Die Arbeitsgruppe will anhand dieser drei Perspektiven diskutieren, inwieweit radikale wissenschaftliche sowie handlungspraktische Diskurspositionen die Erziehungswissenschaft der 1970er beeinflussten.

 

Beiträge des Panels

 

Weder praktisch noch theoretisch? Entgrenzungen zwischen pädagogisch-politischer Praxis und erziehungswissenschaftlicher Theorie

Friederike Thole
Universität Kassel

"Es gibt keine Repräsentation mehr, es gibt nur Aktion: die Aktion der Theorie und die Aktion der Praxis in einem Netz von Beziehungen und Übertragungen." (Deleuze im Gespräch mit Foucault, 1974, S. 129)

Theorie und Praxis wird und wurde häufig als klassischer Antagonismus diskutiert. Gerade in der Erziehungswissenschaft, werden die Grenzen zwischen Theorie und Praxis häufig scharf gezogen und Transfer- und Transformationsprozesse über diese Grenzen hinaus gelten als konfliktbehaftet.

Das kritisch-alternative Milieu der 1960er und 1970er Jahre zeichnete sich jedoch - und das nicht nur in der Erziehungswissenschaft - aus durch ein besonderes Verhältnis zwischen (pädagogischer und politischer Protest-)praxis und wissenschaftlicher Theorie (vgl. für die EW: Bastian 1988; Baader 2014; Bock et. al . 2019 für die Soziologie u. Politologie: Bude 1995 u. 2018; Hodenberg 2018; Nassehi 2018; Wehrs 2018 )

Dieser Beitrag will anhand ausgewählter Aspekte aufzeigen, wie die Differenzen zwischen wissenschaftlichem Wissen, pädagogisch-professionellem oder sogar alltäglichem Wissen in den 1960er und 1970er fluide waren und sich eine Wissensbewegung generell die Sphären und Grenzen überschreitend vollzog und auch noch vollzieht (vgl. Dinkelaker 2020, S. 36). Dabei wird sich von der „Vorstellung eines singulären Ursprungs von Wissen" abgewandt, zugunsten der Vorstellung, "dass Wissen ortlos ist und über Genre- und Institutionen- (und sonstige) Grenzen hinweg zirkuliert“ (Sarasin 2020, S. 21).

 

Nicht erziehungsbedürftig? Zwischen Abschaffung und Entgrenzung von Erziehung

Dr. Selma Haupt
RWTH Aachen

In der Erziehungswissenschaft besteht in den 1970er Jahren (und weitestgehend bis heute) Konsens darüber, dass die anthropologische Ausgangssituation für ihren namensgebenden Begriff – die Erziehung – in der Erziehungsbedürftigkeit des Menschen liegt (Kant 1803, Roth 1966). Die Infragestellung dieser Begründung deutet sich zwar in Teilen der liberalen antiautoritären Erziehung – z.B. mit Bezug auf Neills Summerhill schon an - wird aber erst von den antipädagogischen Texten ab 1975 (Braunmühl 1975, Braunmühl/Ostermeyer/Kupffer 1976) explizit benannt und in Teilen von anarchistischen Pädagog*innen aufgenommen (Klemm 1988). Der in der Erziehungsbedürftigkeit begründete Anspruch der Erziehung wird hier abgelehnt und Erziehung wird als ebenso abzulehnendes Gewaltverhältnis gefasst. Im vorgeschlagenen Beitrag soll die erziehungswissenschaftliche Diskussion und Rezeption der antipädagogischen Einwände betrachtet werden (Winkler 1982, Flitner 1982, Oelkers/Lehmann 1983). Dies wird besonders vor dem Hintergrund der teils konservativen zeitgenössischen Diskussionen (Mattes 2020) - wie etwa der “Tendenzwende” (1974) oder dem Forum “Mut zur Erziehung” (1978) - und der Disziplingeschichte - wie etwa dem “scheinbaren Stillstand” der 1980er Jahre (Hoffmann-Ocon/Criblez 2018) - diskutiert.

 

Schule oder Leben? Die “Entschulung” der Schule und die Frage nach einer „Entgrenzung pädagogischen Handelns“

Dr. Christian Timo Zenke
Universität Bielefeld

Vertreter*innen der Konzepte sowohl einer „Entschulung der Gesellschaft“ (Illich 1971) als auch einer „Entschulung der Schule“ (Hentig 1971) stellten in der ersten Hälfte der 1970er Jahre ganz grundsätzlich die Grenzen zwischen Schule und Leben in Frage und plädierten dafür, die Bildungsaufgaben der Schule verstärkt im alltäglichen Leben aufgehen zu lassen. Obwohl diese Initiativen dabei zunächst einmal von einem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber der Macht der Institution Schule geprägt waren, lässt sich doch zugleich konstatieren, dass der Schule in diesem Zusammenhang eine andere, wenn auch deutlich subtilere Form von Macht über das Leben von Kindern und Jugendlichen eröffnet wurde. So steht etwa am Ende von Hentigs Adaption des Illich'schen Entschulungs-Konzepts ein neuerliches Plädoyer gerade für den Erhalt der Institution Schule – ja, für deren Ausweitung zu einem umfassenden, ganztägig organisierten und dadurch umso machtvolleren „Lebens- und Erfahrungsraum“. Vor diesem Hintergrund soll im Beitrag einerseits eine historiographische Analyse der Entschulungs-Debatte der 1970er Jahre vorgenommen werden und gleichzeitig die Frage diskutiert werden, inwiefern auch aktuelle Tendenzen einer „Entgrenzung pädagogischen Handelns“ (Hecht 2019, S. 1183) durch Vorhaben der Entschulung nicht letztlich sogar zu einer Ausweitung der Macht der Schule führen könnten – und damit paradoxerweise sogar zu einer zunehmenden Verschulung des Lebens von Kindern und Jugendlichen.

 
14:00 - 16:00„Wovon wir reden…? – Eine disziplinübergreifende Diskussion zwischen Fachdidaktiken, Erziehungswissenschaft und Inklusionstheorie“
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 32
 

Chair(s): Prof. Dr. Michael Ritter (Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Simone Seitz (Freie Universität Bozen, Italien)

Betrachtungen und Analysen schulischer Inklusion gehören zu den zentralen Themen der Fachdidaktiken. Die einzelnen Felder der fachdidaktischen Inklusionsforschung sowie der erziehungswissenschaftlichen Forschung zum Fachunterricht haben eine Reihe spezifischer Befunde zu den Wechselbeziehungen von Inklusions- und Fachdidaktik, zu unterrichtspraktischen Überlegungen, zur Diagnostik und zur Professionalisierung von Lehrkräften hervorgebracht, während parallel der Fachunterricht selbst zum Gegenstand (rekonstruktiver) Inklusionsforschung wurde. Damit geht jedoch eine Fragmentierung der fachdidaktischen Inklusionsforschung einher, die zu einer Rekontextualisierung der Inklusionsthematik in eigener fachspezifischer Logik führt. Hier setzt der Beitrag an, indem epistemologische Verortungen, wechselseitige Bezugnahmen, empirische Befunde und sich ergebende Herausforderungen zum inklusiven Unterricht in den Fächern Deutsch, Mathematik, Religion und Kunst vergleichend diskutiert werden.

 

Beiträge des Panels

 

Inklusion und Religionspädagogik

Prof. Dr. Ulrike Witten
Universität Bielefeld

Die Religionspädagogik (RP) legt viel Wert darauf, mehr als eine Fachdidaktik Religion zu sein und nimmt dementsprechend breit die Lernorte religiöser Bildung, Erziehung und Sozialisation sowie der Lebensalter in den Blick – das gilt auch für ihr Verständnis von Inklusion. In ihrer Auseinandersetzung mit Inklusion konnte die RP auf die Traditionen der integrativen RP zurückgreifen, was zu einer recht frühen Auseinandersetzung mit Inklusion führte, die jedoch auf Menschen mit Behinderung konzentriert war.

RP beansprucht, sowohl Menschenbilder und Begründungsmuster als auch ideologiekritische Unterscheidungen in den Inklusionsdiskurs einzuspielen. Das führt zu einem Verständnis, RP sei zur Inklusion prädestiniert, zur Überzeugung der Gleichwertigkeit von Lernprozessen, der Annahme, Inklusion sei vor allem eine Haltungsfrage seitens der professionals als auch zu einer kritischen Sichtung des Inklusionsdiskurses. Ebenso liegen sehr elaborierte religionspädagogische „Übersetzungen“ der Inklusionstheorie vor, wie z.B. die inklusive RP der Vielfalt.

Kritisch ist anzumerken, dass sich die empirischen Hinweise häufen, dass Schüler*innen in Abhängigkeit von verschiedenen Differenzkategorien (Geschlecht, Milieu und religiöse Sozialisation) nicht gleichermaßen von den Angeboten des Religionsunterrichts profitieren, sondern es zu Differenzsetzungen und Exklusionen kommt, was hinsichtlich des Inklusionsdiskurses jedoch noch nicht ausreichend reflektiert wird.

 

Sprachlich-literarisches Lernen zwischen Kompensation und Diversifizierung

Prof. Dr. Michael Ritter
Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg

In der Deutschdidaktik erfolgt der Anschluss an die Terminologie der Inklusiven Pädagogik seit 2013 (z.B. Ritter & Hennies, 2013; Pompe, 2015; Hochstadt & Olsen 2019), die konzeptionelle Arbeit knüpft aber an bestehende Theoriestränge an, die auf Basis soziologischer Exklusionskategorien (Milieu, Gender, Migration/DaZ) fachbezogene Differenz als ontologisches Problem modellieren. Dabei dominieren kompensatorische Ansätze, die im Zuge der großen Leistungsvergleichsstudien (PISA, IGLU) oft das Konstrukt Lesekompetenz in den Blick rücken. Demgegenüber finden sich auch Publikationen, die einen diversifizierenden Ansatz vertreten und eher auf das Potenzial von adaptiven und flexibel elaborierbaren Unterrichtsangeboten verweisen. Eine sozialkonstruktivistische Perspektive auf die Konstruktion von Heterogenität ist dabei eher marginal.

Insofern bewegt sich die inklusive Deutschdidaktik auch im Spannungsverhältnis didaktisierter Konzepte differenzierten Unterrichts und (schrift-)kultureller Ansprüche an das kommunikativ-pragmatische und literar-ästhetische Sprachhandeln; zunehmend auch unter dem Eindruck der Digitalisierung. Die Theorietraditionen einer heterogenitätssensiblen Sprachbildung und die tradierten Schwerpunkte der Deutschdidaktik hier noch stärker an die Terminologien und Paradigmen der Inklusiven Pädagogik anschlussfähig zu machen, stellt sich als zentrale Herausforderung heraus.

 

Inklusion – (k)ein Kunststück

Dr. Michaela Kaiser
Universität Potsdam

Seit den 1980er Jahren ist in der Kunstdidaktik eine Abwendung von den sachorientierten Zugängen zugunsten einer Hinwendung zu den subjektorientierten Zugängen zu verzeichnen, die in den 1990er und frühen 2000er Jahren mit Konzepten wie dem der Künstlerischen Bildung sowie der Ästhetischen und Künstlerischen Forschung abermals an Bedeutung gewonnen haben. Mit ebendieser Subjektorientierung wird in der Kunstdidaktik auch den Herausforderungen der schulischen Inklusion begegnet und es werden von hier aus Konzepte und kunstunterrichtliche Szenarien entwickelt, die ihren Fokus auf die Individualisierung künstlerischer Lernwege richten, hierbei aber weder inklusionsdidaktische Theorien reflektieren noch die Frage nach ko-konstruktivem Lernen berühren, gleichwohl sowohl die rezeptiven als auch die produktiven Anteile im Kunstunterricht hier Anknüpfungspunkte böten. Eine differenzversierte Reflexion kunstdidaktischer Unterrichtspraktiken und Fachkulturen, die im Sinne eines professionellen Umgangs mit der Heterogenität von Lernenden dringend geboten scheint, steckt mit wenigen Ausnahmen jedoch in den Anfängen, was sich mitunter auf den regelmäßig zu findenden Rekurs auf die Geschichte der Outsider Art begründet. Hier sind die Anschlüsse zu einer (rekonstruktiven) Inklusionsforschung zu suchen und es stellt sich die Frage nach professionalisierungsbezogenen den Implikationen für die Rolle von Kunstlehrkräften, die im Rahmen der Arbeitsgruppe zur Diskussion gestellt werden sollen.

 

Differenz und Differenzierung – Mathematisches Lernen im Kontext von Inklusion und Ungleichheit

Dr. Timo Dexel
Bergische Universität Wuppertal

Die Auseinandersetzung mit Inklusion erfolgte in der Mathematikdidaktik zunächst zögerlich, mittlerweile sind einige empirische/theoretische Studien sowie praxisorientierte Vorschläge zum inklusiven Mathematikunterricht veröffentlicht worden. Dabei fällt im deutschsprachigen Diskurs auf, dass v.a. die Entwicklung von geeigneten Aufgaben, die leistungsbezogene Differenzierungsmöglichkeiten bieten, im Fokus steht. Hier wird an Diskurse der 90er Jahre angeknüpft, die in der Mathematikdidaktik im Kontext von offenem Unterricht geführt wurden. Beiträge hingegen, die sich mit den Ansprüchen von Inklusion und diesbezüglich tiefgreifenden theoretischen wie praktischen Konsequenzen problematisierend auseinandersetzen, oder aber die grundsätzliche Frage nach Exklusion durch den Mathematikunterricht stellen, sind eher selten. Auf der anderen Seite werden mit inklusionsdidaktischen Konzeptionen wie der „entwicklungslogischen Didaktik“ grundsätzliche bildungstheoretische Positionen des Mathematikunterrichts in Frage gestellt. Eine Herausforderung für die Mathematikdidaktik besteht also darin, Ursachen und Folgen von Ungleichheit durch den Mathematikunterricht zu erforschen und zu reflektieren. Zudem müsste zu den Erkenntnissen und Positionen der erziehungswissenschaftlichen Inklusionsforschung begründet Stellung bezogen und in mathematikdidaktische Theoriebildung ggf. miteinbezogen werden.

 
14:00 - 16:00Aktivieren, Strafen und trans-/formierende Grenzziehungen des Pädagogischen. Befunde zur Neujustierung pädagogischer Disziplin
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 06
 

Chair(s): Dr. Sophia Richter (Goethe-Universität Frankfurt am Main, Deutschland), Christoph T. Burmeister (Humboldt-Universität zu Berlin), Dr. Thorsten Hertel (Universität Duisburg-Essen), Dr. Stefan Wellgraf (Humboldt-Universität zu Berlin)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Karin Amos (Eberhard Karls Universität Tübingen), Prof. Dr. Antje Langer (Universität Paderborn)

Die Arbeitsgruppe thematisiert historische und gegenwärtige Neujustierungen pädagogischer Disziplin(-ierung)en im Spannungsfeld zwischen aktivierender Optimierung und strafender Sanktionierung als Hervorbringung bzw. Ent- wie Begrenzung von Verhalten. Der vermeintliche Widerspruch zwischen Grenzziehungen einerseits und Überwindungen von Grenzen im Sinne von Wachstum und Optimierung andererseits wird dabei als Ausdruck aktueller sozialer Transformationen verstanden, die Logiken von autonomer Freisetzung und reflexiver Individualisierung systematisch mit solchen des Pathologisierens und des (bisweilen repressiven) Sanktionierens verkoppeln. Diese Neujustierungen pädagogischer Disziplin(-ierung)en im Spannungsfeld von Produktion und Repression implizieren Grenzziehungen pädagogischen Handelns, die in der interdisziplinären Arbeitsgruppe aus unterschiedlichen Perspektiven anhand von Forschungsprojekten aus Erziehungswissenschaft, Kultursoziologie und Kulturanthropologie diskutiert werden.

 

Beiträge des Panels

 

Norm, Normal, Potenzial – Entgrenzungen kindlicher Entwicklungskonzeptionen am Beispiel „emotionaler Kompetenz“

Christoph T. Burmeister
Humboldt-Universität zu Berlin

Kindheit ist in der westlichen Moderne stets Entwicklungskindheit. Aus genealogischer, subjektivierungs- und machtanalytischer Perspektive lassen sich dabei – so meine The-se – drei Konzeptionen kindlicher Entwicklung unterscheiden, die sich als Norm, Normal und Potenzial fassen lassen. Sie sind an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten entstanden, lösen einander aber nicht ab, vielmehr überlagern sie sich. Derweil erweisen sich Konzeptionen der Potenziale in der Spätmoderne als die dominanten, was zu einer Entgrenzung von Prävention und Optimierung führt. So sind in disziplinäre Praktiken, die konstitutiv für jedes modernen Erziehungsarrangements sind, zwar vom frühmodernen Beginn an präventive und optimierende Elemente eingelassen, doch kommt es seit den 1970/80ern sowohl zu ihrer Zunahme und Ausbreitung als auch zu ihrer intensivierten Verschränkung. Aufgezeigt wird der behauptete Zusammenhang am Beispiel der „emotionalen Kompetenz“, in welcher der Aufstieg von Konzeptionen kindlicher Entwicklungspotenziale und die Relevanz von Emotionen kulminieren. „Emotional kompetent“ zu sein gilt gegenwärtig sowohl als Garant gesellschaftlichen Erfolges als auch, bei mangelhafter Entwicklung, als vielfacher Risikofaktor diverser Pathologien und Devianzen. Sie soll eine Selbstführung anleiten, die den Entscheidungs- und Handlungsspielraum der Einzelnen zu entgrenzen vermag. Und doch wird im historischen Vergleich der Korridor legitimer Seinsweisen begrenzt.

 

Zwischen Strafen und Entziffern. Entgrenzungen schulischer Disziplin unter Bedingungen urbaner Marginalisierung

Dr. Thorsten Hertel
Universität Duisburg-Essen

Schulen in marginalisierten Stadtteilen sind Kristallisationspunkte sozialer Prekarität. Der Beitrag präsentiert Ergebnisse einer qualitativen Studie, welche die Formen pädagogischer Disziplin an solchen Schulen untersucht. Ausgehend von einer theoretischen Lesart der Schule als ‚Machtdispositiv‘ (Foucault) und vermittels der praxeologisch-wissenssoziologischen Analyse von Gruppendiskussionen und Interviews wird rekonstruiert, welcher Logik Disziplin dort folgt, welche impliziten Wissensbestände sie tragen und wie sie innerhalb einzelschulischer Organisationen zirkuliert. Dabei verweisen die Ergebnisse auf zwei empirische Typen, in denen der disziplinierende Zugriff auf ein je spezifisch konstruiertes Subjekt unterschiedlich austariert wird: Der Modus der repressiven Disziplin konstruiert Schüler*innen als notorisch deviante Subjekte, die durch die Expansion von Kontrolle und Strafe zugerichtet werden müssen. Explorative Disziplin hingegen affiziert das Subjekt mittels Techniken der Beobachtung und (Selbst-)Befragung – und bringt es in dieser analytischen Entgrenzung als eines hervor, das pädagogisch gesetzte Ordnungen als seine eigenen versteht. Die beiden Typen pädagogischer Disziplinierung werden in ihren Unterschieden und Interferenzen machtanalytisch diskutiert, mit Blick auf das Verhältnis von Kontinuität und Neujustierung pädagogischer Disziplin im Machtdispositiv Schule reflektiert und auf die in ihnen angelegten subjektivierenden Effekte befragt.

 

Strafe(n) und Disziplin(ierung) – Verhandlungen um Grenzen des Pädagogischen

Dr. Sophia Richter
Goethe-Universität Frankfurt am Main

Im pädagogischen Alltag lassen sich Strafpraktiken tagtäglich beobachten. Von Seiten der Erziehungswissenschaft gibt es innerhalb der letzten 50 Jahre jedoch kaum relevante Studien zu diesem Thema. In dem Beitrag steht die Frage im Fokus, wie es zu diesem vermeintlichen Verschwinden von Strafen aus dem erziehungswissenschaftlichen Diskurs kommt und welche Effekte damit einhergehen. Anhand der Analyse von Lexikabeiträgen der letzten 100 Jahre werden Konjunkturen und Transformationen im Sprechen über Strafe nachgezeichnet: von der pädagogischen Erziehungsstrafe über die pädagogische Kontrolle der Disziplinarstrafe hin zum Ideal des Zustandes Disziplin, einhergehend mit der Frage, wie sich dieser pädagogisch (wieder-)herstellen lässt. Es wird aufgezeigt, dass sich über Strafen nur in Form von Differenzierungen bei gleichzeitiger Positionierung bzw. Distanzierung sprechen lässt, was auf die sich stetig wandelnde(n) Grenze(n) des Pädagogischen verweist, die das Phänomen Strafe durchzieht/durchziehen. Die Gleichzeitigkeit von Repression und Aktivierung/Produktion führt im pädagogischen Alltag zu Praktiken der Auslagerung von Strafen aus dem Pädagogischen (Verrechtlichung und Psychologisierung) oder auch der Institutionalisierung (als Entpersonalisierung), was dann jedoch wiederum in Konflikt mit dem Pädagogischen gerät und zu immer wieder neuen Problematisierungen oder Tabuisierungen führt.

 

Positivierung. Teach First, „Rock your Life!” und „School Turnaround“

Dr. Stefan Wellgraf
Humboldt Universität zu Berlin

In der gegenwärtigen Regierung sozialer Ungleichheit zeichnet sich eine eigentümliche Doppelstruktur aus negativen Sanktionen und positivierender Aktivierung ab, in der gegensätzliche emotionale Register mobilisiert werden und eine Entgrenzung des Pädagogischen stattfindet. Der Beitrag diskutiert dieses Phänomen anhand dreier Programme, die im Hauptschulkontext aktiv die positive Emotionalisierung ihrer Zielgruppen betreiben. Wo „Teach First” Universitätsabsolvent*innen vor dem Berufseinstieg die Möglichkeit bietet, für zwei Jahre an Schulen zu unterrichten, führt das Mentor*innenprogramm „Rock your Life!“ Studierende mit Haupt- und Realschüler*innen zusammen. Das Schulentwicklungsprogramm „School Turnaround“ sollte die Situation sogenannter „Problemschulen“ verbessern und arbeitete hierzu insbesondere mit der Neuausrichtung schulischer Führungsstrukturen. Alle Programme setzen der weithin wahrgenommenen schulischen Misere eine demonstrative Positivierung und einen Appell an Eigenverantwortung entgegen, wobei sich Rezepte, Personal und Auftreten stark ähneln. Damit stehen sie für eine ganze Welle sozialpädagogischer Angebote, durch die Schüler*innen motiviert, optimistisch gestimmt und am Subjektmodell des „unternehmerischen Selbst“ ausgerichtet werden. So leisten die Programme aber einen Beitrag zur Reproduktion von Marginalisierung, da sie deren strukturelle Mechanismen qua ökonomistischer Rhetorik überdecken, invisibilisieren und so letztlich soziale Grenzen zementieren.

 
14:00 - 16:00Begrenzende Praxis? Ethnographische Perspektiven zur Genese von Differenz und Ungleichheit in der Grundschule
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 19
 

Chair(s): Prof. Dr. Claudia Machold (Bergische Universität Wuppertal, Deutschland)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Melanie Kuhn (Pädagogische Hochschule Heidelberg)

Immer wieder wird das Selbstverständnis der Grundschule als Schule für alle durch Befunde herausgefordert, die zeigen, dass sie nicht in der Lage ist, die Herkunftsabhängigkeit von Bildung merklich zu verändern. Ausgehend von praxis-, differenz- und ungleichheitstheoretischen Perspektiven werden in dieser Arbeitsgruppe Ergebnisse von drei neueren ethnographischen Studien diskutiert, die Einblicke in die Alltagspraxis der Grundschule geben. Unter der Frage, welchen Beitrag diese Praxis zur Genese von Differenz und Ungleichheit leistet, werden zunächst die Ergebnisse der Studien präsentiert, um sie anschließend anhand eines Kommentars und der gemeinsamen Abschlussdiskussion in ein Verhältnis zu setzen. Dabei kommen sowohl die unterschiedlichen Kontextbedingungen (Grund- bzw. Primarschulen in Deutschland und der Schweiz) als auch Verbindungslinie spezifischer Phänomene in den Blick.

 

Beiträge des Panels

 

Die schulische Selektion als soziale Praxis: Aushandlungen von Bildungsentscheidungen beim Übergang von der Primarschule in die Sekundarstufe I

Prof. Dr. Daniel Hofstetter
Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik, Zürich)

Bildungsstatistiken belegen einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem sozioökonomischen Hintergrund der Schüler*innen und ihrer Platzierung in den hierarchisierten Sektionen der Sekundarstufe I. Solange die Ursachen des Phänomens notorischer Ungleichheiten in der Bildungsbeteiligung umstritten sind, hofft man auf wissenschaftliche Klärung der statistisch gemessenen Effekte. Die ethnografisch angelegte Studie leuchtet die Black Box schulischer Selektion beim Übergang von der Primarschule in die Sekundarstufe I aus und nimmt die sozialen Selektionsprozesse und Praktiken des Schulpersonals im Umgang mit sozial ungleichen Kindern und Eltern in den Blick. Im Beitrag werden mit der „Protoselektion“, der „Antizipierungsarbeit“, der „Dominanz und Unterwerfung“ und der „Passungsarbeit“ vier Phänomene besprochen, die innerhalb institutionell-organisatorischer Rahmenbedingungen in der Interaktion zwischen Eltern, Schulpersonal und Schüler*innen zur Reproduktion schulischer Ungleichheiten beitragen.

 

Die Herstellung von Differenz in der Grundschule. Eine Langzeitethnographie

Prof. Dr. Claudia Machold
Bergische Universität Wuppertal

Die Prämisse der ethnographischen Langzeitstudie (DFG-anonym) besteht darin, dass Praktiken des Unterscheidens im Alltag der Grundschule einen Beitrag zur Genese von Ungleichheit leisten. Als praxis- und differenztheoretisch ausgerichtete Forschung, wird im Vortrag expliziert, wie in den Praxisformen Unterricht, der Elternsprechtagsgespräch und Interview, Akteur*innen an Praktiken partizipieren, die leistungs- und herkunftsbezogene Unterschiede von Schüler*innen prozessieren und so die Differenzordnung der Grundschule reproduzieren. In den Blick kommt dabei die Normalerwartung der Grundschule. Die Aufschichtung dieser Praktiken gibt dann anhand von Analysen zu Datenbasierten Porträts, die die Konstruktion spezifischer Grundschulkinder und ihrer Bildungsbiographie über vier Jahre in den Blick nehmen, Einblicke in ihren Beitrag zur Genese von Ungleichheit. Denn, so zeigen die Ergebnisse der Analysen zur Praxis der Schulformempfehlung und Schulformwahl am Ende der Grundschulzeit, diese Konstruktionen dienen der Plausibilisierung des Übergangs. Insgesamt zeichnet die Studie nach, wie alle Akteur*innen an der Herstellung des meritokratischen Prinzips teilnehmen und so seine Illusion aufrecht erhalten.

 

Lehrkräfte und soziale Ungleichheit. Eine ethnographische Studie zum un/doing authority in Grundschulen

Dr. Florian Weitkämper
Pädagogische Hochschule Freiburg

Das ethnographischen Promotionsprojekt (Graduiertenförderung der FES, 2014-2016) untersucht in ‚inklusiven‘ Grundschulen in Deutschland, welche Rolle Lehrkräften bei der Zuweisung, Verhandlung und Ermöglichung von Bildungskarrieren zukommt. Die Studie zeichnet nach, wie durch Prozesse eines un/doing authority, verstanden als wechselseitige Verhandlung von Autorität zwischen Lehrkräften und Schüler*innen, soziale Differenzen in Bildungsungleichheiten überführt werden. Neben Prozessen einer Re-Inszenierung sozialer Differenzverhältnisse kann gezeigt werden, dass Lehrkräfte Differenzen in Reflexionsprozessen als Legitimierungs- und Diskriminierungsgelegenheiten nutzen. In diesem Sinne werden Praktiken der Bebilderung und Klassifikation in ihrer ermächtigenden wie begrenzenden Weise im Rahmen schulischer Anerkennungsverhältnisse rekonstruiert. Insgesamt bietet das Projekt damit einen Einblick in das Verhältnis von Autorität, wechselseitiger Verletzlichkeit bzw. (teils) pathologischer Verletzung und sozialer Ungleichheit.

 
14:00 - 16:00Begrenzungen und Entgrenzungen in den stationären Hilfen zur Erziehung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 11
 

Chair(s): Dr. Liane Pluto (Deutsches Jugendinstitut, Deutschland)

In stationären Hilfen zur Erziehung als intensive öffentlich organisierte Hilfe der Kinder- und Jugendhilfe mit einer hohen öffentlichen Verantwortung, einer vulnerablen Adressatengruppe und aus einer Tradition kommend, in der die Hilfe als Intervention gesehen wird, entstehen immer wieder Konstellationen, die die Frage nach Grenzen relevant werden lassen. Zugleich stellt sich die Frage, wie die Hilfen so organisiert und gestaltet werden können, dass sie Entwicklungsprozesse von Kindern und Jugendlichen fördern und deren Teilhabechancen erhöhen. Diese beiden Perspektiven aufgreifend will sich die Arbeitsgruppe mit unterschiedlichen Phänomenen der stationären Hilfen befassen (Nähe und Distanz, Aufnahme- und Ausschlusskriterien von Einrichtungen, pädagogische Stufenpläne) und diese als den Umgang mit und die Bearbeitung von Grenzen sichtbar machen.

 

Beiträge des Panels

 

Professionelle Beziehungen in der stationären Kinder- und Jugendhilfe – Ein Spannungsfeld von Nähe und Distanz zwischen Begrenzung und Entgrenzung

Prof. Dr. Michael Behnisch, Dorothee Schäfer
Frankfurt University of Applied Sciences

Der Umgang mit Nähe zählt zu den besonderen Herausforderungen im Alltag der stationären Kinder- und Jugendhilfe. Dabei erweist sich Nähe als zentraler Bestandteil professioneller Beziehungen: Entwicklungsprozesse und die Sicherung emotionaler Bedürfnisse sind durch sie gerahmt – Nähe kann Vertrauen, Offenbarungsprozesse und Enttabuisierung, etwa mit Blick auf Sexualität, ermöglichen. Gleichzeitig bergen Nähe und Intimität in pädagogischen Beziehungen Risiken für Integritätsverletzungen von Kindern, falls sich diese zu entgrenzen drohen. Mit Blick auf den Begriff der Distanz wird deshalb davon ausgegangen, dass Nähe im pädagogischen Handeln stets auch begrenzt sein muss (z.B. durch Schutzkonzepte, institutionelle Regeln). Das hier angedeutete Spannungsfeld wirft also die Frage auf, wie Nähe und Distanz hinsichtlich von Be- und Entgrenzung ausgestaltet sein müssen, um zu emotional förderlichen, zugleich aber schützenden Beziehungserfahrungen beizutragen. Im Vordergrund des Beitrags in der Arbeitsgruppe stehen Ergebnisse aus Interviews mit Fachkräften und jungen Menschen. Ihr Erleben von Intimität, Nähe, Distanz und Zurückweisung verweist darauf, welche Muster pädagogischer Nähe zu identifizieren und hinsichtlich der Professionalisierungsprozesse in der Heimerziehung relevant sind.

 

Aufnahme- und Ausschlusskriterien stationärer Einrichtungen

Dr. Eric van Santen
Deutsches Jugendinstitut

Zur Erhöhung der Problemlösungskompetenz, aber auch als Element der Marktpositionierung wird mitunter auf Differenzierung und Spezialisierung der Angebotsstruktur sozialer Hilfen gesetzt. Die Folgeprobleme von Tendenzen der Differenzierung und Spezialisierung auf der Angebotsebene lassen sich als Entwicklungsdilemmata (Filsinger & Bergold 1993) oder mit den Worten von Olk & Otto (1987) als Ungewissheitsbelastung beschreiben: Je spezialisierter und differenzierter die formalen Hilfesysteme werden, desto höher wird ihre Problemlösungskompetenz und desto geringer ihre Lebensweltorientierung. Gleichseitig existiert neben diesem Dilemma die gesellschaftliche Erwartung der Inklusion der Diversität von Adressatengruppen. Im Beitrag soll auf der Basis fünf bundesweiter quantitativer Erhebungen bei stationären Einrichtungen der Hilfen zur Erziehung im Zeitraum von 2001 bis einschließlich 2019 der Frage nachgegangen werden, wie sich dies alles in der Entwicklung der Angebotsstruktur niederschlägt und was dies für Folgen für die Struktur der sozialen Dienstleistungen und ihre Adressat:innen hat. Anhand der Betrachtung von Aufnahmekriterien und Ausschlusskriterien von stationären Einrichtungen der Hilfen zur Erziehung soll diesen Fragen nachgegangen werden, und somit auch, bei welchen Problemlagen bzw. Verhaltensweisen Grenzen gezogen oder auch aufgehoben werden und wie sich diese im Zeitverlauf verändert haben.

 

Verbreitung und Merkmale von Stufenplänen in stationären Hilfen zur Erziehung

Dr. Liane Pluto
Deutsches Jugendinstitut

In stationären Hilfen wurden Stufenpläne bislang vor allem mit intensivpädagogischen Settings oder geschlossener Unterbringung in Verbindung gebracht und diskutiert. In den letzten Jahren wird – auch aus Forschungsperspektive – eine Zunahme von Stufenplänen konstatiert und deren Einsatz kritisiert, indem deren Defizitperspektive auf die Subjekte herausgestellt und die damit verbundenen Aspekte von Verhaltensanpassung, Zwang, Macht, Scham thematisiert werden (Lutz 2019, Clark 2018, Magyar-Haas 2019). In der Diskussion wird deutlich, dass ganz unterschiedliche Ausformungen solcher formaler Grenzsetzungen existieren und bislang wenig bekannt ist, wie verbreitet der Einsatz solcher Instrumente tatsächlich ist. Im Beitrag soll auf der Basis einer bundesweiten Erhebung bei stationären Einrichtungen der Hilfen zur Erziehung (n = 470) sowohl der Frage nach der Verbreitung im Arbeitsfeld nachgegangen werden als auch anhand einiger dazu abgefragter Merkmale beschrieben werden, wodurch sich die Stufenpläne in der Praxis auszeichnen und zudem wie die Einrichtungen deren Einsatz bewerten. Darüber hinaus soll die Frage verfolgt werden, ob Strukturmerkmale und pädagogischen Grundorientierungen von Einrichtungen identifizierbar sind, die den Einsatz solcher Instrumente begünstigen oder unwahrscheinlich machen.

 
14:00 - 16:00BeWaMo - Berufswahlmotive von Lehramtsstudierenden
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 23
 

Chair(s): Dr. Ralf Schieferdecker (Pädagogische Hochschule Weingarten, Deutschland), Prof. Dr. Birgit Hüpping (Pädagogische Hochschule Ludwigsburg)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Birgit Hüpping (Pädagogische Hochschule Ludwigsburg)

Lehrkräfte stehen angesichts aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen (Klimawandel, Corona-Pandemie, Inklusion, Digitalisierung, Flucht und Migration) vor neuartigen Herausforderungen. Wie belastbar sind etablierte Modelle der Berufswahl von Lehramtsstudierenden angesichts des gesellschaftlichen Wandels? Dieser Frage nähern sich fünf Teilprojekte aus unterschiedlichen grenzüberschreitenden Perspektiven. So werden von Studierenden verfasste Texte über Schularten und Bundesländer hinweg, sowie zwischen verschiedenen sonderpädagogischen Förderschwerpunkten (Beitrag 1) inhaltsanalytisch ausgewertet. Hinzu werden Daten im Vergleich zwischen Brasilien, Chile und Deutschland (Beitrag 2) sowie Japan und Deutschland (Beitrag 3) für einen Vergleich herangezogen. Der abschließende Beitrag (4) fokussiert eine statistische Auswertung der Erfahrungshintergründe für die Berufswahl Lehramt auf Grundlage der vorangegangenen Beiträge.

 

Beiträge des Panels

 

Analyse der Berufswahlmotive von Studierenden unter Berücksichtigung der verschiedenen Förderschwerpunkte sonderpädagogischer Bildung

Prof. Dr. Teresa Sansour1, Veronika Dumbacher2, Gregor Frirdich3
1Universität Oldenburg, 2Universität Würzburg, 3Pädagogische Hochschule Weingarten

Das Studium sonderpädagogischer Lehrkräfte orientiert sich an den Förderschwerpunkten sonderpädagogischer Bildung und Beratung. Bisherige fachspezifische Ergebnisse zur Wahl sonderpädagogischer Fachrichtungen zeigen eine Tendenz zu intrinsischen Motiven (Kiel et al. 2015; Rutsch et al. 2020; Lindqvist et al. 2020). Darüber hinaus wäre zu erwarten, dass die berufliche Perspektive im Aufgabenfeld der Inklusion einen zusätzlichen Einfluss auf das Berufswahlmotiv hat.

Der Datensatz umfasst N=375 Texte und deckt alle Förderschwerpunkte ab. Auf dieser Grundlage stellt sich die Frage nach Unterschieden bei Berufswahlmotiven hinsichtlich der verschiedenen Förderschwerpunkte sowie inwieweit die gesellschaftliche Forderung nach Inklusion die Studienwahl mit beeinflusst. Die Auswertung der Daten hat im Frühjahr 2021 begonnen. Bereits jetzt zeigt sich, dass sich Studierende der einzelnen Fachrichtungen in ihren Berufswahlmotiven unterscheiden. Ebenso zeichnet sich ab, dass der private Kontakt zu Menschen mit Beeinträchtigungen die Berufswahl beeinflusst.
Ziel ist es, die Motive von Studierenden hinsichtlich der gewählten Förderschwerpunkte angemessen zu beschreiben. Diese Erkenntnisse werden anschließend für den Vergleich mit anderen Schularten herangezogen. Die damit verbundenen Erkenntnisse über Gemeinsamkeiten und Unterschiede sind insbesondere mit Blick auf eine interdisziplinäre Zusammenarbeit in inklusiven Settings bedeutsam.

 

Vergleichende Analyse der Berufswahlmotive von Lehramtsstudierenden aus Brasilien, Chile und Deutschland

Aline Steger, Sabine Lang
Pädagogische Hochschule Weingarten

Angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen ist davon auszugehen, dass Bildungssystem und Lehrpersonen unabhängig von den (unbestreitbaren) unterschiedlichen Kontexten zunehmend vor vergleichbaren Herausforderungen stehen. Wie wirken sich länderspezifische Kontexte auf die Entscheidung für den Lehrberuf aus und welche Motive erweisen sich als kontextunabhängig?

In diesem Beitrag werden die Ergebnisse der Analyse von Daten von Lehramtsstudierenden aus Brasilien (N=35) und Chile (N=53) inhaltlicht-strukturierend analysiert und mit Ergebnissen aus Daten aus Deutschland (Beitrag 1) verglichen.

Die geläufige Unterscheidung in intrinsische, altruistische und extrinsische Motive wird im internationalen Kontext zum Teil anders gewichtet, so kommt im Unterschied zu europäischen und nordamerikanischen Studien der extrinsischen Motivation in Ländern des globalen Südens eine bedeutendere Rolle zu (Bastick 2000; Garduño 2006; Kilinç, Watt & Richardson 2012). Solche länderspezifischen Unterschiede bezüglich der Motivstrukturen sind unter anderem auf bildungspolitische bzw. kulturelle Rahmenbedingungen in den untersuchten Ländern zurückzuführen. Damit stellt sich die Frage, ob und wie sich global-gesellschaftliche Herausforderungen auf die Berufswahl Lehramt auswirken und ob sich durch einen Vergleich über nationalstaatliche Grenzen hinweg Gemeinsamkeiten unter Berücksichtigung kontextabhängiger Voraussetzungen beschreiben lassen.

 

Vergleichende Analyse der Berufswahlmotive von Lehramtsstudierenden aus Japan und Deutschland

Dr. Ralf Schieferdecker1, Prof. Dr. Yoshihiro Sakakibara2
1Pädagogische Hochschule Weingarten, 2Kyoto University of Education

Angesichts aktueller gesellschaftlicher Herausforderungen (Klimawandel, Pandemie, Flucht und Migration), die grenzüberschreitend die Gestaltung pädagogischer Settings mitprägen, ist davon auszugehen, dass Bildungssystem und Lehrpersonen unabhängig von den grundsätzlich stark unterschiedlichen Kontexten zunehmend vor vergleichbaren Herausforderungen stehen. Damit stellt sich die Frage, ob und wie sich global-gesellschaftliche Herausforderungen auf die Entscheidung für einen Lehrberuf auswirken und ob sich durch einen Vergleich über nationalstaatliche Grenzen hinweg Gemeinsamkeiten unter Berücksichtigung differenter regionaler Kontexte beschreiben lassen.

In diesem Beitrag werden Ergebnisse vorgestellt, die sich auf Grund des (minimal oder maximalen) Kontrasts besonders dazu eignen, die spezifischen Motive der Berufswahl in Japan und Deutschland zu beschreiben.

Hierzu wurden von japanischen Lehramtsstudierenden Texte (N=70) über die Gründe ihrer Berufswahl verfasst und diese inhaltsanalytisch ausgewertet. In einem zweiten Schritt wurden diese Ergebnisse denen aus Deutschland (vgl. Beitrag 1) gegenübergestellt. Dabei zeigt sich unter anderem, dass Lehrpersonen als Rollenvorbilder in der Bildungsbiographie in beiden Kontexten die Berufswahl prägen. Die Art wie diese Rollenvorbilder wahrgenommen werden, unterscheidet sich jedoch stark.

 

Internationaler Vergleich der Erfahrungshintergründe von Lehramtsstudierenden

Prof. Dr. Christina Watson1, Jan Hörnig2
1SRH Hochschule NRW, 2Universität Würzburg

Für eine quantitative Analyse werden in diesem Beitrag die empirischen Daten der vorangegangenen Beiträge herangezogen, um auf dieser Basis (N=1011) Korrelationen zwischen den Codierungen und den Kontextvariablen zu beschreiben. Hierzu werden Informationen über das Geschlecht, den Studiengang und den Studienort berücksichtigt. Für einen Teil der Daten (N=579) können auch die Pädagogischen Vorerfahrungen (nach der LEK-Studie, König & Seifert 2012) sowie die Information, welche Elternteile Lehrkräfte sind, zur Analyse herangezogen werden. Anhand dieser Daten lassen sich differenzierte Aussagen zu den Berufswahlmotiven und Erfahrungshintergründen von angehenden Lehrkräften treffen. Es wird vermutet, dass sich die Motivlagen und Erfahrungen von Studierenden nach Schulform und Geschlecht unterscheiden. Hinsichtlich der Hochschulstandorte innerhalb Deutschlands wird kein Unterschied vermutet. Aktuell werden die Daten ausgewertet, sodass zum DGfE-Kongress umfangreiche Analysen bezüglich unterschiedlicher Schulformen und Hintergrundvariablen vorgestellt und gemeinsam diskutiert werden. Ausgehend von diesen Ergebnissen soll zum einen die Passung von Interessenlagen und Schulform, zum anderen die Bedeutsamkeit der Berufsvererbung diskutiert werden.

 
14:00 - 16:00Cross-border mobilities in old age. Limitations, de-limitations and (new) boundaries
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 31
 

Chair(s): Prof. Dr. Cornelia Schweppe (Johannes Gutenberg Universität Mainz, Deutschland), Dr. Vincent Horn (Johannes Gutenberg Universität Mainz, Deutschland)

Cross-border mobilities in old age challenge the prevalent concept of “aging in place” in social pedagogical debates. Social pedagogy has increasingly turned to cross-border mobilities, however, these mobilities in old age have largely been ignored. Subsequently, their life situation and life worlds remain at the margins of research. This working group focuses on two cross-border mobilities in old age: Older refugees and older people who migrate from affluent countries to countries of the “Global South”. It addresses the life circumstances and lifeworlds in their cross-border entanglements and will be focussed from the perspective of difference and border processing. What differences and inequalities come into effect in cross-border life situations of older people, how they are they coped, and what de-limitations and limitations they imply are questions at its centre. It aims at expanding social pedagogical research on addressees in cross-border contexts by questions of old age.

 

Beiträge des Panels

 

Rethinking Mobility Regimes: North-South Migration and Ageing in Global Perspective

Prof. Dr. Matthew Hayes
St. Thomas University, Canada

This paper explores the mobilities turn in the social sciences from the vantage point of unequal global social relations, manifested in the North-South migration of older European and North American adults to countries in the Global South. These migrations are interacting with changing economic conditions for retirees in the Global North. The experiences of North-South migrants provide a window into global regimes of mobility that implicate borders and stratified systems of rights. What do these experiences tell us about the concept of mobility, its analytical limitations, and the possibilities for other concepts that draw our attention to structuring forces of global mobility of people? The paper identifies concepts and approaches that centre global social relations, and rethinks existing scholarship on migration, coloniality and development to include the experiences of migrants from the Global North. The experiences of mobile older adults from Global North to Global South draws our attention to inherited structures that shape the actions of migrants and border regimes, and which are often overlooked in migration scholarship. Looking at experiences of relatively privileged migrants enable us to revise some of our concepts and better understand contemporary processes, which are modifying and contesting global hierarchies, while also shifting the life experiences and opportunities for aging adults in high-income countries.

 

Devaluation, romanticizing, pity. Making sense of poverty-stricken life worlds of the local population within retirement migration to Kenya

Prof. Dr. Cornelia Schweppe
Johannes Gutenberg Universität Mainz, Deutschland

A distinctive feature of retirement migration destinations in countries of the Global South is that global asymmetries and inequalities converge directly in one geographic location and are a core element of the immediate environment of the retirement migrants. This is particularly evident in the case retirement migration to the South Coast of Kenya, which has developed into a prominent retirement migration destination, particularly among Europeans. The life situation of the local population is marked by extreme poverty. Based on narrative-guided interviews with European retirement migrants the paper explores the significance is has for them to live in an environment marked by severe poverty-stricken life conditions of the local population. It will show how these different life worlds cause diverse irritations, strains, sometimes even crises, and how they are coped with by specific interpretive patterns. Devaluations of the local population including ascriptions of intellectual or cultural inferiority, romanticizing poverty and feeling pity for the local population are three major patterns - each of which significantly affects their lives in migration socially and emotionally.

 

“Back and forth, I have been displaced". Older East Timorese exiles in Indonesia and the reconfiguration of later-life across social worlds

Dr. Victoria Kumala Sakti
Max Planck Institute for the Study of Religious and Ethnic Diversity, Göttingen

Older persons’ experiences in the context of forced migration have become an emerging research agenda in the social sciences. These studies have primarily focused on those living in ‘Western’ and more developed countries but less so on older refugees in the ‘global south’. This paper examines the case of older East Timorese exiles living in rural Indonesia. It draws on long-term ethnographic research that carefully examines this group’s displacement trajectories from Timor-Leste to Indonesia, the protractedness of exile and how that affects everyday life, and the specific challenges they face amid poor living conditions and social exclusion. Older persons’ narratives often include their longer histories of suffering and multiple experiences of forced displacement. This paper discusses these in light of how older East Timorese remake their world, their resources and strategies in coping with economic and (mental) health-related issues, and how they experience intergenerational family relations within and across national borders. While revealing the diversity of experiences as well as gendered dimensions of ageing in Timorese exile, the paper also problematizes conventional definitions of ‘protracted displacement’ and the assumption relegating older refugees or exiles as non-viable resource and passive recipients of care.

 

Loneliness among older refugees in Germany

Dr. Vincent Horn1, Prof. Dr. Tineke Fokkema2
1Johannes Gutenberg Universität Mainz, Deutschland, 2Netherlands Interdisciplinary Demographic Institute & Erasmus University Rotterdam, The Netherlands

During the last years, Germany has been the major destination country for refugees in Europe. Since 2013, more than 1.8 million asylum applications have been filed, most of them from individuals from the Middle East and Africa. Owing to various factors (e.g. loss of family and friends, lack of social networks, loss of job or career, loss of identity), refugee populations can be seen as particularly vulnerable to social isolation and loneliness. However, the psychosocial well-being of recently arrived refugees in Germany has thus far received little academic attention. This holds especially true for older refugees who seem to be off the radar of scholars of ageing and migration as well as of policy makers and practitioners. This paper seeks to narrow this research gap by asking for the prevalence and determinants of loneliness among older refugees in Germany. To address these questions, it explores data from the IAB-BAMF-SOEP Survey of Refugees in Germany from 2016. The sample covers nearly 2,000 adult refugees who arrived in Germany since 2013 seeking asylum. Theoretically, the paper builds on an integration-transnationalism framework according to which loneliness is influenced not only by local but also transnational dimensions.

 
14:00 - 16:00Demokratiebildung in Kita und Schule: Herausforderungen, Potentiale und Grenzen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 08
 

Chair(s): Judith Durand (Deutsches Jugendinstitut, Deutschland), Dr. Patrick Mielke (Georg-Eckert-Institut für Schulbuchforschung)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Riem Spielhaus (Georg-Eckert-Institut für Schulbuchforschung), Dr. Katja Flämig (Deutsches Jugendinstitut)

Vielfältige gesamtgesellschaftliche und globale Faktoren zeigen gegenwärtig ‚Grenzen der Demokratie‘ auf. Dieser Befund stellt auch Bildungsinstitutionen vor Herausforderungen. Er fokussiert das Verhältnis von Bildung und Demokratie und wirft die Frage nach den genuinen Aufgaben, Zielen und Möglichkeiten von Bildungsinstitutionen für die Demokratie auf. Die Arbeitsgruppe greift dies in drei Beiträgen auf und erörtert, (1) welche Anrufungen in diesem Kontext aus Politik und Gesellschaft an die Bildungsinstitutionen Kita und Schule gerichtet werden und welche Auswirkungen die strukturellen Grenzen und die gegenwärtige Krise der Demokratie für die pädagogische Arbeit in der (2) Kita und (3) Schule haben. Dabei wird insbesondere diskutiert, ob und wie Kita und Schule selbst an Grenzen des Leistbaren kommen.

 

Beiträge des Panels

 

Politische Bildung und Demokratiebildung zwischen Affirmation und Kritik

Prof. Dr. Alexander Wohnig
Universität Siegen

Vor dem Hintergrund wahrgenommener und diagnostizierter gesellschaftlicher Polarisierungen – das Erstarken von Rechtspopulismus, Autoritarismus, Rassismus usw. – wird politische Bildung aktuell vermehrt von staatlichen Anrufungen adressiert, die im Modus einer Erziehung zu demokratischem Verhalten artikuliert werden und einseitig auf Affirmation zielen. Dies geschieht bspw. in den Förderprogrammen zur ‚Extremismusprävention‘ oder im Programm ‚Demokratie leben!‘. Die Anrufungen werden dabei zum einen mit dem Präventionsgedanken verbunden, zum anderen wird politische Bildung als Demokratiebildung beschrieben. Beide Tendenzen sind problematisch und sollten stärker kritisch reflektiert werden. Während der Präventionsgedanke einer subjektorientierten und kritischen Bildung im Wege steht, blendet die Gleichsetzung von politischer Bildung und Demokratiebildung Unterschiede in den Konzepten und auch den Professionen, die mit diesen arbeiten, aus. In dem Vortrag werden daher erstens die Konzepte der Demokratiebildung und politischen Bildung differenziert dargestellt. Zweitens soll vor dem Hintergrund einer zu diagnostizierenden Krise der Demokratie der Frage nachgegangen werden, welche Aufgaben kritischer politischer Bildung und kritischer Demokratiebildung zukommen und ob bzw. wo Schnittpunkte zwischen den Konzepten bestehen.

 

Frühkindliche Demokratiebildung - Zwischen Anspruch und Umsetzbarkeit

Dr. Leonhard Birnbacher, Judith Durand, Carola Frank
Deutsches Jugendinstitut

Aktuelle gesellschaftliche Wandlungsprozesse stoßen Auseinandersetzungen zum Verhältnis von Bildung und (demokratischen) Werten an und verbinden dies mit der Frage nach den genuinen Aufgaben, Zielen und Grenzen von Bildungsinstitutionen in der demokratischen Gesellschaft. Daran wird an das Bildungssystem die Forderung geknüpft, von Anfang an präventiv, sozialisatorisch und erzieherisch auf ein demokratisches Zusammenleben hinzuwirken. Der Vortrag greift diesen Befund auf und zeichnet auf der Basis erster Ergebnisse eines empirischen Forschungsprojektes nach, ob und wie Demokratiebildung über bildungspolitische (policy curriculum) und konzeptionelle Dokumente (programmatic curriculum) für frühpädagogische Institutionen der Bildung, Betreuung und Erziehung verankert und definiert wird. Die Analysen von sechs ausgewählten Bildungsplänen der Bundesländer und frühpädagogischen Konzepten werden mit Erkenntnissen aus qualitativen Befragungen von pädagogischen Fachkräften und Leitungen von Kindertageseinrichtungen zur praktischen Relevanz und Umsetzbarkeit (enacted curriculum) von Demokratiebildung zusammengeführt. Spezifische Herausforderungen für das demokratische Miteinander, wie soziale Ungleichheit, Menschenfeindlichkeit oder Machtasymmetrien werden für den frühpädagogischen Kontext diskutiert. Dabei wird kritisch reflektiert, inwiefern Anspruch und Umsetzbarkeit kollidieren und wo Ansatzpunkte, aber auch Grenzen des Leistbaren für die frühpädagogische Praxis aufscheinen.

 

Politische Bildung und Demokratiebildung in Schule: Aufgaben, Herausforderungen und Ent│grenz│ungen

Patrick Mielke, Anke Koeltsch
Georg-Eckert-Institut für Schulbuchforschung

Auf Grundlage erster empirischer Befunde einer systematischen Bestandsaufnahme schulischer Demokratiebildung in Deutschland als Gegenstand, Ziel und Praxis Politischer Bildung (Curriculum- und Schulbuchanalyse, teilnehmende Beobachtung) spürt die Projektgruppe in ihrem Beitrag folgenden Fragen nach: (i) Wie werden Verschiebungen des schulischen Bildungsauftrages, weg von einer reinen Vermittlung von Wissen über Demokratie im Fachunterricht und hin zu einem Verständnis von Demokratie als gesamtschulische Aufgabe im Sinne einer demokratischen Schulkultur und einer Erfahrbarkeit von Demokratie, in aktuellen Curricula, Schulbüchern und der schulischen Praxis gerahmt? (ii) Welche Grenzen (z.B. hinsichtlich der Partizipationsmöglichkeiten von Schüler*innen) und Entgrenzungen (z.B. hinsichtlich des erforderlichen pädagogischen Handelns von Lehrenden) lassen sich im Zusammenhang mit dem erweiterten Bildungsauftrag identifizieren? (iii) Mittels welcher Praktiken werden die Schüler*innen im Fachunterricht als demokratische Subjekte angerufen und inwiefern wird dabei auf eine (kritische) Bejahung der repräsentativen Demokratie abgezielt? (iv) Ob und auf welche Arten und Weisen wird spezifischen gesellschaftlichen Akteur*innen ein besonderer Bedarf an Demokratiebildung zugeschrieben? (v) Welche Grenzen der Partizipation (z.B. Staatsangehörigkeit) werden (nicht) thematisiert?

 
14:00 - 16:00Der Eintritt in die Primarstufe als Herausforderung für familiäre Entschei-dungsprozesse und städtische Bildungsplanung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 30
 

Chair(s): Dr. Johanna Gold (Universität Bielefeld, Deutschland), Dr. Jan Christoph Störtländer (Universität Bielefeld), Prof. Dr. Annette Textor (Universität Bielefeld)

Die Übergänge zwischen Bildungsinstitutionen stellen Gelenkstellen in Bildungsbiografien dar. Insbesondere für den Übergang zwischen der Primarstufe und der Sekundarstufe I liegen im bildungswissenschaftlichen Diskurs Befunde vor, dass das Bildungssystem durch Segregationsmechanismen an Übergängen zwischen den Bildungsinstitutionen soziale Disparitäten verstärkt oder gar hervorbringt. Dieses Phänomen zeigt sich spätestens mit der Liberalisierung der Grundschulwahl auch beim ‚ersten Übergang‘ vom Elementarbereich in die Grundschule. Vor dem Hintergrund der Ent-Grenzung der Schulbezirke werden zwei Phänomene im Hinblick auf soziale Disparitäten und Bildungschancen betrachtet. Zum einen die Entwicklung der Wahl der Grundschule zu einem aktiven Entscheidungsprozess für Familien. Zum anderen Systematiken in den Wanderungsbewegungen innerhalb von Städten und Gemeinden zwischen den Schulbezirken, die zu Segregations- und Homogenisierungsprozessen führen.

 

Beiträge des Panels

 

„Nicht nur ein Ort, an dem er gut verwahrt wird“ – Elterliche Motive für die Einschulung an einer inklusiven Angebotsschule

Dr. Jan Christoph Störtländer, Prof. Dr. Annette Textor, Kaya Reckmann
Universität Bielefeld

Im Vortrag werden am Beispiel einer inklusiven Angebotsschule sowohl Motivlagen von Eltern, ihr Kind auf dieser Schule unterzubringen, wie auch die Strategien, diese Motive durch eine erfolgreiche „Bewerbung“ umzusetzen, thematisiert. Auf Grundlage von Passagen aus den Anmeldebögen der Einschulungsjahrgänge 2020 und 2021 (n=224) werden in einem mehrschrittigen inhaltsanalytischen Verfahren Faktoren sowohl der Schulseite wie auch der Familienseite herausgearbeitet und diskutiert. Eine theoretische Rahmung der Ergebnisse und eine Einbettung im erziehungswissenschaftlichen Diskurs erfolgt entlang des Capability Approach (Nussbaum, Sen) und der Habitustheorie (Bourdieu), anhand derer wir Mechanismen aufzuzeigen versuchen, wie Eltern sich und ihr Kind zum vermeintlichen Angebot der Schule relationieren. Der Annahme folgend, dass diese Mechanismen auch im Regelschulwesen bei der Wahl einer Grundschule wirken, werden wir im Anschluss an den Vortrag (empirische) Möglichkeiten diskutieren, diese in Schulbezirken zu untersuchen, bei denen bestimmte Kompositionsphänomene vorliegen.

 

Segregationsprozesse durch Wanderungsbewegungen zwischen Schulbezir-ken beim Übergang vom Elementarbereich in die Grundschule

Dr. Johanna Gold, Philipp Dierker
Universität Bielefeld

Im Rahmen des Vortrags wird datengestützt nachgezeichnet, wie Wanderungsbewegungen zwischen den Schulbezirken zu Segregations- und Homogenisierungsprozessen führen. Dabei werden auf Grundlage empirischer Daten der städtischen Bildungsadministration von zwei kompletten Einschulungsjahrgängen (n=6.500) die beobachteten Wanderungsbewegungen zwischen den städtischen Schulbezirken und die damit einhergehenden Veränderungen in der Sozialstruktur der Schülerschaft in den Schulbezirken rekonstruiert. Mit Hilfe von quantitativen Datenanalysen werden Veränderungen entlang von Dimensionen des sozioökonomischen Hintergrundes der Schüler*innen aufgezeigt. Diese Veränderungen können zu schulinternen Häufungen von Merkmalen führen, die zusätzlich zu den individuellen Merkmalen eines Kindes einen Einfluss auf Schulleistungen und Bildungsbeteiligung entfalten (Kompositionseffekte). Insbesondere bei Schüler*innen aus belasteten Lebenslagen können sich noch zusätzliche, schwerwiegende Nachteile ergeben. Aus der Perspektive der Habitustheorie (Bourdieu) und des Capability Approach (Sen, Nussbaum) werden die daraus entstehenden Folgen für Bildungsbeteiligung diskutiert und die in Zusammenarbeit mit dem städtischen Bildungsbüro erarbeitete Implikationen zur pädagogischen Bearbeitung vorgestellt.

 
14:00 - 16:00Digitalisierung in der Erwachsenen- und Weiterbildung: Potenziale digitaler Medien für Zugänge zu Weiterbildungsangeboten
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 13
 

Chair(s): Prof. Dr. Halit Öztürk (Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Deutschland)

Die Arbeitsgruppe diskutiert Fragen nach der Bedeutung digitaler Medien in der Erwachsenen- und Weiterbildung insbesondere mit dem Blick auf die Möglichkeiten und Grenzen ihrer Zugänglichkeit und adressat:innenorientierten Gestaltung. Zuerst wird die Teilnahme an digitalen Bildungsformaten auf Basis der AES-Daten beleuchtet. Darauf folgt ein Beitrag zu Einstellungen und zur Teilnahme von Personen unterschiedlicher Qualifikationsniveaus an Weiterbildung mit digitalen Medien. Im Anschluss werden zum einen das Bildungsformat der Massive Open Online Courses hinsichtlich seiner Potenziale für die Kompetenzentwicklung und zum anderen das vhs-Lernportal mit Blick auf seine Anwendung und die Schulung von Kursleitenden diskutiert. Zuletzt werden erste Ergebnisse eines Forschungsprojektes zu digitalen Ansprachemöglichkeiten von Adressat:innen der Alphabetisierung und Grundbildung vorgestellt

 

Beiträge des Panels

 

(Weiter-)Bildung mit digitalen Medien im AES: Operationalisierung und Ergebnisse

Frauke Bilger, Alexandra Strauß
Kantar Public, Deutschland

Die BMBF-Studie zum Weiterbildungsverhalten in Deutschland dient u.a. als Instrument des (bildungspolitischen) Monitorings im Rahmen der Erwachsenenbildung und wird seit dem Jahr 2007 nach dem Konzept des EU-weiten Adult Education Survey (AES) alle zwei bis drei Jahre erhoben (Bilger et. al. 2017). Neben den zentralen Trendindikatoren werden im Rahmen der Studie bildungspolitisch relevante Themenschwerpunkte aufgegriffen, zuletzt im AES 2018 mit der Zusatzstudie Digitalisierung in der Weiterbildung (BMBF 2020).

Der Beitrag geht zunächst darauf ein, wie im Rahmen der Studie ein Instrument zur Messung der Teilnahme an Bildung mit digitalen Medien entwickelt und als dauerhaftes Instrument für ein bildungspolitisches Monitoring von „Bildung mit digitalen Medien“ zunächst in die Folgebefragung des deutschen AES 2020 übernommen wurde. Mit den beiden Erhebungen des AES 2018 und 2020 können erste Ergebnisse zur Veränderung der Teilnahme gezeigt werden. Aus gegebenem Anlass wurden in den AES 2020 corona-spezifische Zusatzfragen eingesetzt, darunter auch die Frage zur Veränderung von Bildungsaktivitäten von Präsenz zu Onlineformaten. Im Beitrag wird vor allem folgenden Fragen nachgegangen: Erleichtern Bildungsangebote mit digitalen Medien den Zugang zu Bildung für bildungsferne Zielgruppen? Gab es besondere gruppenspezifische Veränderungen zwischen den Jahren 2018 und 2020, auch mit Blick auf die veränderten Rahmenbedingungen im Kontext der Pandemie?

 

Einstellungen zu digitalen Medien und Teilnahme an digital gestützter Weiterbildung

Dr. Sara Reiter
Freie Universität Berlin

Hinsichtlich der Frage nach der Förderung der Chancengleichheit in der Weiterbildung werden mit dem Einsatz digitaler Medien sowohl Potenziale als auch Risiken verbunden (Rohs, 2020, S. 37). Blickt man auf die empirische Befundlage zur Teilnahme an digital gestützter Weiterbildung, so zeigt sich auch hier das in der Weiterbildung allgemein bekannte Muster, dem zufolge Personen mit höheren Qualifikationen eine höhere Teilnahmequote aufweisen als Personen mit niedrigen Qualifikationen (BMBF, 2020, S. 35f.). Als Ursachen für die ungleiche Teilnahme können fehlende Gelegenheiten ebenso als relevant erachtet werden wie unterschiedliche Voraussetzungen und Präferenzen der Adressat:innen, mit digitalen Medien zu lernen (u.a. Rohs, Pietraß & Schmidt-Hertha, 2020, S. 368; Hawlitschek & Fredrich, 2018, S. 9). Der vorliegende Beitrag knüpft an die zuletzt genannte Perspektive an. Auf Grundlage der Daten des Adult Education Survey 2018 wird bezugnehmend auf handlungstheoretische Modelle (Theory of Planned Behavior, Technology Acceptance Model) untersucht, inwiefern Einstellungen zu digitalen Medien in Zusammenhang mit der Teilnahme an digital gestützten Weiterbildungsangeboten stehen und inwiefern sie zur Erklärung von Teilnahmeunterschieden zwischen unterschiedlichen Qualifikationsgruppen beitragen können. Abschließend werden Implikationen für die Forschung und Praxis diskutiert.

 

Digitale Kompetenzen für österreichische Privatangestellte: Erfahrungen mit der Entwicklung, Durchführung und Evaluation eines Massive Open Online Courses

Dr. Martin Ebner1, Sarah Edelsbrunner1, Dr. Sandra Schön1, Karin Steiner2
1Technische Universität Graz, Österreich, 2abif – analyse. beratung. interdisziplinäre forschung, Österreich

Die zunehmende Digitalisierung verändert berufliche Tätigkeiten und Berufsbilder (Bliem et al. 2018). In einem gemeinsamen Vorhaben des Forschungs- und Beratungsinstitut ABIF (Analyse Beratung und interdisziplinäre Forschung), der Gewerkschaft der Privatangestellten – Druck, Journalismus, Papier (GPA-djp) sowie der TU Graz wurde auf Grundlage des europäischen DigComp-Modells (Carretero et al. 2017) bzw. des österreichischen Pendants (BMDW 2018) ein sog. Massive Open Online Course konzipiert, der im Frühjahr 2021 mit mehr als 1.700 Teilnehmenden durchgeführt wurde („DigiSkills für alle – Machen Sie sich fit für die digitale Welt!“, https://imoox.at/course/DISKA). Der Kurs wurde dabei aufbauend auf Erfahrungen mit MOOCS für ähnliche Zielgruppen (Ebner et al. 2015) u.a. mit einem Arbeitsheft angeboten. Der Beitrag stellt Konzeption, Gestaltung und Evaluation des Vorhabens vor und zieht eine kritische Bilanz zu den Herausforderungen und Chancen eines solchen Vorhaben zur Erhöhung digitaler Kompetenzen in der Arbeitnehmendenschaft.

 

Blended Learning mit dem vhs-Lernportal

Michael Thiel, Gabi Netz
Deutscher Volkshochschul-Verband eV. (DVV)

Mit der Corona-Krise erfährt digitales Lernen einen immensen Aufschwung, allerdings lässt sich schon für die letzten Jahre ein stetiger Relevanzgewinn digital gestützten Lernens in der Erwachsenen- und Weiterbildung verzeichnen. Mithilfe digitaler Plattformen wie dem vhs-Lernportal können Teilnehmende zeit- und ortsunabhängig im eigenen Tempo lernen und individuell via Online-Tutoring gefördert werden. Das vhs-Lernportal wird vor allem im Bereich Grundbildung und DaZ eingesetzt und hat sich als hilfreiches und breit genutztes Lerninstrument etabliert - die im vhs-Lernportal verfügbaren Online-Module des Integrationskurses bspw. sind vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) als Lehrwerk zugelassen. Es hat sich dabei gezeigt, dass der Einsatz in Kursen vielfältige Herausforderungen (Heterogenität der Teilnehmenden und der Kursleitungen hinsichtlich Medienkompetenz, technische Ausstattung der Einrichtungen etc.) mit sich bringt. Besonders die zielgerichtete Schulung von Kursleitungen ist ein integraler Bestandteil der Projektarbeit, damit Online-Phasen didaktisch sinnvoll und gewinnbringend in bestehende Kursformate integriert werden können. Der Beitrag thematisiert und diskutiert, wie diesen Herausforderungen begegnet werden kann, welche Best Practice- und Schulungs-Konzepte daraus erwachsen sind und wie Teilnehmende und Kursleitungen ihrerseits mit Anregungen und regelmäßigem Feedback die technisch-inhaltliche Weiterentwicklung des vhs-Lernportals begleitet haben.

 

Ansprachewege für Angebote der Alphabetisierung und Grundbildung in digitalen Räumen

Prof. Dr. Halit Öztürk, Vera Lüneberg, Eva Humt
Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Deutschland

Der Beitrag vertieft das Thema der Zugänge zu Weiterbildungsangeboten hinsichtlich der Möglichkeiten einer digitalen Ansprache von Adressat:innen von Alphabetisierungs- und Grundbildungsangeboten, deren Erreichbarkeit nach wie vor eine zentrale Problemstellung bildet (Grotlüschen 2016, S. 11ff.). Der Beitrag präsentiert zunächst konzeptionelle Grundlagen des vom BMBF geförderten Forschungsprojekts „Ansprachewege für Angebote der Alphabetisierung und Grundbildung in digitalen Räumen (DiAnA)“, das Erkenntnisse zur Bedeutung des sozialen Umfelds von gering literalisierten Personen (ebd.) mit der Nutzung digitaler Medien durch die Adressat:innen (Grotlüschen et al. 2019, S. 32) und Personen ihres sozialen Umfeldes verknüpft und Möglichkeiten der sozialraumbezogenen Ansprache in digitalen Räumen untersucht. Im Anschluss an die Entfaltung dieses konzeptionellen Rahmens werden erste Forschungsergebnisse hinsichtlich des digitalen Nutzungsverhaltens und Möglichkeiten der Ansprache von Anbieter:innen, Teilnehmenden und dem sozialräumlichen Umfeld von Adressat:innen der Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit präsentiert und diskutiert.

 
14:00 - 16:00Digitalisierung in der frühen Bildung – Entgrenzungen in den Bereichen Medienhandeln, Arbeitskraft und Organisationsentwicklung?
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 26
 

Chair(s): Prof. Dr. Henrike Friedrichs-Liesenkötter (Leuphana Universität Lüneburg)

In der Arbeitsgruppe werden vier Forschungsprojekte vorgestellt, die sich im Zuge einer gesamtgesellschaftlichen Digitalisierung mit Entgrenzungen in verschiedenen Handlungsbereichen der frühen Bildung auseinandersetzen. Konkret fokussiert die Arbeitsgruppe zwei übergeordnete Themenfelder: Die Handlungsebene frühpädagogischer Fachkräfte sowie die institutionellen Rahmendbedingungen. Demgemäß geht es zum einen um die unmittelbare pädagogische Arbeit und die Haltungen der Fachkräfte – zum anderen um die Auswirkungen von Digitalisierungsprozessen auf die Organisationsentwicklung sowie die spezifische Zielgruppe der Eltern mit Fluchterfahrung. Auf die vier 20-minütigen impulsgebenden Vorträge der einzelnen Projekte folgt eine Diskussion im Plenum, die durch den Einsatz einer digitalen Pinnwand flankiert wird. Durch die digitale Pinnwand können Diskussionsbeiträge gesichert und dokumentiert werden, zudem wird der interaktive Austausch zwischen Referent*innen und Teilnehmer*innen gefördert.

 

Beiträge des Panels

 

Zusammenhänge zwischen sozio-demografischen Merkmalen frühpädagogischer Fachkräfte und ihren Überzeugungen zum Einsatz digitaler Medien in Kitas

Sebastian Then, Fabian Hemmerich, Prof. Dr. Yvonne Anders, Prof. Dr. Franziska Cohen
Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Projektlaufzeit: 10/18-09/21 (Verlängerung beantragt); Projektförderung: BMBF; Methoden: Dokumentenanalyse, Fragebogen- und Tagebuchstudie

Hintergrund: Pädagogische Potentiale und Herausforderungen durch Digitalisierung werden als wichtiges Zukunftsthema für die Erziehung, Bildung und Betreuung in Kitas diskutiert. Im wissenschaftlichen Diskurs wird auf Risiken, aber auch auf Chancen der pädagogischen Arbeit mit digitalen Medien aufmerksam gemacht (Fröhlich-Gildhoff & Fröhlich-Gildhoff, 2017; Knauf, 2018). Mit Blick auf Einstellungen frühpädagogischer Fachkräfte zu digitalen Medien und deren Einsatz in Kitas ist ein Bedarf an aktueller quantitativer Forschung zu verzeichnen.

Forschungsdesign: In einem Projekt der Otto-Friedrich-Universität Bamberg wurden mittels einer überregionalen, querschnittlichen Fragebogenstudie Fachkräfte zu digitalisierungsbezogenen Überzeugungen und Motivationen und zu ihrem eigenen pädagogischen Medieneinsatz befragt (N= 207). Bisherige Analysen fokussieren, wie sozio-demografische Einflussfaktoren dem Medieneinsatz im Kitaalltag Grenzen setzen oder dabei helfen, Grenzen abzubauen. Erste Ergebnisse zeigen z.B. negative Zusammenhänge zwischen dem Alter der Fachkräfte und ihrem Interesse an Digitalisierung in Kitas. Auch steht das Vorhandensein eines medienpädagogischen Schwerpunktes im Rahmen der beruflichen Ausbildung mit der Überzeugung eines positiven Einflusses digitaler Medien auf die sozio-emotionale Entwicklung von Kindern in Verbindung.

 

Medienhandeln in der Kita

Eric Simon1, Anja Stolakis1, Prof. Dr. Annette Schmitt1, Jörn Borke1, Luisa Fischer1, Sven Hohmann1, Dr. Henry Herper2, Dr. Volkmar Hinz2
1Hochschule Magdeburg-Stendal, 2Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

Projektlaufzeit: 07/2020 – 06/2023; Projektförderung: BMBF; Methode: Mixed-Methods

Hintergrund: In der Fachdiskussion werden die Haltungen, Potentiale und Risiken digitaler Medien in der frühen Bildung zunehmend differenzierter betrachtet. Ausgehend von einer vormals dichotomen Positionierung »pro« oder »kontra« digitale Medien zeigt sich der modus operandi pädagogischer Fachkräfte als sehr heterogen und korrespondiert mit den unterschiedlichsten Kompetenzen, Bedarfen, medialen Artefakten, (Berufs-)Biographien u.W. einer vielschichtigen Medienlandschaft. Dem daraus resultierenden Orientierungsbedarf – verbunden mit der Frage nach einem adäquaten, kindgerechten Einsatz von Medien in der Kita – geht das Projekt DiKit nach.

Forschungsdesign: Im Rahmen eines Mixed-Method-Designs werden zunächst in 9 kontrastierenden Kitas Fallstudien durchgeführt, um mit einer anschließenden Habitusanalyse konkrete Typen des Medienhandelns rekonstruieren zu können. Zur Validierung und Quantifizierung der eruierten Habitustypen wird ein Fragebogen entwickelt, der gleichzeitig als (Selbst-)Reflexionsfragebogen eingesetzt werden soll. Sowohl die Erkenntnisse der Habitusanalyse als auch das Instrument des (Selbst-)Reflexionsfragebogens münden schließlich in der Etablierung eines gezielten und spezifischen Fortbildungsmoduls für pädagogische Fachkräfte.

 

Digitalisierung in der frühkindlichen Bildung als eine Aufgabe der Organisationsentwicklung

Iris Nieding
Universität Duisburg-Essen

Projektlaufzeit: 09/2018 - 08/2023; Projektförderung: BMBF; Methode: Experteninterviews, Onlinebefragung

Hintergrund: Kindertageseinrichtungen als Organisationen personenbezogener sozialer Dienstleistungen werden mit gesellschaftlichen Veränderungen konfrontiert, die die Lebenswelt von Kindern, Familien und pädagogischen Fachkräften durchdringen. Die Auswirkungen der digitalen Transformationen führen zum einen zu Entgrenzungsprozessen, zum anderen bietet die Digitalisierung als Instrument der Arbeits- und Organisationsentwicklung den Akteuren Chancen, neue Möglichkeiten der Partizipation zu schaffen.

Forschungsdesign: In einem Dissertationsprojekt an der Universität Duisburg-Essen werden Fallstudien mit Trägern von Kindertageseinrichtungen aus der freien Wohlfahrtspflege in NRW durchgeführt. Anhand eines Mixed-Methods Forschungsdesign werden Trägervertreter*innen in Experteninterviews sowie Leitungs- und Fachkräfte über Online-Befragungen und Gruppendiskussionen dazu befragt, welche Auswirkungen die digitale Transformation auf die Aufgaben und Strategien der verschiedenen Handlungsebenen hat. Das Erkenntnisinteresse des darin Promotionsvorhabens liegt in der Analyse von Strategien der Träger, Digitalisierung für ihre Arbeit zu implementieren, und der Bedeutung von Steuerung des Prozesses in einem Feld, das von Tradition und starken Werthaltungen geprägt ist.

 

Digitale Medien zur Adressierung geflüchteter Eltern als Zielgruppe früher Bildung

Prof. Dr. Henrike Friedrichs-Liesenkötter, Marek Winkel
Leuphana Universität Lüneburg

Projektlaufzeit: 02/2019 - 01/2022; Projektförderung: MWK, mit Mitteln der Volkswagenstiftung und des „Niedersächsischen Vorab“; Methode: Qualitativ/ Interviews und Medienanalyse

Hintergrund: Im Falle geflüchteter Familien ist eine vergleichsweise geringe Inanspruchnahme frühpädagogischer Betreuungsangebote zu beobachten (Gambaro et al. 2017). Hieran anknüpfend nutzen Migrations- und Familienberatungsstellen, aber auch Projekte aus der privaten Sozialwirtschaft digitale Informations- und Kommunikationsmedien, um geflüchtete Eltern niedrigschwellig mit Informationen und Beratungsangeboten zum frühpädagogischen System zu adressieren und so ihren Zugang zu Kitas und Co. zu erleichtern. Digitale Medien bieten die Möglichkeit, verschiedene sprachliche Hintergründe zu berücksichtigen sowie eine zeit- und ortsunabhängige Interaktion, Beratung und Weitergabe, sodass diesen ein inklusives Potenzial zukommt. Da digitale Medien für geflüchtete Personen vielfach eine zentrale Rolle zur Orientierung in der hiesigen Gesellschaft spielen, wird dieser Weg der Adressierung gewählt (Emmer et al. 2016).

Forschungsdesign: Das Projekt an der Leuphana Universität Lüneburg untersucht unter anderem anhand 12 teilstrukturierter Leitfadeninterviews mit Fachkräften aus der Beratung und der Sozialwirtschaft, welche Chancen und Hindernisse hinsichtlich der inklusiven digitalen Adressierung geflüchteter Eltern als Zielgruppe der frühen Bildung bestehen.

 
14:00 - 16:00Eingrenzungen des Sexuellen – Diskursive Verhandlungen des Verhältnisses von Pädagogik und Sexualität
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 07
 

Chair(s): Dr. Thomas Viola Rieske (Europa-Universität Flensburg, Deutschland)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Jeannette Windheuser (Humboldt-Universität zu Berlin)

Das Verhältnis von Pädagogik und Sexualität ist in den vergangenen Jahren verstärkt in den Blickpunkt von Diskursen über pädagogische Professionalität gerückt: Aufarbeitungsprozesse zu sexualisierter Gewalt in pädagogischen Kontexten, Unterstellungen einer 'Frühsexualisierung' durch eine Pädagogik geschlechtlicher und sexueller Vielfalt oder Diagnosen mangelhafter sexueller Bildung arbeiten an einer (erneuten) Be- und Entgrenzung des Sexuellen in Pädagogik. Die Arbeitsgruppe beschäftigt sich daher mit den Fragen, wie das Verhältnis von Pädagogik und Sexualität mitsamt Be- und Entgrenzungen in erziehungswissenschaftlichen Debatten und in pädagogischer Praxis gestaltet wird und welche Desiderata in Bezug auf Forschung und Theorie zu pädagogischer Professionalität bestehen Die anschließende gemeinsame Diskussion wird durch einen Kommentar eingeleitet, der die Beiträge hinsichtlich ihres (theorie-)geschichtlichen Horizonts rahmt.

 

Beiträge des Panels

 

Bearbeitungen des Sexuellen in berufsbiographischen Narrationen von Pädagog*innen

Dr. Thomas Viola Rieske
Europa-Universität Flensburg

Neben pädagogischen Konzepten und organisationalen Strukturen gelten individuelle Ausformungen pädagogischer Professionalität als wesentliches Moment für die Ermöglichung oder Verhinderung sexualisierter Gewalt in pädagogischen Kontexten (vgl. Wazlawik/Christmann 2018; Retkowski/Thole 2012). Als professionsethische Norm ist diesbezüglich unter Bezugnahme auf psychoanalytische und strukturtheoretische Überlegungen eine „Abstinenzregel“ formuliert worden, nach der Pädagog*innen die Bedürfnisse von Adressat*innen nach Nähe und Distanz in angemessener Weise anerkennen sollten, ohne ihre Machtposition zur Befriedigung eigener entsprechender Bedürfnisse (insbesondere nach Nähe) auszunutzen (vgl. Dörr 2012; Helsper/Reh 2012).

Empirische Studien zeigen jedoch, dass die Umsetzung dieser Regel teilweise zum einen mit heteronormativen und androzentrischen Geschlechterkonstruktionen verknüpft ist und zum anderen mit einer Vermeidung von Sexualität und Sexuellem einhergeht (vgl. Hess/Retkowski 2019; Henningsen/List 2019; Krolzik-Matthei et al. 2019; Urban 2019). Vor diesem Hintergrund werden professionelle Reflexionen von biographisch gewordenen In-Verhältnis-Setzungen von Pädagogik und Sexualität relevant, die über eine Vermeidung diffuser Beziehungslogiken hinausgehen. Der Vortrag diskutiert diese Problematik anhand berufsbiographischer Narrationen von Pädagog*innen und formuliert Überlegungen zu einer kritischen Reflexion und Weiterentwicklung pädagogischer Professionsethik.

 

Konturierungen des Intimen in pädagogischen Praxen

Prof. Dr. Werner Thole1, Svenja Marks2
1Universität Kassel, 2Institut für Theorie und Empirie des Sozialen

Der Beitrag thematisiert aus einer praxeologischen Sicht, wie das Intime situativ und interaktiv zwischen Professionellen sowie Kindern und Jugendlichen in pädagogischen Handlungsfeldern konturiert und austariert wird. Im Vortrag werden Handlungs- und Strukturvarianten pädagogischer Intimität aus einem Forschungsprojekt präsentiert, die über ein qualitativ-rekonstruktives Methodendesign in Triangulation von ethnografischen Beobachtungen (vgl. Geertz 1987; Honer 1989), thematisch zentrierten narrativen Interviews (vgl. Schütze 1983) sowie Gruppendiskussionen (vgl. u. a. Mangold 1960; Nentwig-Gesemann 2002; Bohnsack/Przyborski/Schäffer 2006) gewonnen wurden. Anhand eines Fallbeispiels fokussiert der Beitrag auf die Dimensionen Körper und Geschlecht über den Rückgriff auf Praktiken der Herstellung von Konsens und Zustimmung zu körperlicher Nähe und Berührung. Über den rekonstruktiven Zugriff auf „concepts of consent“ (Bauer 2014) wird eine bislang wenig thematisierte Perspektive eingenommen, die eine die pädagogische Professionalität herausfordernde Thematik in Bezug auf den Komplex der Sexualität, den Umgang mit Körperkontakt und möglichen sexualisierten Grenzverletzungen aufgreift.

 

Normalitätskonstruktionen von Sexualität und Gewalt. Perspektiven junger Menschen auf Schutz, Selbstbestimmung und Grenzüberschreitungen

Prof. Dr. Elisabeth Tuider
Universität Kassel

Der Vortrag stellt Sichtweisen auf sexualisierte Grenzüberschreitungen, Sexualität und Schutz vor, die im Rahmen partizipativer Forschungen mit jungen Menschen mittels einer Onlinebefragung und qualitativer Interviews erhoben und analysiert wurden (vgl. Lips u.a. 2020). Deutlich wird darin, dass nicht die sexuelle Handlung per se, sondern – ganz im Sinne der Verhandlungsmoral (Schmidt 2004; Sigusch 2013) – die Art des Zustandekommens für junge Menschen zentral ist. D.h.: Sexualisierte Grenzüberschreitung beginnt da, wo Einverständnis und Zustimmung nicht vorliegen. Diese Sichtweisen junger Menschen auf Sexualität und Gewalt werden im Rahmen der diskursiven Verschiebungen im Normalitätskontinuum (vgl. Rubin 1984; Link 1999; Foucault 1984) kontextualisiert und diskutiert. Der diskursiv normative Rahmen sexueller Normalität bezieht sich dabei auf juristisch-mediale und aktivistisch politische Debatten, wie sie u.a. mit den Hashtags und Stichwörtern ‚Ja ist Ja‘, #metoo und rape culture zum Ausdruck gebracht werden. Im selben diskursiven Raum bewegen sich auch Verhandlungen des Verhältnisses von Pädagogik und Sexualität, wenn diese sich auf Schutzkonzeptdebatten und –überlegungen beziehen (Rusack 2020; Wolff/Schröer 2018). Wenn wir das diskursive Ringen im normativen Schauplatz Sexualität und Geschlecht als biopolitische Regulierung derselben verstehen, dann stellt sich an Pädagogik auch die Frage, welche Position sie in diesen Regulierungen einnimmt.

 
14:00 - 16:00Ent- und Begrenzungen (in) der Heimerziehung: Auf der Suche nach einer Theorie außerfamilialen Aufwachsens
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 22
 

Chair(s): Prof. Dr. Karin Bock (Technische Universität Dresden), Martin Grosse (Technische Universität Dresden, Deutschland)

Im und am Handlungs- und Forschungsfeld Heimerziehung offenbart sich eine Begrenzung etablierter erziehungswissenschaftlicher Theorien hinsichtlich ihrer Konzipierung von Erziehungs- und Bildungsprozessen, die vordergründig von einem familialen Aufwachsen ausgehen. Zugleich liegen bisher nur vereinzelt Elemente einer dezidierten pädagogischen Theorie der Heimerziehung vor. In der Arbeitsgruppe, die an die Arbeitsweise des „New Historicism“ kritisch anschließt, werden auf der Grundlage multitheoretischer, multimaterialer und multimethodischer Zugänge Suchbewegungen für eine (sozial-)pädagogische Theorie der Heimerziehung präsentiert und in einer gemeinsamen Plenardiskussion anschließend erörtert.

 

Beiträge des Panels

 

Zwischen Schule und Heim: Zur schulischen Situation von Kindern und Jugendlichen in Heimerziehung

Susanne Siebholz
MLU Halle-Wittenberg

Der Vortrag widmet sich der Frage nach dem Verhältnis Schule–Heimerziehung und der Relevanz dieses Verhältnisses für eine empirisch fundierte Weiterentwicklung der Theorie der Heimerziehung. Ansatzpunkt der Überlegungen sind dabei diejenigen Akteur*innen, auf die sowohl Institutionen der Heimerziehung als auch schulische Institutionen gleichzeitig pädagogisch zugreifen, die also zugleich als „Kinder und Jugendliche in Heimerziehung“ und „Schüler*innen“ konstituiert sind. Während in Deutschland die Schulforschung Schüler*innen, die in Heimerziehung leben, bislang noch nicht in den Blick genommen hat, berücksichtigen einige empirische Studien zur Heimerziehung bereits schulbezogene Fragestellungen. Deutlich werden u.a. in qualitativ- rekonstruktiven Studien die Relevanz von Schule a) in den Biographien von Menschen mit Heimerziehungserfahrungen und b) in den Alltagswelten der untergebrachten Kinder und Jugendlichen, in quantitativen Studien die Bedeutung des gegliederten Schulsystems und von Schule als Instanz, die Bildungszertifikate vergibt. Die Beobachtungen zur Verwobenheit von Schule und Heimerziehung im Medium derjenigen, die durch sie pädagogisch adressiert werden, gilt es aufzugreifen und in ihrem theoretischen Gehalt zu erfassen. Die Idee einer empirisch gehaltvollen Theorie der Heimerziehung, die deren systematische Bezüge zu Schule aufnimmt, erfordert dabei Grenzüberschreitungen zwischen bislang disparaten Zugängen und erziehungswissenschaftlichen Teildisziplinen.

 

Zwischen Umerziehung, ‚Kollektivgeist‘ und Bambule: Heimerziehung als Sozialgeschichte Ost-West

Stephanie Meiland
Technische Universität Dresden

Im Vortrag wird der Frage nachgegangen, inwiefern die Auseinandersetzung mit lebensgeschichtlichen Erfahrungen mit der Institution der DDR-Spezialheime zu einer Weiterentwicklung einer gesamtdeutschen Geschichte der Heimerziehung beitragen kann.
Dazu soll sich zunächst auf Basis von autobiographisch-narrativen Interviews und Jugendhilfe- sowie Heimakten aus einem laufenden Forschungsprojekt zu Spezialheimen in der DDR dem Gegenstand genähert werden, um anschließend verbindende und divergente Elemente einer Heimerziehung als Sozialgeschichte Ost-West herauszuarbeiten. Für eine ‚entgrenzte Theorie der Heimerziehung‘ werden schließlich die Begriffe von „Umerziehung“ und „Kollektiv“ sowohl hinsichtlich der biographischen Rekonstruktionen im jeweils öffentlichen Diskurs um Heimerziehung in Ost und West geprüft und danach gefragt, inwieweit Erziehung als pädagogisches Argument für eine Heimunterbringung jenseits der Herkunftsfamilien fachpolitisch legitimiert wurden. Dreh- und Angelpunkt sind Fragen danach, wie insb. geschlossene Heimunterbringung als pädagogisch entgrenztes und organisatorisch begrenzendes Konstrukt den Eingriff in die zentralen Sozialisationsinstanzen (Familie, Schule, Peers) in den Jugendhilfe- und Heimakten rechtfertigen und wie sich diese Legitimation in die Biographien der Adressat:innen eingeschrieben hat.

 

Zwischen pädagogischem Vermittlungshandeln und Peerorientierung: Heimerziehung als Lernort von Kindern und Jugendlichen

Martin Grosse
Technische Universität Dresden

Auf der Grundlage von Interaktionsprotokollen zwischen Pädagog_innen und Adressat_innen, die im Zuge der Durchführung eines sexualpädagogischen Spiels (Sex-ABC) in der Heimerziehung angefertigt und objektiv-hermeneutisch analysiert wurden, wird in dem Kurzreferat zentral die Frage diskutiert, wie Familialität als eine wesentliche Handlungsstrukturproblematik der Heimerziehung pädagogisch bearbeitet wird. Der Fokus auf Familialität resultiert aus dem Umstand, dass diese im Kontext von Heimerziehung und Sexualität in einer paradoxalen Konstellation zu Tage tritt: Zum einen in der faktischen alltäglichen Abwesenheit der Herkunftsfamilie und zum anderen in der symbolischen Anwesenheit als biographische Erfahrung einer (vorübergehenden und dauerhaften) gescheiterten Familiendynamik. Vor diesem Hintergrund stellt sich die in der Adoleszenz bedeutsame Ablösungsaufgabe von der Herkunftsfamilie als eine paradoxale und zugleich spezifische Herausforderung der Heimerziehung dar. In den bisherigen Analysen artikuliert sich hinsichtlich der aufgeworfenen Perspektive auf Seiten der Pädagog_innen einerseits eine entgrenzende Peerorierentierung, die darin besteht, lebensweltliche Adressat_innenpositionen und Erfahrungen zu übergehen und andererseits mit einer quasi-universalistischen Begrenzung sozialer Lebenswirklichkeiten pädagogisch zu antworten. Die Heimerziehung konturiert sich – vorläufig formuliert – als eine paradoxale Erziehungsagentur.

 

Zwischen Poiesis und Praxis: Das Heim als Herberge von Praxis – nicht Herberge von Kindern

Prof. Dr. Mark Schrödter
Universität Kassel

In der pädagogischen Theoriebildung gibt es eine lange Debatte, ob Erziehung eher als Handeln oder als Herstellen zu begreifen ist oder ob sie Aspekte beider Tätigkeitsformen beinhaltet. Im Vortag wird diese Unterscheidung für eine mögliche Theorie der Heimerziehung diskutiert. Es wird untersucht, inwiefern in der gegenwärtigen Theoriebildung Heimerziehung auf ambivalente Weise zwischen einer Poiesis- und Praxisperspektive hin- und hergeworfen ist. Einerseits scheint sie poietisch als Intervention gefasst und so therapeutisiert zu werden. Andererseits scheint sie praxisförmig als Beziehungsarbeit und Alltagshandeln gefasst zu werden, mit einer Tendenz zur Trivialisierung. In beiden Fällen mag sich ihr sozialpädagogischer Charakter entgrenzen. Im Ausblick wird ein Weg hin zu einer normativen Theorie der Heimerziehung skizziert, die von der Organisation ihren Ausgangspunkt nimmt. Dabei ginge es darum, die Einrichtung nicht mehr bloß als Herberge von Kindern zu konzipieren, sondern als Herberge einer wertvollen Praxis, in die die Kinder und Jugendlichen zu initiieren wären. Diese argumentative Perspektivverschiebung wird als ein Element einer entgrenzenden Theorie der Heimerziehung diskutiert.

 
14:00 - 16:00Entgrenzung empirischer Paradigmen für die Genese von Erkenntnis: erkenntnistheoretische Chancen und wissenschaftstheoretische Herausforderungen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 35
 

Chair(s): Dr. Caroline Rau (Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Deutschland)

Die Praxis der empirischen Forschung entwickelt sich im Moment schnell weiter. Traditionelle Grenzen der Paradigmen sowie der damit verbundene klare lehrbuchartige Zuschnitt einzelner Methoden oder methodologischer Zugänge verlieren ihre orientierende Funktion. Im Rahmen der Weiterentwicklung hypothesengenerierender und hypothesenüberprüfender Verfahren sowie im Umgang mit Mixed Methods Ansätzen entstehen damit spezifische Herausforderungen. Konkret stellt sich z.B. die Frage, wie rekonstruktiv-qualitative Forschungsbefunde in quantitative Forschungsdesigns überführt werden können – und umgekehrt. Die epistemische Erwartung in der Kombination mehrerer Paradigmen liegt darin, dass ebendiese einen enormen Zuwachs an Erkenntnisgewinn nach sich ziehen kann. Zugleich bedarf die Kombination derselben aber einer wissenschafts- sowie erkenntnistheoretischen Fundierung, um entsprechende Implikationen der Entgrenzung von Paradigmen reflexiv begegnen und entsprechend weiterentwickeln zu können.

 

Beiträge des Panels

 

Die Übersetzung von Skalen in Kodierregeln und die damit verbundenen Probleme der Kontextualität von Konstrukten

Martina Osterrieder, Anne-Christine Banze, Prof. Dr. Annette Scheunpflug
Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Dieser Beitrag legt methodologische Herausforderungen bei der Übersetzung eines psychologischen, quantitativ fundierten Wertemodells für eine qualitative Auswertung dar. Konkret wurde aus den Skalen eines Fragenbogens – dem PVQ5X Value Survey (Schwartz, 2012) – deduktiv ein Kategoriensystem entwickelt, das im Kontext einer Qualitativen Inhaltsanalyse zum Einsatz kam und induktiv weiterentwickelt wurde. Als Datenbasis für die Qualitative Inhaltsanalyse und die Weiterentwicklung des Kategoriensystems dienten Lehrpläne und die darin formulierten Bildungs- und Erziehungsziele, die hinsichtlich der sich in ihnen manifestierenden Werte untersucht wurden. Im Beitrag werden die Herausforderungen der Übersetzung des quantitativen Erhebungsinstruments in das qualitative dargestellt. Zudem wird aufgezeigt, wie die deduktiv-induktive Entwicklung des Kategoriensystems und die damit generierten Befunde das Fragebogenkonstrukt für eine inhaltliche Weiterentwicklung auf der Itemebene angeregt haben. Denn die qualitativ-inhaltsanalytische Auswertung der Lehrpläne deckte gesellschaftliche und institutionenspezifische Erwartungserwartungen (Luhmann, 1984) von Werten auf, während der Fragebogen in seiner Erstfassung zunächst lediglich Selbstauskünfte von Individuen festhält. Ziel des Beitrages ist es, die forschungspraktischen Herausforderungen dieser Untersuchung methodologisch zu systematisieren sowie diese erkenntnis- und wissenschaftstheoretisch einzuordnen.

 

Methodische Herausforderungen bei der Entwicklung eines Messinstruments auf Basis qualitativ-rekonstruierter Primärdaten in Form von Idealtypen

Jana Costa1, Dr. Caroline Rau2
1Leibniz-Institut für Bildungsverläufe e.V., 2Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Im Beitrag wird die Entwicklung und Validierung eines Messinstruments auf Basis der Ergebnisse einer qualitativ-rekonstruktiven Forschungsarbeit zu epistemologischen Überzeugungen (EpÜ) von Lehrkräften geisteswissenschaftlicher Fächer (Rau, 2020) vorgestellt. Der Schwerpunkt liegt auf der Präsentation einer Systematik zur Überführung qualitativ-rekonstruierter Idealtypen (Weber, 1988), die mittels Dokumentarischer Methode (Bohnsack, 2014) gewonnen wurden, in ein quantitatives Messinstrument. Während bisherige Mixed Methods Forschung häufig auf die Durchführung eines Gesamtprojekts unter Rückgriff auf verschiedene Designs fokussiert ist und die sinnvolle Verknüpfung von quantitativen und qualitativen Methoden auf einer allgemeinen Ebene diskutiert (z.B. Kuckartz, 2014), steht in diesem Projekt das Potenzial bereits existierender qualitativer Primärdaten für die Entwicklung eines quantitativen Messinstruments im Mittelpunkt. Präsentiert werden die Ergebnisse eines quantitativen Pretests (n=200) sowie die damit verbundenen Möglichkeiten und Herausforderungen (1) in der Itementwicklung und (2) der Validierung der Items. Da bislang keine reliablen und validen Messinstrumente zur Erfassung EpÜ von Lehrkräften geisteswissenschaftlicher Fächer vorliegen (Rau, 2020; Priemer, 2006) ist die systematische Entwicklung psychometrisch belastbarer Skalen in diesem Bereich ein zentraler Beitrag zur Weiterentwicklung des Forschungsfeldes und für die Lehrkräftebildung(-sforschung).

 

Die Nutzbarmachung generalisierter Befunde der qualitativ-rekonstruktiven Forschung für Clusteranalysen

Dr. Caroline Rau, Dr. Matthias Borgstede
Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Im Rahmen einer qualitativ-rekonstruktiven Studie wurden die epistemologisch-impliziten Überzeugungen von Lehrkräften, die ein geisteswissenschaftliches Fach unterrichten, in den Blick genommen. Im Kontext der Generalisierung der Befunde wurden zunächst Idealtypen (Weber, 1988) gebildet: Darin konnte gezeigt werden, dass Lehrkräfte um die Geltung von Lesarten ringen und eben diese über unterschiedliche Verfahren ausweisen. Diese Idealtypen dienen als „Utopie“ (Weber, 1988), mittels derer – in ihrer Funktion als heuristisches Konstrukt – empirische Einzelfälle wiederum analysiert werden können. Nun zeigen aber bisherige Untersuchungen, dass Lehrkräfte diese abtstrakten Idealtypen häufig nicht als Reflexionsfolie für ihren eigenen Habitus anwenden können: Denn die Analyse des eigenen Habitus setzt voraus, dass Lehrkräfte ihrem eigenen impliziten Überzeugungssystem anhand der Idealtypen explikativ-reflexiv begegnen können. Basierend auf diesen Befunden wurde ein diagnostisches Selbstmessinstrument entwickelt, mittels dessen die Lehrkräfte die Qualia ihrer eigenen epistemologischen Überzeugungen einschätzen können. Dabei wurde das Konzept der Idealtypen in ein quantitatives Klassifikationsmodell übersetzt. Hierfür wurde zunächst eine theoriebasierte k-Means Clusteranalyse durchgeführt, an welche sich eine Diskriminanzanalyse anschloss. Auf diese Weise wurde ein abstraktes Bezugssystem konstruiert, das maximal zwischen den Typen differenziert.

 

Formen der Generalisierung und Replikation qualitativer und quantitativer Forschung

Dr. Matthias Borgstede, Dr. Marcel Scholz
Otto-Friedrich-Universität Bamberg

In diesem Beitrag stehen die Konstruktion abstrakter Repräsentationen von empirischen Beziehungsstrukturen und die damit verbundenen Herausforderungen der Geltung und Replikation im Mittelpunkt. Während die quantitative Forschung variablenbasierte Modelle verwendet, die von Einzelfällen abstrahieren, bevorzugt die qualitative Forschung fallbasierte Modelle, die von individuellen Merkmalen abstrahieren (Ragin, 1987; Rihoux & Ragin, 2009). Variablenbasierte Modelle werden meist in Form von quantifizierten Sätzen (wissenschaftlichen Gesetzen) formuliert. Diese syntaktische Struktur impliziert, dass Sätze über einzelne Fälle durch deduktives Schließen abgeleitet werden. Im Gegensatz dazu werden fallbasierte Modelle üblicherweise in Form von kontextabhängigen Existenzialsätzen (qualitative Aussagen) beschrieben (Borgstede & Scholz, 2021). Diese syntaktische Struktur impliziert, dass Sätze über andere Fälle durch induktives Schließen begründbar sind. Wir wenden diese repräsentationalistische Perspektive auf die Probleme der Generalisierung und Replikation an. Die repräsentationale Rekonstruktion qualitativer und quantitativer Methoden ermöglicht es, gegenstandsangemessen zu entscheiden, welche Repräsentationsform im Einzelfall geeignet ist, und qualitative und quantitative Konstruktionen zueinander in Bezug zu setzen bzw. miteinander zu verbinden.

 
14:00 - 16:00Entgrenzungen antidemokratischer Bewegungen, Begrenzungen gesellschaftlicher Teilhabe – Soziale Arbeit und die neuen Rechten
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 45
 

Chair(s): Prof. Dr. Vicki Täubig (Universität Rostock, Deutschland), Prof. Dr. Anselm Böhmer (Pädagogische Hochschule Ludwigsburg), Prof. Dr. Zoe Clark (Universität Siegen), Dr. Mischa Engelbracht (Universität Erfurt), Prof. Dr. Davina Höblich (Hochschule Rhein Main)

Globalisierung und Digitalisierung als gesellschaftliche Entwicklungen spielen der grenzübergreifenden Landnahme neurechter Bewegungen zu. Das Symposium unternimmt eine Auseinandersetzung mit den Versuchen rechter Landnahmen in der Sozialen Arbeit aber auch mit in der Sozialen Arbeit etablierten subtileren Formen von Rassismus und Sexismus.

Die Entgrenzungen antidemokratischer Bewegungen und damit einhergehende Begrenzungen gesellschaftlicher Teilhabe werden ins Verhältnis gesetzt zu bisherigen theoretischen Perspektiven einer Sozialen Arbeit als Grenzbearbeiterin und Grenzakteurin. Empirische Beiträge zur Mobilisierung durch neurechte Bewegungen in der Jugendarbeit und im Kontext der Einschränkung reproduktiver und sexueller Rechte befassen sich ebenso wie die Perspektiven der Rassismuskritik mit Grenzverschiebungen, -überschreitungen und -bearbeitungen im Kontext demokratiefeindlicher Tendenzen in der Gesellschaft sowie Wissenschaft und Praxis Sozialer Arbeit.

 

Beiträge des Panels

 

Soziale Arbeit als ‚Zollbeamt*in‘. Oder: Um welche Grenzen geht es hier und wie könn(t)en sie ‚bearbeitet’ werden?

Prof. Dr. Susanne Maurer
Universität Marburg

Die Funktionen Sozialer Arbeit in den jeweils aktuellen Wohlfahrtsregimen lassen sich weder ahistorisch noch eindeutig bestimmen. Gleichwohl sind die Akteur*innen Sozialer Arbeit im Kontext demokratischer Gemeinwesen auf deren Grundsätze verpflichtet. In der aktuellen gesellschaftlichen und politischen Situation kommen sie nicht umhin, sich mit den deutlich wahrnehmbaren demokratiegefährdenden Tendenzen auseinanderzusetzen. Ein wesentlicher Bezugspunkt in diesem Zusammenhang ist ihre – auch rechtlich kodifizierte – Verpflichtung zur Unterstützung gesellschaftlicher Teilhabe.

Die seit etlichen Jahren diskutierte Perspektive, Soziale Arbeit auch als ‚Grenzbearbeitung‘ aufzufassen, wird in diesem Beitrag auf die aktuellen gesellschaftspolitischen Herausforderungen angesichts des Erstarkens demokratiefeindlicher rechtsautoritärer Strömungen bezogen. Mit der Metapher der ‚Zollbeamt*in‘ wird dabei insbesondere die (wohlfahrts-)staatlich verfasste Seite Sozialer Arbeit – in ihren Problematiken, Dilemmata aber auch Chancen – beleuchtet. Auf diese Weise gerät Soziale Arbeit nicht zuletzt als ‚Grenz-Wächterin‘ in den Blick: Inwieweit geht es hier auch um die Achtung, Beachtung – und das Wachen über die Grenzbereiche – des Demokratischen?

 

(R)Echte Jugendarbeit?

Eva Grigori
Fachhochschule St. Pölten

„Nicht nur Ideen und tolle Räume machen eine Jugendarbeit aus, sie muss auch zukunftsorientiert und mit Inhalten gefüllt werden“ – ein Satz, der so in jedem Jahresbericht einer beliebigen Jugend(hilfe)einrichtung im deutschsprachigen Raum stehen könnte. Mit diesem verhält es sich jedoch anders. Die Aussage stammt von der national-sozialistisch orientierten Kleinpartei „Der III. Weg“. Mit Überlegungen und Ideen, wie man junge Menschen ansprechen, fördern und im eigenen Sinne erziehen kann, sind diese nicht alleine – die extreme Rechte macht sich zusehends öffentliche Gedanken um organisierte und mitunter professionalisierte Formen der Jugendarbeit. Der Vortrag skizziert aktuelle Praxisbeispiele und ordnet diese wissenschaftlich ein. Der Umgang mit dem Phänomen rechter Jugendarbeit ist in der deutschen wie österreichischen Jugendhilfe gekennzeichnet von Unwissen, Abwehr und Bagatellisierung. Ideen und Ansatzpunkte für einen professionellen Umgang auf den Ebenen Fall, Sozialraum und professionellem Selbstverständnis werden vor- und zur Diskussion gestellt.

 

Restoring Order the Natural. The religious extremists’ vision to mobilize European societies against human rights on sexuality and reproduction

Neil Datta
European Parliamentary Forum on Population and Development (EPF)

Created in 2013, a pan-European Christian extremist network going under the innocuous name of “Agenda Europe” convenes an annual secretive “Summit” in different European capitals gathering between 100 and 150 individuals and organisations from the main anti-choice (for them “pro-life”) and homophobic (for them “pro-family”) movements across 30 countries of the continent. In addition to an annual members-only “Summit” where Chatham House rules apply, Agenda Europe shares a blog where members comment on developments from an ultra-Conservative perspective as well as a common manifesto entitled “Restoring the Natural Order”. It reveals a radically reactionary worldview which, if successfully implemented, would remove human rights in matters of sexual and reproduction of every single European and specifically for certain categories of persons, such as women, young people and the LGBTQI community. The challenges to democracy often first target women’s rights and sexual minorities and judging by recent developments in Russia, Poland and Spain as well as the campaigns against the Istanbul Convention, it looks like Agenda Europe’s next target are laws on gender based violence.

 

Rassismen in der Sozialen Arbeit – Rassismuskritik als Querschnittsaufgabe

Prof. Dr. Christine Hunner-Kreisel1, Yasmina Gandouz-Touati2
1Universität Vechta, 2Fachhochschule Bielefeld

Während von den weißen Professionellen der Sozialen Arbeit eine sogenannte ‚Interkulturelle Kompetenz‘ zu erwerben gewünscht und gefordert wird, wird von den Professionellen of Color essentialistisch eine sogenannte ‚interkulturelle Kompetenz‘ erwartet und unterstellt, die zudem nur in den dominant für sie vorgesehenen Feldern eingesetzt werden muss: eine Praxis, die Professionelle und Adressat*innen auf einen Status als „Geanderte“ (Mecheril 2010) reduziert und verobjektiviert (Attia 2013). Hier zeigt sich, dass Rassismus nicht nur ein Problem kleinerer rechter Gruppierungen ist, sondern in impliziten Formen auftritt und häufig nicht als strukturelles Phänomen und als Ungleichheitsverhältnis anerkannt wird. Die beschriebenen Forderungen auf ein kollektiv rassistisches Gedächtnis, das fortlaufend zwischen einem »Wir« sowie den »natio-ethno-kulturellen Anderen« unterscheidet (Mecheril 2010). Dieses ›Wissen‹, welches dem sekundären Rassismus (Melter 2018) zugrunde liegt und über welches implizit verhandelt wird, wer als unhinterfragt zugehörig konstruiert wird und wer nicht, zeigt sich als wahrnehmungs- und handlungsleitend auch in der Sozialen Arbeit. In unserem Vortrag befassen wir uns mit Rassismen in der Sozialen Arbeit und Rassismuskritik als Querschnittsaufgabe. Dabei beziehen wir uns auf institutionelle Beispiele rassismuskritischer Arbeit in Wissenschaft und Praxis.

 
14:00 - 16:00Grenzziehungen zwischen Regel- und Sonderpädagogik in inklusiven Kontexten
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 18
 

Chair(s): Ann-Kathrin Arndt (Leibniz Universität Hannover, Deutschland), Jonas Becker (Goethe-Universität Frankfurt), Dr. Julia Gasterstädt (Goethe-Universität Frankfurt)

Die Debatte um Inklusion stellt die etablierte Konstellation zwischen Regel- und Sonderpädagogik – als Grenzziehung innerhalb der Erziehungswissenschaft – in Frage. Die Delegation von als behindert bzw. sonderpädagogisch förderbedürftig geltenden Schüler*innen zwischen Regel- und Sonderpädagogik gerät in eine Legitimationskrise. Gleichzeitig bleibt die Grenze zwischen Regel- und Sonderpädagogik jedoch u.a. in der bildungspolitischen Interpretation von Inklusion, der Lehramtsausbildung sowie der Unterrichtspraxis wirkmächtig. Die Arbeitsgruppe fokussiert die Grenzziehungen zwischen Regel- und Sonderpädagogik in inklusiven Settings in einem multiperspektivischen Zugriff: Neben den Positionierungen der Lehrkräfte werden die Aushandlungen in Teamgesprächen sowie die Perspektive von Schüler*innen einbezogen, um übergreifend danach zu fragen, welche Bearbeitungsmodi der Differenz zwischen Allgemeinem und Besonderem in inklusiven Settings beobachtet werden können.

 

Beiträge des Panels

 

Zur Differenz zwischen Sonder- und Regelschulpädagog*innen in sich inklusiv entwickelnden Schulen

Dr. Julia Gasterstädt, Alica Strecker, Prof. Dr. Michael Urban
Goethe-Universität Frankfurt

Der Beitrag schließt an vielfältige qualitative und quantitative Arbeiten an, die die Zusammenarbeit bzw. Kooperation von schulischen Akteuren in sich inklusiv entwickelnden Schulen analysieren. Diese Arbeiten haben gemeinsam, dass sie von der Differenz der Professions- bzw. Berufsgruppen ausgehen. Der Beitrag folgt dieser Setzung allerdings nicht, sondern rekonstruiert, wie die Differenzierung zwischen Sonder- und Regelschulpädagog*innen in alltäglichen schulischen Situationen hergestellt wird und daran anschließend Formate der Zusammenarbeit zwischen diesen Professions- und Berufsgruppen prozessiert werden. Dazu stellt der Beitrag Ergebnisse aus dem BMBF-geförderten Projekt „ProFiS - Professionalisierung durch Fallarbeit für die inklusive Schule“, Teilprojekt Elterneinbindung, vor. Das Teilprojekt geht davon aus, dass Prozesse der In- und Exklusion in komplexe Situationen eingebunden sind, die es multiperspektivisch zu analysieren gilt. Daher wurden in fünf Klassen neben mehrwöchigen Phasen teilnehmender Beobachtungen Gruppendiskussionen und Interviews mit schulischen Akteuren und Eltern geführt und entlang der Vorschläge der Grounded Theory Methodologie sowie der Situationsanalyse analysiert. Der Beitrag fragt nun danach, wodurch sich die Differenz zwischen Sonder- und Regelschulpädagog*innen im schulischen Alltag an sich inklusiv verstehenden Schulen kennzeichnen lässt – wie und woran also diese Grenze immer wieder hervorgebracht wird.

 

Schüler*innenbezogene Differenzsetzungen in Aushandlungs- und Abstimmungsprozessen in Teamgesprächen von Regelschullehrkräften und Sonderpädagog*innen

Ann-Kathrin Arndt
Leibniz Universität Hannover

Unter Rückgriff auf „negotiated order“ (Strauss, 1978) als theoretische Sensibilisierung werden Teamgespräche „als ein zentraler Ort der Verhandlung pädagogischer Arrangements“ (Cloos et al., 2019, S. 7) betrachtet. Der Vortrag basiert auf zwei, in einem Promotionsprojekt audiographierten, Gesprächen von Regelschullehrkräften und Sonderpädago*innen zur Unterrichtsplanung, in denen ein Bezug auf die Gruppe der Schüler*innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf unterschiedlich relevant erscheint. Das Gespräch mit einer hohen Relevanz für die Aushandlungs- und Abstimmungsprozesse wird vertiefend betrachtet. Die hier relevante Unterscheidung zwischen den Regelschülern, die ‚sich nicht aufhalten müssen‘, und den Schüler*innen mit Förderbedarf, die ‚sich aufhalten dürfen‘, erscheint mit unterschiedlichen Fokussierungen und ‚commitments‘ der Lehrkräfte verbunden. Diese Nahaufnahme bezogen auf die Aushandlungs- und Abstimmungsprozesse in Teamgesprächen lässt sich mit Blick auf die unterschiedlichen Positionierungen bezogen auf die Grenzen von Sonder- und Allgemeiner Pädagogik diskutieren.

Strauss, A. (1978). Negotiations. Varieties, contexts, processes, and social order. San Francisco.

Cloos, P., Fabel-Lamla, M., Kunze, K. & Lochner, B. (2019). Einleitung: Pädagogische Teamgespräche als neues Forschungsfeld. In Dies. (Hrsg.), Pädagogische Teamgespräche. Methodische und theoretische Perspektiven eines neuen Forschungsfeldes (S. 7–14). Weinheim.

 

Die einen drinnen, die anderen draußen – Grenzziehungen in der äußeren Differenzierung aus Schüler*innensicht

Jonas Becker1, Ann-Kathrin Arndt2, Prof. Dr. Jessica Löser3, Prof. Dr. Michael Urban1, Prof. Dr. Rolf Werning2
1Goethe-Universität Frankfurt, 2Leibniz Universität Hannover, 3Georg-August-Universität Göttingen

Der Vortrag bearbeitet das Thema der Arbeitsgruppe unter Einbezug der – häufig unterrepräsentierten – Schüler*innenperspektive und greift auf Ergebnisse des BMBF-geförderten Verbundprojektes „Reflexion, Leistung & Inklusion“ zurück. Im Rahmen einer qualitativen Studie an zwei inklusiven Gesamtschulen und Gymnasien wurden u.a. episodische Interviews mit verschiedenen Schüler*innen geführt. Dabei thematisieren die Schüler*innen auch das Phänomen des Rausgehens – entweder das eigene Rausgehen oder das Rausgehen von Mitschüler*innen. Dahinter verbirgt sich die in den vier Schulen unterschiedlich stark ausgeprägte Praxis, dass Schüler*innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Rahmen äußerer Differenzierung das Klassenzimmer verlassen und etwa von Sonderpädagog*innen separat unterrichtet werden. Das Rausgehen kann insofern als eine unterrichtsorganisatorische Grenzziehung zwischen Regel- und Sonderpädagogik gelesen werden. Der Vortrag setzt sich mit der Frage auseinander, inwiefern die Schüler*innen im Rahmen von mit ihnen geführten Interviews sowie in teilnehmenden Beobachtungen Bezug auf diese Grenzziehung nehmen. Dabei wird analysiert, in welchen Formen die Schüler*innen in das Relevantmachen und Bearbeiten der Differenz zwischen Allgemeinem und Besonderem involviert werden. Ein Fokus liegt dabei darauf, inwiefern diese Differenz mit den Gruppenkonstruktionen „Regelschüler“ und „Förderschüler“ sowie mit leistungsbezogenen Differenzkonstruktionen verwoben sind.

 
14:00 - 16:00Heterogene Familien und heterogene Hilfen? Adressat*innen sozialer Dienste zwischen Partizipation, Benachteiligungen und Diskriminierung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 28
 

Chair(s): Dr. Sabine Hecklau-Seibert (Universität Mainz), Prof. Dr. Alexandra Klein (Universität Mainz), Dr. Bettina Ritter (Universität Mainz)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Svenja Heck (Hochschule Darmstadt), Prof. Dr. Christian Kjeldsen (Aarhus Universitet)

Im Zuge aktueller – bereits beschlossener sowie noch diskutierter – Reformprozesse in der Kinder- und Jugendhilfe und Behindertenhilfe werden etablierte Grenzziehungen von Zuständigkeiten, Anspruchsberechtigungen, Partizipationsmöglichkeiten, aber auch von Problemdefinitionen und Zielsetzungen in Frage gestellt. Dies macht hinsichtlich fälliger fachpolitischer Positionierungen und fachlicher Ausgestaltungen der Hilfen verstärkte disziplinäre Vergewisserungen nötig, wozu diese Arbeitsgruppe auf theoretischer und empirischer Grundlage einen Beitrag leistet. Um eine adressat*innenorientierte Perspektive zu schärfen, wird auf sonderpädagogische sowie sozialpädagogische Wissensbestände und fachliche Konzeptionen zurückgegriffen. Dabei wird ebenso die Frage diskutiert, wie intersektionale Ungleichheiten in und durch die, in den Hilfen eingelagerten Problemdeutungen und Zielbestimmungen, (re-)produziert werden und welche Zugangs- und Aneignungsmöglichkeiten für Adressat*innen bestehen.

 

Beiträge des Panels

 

Partizipation. Ein Schlüsselkonzept widersprüchlicher Grenzbearbeitung

Dr. Sabine Hecklau-Seibert, Prof. Dr. Alexandra Klein
Universität Mainz

Partizipation gilt in Sozial- und Sonderpädagogik, in der Sozialen Arbeit und der Behindertenhilfe als Schlüsselkonzept, das gleichzeitig in Politik, sozial- und sonderpädagogischer Praxis und Forschung ausgesprochen unterschiedlich bestimmt wird. Auf verschiedenen Ebenen gesetzlich verankert, bleibt die Art und Weise, etwa in welchem Ausmaß und mit welchen Verfahren sich Partizipation realisieren soll, weitgehend unbestimmt. Diese Deutungsoffenheit erweist sich mit Blick auf die Heterogenität der Handlungsfelder und involvierten Adressat*innen etwa hinsichtlich Alter und Fähigkeiten als durchaus sinnvoll. Partizipation wird damit vielfältig theoretisch-konzeptionell anschließbar, steht jedoch immer auch in der Gefahr fachlich und politisch trivialisiert zu werden. Ausgehend von dieser Einsicht werden in dem Vortrag zunächst zentrale sozial- und sonderpädagogische Bezugnahmen auf das Schlüsselkonzept Partizipation herausgearbeitet und auf Gemeinsamkeiten, Differenzen und Widersprüche befragt. Im Spannungsfeld von Benachteiligung und Beeinträchtigung erweist sich eine intersektional relationierte Verhältnisbestimmung von Teilhabe und Selbstbestimmung als zentral. Vor diesem Hintergrund wird Partizipation schließlich als Kristallisationspunkt einer teildisziplinär übergreifenden, ungleichheitsreflexiven Grenzbearbeitung entworfen.

 

Materielle Benachteiligungen von Eltern als Adressat*innen sozialer Dienste

Stefanie Albus1, Dr. Bettina Ritter2
1Universität Bielefeld, 2Universität Mainz

Adressat*innen von sozialen personenbezogenen Dienstleistungen nach den Sozialgesetzbüchern VIII (Kinder- und Jugendhilfe) und IX (Rehabilitation und Teilhabe von Menschen mit Behinderungen) sind in hohem Maß von materiellen Benachteiligungen und Armutslagen betroffen. Der Beitrag verfolgt das Anliegen, diesen Sachverhalt für fachliche Positionierungen in den aktuellen Reformdebatten in der Kinder- und Jugendhilfe und für die Umsetzungen des BTHG zu stärken und zu schärfen. Dabei wird ein Fokus auf elternbezogene Hilfen gesetzt und gefragt, wie angesichts vielfältiger Bedarfs- und Zielbestimmungen, die in den gesetzlichen Vorgaben ebenso wie in der mannigfaltigen und regional spezifischen Hilfelandschaft vorliegen, die komplexen und dynamischen Lebenssituationen von Eltern und ihren Kindern adressiert werden. Es wird die Frage diskutiert, inwiefern die Hilfen neben der Bearbeitung einer (defizitären) Erziehungsfähigkeit oder einer behinderungsbezogenen Teilhabeeinschränkung auch grundlegend die materiellen Bedingungen für gelingende Elternschaft berücksichtigen (können). Dem wird auf der Grundlage einer Kartographie der Leistungen für Eltern und Ergebnissen qualitativer Interviews mit Adressat*innen nachgegangen.

 
14:00 - 16:00Im Grenzbereich von Familie und Schule
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 37
 

Chair(s): Prof. Dr. Karin Bräu (Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Deutschland), Prof. Dr. Hedda Bennwitz (Universität Kassel)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Dominik Krinninger (Universität Osnabrück)

Familie und Schule sind über die Kinder und Jugendlichen miteinander verbunden. Eltern und Lehrer*innen haben Erwartungen aneinander, beziehen sich aufeinander, stimmen überein oder ärgern sich übereinander und verhandeln Vorstellungen zu Erziehung und Bildung; sie kooperieren oder sie tun es nicht. Und auch die Kinder und Jugendlichen müssen in diesem Grenz- oder Schnittbereich (was zu bestimmen wäre) agieren. Während aus strukturfunktionalistischer Perspektive Schule und Familie als zwei Felder mit unterschiedlichen, sich ergänzenden, Aufgaben im Kontext von Erziehung und Bildung gesehen werden, wird in der AG auf den Grenz-/Schnittbereich von Schule und Familie fokussiert, bei dem es dann um gemeinsam hervorgebrachte Praktiken – auch mit Hilfe von Artefakten, wie z.B. Hausaufgabenhefte – und um Differenzerfahrungen geht. Diese werden sowohl aus der Perspektive der Erwachsenen als auch der der Kinder und nicht zuletzt im Hinblick auf die Herstellung sozialer Ungleichheit diskutiert.

 

Beiträge des Panels

 

Involvierung, Abgrenzung, Anpassung. Handlungsorientierungen von Grundschulkindern zwischen Familie und Schule

Prof. Dr. Tanja Betz, Nicoletta Eunicke
Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Das bessere, gar optimierte Zusammenwirken von Schule und Familie steht nicht nur angesichts des Problems ungleicher Bildungschancen hoch im Kurs. Im Fokus der auf die Schule bezogenen praxisorientierten und wissenschaftlichen Fachliteratur stehen vielfältige Formen der Elternarbeit und prominent: die Bildungs- und Erziehungspartnerschaft. Ein engeres Verhältnis zwischen Familie und Schule gilt als vielversprechend für Kinder: Das intensivere Zusammenwirken diene dem Wohl der Kinder, die wechselseitige Öffnung zwischen Schule und Familie sei in ihrem Interesse und der enge Austausch befördere ihren Schulerfolg. Auffällig wenig sind indessen die Kinder, ihre Positionen im und Perspektiven auf das Verhältnis zwischen Schule und Familie im Fokus. Im Beitrag wird aus der theoretischen Perspektive der sozialwissenschaftlichen Kindheitsforschung und auf Basis von 13 Gruppendiskussionen mit Dritt- und Viertklässlern im Forschungsprojekt „Kinder zwischen Chancen und Barrieren“ mittels rekonstruktiver Analysen aufgezeigt, dass und inwiefern Kinder konträre Handlungsorientierungen aufweisen. Sie teilen miteinander die Differenzerfahrung, als Kind(er) in die (neue) Gestaltung des Verhältnisses zwischen Familie und Schule eingebunden zu sein. Ihre kollektiven Handlungsorientierungen im Umgang mit dieser Erfahrung unterscheiden sich in korrespondierenden, separierenden und akzeptierenden Handlungsmodi.

 

Im Grenzbereich: Das „Hausaufgabenheft“ als gemeinsame Praxis von Schule und Familie

Prof. Dr. Hedda Bennewitz1, Prof. Dr. Karin Bräu2, Laura Fuhrmann2
1Universität Kassel, 2Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Das Hausaufgabenheft – zunächst als individuell geführtes Heft zum Festhalten und Erinnern der Hausaufgaben – hat heute oft institutionalisierte Formen angenommen, das zusätzlich ein Kommunikationsmedium zwischen Elternhaus und Schule darstellt. Während direkte Kontakte, also persönliche Begegnung oder Telefonate selten sind und relativ aufwändig organisiert werden müssen, können über das Hausaufgabenheft schnell Informationen und Anliegen ausgetauscht werden. Es dient also als ‚Organizer‘ und kann zugleich Dienste als Kontroll- und Disziplinierungsinstrument erfüllen, wenn Schüler*innen und Eltern darüber zur Einhaltung schulischer Normen aufgefordert werden. Im Beitrag wird aus einer praxeologische Perspektive der Grenzbereich von Schule und Familie über das Hausaufgabenheft analysiert. Als typisches Artefakt der Kommunikation werden das Medium selbst sowie sein Einsatz in der Schule und in der Familie in den Blick genommen. Er wird danach gefragt, welche Funktionen, impliziten Wissensbestände und Subjektpositionen sich an den Gebrauch des Heftes binden und wie sich diese mit dem Transfer von einer Institution in die andere verändern. Die Analyse richtet sich also auf die sozialen Praktiken, die mit dem Hausaufgabenheft verknüpft sind.

 

Ethnographie jenseits von Feldern. Die Schnittmenge von Schule und Familie

Prof. Dr. Jürgen Budde1, Dr. Martin Bittner2
1Universität Flensburg, 2FiBS Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie

Eine erziehungswissenschaftliche Ethnographie, die sich an praxistheoretischen Ansätzen orientiert, ist herausgefordert zu überdenken, was als ‘ethnographisches Feld’ verstanden werden kann. Beobachtungen von Erziehungs- und Bildungspraktiken können sich nicht ausschließlich auf eine Institution wie die Schule oder die Familie beziehen, sondern müssen die Schnittmenge von Praktiken in den Blick nehmen, die sich zu Konstellationen verbinden. Die Relationierung von Familie und Schule lässt sich praxistheoretisch fassen, wenn die Institutionen nicht als Felder verkürzt wahrgenommen werden. Damit wird ein geschlossener Feldbegriff aufgelöst. Für eine an Fragen sozialer Ungleichheit interessierten Erziehungswissenschaft folgt daraus die Notwendigkeit, Kontexte (verschiedene Bildungs- und Erziehungsorte, weitere Familien, etc.) in den Blick zu nehmen, da diese analytisches Relationierungspotenzial anbieten. Erst in einer Optik, die nicht individualisierend auf Passungen zwischen Schülerinnen und Schulkultur oder auf singuläre ‚Felder‘ (Schule und Familie) blickt, sondern Konstellationen von Familien und Schulen analysiert, werden jene Unterschiede sichtbar, die als Ungleichheit beschrieben werden können. Der Beitrag plädiert dafür, solche Konstellationen oder „sites“ (Schatzki 2002) als Gegenstand für eine erziehungswissenschaftliche Ethnographie zu konzipieren, die sich Fragen sozialer Ungleichheit verpflichtet fühlt.

 
14:00 - 16:00Invisible borders in educational technology research? Comparing research topics in English-language journals across Spain, Germany and the United Kingdom
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 27
 

Chair(s): Prof. Dr. Svenja Bedenlier (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Deutschland)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Michael Kerres (Universität Duisburg-Essen), Prof. Dr. Barbara Getto (Pädagogische Hochschule Zürich)

The proposed working group argues that, despite publishing in the same English-language journals, educational technology researchers from different countries continue to pursue distinct research topics and ground them in different theoretical backgrounds, leading to country-specific topical clusters. This translates into questions on which terminology researchers from different countries use to describe their research, what topics they focus on and in which theoretical approaches or frameworks they operate in.

In four complementing contributions, the working group addresses these questions, through a bibliometric analysis of 3,671 article abstracts and keywords sourced from 26 English-language journals in the field of education and education research with a focus on educational technology. For the three countries Spain, Germany and the United Kingdom, distinct topics unfold, which are then discussed comparatively.

 

Beiträge des Panels

 

Research Topics in Educational Technology Journals. A Comparative View.

Katja Buntins
Universität Duisburg-Essen

Bibliometric analysis has, in conjunction with topic modelling, emerged as a suitable approach to delineate and quantify research topics in journal publications (e.g., Bond & Buntins, 2018). In order to answer the questions which research topics are characteristic for Spain, Germany and the UK, which terminology is used to describe the respective topics and in which theories these are grounded, a bibliometric analysis was conducted using the Bibliometrix package in R (Aria & Cuccurullo, 2017). Abstracts, author keywords and references were retrieved from a total of 26 journals, indexed in the Web of Science database (Education and Education Research). As a proxy for the scope of educational technology, journals were included whose titles included terms such as educational technology, computers, technology enhanced. A total of 3,671 articles by authors with institutional affiliations in Spain, Germany or the UK were considered in the analysis; covering the time period from 2011 to 2020.

Results indicate that research across these countries revolves around learning and higher education as the most frequent terms but then deviates considerably regarding their research focus. They also differ in the theoretical framing of their research, with a larger number of highly cited references stemming from the field of (educational) psychology. This presentation provides the ground for the country-specific findings, explains the approach used and also delineates its limitations.

 

Spain: The predominance of technological terminology.

Dr. Victoria Marín
Universitat de Lleida

Drawing on 1,326 articles from 25 educational technology journals in English language, the bibliometric analysis shows that many topics refer to technological aspects, such as learning analytics, interactive learning environments or massive open online courses (MOOCs), and reflect the predominant presence of computer scientists connected to the educational technology field in international English language journals. This fact becomes more evident with the presence of terms like engineering education and engineering, unlike Germany and the UK. However, it is also noticeable the use by these academics – and a reduced number of educational ones - of relevant terms related to pedagogy and education, such as active learning or teaching/learning strategies, and the research interest on cyberbullying and adolescents.

In addition, from previous research in educational technology journals in English and Spanish language, two different communities with reduced communication among them was acknowledged (Marín & Zawacki-Richter, 2019). This has an important effect on the terminology used in the field, which includes literal translations that do not reflect same meanings (e.g., evaluation vs. assessment) (Castañeda et al., 2020), and missing terms that are more present in the Spanish community – and in the educational sciences. Content analysis of Spanish educational technology journals show the relevance of these other terms currently, with a focus on learning (e.g., Marín et al., 2017).

 

Germany: Media in Education.

Prof. Dr. Svenja Bedenlier
FAU Erlangen-Nürnberg

Previous research has shown that Germany-based scientists in the field of Educational Technology are – with exceptions - largely absent in international publications (Buntins et al., 2018). In contrast to the multifaceted discussions expressed in German-language outlets and the respective community, the internationally visible discourse in the field of educational technology consists mainly of psychologically influenced actors.

For the identification of terminology and research topics prevalent for the German case, 808 articles from 25 educational technology journals in English language were included in the analysis. The analysis indicates that it is research revolving around cognitive load, multimedia theory and usability that is predominantly found across the sample. Compared to the other countries, social, collaborative and interactive learning plays a comparatively minor role. Surprisingly, however, the term social alone occurs very frequently. Also the term Media in Education is still common and unusually in all other countries (Buntins et al., 2018), serving as an indicator for literal translation of community-specific terminology (Mayrberger & Kumar, 2014).

In conclusion, topics that Germany-based researchers bring to the international discussion on educational technology mainly stem from psychological and technology-focused research.

 

United Kingdom: Separate Communities within the Community.

Dr. Melissa Bond
University College London

With 1,537 abstracts, the United Kingdom is most strongly represented throughout the 26 sampled journals. Drawing on these 1,537 articles, the bibliometric analysis shows that broadly two larger communities can be discerned that UK researchers engage in, one focusing on topics related to rather formal technology-mediated learning environments, such as higher and distance education. However, a second community revolves around research on social media, explicitly mentioning Twitter and Facebook.

In addition, frequently found terms include gender, internet addiction and personality. UK-based researchers more frequently ground their research - or include as references – authors with stronger roots in pedagogy and education than do researchers in Spain and Germany. With a strong history of educational technology research (Bond et al., 2019), alongside the British Journal of Educational Technology being based in the UK and English being most likely the working knowledge of most researchers in the UK context, looking at the contextual factors of scientific publishing extends the view beyond the bibliometric analysis.

 
14:00 - 16:00Lehrer*innenbildung als Ort der Begrenzung: Zur Ent-Politisierung und Re-Politisierung von pädagogischer Professionalität
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 17
 

Chair(s): Dr. Saphira Shure (Universität Bielefeld, Deutschland), Dr. Oxana Ivanova-Chessex (Pädagogische Hochschule Zürich), Dr. Anja Steinbach (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg), Susanne Gottuck (Universität Duisburg-Essen)

Das Symposium rückt das Politische (in) der Lehrer*innenbildung aus einer differenz- und machttheoretischen Perspektive in den Mittelpunkt und verortet dieses im Ringen um machtvolle Be-, Ent- und Abgrenzungen sowie in Prozessen der De_Thematisierung von Grenzsetzungen. Im Fokus stehen erstens strukturelle Voraussetzungen, diskursive Rahmenbedingungen und etablierte Praktiken, die spezifische Verständnisse von professionellen Subjekten und ihrem Handeln hervorbringen. Solche Begrenzungsprozesse werden zweitens als Praktiken der Ent-Politisierung der Lehrer*innenbildung erkundet und erforscht, was die Beteiligung der Lehrer*innenbildung an der begrenzenden (Re-)Produktion sozialer Ordnungen analytisch zugänglich macht. Lehrer*innenbildung wird drittens als kontingenter Ort diskutiert, der das Potenzial hat, anders gestaltet zu werden. Im Fokus stehen deshalb Auseinandersetzungen mit dem Potenzial der Lehrer*innenbildung im Hinblick auf Re-Politisierungen pädagogischer Professionalität.

 

Beiträge des Panels

 

Kritik am Pflichtmodul Heterogenität – Paradoxien der (Ent-)Politisierung in der Lehrer*innenbildung

Dr. Mai-Anh Boger1, Prof. Dr. Nina Simon2
1Universität Bielefeld, 2Universität Leipzig

In den letzten Jahren ist die Anzahl an Lehramtsstudiengängen, in denen es mindestens eine verpflichtende Veranstaltung zur Reflexion von Ungleichheit, Heterogenität und/oder Inklusion gibt, enorm gestiegen. Freilich ist diese Entwicklung sehr erfreulich. Sie provoziert aber auch Fragen danach, was geschieht, wenn zuvor umkämpfte ‚Außenseiterthemen’ Teil des Pflichtcurriculums werden.

In unserem Vortrag befassen wir uns mit der Perspektive der Studierenden und widmen uns einer Analyse der subjektiven Wahrnehmung und Beschreibung der Lernerfahrungen von Studierenden in Seminaren der Lehrer*innenbildung mit Fokus auf diskriminierungs- und herrschaftskritische Inhalte. Inwiefern finden hier Bewegungen der (Ent-)Politisierung statt? In welchen Begriffen werden die Seminarinhalte von den Studierenden als ‚politische’ oder aber als ‚unpolitische Fakten’ wahrgenommen und beschrieben?

Zur Erörterung dieser Fragen wird zunächst der besagte Prozess der Dissemination kritischer Inhalte und deren Eintritt in den ‚Kanon’, unter Rückgriff auf Arbeiten von Sabine Hark und Gayatri Spivak, theoretisiert. Darauffolgend werden exemplarisch zwei Fallvignetten analysiert, in denen sich Bewegungen an der Grenze zur (Ent-)Politisierung zeigen. Zuletzt wird betrachtet, welche Reflexionsanlässe sich aus diesen theoretischen Überlegungen und empirischen Befunden für hochschuldidaktische Erwägungen ergeben.

 

Intellektualität, Professionalität, Herrschaft – Hegemonietheoretische Perspektiven auf eine politische Lehrer*innenbildung in der Migrationsgesellschaft

Matthias Rangger
Universität Bielefeld

In der Hegemonietheorie Antonio Gramscis sind alle Menschen Intellektuelle, da alle aktiv teilhaben an einer Weltauffassung, die dazu beiträgt, die gegebenen Verhältnisse herzustellen, aufrechtzuerhalten und zu verändern. Es verwundert daher kaum, dass Schule und Lehrer*innenbildung besonders interessante Orte für unterschiedliche gesellschaftspolitische Projekte darstellen, auch wenn die Politizität der Projekte meist verschleiert wird. So setzt die in der gegenwärtigen Lehrer*innenbildung vorherrschende „empirische Wende“ einem vermeintlich normativ (respektive ideologisch) Gewünschten eine funktionalistische Orientierung am empirisch Notwendigen entgegen, woraus sich Professionalisierungsprozesse formal bestimmen und output-orientiert planen sowie überprüfen lassen sollen. Das, was als empirisch notwendig gilt, findet seine Referenz allerdings darin, was von den gesellschaftlich und wirtschaftlich dominierenden Verhältnissen gewünscht wird. Eine Orientierung am empirisch Notwendigen bei gleichzeitiger Ausblendung der eigenen Politizität stellt deshalb selbst eine ideologische Verzerrung und Überhöhung des eigenen Autonomieanspruchs dar. Demgegenüber bietet der Horizont der Hegemonietheorie eine Perspektive auf soziale Wirklichkeit an, die Möglichkeiten einer Professionalisierung jenseits der Verleugnung der eigenen Politizität eröffnet. Der Beitrag geht im Anschluss daran allgemeinen Konturen einer explizit politischen Lehrer*innenbildung in der Migrationsgesellschaft nach.

 

Die Politik des Unwissens als (neue) Herausforderung an die Lehrer*innen(fort)bildung

Prof. Dr. María do Mar Castro Varela
Alice Salomon Hochschule Berlin

Agnotologie (Proctor & Schiebinger 2008) ist eine relativ junge Forschungsrichtung. Sie beschäftigt sich mit der Produktion und Stabilisierung von Unwissen. Unwissen wird darin nicht als Nicht-Wissen beschrieben, sondern als das Ergebnis politischer und kultureller Kämpfe im Rahmen von Macht- und Herrschaftsverhältnissen. Unter anderem über Zensur und Manipulation wird dafür gesorgt, dass Wissen unterdrückt und Ignoranz hergestellt wird. Die Agnotologie zeigt sich mit der Epistemologie verflochten, denn oft wird Unwissen produziert, um ein bestimmtes Wissen durchzusetzen.

Nicht nur in Zeiten zunehmender Dominanz sozialer Medien und der damit häufig einhergehenden Desinformation, ist die Frage danach, welches Wissen Anerkennung erhält und welche Ignoranz hervorgebracht wird, bedeutsam. Die postkoloniale Kritik setzt sich seit den 1970er Jahren ebenso damit auseinander, in welcher Weise bestimmtes Wissen eurozentrisch und damit begrenzt ist und auch damit, wie Felder der Unwissenheit stabilisiert werden.

Der Beitrag beschäftigt sich mit der Begrenzung von Wissen und den Feldern der Unwissenheit (in) der Lehrer*innen(fort)bildung. Es kann beispielsweise innerhalb der Lehrer*innenfortbildung mithin nicht nur darum gehen, wie Wissen adäquat vermittelt wird und auch nicht nur darum, welches Wissen vermittelt wird. Lehrer*innen müssen sich auch mit dem produzierten Unwissen auseinandersetzen, das Lernen und Lehren mitstrukturiert.

 

(Un-)Erschütterbare Fundamente (in) der Lehrer*innenbildung? Normativitätstheoretische Überlegungen

Susanne Gottuck1, Oxana Ivanova-Chessex2, Saphira Shure3, Anja Steinbach4
1Universität Duisburg-Essen, 2Pädagogische Hochschule Zürich, 3Universität Bielefeld, 4Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Der Beitrag setzt sich mit Normativitäten, als grundlegende Bedingungen und Strukturelemente der Lehrer*innenbildung, aus differenz- und machttheoretischen Perspektiven auseinander. Normativitäten verstehen wir als explizite oder implizite Ordnungsvorstellungen und Bezugspunkte dessen, wie etwas (nicht) sein soll. Über Praktiken der Setzung, die beispielsweise über hochschulpolitische Dokumente oder bestimmte Thematisierungen im Kontext von Lehrveranstaltungen zum Ausdruck kommen, werden spezifisch normativ gelagerte, gesellschaftliche und (hoch-)schulische Subjektivitäten, Praktiken, Verhältnisse und ‚Materialitäten‘ aufgerufen und hervorgebracht. Es werden gewissermaßen Grenzen des Gewünschten sowie letztlich auch Grenzen des Möglichen entworfen und verwirklicht. In unserem Beitrag arbeiten wir mit dieser Perspektive auf normative Setzungen drei Dimensionen von Normativitäten – politische, präskriptive und subjektivierende – heraus, durch welche die performative Hervorbringung und Be-Gründung von Normativitäten sowie ihre Wirkmächtigkeit als ethisch-moralische Orientierung und Matrix der Subjektivierung erkennbar wird. Daran anschließend zeigen wir das Potenzial dieser normativitätsanalytischen Perspektivierung für eine forschende Auseinandersetzung mit empirischen Daten im Feld der Lehrer*innenbildung auf und diskutieren deren Bedeutung für Prozesse einer normativitätskritischen Professionalisierung angehender Lehrer*innen.

 
14:00 - 16:00Pädagogische Professionalität: Entgrenzungen und Begrenzungen des pädagogisches Arbeitsbündnisses in digitalen Lehr-Lernkontexten
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 09
 

Chair(s): Dr. Johanna Pangritz (FernUniversität in Hagen, Deutschland), Prof. Dr. Julia Schütz (FernUniversität in Hagen), Dr. Lena Rosenkranz (FernUniversität in Hagen), Cylia Messer (Hochschule Ludwigsburg), Dr. Petra Bollweg (Universität Bielefeld), Dr. Jana Wienberg (University of Labour)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Melanie Kubandt (Universität Vechta)

Im pädagogischen Arbeitsbündnis kommt die professionelle Verschmelzung von Können und Wissen in den Interaktionen mit der pädagogischen Klientel situativ zum Ausdruck. Ein tragfähiges, vertrauensvolles Arbeitsbündnis ist jedoch immer wieder neu herzustellen und ist daher besonders störanfällig. Dies gilt bereits für die professionelle Bearbeitung und Begleitung von Lehr-/Lernprozessen in unmittelbaren, persönlichen Begegnungen, sprich in Präsenz. Durch die Ausbreitung des Corona-Virus wurden Lehrende und Lernende in Bildungs- und Erziehungsinstitutionen zur Umgestaltung und Entgrenzung ihrer gewohnten Lehr-Lernumgebung gezwungen - das praktisch bedeutsame Arbeitsbündnis musste irgendwie anders als in Präsenz hergestellt werden. Die krisenbedingte Verschiebung des pädagogischen Arbeitsbündnisses, meist in den virtuellen Raum, wird in der Arbeitsgruppe zum Anlass genommen, über das Konzept des pädagogischen Arbeitsbündnisses nachzudenken und eine theoretische Erweiterung anzubieten.

 

Beiträge des Panels

 

Irgendwie … wie Treffen einer Selbsthilfegruppe« – Pädagogisches Arbeitsbündnis in Online-Seminaren

Dr. Petra Bollweg
Universität Bielefeld

Pädagogische Arbeitsbündnisse verweisen nach Werner Helsper und Merle Hummrich (2008) als elementare und unmittelbare Strukturkategorie schulischen Unterrichtens auf die soziale Konstituiertheit von Bildungsprozessen. Sigrid Blömke (2009) geht für die Lehrer:innen(aus)bildung davon aus, dass hochschulische Lehre eine Modellfunktion hat, um sowohl eine „Habitualisierung der Regeln der Praxis“ (Wildt 1996, S. 100) zu ermöglichen als auch die Erwünschtheit späteren Handelns „als Ausgangspunkt für die Gestaltung der Lehre … zu nehmen“ (Blömke 2009, S. 487). Mit Blick auf die umfassende Umstellung universitärer Präsenz- auf Onlinelehre im Frühjahr 2020 wurden Fragen sozialer Konstituiertheit in digitalen (Unterrichts-)Settings didaktisch-konzeptionell primär entlang technischer Möglichkeiten und methodischer Technologien bearbeitet. Die These ist, dass so die Modellfunktion hochschulischer Lehre in der Lehrer:innen(aus)bildung nur in Richtung einer Professionalisierung anwendungsbezogener ‚Digitaler Bildung‘ erfüllt wurde, während Fragen sozialer Konstituiertheit pädagogischer Arbeitsbündnisse zwischen Lehrenden und Studierenden keine systematische Berücksichtigung fanden. Exemplarisch sollen die Erfahrungen aus der „Hybridphase“ vom Sommersemester 2020 bis zum Wintersemester 2020/21 genutzt werden, um die Rahmenbedingungen und den Stellenwert pädagogischer Arbeitsbündnisse digitaler Lehrer:innen(aus)bildung vorzustellen und zu diskutieren.

 

Die Pandemie als krisenbedingte Neujustierung professionellen Handelns. Professionstheoretische Überlegungen und empirische Befunde zum pädagogischen Arbeitsbündnis in digitalen Lehr-Lernkontexten

Prof. Dr. Julia Schütz1, Dr. Lena Rosenkranz1, Cylia Messer2, Dr. Johanna Pangritz1
1FernUniversität in Hagen, 2Hochschule Ludwigsburg

Das pädagogische Arbeitsbündnis wurde professionstheoretisch insbesondere für den schulischen Bereich ausbuchstabiert und gilt weitestgehend als universell übertragbar auf formalisierte Lehr-/Lernsettings. Im Kontext der krisenbedingten Umstellung von Präsenz- auf Distanzunterricht bzw. -lehre erscheinen sowohl für das Bildungssegment Schule als auch Hochschule gerade die professionstheoretisch begründeten, widersprüchlichen Handlungsanforderungen an die pädagogischen Akteur:innen, als Antinomien, interessant. Damit verbunden werden die spezifischen strukturellen, personellen und finanziellen Rahmenbedingungen der Institutionen bedeutsam, die gerade in der Pandemie einen erheblichen Einfluss auf die Gestaltung des Arbeitsbündnisses haben dürften. Wie verändern sich pädagogische Antinomien unter den skizzierten Bedingungen? Welche neuen Antinomien ruft die Herstellung des Arbeitsbündnisses in digitalen Lernarrangements hervor? Wie beschreiben die Tätigen in pädagogischen Bereichen den Umgang mit den heterogenen Erwartungen, die manchmal paradoxe Handlungsaufforderungen implizieren und von den Akteur:innen interpretiert und ausbalanciert werden müssen, um ihr Handeln im digitalen Raum lernfördernd zu gestalten (v. Hippel/Buschle/Schütz et. al. 2014, S. 201)? Der Beitrag fokussiert auf die genannten Fragestellungen unter Rückbindung auf die empirischen Befunde der Studie „Professionalität und Bildungsgerechtigkeit in der Krise“.

 

Resonanzerleben von Trainer:innen in der Erwachsenenbildung/Weiterbildung

Dr. Jana Wienberg
University of Labour

Der Beitrag widmet sich der Frage, inwiefern Trainer:innen, im erwachsenenpädagogischen Feld im Zuge der Digitalisierung mit veränderten Berufsanforderungen konfrontiert sind: Wie erleben Trainer:innen beispielsweise die Rückmeldung von Teilnehmenden in digitalen Settings, wie wird Distanz im e-learning erlebt und wie nehmen sie die Entwicklung des Berufsfeldes wahr? Wie gehen sie mit dem Fehlen von Resonanz um, und welche Strategien wenden sie an, um das Berührt-Sein und die Beziehung zu Inhalten und zu den Lernenden zu ermöglichen? Der Beitrag betrachtet die Bereiche der Beschleunigung und Digitalisierung im Weiterbildungskontext, welche im Rahmen des empirisch angelegten DFG-Projekts „Weiterbildung als Beruf – Relationale Resonanzstrategien (RRS) von Kursleitenden“ untersucht wurden. Diskutiert wird zum einen welche Resonanz- und Entfremdungsmomente sich im Lehr-Lern-Geschehen aus Lehrendensicht im Bereich der Erwachsenbildung/Weiterbildung identifizieren lassen und zum anderen wird der (strategische) Umgang mittels der Hinzuziehung des heuristischen Modells der bereits bestehenden und erprobten Relationalen Resonanzstrategien (Wienberg 2019) beleuchtet.

Die Ergebnisse sollen vor dem Hintergrund des professionstheoretischen Konzepts zur Gestaltung eines pädagogischen Arbeitsbündnisses in digitalen Lehr-/Lernkontexten innerhalb der Arbeitsgruppe diskutiert werden.

 
14:00 - 16:00Professionelle Lerngemeinschaften - begrenzend bei der Etablierung, entgrenzt beim Einsatz im Bildungssystem
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 36
 

Chair(s): Prof. Dr. Katja Kansteiner (Pädagogische Hochschule Weingarten, Deutschland), Prof. Dr. Peter Theurl (Pädagogische Hochschule Vorarlberg)

PLGs für Lehrkräfte sind viel diskutiert. PLGs können auch erfolgreich in der Führungskräfteentwicklung eingesetzt werden. Versteht man ‚professionell‘ als Qualitätsanspruch, dann lässt sich eine Entgrenzung des Formats für die Kooperation von Studierenden konzeptualisieren. Bei der Etablierung einer PLG wirken begrenzende Dynamiken. Perfektioniert sich die Kooperation nach innen, grenzen sie sich nach außen ab. Für Schulleiter*innen, die sich in entgrenzten Netzwerken bewegen, stellt die PLG eine besondere Verbindlichkeit gerade aufgrund ihrer Begrenzung dar. Für Studierende wird mit dem PLG-Anspruch die Gruppenarbeit zu einer Begrenzung der Kooperationsdynamiken zugunsten ihrer Kompetenzentwicklung. Die Beiträge stellen Befunde vor, die Begrenzungen erkennen lassen, resultierend aus der Logik des Formats selbst und seiner noch nicht qualitätsvollen Umsetzung, und diskutieren Notwendigkeiten sowie Wege diese zu überkommen.

 

Beiträge des Panels

 

Professionelle Lerngemeinschaften von Lehrkräften – Entgrenzung der Kapazität für gemeinsames Lernen und Entwickeln

Susanne Schmid
Pädagogische Hochschule Weingarten

Die Lehrkräftekooperation avancierte in den letzten Jahren zu einem zentralen Merkmal guter entwicklungsorientierter Schulen (Lütje-Klose & Urban, 2014). Die berufsbegleitende Professionalisierung durch Reflexionsprozesse in (multi)professionellen Settings über das konkrete Unterrichtshandeln im kollektiven Vollzug erhält hierbei eine hohe Bewertung (Arndt, 2016). Trotz empirisch bestätigter Wirksamkeit kokonstruktiver Kooperationsformen scheinen sie als Widerpart zur Vollzugswirklichkeit kooperativer Praxis an Schulen zu stehen (Gräsel, Fussangel & Pröbstel, 2006). Mit der Orientierung an PLGs wird die Hoffnung verbunden, das Kooperieren auf Austauschebene qualitätsvoll anreichern zu können. Konstitutiv hierfür ist eine gemeinsame Verantwortung für systematische Kooperation mit dem Ziel durch Formen des reflektierenden Dialogs über die deprivatisierte Praxis zu lernen, um das Lernen der Schüler*innen anzureichern (Bonsen & Rolff, 2006). Mit einem quantitativen Fragebogen erkundet das Projekt die existierenden Aspekte von Lehrkräftekooperationen an baden-württembergischen Grundschulen. Dabei liegt der Konstruktion des Fragebogens ein erweitertes und geschärftes PLG-Verständnis (in Anlehnung an Kansteiner, Stamann & Rist, 2020) zugrunde mit dem Ziel, Kooperation differenzierter mit Blick auf das Lernen darin auszuleuchten und Desiderate in der Kooperationspraxis aufzudecken, um qualitätsvolle PLGs zu entwickeln.

 

Professionelle Lerngemeinschaften von Schulleitungen – Begrenzung im Zuge der Etablierung

Prof. Dr. Katja Kansteiner
Pädagoische Hochschule Weingarten

Im Projekt ProFLüP wurde über die GTM (Strauss & Corbin, 1996; Breuer, 2018) ein Modell der Etablierung von Schulleitungs-PLGs herausgearbeitet, an dessen Bedingungs- und konstituierenden Faktoren sich aufzeigen lässt, wie aus einem zunächst offenen Entwicklungsfeld durch die Mitglieder selbst ein je spezifischer, miteinander ausgehandelter Kooperationsraum entsteht. Dabei kommen Erwartungen an einen Mehrwert der Kooperation unter spezifischen Verbindlichkeiten zum Tragen, zu denen auch die Bereitschaft zu einem überdauernden Investment gehört sowie ein gemeinsam wachsendes Verständnis von PLG eine Rolle spielt (Kansteiner & Welther, 2021). Gleichzeitig ist zu beobachten, dass die Etablierung der je eigenen PLG den möglichen Austausch mit anderen SL-PLGs kaum motiviert. Die Befunde zu möglichen Abgrenzungsdynamiken sowohl bei LK-PLGs als auch bei SL-PLGs eröffnen die Frage, wie ihre Kopplung im jeweiligen Einzelschulsystem oder im regionaler Schulsystem befördert werden kann und sie legen nahe, das Konzept in Bezug auf Merkmale, Strukturen und Prozesse zu diskutieren, durch die Begrenzung und Entgrenzung gleichermaßen erreicht werden kann. Im Beitrag wird das jüngst entwickelte Modell der Etablierung von Schulleitungs-PLGs vorgestellt und jene Elemente ausgeleuchtet, die die Begrenzungsdynamiken entstehen lassen.

 

Professionelle Lerngemeinschaften von Studierenden – Entgrenzung des Formats für Studierende

Prof. Dr. Peter Theurl, Eva Frick
Pädagogische Hochschule Vorarlberg

Studentische Rückmeldungen über die von ihnen erlebte Kooperationspraxis an der Hochschule weist verschiedene Perspektiven aus. Aus einer Befragung von Studierenden, Lehrenden und Lehrkräften an Praxisschulen in sechs europäischen Ländern im Projekt TePinTeach (http://www.tepinteach.eu/) geht u.a. hervor, dass an den Hochschulen sehr häufig in Gruppen gearbeitet wird in den Lehrveranstaltungen und Arbeitsgruppen der Selbstlernzeit. Dabei lässt aufhorchen, dass einerseits viele Studierende selbst gewählte Gruppen favorisieren, aber auch viel Kritik geübt wird, weil studentische Arbeitsgruppen oft nicht als gewinnbringend im Hinblick auf Lernzuwachs und Prüfungssicherheit erfahren werden. Mitunter wird der gesellige Moment reizvoll erlebt und die Möglichkeit geschätzt, Arbeit aufzuteilen und so effizienter Aufgaben zu erledigen. Damit zeigen die Befunde ähnlich Muster wie z.B. für die Lehrkräftekooperation in Deutschland bekannt sind (Massenkeil & Rothland 2016). Studentische Zusammenarbeit in Gruppen zu elaborieren ist Ziel des EU-Entwicklungsprojektes. Wie PLG als Format erfolgreich in verschieden angelegten Lehrveranstaltungen zur Schulpraxisbegleitung eingesetzt werden, wird in diesem Beitrag auf der Basis internationaler Evaluationsdaten vorgestellt.

 
14:00 - 16:00Sorge und Subjektivierung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 05
 

Chair(s): Dr. Karen Geipel (Technische Universität Berlin), Dr. Sandra Koch (Stiftung Universität Hildesheim)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Meike Sophia Baader (Stiftung Universität Hildesheim)

Die Notwendigkeit von und Angewiesenheit auf Sorge zeigt sich aktuell unter Bedingungen der Corona-Pandemie in besonderer Weise. Dies nimmt die Arbeitsgruppe zum Anlass, um aus differenz- und ungleichheitsreflexiver Perspektive nach dem Verhältnis von Sorge und Subjektivierung in der Erziehungswissenschaft zu fragen. Im Zentrum steht dabei eine subjektivierungsanalytische Perspektive auf „Sorgeordnungen“ (vgl. Baader et al. 2014), aus der sowohl das theoretisch-systematische Verhältnis als auch die qualitativ-empirische Bearbeitung von Sorge und Sorgeverhältnissen ausgelotet wird. Inwiefern Sorgeverhältnisse und -praktiken Möglichkeiten des Subjektwerdens be- bzw. entgrenzen und wie dabei Dimensionen der Differenz, wie bspw. Geschlecht und Generation relevant und wirkmächtig sind, wird in den Beiträgen der Arbeitsgruppe systematisch ausgearbeitet und übergreifend diskutiert.

 

Beiträge des Panels

 

Subjektbildung in Sorge. Antizipationen von Fürsorge im Sprechen über Zukunft

Dr. Karen Geipel
Technische Universität Berlin

In diesem Beitrag wird Sorge als ein zeitliches Sich-vorweg-Sein im Modus der Antizipation zukünftiger Fürsorge in den Mittelpunkt gestellt und als spezifische Praktik der vergeschlechtlichenden Subjektbildung perspektiviert. Dazu werden Sorgebegriffe aus subjektphilosophischen sowie geschlechtertheoretischen Auseinandersetzungen aufgegriffen und in einen diskurs- und subjektivierungsanalytischen sowie qualitativ-empirischen Zusammenhang gestellt.

Anhand sprachlicher Äußerungen aus Gruppendiskussionen mit jungen Frauen wird aufgezeigt, wie sich Prozesse des Werdens zum vergeschlechtlichten Subjekt im Sprechen über Zukunft vollziehen. In den Blick genommen wird, welche Konstruktionen eines zukünftigen Selbst erzeugt und welche ungleichheitsbedingenden Geschlechter-Ordnungen wie in diesen Zukunftsbezügen aufgerufen und (re-)produziert werden. Die zukunftsbezogenen Äußerungen werden dabei als situierte diskursive Praktiken konzeptualisiert. Anhand derer lässt sich aufzeigen, auf welche Art und Weise die Verbindung von Weiblichkeit und (Für-)Sorge als normative Bedingung des geschlechtlichen Werdens hervorgebracht und in Vollzügen der Differenzierung und Normalisierung infrage gestellt und (re-)stablisiert wird. Inwiefern Subjektwerden unter Bedingungen gegenwärtiger Entwürfe und Vorwegnahmen zukünftiger Sorgeordnungen sowohl ermöglicht als auch begrenzt wird, ist Gegenstand einer abschließenden Reflektion der bildungstheoretischen Relevanz.

 

Sorge(-arbeit) und Subjektivierung im Kontext prekärer Mutterschaft

Phries Sophie Künstler
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Mutterschaft lässt sich als zentraler Kristallisationspunkt gesellschaftlicher Debatten in Anbetracht der ‚Neuerfindung des Sozialen‘ (Lessenich 2009) begreifen, wobei insbesondere das Verhältnis von Sorge- und Erwerb(-sarbeit) eine paradoxe Rolle einnimmt. So sind Mütter nunmehr permanent dazu aufgefordert die eigene Subjektposition als ‚gute Mutter‘ innerhalb des unauflösbaren Spannungsfelds allumfassender Sorgeanforderungen und nachdrücklicher Adressierungen als Erwerbssubjekt sowie gegenüber dem gefährlichen Gegenbild der ‚Risikomutter‘ zu behaupten. Gegenwärtige Mutterschaft erscheint in diesem Sinne als Musterbeispiel dafür, wie Sorge immer schon in Macht- und Ungleichheitsverhältnissen organisiert ist. Daran schließt der Beitrag an und nimmt das Verhältnis von Sorge und Subjektivierung empirisch im Kontext prekärer Mutterschaft in den Blick. Anhand der Analyse von Interviews mit jungen erwerbslosen Müttern wird betrachtet, inwieweit die Thematisierungen von Sorge(-arbeit) prekäre Subjektwerdung in diesem Kontext (v)er(un)möglicht. Es wird untersucht, inwieweit (nicht) geteilte Sorge als Be- und Entgrenzung von (prekärer) Subjektivierung im Kontext von Mutterschaft erscheint. Ausgehend davon und anschließend an Loreys Konzeptualisierung des Prekären (Lorey 2015) wird schließlich systematisch nach der Relation von Sorge, Prekarität und Subjektivierung sowie deren Bedeutung für die Erziehungswissenschaft gefragt.

 

Ambivalente Care-Erfahrungen von Care Leaver*innen

Prof. Dr. Angela Rein
Fachhochschule Nordwestschweiz

I

Im Kontext von stationärer Erziehungshilfe wird die Gestaltung von Sorgeverhältnissen für Kinder und Jugendliche von der familiären in die öffentliche Verantwortung übertragen. Dabei sind Normalitätsvorstellungen von Familie und Kindheit relevant für die Konstruktion des Hilfebedarfs.

Im Vortrag wird aus einer subjektivierungstheoretischen Perspektive auf der Basis von biographisch-narrativen Interviews nachgezeichnet, wie Konstruktionen von Hilfebedarf mit Prozessen und Markierungen einhergehen, durch die Kinder und Jugendliche sowie ihre Familien als nicht der Norm entsprechend markiert werden. In Anrufungen wird auf Diskurse rekurriert, die in Verbindung mit Einschätzungen zum Kindeswohl oder auch sozialen Diagnosen stehen. Kinder und Jugendliche werden so zu Subjekten der Hilfe gemacht. In den problemorientierten Adressierungen zeigt sich eine Tendenz der De-Thematisierung von Macht- und Ungleichheitsverhältnissen. Internationale Care-Leaver*innen-Forschungen verweisen dabei auf einen Zusammenhang zwischen dem Aufwachsen in öffentlichen Sorgeverhältnissen und der Übernahme von Care Tätigkeiten für andere (Melkman et al. 2015).

Im Vortrag wird das ambivalente Verhältnis von Care Erfahrungen im Kontext stationärer Erziehungshilfe subjektivierungstheoretisch diskutiert und danach gefragt, welche Bedeutungen vor diesem Hintergrund die Übernahme von Care Tätigkeiten durch Adressat*innen der stationären Erziehungshilfe haben kann.

 
14:00 - 16:00Spiele und Spielen – Entgrenzungen im und durch das Digitale?
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 25
 

Chair(s): Dr. Marc Fabian Buck (TU Dortmund), Dr. Miguel Zulaica y Mugica (TU Dortmund)

Sowohl das Spiel als auch die Rede darüber durchlaufen im Zuge der Digitalisierung einen nicht zu leugnenden Wandel. Häufig beschränken sich erziehungswissenschaftliche Reflexionen auf Machbarkeitserwägungen und Methodisierungsversuche des Einsatzes von Spielen in pädagogischen Praxisfeldern.

Der Gegenstand in dieser Arbeitsgruppe hingegen sind Reflexionen über bildungstheoretisch zu fassende Folgen und Nebenwirkungen der Ludifizierung bzw. Gamification. Unter anderem Momente der Kreativität, Sozialität, Autonomie/Heteronomie und (Un-)Wirklichkeit sind es, die zu Orten der Entgrenzung und Umdeutung werden.

In der Arbeitsgruppe wird der Gegenstand auf seinen zirkulären Zusammenhang von Spiel und Sozialem, die Grenze von Wirklichem und Unwirklichem, seine Funktion als Experimentierraum von Macht und sein kreativ-schöpferisches Potential befragt und diskutiert. Das gemeinsame Ziel liegt in der Re-Theoretisierung des (post-digitalen) Spiels in spezifisch pädagogischer Hin- und Absicht.

 

Beiträge des Panels

 

Gamification – Entgrenzung des Pädagogischen sowie des Spiels. Pädagogisierung des Spiels oder Ludifizierung des Pädagogischen?

Prof. Dr. Gabriele Weiß
Universität Siegen

Schon die Begriffsbestimmung von „Gamification“ als eine Übertragung von Spielelementen in nicht-spielerische Umgebungen setzt eine Grenze voraus und überschreitet diese gleichzeitig. Dieses Paradox liegt dem Phänomen Spiel selbst zugrunde. Als ein Modus der „Heraushebung“ (Huizinga 2009), d. h. Abgrenzung vom gewöhnlichen (ernsthaften, wirklichen) Leben setzt sich jedes Spiel eine rahmende Grenze, innerhalb derer andere Regeln (Normen, Werte) gelten können, aber nicht müssen. Die Verschiebung der Grenze zwischen Spiel und Nicht-Spiel, ohne sie aufzuheben, erfolgt über das bewusste und unbewusste Gelten und Unterlaufen von Regeln und Spielregeln.

Post-digitale Lebenswelten verändern das Verhältnis von Spiel und Pädagogik vor allem über die Entgrenzung der räumlichen und zeitlichen Rahmungen. Viel interessanter scheint jedoch der Blick auf die Spieler*innen. Wenn Spielelemente motivieren langweilige oder mühevolle Tätigkeiten (Zähneputzen, Arbeiten, Lernen, die Umwelt retten) zu verrichten, stellt sich jenseits einer Motivationspsychologie die Frage neu: Warum spielen wir (so gern)? Ein genauer Blick auf die konkreten Spielelemente, welche in Gamification verwendet werden, zeigt erneut einen Zirkel, denn vieles davon wie z. B. Vergleich, Verkleidung und Gruppenzugehörigkeit wurden zuvor aus dem Sozialen in das Spiel importiert.

 

Experimentierräume der Macht. Über das dialektische Versprechen des Spiels die Macht zu suspendieren

Dr. Steffen Wittig
Universität Kassel

Im (digitalen) Spiel verbirgt sich ein Versprechen, aus dem für das Pädagogische in unterschiedlichen Dimensionen immer wieder versucht wurde Funken zu schlagen: Im Spiel werden Dinge möglich, die im ‚wirklichen‘ Leben unmöglich sind (Huizinga 2009): Man kann scheinbar machtvolle, subjektive Situierungen suspendieren (Thiedeke 2010). Das Spiel erscheint so als eine „Oase des Glücks“ (Fink). An diesem Versprechen der ‚Wirklichkeit des Unwirklichen‘ werden dabei aber immer wieder Potentiale für das Pädagogische geknüpft. Dass eine solche Vorstellung einer Ermöglichung des (pädagogisch) Unmöglichen im Spiel selbst nur eine (spielzerstörende) Imagination ist, darauf verweisen bereits seit den 1930er zentrale Denker*innen der Spieltheorie (Huizinga 2009; Fink 2010).

Das Spiel soll aber nicht von der Seite eines unterstellten Potentials für das Pädagogische betrachtet werden; es soll in seiner Dialektik zwischen dem Versprechen der Möglichkeit des Suspendierens der Macht und dem permanenten Referieren auf die konstitutive Dimension dieser machtvollen Verortung des Spiels im Sozialen aufgerufen werden. „Das Spiel ist ein Kampf um etwas oder eine Darstellung von etwas“ (Huizinga 2009, S. 22) und „Weltsymbol“ (Fink 2010). Das Spiel ist, so die These des Beitrags, Experimentierraum der Macht.

 

Digitale Spielräume – Fortnite und Super Mario Bros. als Gestaltungsrahmen und -möglichkeiten an der Schnittstelle digitaler und analoger Lebenswelten

Dr. Cornelia Zobl
Universität Graz

Wird das (analoge) Spiel bei Schiller als höchste Daseinsform und als Ausgang ästhetischer Bildungsprozesse verstanden, wird gerade dies bei digitalisierten Formen des Spiels häufig in Frage gestellt. Der mit dem digitalen Spiel vorangetriebene Entgrenzungsprozess des Spielerischen ins Leben geht einher mit der Sorge um Technisierung- und Ökonomisierungstendenzen von Gesellschaft und des Pädagogischen. Unter den Stichworten Gamification, Ludifizierung, Digitalisierung, etc. werden diese Problematiken unter bildungstheoretischer Perspektive bearbeitet. Ausgelassen wird bei solch überaus wichtigen kritischen Betrachtungsweisen jedoch der Blick auf das digitale Spiel als ästhetisiertem Erfahrungsraum und seine bildungstheoretischen Implikationen (Mitgutsch/Rosenstingl 2008). Der Beitrag wirft demgemäß einen systematisierend-vergleichenden Blick auf exemplarisch ausgewählte digitale Spiele wie Fortnite (2017) und Super Mario Bros. (1983), die als spezifische Erfahrungsräume für Spieler*innen verstanden werden. Leitend ist hierbei die Frage nach den Möglichkeiten von Ich-, Anderen- und Welt-Erfahrungen im und durch das Spielen, die durch bewusste Gestaltungsprozesse der digital-analogen Schnittstellen sowie der digitalen Umgebung beeinflusst sind. Besonders die Korrelation von Spielegestaltung und Spielerfahrung können in weiterer Folge Ausgang für medienpädagogische und didaktische Erwägungen schöpferisch-poietischer Art sein.

 

Die (Un-)wirklichkeit spielerischen Lernens – Digitale Spiel- und Lerntechnologien im Fokus allgemeinpädagogischer Fragestellungen

Dr. Miguel Zulaica y Mugica
TU Dortmund

Im derzeitigen Bildungswesen erleben spezifische Ludifizierungen des Sozialen aufgrund persuasiver Technologien wie Gamification und Serious Gaming eine Hochkonjunktur. Gamification als Spielbarmachung von Alltagspraktiken und Serious Gaming als spielerische Gestaltung von Übungssettings stehen in der Tradition sowohl von Automatisierungsutopien didaktischer Praktiken als auch kulturwissenschaftlicher Theorien des Spiels. Es wird darauf hinzuweisen sein, dass die Bedeutung des digitalen Spiels in Lernarrangements missverstanden wird, wenn das Ludische lediglich auf seine motivationale Qualität reduziert wird. Es ist die Medialität des Spiels, in der eine möglichst von wirklichen Konsequenzen befreite „Unwirklichkeit“ (Schäfer/Thompson 2014) geschaffen wird, auf die sowohl instrumentelle Perspektiven aber auch bildungstheoretische Ansätze zugreifen, die die ‚Unwirklichkeit‘ des Spiels als Möglichkeitsraum für Erfahrungen von Autonomie, Kreativität und Kontingenz betrachten. Die Frage ist, wie sich die Medialität des Spiels zur pädagogischen Medialität verhält. Die Ludifizierung des Sozialen wird hinsichtlich einer Entgrenzung der Pädagogisierung befragt und die digitalen Spiel- und Lerntechnologien werden mit dem bildungstheoretischen Anspruch, der Sache gerecht zu werden, konfrontiert, um zu einer allgemeinpädagogischen Reflexion überzuleiten.

 
14:00 - 16:00Teacher agency in times of shifting boundaries: case insights from Argentina, Armenia and Germany
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 10
 

Chair(s): Sonia C. Schaefer (Humboldt Universität zu Berlin, Germany), Maria Belen Sanchez (Universidad de San Andrés), Hasmik Kyureghyan (University College London, Institute of Education), Zhanna Gevorgyan (Humboldt University of Berlin)

The four research projects reunited in this working group share a focus on the professional practice of secondary school teachers, each addressing a specific thematic area that is central to our times: digitalisation, gender sensitization, interdisciplinary curricula and self-managed professional development. They offer case insights from schools in Argentina, Armenia and Germany, displaying a common interest for understanding how teachers are able to do teacher agency in the contemporary world. From qualitative methodological perspectives, they aim at reconstructing teacher practice in the face of new demands and opportunities that imply the transcending of boundaries of the realm of the teaching profession.

The composition of this working group also serves as a platform for inter-cultural academic exchange, becoming an arena for exploring broader issues related to how teachers deal with shifting demands, redefine borders related to their profession and redesign their roles.

 

Beiträge des Panels

 

Shaping inclusion in times of digital education: teachers´ experience in Berlin schools

Sonia C. Schaefer
Humboldt Universität zu Berlin

It has often been stated that Germany presents a comparative delay in its efforts to update its school system in terms of digitalisation. Still, it has long been on the top of the agenda, and fostered in the form of an extensive funding policy. Furthermore, the process of digitalisation in schools has been drastically boosted through the school closing measures taken during 2020 and 2021 to mitigate the COVID-19-pandemic effects. The sum of these events has significantly increased the relevance of researching digitalisation in schools, especially how teachers deal with the fast changing pace of demands and expectations placed on them and their profession, without neglecting already established demands such as ensuring inclusion and participation for all students. As teachers strive to adapt to the characteristics and conditions of digital education, the challenges and opportunities they face might tell us a lot about the way we understand education in general. For my doctoral thesis I conducted narrative interviews with 20 teachers at five secondary schools in Berlin, asking them about their experience related to teaching in the context of digitalisation and how they shape and understand inclusion. I will present first interpretive findings and - through the methodological lense of the praxeological sociology of knowledge and the documentary method - offer these case insights to contribute to the discussion around the redefinition of borders of the teaching profession.

 

Shifting boundaries in the secondary education curriculum: the enactment of interdisciplinary teaching in Buenos Aires schools

Maria Belen Sanchez
Universidad de San Andrés

Within a secondary education curriculum that organizes school knowledge into separate discipline-based compartments, the call for some degree of interdisciplinary teaching is widespread among curriculum reform policies in Argentina and worldwide. Enacting such changes implies challenges in terms of teacher preparation (which is discipline-based) and job structure (individual and subject matter-based). This paper explores how teachers addressed by these policies do interdisciplinary teaching, both inside and outside the classroom. That is, how school actors enact curriculum integration in terms of the organizational arrangements they make, the knowledge (re-)configurations they build and the teaching practices they design and develop, within schools already challenged by multiple demands and among the complex conditions in which teaching takes place nowadays. The presentation will analyse a set of 10 exploratory interviews conducted with teachers in Buenos Aires, in a pre-fieldwork exploratory phase. This is part of my doctoral research, based on the perspective of policy enactment, as opposed to the implementation perspective, focused on assessing correspondence or deviation between what the policy prescribes and what schools do. Instead, I am interested in understanding the interpretive processes involved in the enactment of interdisciplinary teaching, as well as their effects in terms of the type of knowledge and learning experiences made available to students.

 

Exploring teacher learning and professional agency in the context of a bottom-up professional development in Armenia: the perspectives and implications

Hasmik Kyureghyan
University College London, Institute of Education

This paper explores emerging bottom-up approaches to teacher professional development (TPD) offering depth by investigating how this ‘emerging new paradigm to teacher PD’ contributes to teachers’ learning and the extent to which it fosters teachers’ professional agency within the Armenian context of traditional approaches to teacher education. It is important when the learning needs are identified by the teachers as of importance to themselves as individual professionals which is often an overlooked aspect of PDs. Particularly in countries like Armenia continuous professional development is done through traditional approach ‘one size fits all’ standardised provision which does not take account of teachers’ existing knowledge, experience and needs. ‘Teachers’ professional agency is considered a capacity that prepares the way for the intentional and responsible management of new learning, both at an individual and community level. This concept includes using others intentionally as a resource for learning and, equally, serving as a support for them. While within this study the agency is seen more than a capacity, the capacity is important in enabling agency to emerge. The paper will analyse semi-structured interviews conducted with teachers who took part in the bottom-up TPD as presenters.

 

The teaching of gender-sensitive sexuality education: the case of Armenian public schools

Zhanna Gevorgyan
Humboldt Universität zu Berlin

Over the last several years, a paradigm shift in gender politics has led to many countries incorporating gender discussions into their sexuality education curricula. This paper offers a detailed investigation of the provision of sexuality education in relation to gender by focusing on the discourses and perspectives of teachers at Armenian public schools. Although this research focuses on Armenian sexuality education, it provides a foundation for discussing the crucial but challenging questions sexuality educators are dealing with worldwide. It examines the unique hurdles to exploring gender sensitive issues in a country where traditional gender roles predominate.

One of the main objectives of this research is to detail how sex educators in Armenia respond to discrepancies between the mainstream beliefs which reinforce unequal gender relations in society, and the course content of equal gender roles they are obliged to teach. This qualitative study used participant observations at two Armenian public schools during January and February 2018, when the subject of “Healthy Lifestyle” is taught. The data was analysed using documentary method - a well established method in the analysis of group and classroom discussions. This answered the research questions: How is knowledge of gender produced? How do physical educators deal with the traditional gender roles when teaching gender-equal lessons?

 
14:00 - 16:00Übergänge in Arbeit - Zwischen Entgrenzung und Inklusion
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 34
 

Chair(s): Prof. Dr. Inga Truschkat (Universität Hildesheim, Deutschland)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Inga Truschkat (Universität Hildesheim)

Die Beratung und Begleitung von Übergängen in Arbeit erfährt nicht nur durch die Entgrenzung der Übergänge selbst eine Veränderung, sondern auch die sozial- und bildungspolitischen Entwicklungen fördern eine Entgrenzung auf systembezogener und inhaltlich formaler Ebene. So werden mit der Inklusionsdebatte im Zuge der Un-BRK die Grenzen und Begrenzungen sämtlicher Systeme des Übergangs in Frage gestellt. Zudem erhalten Formen der fallbezogenen und individuellen Problembearbeitung in der Beratung und Begleitung von Übergängen in Arbeit durch arbeitsmarktpolitische Neuerungen eine zunehmende Relevanz. Im Rahmen der Arbeitsgruppe werden diese Entgrenzungen in drei Beiträgen und einem Kommentar aus unterschiedlichen Perspektiven thematisiert. Dabei werden konzeptionelle und empirische Überlegungen erziehungswissenschaftlicher Subdisziplinen und der Rechtswissenschaft aufgegriffen und in einer rahmenden Diskussion theoretisch reflektiert.

 

Beiträge des Panels

 

Arbeitsmarktpolitische Reformen des SGB II: Von der Arbeitsmarktintegration zur sozialen Inklusion?

Luisa Peters
Universität Hildesheim

Anfang 2019 wurde das SGB II reformiert. Das sogenannte Teilhabechancengesetz (THCG) zielt nach §16i SGB II auf die Teilhabe am Arbeitsmarkt. Laut Gesetzesbegründung soll durch „ganzheitliche beschäftigungsbegleitende Betreuung“ die „Beschäftigungsfähigkeit“ von besonders arbeitsmarktfernen Personengruppen gefördert werden. Inhaltlich zeichnet sich das Gesetz einerseits durch die Finanzierung von Arbeitsplätzen im ersten Arbeitsmarkt und andererseits durch die umfassende Beratung und Begleitung von Arbeitsuchenden beim Übergang und Verbleib in dieser Form der Beschäftigung aus.

Novum dieses Instruments ist die erstmalige Benennung von sozialer Teilhabe als Zieldimension. Das THCG bietet nun das Potenzial, für besonders arbeitsmarktferne Personen pädagogisch begleitete Zugänge in den Arbeitsmarkt zu schaffen. Das neue Gesetzt stellt aber auch neue Anforderungen an die Betriebe und Arbeitsuchenden, wohl vor allem aber an die Vermittlungsfachkräfte, die durch dieses Instrument den Ansprüchen einer ganzheitlichen Beratung gerecht werden sollen. Damit wird soziale Teilhabe im Bereich der Arbeitsmarktintegration zu einem entgrenzten Kollektivprojekt. Im Beitrag sollen die Potenziale aber auch die Herausforderungen besprochen werden, die das THCG mit sich bringt. Zudem soll auf Basis erster empirischer Einsichten darauf geblickt werden, welche Praktiken sich bei Vermittlungsfachkräften bisher im Umgang mit dem THCG herausgebildet haben.

 

Integrierte Hilfen für inklusive Übergänge

Dr. Andreas Oehma
Universität Hildesheim

Das Konzept der Integrierten Hilfen ist in den 1990er Jahren im Kontext der Erziehungshilfen breit diskutiert, erprobt und evaluiert worden. Eine Übertragung oder gar Diskussion im Kontext der Hilfen am Übergang in Arbeit hat jedoch nie stattgefunden, obwohl die Problemdiagnosen und Entwicklungen in diesem Bereich - angefangen bei der Versäulung und Maßnahmeorientierung hin zu Übergangsmanagement und Jugendberufsagenturen - dies nahelegen würden. Im Rahmen der Diskussion um Inklusion am Übergang in Arbeit, um ein inklusives Ausbildungssystem und inklusive Arbeitsmärkte wird das Konzept auch theoretisch hoch anschlussfähig. Der Beitrag skizziert diese Parallelen und entwirft ein Konzept der „integrierten Hilfen am Übergang in Arbeit“. Ziel ist dabei, die Zweiteilung in Hilfen für benachteiligte Menschen und Menschen mit Behinderungen ebenso wie die innere Versäulung des sog. Übergangssystems zu überwinden. Zugleich gilt es, die Hilfe- und Unterstützungsleistungen grundsätzlich in die Regelsysteme für Ausbildung zu integrieren bzw. sie zu einem regelhaften Unterstützungssystem zusammenzufassen, das flexibel je nach Bedarf Hilfe und Unterstützung beim Übergang sowie bei Beschäftigung am regulären Arbeitsmarkt gewährt.

 

Übergänge zu einem inklusiven Arbeitsmarkt? – Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsmarkt nach dem SGB IX und ihre Wirkungen

Prof. Dr. Michael Wrase
Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung

Art. 27 der UN-BRK beinhaltet die Verpflichtung, Menschen mit Behinderungen Übergänge auf einem offenen, inklusiven und effektiv zugänglichen Arbeitsmarkt zu eröffnen. Weniger konsequent als beim Recht auf inklusive Beschulung aber im Kern vergleichbar geht es um einen Vorrang von unterstützten Beschäftigungsmöglichkeiten auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt.

In der Realität ist aber die Zahl der in segregierten Werkstätten beschäftigten Menschen in den vergangenen Jahren signifikant angestiegen, Übergänge erfolgen weiterhin oder sogar verstärkt aus Sonderstrukturen der Bildung (Förderschulen) in Sonderstrukturen der Ausbildung und Arbeit. Der zuständige UN-Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen hat vor diesem Hintergrund die Gesetzeslage und Praxis in Deutschland scharf kritisiert.

Dabei hat das Bundesteilhabegesetz die Möglichkeiten für inklusive Ausbildungs- und Beschäftigungsverhältnisse deutlich erweitert. Zu nennen sind insbesondere die Leistungen an Arbeitgeber, das Budget für Arbeit bzw. Ausbildung, die Unterstützte Beschäftigung, die Beschäftigung durch Inklusionsbetriebe und andere Leistungserbringe.

In dem Beitrag wird der Frage nachgegangen, wie die regulative Wirksamkeit der genannten Instrumente aus rechtswissenschaftlicher Perspektive mit Blick auf das Ziel eines inklusiven Ausbildungs- und Arbeitsmarktes einzuschätzen ist. Es soll zugleich eine erste (vorsichtige) Bewertung in Bezug auf die Implementation von Art. 27 UN-BRK gegeben werden.

 

Kommentar: Übergänge in Arbeit zwischen Entgrenzung und Inklusion. Theoretische Schlaglichter auf empirische Entwicklungen

Prof. Dr. Inga Truschkat
Universität Hildehseim

Im Rahmen des Kommentars werden die Beiträge aus einer theoretischen Perspektive reflektiert. Dazu werden theoretische Konzepte des Übergangs, der Pädagogisierung und der Inclusiveness aufgegriffen und aufgezeigt, dass diese Konzepte sich jeweils in spezifischer Weise zwischen individueller Gestaltung und struktureller Rahmung bewegen. Mit Bezug auf die Beiträge werden sie unter der Fragestellung diskutiert, welche Entgrenzungs- und Inklusionsprozesse in den aktuellen Entwicklungen im Bereich der Begleitung und Beratung von Übergängen zu erkennen sind.

Der Kommentar soll damit eine umfassende und erziehungswissenschaftlich inspirierte Diskussion über das Verhältnis von Entgrenzung und Inklusion im Kontext der Begleitung und Beratung von Übergängen in Arbeit anregen.

 
14:00 - 16:00Unterrichtsqualität in Planung und Durchführung – Empirische Analysen im Wirtschaftsunterricht
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 24
 

Chair(s): Patricia Köpfer (Goethe-Universität Frankfurt, Deutschland)

Die Arbeitsgruppe widmet sich der Untersuchung von Planung und Durchführung von Unterricht an beruflichen Schulen unter dem Aspekt der Unterrichtsqualität. Der Forschungsfokus liegt dabei v.a. auf kognitionsbezogenen Qualitätsmerkmalen. Darunter fallen instruktionales Erklären, Argumentieren, die Gestaltung von Lernaufgaben sowie Scaffolding. Darauf bezogen analysiert werden (kompetenzniveauabhängige) Unterschiede zwischen (angehenden) Lehrkräften sowie Effekte der Qualitätsmerkmale auf Wissenskonstruktionsprozesse und Lernoutcomes. Datengrundlage für die Analysen bilden Unterrichtsentwürfe, videographierte Unterrichtsstunden und Schülereinschätzungen. Im Ergebnis können Forschungsfortschritte bezogen auf die Analyse von Unterrichtsentwürfen und -prozessen sowie auf das Zusammenwirken von Planung und Durchführung erwartet werden. Somit wird ein Beitrag für die Lehrprofessionalitäts- sowie die Unterrichtsqualitätsforschung geleistet.

 

Beiträge des Panels

 

Entwicklung der Fähigkeit zur Unterrichtsplanung – längsschnittliche Analysen zum Planungshandeln bei Studierenden der Wirtschaftspädagogik

Dr. Elisabeth Riebenbauer
Karl-Franzens-Universität Graz

Erfolgreiches Handeln im Unterricht setzt zielgerichtete Planungsschritte voraus. Gerade beim Berufseinstieg gilt die Unterrichtsplanung als handlungsleitend für eine gelungene Unterrichtsdurchführung. Kaum erforscht ist jedoch, wie sich die Planungsfähigkeit im Laufe des Professionalisierungsprozesses bei angehenden Lehrenden entwickelt. Im Fokus des Beitrags steht eine mehrjährige, österreichweite Längsschnittstudie im Paneldesign, bei der das Planungshandeln von 131 Studierenden der Wirtschaftspädagogik in Graz, Innsbruck und Wien zu drei Zeitpunkten im Masterstudium erfasst wurde. Im Zuge der Studie erstellten die Studierenden (1) am Studienbeginn, (2) circa drei Semester später, d.h. vor dem einsemestrigen Schulpraktikum und (3) nach Abschluss dieser schulpraktischen Phase einen Unterrichtsentwurf für eine Stunde im Bereich Rechnungswesen. Im Vortrag sollen insbesondere die Möglichkeiten und Grenzen der Operationalisierung, Erfassung und Bewertung des Planungshandeln in Form von Unterrichtsentwürfen thematisiert und sowohl aus allgemein- als auch aus fachdidaktischer Perspektive diskutiert werden. Zudem werden ausgewählte Ergebnisse der Studie vorgestellt, die zeigen, dass Interaktionen im Zusammenhang mit Lernaufgaben eine zentrale Rolle spielen, aber auch Schwächen, z.B. bei Zielen, inhaltlicher Vernetzung und Variation von Methoden und Medien, bestehen.

 

Scaffolding und Unterrichtsgestaltung – Eine prozessanalytische Studie zur Planung und Durchführung von Unterricht im berufsschulischen Kontext

Dr. Rico Hermkes, Manon Heuer-Kinscher, Prof. Dr. Gerhard Minnameier
Goethe-Universität Frankfurt am Main

Für gelingenden Unterricht und das Erreichen hoher Unterrichtsqualität ist u.a. die Passung zwischen Instruktion und Lernprozessen von Bedeutung. Das beginnt nicht erst im Unterrichtsgeschehen, sondern bereits bei der Planung und den dabei vorgenommenen Strukturierungsmaßnahmen, die schüleradaptiv sein sollen, indem sie u.a. potentielle Lernhürden der SuS antizipieren. Das Scaffolding-Konzept umfasst beides. Macro-Scaffolding bezieht sich auf die Planung und Strukturierung von Unterricht, Micro-Scaffolding auf Lernunterstützung in konkreten Unterrichtsinteraktionen, die sich an den individuellen Bedarfen der SuS orientiert.

In der Studie wird das Zusammenwirken von Macro- und Micro-Scaffolding untersucht. Das DFG-Projekt knüpft an ein bereits entwickeltes Verfahren zur Micro-Scaffolding-Erhebung an und erweitert es um Macro-Scaffolding und „Whole-Class-Scaffolding“. Datengrundlage bilden Unterrichtsentwürfe der Lehrkräfte sowie videographierter Unterricht.

Die Stichprobe umfasst 30 Berufschullehrkräfte/-klassen in Hessen, die jeweils eine 90-minütige Unterrichtseinheit für das Lernfeld „Beschaffungsprozesse“ planen und durchführen.

Im Ergebnis steht die (Weiter-)Entwicklung des Verfahrens, das Unterrichtsqualität unter der Perspektive lernadaptiven Scaffoldings valide und reliabel erfasst, so dass die Qualität der Scaffolds in ihren Effekten auf Lernoutcomes untersucht werden kann. Dabei geht es zunächst um die Frage der prädiktiven Validität solcher Prozessqualitäten.

 

Gruppendiskussionen und ihr Einfluss auf den Lernerfolg – Eine Videostudie im problemorientierten Wirtschaftsunterricht

Dr. Christin Siegfried
Goethe-Universität Frankfurt am Main

Der Beitrag untersucht Gruppendiskussionen im Rahmen eines problemorientierten Wirtschaftsunterrichts. Diesem Unterrichtssetting liegt die Annahme zugrunde, die Anforderungen ökonomischer Kompetenz (z.B. Mehrperspektivität, Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Handlungsoptionen) durch Gruppendiskussionen geeignet adressieren zu können. Durch den Austausch können zusätzliche Informationen sowie neue Perspektiven besprochen werden und schließlich dazu beitragen, neues Wissen zu ko-konstruieren, was nur schwer von einem einzelnen Lernenden erreicht werden kann. Um zentrale Gelingensbedingungen von Gruppendiskussionen zur Förderung ökonomischer Kompetenz zu identifizieren, wird im Rahmen einer empirischen Feldstudie, die mit den individuellen Diskussionsbeiträgen korrespondierenden kognitiven Prozesse (nicht elaboriert, aktiv, konstruktiv), die Struktur des Diskussionsformates (kummulativ, interaktiv, ko-konstruktiv) sowie der Grad der inhaltlichen Vielfalt in der Gruppendiskussion in den Blick genommen. Hierfür werden die videographischen Aufzeichnungen der Gruppendiskussion (N=87) und verschiedene Tests und Fragebögen genutzt.

Die Ergebnisse verweisen auf einen signifikanten Lernzuwachs. Zudem wird deutlich, dass vor allem Lernenden mit einem geringen Vorwissen von dem Unterricht profitieren, der Wissenszuwachs weniger durch das Fachinteresse oder das Geschlecht beeinflusst wird, sondern durch den Anteil konstruktiver Beiträge und der inhaltlichen Vielfalt in der Diskussion.

 

Qualität von Lehrererklärungen im Rechnungswesen aus der Sicht von Beobachtenden und Schüler*innen

Patricia Köpfer1, Dr. Stefanie Findeisen2, Prof. Dr. Eveline Wuttke1
1Goethe-Universität Frankfurt am Main, 2Universität Konstanz

Erklären ist essenzieller Bestandteil des schulischen Alltags und gehört zum „Kerngeschäft“ einer Lehrperson. Im Buchführungsunterricht ist Erklärfähigkeit wesentlich, da dieser zum einen sehr fehleranfällig und abstrakt sein kann und zum anderen Erklärungen regelmäßig an die sehr heterogene Schülerschaft angepasst werden müssen. Während eine Reihe von Arbeiten existiert, welche die Bedeutung des Erklärens im Unterricht beleuchten, liegt nur eine geringe Anzahl von Untersuchungen über die Messung und Modellierung von Erklärqualität vor. Aus diesem Grund hat der vorliegende Beitrag zum Ziel, die Qualität von Lehrererklärungen im Fach Rechnungswesen zu messen. Hierzu wird der Unterricht von fünf Lehrkräften der 2-jährigen Berufsfachschule Wirtschaft videographiert. Kriterien zur Bewertung der Erklärqualität werden basierend auf der Arbeit von Findeisen (2017) operationalisiert und auf verschiedene Unterrichtserklärungen der Lehrkräfte angewandt. Im Rahmen der Videoanalyse werden einzelne Aspekte der Erklärhandlung (z.B. fachlicher Gehalt, Adressatengerechtheit) von unabhängigen Beobachtenden geratet. Ein Vorteil unseres Studiendesigns ist insbesondere die Möglichkeit, die Wahrnehmung der 66 beteiligten Schüler*innen zu den Erklärqualitätsindikatoren (erhoben mittels Fragebogendaten) miteinbeziehen zu können. Beobachtenden- und Schülerurteil werden gegenübergestellt.

 
14:00 - 16:00Wechselspiele geschlechtlicher Be- und Ent | Grenz | ungen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 21
 

Chair(s): Alina Zils (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Deutschland), Mart Busche (Alice Salomon Hochschule Berlin)

Fragen machtvoller Reproduktion und Möglichkeiten der Verschiebung und Überschreitung von Normen stellen zentrale Problemstellungen der Erziehungswissenschaft dar. Für die pädagogische Praxis lässt sich der Anspruch formulieren, die pädagogische Ermöglichung von Handlungs- und Selbstbestimmungsräumen für Heranwachsende im Horizont dieser Problemstellung zu reflektieren. Dies gilt insbesondere für die Bedeutung von pädagogischem Handeln in vergeschlechtlichten Ordnungen: Nicht erst seit der Einführung des Personenstands „divers“ stellt Geschlecht einen offensichtlichen Schauplatz gesellschaftlicher Aushandlungen dar, vielmehr erweitern und begrenzen sich geschlechtliche Handlungsweisen unablässig in ihrem praktischen Vollzug und bedürfen daher der professionellen Reflexion. Anhand empirischer Forschungsarbeiten werden Routinen und Praktiken der Be- und Entgrenzung von Geschlecht in den Fokus genommen und diskutiert, welche Anforderungen sich daraus an professionelles Handeln ergeben.

 

Beiträge des Panels

 

Ir_relevanz von Geschlecht auf dem Spielplatz

Alina Zils
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Deutschland

Im Rahmen meiner Forschungen zur Ir_relevanz eines geschlechtlichen Subjekts im Kontext von Kindern auf dem Spielplatz wird in dem Beitrag auf der Grundlage des erhobenen Materials gezeigt, dass den unterschiedlichen Formen des Umgangs mit Geschlecht – unabhängig ihrer ‚Progressivität‘ – eine Reproduktion von Geschlechterungleichheit inhährent ist. Vor dem Hintergrund der eigenen erzieherischen Handlungspraxis der Eltern dokumentieren sich Orientierungsrahmen, die das aufgeworfene Strukturproblem einer dichotomen Geschlechterordnung different handhaben. Doch je präsenter ein allgemeines gesellschaftliches Bewusstsein im Hinblick auf Geschlechtergleichheit bzw. Geschlechtergerechtigkeit vorhanden ist, desto latenter und versteckter wirken die Mechanismen der Reproduktion von Geschlechterungleichheit. Trotz des geförderten geschlechtsübergreifenden Spiels wird der Junge* beim als mädchen*haft aufgerufene Spiel enger geführt resp. begrenzt im Vergleich zum jungen*haft aufgerufenen Spiel – somit eine Art Wechselspiel zwischen Ent- und Begrenzung.

 

Post-souveräne Männlichkeiten?

Mart Busche
Alice Salomon Hochschule Berlin

Anhand der rekonstruktiven Analyse von alltagsbezogenen Interviews mit 14- bis 16-jährigen Cisjungen werden männlichkeitsbezogene Anfechtungssituationen im Sinne fremdinduzierter Echtheitsprüfungen in den Blick genommen. Bei diesen Anfechtungen handelt es sich um Situationen, in denen die Performanz von Geschlecht und/oder Sexualität infrage gestellt wird, denen sich die gemeinte Person nur schwer entziehen kann und die nicht selten eine gewalthaltige Antwort zu erfordern scheinen. Fokussiert werden dabei nichtgewalttätige Positionierungen und die darin aufscheinenden sozialen Imperative und ihr Subjektivierungspotenzial. Normen der Nichtgewalttätigkeit werden beispielsweise in verschiedene Überlegenheitskonstruktionen eingebunden oder erscheinen als Bestandteil einer Caring Masculinity.

Hierbei soll das Potenzial post-souveräner Männlichkeitskonstruktionen, in denen die eigene Fragilität und Verletzbarkeit gewiss ist, ausgeleuchtet werden: Inwieweit kann Geschlechterreflexion in der Pädagogik dazu beitragen, Männlichkeiten* und andere Geschlechter zu ermöglichen, durch eine Normaneignung, „die sich gegen deren geschichtlich sedimentierte Wirkungen richtet“ und als auflehnendes Moment interpretiert werden kann, die „Zukunft durch den Bruch mit der Vergangenheit begründet“ (Butler 1998: 225)?

 

„Kosmetik, Körper und Kritik. Performative Geschlechterpraxis und die Grenzen der Kritik“

Prof. Dr. Britta Hoffarth
Stiftung Universität Hildesheim

Kosmetische Praktiken von Mädchen* stehen in eigentümlich doppelter Spannung zu feministischen Widerstandserwartungen an die jüngere Generation einerseits und gesellschaftlichen Normalitätserwartungen der Elterngeneration andererseits. Während problematisiert wird, dass Schminken heteronormative Geschlechterrepräsentationen und kapitalistische Arbeitsordnungen reproduziert (vgl. Wolf 1996, McRobbie 2010) und das kosmetische Handeln der Mädchen* am eigenen Körper die Wirkmacht repressiver Körpernormen spiegelt (vgl. Maassen 2008), wird vornehmlich durch die Elterngeneration Kritik an der potentiellen Frühsexualisierung der geschminkten Mädchenkörper geübt (vgl. Hoffarth 2021, Dangendorf 2012). In der je unterschiedlich begründeten Kritik jugendlicher Körperpraktiken werden Grenzen implizit zum Thema: etwa Selbstbestimmungsgrenzen, moralische Grenzen oder Grenzen sozialer Differenzkategorien wie etwa Altersgrenzen.

Dabei wird, so soll in meinem Beitrag problematisiert werden, ausgeblendet, dass die Praxis des Schminkens selbst in verschiedener Hinsicht als Arbeit an den Grenzen intersektionaler Kategorien fungiert. Gleichwohl lässt sie sich nicht als widerständige Praxis souveräner Akteur*innen verstehen, die die begrenzende Kraft etwa heterosexueller Normen in ihrem Handeln vergegenwärtigen und ideologiekritisch befragen. Das ent-grenzende Moment des Handelns liegt vielmehr in der Widersprüchlichkeit sozialer Normen, die auf den Körper bezogen sind, selbst.

 

Die Willkürlichkeit, Widersprüchlichkeit und Gewaltförmigkeit binärer Geschlechterkonstruktionen, -grenzen und -inszenierungen am Beispiel der Bildungsarbeit mit Videoclips

Dr. Tamás Jules Fütty
Europa-Universität Flensburg

Anhand fokussierter Reflexion in der Rolle als Leitung von Fortbildungen und Workshops für pädagogische Fachkräfte und Schüler*innen zum Thema Geschlechterdiversität werden verwendete Videoclips auf ihre Potentiale der Be- und Entgrenzung von binär vergeschlechtlichten Geschlechterkonstruktionen, -grenzen und -inszenierungen beleuchtet. In Anlehnung an Butlers Performativitäts- sowie Subjektivierungsansatz liegt der Fokus auf Widersprüchen und Willkürlichkeit hinsichtlich der binären Geschlechternormativität sowie ihrer gleichzeitigen gewaltförmigen Durchsetzung als auch Widersetzungen (Butler 1990, 2004). Subjektivierung wird hierbei als paradoxe Fremd- und Selbstunterwerfung unter hegemoniale Normen zur Erlangung von Subjektstatus, Intelligibilität und Handlungsfähigkeit (und damit auch der Subversion) verstanden (Butler, 1997, 10; vgl. 2001, 26). Exemplarisch wird an didaktisch-inhaltlich eingebetteten Videoclips die Bedeutung von Affekt und ‚sich-in-Bezug setzen‘ für die theoretische Wissensvermittlung von pädagogischen Fachkräfte diskutiert, als auch für die Reflexion der eigenen geschlechtlichen Subjektivierung und Sozialisierung, die tagtäglich als Doing Gender sowie pädagogisch (subtiles) Tun und Handeln reproduziert werden: bspw. das selbstverständliche ‚Einlesen‘ und ‚Zuweisen‘ von binär codierten Kleidungsstücken oder Toilettenräumen. Gleichzeitig wird kritisch das Augenmerk auf transformierte Othering-Praktiken zur Selbstdistanzierung und Abgrenzung gerichtet.

 
14:00 - 16:00Widerständigkeit und Agency von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in transnationalen Bildungsräumen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 33
 

Chair(s): Prof. Dr. Christian Imdorf (Leibniz Universität Hannover), Prof. Dr. Lysann Zander (Leibniz Universität Hannover)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Dagmar Strohmeier (FH Oberösterreich), Dr. Ingrid Tucci (Laboratoire d’Economie et de Sociologie du Travail)

Jugendliche und junge Erwachsene bilden sich zunehmend in transnationalen, grenzüberschreitenden Bildungsräumen. Sie werden in diesem Kontext mit explizit und implizit kommunizierten Erwartungen verschiedener Akteur*innen und Institutionen konfrontiert. Diese Erwartungen können mit Widersprüchlichkeiten und Interpretationsproblemen einhergehen aber auch neue Handlungsoptionen eröffnen. Die in diesem interdisziplinären Symposium versammelten Vorträge betrachten aus verschiedenen Perspektiven und mit Hilfe quantitativer und qualitativer Methoden (a) die Erwartungen, denen sich Jugendliche und junge Erwachsene in transnationalen Bildungsräumen im Kontext von nationalen (Bildungs-) Institutionen sowie in ihrem sozialen Umfeld gegenüber sehen; (b) die Formen der Widerständigkeit(en) und eigenständigen Handlungswege, die Jugendliche und ihre Familien entwickeln; und (c) die Konsequenzen, die sich durch diese Handlungswege für die Jugendlichen und ihre Familien ergeben.

 

Beiträge des Panels

 

Internationales Studieren als Bildungsstimulation? - Fallrekonstruktionen zur Adoleszenz in transnationalen Erfahrungsräumen in der globalisierten Moderne

Prof. Dr. Boris Zizek1, Dr. Xu Zhao2
1Leibniz Universität Hannover, 2University of Calgary

Wie eignen sich internationale Studierende aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten als potentielle Globalisierungsgewinner neue Lebenswelten an? Anhand narrativer Interviews mit internationalen Studierenden in Kanada und Deutschland wird mit rekonstruktiven Auswertungsverfahren das internationale Studieren in einzelnen Phasen des Aufenthalts als ein spezifischer Bildungsprozess untersucht und eine Typologie der unterschiedlichen Weisen der Fremdheitsaneignung rekonstruiert und von den biographischen und kulturellen Sozialisationserfahrungen her erklärt. Während die vorliegende Forschung einzelne Aspekte der Aneignung wie Vulnerabilität, Diskriminierung und rassistische Mikroagressionen fokussiert, erfolgt hier eine sequenzanalytisch fallrekonstruktive, kulturvergleichende Untersuchung, die aus einzelnen Fällen heraus potentiell generalisierbare Typen des Umgangs von Adoleszenten mit neuen Lebenswelten unter privilegierten Bedingungen herausarbeitet.

 

International students’ thriving – the role of instructors’ mindsets, students’ self-efficacy beliefs, and sense of belonging

Jannika Haase, Lysann Zander
Leibniz Universität Hannover

Transitioning into a new academic environment constitutes a profound challenge for international students. Reactions to such challenges can range from detrimental to adaptive responses including the experience of vitality and growth (thriving), which can be facilitated by individual enablers (e.g., agency beliefs) and contextual enablers (e.g., peer relations). The latter may be difficult to establish in digital learning environments. Therefore, international students may be particularly susceptible to expectations communicated explicitly or implicitly by high-status agents, such as instructors in online classes. Instructors’ growth mindsets, i.e., their expectation that students’ intelligence is rather malleable than fixed, have been recently found to predict minority students’ adaptive academic outcomes. The present study therefore examined whether instructors’ mindsets contribute to international students’ thriving – above and beyond students’ self-efficacy beliefs in digital learning environments (individual enabler) and social belonging (contextual enabler). Analyzing the data of 131 international students we found that instructors’ growth mindsets positively predicted students’ thriving - above and beyond self-efficacy and belonging. The results underscore the importance of instructors in facilitating international students’ adaptive reactions to challenges by communicating expectations of growth – even in digital learning environments.

 

German Adolescents’ Technical Support in Immigrant Families’ Adaptation in Switzerland

Prof. Dr. Peter F. Titzmann, Lara Aumann
Leibniz Universität Hannover

Immigrant adolescents support their families in multiple ways, but less is known about their facilitating the parental use of new technologies (technical brokering). Adolescents’ technical brokering may help their families in adapting to the host culture and in keeping contact with friends and family abroad. This study investigated differences in the level of technical brokering between German immigrant and native Swiss adolescents and tested whether migration-unrelated (family life) or migration-related (e.g., culture brokering) factors predict interindividual differences in technical brokering. The sample comprised 301 adolescents in Switzerland (136 German immigrant adolescents (mean age = 15.3, 65% female); 165 native Swiss adolescents (mean age = 15.9, 61% female)). Results showed more frequent technical brokering among German immigrant as compared to native Swiss adolescents. Hierarchical regressions revealed that technical brokering primarily served immigrant families in the mastering of the transition to the new country (culture brokering and host culture orientation were significant predictors). This interpretation received further support by an interaction effect showing that technical brokering is particularly frequent when adolescents act as a culture broker in families with substantial sociocultural adaptation difficulties. The study complements an often deficit-oriented view on immigrant youth with a view of their active and constructive role in families.

 
14:00 - 16:00Zu den un/begrenzten Möglichkeiten der Dinge. Praxistheoretische Forschung zur Kontingenz pädagogischer Dingpraktiken
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 04
 

Chair(s): Prof. Dr. Kerstin Rabenstein (Universität Göttingen, Deutschland), Prof. Dr. Daniel Rode (Paris-Lodron-Universität Salzburg), Prof. Dr. Ulrike Kranefeld (TU Dortmund)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Jochen Lange (Universität Koblenz Landau)

In der praxistheoretischen Schul- und Unterrichtsforschung werden die Möglichkeiten der Dinge, zur Konstituierung pädagogischer Ordnungen beizutragen, vermehrt untersucht. In einer kontingenzsensiblen Perspektive wird Dingen dabei keine Bedeutung ‚an sich‘ zugeschrieben, sondern nach der situativen Entstehung eines Gebrauchssinns gefragt. Die Arbeitsgruppe interessiert sich für die entstehenden Bedeutungsrelationen von menschlichen und nicht-menschlichen Aktanten im Gebrauch wenig bzw. nicht didaktisierter Dinge, die in schulischen Vermittlungszusammenhängen erst zu schulischen bzw. unterrichtlichen Dingen gemacht werden. In den vorgestellten Studien zu musikalischen Praxen im Musikunterricht, Videos zu sportiven Übungen im Distanzsportunterricht und zur Herstellung neuer Schulklassen wird unter Berücksichtigung auch subversiver Potentiale gefragt, wie welche un-/begrenzten pädagogischen Möglichkeiten ihres Gebrauchs entstehen.

 

Beiträge des Panels

 

“Eigentlich hat jedes Papier auch andere Töne…” - Soziomaterielle Praktiken der Bedeutungszuschreibung beim Musizieren mit Alltagsgegenständen

Jan Duve, Prof. Dr. Ulrike Kranefeld
TU Dortmund

Im Musikunterricht werden den Dingen – vor allem in Phasen musikalischer Praxis – immer wieder in soziomateriellen Praktiken kontingente Bedeutungen zugeschrieben (Kranefeld, Mause & Duve, 2019; Duve, 2021). Darüber hinaus vollziehen sich an den Dingen auch Zuschreibungen bezüglich der Spielenden, etwa wenn instrumentale Vorerfahrung und Expertise inszeniert werden (Kranefeld & Heberle, 2020). Eine didaktische Strategie diese Zuschreibungen zu neutralisieren ist dabei die Verwendung von Alltagsgegenständen als Klangkörper (etwa durch sog. Papiermusik). Bei derartigen Musizierprozessen kommt es vielfach zu Umdeutungen der beteiligten Dinge, die neben ihren außerunterrichtlichen Bedeutungen auch zu Musikinstrumenten gemacht werden. Im Rahmen unseres Vortrages wollen wir beleuchten, welchen Veränderungen die Bedeutungszuschreibung von in erster Linie nicht als Musikinstrumenten konzipierten Alltagsgegenständen unterworfen ist, die im Musikunterricht zu Klangkörpern werden. Ein Fokus ist dabei auch die Betrachtung von möglicherweise unbewusst oder ungewollt eingebrachten Bedeutungskontexten, die durch die Dinge in den Unterricht transportiert werden. Dazu wollen wir eine fallanalytische Perspektive auf die fachspezifischen soziomateriellen Praktiken eröffnen, in denen diese volatilen und kontingenten Bedeutungszuschreibungen vorgenommen werden.

 

Die Socken in den Mülleimer. Alltagsdinge als Unterrichtsdinge in Online-Videos im Homeschooling im Fach Sport

Prof. Dr. Daniel Rode1, Dr. Benjamin Zander2
1Paris-Lodron-Universität Salzburg, 2Universität Göttingen

In der „Corona-Krise“ findet auch Sportunterricht als „Homeschooling“ statt. Von Lehrkräften oder Dritten (z. B. ALBA Berlin) erstellte, über Padlets und soziale Medien zirkulierende und Schüler*innen von Sportlehrkräften aufgegebene Online-Videos avancieren hier zu wichtigen Vermittlungsinstanzen. Unklar ist, wie diese digitalen Mediendinge zur Konstitution fachlicher Wissensordnungen beitragen, unterrichtliche Ansprüche, Ziele und Inhalte verhandelt werden und Schüler*innen sowie das häusliche Umfeld in und durch sie adressiert werden. Wir rekurrieren auf ein digital-ethnographisches (Pink et al., 2016) Forschungsprojekt, um diesen Fragen nachzugehen. Anhand im Feld stark verbreiteter Videos fokussieren wir das Phänomen, dass in den Übungen und Bewegungsaufgaben, die die Online-Videos inszenieren, häusliche Alltagsgegenstände (Socken, Mülleimer) als Ersatz-Sportgeräte zum Einsatz kommen. Wir analysieren die medialen Inszenierungspraktiken von Alltagsgegenständen als Unterrichtsdinge in einer praxistheoretischen Perspektive und einem fallrekonstruktiv-sequenzanalytischen Vorgehen mit Blick auf Öffnungen und Schließungen von Dingbedeutungen. Es werden implizite wie explizite Dimensionen der medialen Performativität komplexer digitaler Dinge, die zum fachunterrichtlichen Gebrauch von Alltagsgegenständen anweisen, verdeutlicht und in Hinblick auf Be- und Entgrenzungen unterrichtlicher Bedeutungsrelationen sowie Fragen nach Refigurationen von Sportunterricht insgesamt diskutiert.

 

Einspannungen – Dinge als eigensinnige Mitspieler bei der Herstellung von Schulklassen

Prof. Dr. Kerstin Rabenstein
Universität Göttingen

In einer ethnografischen Studie untersuchen wir, wie zunächst „substanzlose“ (Kelle 1997, 164) neue Klassen als Entitäten sui generis hergestellt werden. Im Vortrag fokussieren wir darauf, wie in Ding-Praktiken Teilnehmerschaft in der Schulklasse ermöglicht und ‚Mitspielfähigkeit‘ (Alkemeyer & Buschmann 2017, 272) hergestellt wird. In den beobachteten Praktiken lässt sich ein eigensinniger Gebrauch von weniger (z.B. Kartonkisten, Klassenfotos) und stärker (z.B. Verhaltensampel) didaktisierten Dinge erkennen. Dabei, so die These, zeigen sich Praktiken des Einspannens von Dingen und des Eingespannt-Werdens durch sie als unterschiedliche Antworten auf die Frage nach der Macht der Dinge, mit denen Bedeutungsverschiebungen einhergehen: die sog. Ampel nimmt nicht nur Schüler*innen, sondern eigensinnig auch die Lehrkraft in den Dienst der Disziplinierung, eröffnet aber auch situativ neue Gebrauchsformen. Von Schüler*innen zu gestaltende Gegenstände wie Materialkisten oder Klassenposter wiederum werden zur materialisierten Anzeige von Freundschaften eingespannt bzw. unterstützen diese. Die Anfertigung und Anbringung von Klassenfotos schließlich ermöglicht die Inszenierung der Klasse als Einheit und fordert diese gleichzeitig ein. In dem Vortrag fokussieren wir 1.) methodologisch, wie Aufforderungen der Dinge und Reaktionen auf sie multimodal untersucht werden und 2.) an den genannten Beispielen empirisch, wie Dinge an den Schulklassen konstituierenden Prozessen beteiligt sind.

 
14:00 - 16:00Zur bindungstheoretischen Dominanz bei Gefährdungseinschätzungen in der frühesten Kindheit. Historische Spuren, theoretische Verortungen und empirische Befunde
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 15
 

Chair(s): Prof. Dr. Maren Zeller (FH OST, Schweiz), Bettina Grubenmann (FH OST, Schweiz)

Bindung stellt sowohl in Wissenschaft als auch in Gesellschaft eine unhinterfragte Interpretationsfolie für die Beurteilung des Kindeswohls in der frühen Kindheit dar. Dies gilt insbesondere, wenn eine Gefährdung bei Säuglingen und Kleinkindern von pädagogisch Tätigen eingeschätzt wird. In der Arbeitsgruppe sollen dieser Topos der Bindung am Beispiel des Handlungskontextes der Inobhutnahme und Fremdplatzierung von jungen Kindern im historischen Verlauf diskutiert und aus unterschiedlichen Perspektiven kritisch beleuchtet werden. Die konkrete Auswahl der Beiträge setzt auf eine bisher noch ausstehende Verknüpfung von Erkenntnissen aus der Rekonstruktion dominanter Diskurse mit empirischen Befunden (historisch wie gegenwärtig) und einer kritischen Bestandsaufnahme hinsichtlich der aktuellen bindungstheoretischen Theorieentwicklung.

 

Beiträge des Panels

 

Der Hospitalismus-Diskurs in der Schweiz. Ein regionalräumlicher Vergleich

Dr. Michel Christian, Giacomo Müller
FH OST, Schweiz

In der Schweiz erforschte Marie Meierhofer zwischen 1958 und 1968 die Zustände in Zürcher Säuglingsheimen und prägte die "Hospitalismusdebatte" in der Schweiz. In ihrer Zürcher Heimstudie, einer Längsschnittstudie, nahm sie sich den Entwicklungsfolgen von Kindern an, die in Säuglingsheimen ihre ersten Lebensjahre verbrachten. Die Arbeiten von Marie Meierhofer fanden auch international Beachtung. Der Beitrag zeigt, vor dem Hintergrund eines vom SNF geförderten Forschungsprojektes, ob und wie in unterschiedlichen Regionen der Schweiz auf die Hospitalismusdebatte Bezug genommen wurde, um Gefährdung von Säuglingen durch Institutionen zu thematisieren. Dahinter steht die Vermutung, dass sich die Rezeption entlang von Sprachgrenzen und sozialräumlichen Milieus unterscheiden. Mit Blick auf Genf, Tessin und St. Gallen soll gezeigt werden, dass sich die Hospitalismusdebatte nicht als Einheitsdiskurs lesen lässt, sondern bereits historisch als Folie genutzt wurde, um professionelle Entwicklungen voranzutreiben oder Zuständigkeiten zu behaupten. Je nach Region zeigen sich unterschiedliche Begründungsargumente, da sich die elterliche/mütterliche Mangellage je nach Region und Milieu unterschieden und die Skepsis unterschiedlich akzentuiert wurde. Dies wirft entsprechend bereits historisch die Frage auf, ob sich bindungstheoretische Vergewisserungen eignen, um Praxis zu analysieren und gute Praxis zu reklamieren.

 

Die Entdeckung Bowlbys. Säuglingsheime und Bindungstheorie in Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg

Dr. Felix Berth
DJI München, D

Dieser Beitrag untersucht die Geschichte der Säuglingsheime in Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Dabei werden zwei Forschungsperspektiven kombiniert: Zunächst wird gezeigt, dass die deutliche Zunahme der Heimbetreuung von Kleinkindern bis in die späten 1950er-Jahre in Westdeutschland nicht mit einer wachsenden Zahl von Waisenkindern zusammenhing; vielmehr spiegelte sich darin vor allem die Haltung der Behörden zu alleinerziehenden Müttern und ihren Kindern. In einem zweiten Schritt wird die Wirksamkeit von John Bowlbys WHO-Bericht Maternal Care and Mental Health aus dem Jahr 1951 analysiert. Diese Monografie des britischen Psychiaters und Psychoanalytikers hatte in den späten 1950er- und frühen 1960er-Jahren großen Einfluss auf westdeutsche Fachdiskurse über Heimerziehung von Kleinkindern. Gestützt auf Bowlbys frühe Version der Bindungstheorie wurden Säuglingsheime in Westdeutschland bis Mitte der 1960er-Jahre – also noch deutlich vor der “Heimkampagne” der 1968er-Bewegung – fast vollständig abgeschafft. Mit seinen beiden Perspektiven trägt der Beitrag zur Historisierung der Heimerziehung sowie der Bindungstheorie bei.

 

Theorie und Praxis der Bindungstheorie. Eine kritische Bestandsaufnahme

Prof. Dr. Heidi Kelle
Uni Osnabrück, D

Die Bindungstheorie hat sich als Bezugsrahmen für viele anwendungsorientierte Bereiche etablieren können. Dabei ist offensichtlich, dass die Bindungstheorie nicht in ihren Originaltexten rezipiert und reflektiert wird, sondern eine ausschließliche Orientierung an vereinfachender Sekundärliteratur vorherrscht. Dabei haben sich Praktiken durchgesetzt, die selbst von Bindungsforscher_innen abgelehnt werden, so dass sich kürzlich 77 führende Bindungsforscher_innen von diesem Vorgehen, insbesondere bei Gerichtsentscheidungen, distanziert haben. Aus wissenschaftlicher Perspektive ist die Bindungstheorie seit ihren Anfängen nicht unumstritten. So sind die wissenschaftlichen Grundlagen aus der Evolutionstheorie und Primatologie zum Teil falsch und verkürzt zitiert, bzw. unzutreffend interpretiert. Besonders auch aus kulturanthropologischer und – psychologischer Sicht wird die Universalitätsannahme infrage gestellt, sowie die kulturelle Blindheit der Kernnahmen moniert. In diesem Beitrag werden die bindungstheoretischen Annahmen einer kritischen Analyse unterzogen. Anhand von Falldarstellungen wird die Problematik einer bindungstheoretisch begründeten Vorgehensweise und Entscheidungsfindung erläutert.

 
14:00 - 16:00Zwischen Be- und Entgrenzung von Zeit und Raum – Pandemie als krisenhafte Erfahrung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 20
 

Chair(s): Dr. Lilli Riettiens (Universität zu Köln, Deutschland)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Mandy Schiefner-Rohs (TU Kaiserlautern)

Die Arbeitsgruppe widmet sich dem (bisweilen paradoxen) Spannungsfeld von raum-zeitlicher Be- und Entgrenzung in Pandemiezeiten in historischer wie aktueller Perspektive. Wir gehen davon aus, dass auf die raum-zeitlich entgrenzte Pandemie in jeweiligen Gegenwarten mit raum-zeitlicher Begrenzung reagiert wurde/wird, während sich in der Begrenzung Potenziale erneuter Entgrenzung abzeichnen. Vor diesem Hintergrund rücken wir Fragen nach Erfahrungen subjektiver Zeit bzw. nach dem alltäglich-gegenwärtigen Empfinden von Zeit und Raum während einer Pandemie bzw. unter Quarantäne in den Mittelpunkt, die sich im reflexiven Verhältnis von Subjekt und Welt niederschlagen. In Rückbindung an tradierte Diskurse der Erziehungswissenschaft diskutieren wir dabei auch die sich daraus ergebenden Implikationen für formale Bildungskontexte in Pandemiezeiten und unter Bedingungen der Digitalität sowie für die Disziplin selbst.

 

Beiträge des Panels

 

Zur strikten Zuteilung von Zeit und Raum – Subjektives Zeitempfinden unter Quarantäne

Dr. Lilli Riettiens
Universität zu Köln

Die im 14. Jahrhundert erfundene Quarantäne als »Isolation auf Zeit« (Schwara 2011: 224) dient noch heute der Infektionseindämmung. Mit dem Ziel »ungeregelte Zusammenkünfte zu verhindern, die pathologische Übertragungen möglich machen« (Rölli 2005: 535), wird verdächtigten oder infektiösen Körpern ein »klar bestimmte[r] Platz« zugewiesen (ebd.: 359), den sie für eine definierte Zeit nicht verlassen dürfen. Diese strikte Ein- und Zuteilung des Raumes von Seiten der Behörden lässt sich in Anlehnung an Foucault als Disziplinarmaßnahme lesen, die den Ort der Quarantäne als (nahezu) isolierten Raum hervorbringt. Während sich Quarantäne also nicht ohne die Momente Zeit und Raum bzw. ohne von außen ›auferlegte‹ Zeiten und Räume denken lässt, fragt der Vortrag vor allem nach dem subjektiven Zeitempfinden unter Quarantäne.

Im Anschluss an eine Historisierung und Theoretisierung von Quarantäne als Spezialfall von Begrenzung in Zeiten entgrenzter Pandemie geht der Vortrag anhand einer Analyse spanischsprachiger Reiseberichte aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert der Frage nach, wie Schiffsreisende ihr Empfinden ›der Zeit‹ unter Quarantäne beschrieben. In Anlehnung an eine Theorie transformatorischer Bildung (vgl. Schäfer 2013; Koller 2018) gilt es dabei, ein mögliches Bildungspotenzial von Quarantäne kritisch zu diskutieren – zwischen krisenhafter Erfahrung und (potenziell) verunmöglichter reflexiver Auseinandersetzung von Ich und Welt.

 

›Die Zukunft kann nicht beginnen‹ – Digitalität, Temporalstruktur und Bildung

Dr. Christian Leineweber
FernUniversität in Hagen

Mit der noch andauernden Corona-Pandemie hält der Versuch einer zunehmenden Digitalisierung des Bildungssystems an. Wo Distanz geboten ist, lassen digitale Medien räumliche Grenzen aufheben und das Klassenzimmer oder den Hörsaal zum lernenden Subjekt bringen (vgl. Simanowski 2018). Gleichsam weisen kulturtheoretische Reflexionen der Gegenwart darauf hin, dass Digitalität mit Steigerungs- und Vermessungslogiken einhergeht (vgl. Mau 2017), die das Subjekt unter Verantwortung stellen und kritisch als unternehmerisches Selbst (vgl. Bröckling 2013) deuten lassen.

Ziel des Vortrags ist es, diese beiden Tendenzen zu vereinen und zu reflektieren. Ausgehend von der pädagogischen Anthropologie lautet die These, dass der Gedanke an eine positiv gestaltbare Zukunft eine integrale Kategorie von Bildung ist (vgl. de Haan 2014). Daran anknüpfend gilt es zu zeigen, dass digitaler Fortschritt auf der Ebene der subjektiven Erfahrungswelt in enger Verbindung zu Beschleunigung und unsicheren Zukunftsvorstellungen steht (vgl. Rosa 2012). Insofern dies den Weg zu einer positiven Zukunft zu versperren droht, scheint es notwendig, das Verhältnis von Digitalität und subjektiver Unsicher­heit für die Analyse von Bildungsprozessen zu berücksichtigen. Im Rückgriff auf den transformatorischen Bildungsbegriff (vgl. Marotzki 1990), der Krisenerfahrungen als konstitutiv für Bildung anerkennt, nimmt der Vortrag dieses Verhältnis auf und exploriert Anschlüsse für eine temporaltheoretische Bildungsforschung.

 

Selbsterzählungen zum Empfinden von Zeit und Raum – Rekonstruktion studentischer Pandemie-Erfahrungen

Prof. Dr. Sandra Hofhues
FernUniversität in Hagen

Während alle gesellschaftlichen Bereiche von mehreren Wellen der COVID-19-Pandemie betroffen waren, ist ein konstitutives Merkmal dieser Entwicklungen, dass möglichst alle dieser Bereiche, einschließlich des sozialen Lebens, mittels Distanzierung aufrechterhalten werden sollten – darunter auch Bildungsinstitutionen. Die Entgrenzung von Lernerfahrungen u. a. bei Studierenden im Kontext Universität ist dabei evident. Und doch bleiben die Transformationen der formalen Bildung selbst – mit samt ihrer gestalteten Räume und Möglichkeiten – bisher wenig beleuchtet.

Ziel des Vortrags ist daher zu zeigen, dass und wie Lehre in Pandemiezeiten nicht bloß einem von außen gesetzten Zweck folgte, sondern zur persönlichen Entwicklung im Sinne von Bildung beigetragen hat (vgl. Vortragende_r 3; Sesink 2006). So knüpft der Vortrag an ein Seminar im Sommersemester 2020 an, das die Pandemie zum Gegenstand studentischer Forschung und Reflexion machte. Je zehn Tagebucheinträge von insgesamt 32 Studierenden regten zur Selbstpositionierung im Kontext eigener Pandemie-Erfahrungen an. Jene werden im Vortrag hinsichtlich der Frage ausgewertet, welches Empfinden von Zeit und Raum in ihnen ausgedrückt wird und welche Sichtweise(n) studentische Erfahrungsräume spiegeln (vgl. Bohnsack 2017). Immerhin dokumentieren sich darin sowohl subjektive Sorgen und Ängste als auch empirische Einblicke in studentische Selbsterzählungen unter Bedingungen anhaltender Pandemie.

 
14:00 - 16:00Zwischen Transformation und Persistenz. Grenzverschiebungen in Schule und Unterricht im Kontext der Corona-Pandemie
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 02
 

Chair(s): Prof. Dr. Petra Herzmann (Universität zu Köln, Deutschland)

Ausgehend von den im Zuge der Corona-Pandemie bildungspolitisch verordneten (zeitweiligen) Schulschließungen sowie der Umstellung auf Fernunterricht untersuchen die Beiträge der Arbeitsgruppe, inwiefern sich im Kontext einer kriseninduzierten Ausnahmesituation akteursbezogene und institutionelle Grenzverschiebungen als Relationierungen von Transformation und Persistenz empirisch zeigen. Die Beiträge rekonstruieren die Perspektiven unterschiedlicher Akteur*innen sowie den Online-Unterricht. Aufgezeigt werden bildungspolitische Adressierungen sowie Positionierungen der Akteur*innen als Diskurse berufskultureller und habitueller Selbstvergewisserungen. Darüber hinaus wird mit Blick auf den Online-Unterricht deutlich, wie Teilnahme durch Transformation und Persistenz von Praktiken im Klassenzimmer (neu) ausgehandelt wird. Unsere Befunde nehmen wir weitergehend zum Anlass, Fragen der besonderen ‚Qualität‘ der Corona-Krise für die Transformativität von Schule und Unterricht zu diskutieren.

 

Beiträge des Panels

 

Zur ‚Digitalisierung‘ unterrichtlicher Praktiken im Online-Unterricht

Dr. Andrea Bossen
Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg, Deutschland

Im Zuge der Corona-Pandemie sind Lehrpersonen herausgefordert, Unterricht in den privaten Lebenswelten von Kindern zu organisieren. Der Fernunterricht wird einerseits sowohl als Herausforderung und Chance diskutiert (vgl. Breidenstein & Bossen, 2020; Fickermann & Edelstein, 2020), anderseits kommen die für selbstverständlich genommenen Grundlagen schulischen Unterrichts durch die Krise verstärkt in den Blick (Bossen & Breidenstein, i.E.). Online-Unterricht als eine Form des Fernunterrichts bietet die Möglichkeit, Schüler*innen, die über eine entsprechende digitale Ausstattung verfügen, und Lehrperson als Unterrichtsgemeinschaft synchron zu versammeln. Dabei lassen sich geteilte unterrichtliche Praktiken (wie z.B. Prüfung von Anwesenheit, Begrüßungsrituale, Melden, Unterrichtgespräche, Tafelbilder) nicht ohne Weiteres in die digitale Welt übertragen. Beobachtungen, die im Online-Unterricht dreier unterschiedlicher Grundschulen protokolliert wurden, zeigen übergreifende Handlungsprobleme und teilweise skurrile Effekte, die von den Teilnehmer*innen am Online-Unterricht (Lehrperson, Schüler*innen und weitere Personen wie (Groß-)Eltern oder Geschwister) in unterschiedlicher Weise bearbeitet werden und so auch die ‚Teilnahmebedingungen‘ am gemeinsamen Unterricht neu verhandelt werden müssen. Der Beitrag unternimmt den Versuch einer Beschreibung der ‚Digitalisierung‘ unterrichtlicher Praktiken im Online-Unterricht und fragt danach, wie dort ein gemeinsamer Unterricht etabliert wird.

 

Unterrichten ‚ohne Klassenzimmer‘: Habituelle Orientierungen von Lehrer*innen im Kontext bildungspolitischer Erwartungen in der Covid19-Pandemie

Prof. Dr. Petra Herzmann
Universität zu Köln, Deutschland

In Anlehnung an den professionstheoretischen Diskurs zum Lehrerhabitus (Kramer & Pallesen, 2019) untersuchen wir, wie Lehrer*innen die Anforderungen der pandemiebedingten Schulschließungen thematisieren und sich zu den bildungspolitischen Erwartungen, die in der Krise an sie gestellt werden, positionieren. Ziel ist es, habituelle Orientierungen von Lehrer*innen im Hinblick auf ihre Gestaltung des Fernunterrichts zu rekonstruieren. In diesem Zusammenhang gehen wir der Frage nach, inwiefern individuelle Professionsverständnisse (Bohnsack, 2020) in Auseinandersetzung mit exterioren Verhaltenserwartungen (Rauschenberg & Hericks, 2018), wie etwa bildungspolitischen Vorgaben, bearbeitet und Transformationen der habituellen Orientierungen erkennbar werden (Bohnsack, 2014). Zu diesem Zweck führen wir Interviews mit Lehrer*innen und untersuchen bildungspolitische Dokumente (z.B. SchulMails NRW) (Nohl, 2017). Erste Befunde weisen darauf hin, dass sich die Aussagen der Befragten in der krisenbedingten ‚Entzeitlichung‘ und ‚Enträumlichung‘ von Unterricht in einem Spektrum zwischen ‚Ressourcenbündelung‘ bzw. der Orientierung an ‚altbewährten‘ Methoden und eigeninitiativem bzw. proaktivem Handeln verorten lassen, bspw. im Hinblick auf die Konzipierung der häuslichen Lernaufgaben. Zugleich wird u.a. deutlich, dass sich die Befragten in kritischer Distanz zu bildungspolitischen Entscheidungen positionieren (Hövels & Herzmann, 2021) und diese nur bedingt als hilfreich in der Krise erachten.

 

Berufskultur und Transformativität – Empirische Rekonstruktionen zum Zusammenspiel von Fremd- und Selbstpositionierungen von Lehrer*innen zur „Corona-Krise“

Prof. Dr. Fabian Dietrich1, Dr. Nele Kuhlmann2, Julia Spitznagel1
1Universität Bayreuth, Deutschland, 2Friedrich-Schiller-Universität Jena, Deutschland

Im Zuge der gegenwärtigen Pandemie rückten erneut Fragen der Transformationsbedürftigkeit und -fähigkeit von Schule in den Fokus (vgl. Sliwka & Klopsch, 2020). Im Mittelpunkt des Beitrages stehen empirische Rekonstruktionen von Bezugnahmen auf diese Situation, die als aus einem komplexen Wechselspiel von Selbst- und Fremdbeschreibungen hervorgehend und als Ausdrucksgestalt der Berufskultur von in Schule tätigen Akteuren betrachtet werden. An vorliegende Konzeptualisierungen anschließend wird Berufskultur als übergreifende sowie in sich spannungsreiche und ausdifferenzierte symbolische Ordnung gefasst. Sie kennzeichnet das spezifische berufliche Feld und strukturiert in Gestalt kollektiver Dispositionen (Rademacher, 2009, S. 135) die „Wahrnehmungs-, Deutungs-, Urteils- und Kommunikationsformen“ (Kramer, Idel & Schierz 2018, S. 3) von Lehrer*innen. Grundlage der objektiv-hermeneutischen Rekonstruktionen (Wernet, 2009) bilden Auszüge von im Rahmen des Forschungsprojekts SchiK (Schule(n) in der Krise) erhobenen Gruppeninterviews mit Lehrer*innen sowie von ministeriellen Mitteilungen und Briefen, mit denen schulische Akteure im Verlauf des vergangenen Jahres regelmäßig adressiert wurden. Die Gegenüberstellung von Mustern innerschulischer Bezugnahmen und administrativer Thematisierungen ermöglicht es, die berufskulturelle Hervorbringung von Positionierungen zur Situation als rekursiv gedachtes Zusammenspiel von Fremd- und Selbstentwürfen zu rekonstruieren.

 

Die Schule in der Familie – Familiale Positionierungen zu pandemiebedingten Grenzverschiebungen

Dr. Julia Labede
Leibniz Universität Hannover, Deutschland

Über die andauernden Schulschließungen sowie die Konzeption eines kontinuierlichen Wechsels zwischen schulischem und häuslichem Lernen ist die schulische Aufgabenbearbeitung unweigerlich Bestandteil des Familienlebens geworden. Ist zu Beginn der Corona-Krise mit der Bezeichnung Home Schooling noch eine Ermächtigung elterlichen Handelns betont worden, wird mit dem Begriff des Fernunterrichts die Familie zunehmend dethematisiert. Dabei bleibt für den Lern- und Bildungserfolg der Heranwachsenden entscheidend, wie sich die Familie zu der ihr zugewiesenen Rolle als „Stützsystem der Schule“ (Tyrell, 1987) verhält. Im Rückgriff auf Familiengespräche, in denen Eltern und ihre Kinder sich gegenüber den veränderten Anforderungen positionieren und ihre Erfahrungen während der Pandemie schildern, wird das Spannungsfeld familialer Krisendeutung und -bearbeitung aus strukturtheoretischer Perspektive (u.a. Oevermann, 1996, 2004) betrachtet. Fallrekonstruktiv wird erschlossen, wie sich das Verhältnis zwischen Eltern, Kindern und Lehrkräften zwischen den Polen einer maximalen Anpassung und Verweigerung ausgestaltet.

 
16:15Verabschiedung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 01

Bei der Verabschiedung werden die Posterpreise überreicht: Ein Posterpreis der DGfE in Zusammenarbeit mit dem Verlag Barbara Budrich (https://www.dgfe.de/dgfe-kongresse/posterpreis) und ein Publikumspreis.


 
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