Veranstaltungsprogramm

Die Zugänge zu allen Zoom-Räumen finden sie auf der Kongress-Plattform (https://plattform.dgfe2022.de/).
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Hier finden Sie eine Übersicht aller Veranstaltungen des Kongresses.
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Sitzungsübersicht
Datum: Montag, 14.03.2022
9:00 - 11:00Feierliche Eröffnung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Hörsaal Eröffnung

- Choreographie eines Tanztrios des Theater Bremen 
- Eröffnung durch das lokale Organisationskomittee (LOK) 
- Grußworte durch Bürgermeister, Rektor, Dekanin und den DGfE-Vorstand
- Eröffnungsvortrag von Dr. Sara Ahmed
- Ernst-Christian-Trapp-Preis-Verleihung

Die Eröffnung wird simultan übersetzt und untertitelt.

Vortrag von Dr. Sara Ahmed: "Losing Your Hand: Complaint, Common Sense and Other Institutional Legacies". 

In his preface to the 2020 book Common Sense: Conservative Thinking for a Post-Liberal Age, Michael Nazir-Ali refers to how the analytical philosopher G. E. Moore defended common sense by pointing to “his own hand,” and how he was “more certain that his hand existed” than “any sceptical attempts to show that such was not the case.” Nazir-Ali then makes use of Moore’s hand to talk about the coherence and stability of relationships and institutions. Many contributions to this conservative reclaiming of common sense articulate a sense of the loss of a shared reality as well as legacy, of an old raced and sexed order. In this lecture, I will return to the testimonies I collected from academics and students who have made complaints about abuses of power within universities shared in my recent book Complaint! I will explore how some become complainers by virtue of not reproducing a legacy or how some complaints are framed as the failure to hold onto that legacy. Complaint provides a lens with which to think about appeals to common sense, how common sense becomes all the more appealing, the more some seem to be losing their hand.  

11:30 - 13:00Postersession
Ort: *rein digital*

In der Postersession werden 89 Poster vorgestellt, davon drei englischsprachige und 86 deutschsprachige Poster.

Es werden zwei Posterpreise verliehen: Ein Posterpreis der DGfE in Zusammenarbeit mit dem Verlag Barbara Budrich (https://www.dgfe.de/dgfe-kongresse/posterpreis) und ein Publikumspreis. Die Preise werden während der Verabschiedung am Mittwoch um 16:15 Uhr überreicht.

Für den Publikumspreis können Sie ab dem 1.3.2022 auf der Kongress-Plattform die Poster bewerten.

11:30 - 13:00Poster-Cluster: Berufliche Bildung und Weiterbildung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 02
Chair der Sitzung: Dr. Andreas Sebe-Opfermann, Universität Bremen

In diesem Cluster werden sieben Poster vorgestellt, die alle deutschsprachig sind.

 

Klimaanpassung als organisationales Lernen. Analyse von lernfördernden und lernhemmenden Elementen untersucht an mainfränkischen Unternehmen.

Sophie Fischer

Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, Deutschland

Zunehmende Extremwetterlagen, politische Vorgaben zur CO2­-Reduktion und Druck durch Verbraucher*innen sind nur einige der zahlreichen Auswirkungen des globalen Klimawandels, inmitten sich Organisationen befinden. Antizipative und reaktive Anpassungsmaßnahmen schützen vor den aktuellen und projizierten Folgen des Klimawandels. So können Organisationen in einer sich dynamisch verändernden Umwelt die Herausforderungen als Chancen wahrnehmen, sich Marktbestand sichern und ihre Effizienz erhöhen. Klimaanpassung erfordert neben Ressourcen materieller, personeller und zeitlicher Natur auch Wissen über Klimaveränderungen, methodisches Knowhow und Lernbereitschaft. Häufig wird in ähnlichen Studien die Managementebene in den Fokus gestellt, da sie für die Entwicklung, Ressourcen und Umsetzung von Anpassungskonzepten entscheidend ist. Um konventionelle Denk- und Handlungsmuster bei Entscheidungsträgern zu lösen, sie von der Handlungsrelevanz zu überzeugen und gezielt zu befähigen, erfordert es einen mehrschrittigen Transformationsprozess. Anhand von drei didaktischen Komponenten, einer Regionalstudie, einem Videoteaser und einem Planspiel, sowie der kritischen Analyse bestehender Rahmenbedingungen hinsichtlich des organisationalen Lernens soll spezifisches Wissen aus dem Diskurs diskutiert und mit den empirischen Ergebnissen komplettiert werden. Flankierend zum basisgebenden Forschungsprojekt MainKlimaPLUS und dem dabei geplanten didaktischen Modul, wird analysiert, inwiefern sich Unternehmensakteure, zunächst der bayerischen Region Mainfranken, an den Klimawandel anpassen und dabei organisationales Lernen stattfindet. Dafür werden gemäß der Methodentriangulation verschiedene Erhebungszugänge genutzt: Fragebögen, Experteninterviews und Teilnehmende Beobachtung. Die Herangehensweise an die Interviews erfolgt gemäß der Grounded Theory Methodologie. Das Vorhaben repräsentiert einen organisationspädagogischen Ansatz, an den Themenkomplex Klimawandel, -schutz und -anpassung heranzutreten und damit eine wissenschaftliche und gesellschaftspolitische Diskussion zunehmenden Bedarfs von Klimaanpassung für Unternehmen inmitten des globalen Klimawandels anzuregen.



Zusammenhänge zwischen Barrieren, Lernmöglichkeiten und der Gestaltung des Arbeitsplatzes

Sebastian Anselmann

PH Schwäbisch Gmünd, Deutschland

Relevanz und Vorarbeiten:

Lernbarrieren stellen einen entscheidenden, allerdings wenig untersuchten Gegenstand des Lernens am Arbeitsplatz dar. In einer explorativen Interviewstudie wurden potentielle Lernbarrieren von Beratenden erfasst (Anselmann, submitted). Davon ausgehend und basierend auf Belling, James und Ladkin (2004) sowie Crouse et al. (2011) wurde ein Messinstrument zur Erfassung von Lernbarrieren entwickelt und validiert (Anselmann, in prep.). Das Messinstrument umfasst fünf Subskalen (Struktur- und Herrschaftsbeziehungen; Individuelle Voraussetzungen; Beschränkungen; Technik; Team / Zwischenmenschliche Beschränkungen).

Die hier vorgestellten Ergebnisse einer querschnittlichen Fragebogenstudie haben das Ziel Darzustellen, inwieweit Zusammenhänge zwischen Barrieren und der Ausführung informeller und formeller Lernaktivitäten sowie weiterer arbeitsplatzbezogenen Merkmale wie z.B. Jobzufriedenheit bei Beratenden bestehen.

Methode:

Für die Studie wird ein onlinebasierter Fragebogen mit u.a. folgenden Skalen entwickelt: Barriers for informal and formal learning (Anselmann, in prep.), Informal workplace component (Decius, Schaper & Seifert, 2019) und Hiding Knowledge (Peng, 2013). Weiter umfasst der Fragebogen Skalen zu Jobzufriedenheit (Spector, 1985), Toxic leadership (Schmidt, 2008), Competitive Work Environment (Fletcher & Nusbaum, 2010) und die Skala zur Erfassung des arbeitsplatzbezogenen Digitalisierungsgrades (ADG; Görs, Hummert, Traum & Nerdinger, 2019). An der abgeschlossenen Erhebung haben 230 Berater/innen aus der Personal- und Organisationberatung (N=230) teilgenommen.

Analyse und vorläufige Ergebnisse:

Es wurden deskriptive Analysen sowie Korrelationsanalysen durchgeführt. Die vorläufigen Ergebnisse zeigen eine akzeptable Güte der Skalen mit Cronbach´s alpha für z.B. die entwickelte Skala zur Messung von Lernbarrieren α=.80-.93. Die eingesetzten Korrelationsanalysen zeigen, dass Lernbarrieren auf individueller Ebene (r=-.16*; **p<.01; *p<.05) und auf Ebene des Teams (r=-.16*) negativ in Zusammenhang mit dem Anwenden und Ausprobieren neuer Ideen am Arbeitsplatz steht. Ein positiver Zusammenhang besteht zwischen der Wahrnehmung von Lernbarrieren auf struktureller Ebene und dem Einholen von direktem Feedback (r=.22). Zusammenhänge lassen sich auch zwischen der Wahrnehmung von Lernbarrieren und dem Zurückhalten von Wissen (Hiding Knowledge) in Organisationen (r=.24) erkennen.



Professionalitätsentwicklung in der Erwachsenenbildung/Weiterbildung als Mehrebenen-Phänomen

Lisa Breitschwerdt

Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Deutschland

Das Poster stellt das heuristische Modell und die Ergebnisse einer Promotion vor, die im Jahr 2021 an der Universität Würzburg angenommen wurde Die Studie analysiert die Professionalitätsentwicklung in der Erwachsenenbildung/Weiterbildung aus einer Mehrebenen-Perspektive. Ausgehend von den veränderten Arbeitskontexten der modernen Gesellschaft ergeben sich veränderte Anforderungen an das Weiterbildungspersonal (z.B. Research voor Beleid 2008, 2010). Dieses agiert zunehmend eingebettet in organisationale Kontexte und ist im professionellen Handeln gefordert, zwischen unterschiedlichen Anforderungen zu vermitteln (Noordegraaf 2007). Dies macht eine Professionalitätsentwicklung notwendig, welche über die Handlungsebene des Personals hinausgehend Perspektiven der Meso- und Makroebene einbezieht (Egetenmeyer et.al. 2019). Die Studie arbeitet die Bedeutung der verschiedenen Ebenen für die Professionalitätsentwicklung in der Erwachsenenbildung/Weiterbildung heraus und verortet die zentralen Erkenntnisse in einem Mehrebenen-Modell. Dieses umfasst: 1) Personal, 2) Organisation, 3) Dachorganisation und 4) gesellschaftlicher Rahmen. In einer qualitativ-empirischen Einzelfallanalyse wird eine Einrichtung der beruflichen Weiterbildung aus dieser Mehrebenen-Perspektive analysiert. Das Sample stammt aus dem BMBF-Forschungsprojekt „Konturen der Professionsentwicklung in der beruflichen Weiterbildung (KOPROF)“ und umfasst Dokumente, Interviews und Fokusgruppen. Durch das deduktiv-induktive Vorgehen einer inhaltlich strukturierenden Analyse (Kuckartz 2016; Mayring 2016) ist ein theoretisch informierter und gleichzeitig explorativer Zugang zur Professionalitätsentwicklung für den Einzelfall möglich. Das Poster greift ausgewählte Analyseergebnisse zur ebenen-spezifischen Professionalitätsentwicklung heraus und beleuchtet die Zusammenhänge zwischen den verschieden Ebenen.



Technik-Ethik-Digitalisierung als Themenfeld für ingenieurwissenschaftliche Studiengänge und die betriebliche Weiterbildung

Sophia Milde, Simon Wagner

Leibniz Universität Hannover, Deutschland

Technik kann gegenwärtig nicht mehr isoliert betrachtet werden, sondern ist in ihrer Komplexität und hinsichtlich ihrer Folgen für Gesellschaft, Ökologie und Wirtschaft ethisch zu reflektieren. Das Poster bildet ausgewählte Arbeitsergebnisse des Forschungsprojektes Technik. Ethik. Digitalisierung. - Förderung ethischen Handeln in den Technikwissenschaften (IfBE/LUH, gefördert von der Kurt-Alten-Stiftung, Laufzeit: 2019-2023) ab.

Aufgegriffen wird die Frage, warum sich Studierende der Ingenieurwissenschaften sowie berufstätige Ingenieur*innen zunehmend mit dem Schnittstellenthema Technik-Ethik-Digitalisierung auseinandersetzen sollten und welche Konsequenzen sich daraus für die Bildungspraxis (Hochschulbildung, betriebliche Weiterbildung) ableiten lassen. Den Ausgangspunkt der Argumentation bilden die Ubiquität technischer Systeme (vgl. Zimmerli 2005, S. 40) und deren gesellschaftliche und ökologische Implikationen. Daran schließt die Frage nach der ethischen Verantwortung für Technikfolgen an, die zwar nicht einer Berufsgruppe allein (vgl. Nickl 2014, S. 98), jedoch Ingenieur*innen aufgrund ihrer fachlichen Expertise in besonderer Weise zugeschrieben werden kann. Die Voraussetzungen eines ethisch reflektierten und verantwortungsvollen Handelns werden anhand eines im Projekt entwickelten theoretischen Modells dargestellt, um die für Bildungsprozesse zentralen Aspekte (u. a. Aufbau von Wissensstrukturen zum Thema Ethik) zu verdeutlichen. Weiterführend werden erste empirische Befunde zum Bedarf von Ethik als Inhalt von Bildungsangeboten aufgegriffen. Auf Basis qualitativer Interviews werden dabei die Perspektiven von Professor*innen aus dem Bereich Maschinenbau einerseits und berufstätigen Ingenieur*innen andererseits vorgestellt. Auf der Grundlage der theoretischen und empirischen Erkenntnisse werden abschließend Handlungsempfehlungen zur Förderung ethisch reflektierten Handeln für die Bildungspraxis formuliert.

Literatur

Hieber, L. & Kammeyer H.-U. (Hrsg.) (2014): Verantwortung von Ingenieurinnen und Ingenieuren. Wiesbaden, Springer Fachmedien

Nickl, P. (2014): Risikogesellschaft und die German Angst. In: Hieber, L. & Kammeyer H.-U. (Hrsg.): Verantwortung von Ingenieurinnen und Ingenieuren. Wiesbaden, Springer Fachmedien, S. 95-101

Zimmerli, W. Ch. (2005): Technologie als „Kultur“. Hildesheim, Olms, 2. überarb. Aufl.



Entgrenzung - gemeinsame Fortbildung im Kinderschutz

Tobias Falke, Prof. Dr. Thomas Ostermann

Universität Witten - Herdecke, Deutschland

Die Notwendigkeit der Kooperation zwischen der öffentlichen Jugendhilfe und den Einrichtungen des Gesundheitswesens wird in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich betont und wurde spätestens durch die Regelungen im Bundeskinderschutzgesetz (2012) und die AWMF S3 Leitlinie Kinderschutz (2019) auf eine gestärkte Basis gestellt.

Strukturen und Prozesse der Kooperation zwischen Gesundheitswesen und Jugendhilfe sind jedoch weiterhin unstrukturiert bzw. fragmentär. Trotz Anpassungen und Weiterentwicklungen bleibt die Einbeziehung medizinischer Expertise in Kinderschutzfragen oftmals ein individuelles und nahezu zufälliges Procedere, da Strukturen der Zusammenarbeit nicht systemübergreifend gegeben bzw. anerkannt sind.

Die Verknüpfung der (in unterschiedlichen Sozialgesetzbücher verhafteten) Systeme, wird nicht nur formal, sondern auch in Bezug auf die Wahrnehmung der Kooperation als kompliziert beschrieben. Die konkreten Kooperationsmöglichkeiten und -notwendigkeiten mit dem Gesundheitswesen aus Sicht der Jugendhilfe scheitert oft an struktureller Minderversorgung und Schwierigkeiten bei der konkreten praktischen Inanspruchnahme. Das Forschungsdesign zielt sowohl auf die Netzwerk- als auch auf Fallebene ab.Ein wichtiger Baustein ist die gemeinsame Fortbildung. Welche Inhalte durch die beteiligten Akteurinnen gefordert werden, inwieweit Fortbildungen im medizinischen Kinderschutz durch die Mitarbeitenden der öffentlichen Jugendhilfe genutzt werden und welche perspektivischen Anforderungen sich aus diesen Ergebnissen ergeben, soll in Text und Grafik dargestellt werden.

In diesem Beitrag werden erste Ergebnisse der quantitativen Befragung der Jugendämter in NRW aus 2021 vorgestellt.



ErWeiterBAR – Erfolgsfaktor Weiterbildungspersonal in BA-geförderten Maßnahmen der RD Nord – Qualitätsentwicklung zwischen pädagogischem Anspruch und ökonomischer Machbarkeit

Prof. Dr. Matthias Kohl1, Prof. Dr. Andreas Diettrich2, Stefan Harm2

1Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (HdBA), Deutschland; 2Universität Rostock

Die bisherige Forschung zur Arbeits- und Beschäftigungssituation des außerbetrieblichen Weiterbildungspersonals zeigt, dass insbesondere für das Segment staatlich geförderter (beruflicher) Weiterbildung auf Basis empirischer Befunde (z.B. aus dem wb-personalmonitor) „ein eklatantes Problem zwischen hohen Professionalitäts- und Qualitätserwartungen sowie desolaten Arbeitsbedingungen des Personals“ (vgl. Dobischat/Elias/Rosendahl 2018, S. 15) konstatiert und nachgewiesen wird, dass vor allem hauptberufliche Honorarkräfte in der öffentlich finanzierten allgemeinen Weiterbildung und angestellte Weiterbildner in der öffentlich geförderten beruflichen Weiterbildung von prekären Beschäftigungslagen betroffen sind (vgl. Elias 2018, S. 188ff) und sich in einem Spannungsfeld von Professionsanspruch und von Ökonomisierung geprägter Beschäftigungsrealität bewegen (vgl. Koscheck 2018; Rosendahl 2018; Krause 2018).

Das gemeinsame Forschungsprojekt der HdBA und der Universität Rostock ErWeiterBAR – Erfolgsfaktor Weiterbildungspersonal in BA-geförderten Maßnahmen der RD Nord – Qualitätsentwicklung zwischen pädagogischem Anspruch und ökonomischer Machbarkeit“ (Laufzeit: Mai 2021 bis April 2023) untersucht Voraussetzungen, Rahmenbedingungen, pädagogische Konzepte und Gestaltungsmöglichkeiten des in geförderten Maßnahmen zur Förderung beruflicher Weiterbildung tätigen Weiterbildungspersonalsim Zuständigkeitsbereich der RD Nord. Ziel ist es, über die in der AZAV geforderte Nachweispflicht der pädagogischen Eignung Lehrender und die Verpflichtung auf den Mindestlohntarifvertrag für das pädagogische Personal in der Weiterbildung nach SGB II und III hinausgehende, empirisch gestützte, Handlungsempfehlungen und Gestaltungsvorschläge für Förderer, Maßnahmeträger und Weiterbildungspersonal zu entwickeln, die zur Qualitätsentwicklung bzw. Verbesserung der Maßnahmequalität beitragen.

Hierfür ist ein dreistufiges methodisches Vorgehen geplant, das aus einer Sekundärdatenanalyse (Dokumenten-/Literaturanalyse) von FbW-Maßnahmen der RD Nord 2018 bis 2020 zur Bestandsaufnahme und Entwicklung von Auswahlkriterien, einer umfassenden fallstudienbasierten qualitativ-explorativen Untersuchung als methodischem Schwerpunkt sowie einer Phase summativer Evaluation des Projekts bzw. der Validierung der empirischen Ergebnisse (Validierungsworkshop) besteht. Geplant sind 8 Fallstudien (2 in SH, 2 HH und 4 in MV) mit jeweils 2 Maßnahmen und 3 problemzentrierten, leitfadengestützten Interviews pro Maßnahme (Förderer, Maßnahmeträger (Geschäftsführung), in der Maßnahme eingesetztes pädagogisches Personal (angestellt/freiberuflich). Die Auswertung der gewonnen Daten aus den 48 Interviews erfolgt mittels softwaregestützter qualitativer Inhaltsanalyse (MaxQDA). Zur Sicherung der Datenqualität und Vorstellung der Befunde wird außerdem ein Validierungsworkshop mit Expert:innen durchgeführt.



Assimiliert – Abitur, separiert – Hauptschulabschluss? Wie hängen Akkulturationsprofile mit dem angestrebten Schulabschluss zusammen?

Dr. Nanine Lilla, Sebastian Thürer, Dr. Wim Nieuwenboom, Prof. Dr. Marianne Schüpbach

Freie Universität Berlin, Deutschland

Vor dem Hintergrund wiederholt gezeigter Bildungsungleichheit zwischen Schülerinnen und Schülern (SuS) mit und ohne Migrationshintergrund nimmt die Studie die Akkulturation, d.h. die Orientierung an der Kultur des Herkunfts- und des Aufnahmelandes, der SuS mit Migrationshintergrund in den Blick. Nach Berry (1997) werden vier Akkulturationsorientierungen theoretisch unterschieden: Integration, Assimilation, Separation und Marginalisierung.

Für Deutschland ist empirische Evidenz für diese vier Akkulturationsorientierungen bisweilen limitiert, da vornehmlich einzelne Aspekte der Akkulturation, z.B. ethnische Identität, fokussiert und mittels split-Techniken differenziert werden. So operationalisiert, spricht der aktuelle Forschungsstand für einen Vorteil der Assimilation in Bezug auf schulische Leistung gemessen in Form von Kompetenztests und Noten (Edele et al., 2013; Schotte et al., 2018). Ein möglicher Zusammenhang mit dem angestrebten Schulabschluss wurde bislang nicht untersucht.

Hieraus ergeben sich zwei zentrale Fragen:

1) Inwiefern lassen sich die vier Akkulturationsorientierungen nach Berry (1997) empirisch in einem deutschen Datensatz replizieren?

2) Inwiefern stehen die Akkulturationsprofile von SuS mit Migrationshintergrund im Zusammenhang mit der Wahrscheinlichkeit (a) ein Abitur bzw. (b) einen Hauptschulabschluss anzustreben?

Für unsere Analysen berücksichtigen wir N = 1253 SuS mit Migrationshintergrund in der 9. Klasse aus dem Datensatz der Startkohorte 4 des NEPS (Blossfeld et al., 2009), die den Herkunftsländern Polen, Türkei, der ehemaligen UdSSR, Nord- und Westeuropa zugeordnet werden konnten (Alter: M=14,9 Jahre, SD=0,73).

Mittels Latenter Profilanalyse wurde in Anlehnung an Berry (1997) eine Vier-Profile-Lösung geschätzt. Die inhaltliche Interpretation ergab ein assimiliertes (9%), ein moderat assimiliertes (38%), ein integriertes (32%) und ein separiertes Profil (20%). Die Existenz eines marginalisierten Profils ließ sich entgegen der Theorie nicht empirisch zeigen. Die Berechnung relativer Risiken zeigte, dass es für SuS des separierten im Vergleich zu SuS des assimilierten Akkulturationsprofils, auch bei Kontrolle von HISEI, Geschlecht und Kompetenzen, weniger wahrscheinlich ist, ein Abitur anzustreben. Eine höhere Wahrscheinlichkeit einen Hauptschulabschluss anzustreben, war nach Kontrolle der Deutschkompetenz hingegen nicht mehr nachweisbar.

Diese Ergebnisse werden dahingehend interpretiert, dass sie einerseits die Bedeutsamkeit deutschsprachlicher Kompetenzen für den Bildungserfolg von SuS mit Migrationshintergrund „nach unten“ zeigen, hingegen „nach oben“ hin die Akkulturationsorientierung sozusagen als gläserne Decke eine Rolle spielt.

 
11:30 - 13:00Poster-Cluster: Berufliche Bildung - Fokus Ausbildung in Schulen und Betrieben
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 01
Chair der Sitzung: Myrthe Reinsberg, Universität Bremen

In diesem Cluster werden sieben Poster vorgestellt, davon ein englischsprachiges und sechs deutschsprachige Poster.

 

Studierende und Lehrkräfte der beruflichen Bildung – Grenzgänger*innen zweier Welten?

Theo Döppers

JLU Gießen, Deutschland

Vor anderthalb Jahrzehnten veröffentliche Baethge (2006) seine Diagnose vom „deutschen Bildungs-Schisma“, also der „dauerhafte[n] wechselseitige[n] Abschottung von Bildungsbereichen gegeneinander, die darauf beruht, dass jeder Bildungsbereich einer anderen institutionellen Ordnung folgt“ (S. 16). Gemeint sind die Bereiche der beruflichen Bildung und der (höheren) akademischen Bildung.

Nicht nur die Quer- und Seiteneinsteigenden, sondern auch die regulär ausgebildeten Lehrkräfte an berufsbildenden Schulen (bbS) verfügen meist über eine abgeschlossene Berufsausbildung (Berger & Ziegler 2020, S. 209; Friese 2019, S. 212; Micknaß, Huck & Ophardt 2018, S. 11f.). In diesem Sinne lassen sich Lehrkräfte der beruflichen Bildung – und Studierende, die solche werden wollen – als Grenzgänger*innen zwischen der Welt der beruflichen und akademischen Bildung verstehen: sie haben oft vor dem Studium langjährige berufliche Erfahrungen gesammelt, anschließend absolvieren sie ein wissenschaftliches Studium, um wiederum als zukünftige Lehrkräfte berufliches Wissen zu vermitteln (vgl. Bals et al. 2016: 5). Dabei sind die beruflichen Erfahrungen, Studium und Lehrtätigkeit eng miteinander verknüpft. Daraus ergibt sich folgende Fragestellung: Inwiefern verbinden die Untersuchten das angeeignete Wissen aus beiden Bildungsbereichen hinsichtlich ihrer beruflichen Praxis?

Zur Beantwortung der Forschungsfrage werden narrative Interviews geführt, die thematisch fokussiert auf die Berufsbiografie sind (vgl. Nohl 2017). Interviewt wurden Lehrkräfte an berufliche Schulen und Studierende des beruflichen Lehramts. Der Fokus lag dabei u.a. auf den Erfahrungen, welche die Untersuchten vor dem Studium gemacht haben. Die Interviews werden mit der Dokumentarischen Methode (Bohnsack 1989, 2014) ausgewertet. Mit der Methode lassen sich sowohl implizite handlungsleitende Wissensbestände als auch berufsbiografische Orientierungen herausarbeiten.

Die Analyse gibt Aufschluss darauf, inwiefern Personen das Bildungs-Schisma als Grenze erleben, ob trotz zahlreicher „Annäherungen und Überschneidungen“ der beiden Bildungsbereiche in den letzten Jahren (Frommberger 2019) das Bildungs-Schisma weiterbesteht oder ob tatsächlich eine Entgrenzung stattgefunden hat. Darüber hinaus kann herausgearbeitet werden, dass sich die Untersuchten vielfältige Wissensbestände aneignen, welche eine große Rolle für die berufliche Praxis an bbS spielen.



„Aber die meisten träumen halt einfach dann vom Studium.“ – Organisationale Strukturen und pädagogische Praktiken an beruflichen Schulen zur Unterstützung beim Hochschulübergang

Nadine Dörffer1, Nadine Bernhard2

1Leibniz Universität Hannover; 2Humboldt-Universität zu Berlin

Laut Kultusministerkonferenz ist die Vorbereitung auf das Hochschulstudium eine wichtige Aufgabe von Schulen der Sekundarstufe II. Berufliche Schulen, an welchen heutzutage jede dritte Hochschulzugangsberechtigung (HZB) erworben wird, sind dabei insbesondere für Schüler*innen ohne akademischen Bildungshintergrund ein wichtiger Weg zu einer HZB (Autorengruppe Bildungsberichterstattung, 2020; Buchholz & Pratter, 2017). Allerdings ist die tatsächliche Verwertung der HZB, im Sinne eines Übergangs in die Hochschule, weiterhin sozial selektiv (Lörz, 2013).

Wir argumentieren, dass die bloße Ermöglichung von Hochschulzugängen über formale Zertifikate nicht ausreichend ist, sondern dass es an weiteren institutionellen Unterstützungsstrukturen und -praktiken an den Schulen selbst bedarf, um sozial durchlässige Hochschulzugänge zu schaffen. Vor diesem Hintergrund untersuchen wir, wie der Übergang zur Hochschule von den Akteuren an vollzeitschulischen beruflichen Schulen organisational strukturiert sowie pädagogisch begleitet wird. Ziel ist es, nicht nur allgemeine Strukturen und Praktiken an beruflichen Schulen herauszuarbeiten, sondern auch zu untersuchen, inwiefern diese zwischen unterschiedlichen Typen beruflicher Schulen und sozialen Lernendengruppen variieren.

Konzeptionell unterscheiden wir zwischen institutioneller und sozialer Durchlässigkeit. Als eine Bedingung für soziale Durchlässigkeit, d. h. die von sozialen Kategorien unabhängige Möglichkeit von Bildungs- und sozialer Mobilität, wird institutionelle Durchlässigkeit erachtet. Institutionelle Durchlässigkeit betrachtet institutionelle Strukturen, die erfolgreiches Lernen und Zugänge zur Hochschule ermöglichen. Dazu gehören unter anderem Zugangsfragen und Fragen nach der Anerkennung von bereits erworbenen Kompetenzen, aber vor allem auch Fragen nach der institutionalisierten Unterstützung heterogener Lernender durch z. B. Information und Beratung oder eine abgestimmte Didaktik. Dem Institutionenverständnis von Scott (2008) folgend, untersuchen wir daher an den Schulen geltende Regelungen, Normen und Standards sowie geteilte Ideen und Verständnisse dazu, wie der Übergang zur Hochschule gefördert wird.

Zur Erforschung der Unterstützungsstrukturen und -praktiken nutzen wir in unserer qualitativ-rekonstruktiven Studie problemzentrierte Interviews (Witzel, 2000) mit Schul- und Abteilungsleitungen, Lehrkräften und Beratungspersonal an ausgewählten beruflichen Schulen in Niedersachsen und analysieren zusätzlich Schuldokumente und -homepages. Diese werten wir mittels der Qualitativen Inhaltsanalyse nach Gläser und Laudel (2010) aus. Wir fokussieren uns auf die vollzeitschulischen Angebote beruflicher Schulen, die regulär zu einer HZB führen (Berufliche Gymnasien, Fachoberschulen und Berufsoberschulen). Ziel der Posterpräsentation ist es, das Forschungsdesign und erste Ergebnisse vorzustellen und zu diskutieren.



Kompetenzvalidierung und -anerkennung bei formal geringqualifizierten Beschäftigten in der Altenpflege – Eine ‚unerhörte‘ Entgrenzung in der pflegeberuflichen Bildung?

Dr. Janika Grunau, Lena Sachse

Universität Osnabrück, Deutschland

Vor dem Hintergrund des zunehmenden Fachkräftebedarfs in der Altenpflege wächst die Bedeutung von Qualifizierungs- und Anerkennungsformaten, die Alternativen zur regulären Berufsausbildung in der Altenpflege darstellen. Neben der Anerkennung von ausländischen Abschlüssen gilt auch die Validierung und Anerkennung von Kompetenzen, die im Rahmen von langjährigen (Hilfs-)Tätigkeiten erworben werden, als Perspektive zur Verbesserung der Fachkräftequote (vgl. Gössling & Schulte-Hemming 2018). Die Diskussion um die berufliche Bildung in der (Alten-)Pflege ist jedoch seit geraumer Zeit durch Akademisierungsbestrebungen des Berufsfeld gekennzeichnet (vgl. Reiber et al. 2017). Diese Bestrebungen stehen offenbar alternativen Bildungs- und Qualifizierungswegen für geringqualifiziert Beschäftigte entgegen – entsprechende Bemühungen und Initiativen blieben bisweilen weitestgehend ‚unerhört‘.

Auf dem Poster wird das Projekt „Valinda“ vorgestellt, in dem ein innovatives, einjähriges Verfahren zur Kompetenzvalidierung und Nachqualifizierung von geringqualifizierten Beschäftigten in der Altenpflege erprobt und evaluiert wurde. Nach erfolgreich bestandener Abschlussprüfung erhielten die Teilnehmer*innen (N=48) die staatliche Anerkennung als Altenpflegefachkraft. Die ersten Ergebnisse der methodenintegrativen Begleitforschung zeigen, dass das Valinda-Verfahren eine zukunftsweisende Bildungs- bzw. Qualifizierungsmöglichkeit für geringqualifizierte Beschäftigte darstellt. Die Qualitätssicherung des Verfahrens stellt hierbei eine grundlegende Prämisse dar, um dem Bildungsanspruch und letztlich auch dem pflegerischen Versorgungsanspruch in der Gesellschaft gerecht zu werden. Genutzt wurde das Verfahren insbesondere von Frauen, die im Durchschnitt über 40 Jahre alt sind, über 10 Jahre Berufserfahrung in der Altenpflege aufweisen und auf eine große Bandbreite an informell erworbenen Kompetenzen zurückgreifen können.

Abschließend wird erörtert, ob und unter welchen Bedingungen eine Co-Existenz verschiedener Bildungs- und Qualifizierungswege und -niveaus für die Altenpflege denkbar und realistisch ist.



Digitale Lernwelten in personenbezogenen Dienstleistungsberufen - Simulationsbasierte Lernmedien am Beispiel der Pflegebildung: Ein Promotionsvorhaben unter dem methodischen Fokus des Lauten Denken

Cornelia Jeremias-Pölking1, Prof. Dr. Dorothee Meister2, Prof. Dr. Nadin Dütthorn1

1FH Münster, Deutschland; 2Universität Paderborn, Deutschland

Die anvisierte Posterpräsentation stellt das Promotionsvorhaben „Digitale Lernwelten in personenbezogenen Dienstleitungsberufen – Simulationsbasierte Lernmedien am Beispiel der Pflegebildung“ vor. Fokussiert wird auf ein qualitativ-methodische Vorgehen der Datenerhebung mittels Lautem Denken im Stil der Grounded Theory.

Mit dem Einsatz von digitalen simulationsbasierten Lernmedien wird die Hoffnung verbunden, Auszubildenden in der Pflege gefahrlose pflegerische Lern- und Erfahrungsräume zu ermöglichen, um pflegespezifische Kompetenzen auch außerhalb von Praxisstätten anzubahnen (Peters et al., 2018). Unter simulationsbasierten Lernmedien sollen sowohl digitale Simulationen als auch Serious Games verstanden werden.

Nach dem derzeitigen Recherchestand sind pflegespezifische Kompetenzen in einem hohen Maße von Situativität geprägt. Innerhalb weniger Sekunden werden auf der Grundlage verschiedener Sinneseindrücke Deutungs- und Entscheidungsfindungskompetenzen gefordert (Hülsken-Giesler, 2008). Aufgrund körpernaher Handlungen umfassen pflegespezifische Kompetenzen auch Berührungs- und Beziehungskompetenzen (Dütthorn, 2014). Ferner ist der professionelle Umgang mit persönlichen und berufsbezogenen Widersprüchen im Berufsfeld der Pflege zu erlernen (Darmann-Finck, 2010).

Im Promotionsprojekt wird die Fragestellung verfolgt, inwiefern digitale simulationsbasierte Lernmedien in der Pflegebildung einen Erwerb jener pflegespezifischen Kompetenzen ermöglichen. Zielsetzung ist dabei, diesen Kompetenzerwerb im Kontext der simulationsbasierten Lernmedien zu verorten, zu modellieren sowie Chancen und Grenzen digitaler Lernmedien für die Pflegebildung herauszuarbeiten.

Die Datenerhebung bezieht sich auf die Beobachtung und Analyse der konkreten Anwendung verschiedener simulationsbasierter Lernmedien durch Auszubildende in der Pflege. Der Spielverlauf wird im Rahmen von Verfahren des Lauten Denkens videographiert. Über den Einsatz spezifischer Methoden des Lauten Denkens, der Introspektion und dem Stimulated Recall Interview sind empirische Zugänge zu den beobachteten, handlungsrelevanten Kognitionen, sowie Absichten in Entscheidungsprozessen und Handlungsbegründungen zu erwarten (Huber & Mandl, 1982). Diese Präsentation fokussiert auf die methodische (Weiter-)Entwicklung des Lauten Denkens. Über dieses Vorgehen werden schwer und wenig untersuchte professionstheoretische Überlegungen zur Kompetenzaneignung im Kontext der simulationsbasierten Lernmedien zugänglich gemacht.



Separationen in der beruflichen Ausbildung überwinden: Gestaltung eines inklusiven Lernsettings mit beruflichen Rehabilitand:innen und Auszubildenden

Marieke Vomberg1, Prof. Dr. Isabel Zorn2

1Hochschule Niederrhein, Deutschland; 2Technische Hochschule Köln

Die beruflichen Ausbildungssysteme von Auszubildenden und Rehabilitand:innen sind vollständig voneinander separiert. Rehabilitand:in wird man aufgrund von diagnostizierten langfristigen Erkrankungen oder Behinderungen. Die Ausbildung erfolgt dann in einer 2-jährigen Umschulung an einem Berufsförderungswerk. Rehabilitand:innen haben nur während der 6-monatigen betrieblichen Lernphase direkten Kontakt zu Unternehmen und nicht direkt zu Auszubildenden in der gleichen Fachausbildung. Reguläre Auszubildende erhalten meist direkt nach der Schule eine 3-jährige Ausbildung im Unternehmen/Berufsschule. Sie haben dort i.d.R. keinen strukturierten Kontakt zu Menschen mit körperlichen oder psychischen Einschränkungen. Es ergibt sich folgende Fragestellung: Wie lassen sich die im Ausbildungssystem angelegten Grenzen zwischen diesen Ausbildungsformen und den beteiligten Lernenden durchlässiger gestalten, um so inklusivere Formen des gemeinsamen Lernens zu entwickeln? Wie können beide Gruppen gemeinsam ihre Kompetenzen erweitern und dabei voneinander profitieren?

Solange Ausbildungssysteme noch nicht inklusiv gestaltet sind, können inklusive Bildungseinheiten zu Themen von umfassender Relevanz genutzt werden, um beide Gruppen zusammenzubringen. Neben prüfungsrelevanten Lerninhalten der Ausbildung bieten sich insb. überfachliche Kompetenzen an, die von Interesse für die ausbildenden Unternehmen sind: Medienkompetenz (Krämer et al. 2017; Härtel et al. 2018), Selbstlernkompetenz (Europäisches Parlament 2006, S. 16; Kultusministerkonferenz 2016) und Inklusionskompetenz (insb. für Auszubildende) (Autor:in 2020, 14 f.; Charta der Vielfalt e.V. 2017, S. 19). Die Gruppen kommen zur Erstellung eines gemeinsamen Lernmediums in inklusiven Tandems zusammen, wodurch diese Kompetenzen gefördert werden.

Der Beitrag wird darstellen, wie die Separation von Rehabilitand:innen und Auszubildenden durch ein kollaboratives, digitales und inklusives Lernsetting (hier Tandemarbeit) verringert werden kann, indem sie an einem gemeinsamen Projekt der Lernmedienerstellung arbeiten. Zusätzlich werden Implikationen zur Gestaltung des Szenarios digitaler ‚Interaktion und Kollaboration‘ (Huber 2014, S. 46) mit Online- und Offline-Phasen der Zusammenarbeit aufgezeigt, während außerdem das Konzept des ‚Lernen durch Lehren‘ (Martin 2000) berücksichtigt wird (sowohl im Tandem selbst, als auch bei der Lernmedienerstellung).



Abiturientenspezifische Bildungsprogramme in der Berufsbildung - Entgrenzung tradierter Bildungslaufbahnen

Dr. Ariane Neu

FernUniversität in Hagen, Deutschland

Von seinem historischen Ursprung her ist das Abitur als Hochschulpropädeutikum angelegt. Entsprechend nimmt die Mehrzahl der (Fach-)Abiturient*innen ein Hochschulstudium auf, wohingegen der berufliche Bildungsweg vermehrt nicht als gleichwertige Alternative wahrgenommen wird (vgl. Schneider et al. 2017). Da jedoch in den vergangenen Jahrzehnten die Zahl der hochschulzugangsberechtigten Schulabsolvent*innen in Deutschland kontinuierlich gewachsen ist und der Anteil nicht-studienberechtigter Schulabsolvent*innen abgenommen hat, wird es für ausbildende Unternehmen zunehmend schwieriger, Ausbildungsstellen im Bereich der dualen Berufsausbildung besetzen zu können. Um daher den nach wie vor existierenden Bedarf an beruflich qualifizierten Fachkräften decken zu können, stellt sich die Frage, wie in der beruflich-betrieblichen Bildung Bildungsprogramme entwickelt und durchgeführt werden können, die für (Fach-)Abiturient*innen eine attraktive Alternative zum Hochschulstudium darstellen.

Der Posterbeitrag stellt die sog. Abiturientenprogramme im Einzelhandel als eine Möglichkeit zur Diskussion. Bei diesen spezifischen Bildungsprogrammen handelt es sich um einen Qualifizierungsweg, der sich explizit an studienberechtigte Schulabsolvent*innen richtet und eine berufliche Ausbildung eng mit einer beruflichen Fortbildung verknüpft, sodass die Absolvent*innen innerhalb von etwa drei Jahren sowohl einen Abschluss in einem anerkannten Ausbildungsberuf als auch in einem staatlich geregelten Fortbildungsberuf erwerben.

Diese abiturientenspezifischen Bildungsprogramme tangieren das Thema Entgrenzung somit in zweierlei Hinsicht: Zum einen bezüglich der für Deutschland charakteristischen Segmentierung von höherer Allgemeinbildung und Berufsbildung und zum anderen hinsichtlich des strukturierten Nacheinanders von Aus- und Fortbildung.

Empirische Basis des Beitrages bilden 27 qualitative Interviews, die die Autorin im Rahmen ihres Promotionsverfahrens im Zeitraum 04/2018 bis 03/2019 mit institutionellen Akteuren sowie mit Teilnehmenden der sog. Abiturientenprogramme im Einzelhandel zu den folgenden leitenden Fragestellungen geführt hat:

  • Wie werden die Abiturientenprogramme curricular entwickelt und durchgeführt?
  • Was macht die Attraktivität der Abiturientenprogramme aus Sicht von Teilnehmenden aus?


Enhancing the participation of vulnerable minority communities in Technical and Vocational Education and Training

Sophie Meinke

Universität Osnabrück, Germany

Globally, vulnerable minority communities often face challenges of lower educational attainment, higher educational dropout and a lower economic participation.

Particularly the participation in Technical and Vocational Education and Training (TVET) promises to be a means to bridge the gap between severe poverty and an access to the labour market, with a positive effect on the societal inclusion of these minority groups.

Particularly, the minority ethnic communities of Roma, Ashkali and Egyptians in the Republic of Kosovo show low educational attainment rates, specifically in upper secondary education, including TVET (UNICEF, 2017). Overall, they constitute the most vulnerable and most poverty-affected minority groups in Kosovo (Civil Rights Defenders (CRD), 2017). Despite the existence of several strategic documents and measures to improve the educational and economic participation of these groups, little progress has been made, especially regarding their participation in TVET.

The PhD Research therefore aims at finding explanatory approaches for the integration of vulnerable minority groups in TVET, through the example of Roma, Ashkali and Egyptian communities in Kosovo. An evidence-base for improving the participation of those groups shall be created to advise political decision makers and influencing actors in Kosovo.

To gain a holistic understanding, hampering factors, fostering factors and piloted approaches will be researched through four complementary methods: 1) A Systematic Review of international research on the integration of minority groups in TVET will create an evidence-base to understand hampering and fostering factors and piloted approaches in the international context. 2) A narrative review of policy and implementation documents in Kosovo will identify existing measures and gaps. 3) Expert Interviews in Kosovo will allow to get the experts’ opinions on the previously identified factors, approaches, their suitability for Kosovo and underlying causes for the low participation. 4) Focus Group Discussions will allow to assess how the affected population and other stakeholders perceive the potential and actual measures and adaptation needs for Kosovo.

The findings will generate new theoretical categories which will be reflected on the basis of initial theoretical approaches, such as Structural Theory of Discrimination (Burns, 2011).

The research contributes to the further development of existing theories and supports the creation of an evidence-base to improve the integration of minority groups in TVET.

 
11:30 - 13:00Poster-Cluster: Empirische und theoretische Perspektiven auf Bildung, soziale Beziehungen und Machtverhältnisse
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 03
Chair der Sitzung: Marie Hoppe, Universität Bremen
Chair der Sitzung: Anne Otzen, Universität Bremen

In diesem Cluster werden acht Poster vorgestellt, davon ein englischsprachiges und sieben deutschsprachige Poster.

 

„Schutz und Hilfe bei häuslicher Gewalt- Ein interdisziplinärer Online-Kurs“

Anja Krauß1, Dr. Anna Maier1, Prof. Dr. Barbara Kavemann2, Prof. Dr. Jörg M. Fegert1

1Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/-psychotherapie, Universitätsklinikum Ulm; 22Sozialwissenschaftliches Forschungsinstitut zu Geschlechterfragen SoFFI. F/ Five Berlin,

Jede dritte bis vierte Frau erlebt in ihrem Leben mindestens einmal eine Grenzüberschreitung, indem sie Opfer körperlicher und/oder sexueller Gewalt durch ihren Partner wird. Männer erleben ebenfalls, wenn auch seltener, Gewalt in Paarbeziehungen. Betroffene und deren Kinder sind vielfältigen Risiken ausgesetzt, zu denen neben Armut auch Traumafolgestörungen wie eine PTBS, Depressionen oder Angst- und Suchterkrankungen gehören. Die hohen Betroffenenraten zeigen wie wichtig Wissen und Kompetenzen von Fachkräften in diesem Bereich sind. In Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut SoFFI. F/ Five und dem Forschungszentrum SOCLES wird am Universitätsklinikum Ulm ein interdisziplinärer Online-Kurs zur Thematik „Schutz und Hilfe bei häuslicher Gewalt“ erstellt. Das Projekt hat zum Ziel, Erfahrungen aus 40 Jahren Forschung und Unterstützungspraxis gegen häusliche Gewalt aus unterschiedlichen Perspektiven zu bündeln. Eine Entgrenzung gelingt dem Kurs dabei in zweifacher Hinsicht: Sowohl durch das Format als Online-Kurs als auch durch die interdisziplinäre inhaltliche Ausrichtung des Kurses. So ist die Bearbeitung des Kurses weltweit für alle an Intervention, Schutz und Hilfe bei häuslicher Gewalt beteiligten Fachkräfte (bspw. pädagogische Berufe, Heilberufe, juristische Berufe und weitere) möglich. Während der Projektlaufzeit von 2019 bis 2022 wird der Kurs anhand von zwei Testkohorten (TK) u.a. hinsichtlich Praxisrelevanz und Effektivität der Wissens- und Kompetenzvermittlung evaluiert. Mit zahlreichen anderen Online-Kursen des Universitätsklinikums Ulm konnte gezeigt werden, dass ein Online-Weiterbildungsangebot gut geeignet ist Fachkräfte zu schulen. Die Ergebnisse der ersten TK des Online-Kurses zeigen, dass der Kurs für die Praxis ein Zugewinn an Wissen und Kompetenzen bei Fachkräften schafft.



Aufwachsen mit der Sucht der Eltern – Eine rekonstruktive Studie zu subjektiven Erfahrungswelten und Umgangsweisen

Meike Haefker

Hochschule Emden/Leer, Universität Vechta Deutschland

Der Studie liegt das Interesse an Biografien von Personen zu Grunde, die mit einer elterlichen Suchterkrankung aufwuchsen. Aus der Perspektive des (erwachsenen) Kindes werden biografische Erfahrungen innerhalb der Familie und in anderen sozialen Räumen rekonstruiert. Die Gesamtbiografie eröffnet hierbei den Zugang zu Erfahrungen und Umgangsweisen sowie deren biografische Bedeutung z.B. in Form von Strategien und Ressourcen. Diese Heuristik wird um ein Interesse an der symbolischen Bedeutung von Stigmatisierungs- und Schamerfahrungen ergänzt, ohne dadurch den offenen Blick zu verengen, so dass u.a. diskreditierende Denkmuster und deren Bedeutung untersucht werden, die gesellschaftlich vorstrukturiert sowie kulturell geprägt sind und die eine Biografie beeinflussen können (Dausien 2004/2010). Eingebettet wird die Arbeit in den sich anbahnenden Paradigmenwechsel zur wertebildenden Verstehens- und Umgangsweise in Diskursen der Suchtforschung (Dollinger/Schmidt–Semisch 2007). Suchterkrankungen können nicht nur die Lebenssituation für suchtkranke Eltern problematisieren, sondern häufig auch die der Kinder bis ins Erwachsenenalter (BMG 2017), die nach Goffman (2003) auf Grund ihrer verbundenen Sozialstruktur zum suchtkranken Familienmitglied zu einer stark stigmatisierten Personengruppe in der Gesellschaft gehören. Anhand von biografisch - narrativen Interviews mit den (erwachsenen) Kindern werden mit der Narrationsanalyse (Schütze 1997/2016) biografieanalytisch die subjektiven Lebenswelten und Umgangsweisen untersucht. Darüber hinaus dient die Objektive Hermeneutik (Oevermann 1993/ Garz/Raven 2015) zur Analyse latenter Bedeutungsstrukturen von Scham im Kontext von Stigmatisierung. Über die Triangulation zweier Auswertungsmethoden soll als methodische Neuerung sowohl die Strukturgesetzlichkeit der Wahrnehmungs- und Handlungsmuster von biografischen Prozessen als auch latente Sinnstrukturen regelgeleitenden Handelns zum Gefühl der Scham (Lorenz et al. 2018) und damit die Gesamtstruktur biografischen Erlebens untersucht werden. Der bisher überwiegend quantitative Forschungsstand zur prozesshaft biografisch und familiären Erfahrungswelt der Kinder die unter Einfluss einer elterlichen Sucht heranwachsen, sowie zur Stigmatisierung und der Scham wird um die qualitative und sozialwissenschaftliche Perspektive ergänzt. Die Studienrelevanz besteht darin, eine Idee von biografischen Bedeutungszuschreibungen des Erlebens der familiären Lebenswelt sowie einem gesellschaftlichen Wertebild von internalisierten Selbst- und Fremdbewertungen zu erhalten. Zudem werden Erkenntnisse in einem paradigmatischen Spannungs- und Wechselverhältnis von sozialen und kulturellen Be- und Entgrenzungsprozessen ebenso erwartet wie Vorstellungen zu Statushierarchien gegenüber Kindern aus von Sucht beeinflussten Familien. Auch soll über ein erweitertes Verständnis zu den Phänomenen die Theoriebildung zur Stigmatisierung in Verbindung mit der Scham durch Beschämung ergänzt werden.



Perspektiven von Lehrkräften auf sprachliche Bildung und Deutsch als Zweitsprache während der Corona-Pandemie

Dr. Ina-Maria Maahs, Christina Winter, Kathrin Drews

Universität zu Köln/ Mercator-Institut, Deutschland

In den letzten Jahren wurden die Bedarfe eines sprachsensiblen (Fach-)Unterrichts in sprachlich heterogenen Klassen, der insbesondere auch Schüler*innen, die Deutsch als Zweitsprache erwerben, adäquat fördert, viel diskutiert (vgl. Scheinhardt-Stettner 2017). Seit März 2020 stellt jedoch die Corona-Pandemie völlig neue Herausforderungen an schulisches Lernen in immer wieder neuen Lehr-Lern-Settings. Wie haben Lehrkräfte diese Herausforderungen in Bezug auf eine lerner*innenorientierte sprachliche Bildung wahrgenommen?

Während es bereits eine Reihe von Studien gibt, die die Perspektive der Eltern (vgl. Wildemann & Hosenfeld 2020, Vodafone-Stiftung Deutschland 2020) sowie der Schüler*innen (vgl. Wößman et al. 2020, Irion & Zylka 2020) aufzeigen und als zumeist quantitative, repräsentative Online-Befragungen einen guten Überblick über die Gesamtsituation bieten, existieren bisher wenige qualitative Untersuchungen zur Perspektive der Lehrkräfte. Hier setzt die vorliegende Studie an:

- Wie haben Lehrkräfte die coronabedingten Unterrichtsumstellungen im Kontext sprachlicher Bildung erlebt?

- Inwiefern haben sie dabei besonderen Herausforderungen für Lernende, die Deutsch als Zweitsprache erwerben, wahrgenommen?

- Welche Chancen bieten sich aus Sicht der Lehrkräfte durch die Digitalisierung im Bereich des sprachsensiblen Unterrichtens und Deutsch als Zweitsprache?

Basierend auf bisheriger Forschung zu sprachlicher Bildung, Deutsch als Zweitsprache und sozialer Ungleichheit während der Corona-Pandemie (vgl. Gogolin 2020, van Ackeren et al. 2020, Engzell et al. 2020) wurde ein Interviewleitfaden mit offenen Fragen entwickelt (vgl. Helfferich 2014). Insgesamt liegen neun Interviews von Lehrkräften aus dem Regierungsbezirk Köln vor, die anhand der inhaltlich-strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz (2014) mittels deduktiv-induktiver Kategorienbildung ausgewertet werden.

Die Ergebnisse zeigen zum einen wie Lehrkräfte die Lehr-Lern-Bedingungen sprachlicher Bildung in der Corona-Pandemie 2020/2021 wahrgenommen haben, zum anderen aber auch konkrete Gelingensbedingungen, die sie für einen sprachsensiblen Unterricht im Kontext der Digitalisierung identifizieren. Dabei weisen erste Befunde darauf hin, dass Themen wie Sprachsensibilität, Mehrsprachigkeitsorientierung oder Deutsch als Zweitsprache wenig Beachtung in der Unterrichtsumstellung gefunden haben.



Realitätsbezogene Mathematikaufgaben aus der Perspektive von Bourdieus Habitus – Synthese zweier Forschungsgebiete

Ilja Ay

WWU Münster, Deutschland

Der Umgang mit Realitätsbezügen stellt für das Fach Mathematik ein zentrales Ziel der Bildungsstandards dar (KMK, 2004) und kann Schüler*innen vor zahlreiche Hürden stellen. Insbesondere sozioökonomisch Unprivilegierte können dabei Probleme haben, insofern, als dass die Fähigkeit einem realen Kontext mathematische Strukturen zu entnehmen als kulturelle Kompetenz verstanden werden kann (Piel & Schuchart, 2014). So weisen die in den Bildungsstandards formulierten Fähigkeiten eher Überschneidungen mit der Sozialisation sozioökonomisch privilegierter Haushalte auf, seien es Selbstregulation, adäquates Argumentieren oder Besprechen von Lernstrategien (u. a. Weininger & Lareau, 2009). Einerseits kann gezeigt werden, dass unprivilegierte Schüler*innen beim Bearbeiten offener, realitätsbezogener Aufgaben eher Alltagserfahrungen in den Blick nehmen und dadurch den mathematischen Kern der Aufgabe übersehen (u. a. Lubienski, 2000), während andererseits gezeigt werden kann, dass sie eher den mathematischen Lösungsweg suchen, anstatt die reale Situation ernst zu nehmen (Leufer, 2016).

Es stellt sich die Frage, warum davon ausgegangen werden kann, dass sich derartige Verhaltensmuster auf die soziale Herkunft zurückführen lassen. Einen Ansatz liefert der Soziologe Bourdieu, der einen Zusammenhang erkennt zwischen den Herkunftsbedingungen und den Lebensstilen von Menschen. Als Mediator dazwischen steht etwas, das Bourdieu Habitus nennt. Dieser stellt eine allgemeine Grundhaltung dar und umfasst Verhaltensweisen, Einstellungen, Werte, ästhetische Maßstäbe, etc. Seine Habitus-Theorie besagt letztlich, dass die meisten Handlungen der Menschen keine Intention verfolgen, sondern als Ausdruck ihrer verinnerlichten Dispositionen verstanden werden können (Bourdieu, 1994/1998, S. 167–168).

Bourdieu erklärt dies anhand eines Spiels, bei dem gewisse unausgesprochene Regeln gelten. Auch das Bearbeiten von Mathematikaufgaben kann als Spiel aufgefasst werden (Verschaffel et al., 2000). So kann es dazu kommen, dass gewisse Schüler*innen einen (un)erwünschten Fokus beim Bearbeiten legen. Für gute Spielende – so Bourdieu – müssen Regeln nicht aufgedeckt werden, da Handlungen ganz im Sinne des Habitus zweckgerichtet sein können ohne dabei eine konkrete Intention zu verfolgen (Bourdieu, 1994/1998, S. 168). Die wünschenswerte Intention einer Aufgabe kann insbesondere unprivilegierten Schüler*innen verborgen bleiben, wenn sie beispielsweise aufgrund von Sozialisation weniger Erfahrung beim Spiel sammeln konnten. So schreibt Bourdieu unteren sozialen Klassen einen notwendigkeitsorientierten Habitus zu, der eher Nutzen von Etwas im Blick hat (Bourdieu, 1979/1982). Es stellt sich die Frage, ob unprivilegierte Schüler*innen beim Bearbeiten realitätsbezogener Aufgaben z. B. eine nützliche, alltagsnahe oder eine zweckgerichtete, mathematische Herangehensweise wählen, die beide Ausdruck eines notwendigkeitsorientierten Habitus sein können. Für Erkenntnisse bedarf es empirischer Forschung.



Bedeutung und Erleben von frühkindlicher Freundschaft vor dem Hintergrund globaler Mobilität

Malte Min

PH Heidelberg, Deutschland

Bei meiner Tätigkeit als Leitung des Kindergartens der Deutschen Schule Seoul, Südkorea erlebe ich häufig Kinder, deren Leben durch internationale Mobilität geprägt ist und die sich regelmäßig auf neue Länder, Kulturen, Sprachen und soziale Kontakte einlassen müssen.

Neben der erhöhten Fluktuation in den Kindergartengruppen ist es auch eine durch Heterogenität, Dynamik und Kontingenz geprägte Lebenswelt, welche frühkindliche Freundschaftserfahrungen unter speziellen Vorzeichen stattfinden lässt.

Im Rahmen meines Promotionsprojekts werden mit Hilfe einer qualitativen Studie frühkindliche Freundschaftserfahrungen unter den spezifischen Rahmenbedingungen globaler Familien erforscht.

Hierzu bezieht das Forschungsanliegen zwei zentrale Perspektiven aufeinander:
Es greift die individuellen Erfahrungsperspektiven frühkindlicher Freundschaft auf und erhebt, welche Bedeutung Freundschaft als Konzept hat und wie Freundschaft innerhalb dieser global mobilen Rahmenbedingungen praktisch erlebt wird.

Es fragt aber auch nach Konditionen gegenwärtiger Kindheit und ermittelt, wie diese Konditionen durch die gesellschaftlichen Voraussetzungen global mobiler Familien bestimmt werden.

Die lebensweltliche Perspektive wird dabei über die Kinder erhoben, die gesellschaftstheoretische über deren Eltern.

Insgesamt 10 Eltern-Kinder Paarungen werden getrennt in mehreren Erhebungsphasen mittels leitfadengestützter Interviews befragt. Bei der Erhebung mit den Kindern werden zusätzlich Netzwerkkarten eingesetzt und so durch das physische rekonstruieren von wesentlichen Lebensabschnitten ein zielgruppengerechter Reflexionsanlass erzeugt.

Die Arbeit mit der konstruktivistischen Auslegung der Grounded Theorie (Charmaz 2006; Bryant & Charmaz 2019) bietet die Möglichkeit sich an diese bisher noch wenig erforsche Fragestellung mit größtmöglicher Offenheit und dem Bewusstsein der eignen gedanklichen Standortgebundenheit zu nähern. Diese subjektorientierte Herangehensweise begründet sich auch durch ein Verständnis von Freundschaft als abstrakte, intersubjektiv divergent ausgedeutete und in sozialen Handlungen hergestellte Größe (Allan 1998; Schobin et al. 2016).

Die gedankliche Klammer der Arbeit bildet dabei ein sozialkonstruktivistisches Wirklichkeitsverständnis (Berger & Luckmann 1966), bei dem neben der Konstruktion von Wirklichkeit durch soziales Handeln auch die gesellschaftlichen Aushandlungsprozesse thematisiert werden bei denen subjektive Realität zu übersubjektiver Wirklichkeit gerinnt und damit für den theoretischen Blick der Arbeit ebenso maßgebend sind wie das reflexive Moment dieser Aushärtungsprozesse.



Premising and arguing: The variety in 9/10-year-old children taking on an equity/equality issue in the context of group discussions

Lea Eldstål-Ahrens, Prof. Dr. Niklas Pramling, Dr. Malin Nilsen

University of Gothenburg, Schweden

Within a sociocultural and dialogic perspective on learning (Säljö, 2009; Linell, 2014), argumentation is one of the key cultural practices to be appropriated in order to effectively participate in democratic societies as active citizens (Schwarz, 2009). As such, the practice of arguing can be placed within the triad learning about, through and for democracy (Gollob, Krapf, Ólafsdóttir & Weidinger, 2010). Coming from a sociocultural perspective, capturing the process of appropriation – the gradual taking over or making one’s own of a concept or practice – is of interest. Task premises, i.e., verbal and visual clues, which structure a task and based on which children are supposed to work and/or argue, frame this process. This study aims to analyze and characterize 9/10-year old primary school children’s practice of arguing in collaborative group discussions about the democratic concepts equality and equity. More specifically, the interest lies in answering the research question: How do 9/10-year-old primary school children, in interaction with each other and the teacher, handle the task premises of group discussions about the democratic concepts equality and equity? For this purpose, 13 group discussions of 4-5 children each (total participant n=54) were led and video recorded by the two participating teachers in the school setting. The transcripts, including verbal utterances as well as interruptions, facial expressions, gestures, and laughter were sequentially analyzed based on principles of interaction analysis (Jordan & Henderson, 1995) and sociocultural discourse analysis (Johnson & Mercer, 2019). The results demonstrate the children handling the premises of the given task in three different ways: (1) arguing within the premises, (2) arguing outside the premises or (3) questioning the premises. Each way of handling the premises is more specifically divided into sub-categories, which demonstrate, in more detail, the children’s take on the task. The presentation of excerpts allows for a tracking of the author’s interpretation as well as alternative interpretations. The findings reveal a more dynamic way of understanding tasks than has generally been found in educational research, especially concerning the application of real-life experiences and circumstances in questioning the task at hand (Säljö & Wyndhamn, 1988; Verschaffel et al., 1994; Donaldson, 1978). This amplifies the question of how much room children are given in discussions to develop it into new directions and even question the task’s rationale (Greco et al., 2018). Tasks, even when clarified and re-stated in teacher-student interaction, remain open to interpretation and have to be negotiated in a process of sense making both between the students as part of the group and between the group and the teacher.



Humanismus- und Schulkritik der ,Neuen Radikalen Aufklärung'. Bildungstheoretische Implikationen Marina Garcés‘ politischer Philosophie

Florian Dobmeier

Eberhard Karls Universität Tübingen, Deutschland

Das Poster zeigt in Grundzügen dreierlei auf: (1) den zeitdiagnostischen Ausgangspunkt der Politischen Philosophie der spanischen Philosophin Marina Garcés; (2) die in ihrem Werk formulierte bildungs- und schultheoretische Kritik sowie (3) die Implikationen für erziehungswissenschaftliche Theoriebildungen, die sich aus diesen Herausforderungen ziehen lassen.

Nach einer grundlegenden Reflexion auf das Verhältnis von Pädagogik einerseits und Zeitdiagnosen andererseits (Hastedt 2019; Beillerot und Wulf 2003; Bogner 2018), welches als produktive Irritation in der Umwelt des Systems erziehungswissenschaftlicher Erkenntnisproduktionen gefasst werden kann (Meseth und Lüders 2018), soll Garcés Werk zunächst im epistemischen Status weiter aufgeschlüsselt werden in deskriptiv-explanative und normativ-programmatische Argumentationen andererseits. Einer pädagogische ,redescription‘ unterzogen lassen sich diese überführen in eine bildungstheoretische Beschreibung und Kritik des Schulsystems.

Insbesondere die für ihre Theoriearchitektur zentrale Funktion eines revitalisierten Humanismusbegriffs wird hierbei in seinen pädagogischen Implikationen einer kritischen Würdigung zu unterziehen sein. Denn während die Diskussion um den klassischen Humanismus und Neuhumanismus inzwischen als durchaus theoretisch gesättigt und an Klassikern exemplifiziert gelten kann, ist es weithin ein Desiderat für allgemeinerziehungswissenschaftliche Theoriebildungen, die Bedeutung humanistischer Theoriegehalte in ihren neuen Spielarten von Antihumanismus, Transhumanismus und Posthumanismus zu diskutieren: Gleichwohl die Pädagogik explizit infolge antihumanistischer und anthropologiekritischer Dekonstruktionen den Menschen verabschiedete (Meyer-Drawe 1992; Dust et al. 2014; Wimmer 2019; Wulf und Zirfas 2014) und auflöste in Diskurseffekte (Subjekt), Differenzierungseffekte (Person), Netzwerkpositionen (Knoten) oder hinter Rollen versteckte (Individuum), so findet das ,Menschliche‘ doch immer wieder Einzug, nicht nur ethisch im Kampf gegen das ,Unmenschliche‘ (bspw. Engel 2014), sondern auch sozialtheoriestrategisch für die pädagogische Gegenstandskonstitution (bspw. Göhlich et al. 2018). Grund genug also, sichtbar zu machen, auf welche Weise Garcés für pädagogisierte Humanismen im schulkritischen Kontext anschlussfähig gemacht werden könnte.



Vielfalt bildet! Rassismuskritische Bildungsarbeit gemeinsam gestalten

Derman Aygün1, Dr. Katharina Rhein2, Dr. Olga Zitzelsberger1, Hümeyra Zor1

1TU Darmstadt, Deutschland; 2Verband Deutscher Sinti und Roma - Landesverband Hessen

Die Institution Hochschule – wie nahezu alle Bildungsinstitutionen mit einer Unterrepräsentation von People of Color und Menschen mit Migrationsgeschichte – hat Teil an der strukturellen Reproduktion von Rassismus und sozialer Ungleichheit. Auch die Lehre in den Erziehungswissenschaften orientiert sich bei der Auswahl und der Vermittlung von Inhalten immer noch überwiegend am unsichtbaren Maßstab einer weißen und mittelschichtigen Dominanzgesellschaft. Auf diese Weise werden, teils unbewusst, (strukturelle) Grenzen gesetzt, innerhalb derer sich Hochschulakteur*innen, insbesondere Studierende, bewegen dürfen/können/müssen, wodurch dominante Wissensbestände zementiert und immer wieder reproduziert werden: Wissensbestände, die durchzogen sind von stereotypisierenden und diffamierenden Zuschreibungen sowie rassistischen Unterscheidungsmustern, die sich nachhaltig (und) negativ auf die Bildungsbiographien der Betroffenen auswirken und die – unreflektiert während des Studiums übernommen – von den pädagogischen Fachkräften und Lehrer*innen als Teil ihrer pädagogischen Haltung in ihr Handeln einfließen. Diesen Mechanismus gilt es zu durchbrechen, indem an die Stelle der Reproduktion von rassistischen Denkstrukturen der Aufbau und die Professionalisierung einer rassismuskritischen Haltung von Studierenden rücken. Hochschulen sind Teil des Problems, sie können aber auch Teil der Lösung werden, da sie über das Potenzial verfügen, Diskursansätze zu liefern, Strukturen und Routinen aufzubrechen und so die machtvollen Begrenzungen zu 'entgrenzen'. Wie kann dies geschehen?

Die Aufgabe und Herausforderung besteht nicht darin, nach bereits bekannten Diskriminierungspraktiken innerhalb der Hochschule zu fragen, sondern Reflexions- und Bildungsprozesse bei den Studierenden zu fördern, um diese aufzubrechen und den hochschulischen Zirkelschluss abzubauen. Ein wesentliches Augenmerk muss dabei auf der Öffnung der Hochschule für unterrepräsentierte Perspektiven liegen, sodass eine Entgrenzung von bislang dominierenden Perspektiven erreicht werden kann. Vor diesem Hintergrund solle im Rahmen der Postervorstellung eine Öffnung und die damit einhergehenden vielfältigen Möglichkeitsräume von Bildung und Erziehung zur Förderung einer rassismuskritischen Profession durch den Einbezug externer Expertisen, konkreter von zivilgesellschaftlichen (Migrant*innenselbstorganisationen) sowie außeruniversitären Bildungseinrichtungen, vorgestellt und zur Diskussion gestellt werden. Durch das Heranziehen externer Expertisen und die gemeinsame Entwicklung von Bildungsangeboten für Studierende der Erziehungswissenschaften sowie des Lehramts werden wissenschaftliche Zugänge zum Thema Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung mit außeruniversitärer Bildungsarbeit verschränkt. So wird eine Öffnung der Hochschule vorangetrieben und zugleich zivilgesellschaftliche Organisationen in ihren Expertisen anerkannt.

 
11:30 - 13:00Poster-Cluster: Vielfältige Forschungslandschaft Inklusive Pädagogik
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 04
Chair der Sitzung: Susanne Michel, Uni Bremen
Chair der Sitzung: Mira Telscher, Universität Bremen

In diesem Cluster werden acht Poster vorgestellt, die alle deutschsprachig sind.

 

Begrenzte Freizeit? Einfluss der sozialen Herkunft auf die Nutzung organisierter Freizeitangebote im Jugendalter

Dr. Karen Hemming

Deutsches Jugendinstitut, Deutschland

Die Nutzung organisierter Freizeitangebote spielt im Jugendalter eine wichtige Rolle. Das Potenzial der darin stattfindenden non-formalen Bildungsprozesse wird dabei häufig unterschätzt, obwohl es weit über die Förderung schulischer Kompetenzen hinausgehen kann (Farb & Matjasko, 2012). Besonders sozial benachteiligte Jugendliche können von diesen non-formalen Bildungsangeboten profitieren, denn sie haben insgesamt einen größeren Unterstützungsbedarf (Mahoney & Stattin, 2000). Allerdings werden Selektionseffekte der sozialen Herkunft bislang immer noch selten in Wirkungsstudien einbezogen, gleichzeitig ist die bestehende Studienlage wenig differenziert. Es fehlt sowohl an Studien, die die Aktivitätsnutzung über einen längeren Zeitraum betrachten, als auch an Studien, die verschiedene Aktivitätsdeterminanten berücksichtigen (z.B. Dauer, Vielfalt).

Der Beitrag geht entsprechend der Frage nach, welchen Einfluss soziale Herkunftsindikatoren auf die Ausübung organisierter Freizeitaktivitäten und damit verbundener Aktivitätsdeterminanten im Verlauf der Schulzeit haben? Ein besonderer Fokus wird auf die Qualität der Angebote und die Angebotsorte gelegt.

Es werden Befunde einer quantitativen Studie präsentiert, an der n=1.547 Jugendliche in ihrem letzten Pflichtschuljahr (9./10. Klasse, Schuljahr 2019/20) teilgenommen haben. Organisierte Freizeitaktivitäten, die die Jugendlichen im Verlauf ihrer Schulzeit ausgeübt haben, wurden darin differenziert über ein Kalendarium erfasst. Um den Einfluss der sozialen Herkunft zu untersuchen, wurde für die Aktivitätsdeterminanten Dauer und Vielfalt der Aktivität sowie Qualität und Angebotsort jeweils ein separates Regressionsmodell berechnet, dass als Prädiktoren die Herkunftsindikatoren kulturelles, soziales und ökonomisches Kapital (Bourdieu, 1983) sowie Geschlecht, Migrationshintergrund und schulische Leistung berücksichtigt.

Es zeigte sich, dass besonders die Vielfalt an genutzten Aktivitäten durch benachteiligte Lebenslagen der Jugendlichen eingeschränkt wird, dabei ist der stärkste Prädiktor das kulturelle Kapital in der Familie. Zudem nutzen benachteiligte Jugendliche vemehrt Freizeitangebote im schulischen Kontext. Die Befunde werden vor dem Hintergrund der Selektivität außerschulischer Bildungsprozesse diskutiert.



Negotiating professional boundaries. Eine Deutungsmusteranalyse über den pädagogischen Umgang von Lehrpersonen mit vielfältigen geschlechtlichen und sexuellen Lebensweisen

Florian Cristóbal Klenk

TU Darmstadt, Deutschland

Die Frage, wie in der Organisation und Institution Schule mit der Vielfalt an Lebensweisen unter den Beschäftigten und Adressat:innen professionell gearbeitet werden kann und soll wird im Postervortrag unter besonderer Berücksichtigung des inter-/nationalen Forschungsstandes zur Situation von LGBTIQ*-Personen im Bildungssystem analysiert. Ausgangspunkt für das Poster stellt die Dissertation des Autors dar, in welcher auf Basis episodischer Interviews (Flick 2011) mit cis‑, trans‑ und inter‑geschlechtlichen sowie hetero‑, bi‑ und homosexuellen Lehrpersonen (n=15) mit dem qualitativen Forschungsansatz der (Reflexiven) Grounded Theory Methodology (Breuer/Muckel/Dieris 2019) drei soziale Deutungsmuster (Bögelein/Vetter 2019) über den professionellen Umgang und die Thematisierung vielfältiger geschlechtlicher und sexueller Lebensweisen rekonstruiert wurden. Anhand ausgewählter empirischer Ergebnisse wird aufgezeigt, wie Lehrpersonen in Rekurs auf unterschiedliche Deutungsmuster die Grenzen der institutionellen Zuständigkeit und professionellen Verantwortung für vielfältige Lebensweisen (Hartmann 2002) diskursiv aushandeln. Im Fokus des Beitrags steht die dialektische Un/Gleichzeitigkeit von Grenzziehungen und Grenzverschiebungen (post-)heteronormativer Normalitätsordnungen aus Perspektive von (LGBTIQ*) Lehrpersonen.



Inklud-e: Professionalisierung für Inklusion und Digitalisierung durch multimediale Formen der Fallarbeit im Lehramtsstudium

Prof. Dr. Petra Büker1, Dr. Katrin Glawe1, Insa Kristin Menke2, Jana Herding1

1Universität Paderborn, Deutschland; 2Universität Bielefeld, Deutschland

Inklusion und Digitalisierung bilden neue Anforderungsbereiche für die Lehrer*innenbildung. Diese Querschnittskompetenzen rein additiv in die Studienpläne zu integrieren, würde wesentliche Synergiepotenziale außen vor lassen. Im Projekt inklud-e wurde ein hochschuldidaktisches Konzept zur Verschränkung inklusiver (KMK 2019) und digitalisierungsbezogener Basiskompetenzen (KMK 2016) in heterogenitätsbezogenen Modulen entwickelt. Der professionelle reflektierte Umgang mit Heterogenität wird durch die Verknüpfung von videographierten Unterrichtssettings und Fallportraits (Moldenhauer et al. 2020) durch die Methode der rekonstruktive Kasuistik (Steinke 2014) angestrebt. In Weiterentwicklung einer frei zugänglichen webbasierten Fallsammlung von Kindern/Jugendlichen mit und ohne besonderen Unterstützungsbedarf (www.vielfaltstabelau.uni-paderborn.de, Büker et al. 2015) werden im Projekt inklud-e Lehr-/Lernmaterialien für bildungswissenschaftliche Lehre über ein CMS zur Verfügung gestellt, in Blended-Learning-Kontexten erprobt und evaluiert. Konkret werden die Fallportraits mit realen Unterrichtsclips (u.a. 360°- Grad) und Audioquellen (z.B. Experten*inneninterviews) verknüpft, indem das Kind/der Jugendliche gedanklich in das Setting hineinprojiziert wird. Dazugehörige Aufgabensets zielen auf inklusiv-mediendidaktische (Kamin et al. 2018), normalismuskritische (Link 2013, Cornel 2021) individuelle und diskursive Reflexionen eigener Normalitäts- und Differenzvorstellungen im Kontext schulischer Teilhabe. Die Beobachtungs-, Analyse-, sowie insbesondere die Reflexionskompetenz bilden gemäß einer professionellen Wahrnehmung von Unterricht (Sherin 2007) die didaktischen Ziele der Sets, deren übergeordnete Leitfrage lautet: Wie kann eine stärken- und bedürfnisorientierte Lernumgebung gestaltet werden, die auf das Ziel größtmöglicher Teilhabe gerichtet ist? Ergebnisse der quantitativen Prä-/Post-Befragung von Grundschullehramtsstudierenden (n=165) aus unterschiedlichen Studienphasen verdeutlichen, welche Potenziale der pädagogisch-reflexiven Arbeit mit multimedial konstruierten „fremden“ Fällen und dem `Handeln im (digitalen) Proberaum“ zugeschrieben werden (Büker et al. 2022 in Vorb.). Es zeigt sich, dass die Entwicklung von Multiperspektivität (Fabel-Lamla & Lindner-Müller 2020) gefördert werden kann. Zu diskutieren ist, welchen Beitrag multimediale Formen der Fallarbeit für die aktuelle Neuausrichtung der Hochschullehre leisten kann.



Interaktion und Interaktionsorganisation im digital-gestützten inklusiven Unterricht. Einblicke in ein rekonstruktiv angelegtes ethnographisches Forschungsvorhaben in der Sekundarstufe I

Marion Yvonne Schwehr

Universität Siegen, Deutschland

Bisherige Analysen im Kontext von Unterricht und digitalen Medien erforschen den Erwerb von Medienkompetenzen, didaktische Aspekte sowie Formen individueller Förderung (vgl. Bastian & Auf­enager 2017). Unberücksichtigt bleibt, wie sich digitale Medien auf das Interaktionsgeschehen des inklusiven Unterrichts auswirken. Interaktionen im Klassenzimmer sind auf besondere Weise störungsanfällig (bspw. durch unterschiedliche Verhaltenserwartungen und -normen) und benötigen deshalb Mechanismen, die die Interaktionsordnung stützen und herstellen (vgl. Thiel 2016).

Hier setzt das ethnographische Dissertationsprojekt an, das als Teil des Verbundprojekts „Unterrichtsent­wicklung in der Sekundarstufe I digital und inklusiv durch Research Learning Communities“ (UDIN) der Universitäten Siegen und Duisburg-Essen fragt, wie digitale inklusive Unterrichtspraxen hergestellt und aufrechterhalten und welche Interaktionsstrukturen und -ordnungen sichtbar werden.

Die Frage, wer oder was den Unterricht stört bzw. wer oder was zur Wiederherstellung einer Ordnung hinzugezogen wird, verweist darauf, dass Unterricht in der Praxis konstruiert wird. Das Handeln der beteiligten Akteure, aber auch die Nutzung von Artefakten (bzw. digitalen Medien) besitzen eine besondere Relevanz bei der Gestaltung und Beeinflussung von Handlungsabläufen. Mit der Brille der Theorie sozialer Praktiken und ihren Transfer auf den schulischen Unterricht kann diese Materialität und das praktische Tun in den Fokus genommen werden und der Frage nachgegangen werden, wie soziale Ordnung entsteht und wie sie stabilisiert wird.

Konzeptionell bezieht sich die Arbeit auf interaktionistische (Medien- und Unterrichts-)Theorien (Goffman 1983, Houben 2018, Schatzki 2001) und Praxistheoretische Perspektiven (Reckwitz 2012). Mithilfe der Ethnomethodologie kann das Tun der Akteure in sozialen Situationen betrachtet werden. Ihr liegt der Gedanke zugrunde, dass sich beobachtbare Strukturen in den einfachsten praktischen Handlungen offenbaren. In Beobachtungsprotokollen werden inklusive unterrichtliche Situationen mit digitalen Medien beschrieben, die Aussagen über die Ordnungsstrukturen von Unterricht (Distanzunterricht und Unterricht in Präsenz) zulassen. Die Protokolle werden im nächsten Schritt mit der Grounded Theory nach Strauss & Corbin (1996) ausgewertet.

Im Beitrag sollen die theoretischen und methodologischen Grundannahmen sowie erste Ergebnisse vorgestellt werden.



Lernen in Antinomien – Ansprüche an eine inklusive Grundschuldidaktik

Prof. Agnes Pfrang1, Dr. Kathrin Müller2

1Universität Erfurt, Deutschland; 2Pädagogische Hochschule Ludwigsburg

In der inklusiven (Grundschul-) Didaktik (z.B. Reich 2014) werden heterogene Lernvoraussetzungen v.a. als Passungsproblem zwischen systemischen Strukturen und individuellen Lernvoraussetzungen diskutiert. Entsprechend beschäftigen sich aktuelle Veröffentlichungen v.a. mit organisatorischen Problematiken der Teilhabe an einer gemeinsamen Beschulung für alle (z.B. Gasterstädt 2019, Meyer 2019, Piezunka 2020, Reiss-Semmler 2019), um einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung für alle Schüler*innen zu ermöglichen. Dass Teilhabe an der Gemeinschaft jedoch mit Spannungen und Widersprüchen im Kontext von Freiheit und Gleichheit verbunden ist (Müller & Pfrang 2021) und ihre rein positive Konnotierung für den pädagogischen Diskurs zu kurz greift (Dietrich 2017), bleibt in diesen Forschungen weitgehend unberücksichtigt. So bleibt auch die Frage offen, wie sich Antinomien von Teilhabe im Grundschulunterricht aus Sicht der Akteure darstellen und diese pädagogisch-didaktisch bearbeitet werden können.

Um dieser Frage nachzugehen, wird Teilhabe gerechtigkeitstheoretisch und kulturanthropologisch als antinomische, pädagogische Ordnung inklusiven Unterrichts gefasst und durch folgende Fragestellungen konkretisiert: 1. Ist Teilhabe im inklusiven Unterricht konstitutiv mit Antinomien verbunden? 2. Sind diese Antinomien von Teilhabe bedeutsam für die beteiligten Akteure? 3. Wie verarbeiten Lehrkräfte die sich darstellenden Antinomien didaktisch? 4. Wie erfahren Schüler*innen die didaktischen Verarbeitungsstrategien?

In der hermeneutischen Analyse werden (inklusive) didaktische Theorien in Bezug auf das zugrundeliegende gerechtigkeitstheoretische und kulturanthropologische Verständnis von Teilhabe reflektiert. Mit einer qualitativ-rekonstruktiven Untersuchung werden die aus der Theorie gewonnenen Erkenntnisse um die Perspektiven der beteiligten Akteure erweitert. Durch teilnehmende Beobachtung und die Durchführung von Fokusgruppen sollen individuelle Denk-, Sicht- und Erfahrensweisen erhoben werden. Die erhobenen Daten werden mit der Objektiven Hermeneutik ausgewertet.

Es wird erwartet, dass gewonnene Erkenntnisse Rückschlüsse auf Besonderheiten bzw. Merkmale einer (inklusiven) teilhabeorientierten Didaktik zulassen und so auch Implikationen für die Unterrichtspraxis abgeleitet werden können.



InDiVers: Inklusive Diagnostik in Verfahren zur Feststellung sonderpädagogischen Förderbedarfs? Zwischen angemessener Förderung und institutioneller Diskriminierung

Dr. Julia Gasterstädt1, Prof. Dr. Katja Adl-Amini2, Anna Kistner1, Florian Cristóbal Klenk2

1Goethe-Universität, Deutschland; 2Technische Universität, Darmstadt

Mit der Forderung nach diskriminierungsfreier und gleichberechtigter Teilhabe aller Menschen in einem inklusiven Bildungssystem geht die Notwendigkeit angemessener Unterstützung einher. Damit ist das Spannungsfeld zwischen der individuellen Beschreibung notwendiger Hilfen und der Gefahr von Stigmatisierung und Diskriminierung angesprochen, das in der Debatte um Dekategorisierung diskutiert wurde (z.B. Walgenbach, 2018). Die regional differenten Feststellungsverfahren sonderpädagogischen Förderbedarfs (SPF) (Gasterstädt, Kistner & Adl-Amini, 2020) können als Lupenstelle für die Bearbeitung dieses Spannungsfelds auf administrativer und schulischer Ebene verstanden werden. Im Rahmen dieser Feststellungverfahren werden Schüler*innen klassifiziert und historisch gewachsene Grenzziehung zwischen Sonder- und allgemeiner Pädagogik sowohl auf organisationaler als auch professioneller Ebene aktualisiert (Heinrich, Urban & Werning, 2013; Tervooren, 2017).

Das interdisziplinäre, vom BMBF geförderte Verbundprojekt „InDiVers“ setzt hier an und fragt vor dem theoretischen Hintergrund institutioneller Diskriminierung (Gomolla & Radtke, 2009) danach, wie die Entscheidung über und Legitimation von Exklusion und die dem zu Grunde liegende Differenzordnung hervorgebracht werden. Uns interessiert, wie in diesen Verfahren pädagogisch Andere konstruiert werden, wie diese Prozesse in regional ausdifferenzierte Strukturen eingebettet sind und wie professionelle Akteure diese deuten und gemeinsam mit anderen Akteuren (z.B. Erziehungsberechtigten) vor dem Hintergrund je spezifischer Handlungslogiken und Normen prozessieren.

Dazu untersuchen wir die Feststellung von SPF in vier Bundesländern und verbinden die Rekonstruktion der regionalen Akteurskonstellationen mit der qualitativ‑längsschnittlichen Untersuchung von Verfahren im Einzelfall auf Ebene der Einzelschule.

As Forschungsdesign ist an der Grounded Theory Methodologie (Strauss, 1998) und Situationsanalyse (Clarke, Friese & Washburn, 2018) orientiert und trianguliert verschiedene vor allem qualitative Daten. Zum Transfer der Ergebnisse in die Praxis werden in Workshops in den Erhebungsregionen Impulse für die Weiterentwicklung der Verfahren vor Ort gesetzt und in einem ko-konstruktiven Prozess mit Personen aller Lehrkräftebildungsphasen Konzepte zur differenzreflexiven Professionalisierung von Lehrkräften entwickelt. Im Rahmen der Posterpräsentation stellen wir das Design sowie erste Einblicke in die Erhebung und Analyse vor.



Kinder als Akteur:innen von Inklusion. Eine Ethnographie.

Katharina Sufryd

Universität Duisburg-Essen, Deutschland

Das Promotionsprojekt ‚Kinder als Akteur:innen von Inklusion‘ ist als ein Teilprojekt in das Graduiertenkolleg zu querschnittlichen Fragen der Lehrer:innenbildung (GKqL) eingegliedert. Thematisch orientiert sich das Forschungsinteresse an der Feststellung einer systematischen 'Re-Produktion' sozialer Ungleichheit über die Herstellung von Differenz in institutionalisierten Selektionsprozessen im Bildungsverlauf von Kindern (vgl. Gomolla/Radtke 2009; vgl. Machold/ Wienand 2021). Vor dem Hintergrund der erziehungswissenschaftlichen Fachdebatte, um die gegenwärtigen inklusiven Verhältnisse, setzt sich dieses Projekt mit den strukturellen und organisationsspezifischen Ein- und Ausschlüssen von Kindern auseinander. Mit der Perspektive auf die grundsätzliche Teilnahme kindlicher Subjekte an der Re-Produktion sozialer Wirklichkeit wird auch von deren Involviertheit in Machtverhältnissen und in Ordnungen von Differenz und dessen Interdependenzen ausgegangen. Damit reagiert diese Arbeit auf das Desiderat in der erziehungs- und bildungswissenschaftlichen Inklusionsforschung, Kinder als Akteur:innen der Inklusion wahrzunehmen (vgl. Machold 2015).

Vor dem Hintergrund einer kontinuierlichen sozialen Ungleichheit, bei gleichzeitigem Inklusionsanspruch, ist es interessant zu erfahren, wie Kinder in den sozialpädagogischen und bildungssystemischen Räumen die inklusiven Prozesse mitgestalten. Im Hinblick auf diese qualitativ ausgerichtete Forschungsfrage werden ethnographische Daten im Rahmen eines Feldforschungsprojektes erhoben. Im Zentrum dabei steht das Verfahren zur Klärung von Leistungsvoraussetzungen (§ 35a SGB VIII und § 13(1) AO SF). Dieser Verfahrensweg lässt sich als eine institutionelle Praxis im Kontext schulischer Inklusion einordnen, die sich auf das individuelle Recht des Kindes in seiner individuellen Förderung stützt. Die Kinder stehen im Zuge einer Leistungsbewilligung unter der Bedarfsklärung einer sonderpädagogischen Expertise, medizinischen Diagnostik und sozialpädagogischen Einschätzung. Trotz dieses Einsatzes für die Rechtsprechung des Kindes auf dem Weg zu Bildung und Teilhabe, ist unter den organisationsspezifischen Bedingungen und pädagogischen Zuständigkeiten von Inklusion, die Perspektive des Kindes in seiner Vollzugspraxis aus dem Blick geraten.

Die Datenauswertung erfolgt im Sinne einer rekonstruktiven Sozialforschung im Grounded Theory Verfahren zirkulär und interpretativ. Differenz- und anerkennungstheoretische Einsichten (vgl. Ricken et al. 2017) stellen den heuristischen Rahmen für die Analyse dar.

Das Poster stellt Materialauszüge vor und lädt dazu ein, die ersten Einsichten und den Forschungszugang zu diskutieren und zu reflektieren.



Frühe Literalität, Frühe Mathematik und Wellbeing in der individuellen Lernentwicklungsanalyse für die inklusive Transition Kita – Schule (ILEA-Basis-T)

Shary-Jasmin Abbassi2, Lina Sietas3, Helke Redersborg1, Nicole Reichenbach1

1Universität Leipzig; 2Julius-Maximilians-Universität Würzburg; 3Universität Flensburg

In den bildungswissenschaftlichen Diskurs um eine gelingende Transition in die Grundschule wird im BMBF Verbundprojekt „Individuelle Lernentwicklungsanalyse von Basiskompetenzen in der inklusiven Transition Kita–Schule (ILEA-Basis-T)“ die Zielgruppe der Kinder mit erheblichen Lern- und Entwicklungsrückständen eingebracht. Insbesondere für sie ist eine verzahnte entwicklungsorientierte diagnostische Begleitung am Übergang in die Grundschule von Bedeutung (Petriwskyj et al., 2014; Simmons et al., 2007). Allerdings fehlen diagnostische Instrumente, welche die Lernentwicklung auf unteren Kompetenzstufen adäquat abbilden, obwohl sie für eine entwicklungsorientierte Lernprozessdokumentation und das Gelingen der Transition mitentscheidend sind (Fabian & Dunlop, 2007; Athola et al., 2011). Im Projekt werden diesbezüglich Diagnosebausteine zur Frühen Literalität und der Frühen Mathematik sowie zur Erfassung des im Entwicklungsprozess bedeutungstragenden psycho-sozialen Wohlbefindens (Wellbeing) entwickelt und erprobt. Zudem werden entsprechende Förderanregungen erarbeitet. Die vier im BMBF-Projekt verbundenen Promotionsvorhaben werden im Rahmen der Posterpräsentation gebündelt vorgestellt und die Synergieeffekte zwischen ihnen für das Gesamtvorhaben herausgearbeitet. Die Promotionen fokussieren jeweils einen der drei folgenden Inhaltsbereiche: Frühe Literalität (Helke Redersborg), Frühe Mathematik (Shary-Jasmin Abbassi & Lina Sietas) sowie Wellbeing (Nicole Reichenbach). Ansätze zur Bearbeitung der großen methodischen Herausforderungen in der Entwicklung diagnostischer Verfahren für die sehr heterogene Zielgruppe werden ebenso präsentiert und zur Diskussion gestellt wie das partizipative Vorgehen insgesamt unter dem Einbezug von pädagogischen Fachkräften.

 
11:30 - 13:00Poster-Cluster: Interkulturelle und international vergleichende Bildungsforschung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 05
Chair der Sitzung: Dr. Christoph Fantini, Uni Bremen

In diesem Cluster werden acht Poster vorgestellt, die alle deutschsprachig sind.

 

Die (Re-)Produktion „europäischer“ Grenzziehungen von Schüler*innen

Saskia Langer

Universität Trier, Deutschland

Die Institutionen der EU empfehlen für die Europabildung die Förderung einer „europäischen Identität“ neben den nationalen Identitäten (Rat der Europäischen Union, 2018). Jedoch existieren gesellschaftlich unterschiedliche Vorstellungen darüber, was „Europa“ respektive „europäische Identität“ konstituiert (Quenzel, 2005). Verschiedene Grenzziehungen zwischen jenem, was als europäisch inkludiert und jenem, was exkludiert wird, werden dabei durch entsprechend variierende Diskurse legitimiert. Dabei wird Europa mitunter nicht differenziert betrachtet, sondern naturalisiert, kulturalisiert, politisiert oder ökonomisiert.

Mit diesen Vorstellungen von „Europa“ werden Schüler*innen in der Familie, im Bildungssystem sowie in den Medien konfrontiert und vor die Herausforderung gestellt, daraus eine eigene (kohärente) Vorstellung zu bilden. Außerdem bieten ihnen diese auch heterogene Identifikationsangebote. Identität wird in diesem Promotionsvorhaben in Anschluss an Parsons (1968) als Rollenidentität verstanden. Seiner Theorie zufolge werden die gesellschaftlichen Erwartungen von den Individuen reflektiert und die Identität als Verknüpfung verschiedener Rollen und Erwartungen gebildet. Auf dieser Grundlage lässt sich für den Themenbereich Europa vermuten, dass verschiedene Erwartungen gleichzeitig an die Individuen gerichtet werden und somit vielfältige europäische Identitäten entstehen können.

In dem Promotionsvorhaben wird den Forschungsfragen nachgegangen, welche Vorstellungen von Europa und somit Grenzziehungen politischer, kultureller und sozialer Art Schüler*innen (re)produzieren, wie sie sich zu diesen positionieren und welche raumbezogenen Identitäten sie bilden. Den Untersuchungsraum bildet die Großregion (Luxemburg, Lothringen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Wallonie und die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens) als transnationaler Bildungsraum. Als Informant*innen werden Schüler*innen der Sekundarstufe I befragt, um eine Vergleichbarkeit zwischen den zu untersuchenden Regionen zu gewährleisten.

Im Forschungsvorhaben werden qualitative und quantitative Methoden verbunden: zuerst wird eine quantitative Fragebogenstudie und im Anschluss werden qualitative Interviews durchgeführt. Idealerweise können in der Auswertung der Fragebogen „repräsentative Akteure“ (Kergel, 2018, S. 69) festgestellt werden, welche dann als Fallbeispiele zum Interview eingeladen werden.

Das Poster spannt einen Bogen von den unterschiedlichen Vorstellungen zu Europa und Europabildung über den Identitätsdiskurs bis hin zu Ansätzen einer empirischen Erfassung.



Ent- und Begrenzung von Bildungsteilhabe junger Geflüchteter im Kontext digitalisierter Bildungswelten

Michi Sebastian Fujii1, Jana Hüttmann2, Prof. Dr. Nadia Kutscher1, Prof. Dr. Henrike Friedrichs-Liesenkötter2, Antonia Dold1, Till Mülheims1, Niko Engfer2

1Universität zu Köln, Deutschland; 2Leuphana Universität Lüneburg, Deutschland

Der Alltag von jungen Geflüchteten ist von Grenzziehungen und -überschreitungen geprägt. So sind junge Geflüchtete mit Grenzen zwischen als auch innerhalb von Staaten konfrontiert: In der Aufnahmegesellschaft können (institutionelle) Barrieren (Lechner et al. 2016) etwa Bildungsteilhabe begrenzen. Digitalen Medien wird einerseits das Potenzial zugeschrieben, Begrenzungen zu überwinden und Bildungschancen zu fördern (Europäische Kommission 2020). Gleichzeitig wird auf Limitierungen des Potenzials digitaler Medien, z.B. angesichts von Ungleichheitsreproduktion, verwiesen (Kutscher/Kreß 2018). Bislang konzentriert sich die Forschung hierzu vor allem auf den formalen Bildungskontext Schule (und blendete beispielsweise andere Bildungsbereiche wie die Kinder- und Jugendhilfe als non-formales Feld aus) und fokussierte einzelne institutionelle Felder ohne hinreichend das Zusammenspiel von formalen, non-formalen und informellen Kontexten zu berücksichtigen (Korntheuer 2016).

Das ethnografische Verbundprojekt „Bildungsteilhabe Geflüchteter im Kontext digitalisierter Bildungsarrangements“ (BIGEDIB) der Universität zu Köln und der Leuphana Universität Lüneburg, gefördert durch das BMBF (Laufzeit 2019-2022), knüpft hier an. Ziel des Forschungsprojekts ist es, Gelingensbedingungen für die (Bildungs-)Teilhabe geflüchteter Jugendlicher im Kontext digitaler Medien in formalen (Schule), non-formalen (Kinder- und Jugendhilfe) und informellen (Freizeit, Familie) Bildungssettings zu rekonstruieren. Über verschiedene Feldphasen folgt das Projekt als multi-sited ethnography (Falzon 2009) insgesamt 27 geflüchteten Jugendlichen (13 bis 21 Jahre) in ihrem (Bildungs-)Alltag. Die Daten aus teilnehmenden Beobachtungen, Feldgesprächen, Interviews und Artefaktanalysen (Lueger/Froschauer 2018; zur Ethnografie: Breidenstein et al. 2015) werden unter Perspektive der Praxistheorie (Schatzki 2016; Bollig/Kelle 2014) mittels der Grounded Theory erhoben und ausgewertet (Strauß/Corbin 1990; Clarke 2018).

Aus einem praxistheoretischen Bildungsverständnis (Asmussen 2020) heraus zeigen sich in den Daten bildungsbezogene Praktiken mit digitalen Medien über Institutionsgrenzen hinweg als transorganisational verortet (Eßer/Schröer 2019). Digitale Artefakte wie das Smartphone nehmen dabei über ihre ‚eigensinnige‘ Beteiligtheit an den jeweiligen Praktiken (Bollig/Kelle 2014) eine zentrale, wenngleich ambivalente Rolle ein. So sind mit der digitalen Durchdringung des Alltags der Jugendlichen und den damit verbundenen Anforderungen auch Hürden für Bildungsteilhabe festzustellen. Vor diesem Hintergrund präsentiert und diskutiert das Poster das ambivalente Wechselspiel zwischen Grenzüberwindung und Grenzziehung im Kontext digitaler Medien für die Bildungsteilhabe geflüchteter Jugendlicher.



Entgrenztes Verhalten - Wie die empirische Erfassung von seelischer Verletzung in der Schule von Diskriminierungsforschung profitieren kann

Clara Overweg1,2

1Humboldt-Universität zu Berlin; 2Projektteam Reckahner Reflexionen zur Ethik Pädagogischer Beziehungen

Verschiedene gesetzliche Vorgaben wie die Kinderrechtskonvention (Art. 19) machen deutlich, dass „seelische Verletzungen“ durch pädagogische Fachkräfte gegenüber Kindern und Jugendlichen unzulässig sind. Im deutschsprachigen Raum ist dieses Konzept bisher empirisch allerdings wenig untersucht (Ausnahmen siehe: Krumm & Weiß 2006, Schubarth & Ulbricht 2015). Im Rahmen des Projekts Reckahner Reflexionen zur Ethik Pädagogischer Beziehungen (z.B. Prengel 2019) wird nun ein Erhebungsinstrument erarbeitet, welches sich mit der quantitativ-empirischen Erfassung des Konzepts auseinandersetzt. Um Herausforderungen und Besonderheiten dessen vorzustellen, bedient sich das Poster an Erkenntnissen aus der Diskriminierungsforschung und beantwortet darin die Frage:

Wie kann die Abgrenzung und Nähe zum Konzept „Diskriminierung“ die Herausforderungen einer empirischen Erfassung von „seelischer Verletzung“ im Schulkontext verdeutlichen?

Zunächst einmal sind sich die Konzepte „Diskriminierung“ und „seelischer Verletzung“ insofern nah, dass es um gesellschaftlich verankerte Machtasymmetrien im Kontext von verschiedenen Differenzlinien geht (z.B. Gomolla & Radtke 2010, Crenshaw 1989). Die Untersuchung seelischer Verletzungen in der Schule muss auch die systematische Asymmetrie zwischen Lehrenden und Schüler:innen in den Blick nehmen (vgl. Oevermann 1996, Helsper & Hummrich 2014) und stellt so insofern eine Erweiterung dar, als dass neben den Differenzlinien auch die Rolle der Schüler:innen generell als vulnerabel klassifiziert wird.

Zweitens zeigt die Frage nach Intention als Kriterium für diskriminierendes Verhalten (z.B. Hormel & Scherr 2010) eine definitorische Unklarheit in der Erfassung seelischer Verletzung auf. So wird in US-amerikanischer Forschung zu „teacher bullying“ Intention teilweise als Kriterium herangezogen (vgl. Burriss & Snead 2018), teilweise explizit ausgeschlossen (vgl. Sylvester 2011). Das Poster argumentiert für eine effektorientierte Operationalisierung, die sich darüber hinaus eher am Umgang mit Fehlern als deren Ursache orientiert (Piezunka, im ersch.).

Drittens weist die Diskriminierungsforschung auf ein mögliches Problem hin: die Tatsache, dass größere Sensibilisierung für Diskriminierung auch zu vermehrter Wahrnehmung führt (vgl. El-Mafaalani et al. 2017). Auch in der Erfassung seelischer Verletzung kann dies zur Herausforderung werden.



Wandel und Dynamik familiärer Generationsbeziehungen im Kontext von Flucht und Asyl

Prof. Dr. Manuela Westphal, Franziska Korn, Anita Hubo, Samia Aden, Dr. Jiayin Li-Gottwad

Universität Kassel, Deutschland

Fluchtbedingte Migration wurde in den vergangenen Jahren in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen intensiv beforscht. Es lässt sich jedoch eine deutliche Forschungslücke an der Schnittstelle zwischen Familien, Erziehung, Flucht und Asyl feststellen (Westphal/Aden 2020). Hier setzt das DFG-Forschungsprojekt „Wandel und Dynamik familiärer Generationsbeziehungen im Kontext von Flucht und Asyl“ (DyFam, 2020-2023) an. Das Projekt nimmt insbesondere Familien aus dem Fluchtkontext Somalia in den Blick.

Familienkonstellationen und Familienleben erfahren im Kontext von Flucht und Asyl multiple Begrenzungen und gleichzeitig auch Entgrenzungen: Familie wird durch bestehende rechtliche und ordnungspolitische Regelungen begrenzt und reguliert. Dies gilt besonders im Hinblick auf Familiennachzug (Aden/Westphal i.E.). Gleichzeitig findet eine Entgrenzung von Familienleben statt, die das alltägliche „doing und displaying family“ (Finch 2007) im Kontext von Flucht und Asyl über nationalstaatliche Grenzen hinweg in einen transnationalen Raum verlagern (können).

Mithilfe von qualitativ-ethnografischen Fallstudien wird der Frage nachgegangen, wie Familie und Familienerziehung im Kontext von Flucht und Asyl hergestellt wird und inwiefern sich Figurationen, Interdependenzen und Eigenlogiken der Familienerziehung wandeln. Das Projektteam besucht Familien deutschlandweit jeweils mindestens fünfmal in ihrem Zuhause. Das entwickelte mehrstufige Verfahren dient zum einen dem Aufbau vertrauensbasierter Forschungsbeziehungen und zum anderen der Erhebung unterschiedlicher empirischer Daten. Zunächst werden gemeinsam mit den Familien familienzentrierte Netzwerkkarten erstellt, um der Frage nachzugehen, wer überhaupt als Familie verstanden wird und dazu gehört sowie welche transnationalen Vernetzungen bestehen. Anschließend werden u.a. mithilfe von Familienfotografien und der Aufnahme von (transnationalen) Familieninteraktionen den Fragen nachgegangen, wie Familie und Familienerziehung symbolisch (displaying) und interaktiv (doing) hergestellt und aufrechterhalten wird. Ein abschließendes reflektierendes Gespräch rundet die Studie ab. Ziel ist es, mit DyFam einen Beitrag zur Theorie der Familienerziehung unter besonderer Berücksichtigung von Flucht und Asyl zu leisten. Hierzu wird auf die Studien von Müller und Krinninger (2016, u.a. in Anlehnung an Elias) sowie an die „participatory family research“ (Walsh 2015, S. 85ff.) aufgebaut.

Das Poster auf dem 28. DGfE-Kongress soll das Forschungsprojekt vorstellen und erste methodische und methodologische Erkenntnisse aus den Zwischenergebnisse aus den ethnographischen Familienstudien vorstellen.



Reflexionsorientierter Umgang mit Ungewissheit im transkulturellen Raum: Das Tricontinental Teacher Training (TTT) für Lehramtsstudierende

Sezen Merve Yilmaz, Dr. Anja Wilken, Prof. Dr. Telse Iwers, Prof. Dr. Andreas Bonnet

Universität Hamburg, Deutschland

Einführung

Ziel von Austauschprogrammen, die Ungewissheit thematisieren, ist es neben den in verschiedenen Kompetenzmodellen dargestellten Selbstkompetenzen auch, die Grenzen des eigenen Denkens und Handelns zu erweitern. Angesichts der wachsenden Diversität im Schulwesen ist ein reflektierter Umgang mit den eigenen impliziten Annahmen (z.B. bezogen auf Migration und damit bedingte Prozesse der (Nicht-) Zugehörigkeit) von Lehramtsstudierenden bedeutsam. Durch die Teilnahme am TTT Projekt erhalten die Studierenden die Gelegenheit, eigene diversitätsbedingte Ungewissheitserfahrungen und damit verbundene subjektive Theorien zu reflektieren. Nachfolgend wird das Projekt und die damit verknüpfte Begleitforschung skizziert.

Projektbeschreibung

Das Projekt „Tricontinental Teacher Training“ zwischen der Universität Hamburg, der University of Education in Winneba und der University of North Carolina at Chapel Hill ermöglicht Lehramtsstudierenden, ein Praktikum an einer Schule an einem der oben genannten Standorte zu absolvieren. Die Studierenden werden über einen Zeitraum von drei Semestern durch Seminare begleitet, in welchen u.a. Ungewissheit als konstitutives Element der pädagogischen Interaktion thematisiert wird. Fokussiert wird dabei die Frage, welchen Einfluss eine kulturelle Dezentrierung (oder: Entgrenzung) im jeweiligen Austauschland auf die eigenen impliziten Annahmen und inneren Paradigmen (z.B. subjektive Imperative) haben kann und wie diese mittels einer theoriegeleiteten Reflexion de- und rekonstruiert werden können.

Begleitforschung

Die Rolle irritierender Erfahrungen und deren transkulturelle Verarbeitung ist bislang wenig empirisch untersucht; deshalb wird das Projekt durch zwei qualitative Studien begleitet.

  • In einer Interviewstudie wird untersucht, wie angehende Lehrkräfte ihre Erfahrungen während eines transkulturellen Austauschprogramms gestalten und verarbeiten. Die Studie konzentriert sich auf die Rekonstruktion des impliziten Wissens der Teilnehmenden im Umgang mit Irritationen und Ungewissheit durch im Austausch gemachte Differenzerfahrungen (Wilken & Bonnet i.E.).
  • Die zweite Fragestellung untersucht, inwiefern die Teilnahme am Projekt eine Reorganisation der (migrationsbezogenen) Subjektiven Theorien der Teilnehmenden bewirkt Groeben et al. (1988).


Im Raum der Bild-ung? Ethnografische Erkundung des Sozialraums Schule aus Perspektive junger Menschen mit Fluchterfahrung

Caroline Junge

Humboldt-Universität zu Berlin, Graduiertenkolleg "Inklusion - Bildung - Schule", Deutschland

In meinem Promotionsprojekt wird der Versuch unternommen, Schule als Sozialraum in den Blick zu nehmen und dadurch den Fokus auf Praktiken jenseits des Unterrichtens zu richten.

Im Rahmen eines inklusiven Forschungsdesigns ist die Forschungsfrage auf die Perspektive von Schüler*innen mit Fluchterfahrung ausgerichtet. Dieser „strategische Essentialismus“ (Spivak 1981) dient dazu, einen Beitrag zu einer systematischen Thematisierung von Migration zu leisten, welche in der Wissenschaftslandschaft ein noch junges Phänomen darstellt. Zugleich soll damit der dominante Diskurs, in welchem der Zusammenhang von Bildung und Migration v.a. im Kontext gelingender Integration (in das bestehende System) diskutiert wird, konterkariert werden (vgl. Mecheril 2013).

Für die ethnografisch-praxeologische Perspektive auf Schule als Sozialraum sind zum einen die (Raum-) Erfahrungen der Schüler*innen sowie zum anderen Praktiken der Subjektivierung von Interesse. Zentral ist hierbei die These, „dass die Schule eine Alltagswelt darstellt, in der deutlich mehr geschieht als Schulunterricht“ (Hillebrandt 2014, S. 429). Methodologisch soll dieses mehr als Schulunterricht mittels partizipativer Forschung – also durch den aktiven Einbezug der Schüler*innen in den Forschungsprozess – erfasst werden (vgl. von Unger 2014). Hierbei wird auf die Methode Photovoice zurückgegriffen, indem die Schüler*innen ihren Schulalltag – auf vorab partizipativ erarbeitete Perspektiven hin – fotografisch dokumentieren sollen. Da Fotografie als Forschungsmethode, welche einem bestimmten Forschungsinteresse nachgeht, nicht von der jeweiligen situativen Praxis des Fotografierens zu trennen ist, soll zugleich genau diese Praktik des Fotografierens selbst mit in den Blick genommen werden:

„Eine Aufnahme zu machen, ist selbst schon ein Ereignis, und zwar eines, das immer mehr gebieterische Rechte verleiht: sich einzumischen in das, was geschieht, es zu usurpieren oder aber zu ignorieren. Unsere Einstellung zur jeweiligen Situation wird jetzt durch die Einmischung der Kamera artikuliert“ (Sontag 1977, S. 17).

So erhebt das Projekt ein doppeltes Erkenntnisinteresse: a) Praktiken der Subjektivierung sowie Raumerfahrungen innerhalb von Schule zu rekonstruieren sowie b) das Erhebungsinstrument des Fotografierens selbst als Praktik in den Blick zu nehmen und daraufhin zu befragen, welche Möglichkeitsräume der „widerständigen Positionierungen“ (Ploder 2013, S. 141) sich hier eröffnen und welche Rolle Fotografie als ästhetisch-künstlerische Strategie hierbei einnimmt.



Förderung von mehrsprachigkeitsbefürwortenden Überzeugungen von Grundschullehrkräften durch ausbildungs- und berufsbezogene Unterstützungsfaktoren

Dr. Sarah Désirée Lange, Laura Zapfe, Prof. Dr. Sanna Pohlmann-Rother, Daniel Then

Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Deutschland

Lehrkräfte mit positiven Überzeugungen hinsichtlich der unterrichtlichen Integration verschiedener Erstsprachen der Schülerinnen und Schüler nehmen migrationsbedingte Mehrsprachigkeit tendenziell als ‚potenzielle Ressource‘ wahr und räumen ihr zumindest zeitweise einen Platz im Unterricht ein (Lange & Pohlmann-Rother, 2020). Daher kommt den Überzeugungen zum Umgang mit Mehrsprachigkeit eine wichtige Bedeutung als Kompetenzfacette pädagogischer Professionalität zu. Bezogen auf die Professionalisierung (angehender) Grundschullehrkräfte stellt sich darauf aufbauend die Frage nach möglichen Einflussfaktoren auf mehrsprachigkeitsbefürwortende Überzeugungen.

Das Ziel der Studie bestand darin, zu analysieren welche ausbildungs- und berufsbezogenen Faktoren für mehrsprachigkeitsbefürwortende Überzeugungen von berufstätigen Grundschullehrkräfte förderlich sind. Hierzu wurden theoretisch relevante ‚Stellschrauben‘ im universitären als auch im berufsbezogenen Abschnitt der Lehrkräfteprofessionalisierung in den Blick genommen (Cramer, 2012).

Die Datengrundlage stammt aus der BLUME-Studie, in der Grundschullehrkräfte (N=123) zu ihren mehrsprachigkeitsbezogenen Überzeugungen befragt wurden (Lange & Pohlmann-Rother, 2020). Anhand schrittweise aufgebauter linearer Regressionsmodelle wurde analysiert, inwieweit die Überzeugungen von der Nutzung DaZ-bezogener Lerngelegenheiten während der Ausbildung, von unterrichtlichen Kontakterfahrungen, von der Nutzung von Fortbildungsangeboten zum Thema Mehrsprachigkeit und von sprachsensiblen Schulprogrammen beeinflusst werden.

Von den untersuchten Faktoren kommt vor allem der Nutzung formaler Aus- und Fortbildungsangebote Bedeutung zu; insbesondere die Teilnahme an DaZ-spezifischen Aus- und Fortbildungen führt zu wertschätzenderen Überzeugungen gegenüber Mehrsprachigkeit im Unterricht. Wenn Lehrkräfte die Erfahrungen mit mehrsprachigen Lernenden im Unterricht als bereichernd bewerten, führt dies ebenfalls zu befürwortenderen Überzeugungen zum Umgang mit Mehrsprachigkeit im Unterricht. Wie viele Kontakterfahrungen Lehrkräfte mit mehrsprachigen Kindern im Unterricht sammeln, ist hingegen weniger relevant. Eine Tätigkeit an Schulen mit sprachsensiblem Schulprogramm geht mit marginal ablehnenderen Überzeugungen zu Mehrsprachigkeit im Unterricht einher.

Zusammenfassend lässt sich aus den vorliegenden Befunden die Relevanz der mehrsprachigkeitsbezogenen Aus- und Fortbildung von Grundschullehrkräften schließen, da der Kontakt zu mehrsprachigen Schülerinnen und Schülern durch formale Lerngelegenheiten vorbereitet und flankiert werden sollte. Auch deutlich wird, dass mehr Erfahrung nicht per se zu befürwortenderen Überzeugungen gegenüber Mehrsprachigkeit im Unterricht führt. Stattdessen scheinen die wahrgenommene Qualität und damit die subjektive Bewertung der mehrsprachigkeitsbezogenen Kontakterfahrungen für die Überzeugungen der Lehrkräfte entscheidend zu sein.



Raumkonstruktionen – Gruppendiskussionen mit französischen und deutschen Jugendlichen zu geopolitischen Themen

Teresa Köhler

Johannes Gutenberg Universität Mainz, Deutschland

Das Dissertationsprojekt ist an der Schnittstelle einer vergleichenden Unterrichtsforschung und Geographie(-didaktik) angesiedelt. Anhand von online geführten Gruppendiskussionen zu geopolitischen Themen soll eruiert werden, inwiefern französische und deutsche Jugendliche räumliche Wirklichkeit (re-)konstruieren. Ausgangspunkt ist das Werk Orientalism (1979) des Literaturwissenschaftlers Edward Said. Es gilt als Klassiker in Bezug auf die Dekonstruktion populärer Geographien: Said entlarvt das herrschende Orientbild als eine Vorstellung und gesellschaftliche Konstruktion der westlichen Welt und seiner Wissenschaften (vgl. Schlottmann & Wintzer, 2019, S. 241). Der Geograph Derek Gregory spricht in Rezeption von Said, von geographical imaginations (vgl. Glasze & Thielmann, 2006, S. 2). Deren Herausbildung findet immer in einem bestimmten gesellschaftlichen Kontext statt und wird getragen von Politik und Medien und – je nach Fachrichtung - von WissenschaftlerInnen und LehrerInnen (vgl. Wolkersdorfer, 2006, S. 12; Plien, 2015, S. 190). Vermeintlich natürliche Ordnungen kommen „vom Klassenzimmer bis zum Kanzleramt auf unzähligen Ebenen zum Tragen“ (Lossau, 2002, S. 128). Das Dissertationsprojekt versucht den populären geographischen Blick von Jugendlichen/SchülerInnen ein Stück weit einzufangen und stellt folgende Forschungsfragen (vgl. Lossau, 2000, S. 23 f.): Inwiefern konstruieren deutsche und französische Jugendliche Räume in Gruppendiskussionen zu (geopolitischen) Themen? Inwieweit gibt es Gemeinsamkeiten und/oder Spezifikationen und inwieweit lassen sich aus den Ergebnissen schließlich Erkenntnisse für das Lernen in der Schule ableiten? Zur Datenerhebung waren ursprünglich Unterrichtsaufzeichnungen von Geographieunterricht geplant. Pandemiebedingt sind diese durch digitale Gruppendiskussionen ersetzt worden. Insgesamt sind jeweils drei Gruppendiskussionen mit drei bis vier deutschen bzw. französischen SchülerInnen (16-18 Jahre) geführt worden. Als Diskussionsanlass fungiert ein Pressefoto des brennenden World Trade Centers am Tag der Anschläge vom 11.9.2001. Die Wahl des Impulses wird u.a. mit dem, nach 9/11, hegemonial gewordenen Schema einer kulturell fragmentierten Welt und der verstärkten Dichotomisierung von „Okzident“ und „Orient“ begründet (vgl. Glasze & Thielmann, 2006, S. 2). Die Auswertung der Daten erfolgt mittels der Dokumentarischen Methode: Das Augenmerk der Analyse liegt auf dichten Passagen, in denen sich Spezifika und/oder Gemeinsamkeiten in den Raumkonstruktionen erkennen lassen. Gefragt wird, ob und auf welchen geteilten Sozialisationserfahrungen und Wissensbeständen diese beruhen und inwiefern sich Räume rekonstruieren lassen, denen aufgrund des Aufwachsens in verschiedenen Erfahrungsräumen spezifische Orientierungsrahmen zugrunde liegen. Ziel der vergleichenden Fragestellung ist die Eröffnung von Fragehorizonten, die bei einer nur einzelgesellschaftlichen Analyse nicht auf der Hand liegen.

 
11:30 - 13:00Poster-Cluster: Perspektiven von Kindern und Jugendlichen auf Bildungsprozesse und –anforderungen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 06
Chair der Sitzung: Dr. Katja Meyer-Siever, Universität Bremen

In diesem Cluster werden sieben Poster vorgestellt, die alle deutschsprachig sind.

 

Die ERiK-Kinder- und Elternbefragung: Erhebungsdesign und erste Erkenntnisse

Susanne Rahmann, Magdalena Molina Ramirez, Dr. Susanne Kuger

Deutsches Jugendinstitut e.V., Deutschland

Kinder haben gemäß der UN-Kinderrechtskonvention das Recht, ihre Meinung in allen sie berührenden Angelegenheiten frei zu äußern. Trotzdem wird ihre subjektive Sichtweise in der Sozial- und Bildungsberichterstattung bislang nicht systematisch einbezogen. Ein wesentlicher Grund hierfür liegt in der Annahme, dass die Befragung von Kindern aufgrund entwicklungspsychologischer Besonderheiten, z.B. der in Entwicklung befindlichen sprachlichen Kompetenzen, nur begrenzt möglich sei. In der Literatur werden in diesem Kontext spezifische Altersuntergrenzen für Interviews mit Kindern diskutiert (Vogl 2015).

Im System der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung (FBBE) nehmen Kinder einerseits als Adressaten, andererseits als Akteure, die den Betreuungsalltag aktiv mitgestalten, eine zentrale Rolle ein. In den letzten Jahren wurden vermehrt qualitative Studien durchgeführt, die zeigen, welche Aspekte der Kindertagesbetreuung Kindern wichtig sind (z.B. Nentwig-Gesemann, Walther, Bakels & Munk 2021). Quantitative Studien, die bundesrepräsentative Aussagen erlauben, existieren jedoch bislang nicht.

Das Projekt ERiK verfolgt das Ziel, neben den Sichtweisen weiterer relevanter Akteure, auch die Perspektive von Kindern auf Qualität in der FBBE abzubilden und in das indikatorengestützte Monitoring zum KiTa-Qualitäts- und -Teilhabeverbesserungsgesetz (KiQuTG) zu integrieren. Hierzu soll eine bundesrepräsentative Stichprobe von 600 Kindern ab vier Jahren bis vor Schuleintritt persönlich in der Kindertageseinrichtung befragt werden. Die Kinder sollen dabei die Möglichkeit erhalten, als Expert*innen ihrer Lebenswelt Auskunft zu unterschiedlichen Qualitätsaspekten zu geben. Hierzu wurde ein standardisiertes Instrument entwickelt, das die Bereiche subjektives Wohlbefinden, soziale Eingebundenheit, wahrgenommene Selbst- und Mitbestimmungsmöglichkeiten sowie eine Einschätzung der Räumlichkeiten und der Verpflegung in der Einrichtung umfasst. Um eine kindgerechte Befragungssituation zu schaffen, wird der Fragebogen in ein Spiel eingebettet, bei dem das Kind eine selbst gewählte Figur auf einem Spielplan bewegt. Ergänzend werden die Eltern der teilnehmenden Kinder online befragt, um Informationen zur Betreuungshistorie und Soziodemografie sowie der elterlichen Wahrnehmung der Betreuungssituation zu erhalten. Das Poster stellt das Erhebungsdesign der Teilstudie „ERiK-Kinder- und Elternbefragung“ sowie erste Ergebnisse vor, die in einem Pretest mit 30 Kindern gewonnen wurden.



Entgrenztes Aufwachsen oder Freiheit von Grenzen? Kindheits- und Jugendbilder und deren biografische Genese bei Fachkräften der Offenen Kinder- und Jugendarbeit

Sebastian Rahn

Duale Hochschule Baden-Württemberg, Deutschland

Vorstellungen darüber, was Kindheit und Jugend sind und welche Rahmenbedingungen ein ‚gutes‘ Aufwachsen benötigt, sind für die Pädagogik und damit auch für die Offene Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) als Arbeitsfeld konstitutiv (Gudjons & Traub 2016, S. 183; Kausch & Sturzenhecker 2014, S. 63). Zwar existieren bereits Studien und Publikationen zu diesen Kindheits- und Jugendbildern auf der gesellschaftlichen Makro-Ebene (Hafeneger 1995; BMFSFJ 2017), jedoch ist nicht von einer bruchlosen Übernahme dieser Leitvorstellungen durch die Fachkräfte auszugehen. Das Promotionsvorhaben untersucht daher, wie mentale Kindheits- und Jugendbilder bei Fachkräften der OKJA biografisch entstanden sind und wie hierbei eigene Erfahrungen im Aufwachsen, Professionalisierungsprozesse und gesellschaftliche Leitbilder zusammenwirken (zum Begriff der mentalen Bilder: Wiezorek & Ummel 2017). Zudem wird der Zusammenhang dieser Bilder mit der jeweiligen pädagogischen Praxis mithilfe fokussierter Ethnographien (Knoblauch 2001; Knoblauch 2002) betrachtet.

Innerhalb dieses Forschungsinteresses setzt sich das Poster schwerpunktmäßig mit den in den Kindheits- und Jugendbildern enthaltenen ‚Entgrenzungen‘ auseinander. Im Auswertungsprozess werden hierzu mehrere Dimensionen sichtbar, entlang derer sich die Kindheits- und Jugendbilder unterscheiden und in denen sich ‚Entgrenzungen‘ zeigen, wie beispielsweise anthropologische Grundannahmen zum Aufwachsen, zeitdiagnostische Perspektiven auf Kindheit und Jugend sowie Rückschlüsse aus dem Kindheits- und Jugendbild auf die eigene fachliche Identität. So kann beispielsweise die Zeitdiagnose eines ‚entgrenzten Aufwachsens‘ in einem Fall zum Ausgangspunkt eines stärker auf Orientierung ausgerichteten pädagogischen Handeln gemacht werden, während im anderen Fall das Überschreiten von Grenzen für die Fachkraft einen konstitutiven Bestandteil von Kindheit und Jugend darstellt. Die Auseinandersetzung mit den ‚Entgrenzungen‘ in Kindheits- und Jugendbildern kann daher auch dabei helfen, die unterschiedlichen Kontexte der Thematisierung von Be- und Entgrenzung im Sprechen über Kindheit und Jugend zu differenzieren.



Fachkraft-Kind-Interaktionen in U3-Betreuungseinrichtungen und die Rolle von Strukturmerkmalen

Franka Baron1, Dr. Anja Linberg1, Dr. Simone Lehrl2, Dr. Dorothea Dornheim2

1Deutsches Jugendinstitut München, Deutschland; 2Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Deutschland

Institutionelle Betreuungseinrichtungen stellen zentrale Entwicklungs- und Lernumwelten für Kinder dar, zunehmend auch für Kinder unter drei Jahren (Autorengruppe Bildungsberichterstattung, 2020). Neben strukturellen Merkmalen erweist sich vor allem die Qualität von Fachkraft-Kind-Interaktionen als bedeutsam für die kindliche Entwicklung und für das Lernen (Sylva et al., 2011). Außerdem konnte gezeigt werden, dass Strukturmerkmale mit Merkmalen von Fachkraft-Kind-Interaktionen in Beziehung stehen (Slot et al., 2015). Bisher ist allerdings noch wenig darüber bekannt, welche Bedeutung diese Merkmale von U3-Betreuungseinrichtungen für Fachkraft-Kind-Interaktionen haben.

Ziel des Beitrags ist daher, die Beschaffenheit von Fachkraft-Kind-Interaktionen hinsichtlich ihrer Dimensionen, ihres Niveaus und ihrer Variabilität zu untersuchen und zu analysieren, inwieweit Aspekte der Strukturqualität hierfür eine Rolle spielen.

Zur Beantwortung der Frage wurden Fachkraft-Kind-Interaktionen in 50 Einrichtungen mit dem Classroom Assessment Scoring System toddler version (CLASS Toddler, La Paro et al., 2012) eingeschätzt. Das CLASS Toddler Beobachtungsinstrument fokussiert auf Aspekte des positiven und negativen Klimas innerhalb der Gruppe, die Feinfühligkeit der Fachkraft, die Berücksichtigung der kindlichen Perspektive, die Verhaltenslenkung, die Unterstützung des Lernens und der Entwicklung der Kinder, die Qualität des Feedbacks und den Sprachgebrauch gegenüber den Kindern. Über Fragebögen wurden Strukturmerkmale wie die Gruppengröße, der Fachkraft-Kind-Schlüssel, der Bildungshintergrund der Fachkräfte, der sozio-ökonomische Hintergrund der Kinder sowie die Muttersprache und das Alter von Fachkräften und Kindern erhoben.

In dem Poster werden Resultate der Fachkraft-Kind-Interaktionsqualität präsentiert und in Hinblick auf deren Faktorenstruktur sowie das Qualitätsniveau diskutiert. Zudem wird herausgearbeitet, welche Beziehungen zwischen Strukturmerkmalen und der Interaktionsqualität bestehen.

Anhand einer konfirmatorischen Faktorenanalyse zeigt sich, dass zwei Domänen von Interaktionsqualität abbildbar sind, die emotional unterstützende und lernanregende Interaktionen beinhalten. Das Qualitätsniveau der Interaktionen bewegt sich insgesamt in einem mittleren Bereich. Vor allem der familiäre Hintergrund der Kinder und Merkmale der Fachkraft scheinen die Interaktionen zu beeinflussen.

Die Resultate werden in Hinblick auf ihre Praxisrelevanz und Implikationen für Forschung und Politik diskutiert.



Inwieweit werden Jugendliche zur schriftlichen Diskursteilnahme befähigt? Eine Analyse relevanter Bildungsdokumente für das Schreiben im Fach Englisch

Katrin Peltzer1, Lea Siekmann1, Prof. Dr. Judy Parr2, Prof. Dr. Vera Busse1

1Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Deutschland; 2The University of Auckland, New Zealand

Die nach 2000 geborene Generation verleiht ihren Interessen zunehmend öffentlich Ausdruck; gleichzeitig wächst jedoch ihre Sorge vor „einer wachsenden Feindlichkeit zwischen Menschen, die unterschiedlicher Meinung sind“ (Hurrelmann et al., 2019, S. 15). Die Weiterentwicklung des demokratischen Zusammenlebens bedarf einer diskursfähigen jungen Generation, die dazu in der Lage ist, gesellschaftliche Aushandlungsprozesse produktiv mitzugestalten. In die Teilhabe am demokratischen Diskurs müssen Heranwachsende jedoch explizit durch schulische Bildung eingeführt werden (Benner & Brüggen, 2011). So liegt eine Befähigung Jugendlicher zur multiperspektivischen, demokratischen Diskursteilnahme auch dem modernen kommunikativen Englischunterricht als Leitidee zugrunde (z.B. Hallet, 2011), in dem Lernende durch die Lingua Franca Englisch Zugang zu universalen, globalen Diskursen erhalten sollen.

Ziel unserer Studie ist es, einen Einblick in relevante Bildungsdokumente für das Fach Englisch zu erlangen und zu untersuchen, inwieweit die Befähigung aller Lernender zur schriftlichen Teilnahme an gesellschaftlichen Diskursen angestrebt wird. Hierzu analysierten wir den GeR, die Bildungsstandards der KMK sowie elf Englischcurricula (BY, HB, NRW, SN) für den Mittleren Schulabschluss hinsichtlich zugrundeliegender Schreibüberzeugungen. Dabei wurden N = 183 schreibspezifische Kompetenzerwartungen der Dokumente den Schreibdiskursen nach Ivanič (2004) zugeordnet. Die Analyse zeigt eine Produktorientierung der Bildungsdokumente, die formalsprachliche Aspekte priorisieren und dabei wenig Raum für kreatives Schreiben oder die Auseinandersetzung mit sozialen Praktiken lassen. Soziopolitische Komponenten des Schreibens werden nicht berücksichtigt, was nahelegt, dass Lernende nicht ausreichend darauf vorbereitet werden, in fremdsprachlichen Diskursen die eigene Stimme zu finden. Die Befunde für den Bereich Schreiben weisen somit auf eine mangelnde Abstimmung der Lehrpläne mit den Zielen des modernen kommunikativen Fremdsprachenunterrichts hin. Das Poster illustriert das methodische Vorgehen bei der Dokumentenanalyse und stellt die Ergebnisse der Untersuchung detailliert dar. Wir diskutieren die Befunde auch vor dem Hintergrund nationaler (Müller et al., 2021) sowie internationaler (z.B. Peterson, Parr, Lindgren & Kaufman, 2018; Sturk & Lindgren, 2018) Forschung, die eine vergleichbare Vernachlässigung des soziopolitischen Schreibdiskurses in weiteren sprachlichen Fächern zeigt.



Selbstregulation und Emotionen in unterschiedlichen schulischen Lernumgebungen

Dr. Stefan Kulakow, Prof. Dr. Diana Raufelder

Universität Greifswald, Deutschland

Theoretischer Hintergrund

Die Gestaltung von modernen Lernumgebungen ist ein zentraler Faktor zur Optimierung schulischer Bildung, um beispielsweise dem schulischen Motivationstief der Adoleszenz entgegenzuwirken (Gnambs & Hanfstingl, 2016). Dabei stellt sich die Frage, welche Auswirkungen unterschiedliche Lernsysteme unter anderem auf Emotionen und Selbstregulation haben. Die vorliegende Studie untersucht das Zusammenspiel dieser Konstrukte anhand zweier Lernumgebungen: individualisiertes kompetenzraster-basiertes Lernen (KBL) (Krille, 2016) und traditioneller lehrerzentrierter Unterricht (LZU).

Aktuelle Forschung legt nahe, dass positive Emotionen im Unterricht von elementarer Bedeutung für die Lernprozesse von Schüler/-innen sind (Schutz & Pekrun, 2007). Dabei weisen die Selbstbestimmungstheorie und die Emotionsforschung auf die Lernumgebung als zentrale Kontextvariable im Zusammenspiel von Emotionen und Selbstregulation hin, deren Auswirkungen bisher kaum erforscht sind (Meyer, 2014; Ryan & Deci, 2017).

Fragestellung

Die vorliegende Studie untersucht, inwiefern sich Emotion und Selbstregulation gegenseitig bedingen und welche Unterschiede in den Lernumgebungen (LZU und KBL) dabei eruiert werden können. Es wurden folgende Hypothesen überprüft:

(1) Schüler/-innen aus LZU berichten geringere Ausprägungen der motivationalen Regulationsstile und der Emotion.

(2) Es gibt reziproke Wechselwirkungen zwischen Emotionen und den motivationalen Regulationsstilen während der Adoleszenz, die sich aber zwischen den Lernumgebungen (LZU und KBL) unterscheiden.

Methode

Die Forschungsfragen wurden mittels latentem Mittelwertsvergleich und Multigruppen-Cross-Lagged-Panel-Designs untersucht. Empirische Grundlage sind Fragebogendaten einer Stichprobe von 1153 Schüler/-innen der Klassenstufen 7–10 aus sechs Schulen (Mage = 13.97; SD= 1.37).

Ergebnisse

Die Ergebnisse heben die positiven Effekte von schülerzentrierten Lernumgebungen, wie KBL hervor: Die Analysen der Cross-Lagged-Panel Modelle legen nahe, dass Schüler/-innen im KBL höhere motivationale und emotionale Stabilitäten aufweisen. Darüber hinaus zeigte sich, dass positive Emotionen sowohl die intrinsische Motivation, als auch die identifizierte Regulation im KBL vorhersagten. Die Ergebnisse werden vor dem Hintergrund bestehender Forschung in Bezug auf schulische Lernumgebungen diskutiert.



Sozial kompetentes Handeln als Konstruktion – Interaktionen benachteiligter Heranwachsender in außerunterrichtlichen Angeboten. Eine Grounded-Theory-Studie.

Inga Lotta Limpinsel

Ruhr-Universität Bochum, Deutschland

Außerunterrichtliche Angebote werden im Ganztagsdiskurs als Möglichkeitsräume verstanden, in denen Merkmale des formalen Kontexts schulischen Unterrichts mit Merkmalen non-formaler Kontexte in Form von außerschulischen Freizeitangeboten vereint sind (Sauerwein et al., 2018). Vor diesem Hintergrund wird außerunterrichtlichen Angeboten das Potenzial zugesprochen, überfachliche Kompetenzen von Schüler*innen zu fördern und herkunftsbedingte Ungleichheiten zu verringern (Fischer, 2020). Letzteres trifft auch auf soziale Kompetenz zu, die als relevanter Faktor für gesellschaftliche Partizipation gilt. Theorie-Modelle verweisen darauf, dass kontextspezifische Normen und Werte rahmen, welche Handlungen als sozial kompetent legitimiert werden (Bittlingmayer et al., 2020). In der empirischen Bildungsforschung herrscht jedoch die Tendenz vor, den Kompetenzbegriff auf den Dispositionscharakter zu reduzieren und die Spezifität des Kontexts zu vernachlässigen (Otto & Schrödter, 2011). Somit mangelt es bislang auch an Untersuchungen, die betrachten, wie sozial kompetentes Handeln situativ und interaktiv ermöglicht, hergestellt und begrenzt wird. Dies trifft insbesondere auf außerunterrichtliche Angebote mit ihrer strukturellen „Eigenlogik“ (Graßhoff et al., 2019) zu.

Das Dissertationsprojekt setzt an dieser Stelle an, indem sozial kompetentes Handeln mittels der konstruktivistischen Grounded-Theory-Methodologie (Charmaz, 2014) (video-)ethnografisch untersucht wird. Den metatheoretischen Rahmen stellt der Pragmatismus dar, wobei primär auf die handlungstheoretischen Arbeiten Deweys (1910; 2011; 2020) sowie den symbolischen Interaktionismus (Blumer, 2013) zurückgegriffen wird, um sich der interaktiven Konstruktion sozial kompetenten Handelns zu nähern. Zusätzlich werden einschlägige Arbeiten zu sozial kompetentem Handeln (u.a. Roth, 1971) berücksichtigt, systematisiert und mit der metatheoretischen Ausrichtung verknüpft. Auf empirischer Ebene wird anhand außerunterrichtlicher Angebote analysiert, wie Heranwachsende das Spannungsfeld zwischen schulischen Regeln sowie Normen des Peer-Kontexts (nicht) aushandeln und was dies mit Blick auf soziale Kompetenz bedeutet. Im Fokus stehen Jugendliche der Sekundarstufe I von Schulen in herausfordernden Lagen, die tendenziell von defizitorientierten Sichtweisen auf ihre Normen, Werte und Fähigkeiten betroffen sind (Bremm, 2019).



Verunsicherung im Sportunterricht. Eine qualitative Studie zu Grenzüberschreitungen aus der Perspektive von Schüler*innen

Prof. Dr. Ina Hunger, Dr. Benjamin Zander, Sarah Metz, Martin Röttger, Dr. Babette Kirchner, Darren Meineke

Georg-August-Universität Göttingen, Institut für Sportwissenschaften, Deutschland

In bundesdeutschen Lehrplänen wird der Sportunterricht durch seine inhaltliche Ausrichtung auf Bewegungsaktivitäten als ideale Gelegenheit zur ganzheitlichen Entwicklungs- und Gesundheitsförderung von Heranwachsenden innerhalb von Schule präsentiert. Jedoch erleben Schüler*innen im Sportunterricht auch Situationen (mit Lehrkräften oder Mitschüler*innen), die sie psychosozial verunsichern und nachhaltig belasten (können).

Bislang wurde Verunsicherung in der Sportunterrichtsforschung nur vereinzelt thematisiert und an einzelne Phänomene wie Angst, Scham, Mobbing, etc. gekoppelt. In einem von mehreren deutschen Unfallkassen finanzierten Forschungsprojekt „Verunsicherung im Sportunterricht“ widmen wir uns der Perspektive der Schüler*innen und fokussieren in einer sozialkonstruktivistischen Ausrichtung in grundlegender Weise u. a. jene Prozesse der Grenzüberschreitung, die im Handlungsrahmen Sportunterricht Verunsicherungen evozieren. Unter Grenzüberschreitungen verstehen wir alle sportunterrichtlichen Handlungen (einschließlich verbaler Äußerungen) von Lehrkräften oder Mitschüler*innen, die aus Sicht der betreffenden Schüler*innen eine physische und/oder psychische Grenze überschreiten.

Konkret beforschen wir in drei Teilstudien, (1) wie und wann Schüler*innen Situationen des Sportunterrichts als physische und/oder psychische Grenzüberschreitung deuten, (2) welche Handlungsstrategien sie im Umgang mit diesen psychosozial verunsichernden Situationen entwickeln und (3) welche Konsequenzen, z. B. in Bezug auf ihren (sportbezogenen) Alltag daraus resultieren (können).

Mit einer qualitativ-interpretativen, multimethodischen Forschungsanlage (Datenkorpus bestehend aus schriftlichen Kurznarrationen, interaktiven Webseiten, Leitfaden gestützten Interviews) wollen wir nicht nur die Perspektive gegenwärtiger, sondern auch ehemaliger Schüler*innen rekonstruieren.

Basierend auf bisherigen Einblicken in das Feld finden wir Grenzüberschreitungen insbesondere in Bezug auf bzw. in Auseinandersetzung mit der Körperlichkeit von Schüler*innen, wobei sich mindestens drei Ebenen unterscheiden lassen:

  • Grenzen des subjektiv körperlich Machbaren: (zu) hohe Leistungsanforderungen, (zu) kompetitive Leistungsvergleiche.
  • Grenzen körperlich-leiblicher Berührung: Kontaktsport, Hilfestellungen, erhöhte Sichtbarkeit von Körpern, (physische) Übergriffe.
  • Grenzen körperbezogener Wahrnehmung und Adressierung: Degradieren, Ignorieren, besonderes Fokussieren.

Diese Eindrücke möchten wir im Sinne eines Werkstattberichts u. a. hinsichtlich der Bedeutung von Körperlichkeit für Prozesse der Grenzüberschreitung anhand ausgewählter Situationsdarstellungen des Sportunterrichts näher erläutern. Zur näheren Beschreibung der Perspektive von Schüler*innen soll weiterführend diskutiert werden, inwiefern sich das Erleben von Grenzüberschreitungen mit Blick auf soziale ‚Verortungen‘ unterscheidet (bzgl. vulnerabler Gruppen o. ä.) und wie das Fach Sport in programmatischer Hinsicht darauf reagieren könnte.

 
11:30 - 13:00Poster-Cluster: Digitale Partizipation & Entgrenzung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 08
Chair der Sitzung: Prof. Dr. Florian Schmidt-Borcherding, Universität Bremen

In diesem Cluster werden sieben Poster vorgestellt, die alle deutschsprachig sind.

 

Partizipation digital

Prof. Dr. Isabel Zorn, Caroline Kortekaas

TH Köln, Deutschland

Partizipation wird verstärkt gefordert, jedoch liegen kaum Erkenntnisse vor, was Partizipation in Forschung und Entwicklung konkret meint. Es herrscht ein vorwiegend auf strukturelle Aspekte bezogener normativer Anspruch der Beteiligung. Partizipation auf handlungstheoretischer Ebene in der konkreten Zusammenarbeit sowie die Kommunikation als entscheidender Faktor zwischen den Beteiligten wird bisher wenig fokussiert (Goeke/Kubanski 2012). Dieser Beitrag knüpft daran an, indem Interaktionen in einem partizipativen inklusiven Technikentwicklungsprozess mit Hilfe der Ethnomethodologischen/ multimodalen Konversationsanalyse sowie der Video-Interaktionsanalyse (Ayaß 2004; Deppermann 2018; Tuma 2018) untersucht werden. Partizipation der Zielgruppe soll Entgrenzung in Bezug auf digitale Transformationen erzielen. Das Vorhaben ist in den Wissenschafts-Praxisdiskurs Soziale Arbeit und Digitalisierung einzuordnen. Das Projekt entwickelt und erprobt digital mit Adressat*innen der Kinder- und Jugend- sowie Eingliederungshilfe digitale Alltagshilfen und ist an der Schnittstelle inklusiver, partizipativer Forschung und partizipativer sowie inklusiver Technikentwicklung einzuordnen (Buchner et al. 2016; Bergold/Thomas 2012; Matiouk 2019; Unger 2014; Walmsley/Johnson 2003). Der Beitrag untersucht konkret: Wie kann Partizipation trotz coronabedingter Distanz ermöglicht werden, welche Partizipationspraktiken und -verständnisse prägen den digitalen partizipativen inklusiven Entwicklungsprozesses mit vulnerablen Jugendlichen und welche Rollen nehmen die unterschiedlichen Beteiligten dabei ein? Zuerst werden das Format remote-Workshops sowie technische, didaktisch-methodische Bedingungen erörtert, die als Möglichkeit coronabedingte Begrenzungen zu überwinden und partizipativ zusammenzuarbeiten dienen. Der zweite Teil betrachtet Be- und Entgrenzungen im und durch den digitalen Raum. Es wird untersucht, welche Interaktionen und welche Beteiligungspraktiken sich im Digitalen zwischen Mitentwickelnden, Forschenden und Fachkräften zeigen. Das digitale Format soll zu Entgrenzung beitragen, es schafft jedoch neue Grenzen, für welche noch kaum Konventionen oder Rollendefinitionen existieren. Partizipation als handlungsleitende Maxime für diverse Erziehungs- und Bildungsinstitutionen wurde durch die Corona-Pandemie zum Großteil ins Digitale verlagert und erfordert die Reflexion von Beteiligungsmöglichkeiten und Anforderungen an professionelles Handeln auf verschiedenen Ebenen.



Der Kommunikationsstil in den Kommentarbereichen von Online-Medien: ein Vergleich zwischen „traditionellen“ und „alternativen“ Nachrichtenportalen aus Sicht der Medienbildungsforschung

Dr. Johannes Abel, Prof. Dr. Maximilian Sailer

Universität Passau, Deutschland

Ziele oder Fragestellungen im Kontext des theoretischen Rahmens oder Forschungsstandes

Echokammern, Alternative Fakten und die gezielte Verbreitung von Unwahrheiten sind aktuelle Themenfelder der Medienbildungsforschung und haben im Zusammenhang der Corona-Pandemie an Bedeutung hinzugewonnen (vgl. Spöri & Eichhorn, 2021; Roose, 2020).

Forschungsfrage: Lässt sich in den Kommentarbereichen von Online-Nachrichtenseiten hinsichtlich des Kommunikationsstils ein Unterschied zwischen «traditionellen» und «alternativen» Medien feststellen?

Methodik

Untersucht wurden in einem Längsschnittdesign mit zwei Erhebungszeitpunkten insgesamt 18.568 Kommentare zu 326 Artikeln (online), welche die Corona-Pandemie zum Inhalt haben. Hierbei wurden sechs verschiedene Nachrichtenportale berücksichtigt (Compact, KenFM, Political Incorrect, Spiegelonline, Tagesschau, Zeit). Die Stichprobe wurde jeweils in den ersten zwei Wochen des ersten Lockdowns (LD) und des zweiten Lockdowns gezogen.

Ausgewertet wurden die Daten durch das Analysesystem Symanto, eine auf psycholinguistischen Algorithmen basierenden künstliche Intelligenz zur Verarbeitung und Auswertung großer Mengen an Textdaten.

Ergebnisse bzw. Schlussfolgerungen

Medienübergreifend wurde im Vergleich zum ersten LD (28,73%) im zweiten LD (31,64%) emotionaler kommuniziert, χ2(1,N=17.956)=18,142, p=.000, Phi=.032. Trotz alledem wird der Kommunikationsstil sowohl im ersten LD (71,27%) als auch im zweiten LD (68,36%) überwiegend als rational erkannt.

Der Anteil faktenorientierter Kommentare liegt bei den traditionellen Medien bei 44,4%, bei den alternativen Medien bei 42,9%. Es konnte kein signifikanter Unterschied zwischen den Medien festgestellt werden, χ2(1,N=18.561)=3,486, p=.062, Phi=.014.

Diese Ergebnisse lassen erkennen, dass die Mehrheit der Kommentator*innen von Online-Artikel ihre Meinung nicht hinreichend belegen. Dies ist für alle untersuchten Online-Portale erkennbar . Trotz fehlender Belege wird der Kommunikationsstil der Kommentator*innen als überwiegend rational klassifiziert.

Aus Sicht der Medienbildungsforschung ist dies bedeutsam: Arbeiten, die sich mit den Gefahren von Verschwörungstheorien und Falschmeldungen, in „alternativen Medien“ befassen, gehen oftmals von der Annahme aus, dass die dortigen Diskussionen eine emotionalisierte und irrationale Sprache aufweisen. Dies ist aber nicht der Fall ist, wie diese Studie belegt. Sondern im Gegenteil, Fehlinformationen werden rational-plausibel in Kommentare verpackt und können nur durch fehlende Substanz (Belege)„enttarnt“ werden.



Informationsrecherche in schulischen Lernkontexten – zur Abgrenzung von Kernkompetenzen angesichts der Entgrenzung von Informationen

Lara Gerhardts

Universität Paderborn, Deutschland

Im Laufe der Sekundarstufe I gewinnt die informationsorientierte Nutzung des Internets für schulische Zwecke zunehmend an Bedeutung, etwa zur Vorbereitung von Hausaufgaben, Klassenarbeiten oder auch im Kontext fächerübergreifender Projektarbeit. Dementsprechend verbringen Sekundarschüler*innen mit zunehmendem Alter immer mehr Zeit mit der Informationssuche im Netz (vgl. mpfs 2019). Allerdings scheint das „doing“ allein – so wie es sich im Bereich des Recherchierens derzeit gestaltet – oftmals kein hinreichendes „learning“ von Recherchekompetenz zu implizieren: Die Ergebnisse einschlägiger empirischer Studien belegen, dass die computer- und informationsbezogenen Kompetenzen in Deutschland bei einem nicht unerheblichen Teil der Schüler*innen entwicklungsbedürftig sind, darunter nicht zuletzt der Bereich Informationsrecherche (vgl. Eickelmann et al. 2019). Ursächlich betrachtet mangelt es nicht allein an der technischen Ausstattung von Schulen, sondern darüber hinaus an passgenauen didaktischen Konzepten zur Förderung kommunikations- und informationsbezogener digitaler Kompetenzen (vgl. Anonymisiert et al. 2020).

Im Idealfall basieren didaktische Entscheidungen hinsichtlich eines bestimmten Lehr-/Lernbereichs auf einem wissenschaftlich fundierten einschlägigen Kompetenzmodell. Der Bereich Internetrecherchekompetenz wurde bislang v. a. für Test-/Messzwecke wissenschaftlich modelliert; nicht jedoch explizit im Hinblick auf didaktische Anwendungszwecke. Das Ziel des im Rahmen dieses Posterbeitrags präsentierten Dissertationsvorhabens besteht darin, ein explizit didaktisch ausgerichtetes Kompetenzstrukturmodell für die Sekundarstufe I zu erarbeiten, das sich als Orientierungsgrundlage z. B. für die Ausdifferenzierung schulinterner Curricula, für die Auswahl von Unterrichtsinhalten oder auch für individuelle Förderdiagnostik in diesem Bereich eignet.

Nachdem die theoretische Rahmung und eigens entwickelte Erhebungsmethodik (Recherche-Videographien, Stimulated Recalls und Interviews) bereits in der digitalen Posterausstellung des DGFE-Kongresses 2020 präsentiert wurden, fokussiert dieses Poster nun die Analysemethoden – eine Kombination aus Qualitativer Inhaltsanalyse und theoretischem Codieren gemäß GTM – sowie die dadurch erzielten Ergebnisse: Das inzwischen vorliegende dimensionierte Modell grenzt jene Kerndimensionen von Internetrecherchekompetenz ab, die für Schüler*innen der Sekundarstufe I angesichts entgrenzter Informationswelten heutzutage essenziell sind.



Entgrenzung pädagogischer Expertise durch soziale Medien

Petra Dinter

Universität zu Köln, Deutschland

Die Familie als Ort informeller Bildung gilt als zentral für die Bildungsprozesse von Kindern (u.a. Walper & Grgic 2019). Durch den gesellschaftlichen Wandel und den damit verbundenen Auswirkungen auf das Familienleben zeigen sich jedoch vielfältige elterliche Unsicherheiten und Belastungen (u.a. Hopfner 2019), die durch die Corona-Pandemie noch verstärkt wurden (BMFSFJ 2020). Zwar nehmen Eltern die pädagogischen Fachkräfte in KiTas als kompetente Unterstützung wahr (u.a. Friederich 2011), es gibt aber gleichfalls eine große Nachfrage an Ratgeberliteratur (u.a. Hopfner 2019). Auch zeigt sich eine wachsende Tendenz familiärer Mediatisierung, mit der ein starkes Bedürfnis von Eltern einhergeht, das Social Web zu nutzen, um sich zu informieren und Erfahrungen auszutauschen. So verdeutlicht eine Untersuchung von Helen Knauf (2020), dass die auf Familienblogs dargelegten subjektiven Erfahrungswerte von Blogger*innen als „neue Form von Erziehungsratgebern“ (ebd., S. 1) fungieren. Im Unterschied zur Ratgeberliteratur gründen sich die Inhalte der Blogs jedoch primär auf subjektive Erfahrungen der – zumeist weiblichen – Blogger*innen und sind zudem in vielen Fällen kommerziell konnotiert (ebd.).

Bislang ist jedoch ungeklärt, inwieweit sich diese Einflüsse bei den elterlichen Rezipient*innen des Social Web zeigen und ob diese zu einer Entgrenzung pädagogischer Expertise führen. Daher ist die zentrale Fragestellung des Promotionsvorhabens, inwiefern die zunehmende Nutzung des Social Web, insbesondere von Familienblogs, die Familie als primäre Sozialisationsinstanz und als Ort informeller Bildung beeinflusst. Es wird u.a. den Fragen nachgegangen, (1) welche Blogs und Themenbereiche bei Eltern auf Interesse stoßen und welche Gründe zu einer Rezeption führen, (2) inwieweit Eltern Informationen, Unterstützung und Ratschläge durch Familienblogs als hilfreich empfinden, (3) in welchen (Problem-)Situationen Eltern das Social Web nutzen und wann sie sich eher an professionell tätige Akteur*innen (z.B. KiTa-Fachkräfte) wenden. Angewandt wird ein Mixed-Methods Design (Kuckartz 2014), das aus einer vorgeschalteten Online-Fragebogenstudie zur quantitativen Exploration und einer qualitativen Interviewstudie besteht. Im Fokus der Untersuchung stehen problemzentrierte Interviews (Witzel 2000) mit Eltern als Rezipient*innen des Social Web.

Das Poster gibt einen Überblick über den theoretischen Hintergrund, die Ziele, das methodische Design und erste Ergebnisse des Promotionsvorhabens.



Songwriting im (post)digitalen Zeitalter

Katharina Hermann1, Matthias Haenisch2, Prof. Dr. Verena Weidner1, Prof. Dr. Marc Godau2

1Universität Erfurt, Deutschland; 2Fachhochschule Clara Hoffbauer Potsdam

In der Musikpädagogik ist neben einem wachsenden Interesse an informellem Lernen für formale Kontexte (Green 2008), der Ruf nach einer "kompositorischen Wende" (Kaschub/Smith 2013) wahrnehmbar, die sich von geschlossenen hin zu offenen Formen des Komponierens (Allsup 2013) vollzieht. Dieser Wandel geschieht im Rahmen einer zunehmenden Digitalisierung und der Verflechtung von menschlichen und technologischen Entitäten, die die musikalischen Praktiken des 21. Jahrhunderts beeinflussen und die Grenzen zwischen digitaler und analoger Lebenswelt verschwimmen lassen.

Vor diesem Hintergrund untersucht der Forschungsverbund Musical Communities in the (Post)Digital Age (MusCoDA) der Universität Erfurt (UE) und der Fachhochschule Clara Hoffbauer Potsdam (FHCHP) Songwriting-Prozesse als Beispiel für kollektive Kreativität in (post)digitalen Communities (Clements 2018; Cramer 2015). Das vierjährige Forschungsprojekt basiert auf den Ergebnisse der Pilotstudie „How popular musicians learn in the digital Age“ (Godau/Haenisch 2019), in der informelle Lernpraktiken von Bands unter den technologischen und ästhetischen Bedingungen der Postdigitalität untersucht wurden. Ausgehend vom Musikunterricht an Schulen (UE) einerseits und informellen Bands (FHCHP) andererseits, erforscht MusCoDA kollaboratives und kooperatives Lernen (Bornemann 2012; Sonnenburg 2007) in divergenten Bildungskontexten. Kollektives Songwriting wird im Kontext von Communities of Practice (Wenger 1998; Kenny 2016) untersucht, in denen kontextualisierte Akteure ein gemeinsames Netzwerk bilden. Die Netzwerkperspektive (Latour 2005; White 1992) ermöglicht es scheinbare Grenzen, sowohl zwischen digitaler und analoger Lebenswelt, als auch formaler und informeller Bildung (Green 2001) als durchlässig zu betrachten und postdigitale Praktiken zu rekonstruieren. Durch den Vergleich von Songwriting-Prozessen in formalen Schul- und informellen Bandkontexten, sowie den in diesen Settings stattfindenden Veränderungen menschlicher und nicht-menschlicher Beziehungen rücken Möglichkeiten einer pädagogisch-didaktischen Verschränkung unterschiedlicher Bildungswelten in den Fokus.

Das Ziel ist es, ein empirisches Modell der kollektiven musikalischen Kreativität und des Lernens zu entwickeln und Unterrichtskonzepte für den Musikunterricht im postdigitalen Zeitalter zu formulieren. Das Poster stellt das Forschungsdesign von MusCoDA sowie die Ergebnisse der Pilotstudie vor.



Digitale Studienpraktiken – Räumliche und bildungsbezogene Ent- und Begrenzungen digitalen Studierens

Marie Rathmann1, Therese Rosemann2, Jan Schiller3

1Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, Deutschland; 2Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, Deutschland; 3Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, Deutschland

Digitale Studienpraktiken – Räumliche und bildungsbezogene Ent- und Begrenzungen digitalen Studierens

Aktuelle Studierendenbefragungen verweisen auf digitalgestützte Lern- und Kommunikationsanforderungen, die zu neuen Formen der Arbeitsbelastung führen (Janschitz et al. 2021). Der Einsatz digitaler Lehr- und Lernformate und pandemiebedingte Veränderungen führen zu Verschiebungen digitaler Lernpraktiken Studierender. Unklar ist, welche Studienbedingungen sich derzeit an den Hochschulen herausbilden und wie diese be- oder entgrenzend wirken.

Das Forschungsprojekt DigiTaKS*[1] fokussiert den Erwerb transformativer digitaler Kompetenzen Studierender nicht technik-affiner Bereiche. Das Teilprojekt, welches an der Universität der Bundeswehr in Hamburg angesiedelt ist, konzentriert sich auf digitale Lernpraktiken von Studierenden, um Verschiebungen o.g. Praktiken zu rekonstruieren. Unter Verschiebungen werden Be- und Entgrenzungen verstanden: Entgrenzung meint den Prozess der Ausdifferenzierung von Strukturen infolge historischer Bedingungen, aus denen regulierenden Begrenzungen resultieren. Begrenzungen werden als Reaktion von Akteuren gedeutet, welche diese Regulationen auf individueller Ebene gestalten (Gottschall & Voß 2005).

In der Anforderungsanalyse des Projektes wurden folgende Methoden eingesetzt: Auf der Mikroebene wurde eine Gruppendiskussion mit Studierenden geführt und 102 Studierende über einen Fragebogen zur Wahrnehmung des Studienalltags befragt. Weiterhin bieten Evaluationsdaten von 4782 Studierende der vorangegangenen drei Trimester (Frühjahr 2020 bis 2021) einen vertiefenden Einblick in die studienbezogene Wahrnehmung der digitalen Lehre. Auf der Mesoebene erfolgten Experteninterviews mit sechs Dozierenden und fünf militärischen Vorgesetzen über die Herausforderungen der digitalen Lehre. Ferner wurden anhand eines Fragebogens 45 Dozierende zur Gestaltung der digitalen Lehre befragt.

Folgende Ergebnisse konnten bislang rekonstruiert werden: Im Zuge des digitalen Studienalltags sind Lernpraktiken nicht mehr an starre Lehr- und Lernräume gebunden, sondern unabhängig von analogen Räumen. Ergo werden die neu verorteten Grenzen der Lernpraktiken fluide und es eröffnen sich neue digitale Räume für ebendiese Praktiken (Entgrenzung) (Mesoebene). Die Studierenden gehen sodann als aktive Akteure (Kocyba 2004) in die bewusste Aushandlung, indem sie neue digitale Räume gestalten und diese für Bildungsprozesse nutzen (Begrenzung) (Mikroebene). Angesichts dessen wird vermutet, dass Studierende digitale transformative Kompetenzen (DigCom 2.1) erwerben. Entsprechende Kompetenzentwicklungsprozesse sollen zukünftig im Rahmen des Projektes identifiziert werden.

[1] DigiTaKS* ist an der Professur für Weiterbildung und lebenslanges Lernen an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg angesiedelt und wird vom BMVg im Rahmen von dtec.bw (2021–2024) gefördert: https://www.hsu-hh.de/wb/digitaks. Projektleitung: Prof. Schmidt-Lauff; Projektkoordinator: Dr. Schwarz.



#EDUCATEYOURSELF- Bildungsimperative in jugendlichen Selbstinszenierungen auf TikTok

Dilek Dipcin, Mendina Scholte-Reh

TU Dortmund

In diesem Beitrag soll es um die Frage gehen, wie sich junge Menschen auf der Mikrovideo-Plattform „TikTok“ im Kontext von Rassismus- und Gesellschaftskritik inszenieren und dies im Horizont von „Education“ und Aufklärung verhandeln. Das Spektrum der von den sogenannten Creatorn dargebotenen Inhalte reicht von Comedy über Tanz bis hin zu (gesellschafts-)politischen Inhalten. Interessanterweise spielen einige junge Creator mit der bewussten Selbstbezeichnung als „Gen Z“ oder „Millenial“ in Abgrenzung zu anderen Generationen und insbesondere zu „Boomern“, die als negativer Gegenentwurf zur eigenen Generation gesetzt werden.

Es soll genau die von der US-amerikanischen und Black Community inspirierte deutschsprachige Bubble, die unter dem Hashtag #educateyourself zusammengefasst werden kann, fokussiert werden. Hierbei wird zum einen das Selbst als ‚self educated‘ dargestellt, was außerhalb institutioneller Bildungseinrichtungen - und sogar mit einer Kritik derselben einhergeht - verortet wird und zum anderen wird die Selbstbildung als ein Anspruch an andere User*innen formuliert. In ihren TikToks inszenieren sie damit einen selbstausgewählten und -auferlegten Bildungsauftrag. Ihr Bildungsbegriff steht im Kontext eines Imperatives #educateyourself! und kann als Aufklärung im Sinne Immanuel Kants „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ (Kant 1784/1997, S. 39) gelesen werden.

Anhand von netnografischen Beobachtungen soll die Verarbeitung der kritischen Inhalte und die Selbstinszenierung (Goffman 2003) unter verschiedenen Hashtags (#educateyourself; #educate; #antirassismus u.A.) gesichtet werden. Das Sample stützt sich bisher auf 14 Creator. Aus dem Sample heraus sollen außerdem leitfadengestützte-narrative Expert*innen-Interviews mit Creatorn geführt werden, in dem diese auch mit ihrem Verständnis von Education konfrontiert werden sollen. Die Interviews werden mit der Dokumentarischen Methode (Nohl 2017) und im Horizont einer bildungstheoretischen Perspektive (Horkheimer 1952/1985; Klafki 1996; 2007; Kant 1784/1997) ausgewertet.

Die Bildungsimperative in den Selbstinszenierungen können als eine dreifache Entgrenzung gelesen werden: 1.) der digitale Raum als Entgrenzung klassischer pädagogischer Räume, 2.) Entgrenzung des Bildungsauftrages aus pädagogischer Professionalität als ein selbstauferlegter Bildungsauftrag und Aufklärungsarbeit und 3.) die Entgrenzung von curricularen und politischen Inhalten durch Kritik und Aufbegehren.

 
11:30 - 13:00Poster-Cluster: Digitale Lehre/ Mediendidaktik
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 07
Chair der Sitzung: Prof. Karsten D. Wolf, Universität Bremen

In diesem Cluster werden sieben Poster vorgestellt, davon ein englischsprachiges und sechs deutschsprachige Poster.

 

Eye-Viewing als ethnographische Variante der Erhebung medienbezogener Praktiken von Lehrer*innen. Method(-olog)ische Überlegungen aus dem Projekt EduGraphie.

Dr. Isabel Neto Carvalho, Carina Troxler, Prof. Dr. Mandy Schiefner-Rohs

TU Kaiserlautern, Deutschland

Der Einsatz digitaler Medien durch Lehrer*innen wird derzeit breit und vor allem mit Bezug zur pandemiebedingten „Zuhause-Schule“ erforscht (vgl. Fickermann und Edelstein, 2020, 2021). Wie genau Lehrer*innen medienbasiert handeln und welche Praktiken sich im Zusammenspiel mit Technologie entwickeln, ist jedoch bisher noch unzureichend geklärt. Das Projekt EduGraphie untersucht daher ethnographisch und aus praxistheoretischer Perspektive (vgl. Reckwitz, 2003; Schatzki et al., 2001) pädagogische Praktiken des Medienhandelns von Lehrer*innen in situ und actu. Ziel ist es, mit den erhobenen Daten in Form von Video- und Audioaufzeichnungen, Beobachtungsprotokollen und Fotos alltägliche mediale Praktiken von Lehrer*innen zu rekonstruieren und damit empirische Aussagen zu aktuellen Transformationsprozessen von Schule und Unterricht treffen zu können.

Damit zusammenhängend erprobt das Forschungsprojekt auch neue Praktiken der ethnographischen Datenerhebung. Das Erkenntnisinteresse richtet sich nicht nur auf die technische Seite der Datenerhebung, sondern auch auf ein methodologisches Weiterdenken von Ethnographie als Forschungsmethode unter Bedingungen zunehmender Digitalisierung. Ethnographie gilt in der Schulforschung als „unsicheres Terrain“ (vgl. Heinzel et al., 2010), weil die Notwendigkeit besonders groß ist, sich vom doch sehr vertrauten Gegenstand in besonderem Maße zu befremden. Gleichzeitig soll das Feld durch die Anwesenheit der Forscher*innen möglichst wenig irritiert werden. Insbesondere die Weiterentwicklung von mobilen Aufzeichnungsinstrumenten wie Eye-Tracking ermöglicht neue Perspektiven auf Praktiken. Konnte mittels Videographie bisher v.a. das Sprechen, Interagieren und Handeln von Akteur*innen sichtbar gemacht werden, kann das durch Eye-Tracking entstandene Video die Blicke der Akteur*innen aufzeichnen.

Mit dem Poster möchten wir diese Methode des Sichtbar-Machens des Sehens, welche wir als Eye-Viewing bezeichnen (Nutzung von Eye-Tracking unter der Prämisse videoethnographischer Zugänge; z. B. Mohn, 2018) vorstellen und zur method(olog)ischen Diskussion an den Grenzen der Ethnographie anregen.



Potenziale, Dysfunktionalitäten und die Relevanz von data literacy von Lehrpersonen bei datengestützten pädagogischen Entscheidungen im Kontext digitaler Innovationen

Sarah Bez1, Samuel Merk2

1Universität Tübingen; 2Pädagogische Hochschule Karlsruhe

Wie in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen hält auch die Digitalisierung mehr und mehr Einzug in Schule und Unterricht. Sie macht, im Sinne einer Entgrenzung, unter der Voraussetzung der Maschinenlesbarkeit der Daten deren Verfügbarkeit, Transformation und Teilbarkeit überhaupt möglich bzw. sehr einfach und erlaubt zudem die Aggregation, Transformation und Verknüpfung von Daten (z.B. von Lernprozess- und Leistungsdaten). Für datengestützte pädagogische Entscheidungen (data-based decision-making) ergeben sich so vielversprechende Möglichkeiten, da der Datennutzung und darauf basierenden Entwicklung von Schule und Unterricht erhebliches Potenzial zur Adressierung aktueller Herausforderungen zugeschrieben wird (Tempelaar et al., 2015). Allerdings garantiert die gute technische Verfügbarkeit von Daten und ihre potenzielle Informativität allein noch nicht ihre gewinnbringende Nutzung und es stellt sich die Frage nach möglichen Dysfunktionalitäten (Schildkamp, 2019). Diese Überlegungen führen zur zentralen These dieses konzeptuellen Beitrags: Um die Potenziale für datengestützte pädagogische Entscheidungen, die mit der Digitalisierung im Bildungswesen einhergehen, ausschöpfen und potenzielle dysfunktionale Wirkungen verhindern zu können, sind die Kompetenzen der Lehrkräfte im Umgang mit Daten (data literacy) eine notwendige Voraussetzung. Der Beitrag fokussiert dabei insbesondere das Potenzial der Digitalisierung für die individuelle Förderung fachlichen Lernens im Unterricht. Denn das Konzept der individuellen Förderung kann sowohl in der bildungspolitischen Diskussion als auch in der bildungswissenschaftlichen Forschung als ein breit diskutiertes aktuelles Konzept gelten, gerade auch im Kontext der Digitalisierung.

Im Beitrag werden zunächst Begriffsklärungen vorgenommen und zentrale Modelle des data-based decision-making skizziert. Dann wird das Konstrukt data literacy definiert, von anderen Konstrukten abgegrenzt und anhand des Forschungsstandes die notwendigen Voraussetzungen von Lehrpersonen für gelingendes data-based decision-making dargestellt. Anschließend wird das Potential aktueller digitaler Innovationen (technologiebasiertes formatives Assessment und Dashboards) für eine verstärkte Realisierung individueller Förderung exemplarisch analysiert und illustriert, welche zentrale Rolle die data literacy der Lehrpersonen für deren Gelingen und die Verhinderung von potenziellen dysfunktionalen Wirkungen auf Lernende spielt. Perspektiven für weitere Forschung werden als Ausblick formuliert.



Unterrichtliches Medienhandeln von Lehrpersonen zwischen normativen Erwartungen und habitueller Handlungspraxis

Andreas Dertinger

Friedrich Alexander Universität Erlangen-Nürnberg, Deutschland

Die Medienkompetenzförderung ist fester Bestandteil des Aufgabenprofils von Lehrkräften in einer mediatisierten und digitalisierten Gesellschaft (KMK 2017). Im medienpädagogischen Diskurs wird die Professionalisierung von Lehrpersonen primär kompetenztheoretisch begründet (Blömeke 2000; Knaus et al. 2018). In der Erziehungswissenschaft weisen strukturtheoretische Professionsansätze allerdings auf die Notwendigkeit hin, auch strukturelle Bedingungen und daraus resultierende Ambivalenzen in der Professionalisierung zu berücksichtigen (Helsper 2021). Um eine routinierte, professionelle Handlungspraxis zu ermöglichen, wird die habituelle Bewältigung dieser Ambivalenzen als essentiell angesehen (ebd.). Auch in der Medienpädagogik wird die Bedeutung des Habitus für das medienpädagogische Handeln diskutiert (Kommer 2010). Hierbei erfolgte bislang aber noch keine Auseinandersetzung mit dem Wechselverhältnis von normativen Erwartungen und habituellen Orientierungen, welche die habituelle Praxis unterrichtlichen Medienhandelns prägen (Bohnsack 2017). In der Posterpräsentation wird ein Dissertationsprojekt in der Endphase vorgestellt, welches diesem Desiderat nachgeht. Hierfür wurden zwölf Interviews mit Lehrkräften zum Einsatz digitaler Medien im Unterricht geführt und mit der Dokumentarischen Methode ausgewertet (Nohl 2017). Das Sample setzt sich aus Lehrpersonen der Sekundarstufe (Mittelschule, Realschule, Gymnasium) zusammen und wurde ausgehend von der Berufserfahrung und der Erfahrung bei der Nutzung digitaler Medien kontrastiert. Die verwendete Metatheorie der Praxeologischen Wissenssoziologie ermöglicht es, das Verhältnis zwischen Normen und Habitus empirisch zu erfassen (Bohnsack 2017). In den Ergebnissen zeigt sich, dass dieses für die medienpädagogische Handlungspraxis von Lehrpersonen bedeutsam ist. Bei den rekonstruierten Verhältnissen konnte zwischen Spannungs- und Passungsverhältnissen zwischen Norm und Habitus unterschieden werden (Geimer & Amling 2019). Davon ausgehend wurden vier Typen unterrichtlichen Medienhandelns rekonstruiert, die je spezifische Strukturen von Norm und Habitus besitzen. Die hieraus resultierende Möglichkeit das Wechselverhältnis zwischen habituellen Orientierungen und normativen Erwartungen beim professionellen Handeln von Lehrpersonen im Umgang mit digitalen Medien differenziert zu beschreiben, erweitert den vorwiegend kompetenztheoretisch ausgerichteten Diskurs über die medienpädagogische Professionalisierung von Lehrkräften.



Förderung von digitalisierungsbezogenen Kompetenzen in der sprachlichen Bildung

Cedric Lawida, Janna Gutenberg, Dr. Christoph Gantefort

Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache, Deutschland

Nicht zuletzt im Zuge der pandemiebedingten Schulschließungen wurde die Relevanz der Förderung digitalisierungsbezogener Kompetenzen bei (angehenden) Lehrkräften deutlich. Anhand des etablierten mediendidaktischen Modells TPACK (Mishra & Koehler 2006) lassen sich Kompetenzen zur Gestaltung digitalen Unterrichts beschreiben und fördern. Das Modell fokussiert dabei das Wissen über die Verwendung digitaler Medien ganzheitlich und flexibel im engen Zusammenspiel mit pädagogischem Wissen und inhaltlichem Fachwissen von Lehrkräften. Die Konkretisierung der genannten Wissensbereiche wurde für viele Fächer (z. B. Biologie, Mathematik, o. Musik) vorgenommen und entsprechende Interventionsstudien zur Lehrkräfteprofessionalisierung durchgeführt. Trotz der Relevanz der sprachlichen Bildung für das fachliche Lernen (z. B. Reiss et al. 2019) blieb dieser für alle Fächer relevante Querschnittsbereich bisher unberücksichtigt. Diese Forschungslücke greift unser Forschungsvorhaben auf. Das Poster fasst erste Ergebnisse eines Lehrforschungsprojektes zusammen, das im Rahmen des DaZ-Moduls an der Universität zu Köln in Verknüpfung mit einem Projekt der Qualitätsoffensive Lehrerbildung (ComeIn NRW) durchgeführt wird. Die Studie ist als Quasi-Experiment mit adaptierten Fragebögen zur TPACK-Selbsteinschätzung im Prä- und Postvergleich angelegt. Sie fokussiert die Frage, inwiefern die in der Lehrveranstaltung angebotenen Lerngelegenheiten digitalisierungsbezogene Kompetenzen der Studierenden im Kontext sprachlicher Bildung mit Blick auf die Unterrichtsgestaltung verbessern.



Welche Bedeutung hat der Einsatz digitaler Medien für die wahrgenommene Veränderung des beruflichen Handelns? Der vermittelnde Effekt von Qualitätsmerkmalen in Online-Fortbildungen

André Meyer1, Juliane Kowalski2, Prof. Dr. Marc Kleinknecht2, Prof. Dr. Dirk Richter1

1Universität Potsdam, Deutschland; 2Leuphana Universität Lüneburg, Deutschland

Aufgrund der COVID-19-Pandemie wurden Präsenz-Fortbildungen für Lehrkräfte zuletzt vermehrt als Online-Veranstaltungen durchgeführt. Untersuchungen von Präsenz-Fortbildungen zeigen, dass sich qualitativ hochwertige Veranstaltungen u.a. durch eine klare Strukturierung und der kognitiven Aktivierung der Teilnehmenden auszeichnen (Darling-Hammond, Hyler & Gardner, 2017). Untersuchungen von Online-Fortbildungen für Lehrkräfte geben Hinweise darauf, dass sich diese Merkmale auch auf Online-Angebote übertragen lassen (Lipowsky & Rzejak, 2021). Dies bringt uns zu der Annahme, dass es unabhängig vom durchgeführten Kontext insbesondere inhaltliche und strukturelle Merkmale von Fortbildungsveranstaltungen sind, die beeinflussen, wie gut Lehrkräfte im Rahmen von Online-Fortbildungen lernen. Aus diesem Grund gehen wir der Frage nach, in welchem Ausmaß digitale Medien in Online-Fortbildungen eingesetzt werden und inwiefern der Einsatz dieser Medien mit Qualitätsmerkmalen von Fortbildungen einerseits und dem beruflichen Handeln von Lehrkräften andererseits einhergeht.

Die Datengrundlage bildet eine online-basierte schriftliche Befragung von N = 257 Lehrkräften aus Brandenburg, die etwa vier bis sechs Wochen vor der Befragung eine Online-Fortbildung besucht hatten. Die Ergebnisse der durchgeführten Mediationsanalysen zeigen, dass in den besuchten Online-Fortbildungen ganz unterschiedliche Medien zum Einsatz. Als Indikator der Vielfalt der eingesetzten Medien wurde die Summe der in der Fortbildung verwendeten digitalen Medien ermittelt und in den Strukturgleichungsmodellen verwendet. Die Ergebnisse in Abbildung 1 zeigen, dass die Anzahl der verwendeten Medien positiv mit den Qualitätsmerkmalen (kognitive Aktivierung und Strukturierung) der Fortbildung zusammenhängt. Die Qualitätsmerkmale weisen wiederum einen positiven Zusammenhang mit der wahrgenommenen Veränderung des beruflichen Handelns auf. Somit lässt sich ein indirekter Zusammenhang zwischen der Anzahl der eingesetzten Medien und der Veränderung des beruflichen Handelns ermitteln. Ein direkter Zusammenhang zwischen der Zahl der Medien und der Änderung des beruflichen Handelns war im Mediationsmodell nicht nachweisbar.

Trotz des querschnittlichen Charakters der Untersuchung deuten die Ergebnisse darauf hin, dass ein vielfältiger Medieneinsatz und ausgewählte Qualitätsmerkmale miteinander in Beziehung stehen und dass letztere bedeutsam für die Wirksamkeit von Online-Fortbildungen zu sein scheinen. (2492 Zeichen)



The Media Maturity Matrix: Assessing educator´s attitudes and practice for “Medienbildung” in the digital age in three dimensions (learning goal, developmental stage, type of medium)

Benjamin Streit

Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft, Deutschland

An innovative survey tool was developed for the MünDig study (2019), an online survey conducted among German progressive education-oriented settings (Montessori, Waldorf and Nature education kindergartens and schools) (n=1390 teacher/educators, n=5799 parents, n=417 students). Unlike existing models (e.g. the technology acceptance model (TAM) (Köhler et al., 2014)) that record only the use of digital media in educational institutions, this tool differentiates between analogue and digital media, the objectives for which the respective medium is used (to produce and present, use and apply, problem solving and modeling, search for information/investigate, analyze and reflect, communicate and cooperate) and the stage of development of the child (represented by age). This leads to a classification in a three-dimensional matrix which we call Media Maturity Matrix (MMM). For this purpose, the study worked with examples presented in text accompanied by graphic representation, to which the interviewed professionals, parents and students could assign an entry age and the age up to which this activity appears reasonable with a specially created double slide rule to keep the time needed to participate in the survey limited low in spite of the high complexity. MMM can be used in two ways: Firstly, to investigate the question which type of medium is considered suitable for which purpose/learning goal at what age/developmental stage, extending existing models of “technology acceptance” (like TAM) by measuring an “attitude towards tools for education in the digital age”. Secondly it also can be used as a tool to easily document the current practice in the educational institution in detail. The first, attitude-related version of MMM can be used by parents, teachers and older students. MMM could be used to describe both practice and attitudes of educational professionals outside the target group of the MünDig study in the future. We also conducted a follow up study (MünDig-II) in spring 2021 with 70 teachers from the original sample, so that we can look for changes in practice and attitudes. This is particularly interesting in view of the fact that the survey period of MünDig was before Corona, while MünDig-II was conducted in the middle of the pandemic, which in any case suggests changes in practical implementation. A description of the MMM tool plus selected results from the MünDig studies as part of a PhD project will be presented. Potentials for using the MMM in other settings will be also discussed (for example a follow up study with representatives of all kinds of educational institutions).



Performanzbasierte Simulationsmethoden in virtuellen Umwelten

Julia Fecke, Dr. Lars Müller, Prof. Dr. Edith Braun

Justus-Liebig-Universität Gießen, Deutschland

Die Digitalisierung erzeugt einen hohen Druck auf die Modernisierung der Lehrkräfteausbildung. Einhergehend mit einer solchen Modernisierung geraten die Entwicklung innovativer Lehr-Lern-Formate verstärkt in den Fokus, welche auf die individuellen Bedürfnisse dieser Zielgruppe angepasst sind. Ferner zeigen Analysen zur Studienzufriedenheit von Lehramtsstudierenden, dass insbesondere der Fehlende Praxisbezug bemängelt wird. Vorliegendes Abstract greift diese Aspekte auf und stellt ein Lehr-Lern-Format vor, bei dem performanzbasierte Simulationen (Braun et al., 2018) zur Erhöhung der Handlungsfähigkeit von Studierenden in virtuellen Lernumwelten durchgeführt wurden. Innerhalb dieser virtuellen Welten interagieren Lehramtsstudierende mittels eines Avatars, sodass nonverbale Kommunikation bei diesem Format entfällt und die Studierenden sich ungehemmt ausprobieren können (vgl. Kunze, Mohr & Ittel, 2016).

In einem experimentellen Design (ca. 25 Studierende pro Gruppe) wurde die Nutzung von avatar- und videokamerabasierten Interaktionen verglichen. Die Stichprobe stellen Lehramtsstudierende des allgemeinen und beruflichen Lehramts dar. Es wird u.a. überprüft, inwiefern durch die virtuelle Durchführung der Simulationen eine Übertragung der gewonnenen Fertigkeiten auf die Realität möglich ist. Bei der Simulation wurden kommunikative Kompetenzen im virtuellen Raum erprobt. Das Gegenüber stellten von Schauspieler*innen simulierte Schüler*innen oder Kolleg*innen dar.

Neben quantitativen Analysen (basierend auf Fremdeinschätzungen anhand eines Beobachtungsbogens und Selbsteinschätzungen anhand eines Fragebogens) wurden qualitative Methoden (Fokusgruppen und Reflexionstagebuch) eingesetzt (Schulz, Mack & Renn, 2012). Bspw. sollten die Studierenden mit dem Reflexionstagebuch u.a. einschätzen, inwiefern sie eine Übertragung der gewonnenen Fertigkeiten auf den Berufsalltag für realistisch halten. Da die Simulation von wiederkehrenden Situationen des beruflichen Lehramtsalltags direkte praktische Relevanz für den Übergang der Studierenden in den Beruf hat, wird erwartet, dass es den Studierenden in einer avatarbasierten Umgebung leichter fällt sich auf die Simulation einzulassen, da der Fokus hier auf dem Gesagten liegt.

 
11:30 - 13:00Poster-Cluster: Bildung für Nachhaltige Entwicklung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 09
Chair der Sitzung: Prof. Dr. Anne Levin, Universität Bremen

In diesem Cluster werden acht Poster vorgestellt, die alle deutschsprachig sind.

 

Nachhaltige Ernährungsbildung in Schule und Unterricht aus Sicht der Lehrkräfte – eine qualitative Untersuchung

Aline Haustein, Leena Bröll

TU Chemnitz, Deutschland

Ernährungsbildung ist vor allem ein Schwerpunkt der schulischen Gesundheitsförderung (KMK 2012). Fachlich ist sie in der Grundschule im Sachunterricht verankert, bietet aber auch fächerübergreifende und fächerverbindende Anknüpfungspunkte. Darüber hinaus bietet Ernährungsbildung Zugangsweisen für die Beschäftigung mit Dimensionen des Leitbildes für nachhaltige Entwicklung. Sie kann der lebensnahen und anschaulichen Vermittlung von Nachhaltigkeit im Alltag dienen, da damit verbundene Handlungen (Herstellung, Beschaffung, Verarbeitung, Entsorgung, ...) neben gesundheitlichen auch eng mit ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Aspekten verknüpft sind (Koerber, Männle, Leitzmann 2004). Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) zielt darauf ab, dass Lernende fähig sind, „aktiv an der Analyse und Bewertung von nicht nachhaltigen Entwicklungsprozessen teilzuhaben, sich an Kriterien der Nachhaltigkeit im eigenen Leben zu orientieren und nachhaltige Entwicklungsprozesse gemeinsam mit anderen lokal wie global in Gang zu setzen“ (de Haan 2008). Auch wenn BNE als Bildungskonzept zunehmend strukturell in den Lehrplänen verankert ist, gibt es bisher wenige Hinweise, ob und wie Lehrkräfte in ihrer Rolle als Multiplikator*innen BNE vermitteln und damit nachhaltige Entwicklungsprozesse anstoßen. Ihre eigenen Vorstellungen, Überzeugungen und Werte nehmen dabei genauso Einfluss auf unterrichtliches Handeln und sind Teil Ihrer professionellen Handlungskompetenz wie ihr pädagogisches, fachliches oder fachdidaktisches Wissen (Baumert & Kunter 2006; Hartinger, Kleickmann, Hawelka 2006).

Die vorgestellte Untersuchung beschäftigt sich mit der Fragestellung, welche Vorstellungen Grundschullehrkräfte zu nachhaltiger Ernährung als Thema im Sachunterricht besitzen. Gleichzeitig wird untersucht, ob und wie BNE als Bildungsziel in ernährungsbezogenen Themenbereichen berücksichtigt wird. In leitfadengestützten Interviews werden Lehrkräfte befragt, wie sie die beiden Bildungsbereiche Ernährungsbildung und BNE miteinander verknüpfen und welche Lernziele sie beispielsweise als relevant erachten. Ihre Aussagen werden mittels inhaltlich strukturierender qualitativer Inhaltsanalyse nach Kuckartz (2018) ausgewertet. Ausgewählte Ergebnisse der Studie werden auf dem Poster präsentiert und diskutiert. Auf Grundlage der empirischen Ergebnisse ist ein konzeptioneller Entwurf einer nachhaltigen Ernährungsbildung in der Grundschule und damit die Weiterentwicklung dieses Bildungsbereichs denkbar.



Das Österreichische Schulnetzwerk ÖKOLOG – Ergebnisse der Begleitforschung

Mira Dulle, Prof. Dr. Franz Rauch

Universität Klagenfurt, Österreich

ÖKOLOG ist ein Programm und Netzwerk für die Ökologisierung von Schulen und Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) in Österreich. Sein Hauptziel ist es, verschiedene Themen der BNE (Inhalte und Methoden) in die Lehr- und Lernpraxis sowie in die Schulentwicklung zu integrieren und eine nachhaltige Schulkultur aufzubauen. Zur Unterstützung wurde eine Netzwerkstruktur mit ÖKOLOG-Regionalteams in den neun österreichischen Bundesländern entwickelt. Das ÖKOLOG-Netzwerk wächst stetig, derzeit sind über 600 Schulen (ca. 10% der österreichischen Schulen) und 12 von 14 Pädagogischen Hochschulen im Netzwerk aktiv. Die Koordination erfolgt durch das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung und die Universität Klagenfurt.

In den 25 Jahren des Bestehens des ÖKOLOG-Schulnetzwerks wurden eine Reihe von Evaluierungen, Untersuchungen und Studien durchgeführt (Rauch & Pfaffenwimmer, 2020).

Die Ergebnisse zeigen Erfolge des gesamtschulischen Ansatzes von ÖKOLOG und geben Aufschluss über Entwicklungsfelder und weitere Forschungsbereiche. Auf Schulebene beeinflusst ÖKOLOG die Veränderung von Unterrichtsmethoden, die verstärkte Integration von gesundheitlichen, ökologischen und sozialen Themen in den auch fachübergreifenden Unterricht und die Gestaltung von Gebäuden bzw. die Schaffung eines gesunden Schullebens (Rauch & Dulle, 2016; Ziener, 2017). Die Umsetzung von ÖKOLOG im Schulalltag erfolgt vor allem durch installierte Mülltrenn- und Vermeidungssysteme, die Nutzung nachhaltiger Energieressourcen und die Implementierung einer nachhaltigen Mobilität. Als besonderer Erfolg des Beitritts zum ÖKOLOG-Netzwerk wird auch die positive Wirkung auf die Schulentwicklung hervorgehoben. ÖKOLOG-Schulen, die eine nachhaltige Alltagskultur leben, können das Umweltbewusstsein und die Kompetenzen der SchülerInnen positiv beeinflussen. Auswirkungen auf das Verhalten der SchülerInnen an ÖKOLOG-Schulen werden in gesundheitsbezogenen Aspekten sowie in der nachhaltigen Nutzung von Ressourcen gesehen (Swatek & Rauch, 2020). Die Zusammenarbeit mit dem schulischen Umfeld der ÖKOLOG-Schulen wird als ausbaufähig angesehen, ebenso könnten soziale und wirtschaftliche Aspekte stärker gefördert werden (Swatek & Rauch, 2020).



A Rounder Sense of Purpose - Grenzen einer Kompetenzbildung für BNE-Lehrende

Lukas Scherak, Prof. Dr. Marco Rieckmann

Universität Vechta, Deutschland

Das Erreichen einer sozial und ökologisch nachhaltigen Entwicklung wird auch davon beeinflusst, was in unseren Schulen unterrichtet wird, und auf welche Art und Weise Bildungsprozesse gestaltet werden. Dies unterstreicht den Bedarf an Lehrer*innen, die über die Fähigkeiten und die Motivation verfügen, ihren Schüler*innen eine Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) zu ermöglichen. Damit Lehrer*innen mit dem Konzept einer BNE arbeiten können, müssen sie Schlüsselkompetenzen für Nachhaltigkeit entwickeln (einschließlich Wissen, Fähigkeiten, Einstellungen, Werte, Motivation und Engagement). Zusätzlich zu den allgemeinen Nachhaltigkeitskompetenzen benötigen sie auch BNE-Kompetenzen, die als die Fähigkeit der Lehrkräfte beschrieben werden können, Menschen bei der Entwicklung von Nachhaltigkeitskompetenzen durch eine Reihe von innovativen Lehr- und Lernmethoden zu unterstützen. Elemente solcher BNE-Kompetenzen werden in verschiedenen Konzepten detailliert beschrieben: das CSCT-Modell (Sleurs 2008), das UNECE-Modell (UNECE 2012), das KOM-BiNE-Modell (Rauch et al. 2008; Rauch & Steiner 2013) und die Ansätze von Bertschy et al. (2013) und Timm & Barth (2021) (vgl. Corres et al. 2020). Auf dieser Grundlage wurde in dem europäischen Projekt 'A Rounder Sense of Purpose' ein Modell für BNE-Kompetenzen entwickelt (Vare et al. 2019), das in verschiedenen Bildungssettings in Deutschland, Großbritannien, Italien, Spanien, der Schweiz, Ungarn und Zypern angewendet und validiert wird. In Deutschland wird das Modell als Rahmen für eine Reihe von hochschuldidaktischen Weiterbildungen an der Universität Vechta verwendet (Scherak & Rieckmann 2020). Ausgehend von der Anwendung des Modells an der Universität Vechta wird in diesem Beitrag gefragt: Welche Kompetenzen müssen Hochschullehrer*innen haben, um mit dem Konzept von BNE in der Hochschulbildung zu arbeiten, und wie können diese durch hochschuldidaktische Weiterbildungen entwickelt werden? An welche Grenzen stößt eine BNE-orientierte hochschuldidaktische Weiterbildung? Auf der Grundlage einer Fokusgruppe mit sechs Teilnehmenden der hochschuldidaktischen Weiterbildungen sowie einer Befragung aller Teilnehmenden wurden empirische Daten zu der Beantwortung dieser Frage gewonnen. Die Ergebnisse zeigen u.a., dass die Teilnehmenden durch die hochschuldidaktische Weiterbildung Wissen über das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung, das BNE-Konzept sowie BNE-Methoden gewinnen. Ein Erwerb von BNE-Kompetenzen findet hingegen nur in geringem Maße statt (Scherak & Rieckmann 2020). Ausgehend von diesen Ergebnissen und in Anlehnung an die Unterscheidung einer instrumentellen und einer emanzipatorischen BNE (Rieckmann 2016) soll im Hinblick auf das Tagungsthema reflektiert werden, welche Grenzen und Möglichkeiten sich durch Weiterbildungen für die Entwicklung von BNE-Kompetenzen von Hochschullehrenden bieten.



Zwischen Be- und Entgrenzung: Wildnisbildung im Kontext einer Bildung für nachhaltigen Entwicklung

Prof. Dr. Anne-Kathrin Lindau1, Toni Simon2, Jaqueline Simon2, Mohs Fabian3, Reinboth Alma2, Hottenroth Daniela4

1Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt, Deutschland; 2Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg; 3Christian-Wolff-Gymnasium Halle; 4Staatliche Regelschule „G. E. Lessing“ Nordhausen

Das 21. Jahrhundert stellt die Erde und damit die Menschheit vor große globale Herausforderungen wie Klimawandel, Bevölkerungswachstum, Bodendegradation und Verlust von Biodiver­sität, die im Modell der Planetaren Grenzen eindrucksvoll aufgezeigt werden (Röckström et al. 2009). Dem Konzept einer Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) wird ein wichtiger Beitrag zur Lösung dieser Herausforderungen zugesprochen, da sich das Konzept inhaltlich auf die in der Agenda 2030 verankerten 17 Nachhaltigkeitsziele bezieht (UN 2015; Rieckmann 2016). Auf der Suche nach möglichen Konzepten zur Umsetzung einer BNE zeigt der Ansatz der Wildnisbildung Chancen und Potenziale mit Blick auf Ent- und Begrenzungen innerhalb des Bildungsprozesses auf (Lindau et al. 2021). Wildnisbildung fokussiert auf das Erleben von wilder beziehungsweise verwildernder Natur mit dem Ziel, das Verstehen komplexer Systemzusammenhänge zu fördern, um auf dieser Basis Nachhaltigkeitsfragen kritisch zu reflektieren und Möglichkeiten und Grenzen eines nachhaltigeren Handelns zu erörtern (Langenhorst 2016; Lindau, Mohs & Reinboth 2021).

Mit dem Poster soll einerseits bündig das Forschungsfeld der Wildnisbildung skizziert werden, welches in einigen erziehungswissenschaftlichen Diskursen noch weitgehend unbekannt und entsprechend kaum aufgegriffen worden ist. Andererseits sollen mit dem Poster wesentliche Problemfelder der Be- und Entgrenzung von/durch Wildnisbildung zusammenfassend dargestellt werden. Zu diesen gehören beispielsweise (1) die Begrenzung i. S. der wildnisbildnerisch bedeutsamen Suffizienz versus der im Kontext der Wildnisbildung bislang kaum diskutierten „digitalen Entgrenzung“ zum Zwecke der barrierefreien Gestaltung wildnisbilderischer Maßnahmen; (2) die Be-/Entgrenzung von Lehr-Lern-Prozessen durch Schüler*innenvorstellungen und fachliche Klärungen; (3) der mögliche Zusammenhang von Einstellungen und der für den Kontext Schule nach wie vor zentralen Differenzlinie Migration sowie (4) notwendige Entgrenzungen professioneller Handlungskompetenzen im Kontext der universitären (Geographie)Lehrkräftebildung. Mit Blick auf diese und weitere Aspekte werden Be- und Entgrenzungen von und durch Wildnisbildung pointiert sowie ausgewählte Anregungen zur Diskussion und weiteren themenbezogenen Forschung gegeben.



Bildung für nachhaltige Entwicklung im naturwissenschaftlichen Unterricht: Die Auswirkungen einer Thematisierung des Ökosystems Wattenmeer auf umweltpsychologische Konstrukte

Till Schmäing

Universität Bielefeld, Deutschland

Der globale Klimawandel stellt die gesamte Menschheit zunehmend vor teilweise existenzielle Herausforderungen. Im Kontext von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) wird in der schulischen Praxis über die Grenzen der Fächer hinweg eine Thematisierung von globalen Umweltproblemen mit verschiedenen inhaltlichen Zugängen umgesetzt. In den Naturwissenschaften werden die Folgen der globalen Erwärmung und die Bedrohungen unter anderem mit einem Fokus auf verschiedene Ökosysteme erörtert.

Obwohl das Wattenmeer ein UNESCO-Weltnaturerbe ist und auf einer nationalen Ebene geschützt wird, wurde es bisher kaum aus der Perspektive der empirischen Bildungsforschung betrachtet (Schmäing & Grotjohann 2021). Um das Potenzial und die Grenzen des Wattenmeeres für die BNE erschließen zu können, wurde in Kooperation mit dem UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer-Besucherzentrum Cuxhaven eine Stationsarbeit entwickelt und durchgeführt. In einem Prä-Post-Follow-Up-Design wurden die Auswirkungen des Unterrichts auf verschiedene umweltpsychologische Konstrukte erhoben. So konnten jeweils über die drei Messzeitpunkte hinweg mit der 2-Major-Environmental-Values-Scale (Bogner & Wieseman 2006) die Einflüsse auf die Umwelteinstellungen und mit der Inclusion of Nature in Self Scale (Schultz 2001) jene auf die Naturverbundenheit der Lernenden (n=157) ermittelt werden. Mit dem erst genannten Instrument werden die Einstellungen zur Natur(aus)nutzung und zum Umweltschutz erfasst. Beide Instrumente wurden bisher in zahlreichen internationalen Studien eingesetzt.

Zum aktuellen Zeitpunkt befindet sich das Projekt in der Datenauswertung. Der Posterbeitrag wird die Ergebnisse präsentieren und dabei die Entwicklung zu den drei Testzeitpunkten sowie den Zusammenhang zwischen den betrachteten Konstrukten statistisch darlegen. Auf diese Weise wird ein Beitrag aus dem Bereich der empirischen Bildungsforschung geleistet mit welchem konkrete Implikationen für die Vermittlung von BNE gegeben werden können.

Literatur:

Bogner, F.X. & Wiseman, M. (2006): Adolescent’s attitudes towards nature and environment: Quantifying the 2-MEV model. In: Environmentalist, 26(4): 247-254.

Schmäing, T., & Grotjohann, N. (2021). Students’ Word Associations with Different Terms Related to the Wadden Sea: Does the Place of Residence (Coast or Inland) Have an Influence? Education Sciences, 11(6), 284.

Schultz, P. W. (2001): The structure of environmental conern: Concern für self, other people, and the biosphere. Journal of Environmental Psychology, 21: 327-339.



Der professionelle Umgang von Geographielehrer*innen mit Unsicherheiten im Kontext des Klimawandels

Melissa Hanke, Prof. Dr. Angelika Paseka, Prof. Dr. Sandra Sprenger

Universität Hamburg, Deutschland

Der Klimawandel stellt eine globale, intra- sowie intergenerationale Herausforderung für das System der Erde dar. Im Sinne einer Bildung für eine nachhaltige Entwicklung ist die Thematisierung des Klimawandels im Unterricht für Geographielehrer*innen unerlässlich. Eine Schwierigkeit stellt hierbei die Unsicherheit dar, die konstitutiv für Erziehung (Paseka et al. 2018) sowie Wissenschaft ist (Schmidt et al. 2017; Ruggeri 2011) und insbesondere im Kontext von zukunftsbezogenen Nachhaltigkeitsthemen diskutiert wird.

Mit den wissen(-schaft)stheoretischen und handlungsbezogenen Unsicherheiten müssen Geographielehrer*innen in der Unterrichtsplanung und -durchführung umgehen, wobei unterschiedliche Umgangsformen denkbar sind, wie beispielsweise: ignorierend-ablehnend, akzeptierend-bewältigend oder affirmativ-anerkennend (Böing 2016), die differente Auswirkungen auf den Unterricht haben. Beruhend auf der Wissenssoziologie nach Mannheim, ist beim Umgang nicht das explizite Wissen der Geographielehrer*innen handlungsleitend. Entscheidend sind die impliziten, atheoretischen Orientierungen (Nohl 2017).
Folglich soll der Forschungsfrage nachgegangen werden: Woran orientieren sich Geographielehrer*innen beim Umgang mit Unsicherheiten im Rahmen der Unterrichtsplanung und -durchführung zur Thematik Klimawandel?

Die Orientierungen von Geographielehrer*innen wurden im Rahmen von achtzehn digital durchgeführten, narrativen Einzelinterviews mit Geographielehrer*innen mit unterschiedlicher Berufserfahrung an weiterführenden Schulen erhoben und werden aktuell mithilfe der dokumentarischen Methode ausgewertet und rekonstruiert (Nohl 2017). Erste Ergebnisse sollen im Rahmen des Vortrags präsentiert werden.

Literatur
Böing, U. (2016). Ungewissheit – Implikationen einer nicht ausgrenzenden Pädagogik. In U. Böing & A. Köpfer (Hrsg.). Be-Hinderung der Teilhabe. Soziale, politische und institutionelle Herausforderungen inklusiver Bildungsräume (95-114). Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt.

Nohl, A.-M. (2017). Interview und Dokumentarische Methode. Anleitungen für die Forschungspraxis (5. Auflage). Wiesbaden: Springer.

Paseka, A. & Keller-Scheider, M. & Combe, A. (2018). Ungewissheit als Herausforderung für pädagogisches Handeln. In A. Paseka & M. Keller-Schneider & A. Combe (Hrsg.), Ungewissheit als Herausforderung für pädagogisches Handeln (1-14). Wiesbaden: Springer Fachmedien.

Ruggeri, N. L. (2011). Scientific Uncertainty and Its Relevance to Science Education. The University of Wisconsin: ProQuest Dissertations And Theses.

Schmidt, H. & Eyring, V. & Latif, M. & Rechid, D. & Sausen, R. (2017). Globale Klimaprojektionen und regionale Projektionen für Deutschland und Europa. In G. P. Brasseur (Hrsg.), Klimawandel in Deutschland. Entwicklung, Folgen, Risiken und Perspektiven (7-16). Berlin, Heidelberg: Springer Spektrum.



Bildung für nachhaltige Entwicklung und Serious Games. pigNplay als Beispiel für die co-kreative Entwicklung digitaler Lernmedien

Alexandra Reith1, Prof. Dr. Marco Rieckmann1, Gero Corzilius2, Dr. Barbara Grabkowsky2, Sarah Reddig3, Annika Greven3, Dr. Justus von Geibler3, Dr. Stefan Alexander Christ4, Prof. Dr. Joachim Hertzberg4, Christian Post5, Sabrina Elsholz5, Prof. Dr. Imke Traulsen5

1Universität Vechta, Fach Erziehungswissenschaften, Deutschland; 2Universität Vechta, Verbund Transformationsforschung Agrar Niedersachsen, Deutschland; 3Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie gGmbH, Deutschland; 4Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, Osnabrück, Deutschland; 5Georg-August-Universität Göttingen, Department für Nutztierwissenschaften, Deutschland

Wie in zahlreichen Wirtschaftssektoren sollten im Interesse des Klimaschutzes in der Schweinehaltung effektive emissionsmindernde Maßnahmen getroffen werden. Der Transfer von wissenschaftlichen Erkenntnissen hierzu in die Praxis, vermittelt über die Aus- und Weiterbildung, ist eine pädagogische Herausforderung. Da neben der Sachkenntnis auch Einstellungen und Werte der Lernenden berührt sind, erscheinen im Feld von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) Lern-Umgebungen und -Methoden unverzichtbar, die spezifische Kompetenzen fördern (Brundiers et al., 2021) und Verantwortungsübernahme und Handlungsbereitschaft hervorrufen (UNESCO, 2017).

Mit dem Serious Game (SG) pigNplay für digitale Endgeräte wird die komplexe Thematik von Stickstoffkreisläufen in der Schweinemast simuliert. Spieler*innen können Maßnahmen zur Reduzierung klimaschädigender Emissionen virtuell erproben und deren Potential basierend auf den hinterlegten empirischen Daten und Modellen für einen in die Zukunft hineinreichenden Zeithorizont überprüfen. Ziel des Spiels ist es, die Nutzer*innen zu befähigen und zu motivieren, eigenständig klimafreundliche Strategien zu entwickeln.

Der im Rahmen eines DBU-Projekts konzipierte Prototyp des SG wird an landwirtschaftlich berufsbildenden Schulen im Rahmen des Unterrichts getestet. Über die Zielgruppe von Schüler*innen hinaus soll das Endprodukt Studierende und erfahrenere Landwirt*innen beim selbstbestimmten Lernen unterstützen. Um variierenden Ansprüchen gerecht zu werden, wurde für die Entwicklung des SG ein Co-Creation-Ansatz gewählt. Unterschiedliche Interessenvertreter*innen erhalten dabei die Möglichkeit, über Umfragen, Interviews und Workshops Einfluss auf die Spielgestaltung zu nehmen. Einem interdisziplinären Team von Spielentwickler*innen liefert dieses Feedback wertvolle Anhaltspunkte hinsichtlich getroffener Annahmen, der Wahl von Lernzielen und der Zielerreichung.

SGs lassen ein starkes Potential erkennen, Szenarien komplexer Umweltproblematiken darzustellen (Reckien und Eisenach, 2013). Die Strategien und der Erfolg co-kreativer Spielentwicklung sind hingegen kaum erforscht (Katsaliaki und Mustafee, 2015). Erfolgen parallel zu dem Konzeptions- und Entwicklungsprozess von SGs dahingehende Untersuchungen, kann empirisch abgesichert werden, welche Voraussetzungen es begünstigen, dass SGs ihren Zweck in der BNE erfüllen, und mit Blick auf die Spielentwicklung können Optimierungen erfolgen.



Gesellschaftliche Transformation durch studentisches Engagement. Eine rekonstruktive Studie im Kontext von Bildung als nachhaltige Entwicklung

Aline Steger

Pädagogische Hochschule Weingarten, Deutschland

Das Promotionsvorhaben hat zum Ziel, das Transformationsverständnis von Studierenden im Kontext von Nachhaltiger Entwicklung zu untersuchen und ihre handlungsleitenden Orientierungen zu rekonstruieren.

Für das Gestalten von Nachhaltigkeitsprozessen im Hochschulbereich wird Studierenden die Rolle als „Change Agents“ zugeschrieben (Nationaler Aktionsplan, 2017). Ein Bildungsformat, in dem sich studentisches Engagement im Kontext von nachhaltiger Entwicklung zeigt, sind die sogenannten „Nachhaltigkeitswochen“. Dabei handelt es sich um eine junge, bildungspolitisch motivierte Bottum-Up-Initiative, die hochschul- und länderübergreifend einen nachhaltigen (Hochschul-)Wandel anstrebt.

Bildung für Nachhaltige Entwicklung wird im Hochschulkontext bisher überwiegend im Bereich der LehrerInnenbildung sowie der Hochschuldidaktik thematisiert (Keil et al., 2020; Künzli David, 2007; Rieckmann & Holz, 2017), wenige Arbeiten widmen sich explizit Studierenden als GestalterInnen einer Hochschulbildung für nachhaltige Entwicklung (Singer-Brodowski, 2016).

Im geplanten Promotionsprojekt soll folgende Forschungsfrage bearbeitet werden:

Welches Transformationsverständnis leitet Studierende in ihrem Engagement für nachhaltige Entwicklung und welche konjunktiven Erfahrungsräume lassen sich dabei beschreiben?

Das Bildungsformat der Nachhaltigkeitswochen ist ein praktisches Handlungsfeld für BNE/Transformative Bildung und bietet daher einen geeigneten Zugang für die Rekrutierung des Samples an. Dafür sollen mind. 16 Studierende an ca. sechs bis neun deutschsprachigen Hochschulstandorten (D, Ö & CH) befragt werden. Zusätzlich zu Narrativen Interviews werden Gruppendiskussionen geführt, um neben der Identifikation von individuellen, biographischen Auslösern für das Engagement auch die Aushandlungsprozesse über das implizite Verständnis von Transformation für die jungen Menschen rekonstruieren zu können.

Das rekonstruktive Verfahren ermöglicht die Dokumentation der impliziten Strukturen der Orientierungen der Studierenden. Die Daten werden mit der Dokumentarischen Methode ausgewertet (Nohl, 2017 & Bohnsack, 2010), mit dem Ziel eine sinngenetische Typenbildung zu entwickeln.

Die Studie bietet auf bildungstheoretischer Ebene die Möglichkeit, den Transformationsbegriff innerhalb des Spannungsfeldes von Bildung als nachhaltige Entwicklung und Transformativer Bildung unter Bezugnahme verschiedene Perspektiven auf transformativen Lernens (Freire, 1971; Koller, 2012; Mezirow, 1997) und des Diskurses um Bildung als nachhaltige Entwicklung (Singer-Brodowski, 2016) zu klären. In Anbetracht einer nicht mehr zu ignorierenden Weltgesellschaft ist das Potential von Bildungsprozessen für eine Nachhaltige Entwicklung an Hochschulen von enormer Bedeutung und bedarf einer größeren Beachtung. Für die Hochschulpraxis können die Ergebnisse zu einer strukturellen Veränderung der Hochschulen beitragen, um globalen (Bildungs-)Fragen und der Gestaltung von Transformation innerhalb des Curriculums mehr Raum zu bieten.

 
11:30 - 13:00Poster-Cluster: Schulpädagogik & Schulentwicklung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 10
Chair der Sitzung: Sven Trostmann, Universität Bremen

In diesem Cluster werden sieben Poster vorgestellt, die alle deutschsprachig sind.

 

Grenzüberschreitungspotenzial im Unterricht? Was privates Wissen über Schüler*innen mit Lehrer*innen macht

Katharina Graalmann

Universität Osnabrück, Deutschland

Im Rahmen meiner Dissertation werte ich unter methodischem Zugriff auf die Dokumentarische Methode (vgl. Bohnsack 2014) 16 Interviews mit Lehrer*innen an Gesamtschulen und Gymnasien hinsichtlich ihrer Orientierungen zu Bildungs(un-)gerechtigkeit (vgl. Giesinger 2007, Stojanov 2013) aus, wobei durch eingesetzte Vignetten zu konkreten Schul- und Unterrichtssituationen (vgl. Paseka/Hinzke 2014) besonders soziale Herkunft (vgl. Bourdieu 1983, Bremer/Lange-Vester 2013) von Schüler*innen impliziert ist. Im Rahmen der sinngenetischen Typenbildung lassen sich aktuell die Fälle zu vier Typen verdichten, wobei „Unterrichtliche Praxis“ ebenso wie „(Re-/De-)Konstruktion von sozialer Schüler*innenherkunft“ als Vergleichsdimensionen fungieren. (Nicht-)Passungsphänomene (vgl. te Poel 2021) werden hierbei relevant und damit einhergehend lehrer*innenhabitusspezifische Praktiken (vgl. Helsper 2018, Kramer/Pallesen 2019).

Während in einigen Fällen schüler*innennah unterrichtet und quasi all-in der berufliche Alltag über das Privatleben gestellt wird, um Schüler*innen zu helfen (grenzüberschreitend-schüler*innennaher Typ), dokumentiert sich der Blick derer, deren Unterrichtspraxis im Kontext von Bildungs(un-)gerechtigkeit sich zum verunsichert-stressorientierten Typ verdichten lassen, über Unwohlsein durch das Wissen von Ungerechtigkeiten zwischen Schüler*innen und dem Unzureichendsein des Schulsystems und von sich selbst in diesem System. Hingegen spannen Lehrer*innen des gelassen-grenzsetzenden Typs Freizeit und eine deutliche Abgrenzung ihres Privatlebens von ihrer beruflichen Eingebundenheit als positiven Horizont auf. Schüler*innen durchaus zugewandt wird Dienst nach Vorschrift gemacht, um eigene Ressourcen nicht überzustrapazieren, wenn zwar faktische Ungleichheit und Ungerechtigkeit bemängelt, aber außerhalb des eigenen Ressourcenbereichs liegend betrachtet wird. Der vierte Typ, zu dem sich das Material meiner Dissertation verdichten lässt, performiert wissenschaftlich fundiert und politisch-externalisierend in Bezug auf das Thema Bildungs(un-)gerechtigkeit. Dass in Schule selektiert wird und dies auch nach Herkunftsmerkmalen, gehört zum System dazu, wird von den Befragten anerkannt und praktisch enaktiert. Da nicht die Belange von Schüler*innen, sondern viel mehr curriculare Strukturen zentral für die Praxis sind, ist dieser Typ im Kontext des Posters nicht relevant.

Anhand dreier Zitate werden typische Unterrichtspraktiken nachgezeichnet, die durch privates Wissen über Schüle*innen entstehen und Grenzen zwischen den Feldern Zuhause und Schule verschwimmen lassen.



Was Lehrkräften bei der Planung im Sachunterricht wichtig ist – Die Struktur des beigemessenen Wertes der Planungsqualitätsmerkmale von Grundschullehrkräften im Sachunterricht

Julia Kantreiter

Ludwig-Maximilians-Universität München, Deutschland

Die Qualität der Unterrichtsplanung ist ein wichtiger Prädikator für die Qualität des Unterrichts (Windt et al. 2016). Planungsqualität im Sachunterricht wird nach Rau (2017) und Hasenkamp (in Vorbereitung) in sechs Merkmale differenziert: Klassenführung, Klarheit und Strukturiertheit, Aktivierung, lernförderliches Klima, Umgang mit Heterogenität sowie Gestaltung des Lernangebots. Diese Merkmale wurden theoretisch-hermeneutisch abgeleitet und in einer qualitativen Studie induktiv angereichert (Rau 2017). Offen bleibt jedoch, ob diese Merkmale auch empirisch trennbar sind.

Darüber hinaus ist entscheidend, welche Bedeutung Lehrkräfte einzelnen Qualitätsmerkmalen zuschreiben: Lehrkräfte implementierten insbesondere diejenigen Unterrichtsqualitätsmerkmale, die sie als bedeutsam erachteten (Kastens 2009). In Anlehnung an Erwartungs-Wert-Theorien (Sclater und Bolander 2004) ist davon auszugehen, dass auch die Umsetzung von Planungsqualitätsmerkmalen durch den Wert beeinflusst wird, den Lehrkräfte diesen Merkmalen beimessen.

Daher wurde in der vorliegenden Studie zwei zentralen Fragen nachgegangen: Lassen sich die Planungsqualitätsmerkmale hinsichtlich des beigemessenen Werts empirisch voneinander trennen? In welchem Maße erachten Grundschullehrkräfte die Planungsqualitätsmerkmale als relevant für ihre eigene Planung?

Zur Beantwortung dieser Fragen wurden Grundschullehrkräfte (N=464) im Rahmen einer Querschnittstudie mit einem Fragebogens zur Planung eines sachunterrichtlichen Themas befragt. Mithilfe konfirmatorischer Faktorenanalysen wurde die Struktur und Trennbarkeit der Planungsqualitätsmerkmale hinsichtlich des beigemessenen Werts überprüft. Dabei konnte gezeigt werden, dass die sechs angenommenen Faktoren der Planungsqualität (Klassenführung, Klarheit und Strukturiertheit, Aktivierung, lernförderliches Klima, Umgang mit Heterogenität sowie Gestaltung des Lernangebots) sich auch in den Daten wiederfinden. Im Vergleich zu Alternativmodellen war dieses sechsfaktorielle Modell Alternativmodellen überlegen. Insgesamt wurde die Gestaltung des Lernangebots am wichtigsten für die eigene Planung eingeschätzt, während die Klassenführung als am wenigsten relevant erachtet wurde.

Aus den Ergebnissen werden im Poster Konsequenzen für die Aus- und Weiterbildung von Grundschullehrkräften abgeleitet.



"Hier Einser-Abi, dort durchgefallen" * - Der mediale Diskurs über Qualität und Vergleichbarkeit der Allgemeinen Hochschulreife

Annemarie Müller, Alexander Groß, Prof. Dr. Svenja Mareike Schmid-Kühn

Universität Koblenz-Landau (Campus Koblenz), Deutschland

Die Qualität und Vergleichbarkeit der Allgemeinen Hochschulreife (AHR) ist seit vielen Jahren ein zentrales Thema in Politik, Wissenschaft und Öffentlichkeit (vgl. z.B. Stanat et al. 2016; Neumann & Trautwein 2019) – und ein medialer „Dauerbrenner“. Die themenbezogene Forschung ist bislang auf die politisch-administrative, einzelschulische und unterrichtliche Ebene sowie die Wirkungen und Erträge unterschiedlicher Abiturprüfungssysteme konzentriert (z.B. Klein, Krüger, Kühn & van Ackeren 2014); die mediale Diskussion über Qualität und Vergleichbarkeit der AHR war bisher kein Forschungsgegenstand. Das in diesem Posterbeitrag vorgestellte Forschungsvorhaben greift dieses Desiderat auf. Ziel des Vorhabens ist es, den Diskurs um die Qualität und Vergleichbarkeit der AHR auf medialer Ebene zu untersuchen, da die Medien mit der Aufbereitung dieses Themas einen starken Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung ausüben (vgl. Weischenberg 2018). Methodisch orientiert sich die Studie an der Wissenssoziologischen Diskursanalyse nach Keller (2011). Das Datenkorpus setzt sich vorläufig zusammen aus Zeitungsartikeln der fünf meistverkauften überregionalen Tageszeitungen (BILD, Frankfurter Allgemeine, Süddeutsche, Handelsblatt, Welt), die sich thematisch mit der AHR befassen. Ergänzt wird dieses Sample mit Artikeln aus einschlägigen Nachrichtenmagazinen (Spiegel, Focus, Stern) und Sonntags-/Wochenzeitungen (Bild am Sonntag, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, ZEIT). Dabei wird eine Zeitspanne von Beginn der 1970er Jahre bis zur heutigen Zeit abgedeckt, ausgehend von der im Jahr 1972 beschlossenen Neuordnung der gymnasialen Oberstufe und der Abiturprüfung bzw. der diesem Ereignis vorausgehenden Debatte (vgl. Wolter 2016). Die mittels einer Datenbankrecherche erfassten Artikel werden in einer ersten Annäherung u.a. im Hinblick auf diskursive Ereignisse, zeitliche und thematische Entwicklungen im Diskursverlauf und diskursrelevante Akteure untersucht (vgl. Keller 2011, S. 70). Mithilfe eines „theoretical sampling“ (Glaser & Strauss 1967) werden aus dem Datenkorpus Artikel für eine Feinanalyse ausgewählt und auf Deutungsmuster untersucht (vgl. Keller 2011, S. 108ff.). Die Studie ermöglicht folglich Aussagen darüber, auf welche Weise diskursives Wissen über die AHR hergestellt und kommuniziert wird. Der Posterbeitrag stellt die Konzeption des Forschungsvorhabens vor; zudem werden erste Befunde zum medialen Diskursverlauf präsentiert.



Nachhaltige Schulentwicklung durch Self-Assessment. Die Entwicklung des internetgestützten Tools „Jump into a sustainable Livestyle“

Alexandra Reith, Prof. Dr. Marco Rieckmann

Universität Vechta, Deutschland

Eine nachhaltige Schulentwicklung unterstützt die mehrsprachige Internetplattform „JUMP into a sustainable Livestyle“. Dieses Self-Assessment-Instrument ermöglicht Schulen, bereits Erreichtes und potentiell Erreichbares zu identifizieren, um mit ihrem Bildungsangebot im Sinne einer Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) dazu beizutragen, die von den Vereinten Nationen vereinbarten Nachhaltigkeitsziele zu erreichen (UNESCO, 2017, 2020). Mit dem Whole School Approach (Grundmann, 2017) kommt ein holistischer Ansatz zur Anwendung, der nicht allein die Unterrichtsentwicklung neu ausrichtet. Vielmehr kann Schule danach als Ganzes zu einem Laboratorium werden, in welchem Transformation initiiert und ausgestaltet wird. Charakteristisch ist die Einbeziehung des Schulmanagements, die Klärung von Wertvorstellungen und das Unterrichten und Lernen im Sinne einer transformativen Pädagogik. Kennzeichnend ist außerdem die Einbeziehung aller in und für die Schule Tätigen, darüber hinaus der Eltern sowie externer Partner*innen, die beispielsweise ihre Expertise in die Schule einbringen oder sich kommunal über eine Kooperation für Aktionen von Schüler*innen öffnen und so angewandtes Lernen ermöglichen. Veränderung mitzugestalten, wird danach zu einer erfahrungsbezogenen und handlungsorientierten Lehr- und Lernform, die in die Schulkultur, das Schulumfeld und in die Gesellschaft hineinwirkt und den Erwerb spezifischer Schlüsselkompetenzen ermöglicht (Rieckmann, 2019). Strukturiert ist die Assessment-Plattform über die Themenbereiche Schulmanagement, Schulklima, Infrastruktur, Curriculum, Lernerfahrungen, BNE-Kompetenzen von Lehrkräften und transformative Kompetenzen von Lernenden. Auf Basis unterschiedlich ausgestalteter Checklisten erfolgen anonym individuelle Eingaben. Diese werden für die gesamte Schule zusammengeführt, automatisiert ausgewertet und anschaulich aufbereitet. Anforderungen seitens Schulleitungen und Lehrkräften sowie Schüler*innen fließen bereits im Verlauf der Entwicklung über Gruppendiskussionen ein. Des Weiteren erfolgt eine Befragung im Zuge der länderübergreifenden Erprobung des Instruments. Die in Estland, Litauen, Deutschland und Schottland durchgeführte Evaluationen geben Aufschluss, wie gut es gelingt, die Bestandsaufnahme einer Schule im Bereich BNE mithilfe der Plattform mehrperspektivisch anzugehen. Das Ziel ist, Anregungen für Verbesserungen der Plattform zu erhalten, die den Interessen der unterschiedlichen Gruppen von Nutzer*innen entgegenkommen. Offen zugänglich soll „Jump“ anschließend international eine breite Nutzung erlauben.



Das ‚Schulpraxiserfordernis‘ in der Schulpädagogik: Zur Entgrenzung der Einstellungsvoraussetzungen für Professuren einer umstrittenen Teildisziplin der Erziehungswissenschaft

Dr. Ricarda K. Rübben

Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Deutschland

„Auf eine Stelle, deren Funktionsbeschreibung die Wahrnehmung erziehungswissenschaftlicher oder fachdidaktischer Aufgaben in der Lehrerbildung vorsieht, soll in der Regel nur berufen werden, wer eine dreijährige Schulpraxis nachweist“ – diese Formulierung steht bis heute in allen deutschen Landeshochschulgesetzen mit Ausnahme von NRW. Eigene Schulpraxis scheint heutzutage, sichtet man jüngere Stellenausschreibungen, allerdings keine wesentliche, teilweise überhaupt keine Einstellungsvoraussetzung für die Berufung von Professor*innen mehr zu sein. Diese Entwicklung wird kontrovers diskutiert (vgl. Lin-Klitzing 2018; Rothland & Bennewitz 2018; BzL 2020). Die Debatte rekurriert ihrerseits auf die Diskussion des Theorie-Praxis-Verhältnisses in der Lehrer*innenbildung. Die Fragen nach dem Wissenschafts- bzw. Theoriebezug und dem Berufsfeld- bzw. Praxisbezug in der Lehrer*innenbildung einerseits und den Einstellungsvoraussetzungen von Professor*innen im Bereich der Schulpädagogik andererseits sind damit unweigerlich miteinander verschränkt.

Ein Forschungsdesiderat ergibt sich in diesem Zusammenhang mit Blick auf die Frage, ob und welche Bedeutung die eigene (vorhandene oder fehlende) Schulpraxiserfahrung der Professor*innen für ihr Selbst- und Schulpädagogikverständnis und damit verbunden für ihre Lehr- und Forschungstätigkeit hat, bzw. allgemeiner, wie die Entwicklung hin zu einer ‚Entgrenzung‘ der Zugangsvoraussetzungen für schulpädagogische Professuren bewertet wird

Nationale und internationale empirische Studien haben bisher quantitativ die Qualifikationsprofile von Dozierenden in der Lehrer*innenbildung für Deutschland und die Schweiz mit Blick auf schulpraktische Erfahrungen erhoben (vgl. Zierer & Lamers 2016; Böckelmann et al. 2019). Heil & Faust-Siehl (2000) legten die bisher einzige qualitative Untersuchung zum Theorie- und Praxisverhältnis in der Lehrtätigkeit von Dozierenden der Erziehungswissenschaft in der Lehrer*innenbildung vor. Obgleich die inzwischen schon ältere Untersuchung dahingehend anschlussfähig ist, dass sie sich dem Selbstverständnis der Akteur*innen widmet, werden deren Theorie-Praxis-Orientierungen in der Lehrtätigkeit nicht mit deren schulpraktischen Erfahrungen in ein Verhältnis gebracht und die Personengruppe der Professor*innen der Schulpädagogik nicht explizit gemacht.

Der verwendete Datensatz stammt aus einer aktuellen Interviewstudie mit 20 Professor*innen der Schulpädagogik aus ganz Deutschland. Die Stichprobe setzt sich aus Personen zusammen, die über ein a) abgeschlossenes Erstes und Zweites Staatsexamen, b) über ein Erstes Staatsexamen oder über c) ein Studium der Erziehungswissenschaften verfügen. Die Auswertung der Daten erfolgt mit der Dokumentarischen Methode. Die Ergebnisse der Untersuchung sollen einen grundlagentheoretischen Beitrag zum disziplinären Diskurs der Schulpädagogik sowie zu dem der Lehrer*innenbildung leisten.



Innovation im System Schule

Christian Schrack

Einreichung als PhD Student der Sigmund Freud Universität Wien, Österreich

Entgrenzung des Bildungswesens durch schulische Innovationen: Im Gegensatz zur Marktwirtschaft, in der Unternehmen zur ständigen Weiterentwicklung angehalten sind, scheinen Innovationen im Bildungssystem auf den ersten Blick nicht systemisch verankert zu sein. Die von der Öffentlichkeit - weniger wahrgenommenen - sozialen Neuerungen finden auf allen Ebenen des Bildungswesens statt - auf Initiative der Schulverwaltung, im organisatorischen Umfeld der Schule sowie im Unterricht von Lehrpersonen. Diese Arbeit fokussiert auf die Entstehung und Verbreitung von Innovationen, die unmittelbar der täglichen Arbeit an Schulstandorten entspringen. Die aktuelle schulische Innovationsforschung befasst sich schwerpunktmäßig mit Fragen der Governance, also der Top-down Erneuerungen des Schulwesens. Weniger Aufmerksamkeit wurden bisher Initiativen geschenkt, die unmittelbar an Schulen Bottom-up ihren Ausgang nahmen (RÜRUP/BORMANN 2013) und sich in Folge im Bildungswesen verbreiteten. Dazu kommt, dass die Voraussetzungen für innovative Entwicklungen selbst für die Verantwortlichen oft im Dunkeln bleiben (DALIN 1999). Die Initiierung, der Prozess und die Verbreitung (dieser Bottom-up Innovationen mit - entgrenzenden - Auswirkungen auf das Schulwesen stehen im Mittelpunkt dieser Arbeit, die an der aktuellen Forschung zu sozialen Innovationen in der Gesellschaft anknüpfen. Dazu werden typische, schulische Innovationsvorhaben (Innovation Cases) ausgewählt und in einer vergleichenden Fallstudie anhand möglicher, erfolgswirksamer Merkmale gegenübergestellt. In diesem Zusammenhang werden teilstrukturierte Interviews mit Expertinnen und Experten sowie den Innovatorinnen und Innovatoren geführt und qualitativ ausgewertet, Entstehungsbedingungen erhoben und Verbreitungswege systematisch nachvollzogen (Diffusions of Innovations, ROGERS 1995). Die qualitativen Ergebnisse werden mit einer abschließenden quantitativen Befragung von Lehrkräften und Lernenden aus den entsprechenden Schulbereichen trianguliert. Ziel der Arbeit ist die Systematisierung der Voraussetzungen für erfolgreiche Innovationsvorhaben, die den Ausgang an Schulstandorten der allgemeinbildenden und berufsbildenden Oberstufe genommen haben und Bedeutung im Bildungswesen erlangt haben. Mit dieser Arbeit soll ein Leitfaden mit Praxishinweise für Schulen und Schulverwaltung entstehen, um Bottom-up Innovationen im Bildungswesen zu erkennen und zu fördern. Schulen und Lehrpersonen sollen ermuntert werden, sich stärker an der gestaltenden Erneuerung des Bildungswesens zu beteiligen.



(Teilintegrative) Schulkulturen in der Migrationsgesellschaft. Eine Rekonstruktion schulkultureller Entwürfe im Kontext aktueller Fluchtmigration und dort implizierte Möglichkeitsräume der Teilhabe

Anna Laschewski

Goethe-Universität Frankfurt, Deutschland

Durch den gestiegenen Anteil zugewanderter Kinder und Jugendlicher werden Schulen sowie deren Entwicklungsprozesse und -perspektiven vor organisatorische und pädagogische Anforderungen gestellt. Die (erneute) Installation von separierten Klassen lässt vermuten, dass Schüler*innen dem monolingualen Habitus (Gogolin 1994) und damit einhergehenden Normalitätserwartungen entsprechen müssen. Dennoch gibt es vereinzelt Schulen, die den „Sonderweg“ einer direkten Einbindung der Seiteneinsteiger*innen in Regelklassen gehen und somit auf die Separation anhand von „Vorbereitungsklassen“ o.ä. verzichten. Hier stellt sich die Frage, inwieweit solche schulorganisatorischen Modelle die Teilhabechancen betroffener Schüler*innen bedingen. Als analytische Folie eignet sich dabei das Modell der Schulkultur nach Helsper, bei dem der Begriff Schulkultur die „symbolische Ordnung der einzelnen Schule in der Spannung von Realem, Symbolischem und Imaginärem“ (Helsper 2008: 66) beschreibt.

In der Dissertation sollen schulkulturelle Ausprägungen auch im Spannungsverhältnis zur migrationsgesellschaftlichen Realität und (transnationalen) Bildungschancen empirisch anhand folgender Fragestellungen in den Blick genommen werden:

  1. Wie konstituiert sich die einzelschulische Schulkultur hinsichtlich ihrer Integrationskonzeption und vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung mit migrationsbedingten Entwicklungsanforderungen?
  2. Welche Möglichkeitsräume der Teilhabe für neuzugewanderte Schüler*innen lassen sich für den spezifischen schulkulturellen Entwurf identifizieren?

Geplant ist die Erhebung und Auswertung (bis voraussichtlich 12/22) von teilstrukturierten Interviews mit Lehrer*innen, der Schulleitung, der Schulsozialarbeit sowie Schüler*innen an einer Einzelschule mit (teil-)integrativem Beschulungsmodell. Die empirische Bearbeitung dieses Modells bringt den Blick auf den schulorganisatorischen Umgang mit neuzugewanderten Schüler*innen, der bisher noch nicht systematisch in schulkulturanalytische Studien einbezogen wurde. Das Dissertationsprojekt ist angelehnt an das BMBF-Projekt „SchuWaMi“ (Schulischer Wandel in der Migrationsgesellschaft – Schulkultur(en) im Kontext aktueller Fluchtmigration), das von dem DIPF Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation in Frankfurt am Main sowie der Goethe-Universität Frankfurt (FB 03/04) unter der Projektleitung von Prof. Dr. Dominique Rauch, Dr. Svenja Vieluf, Prof. Dr. Birgit Becker und Dr. Patricia Stošić durchgeführt wird.

 
11:30 - 13:00Poster-Cluster: Berufliches Selbstkonzept im Kontext der Professionalisierung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 11
Chair der Sitzung: Dr. Silvia Thünemann, Uni Bremen

In diesem Cluster werden sieben Poster vorgestellt, die alle deutschsprachig sind.

 

"Irgendwie fühlt sich das gar nicht so an, als würden wir beigebracht bekommen, wie es ist, Lehrerin zu sein oder Lehrerin zu werden" - Lehrer:in werden in Corona-Zeiten

Jannis Graber1, Prof. Dr. Svenja Mareike Schmid-Kühn2, Prof. Dr. Thorsten Fuchs1

1Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz, Fachbereich 1Bildungswissenschaften, Institut für Pädagogik - Allgemeine Pädagogik 2; 2Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz, Fachbereich 1Bildungswissenschaften, Institut für Pädagogik - Schulpädagogik / Allgemeine Didaktik, Bildungssystem- und Schulentwicklungsforschung

Die Corona-Pandemie hat weitreichende Auswirkungen auf Schule, die umfangreich erforscht werden (vgl. RatSWD 2021). Im Fokus stehen dabei Akteur:innen des Schullebens, deren Wahrnehmung von und Umgang mit pandemiebedingten Herausforderungen (vgl. Fickermann & Edelstein 2021). Auch für die Ausbildung angehender Lehrkräfte dürften die Auswirkungen der Pandemie weitreichend sein, da praxisbezogene Ausbildungsanteile – als genuiner Bestandteil der Lehrkräftebildung – zurzeit stark eingeschränkt sind. Praxisphasen im Studium sowie Praxis im Vorbereitungsdienst sollen (eigentlich) Lerngelegenheiten im künftigen Berufsfeld sowie berufliche Orientierung ermöglichen (vgl. z.B. Bach 2020; Gröschner & Klaß 2020; Schubarth & Wachs 2020). Welche Folgen die pandemiebedingten Maßnahmen für angehende Lehrkräfte haben, ist damit eine drängende, jedoch weithin offene Frage.

Im Posterbeitrag wird das Projekt „Lehrer:in werden in Corona-Zeiten“ vorgestellt, in dem Erfahrungen angehender Lehrkräfte auf die Bedeutsamkeit der besonderen Situation für die Lehrkräftebildung hin untersucht werden. Hierfür wurden problemzentrierte Interviews (Witzel 2020) mit 16 angehenden Lehrkräften geführt, die sich während der Corona-Pandemie in verschiedenen Lehrkräfteausbildungs-Phasen befanden (BA-/MA-Studium, Referendariat, Berufseinstieg). In Rekurs auf die vier Kompetenzbereiche der „Standards für die Lehrerbildung“ (KMK 2019) wurden dabei Besonderheiten, Probleme, Lösungsansätze und Zukunftsvorstellungen angesichts der Corona-Pandemie thematisiert; die untersuchten Fälle wurden zu Fallporträts verdichtet.

Erste Ergebnisse weisen auf die Problematik mangelnder Praxiserfahrung für die Professionalisierung und Berufswahl-Reflexion hin. Diesbezüglich lässt sich eine pragmatische Orientierung der angehenden Lehrkräfte nachzeichnen, durch welche ihre berufliche Orientierung, Kompetenzentwicklung und Partizipation in Schulentwicklung abseits der Digitalisierung auf spätere Ausbildungsphasen verschoben oder ausgesetzt werden. Auch, insofern in späteren Praxisphasen von (vermeintlichen) Vorerfahrungen ausgegangen wird, weist dies künftige Herausforderungen für die Lehrkräftebildung auf. Im Posterbeitrag werden die Konzeption der Studie sowie erste Befunde in Form kontrastierender Fallportraits vorgestellt.



Bedeutung von Mentor*innenprogrammen in den Praxisphasen der Lehramtsausbildung

Dr. Stefan Kulakow, Prof. Dr. Diana Raufelder, Dr. Frances Hoferichter

Universität Greifswald, Deutschland

Ein entscheidendes Ziel des Lehramtsstudiums ist es Studierende mit den notwendigen Kompetenzen auszustatten, damit sie ihren späteren Beruf adäquat ausüben können (Cheng et al., 2010; Jakhelln et al., 2019). Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat dafür vier Kompetenzbereiche definiert, die eine zentrale Bedeutung im Lehrberuf haben: 1) Erziehen, 2) Unterrichten, 3) Beurteilen, und 4) Innovieren. Neben dem Studium generell, werden die universitären Praktika als entscheidende Schnittstelle betrachtet, um die Kompetenzen von Studierenden zu fördern. So konnte bereits in empirischen Arbeiten gezeigt werden, dass Schulpraktika einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung von Selbstwirksamkeit und Selbstkonzept leisten, vor allem, wenn sie durch Mentor*innen begleitet werden (DuBois et al., 2002; Eisfeld, Raufelder, & Hoferichter, 2020). Im Rahmen der Qualitätsoffensive Lehrerbildung wurden an allen lehrerbildenden Hochschulen des Landes Mecklenburg-Vorpommern die Praktika dahingehend innoviert, dass eine Form der Mentor*innenbegleitung obligatorisch wurde. Genau genommen, wurden die angehenden Lehrkräfte durch ein multiprofessionelles Team von Peer-Mentor*innen, Schul-Mentor*innen, und Universitäts-Mentor*innen begleitet, um einerseits dem sogenannten Praxisschock entgegenzuwirken und andererseits, die Studierenden optimal in ihrer Kompetenzentwicklung zu unterstützen. Ziel der vorliegenden Studie ist es, die Effektivität dieses Praktikumsansatzes zu evaluieren.

Methoden

An der vorliegenden Studie nahmen 187 Studierende (Mage = 24.5, SD = 4.54; 68% weiblich) unterschiedlicher Lehramtsfächer teil, die mittels standardisierter Fragebogeninstrumente (Gröschner & Schmitt, 2012) zu ihrem Kompetenzstand in den Kompetenzbereichen Erziehen, Unterrichten, Beurteilen, und Innovieren befragt wurden. Die Studierenden nahmen zu drei Messzeitpunkten an der Studie teil (T1: vor dem Praktikum, T2: während des Praktikums, T3: nach dem Praktikum). 120 Studierende waren Teil der Experimentalgruppe, während 67 Studierende in der Kontrollgruppe waren. Längsschnittliche Mehrebenenanalysen wurden in Mplus durchgeführt, um zu untersuchen, ob Zuwächse bei den berichteten Kompetenzen nachgewiesen werden können und ob das Mentor*innenprogramm zu stärkeren Veränderungen führt.

Ergebnisse

Die Ergebnisse der vorliegenden Studie betonen die Bedeutung von a) frühen Praktika im Lehramtsstudium sowie von b) gut begleiteten Praktika. Auf der Zeitebene (L1) konnte nachgewiesen werden, dass Praktika unabhängig von der Begleitung stets positive Auswirkungen auf die Kompetenzentwicklung der Studierenden hatten. Auf der Ebene der Studierenden (L2) konnte aufgezeigt werden, dass Studierende, die durch Peer-, Schul- oder Universitäts-Mentor*innen begleitet wurden, stärkere Zuwächse in der Kompetenzentwicklung in allen Bereichen — Unterrichten, Erziehen, Beurteilen, Innovieren —zu verzeichnen hatten.



Der Mythos der geborenen Lehrperson

Nico Dietrich

TU Darmstadt, Deutschland

Das Dissertationsprojekt zum Poster mit dem Titel „Der Mythos der geborenen Lehrperson“ [betreut von Prof. Dr. Birgit Ziegler, TU Darmstadt] beschäftigt sich - explorativ - mit den Beliefs von Lehramtsstudierenden, hinsichtlich Ihrer persönlichen Eignung, dem Studium und dem Lehrberuf.

Wenngleich die Idee der „geborenen Lehrperson“ in wissenschaftlichen Diskursen schon lange nicht mehr auftaucht, könnte sie in den Köpfen von Lehramtsstudierenden noch immer existieren. Daher stellt sich die Frage, ob dies einen Einfluss auf das Studium hat und ob sich dies im Studium verändert. Die Persönlichkeit von Lehrkräften ist jedenfalls ein zentrales Thema in der Forschung zum Lehrer*innenberuf. Das zeigt sich nicht zuletzt an der Bedeutung des Persönlichkeitsprinzips und den Überlegungen zur Eignung.
Vor diesem Hintergrund zeigten die Studierenden im Rahmen einer Erstsemesterbefragung eine hohe positive Selbsteinschätzung zu ihrer Eignung, bis in das Extrem, dass einige Studierende sich selbst als für den Lehrberuf geboren wahrnehmen. Daraus ergab sich für das Interesse das Selbstbild von Lehramtsstudienanfänger*innen näher zu betrachten und zu untersuchen, ob sich diese Überzeugungen im Lauf des Studiums verändern und wenn ja, in welche Entwicklungsrichtung.

Hierfür wurde ein methodisches Setting nach dem Vertiefungsmodell von Mayring gewählt. Auf eine erste quantitative Studie folgt eine qualitative Vertiefung um erste Ergebnisse genauer unter die Lupe zu nehmen. Die Vorstudie wurde mit insgesamt knapp 500 Teilnehmer*innen aus vier Kohorten durchgeführt. Darauf folgend wurden 31 leitfadengestützte Einzelinterviews durchgeführt, die teilweise individualisiert auf den quantitativen Teil Bezug nahmen. Diese Interviews wurden - ohne eine vorherige Codierung - explorativ mittels der Dokumentarischen Methode nach Bohnsack, bzw. nach Nohl, der explizit Interviewanalysen mit der Dokumentarischen Methode darstellt, analysiert. Auf Basis dieser Analyse sollen Denkstrukturen erkannt und daraus folgend Kategorien oder Typen von Lehramtsstudierenden mit ihren persönlichen Beliefs gebildet werden.

Ein zweites Interview fand mit der gleichen Teilnehmer:innengruppe nach deren erster Praxisphase statt, um auf eine mögliche Veränderung und Entwicklung ihrer Überzeugungen durch die praktischen Erfahrungen und der ersten Lehrveranstaltungen einzugehen. Sowohl in vergrößerten quantitativen Untersuchung, unter anderem mit Einbezug der pädagogischen Vorerfahrung der Teilnehmer:innen, als auch in den Interviews haben sich die Vermutungen hinsichtlich der Selbstüberzeugung bestätigen können. Zusätzlich konnte eher eine starke Persönlichkeitsorientierung und eine Theorieferne festgestellt werden. Der Längsschnitt der Interviewanalysen zeigt eine große Vielfalt an Weiterentwicklungen der Beliefs der Studierenden. Zum jetzigen Zeitpunkt lässt sich eher eine Bestärkung der Überzeugungen durch die Praxisphasen zeigen.



Professionelle Orientierungen von Lehrkräften - Welche Rolle spielt der Bildungsaufstieg

Fabian Mußél, Raphaela Porsch

Otto-v.-Guericke Universität, Deutschland

Forschungsfrage und Erkenntnisinteresse:

Die forschungsleitende Fragestellung ist, „welche Orientierungen lassen sich in den Biographien von Lehrkräften als Bildungsaufsteiger*in rekonstruieren?“. Dies verweist auf den Zusammenhang struktureller Bedingungen und Lehrkräfteeinstellungen, als Gesamtheit von biographisch verankerten Grundthemen, die sozial erworben sind und sich in handlungsleitenden Orientierungen manifestieren. Der zum Ausdruck kommende Habitus könne „zwischen den polaren Ausdrucksgestalten einer Schulfremdheit einerseits und einer souveränen Leichtigkeit der Bildungsexzellenz andererseits“ (Heslper 2018: 123) rangieren und es entsteht eine „gymnasialen Exklusionlinie“ (ebd.). Dies verweist auf mögliche Lehrstellen in der bisherigen Professionsforschung. Das Poster schließt an das Tagungsthema an, da hier Lehrkräfte als Grenzgänger*innen zwischen institutionellen Anforderungshorizonten und eigenem Bildungserleben gelten.

Methodologie:

Pädagogische Orientierungen werden als mentale Strukturen aufgefasst, die subjektiv repräsentiert sind. Sie werden dabei durchaus als kollektiv erachtet, da sie aus geteilten Erfahrungen im Handlungsfeld der Schule erwachsen und an die Oberfläche treten. Es werden mittels des autobiographisch-narrativen Interviews verbale Daten erhoben, die mit der Dokumentarischen Methode ausgewertet werden. Ziel ist die „Explikation des Orientierungsrahmen“ (u. a. Bohnsack 2021) für die anschließende Typenbildung der Rekonstruktion des eigenen Bildungserlebens und damit verbundene biographischen Erschwernissen, Umwegen oder Neuanfängen.


Sample:

Erst wurden als Bildungsaufsteiger*in definierte Lehrkräfte (höherer Bildungsabschluss als die Eltern) befragt. Später wurde das Sample um bestimmte Differenzkategorien die als Risikofaktoren für erfolgreiche Bildungspfade hinzugezogen. In der letzten Erhebungsrunde wurde das konstante Merkmal des Bildungsaufstiegs vernachlässigt. Dies begründet sich mit der Fallkontrastierung durch Gegenbeispiele für die spätere soziogenetische Typenbildung. Insgesamt wurden 14 Interviews geführt mit Lehrkräften unterschiedlicher Fachrichtungen und Schulformen.

Ergebnisse:

Es zeigt sich eine Basistypik von Lehrkräften, die als Bildungsaufsteiger gelten im Kontrast zu Lehrkräften ohne solche Erfahrungen. Auf der sinngenetischen Ebene zeigen sich erste Orientierungsrahmen des eigenen Bildungserlebens, die auf Suchbewegungen, Passungskonstellationen und deren Bearbeitungsweise im Sprechakt rekurrieren.



Schulleitungen und Fachfremdheit: Relativierungen und Akzentuierungen eines Problems

Fabian Gräsel, Prof. Dr. Raphaela Porsch

Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Deutschland

Fachfremdes Unterrichten bezieht sich auf die Situation von Lehrkräften, die regelmäßig ohne eine Ausbildung in einem Fach Unterricht erteilen (Porsch, 2020). Dieses Phänomen ist national wie international weit verbreitet, d.h. ein hoher Anteil von Unterricht findet durch Lehrkräfte ohne die entsprechende Lehrbefähigung statt. Gründe liegen in der Präferenz für das Klassenlehrer*innenprinzip und im Fachlehrkräftemangel (ebd.). Gegenstand empirischer Arbeiten waren bislang vor allem die Auswirkungen auf Schüler*innenleistungen (vgl. Porsch & Whannell, 2019) als auch der Umgang durch Lehrkräfte (z.B. Lagies, 2019). Fachfremdes Unterrichten wird mehrheitlich als Problem bewertet, da davon ausgegangen wird, dass ohne fachliches und fachdidaktisches Wissen die Qualität des Unterrichts eingeschränkt ist und Lehrkräfte im Besonderen beansprucht werden. Bislang kaum betrachtet wurde jedoch die Rolle von Schulleitungen, obwohl diese nicht zuletzt durch die Erweiterung der Autonomie von Schulen eine zentrale Bedeutung u.a. für die Personalführung und -entwicklung einnehmen. Schulleiter*innen tragen durch ihre Einstellungen und Praktiken maßgeblich zur Etablierung von Systemen zur Qualitätssicherung von Unterricht und der Professionalisierung von Lehrkräften bei. Basierend auf der Vorstellung von Bacchi und Goodwin (2016) und ihrem Ansatz „What’s the problem represented to be?“ (WRP), ist das Ziel der Studie, die Perspektive der Schulleitungen in Bezug auf das Problem des fachfremden Unterrichtens beschreiben zu können. Datengrundlage bilden elf Interviews an Grundschulen und weiterführenden Schulen, die mithilfe der qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz (2018) ausgewertet wurden. Zentral ist die Frage, ob Schulleitungen das Phänomen grundlegend als Problem ansehen und mithilfe welcher Begründungen Relativierungen und Akzentuierungen vorgenommen werden. Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass alle Befragten an ihren Schulen mit dem Problem regelmäßig konfrontiert sind, der Situation kritisch gegenüberstehen und diese grundsätzlich an ihren Schulen vermeiden wollen. Die Ergebnisse zeigen ferner, dass etablierte Unterstützungsstrukturen an den Schulen, Eigenschaften der Lehrkräfte wie hohes Engagement und Fachinteresse sowie fächerübergreifende Kompetenzen oder die Art und (subjektiv bewertete) Schwierigkeit der Fächer relativierend angeführt werden und deutlich gegenüber Akzentuierungen überwiegen.



Wie beurteilen Fach- und Schulleitungen angehende Lehrer*innen im Referendariat? Eine qualitativ-rekonstruktive Dokumentenanalyse von Langzeitbeurteilungen in NRW

Christoph Kruse

Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Deutschland

Vor dem Hintergrund der Debatte um die Professionalität von Lehrer*innen und aufgrund der immanenten Selektionsthematik erscheinen Beurteilungen in der Lehrerbildung, insbesondere in der zweiten Phase, als gleichsam kaum erforschter und dennoch hoch relevanter Forschungsgegenstand. Am Ende des Vorbereitungsdiensts (VD) in Nordrhein-Westfalen verfassen Fach- und Schulleitungen Gutachten, in denen Fähigkeiten und vollzogene Entwicklungen von Lehrer*innen im Vorbereitungsdienst (LiV) dargelegt und begründet werden. Im Anschluss an den Professionalitätsdiskurs und mit Bezugnahme auf „[p]raxistheoretische Perspektiven auf die Lehrerinnen- und Lehrerbildung“ (Bennewitz, 2020, Titel) zielt die explorative Dokumentenanalyse (Hoffmann, 2018) auf eine Rekonstruktion des Gesamtbildes einer professionellen Lehrperson anhand dieser Gutachten. Fragen danach, welche Erwartungen an die LiV angelegt werden und wie die Beurteilungen begründet werden, bilden den Hauptfokus der Untersuchung von etwa 60 Gutachten verschiedener Schulformen und Unterrichtsfächer. Zu diesem Zweck ist aufgrund der explorativen Anlage, der kausalanalytischen Fragestellung und der Materialmenge im Projekt eine rekonstruktive Vorgehensweise anhand der Grounded-Theory-Methodologie (Strauss, 1998) geplant.

Weil im VD ein breites Spektrum des Lehrer*innenhandelns zur Begutachtung steht, wird im Sinne interdisziplinärer Entgrenzung zudem das Verhältnis von fachlichen, fachdidaktischen und allgemeinpädagogischen Ausbildungsaspekten in der Beurteilung erforscht. Aufbauend auf den Befunden von Gerlach (2020), die eher auf eine Grenzziehung entlang der shulman’schen Dreiteilung in der Ausbildungspraxis hindeuten, könnten sich in der Beurteilung durchaus diesbezügliche Verbindungslinien zeigen. Ferner werden ebenfalls in den Gutachten eingelagerte Vorstellungen von (gelingendem) Unterricht von Fach- und Schulleitungen empirisch in den Blick genommen.

Im Posterbeitrag sollen vornehmlich forschungsdesignbezogene Entscheidungen dargelegt sowie ggf. erste Ergebnisse präsentiert werden. Somit lassen sich im Projekt insgesamt empirische Erkenntnisse zur Diskussion um die Problematik des „unzureichenden Konsens über die Erfolgskriterien einer gelungenen Berufseinführungsphase im wissenschaftlichen und politischen Diskurs“ (Rauin, 2014, S. 575) erwarten.



Zum Professionalisierungsbeitrag Forschenden Lernens in Hinblick auf den Nutzen bildungswissenschaftlichen Wissens – Zur Rekonstruktion der Sichtweisen von Lehramtsstudierenden für Berufskollegs

Larissa Wilczek, Prof. Dr. Ulrike Weyland

Universität Münster, Deutschland

Das Praxissemester in Nordrhein-Westfalen zielt darauf ab, Theorie und Praxis professionsorientiert miteinander zu verbinden (MSW, 2010). Eine besondere Lerngelegenheit wird im Forschenden Lernen gesehen (Weyland, 2019). In Hinblick auf dessen Professionalisierungsbeitrag werden spezifische Erwartungen, wie u.a. die Anbahnung einer forschenden Grundhaltung sowie eine vertiefende Auseinandersetzung mit z.B. bildungswissenschaftlichem Wissen, formuliert. Befunde verdeutlichen, dass Studierende das Praxissemester zwar insgesamt positiv, Studienprojekte hingegen deutlich kritischer bewerten (Fichten & Weyland, 2019).

Mit Blick auf die Binnenperspektive von Studierenden bedarf es weitergehender Erkenntnisse. Hieran knüpft diese Forschungsarbeit an. Dabei wird insbesondere auf das bildungswissenschaftliche Wissen fokussiert und der Frage nachgegangen, welche Sichtweisen zum Professionalisierungsbeitrag Forschenden Lernens unter der spezifischen Perspektive des Nutzens bildungswissenschaftlichen Wissens vorliegen.

Auf Basis von 18 leitfadengestützten Konstruktinterviews, jeweils zu Beginn und nach dem Praxissemester, wurde eine umfassende qualitative Inhaltsanalyse (Kuckartz, 2016) durchgeführt. Zunächst wurde herausgearbeitet, über welches Verständnis die Studierenden bezüglich des Forschenden Lernens und des bildungswissenschaftlichen Wissens verfügen. Es wurde analysiert, welchen Professionalisierungsbeitrag sie dem Forschenden Lernen in Hinblick auf die Erweiterung ihres bildungswissenschaftlichen Wissens zuschreiben. Dabei wurde sowohl das gegenwärtige Studium als auch das zukünftige Lehrer*innenhandeln an Berufskollegs avisiert. Ebenfalls wurde erfasst, inwieweit sich die Sichtweisen über die Dauer des Praxissemesters verändert haben.

Erste Ergebnisse deuten eine Typenbildung bei den Studierenden an. Dabei scheinen sich die Sichtweisen in Hinblick auf Faktoren wie die eigenständige Wahl des Themas, die Offenheit und das Interesse seitens schulischer Akteure sowie das universitäre Begleitformat zu unterscheiden.

Literatur

Fichten, W. & Weyland, U. (2019). Empirische Zugänge zu Forschendem Lernen. In M. Schiefner-Rohs et al. (Hrsg.), Forschungsnahes Lehren und Lernen in der Lehrer*innenbildung. Forschungsmethodische Zugänge und Modelle zur Umsetzung, (S. 25-46). Berlin: Lang

Kuckartz, U. (2016). Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Computerunterstützung. 3. Aufl. Weinheim: Beltz

MSW NRW (2010). Rahmenkonzeption zur strukturellen und inhaltlichen Ausgestaltung des Praxissemesters im lehramtsbezogenen Masterstudiengang. Online: https://www.uni-muenster.de/imperia/md/content/lehrerbildung/downloads/praxisphasen/rahmenkonzeptionps_hp.pdf

Weyland, U. (2019). Forschendes Lernen im Praxissemester? – Hintergründe, Chancen und Herausforderungen. In M. Degeling, et al. (Hrsg.), Herausforderung Kohärenz: Praxisphasen in der universitären Lehrerbildung. Bildungswissenschaftliche und fachdidaktische Perspektiven, (S. 25-64). Bad Heilbrunn: Klinkhardt

 
11:30 - 13:00Poster-Cluster: Sozialisation und Bildungsverläufe unter dem Aspekt von Entgrenzung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 12
Chair der Sitzung: Dr. Lars Heinemann, Uni Bremen

In diesem Cluster werden acht Poster vorgestellt, die alle deutschsprachig sind.

 

Soziale Identifikation und Studienabbruchsintention von Bildungsaufsteiger*innen mit und ohne Migrationshintergrund

Inka Achtelik

Universität Duisburg-Essen, Deutschland

Im Fokus der bisherigen Ursachenforschung des Studienmisserfolgs von Bildungsaufsteiger*innen stehen klassischerweise Passungsproblematiken zwischen milieuspezifischen Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata (Bourdieu, 1988). Diese werden überwiegend in Form qualitativer Studiendesigns bearbeitet. Vor dem Hintergrund des Bedarfs von neuen theoretischen sowie methodischen Zugängen wird im vorliegenden Beitrag auf Basis der Selbstkategorisierungstheorie (Tajfel & Turner, 1986; Mikrotheorie der Theorie der sozialen Identität, Tajfel, 1978; Tajfel & Turner, 1979) die Frage beantwortet, wie Passungsproblematiken in Form von sozialer Identifikation (mit der Gruppe der Akademiker*innen) mit der Studienabbruchsintention von Studierendenden nichtakademischer Bildungsherkunft in Zusammenhang stehen. Neben differentiellen Effekten in Bezug auf die ethnische Herkunft der Studierenden wird auch das Zusammenwirken mit sozialer, akademischer und organisationaler Integration näher betrachtet. Die Datenbasis bildet eine standardisierte schriftliche Befragung von Studierenden der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Duisburg-Essen (N = 262), welche im Rahmen eines Dissertationsprojekts im Jahr 2019 durchgeführt wurde. Regressionsanalysen verweisen auf einen signifikanten negativen Zusammenhang zwischen dem Migrationshintergrund und der sozialen Identifikation der Studierenden (OR = .019 (95% CI: -6.565, -1.402). Es zeigten sich weitere bedeutsame Zusammenhänge in Bezug auf studentische Passungsproblematiken, die im Rahmen der Posterpräsentation vorgestellt werden.



Bedeutungen von Musik für Identitätsentwicklungen - Ergebnisse biografieanalytischer Betrachtungen aus musikpädagogischen und interdisziplinären Perspektiven

Dr. Sabine Schneider-Binkl

Staatliche Hochschule für Musik Trossingen, Deutschland

Im Leben eines jeden Menschen ist Musik von Bedeutung und kann dabei individuell unterschiedliche Stellenwerte und Funktionen einnehmen. Die Bedeutung von Musik für Identitätsentwicklungen wurde von Hargreaves et al. (2017, S. 4–5) ausgehend von einem weiten Verständnis der Einbindung musikbezogener Identitäten in universelle, soziale Kontexte dargestellt. Das erkannte Potential jeglicher Formen der Auseinandersetzung mit Musik als ein „Identity Project“ (Hargreaves, MacDonald & Miell 2017) verdeutlicht die Relevanz von Musik für die Identitätsentwicklung und eröffnet interdisziplinäre Perspektiven.

Das Forschungsprojekt möchte über die Erschließung der Bedeutung von Musik für Identitätsentwicklungen aus einer musikpädagogischen sowie interdisziplinären Perspektive Anknüpfungspunkte und Vorschläge für musikpädagogische Arbeit sowie für einen erweiterten Blick auf Bildungsarbeit in einem interdisziplinären Verständnis eröffnen.

Die Frage nach der eigenen Identität und die damit verbundene Identitätsarbeit erfahren vor dem Hintergrund der aktuellen Lebensbedingungen einer sich durch Individualisierung, Pluralisierung und Globalisierung verändernden Welt und der Auflösung verpflichtender Lebensformen innerhalb unserer Gesellschaft besondere Bedeutung (Keupp 2014, Schäfers & Scherr 2005). Die Beschäftigung mit der eigenen Persönlichkeit und den Anforderungen des sozialen Umfelds sowie die Gestaltung von gewünschten Lebenswelten haben insbesondere in der Phase der Adoleszenz einen hohen Stellenwert (Oerter & Dreher 2008). Im deutschsprachigen Diskurs der Musikpädagogik erfolgte die Auseinandersetzung mit Identität bislang schwerpunktmäßig auf theoretischer Ebene (Hammel 2013, Kaiser 2008).

Vor dem Hintergrund einer reflexiven Verortung des Menschen in Selbst- und Weltreferenz spielt aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive der biografische Prozess der Entwicklung einer Haltung zu sich selbst und zum Umfeld eine wichtige Rolle (Ecarius 2006; Marotzki 2006). Das entwickelte Forschungskonzept verbindet biografieanalytische Betrachtungen in einem Mixed-Methods-Design mit einer längsschnittlichen Untersuchung von Entwicklungsverläufen bei Studierenden vor und nach den ersten Semestern ihres Studiums.

Der Posterbeitrag möchte die Ergebnisse der Analyse von neun biografischen Interviews vorstellen.



Transformierte Männlichkeit(en) - Alternative Männlichkeitsvorstellungen und Entwürfe im Spiegel von Erziehung und Bildung

Johanna Pangritz

FernUniversität in Hagen, Deutschland

Mit der politischen Forderung bzw. dem Ruf nach mehr männlichen Fachkräften in Erziehungs- und Bildungseinrichtungen wurde und wird von Teilen der Erziehungswissenschaft und Geschlechterforschung die Hoffnung verbunden, dass die Stärkung von Männern im Bereich der öffentlichen Care-Arbeit auch zu einer Ausdifferenzierung von Männlichkeitsbildern beiträgt, indem Pädagogen alternative Männlichkeitsentwürfe vorleben, die mit Fürsorge und Lernen verbunden sind (vgl. Cremers & Krabel 2016). Vor allem in Bezug auf Jungen wird darin die Chance gesehen, dass die (alternativen) Männlichkeitsvorbilder einen positiven Effekt auf ihre derzeitigen Bildungsmisserfolge haben (für einen Überblick Hurrelmann & Schultz 2012; kritisch dazu Rose & May 2014). Das impliziert die Annahme, dass durch Bildungsprozesse in pädagogischen Kontexten eine Transformation und somit Entgrenzungen von Männlichkeitsvorstellungen und Entwürfen initiiert werden kann. Bisher wird diese These jedoch hauptsächlich versucht theoretisch zu begründen und weniger empirisch verfolgt.

Das geplante Projekt, welches über ein Poster vorgestellt und diskutiert werden soll, setzt an dieser Stelle an und wirft die Frage auf, wie durch Bildungsprozesse eine Transformation von Männlichkeit(en) angeregt werden kann und welche Faktoren und Einflüsse dabei eine Rolle spielen. Dafür soll eine zeitdiagnostische Analyse von Männlichkeitsentwürfen bei Jugendlichen durchgeführt werden und mit dem Fokus auf alternative Männlichkeitsentwürfe, die zur Demokratisierung des Geschlechterverhältnisses beitragen können, herausgearbeitet werden, ob und wie sie durch (institutionelle) Erziehungs- und Bildungsprozesse angestoßen werden konnten. Das Projekt befindet sich in der Konzeptionsphase, weshalb die grundlegende Fragestellung und das angedachte Vorgehen vorgestellt werden sollen.



Ent/gren/zungen im Bereich der Lehrer*innen-Schüler*innenbeziehung während dem Distance Learning an österreichischen Schulen

Prof. Dr. Agnes Turner, Tamina-Melanie Scherde

Universität Klagenfurt, Österreich

Die COVID-19 Pandemie hat den Schulalltag schlagartig verändert und war für die meisten Schüler*innen und Lehrer*innen durch Fernunterricht geprägt. Aufgrund der fortgeschrittenen Digitalisierung unserer Gesellschaft konnte ein rascher Wechsel erfolgen. Dennoch waren jene Zeiten durch Herausforderungen, Unsicherheiten sowie physische Distanz für Lehrer*innen und Schüler*innen gekennzeichnet. Eine emotional positive Lehr-Lernbeziehung ist ein wesentlicher Prädiktor für gelingendes Lernen. Die emotionale Komponente scheint deshalb auch im Fernunterricht eine besondere Rolle zu spielen. Wie gut dies gelingen kann, wenn physische Distanz gegeben ist und die Kommunikation ausschließlich über digitale Medien zustande kommen kann, soll in diesem Beitrag mittels einer Interviewstudie mit Pflichtschullehrer*innen diskutiert werden. Mit Blick auf die unterrichtliche Interaktion im Bereich der digitalen Medien konzentrierten sich neuere Studien oftmals auf den Umgang mit (Lern-)Programmen. Hier, in dieser Studie, konzentrieren wir uns auf die Veränderungen, Herausforderungen und Erkenntnisse für die Bildungsbeziehung durch Fernunterricht.

Daher wird der Frage nachgegangen, inwiefern Lehrkräfte in Zeiten des Corona bedingten Fernunterrichts mit ihren Schüler*innen in (emotionalen) Kontakt bleiben konnten und die Grenze der physischen Distanz überwunden werden konnte. Diese Forschungsfrage möchten wir vor dem Hintergrund des Schön-Konzepts des „Reflective Practitioner“ (1983) und dem Kontext emotionaler Nähe und Distanz (Dörr & Müller, 2007) diskutieren. Eine der Hypothesen des Forschungsteams war, dass durch die Distanz im Fernunterricht das Verhältnis von Schüler*innen und Lehrer*innen schwächer wurde.

Im Rahmen des Forschungsprojekts Digi4Learners (Turner & Scherde 2021) wurden 20 qualitative Interviews mit Pflichtschullehrer*innen, die Schüler*innen im Alter von 10 bis 14 in Österreich unterrichten, zur Lehr-Lernbeziehung im Fernunterricht durchgeführt. Die qualitativen Leitfadeninterviews wurden mittels qualitativer Inhaltsanalyse nach Mayring (2014) ausgewertet.

In diesem Beitrag werden Ergebnisse der Interviewstudie, sowie Chancen, Hürden und Learnings für den digitalisierten Unterricht dargestellt. Vor dem theoretischen Hintergrund und mit Blick auf das empirische Material ist die Bedeutung der beruflichen Reflexion im Umgang mit den Herausforderungen und Veränderungen in der Lehrer*innen-Schüler*innen-Beziehung in der aktuellen Covid-19-Situation zu betonen.



'Und wie hast du’s mit der Demokratie?' Subjektive Theorien von Lehrkräften über Demokratie und Demokratie-Erziehung

Peter Große Prues

Universität Osnabrück, Deutschland

Demokratie-Erziehung gilt als eine Querschnittsaufgabe aller Schulfächer und aller Lehrkräfte (KMK 2018) und ist im aktuellen Kontext der „angegriffenen Demokratie“ (Förster/Beutel/Fauser 2019) eine verstärkt diskutierte professionelle Herausforderung. Während das Verhältnis von Demokratie, Schule und Erziehung einen (bildungs-)theoretischen ‚Dauerbrenner‘ darstellt und gegenwärtig politisch mit Schulerlassen – etwa in Niedersachsen - forciert wird, bestehen aus Perspektive der empirischen (Professions-)Forschung noch einige ungeklärte Fragen: Wie nehmen Lehrkräfte die Aufgabe Demokratie-Erziehung eigentlich wahr? Als eine spezifische Aufgabe der Fachgruppe der Politischen Bildung oder als fächerübergreifenden Auftrag? Welche Rolle spielt Demokratie und Demokratie-Erziehung für das professionelles Handeln und das berufliche Selbstbild? Während international einige Studien zu teacher beliefs vorliegen, sind die Vorstellungen deutscher Lehrkräfte – insbesondere in fächerübergreifender Perspektive - bisher kaum beforscht worden.

In meinem Poster möchte ich deshalb die abschließenden Ergebnisse meiner qualitativen Studie zu den Subjektiven Theorien (Groeben/Scheele 2020) von 14 Lehrkräften verschiedener Fächer und Schulformen über Demokratie und Demokratie-Erziehung darstellen. Die aus individuellen Struktur-Lege-Bildern rekonstruierten Subjektiven Theorien bieten jeweils einen tiefgehenden Einblick in subjektive Sinn- und Deutungsstrukturen. Ihr Vergleich untereinander offenbart darüber hinaus verschiedenste Ausprägungsmuster in insgesamt sieben für die Lehrkräfte induktiv relevanten Themenbereichen. Unter anderem zeigt sich etwa, dass die Lehrkräfte den sozialen Ausgangsbedingungen aufseiten der Kinder und Jugendlichen große Bedeutung für die methodische Ausrichtung und den antizipierten Erfolg von Demokratie-Erziehung zusprechen. Im Poster wird das Design meiner Studie, vor allem aber deren Ergebnisse präsentiert und im Hinblick auf Implikation für die Profession(-alisierung) von Lehrkräften kritisch diskutiert. So lässt sich auf Grundlage der Studienergebnisse die Forderung des 20. Kinder- und Jugendberichts empirisch untermauern, dass „keine angehende Lehrperson die Hochschule verlassen [darf], ohne auf diese Aufgabe vorbereitet zu sein“ (BMFSJF 2020, 236).



„Ich bin zum Beispiel nicht mehr 19“ – Zum Distinktionscharakter der Schüler*inrolle im Erwachsenenalter

Edwina Albrecht

Leibniz Universität Hannover, Institut für Erziehungswissenschaft

Schüler*innen des institutionalisierten Zweiten Bildungswegs (ZBW) – in Form von Abendgymnasien – sind „einem atypischen, regressiven Rollenwechsel ausgesetzt“ (Albrecht-Heide, 1974, 54), welcher sich entlang des Lebensalltags veranschaulichen lässt. So wird die Berufstätigkeit während des Schulbesuchs im ZBW – bis auf die letzten drei Halbjahre – vorausgesetzt (KMK, 2018). Obwohl sich das Erwachsensein mit der Zeit auch im Sprechen über den ZBW etablierte („Studierende“, „Schulen für Erwachsene“, etc.) (vgl. Bellenberg et al., 2019), kann es für Schüler*innen des ZBW durch das Einnehmen der Schüler*inposition im Wechsel mit der Berufstätigkeit und dem alltäglichen Familienleben zum Rollenkonflikt kommen (vgl. Jüttemann, 1991), was auf eine Entgrenzung bzgl. potentieller Altersnormen (vgl. Neugarten et al., 1978) hinweist. Indes ist die bildungsbiografische Verbindung zum ersten Bildungsweg im Kinder- und Jugendalter, welche durch die Nachholbewegung im ZBW in Erscheinung tritt, naheliegend und scheint regressionsverstärkend, was dem Zurückfallen in juvenile Verhaltensmuster gleichzusetzen wäre.

Der Beitrag fokussiert Schüler*innen an Abendgymnasien, welche zwischen Berufsrolle und Schüler*instatus changieren und deren früheren Schulerlebnisse länger zurückliegen. Da innerhalb der Schulklassen das Altersspektrum von 19 Jahre bis hin zum Rentenalter reicht, die Adressierung als Schüler*in davon aber unangetastet bleibt, soll der Frage nachgegangen werden, wie sich die Schüler*innen in der Mitte (ab 30 Jahre) rollenspezifisch verorten und wie diese Positionierung sinnstrukturell expliziert werden kann.

Es wurden fünf narrativ-bildungsbiografische Interviews mit Schüler*innen (30-40 Jahre) an Abendgymnasien in Deutschland geführt. Das Datenmaterial legt hinsichtlich der subjektiven Ausdeutung der Rolle eine Fokussierung auf zwei Bereiche nahe: 1. Die Stellung innerhalb der Klasse, sowie 2. Die Differenzsuche zum ersten Bildungsweg. Diese zwei groben Kategorien dienen als Rahmung der Interviewsequenzen, welche objektiv-hermeneutisch (Oevermann et al., 1980; Wernet, 2009) rekonstruiert werden sollen. Einer anhaltenden Altersdistinktion, welche sich auf manifester Ebene durchsetzt, ist der individuelle Niederschlag der Nachholfigur im ZBW entgegenzustellen. So scheint der Regressionsaspekt, welcher normativ an die Schüler*inrolle im ZBW herangetragen wird, sinnstrukturell inadäquat. Insgesamt bietet die Rolleneinnahme vornehmlich Distinktionspotential gegenüber anderen und kann stärker als Reminiszenz an die Erfahrungen im ersten Bildungsweg verstanden werden. Dieses Wiedererinnern bietet Anknüpfungspunkte zur Bearbeitung der eigenen Bildungserfahrungen, welche ohne den Begriff der Regression auskäme.



Begabung und Leistung zwischen hierarchisierenden Differenzkonstruktionen und Normalisierungspraktiken von Eltern

Anna Schwermann

Universität Paderborn, Deutschland

Theoretische Bezüge und Forschungsinteresse

Das Promotionsvorhaben fragt nach den Orientierungen von Eltern zu Begabung und Leistung, da diese im Diskurs um eine inklusive Begabungs- und Leistungsförderung (vgl. Seitz et al. 2016) bislang nur wenig Berücksichtigung gefunden haben, obgleich der Passung (vgl. Bourdieu 1979) zwischen dem primären, familiären Habitus einerseits und dem sekundären Schüler*innenhabitus andererseits eine entscheidende Rolle für den Bildungsverlauf von Kindern und Jugendlichen beigemessen wird (vgl. Helsper et al. 2014). Ziel ist es, die Perspektiven von Eltern sichtbarzumachen und hieraus folgend gemeinsam getragene Anerkennungskulturen zu entwickeln (vgl. Kaiser et al. 2020), die Perspektiven auf eine diversitätssensible Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus eröffnen.

Durch das Promotionsvorhaben wird die Beantwortung folgender Forschungsfragen angestrebt:

  1. Welche handlungsleitenden Orientierungen zeigen Eltern in Bezug auf Begabung und Leistung?
  2. Inwiefern werden Differenzierungs- und Normalisierungspraktiken gezeigt?
  3. Wie können die rekonstruierten Orientierungen und Praktiken in einer leistungsfördernden Schulkultur kommuniziert werden?
  4. Welche Implikationen lassen sich aus den Befunden für die Fort- und Weiterbildung von Lehrkräften ableiten?

Das Promotionsvorhaben ist an das Projekt „Leistung macht Schule“ (LemaS) angebunden, in dem durch den Standort Paderborn ein kasuistisches Format zur Schulentwicklungsberatung entwickelt wird, das insbesondere mit der dritten und vierten Forschungsfrage verknüpft ist.

Anlage der Studie

Die Studie ist in der qualitativ-rekonstruktiven Sozialforschung verortet und steht in der methodologischen Tradition der Praxeologischen Wissenssoziologie (vgl. Bohnsack 2017). Vor diesem Hintergrund wurden im vergangenen Jahr 2020 zwanzig biographisch-narrative Einzelinterviews (vgl. Nohl 2019) mit Eltern geführt. Hierbei handelt es sich um Eltern, deren Kinder Primar- oder Sekundarschulen besuchen, die am Projekt „Leistung macht Schule“ teilnehmen. Die Interviews wurden mit der Dokumentarischen Methode (vgl. Bohnsack 2017; Nohl 2017) ausgewertet, bis eine theoretische Sättigung der Ergebnisse erreicht worden ist. Bei der Auswertung bildet ein Einzelinterview einen zu analysierenden Fall.

Vorläufige Befunde

Die bisherige Interpretation verweist auf zehn Kernfälle, die in einer Typologie handlungsleitender Orientierungen von Eltern zu Begabung und Leistung aufgehen, und die sich entlang von drei vorläufigen Typen aufgliedern. In der Typologie variieren die rekonstruierten Orientierungen auf einem Spektrum zwischen Differenzierungs- und Normalisierungspraktiken im Umgang mit Begabung und Leistung und zeigen darüber hinaus, wie diese durch den vorangestellten Differenzmarker „Geschlecht“ beeinflusst werden.



Orientierungen Jugendlicher aus Armutsverhältnissen auf politische Partizipation und ihre Bedeutung für demokratiepädagogische Arbeit

Oscar Yendell

Universität Mannheim, Deutschland

Studien zeigen, dass Jugendliche aus Armutsverhältnissen seltener an institutionalisierten politischen Prozessen partizipieren. Dem begegnend werden oftmals Hoffnungen an politische Bildungsformate formuliert, die Partizipationsinteresse und relevante Kompetenzen ausbilden sollen. Selten werden dabei die subjektiven Orientierungen der Bildungsadressierten einbezogen. Diesem Desiderat wurde im Rahmen einer Forschungsarbeit begegnet, in welcher vier Jugendliche aus Armutsverhältnissen ihre Orientierungen auf Politik in qualitativen Interviews beschreiben konnten. Dabei bezogen sie sich auch auf Freizeitstätten, Schulen, Peergroups und ihre Familien als politische Sozialisationsinstanzen.

Die Jugendlichen beschreiben Freizeitstätten, entgegen der Schule, zwar als Räume demokratischer Erfahrungen, politische Partizipation verstehen sie jedoch als eine Praxis, die in begrenzten und politisch-etablierten Strukturen stattfindet. Dieses Verständnis basiert auf einer institutionsfixierten Vorstellung von Politik, welche sie in Freizeitstätten und Schule vermittelt bekommen und wodurch auch die Praxen der Jugendlichen innerhalb ihrer Peergroups und Familien entpolitisiert werden. Trotz ihres demokratischen Engagements, mit dem sie auf gesellschaftliche Zustände reagieren, verstehen sich die Jugendlichen daher als unpolitisch, sofern sie keinen Zugriff auf etablierte politische Institutionen haben. Gleichzeitig wird den Jugendlichen in Schule und Freizeitstätten vermittelt, dass für den Eintritt in diese begrenzten politischen Prozesse, Fachwissen und soziale Kontakte vorausgesetzt werden. Unter Bezugnahme auf Pierre Bourdieu und Helmut Bremer lassen sich so Selbstausschlüsse der Jugendlichen rekonstruieren, die als Folge erlebter Delegitimierungen der eigenen Praxen zu verstehen sind. Diese Delegitimierungen verweisen nicht direkt auf die ökonomische Armut, sondern vielmehr auf fehlende soziale und kulturelle Kapitalformen, welche jedoch in einem stetigen Austausch mit dem ökonomischen Kapital stehen. Schlussendlich wird so der armutsbedingte Fremdausschluss verschleiert.

Diese Erkenntnisse speisen zudem den Diskurs zwischen einer fachlich politischen Bildung und der Demokratiepädagogik, die auf John Dewey zurückgeht. Sie offenbaren den Bedarf nach einer demokratiepädagogischen Arbeit, die keine Grenze zwischen demokratischem und politischem Engagement konstruiert, sondern das bestehende Engagement der Jugendlichen mit einbezieht, sie dadurch als politisch handelnde Subjekte versteht und einen legitimierenden Charakter aufweist. Dazu gehört, vermeintlich unpolitische Freizeitstätten und Schulen als politische Orte zu verstehen. Zugleich zeigt sich für die demokratiepädagogische Arbeit der Bedarf nach einer immanenten Machtkritik, die bestehende Grenzen der Teilhabe an institutionalisierten Strukturen thematisiert und die dort mangelnde Teilhabe der Jugendlichen nicht individualisiert, sondern den Grenzziehungen dieser Strukturen zuschreibt.

 
13:15 - 13:30Bewegte Pause / Moving break 1
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Sportraum

Nutzen Sie die Möglichkeit der aktiven Bewegungspausen, um arbeitsbedingten Beschwerden durch das viele Sitzen im Büro vorzubeugen.

- 15-minütige aktive Bewegungspause
- Übungen zur Kräftigung, Dehnung und Mobilisation mit dem Fokus auf Rücken- und Nackenmuskulatur sowie Entspannungsübungen
- Anleitung durch eine qualifizierte Multiplikatorin

Die Bewegte Pause ist ein Angebot des betrieblichen Gesundheitsmanagements der Uni Bremen.

Mehr Informationen unter https://www.uni-bremen.de/bgm/angebote/bewegte-pause

 

Marcella Becker

 
14:00 - 16:30Symposien I
Ort: *rein digital*

In diesem Zeitfenster stehen 30 Symposien zur Auswahl, davon sechs englischsprachige Panels und vier Veranstaltungen, die deutschsprachige und englischsprachige Vorträge beinhalten. 

Symposien haben einen direkten Bezug zum Tagungsthema und sollten maximal vier fachwissenschaftliche Vorträge umfassen, wobei mindestens ein Vortrag von einer*m Wissenschaftler*in in der Qualifikationsphase gehalten werden muss. Internationalität und Interdisziplinarität sind darüber hinaus bei der Auswahl der Vortragenden für die Symposien erwünscht.

14:00 - 16:30(Neu)Rechte Aufführungen von Wissenschaftlichkeit und ihre Diskurse über Bildungspraxis. Erziehungswissenschaftliche Bestandsaufnahmen und Grenzbearbeitungen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 06
 

Chair(s): Dr. Severin Rödel (Humboldt-Universität zu Berlin, Deutschland), Dr. Lukas Otterspeer (TU Dortmund), Dr. Christoph Haker (-)

Die (neue) Rechte verfolgt mit hegemonialen Strategien das Ziel, Grenzen zwischen Politik und anderen Gesellschaftsbereichen zu überschreiten, zu bearbeiten und zu verwischen. Teil dieses Hegemonieprojekts ist es, durch Entgrenzungen institutionell und inhaltlich im Bildungs- und Wissenschaftsbereich Fuß zu fassen und damit Diskurse langfristig zu prägen. In der dabei aufgeführte Bildungs- und Wissenschaftspraxis zeigen sich Kontinuitäten zum etablierten Bildungs- und Wissenschaftsbereich.

Das interdisziplinäre Symposium vereint Beiträge aus der politischen Theorie, der Soziologie, der Allg. Erziehungswissenschaft, der Sozialpädagogik sowie der Kindheits- und Familienforschung und widmet sich Praktiken, in denen Grenzen zum Bildungs- und Wissenschaftsbereich verschoben oder verwischt werden. Ziel ist dabei eine Bestandsaufnahme sowie Theoretisierung solcher Grenzbearbeitungen und die Diskussion möglicher erziehungswissenschaftlicher Reaktionen und Reflexionen.

 

Beiträge des Panels

 

Das "Volk" der neuen Rechten: Rechtspopulismus als Herausforderung

Dr. Kolja Möller
TU Dresden

Der Vortrag entwickelt eine Analyse neuerer rechtspopulistischer Bewegungen. Dabei wird insbesondere darauf eingegangen, in welchem Sinne man hier von Entwicklungen sprechen kann, die tatsächlich „neu“ und „populistisch“ sind und sich von den etablierten Mobilisierungsformen rechtsextremer und neo-faschistischer Bewegungen unterscheiden. Dafür wird eine systemtheoretisch inspirierte Perspektive eingenommen, die beobachtet, wie die handelnden Akteure auf bestehende systemische Kontexte und kommunikative Infrastrukturen in Recht, Politik und Gesellschaft zurückgreifen. So wird es möglich den Rechtspopulismus deutlicher von anderen Politikformen zu unterscheiden und seine spezifische Funktion zu bestimmen. Sodann rekapituliert der Vortrag unterschiedliche Theorieansätze mit Blick auf mögliche Konsequenzen für einen Umgang mit rechtspopulistischen Tendenzen. Im Mittelpunkt stehen hier konflikttheoretische Überlegungen im Anschluss an die klassische Bonapartismusanalyse der kritischen Theorie, die – wie der Vortrag in einem letzten Schritt zeigen wird – zu aussichtsreicheren politischen und auch pädagogischen Strategien im Umgang mit dem neueren Rechtspopulismus beitragen kann.

 

Erziehungswissenschaft im Lichte rechtsradikaler Diskurse über Bildung und Schule

Prof. Sabine Andresen, Lukas Dintenfelder
Goethe-Universität Frankfurt am Main

Der Vortrag basiert auf einer Diskursanalyse (neu)rechter Texte zu Bildung und Schule. Die Ergebnisse sollen im Lichte erziehungswissenschaftlicher Kritik diskutiert werden. Dafür wird auf Adornos politische Adressierung aus dem Jahr 1967 Bezug genommen (Adorno 2019; s.a. Weiß 2019). Angesichts des erstarkenden Rechtradikalismus, so Adorno, dürfe man weder resignativ bleiben noch in ein „schlecht zuschauerhaftes Verhältnis zur Wirklichkeit“ fallen (ebd., S. 55). „Wie diese Dinge weitergehen und die Verantwortung dafür, wie sie weitergehen, das ist in letzter Instanz an uns.“ (ebd.) Ein daran anknüpfender Beitrag der Erziehungswissenschaft ist die Analyse, wie für die Disziplin relevante Themen auch zur Grenzziehung rechtsradikaler Akteur:innen genutzt werden. Neben der Familie sind hier Bezüge auf die Institution Schule zentral. Dies hat die systematische Sichtung von Beiträgen ergeben. Dafür wurden die Artikel in der neurechten Sezession im Netz, die zwischen Anfang 2015 und Sommer 2020 erschienen sind, auf die Thematisierung pädagogischer Felder durchsucht. Im Korpus der Analyse zur Schule befinden sich 60 Artikel von 10 verschiedenen Autor*innen. Für die Untersuchung war von Interesse, welche Themen wie angesprochen werden und was dadurch mit verhandelt wird. Wie die Schule der Gegenwart thematisiert wird, mit welchen Zuschreibungen und Grenzziehungen sie verbunden ist sowie welche Modi der Entgrenzung sich identifizieren lassen, steht im Zentrum des Vortrags.

 

Vereinnahmungen von Kindern, Kindheiten und Familie in rechtspopulistischen Narrativen im Kontext der COVID-19-Pandemie

Lukas Schildknecht, Julian Sehmer, Stephanie Simon
Universität Kassel

Kindheit stellt eine gesellschaftliche Arena unterschiedlichster Diskurse dar (Klinkhammer 2014) – an denen Kind-Bilder sowie Vorstellungen „guter Kindheit“ sichtbar werden (Bühler-Niederberger 2020). Weitgehend konsensual scheint den Erwachsenen, durch die angenommene Angewiesenheit der Kinder auf Sorge, die eigene Position als Sorgende zu autorisieren. Hier schließen rechtspopulistische Artikulationen an und reklamieren zunehmend Deutungsmacht in Bezug auf Erziehung (Andresen 2018; Grabau 2013), indem sie u.a. mit autoritären Erziehungsvorstellungen auf die Angewiesenheit des Kindes auf „Führung“ (Simon/Thole 2021) rekurrieren. Im Kontext der aktuellen Pandemie hat diese Thematisierung u.a. in Verschwörungsnarrativen und durch die Mobilisierung rechter Akteur*innen in der Gruppe der sog. Corona-Leugner*innen eine Dynamisierung erfahren.

Im Beitrag wird untersucht, wie im Kontext der sog. Corona-Proteste die Figur der Sorge um Kinder und Familien als vulnerable Subjekte (Baader et al. 2013) strategisch gegen staatliches oder solidarisches Handeln von den Teilnehmer*innen ins Feld geführt wird. Darüber soll nachgezeichnet werden, wie Narrative aus den Sorgediskursen, die auch erziehungswissenschaftliche Debatten prägen, rechtspopulistisch transformiert werden und wie dieser Entwicklung begegnet werden kann.

 

Wie hältst du es mit der Wahrheit? Ein kritisches Review zur Grenze von Wissenschaft und (neuer) Rechten

Dr. Christoph Haker1, Dr. Lukas Otterspeer2
1-, 2TU Dortmund

Die Grenze zwischen Wissenschaft und (neuer) Rechten wird nicht nur durch die neue Rechte bearbeitet, sondern auch durch Wissenschaftler*innen. Dies geschieht aktuell über gegenwartsdiagnostische Begriffe wie Fake News (Jaster/Lanius 2019), Halbwahrheiten (Gess 2021), Postfaktizität (Hendricks/Vestergaard 2018) oder Post-Truth (McIntyre 2018), die auch in der Erziehungswissenschaft Anklang finden. Diese Schlüsselbegriffe umreißen einen interdisziplinären Diskurs, in dem die Politik und insbesondere rechte Politik als das Andere markiert wird. Allerdings wird nicht nur eine Fremdbeschreibung der (neuen) Rechten explizit, sondern auch eine implizite Selbstbeschreibung der Wissenschaft vorgenommen.

Der Vortrag nimmt diese Ausgangssituation zum Anlass, die genannten Gegenwartsdiagnosen einem systematischen und kritischen Review zu unterziehen. Erstens rückt die Frage nach den vorliegenden Fremdbeschreibungen, also nach dem aus der Wissenschaft skizzierten Bild neurechter Wahrheitsszenen (Langenohl 2014) in den Mittelpunkt. Hieraus leiten sich zweitens, analog zu einem Foto-Negativ, die Selbstbilder der Wissenschaft und ihr Wahrheitsverständnis ab. Drittens folgt ein vergleichendes Fazit. Ziel dieser Rekonstruktion ist, Wissenschaftlichkeit und Wahrheit als Negative von Fake News, Halbwahrheiten, Postfaktizität und Post-Truth der Kritik zugänglich zu machen und so zu einer Positionierung zu kommen, die ein nicht-fundamentalistisches Wissenschafts- und Bildungsverständnis ausbaut.

 
14:00 - 16:30Cold War childhood from the margins. Analysing childhood memories across borders
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 11
 

Chair(s): Dr. Kathleen Falkenberg (Humboldt-Universität zu Berlin, Deutschland), Dr. Nadine Bernhard (Humboldt-Universität zu Berlin, Deutschland)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Inés Dussel (Departamento de Investigaciones Educativas del CINVESTAV-IPN, México)

This international and interdisciplinary working group aims at analysing childhood memories of the Cold War from both sides of the Iron Curtain. It draws on collective memory work conducted in a collaborative and international research project, which aimed at fostering a dialogue between scholars and artists from different geopolitical, economic, generational, and cultural backgrounds by sharing and researching childhood memories. Even though memories are selective and reconstructive they can serve as fruitful sources for a deeper analysis of everyday life that can break down existing interpretations of a uniform socialist childhood. At the same time, memory stories, their details, emotions, materialities, and embodiments help to explore how memories are intertwined with notions of childhood prevalent in societies and wider socio-political matrices of power, divisions, and connections.

 

Beiträge des Panels

 

Intimate terror: Violence in domestic contexts and children’s subjectivities during the Cold War

Prof. Dr. Kathrin Hörschelmann
Universität Bonn

Departing from the strong current focus on institutionalized and political violence in socialist childhoods, this paper considers the subjectivities of children in conflictual and violent family contexts. It builds on feminist research on ‚intimate terror‘ (Pain 2014) to ask how children’s subjectivities and understandings of interpersonal relationships are impacted by violent relations of power in domestic contexts. Analysing memory stories collected by a collaborative international research project, it also asks how adults make sense of violence through storytelling. The paper considers how the memory stories reflect on embodiment, identities, generational positionings and (the limits of) agency in violent domestic contexts, on the ontological (in)securities emerging from abuse and on its intersections with political and institutional power.

In so doing, the issue of child abuse in socialist domestic contexts is placed in a larger translocal context – drawing connections to global debates on the place of children in violence continuums. Rather than analysing the issue purely through the lens of socialist-authoritarian oppression, connections between different Cold-War contexts are also examined. By comparing the memory stories with interdisciplinary research on violence and its impacts on children’s subjectivities, the analysis thus seeks to contribute to both, the de-colonisation of socialism and childhood.

 

Between chores, forbidden joys and imagined friends: Collective memory work on Cold War childhood memories in unsupervised times

Dr. Kathleen Falkenberg, Dr. Nadine Bernhard
Humboldt-Universität zu Berlin

In contrast to well established narratives about a supposedly uniform state-organized childhood and the related institutions such as kindergarten, school or political mass organisations in the former GDR, this paper focuses on everyday life experiences of children in order to broaden perspectives on children and childhood in socialist times. We draw on research that employed collective memory work according to Frigga Haug (1990) and additional analysis of memory stories written and collected from international participants of a collaborative research project.

In our analysis we focus on 'marginal times' of the day when institutional access was no longer available and parental supervision could not yet be guaranteed - e.g. weekday afternoons before parents came home from work or weekend hours when children were sent out 'to play'. We ask how these times were filled, what limitations, rules, arrangements there were for these times of the day in order to reflect upon children’s agency, the opportunities, challenges and responsibilities ‘being alone’ comprised for children – and in which societal structures these were embedded. Contemporary narratives, such as the West-German notion of abandoned “Schlüsselkinder”, as well as the complex repercussions gender equality and female workforce had on families’ time management are one angle to analyse those memories to enable insights into (the experience of) childhoods.

Haug, Frigga (1990): Erinnerungsarbeit. Hamburg: Argument

 

Myths and plastic bags: Carrying childhood memories of the West into post-socialist futures

Prof. Dr. Zsuzsa Millei1, Prof. Dr. Nelli Piattoeva1, Prof. Dr. Iveta Silova2
1Tampere University, Finland, 2Arizona State University, USA

Postsocialism is often discussed in terms of revisiting - and dispelling - the ‘myths’ of the socialist past. We propose, however, that it is more productive to understand (post)socialism in terms of a different type of myth-making, the one associated with the capitalism of the ‘West’ (Peshkopia, 2010). Rather than dispelling the ‘myths’ about socialism, and thus negating or even erasing experiences, we explore ‘myths’ in Cold War memories of childhood from a decolonial perspective by drawing on a collaborative international research project.

The imaginary West was framed by numerous controversial, yet complementary discourses, becoming both a competitor of socialist modernity and its yardstick. A utopian future about what communism in its full form will/might become was produced from the combination of bits and pieces of ‘Western culture’. These included films, music, books, language education and objects of consumption, such as plastic bags with labels fascinating both children and adults (Yurchak 2014). We spotlight in memories how these “myths from the future” produced notions of the ‘normal’, at the margin subverting the dominant ideology, against which to evaluate experiences of both late socialism and post socialism (Fehérváry, 2002). In the absence of this past (socialist) desired ‘normality’ today, there seems to be a challenge of formulating an alternative future, and therefore the past often remains the sole and highly contentious navigating point.

 
14:00 - 16:30Das Erforschen pädagogischer Praxis in Anbetracht von Ent | grenz | ung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 32
 

Chair(s): Dr. Tamara Ehmann (Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Deutschland), Prof. Dr. Heinz Reinders (Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Deutschland)

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der pädagogischen Praxis stellt einen wichtigen Bereich erziehungswissenschaftlicher Forschung dar, deren Ziel die Überwindung der Grenze zwischen Wissenschaft auf der einen und pädagogischer Praxis auf der anderen Seite ist.

Das Symposium „Das Erforschen pädagogischer Praxis in Anbetracht von Ent | grenz | ung“ setzt sich mit der Gratwanderung des Erforschens pädagogischer Praxis in Anbetracht der Einhaltung wissenschaftlicher Gütekriterien und einer Praxisfokussierung hinsichtlich der praktischen Umsetzbarkeit und Durchführung der Forschung sowie der daraus resultierenden Forschungsergebnisse auseinander.

Durch die vorhandene Interdisziplinarität des Symposiums werden vor diesem Hintergrund einerseits unterschiedliche Forschungsgegenstände diskutiert sowie andererseits verschiedene methodische Herangehensweisen für die Beantwortung der jeweiligen Fragestellungen erörtert.

 

Beiträge des Panels

 

Das Erforschen pädagogischer Praxis

Prof. Dr. Dagmar Bergs-Winkels
Alice Salomon Hochschule Berlin, Deutschland

Der Beitrag bildet den Einstieg in das Symposium und bietet einen allgemeinen Überblick über das Erforschen der pädagogischen Praxis als wichtigen Bereich erziehungswissenschaftlicher Forschung. Deren Ziel ist die Überwindung der Grenze zwischen Wissenschaft auf der einen und pädagogischen Praxis auf der anderen Seite.

Dabei werden das Erforschen der pädagogischen Praxis im Allgemeinen und die Evaluation im Spezifischen als eine am outputorientierte Steuerungsmaßnahmen verstanden. Eine solche Steuerung basiert auf messbaren Bewertungskriterien, die Grundlage für Entscheidungen und Veränderungen sind. Sie impliziert die Möglichkeit, aus Fehlern zu lernen und über die Analyse der Fehler und entsprechenden Veränderungen eine höhere Qualität pädagogischer Projekte, Maßnahmen und Prozessen zu erreichen.

In diesem Sinne nimmt das Erforschen pädagogischer Praxis jeweils eine wissenschaftliche und eine pragmatische Perspektive ein. Durch das „Primat der Praxis“ steht das Erforschen pädagogischer Praxis immer im Spannungsfeld zwischen systematischem wissenschaftlichen Arbeiten und Erkenntnis- und Verwertungsinteresse von Auftraggebenden und Stakeholdern, d.h. den Beteiligten und Betroffenen.

 

Gelingensbedingungen der Digitalisierung in der Erwachsenenbildung und beruflichen Weiterbildung

Lisa Breitschwerdt, Prof. Dr. Regina Egetenmeyer
Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Deutschland

Der Vortrag analysiert die Gelingensbedingungen der Digitalisierung in der Erwachsenenbildung und beruflichen Weiterbildung. Basierend auf einer Literaturanalyse wurde ein Mehrebenenmodell entwickelt (Egetenmeyer et al., 2019), aus dem heraus die Untersuchungsmerkmale abgeleitet wurden. Die Studie orientiert sich methodologisch an der Critical Communicative Method (Gómez et al., 2011) sowie dem gestaltungsorientierten Ansatz (Tulodziecki et al., 2014) und verfolgt damit ein dialogisches Untersuchungsverfahren mit den Praxisfeldern der Erwachsenenbildung/Weiterbildung. Die Datenbasis wurde in zwei Dachorganisationen und sechs Bildungseinrichtungen generiert. Die Datenerhebung orientiert sich an dem Ansatz der Mixed Methods mit einer Fragebogenerhebung sowie Fokusgruppen und Expert*inneninterviews. Es werden Ergebnisse aus der inhaltsanalytischen Datenanalyse der Fokusgruppen und Expert*inneninterviews vorgestellt.

Literatur

Egetenmeyer, R. et al. (2019). From ‘traditional professions’ to ‘new professionalism’: A multi-level perspective for analysing professionalisation in adult and continuing education. Journal of Adult and Continuing Education, 25(1), S. 7–24.

Gómez, A. et al. (2011). Critical Communicative Methodology: Informing Real Social Transformation Through Research. Qualitative Inquiry, 17 (3), S. 235–245.

Tulodziecki, G. et al. (2014). Gestaltungs- und entwicklungsorientierte Bildungsforschung (Enzyklopädie Erziehungswissenschaft Online EEO). Weinheim: Beltz Juventa.

 

Förderung medienpädagogischer Kompetenzen bei Lehramtsstudierenden – Evaluation eines Intensivpraktikums als Professionalisierungsmaßnahme

Dr. Sarah Lange, Larissa Ade, Daniel Then, Prof. Dr. Sanna Pohlmann-Rother
Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Deutschland

Um Medienkompetenzen bei Lehramtsstudierenden zu fördern, lassen sich Praxisphasen im Studium als Lerngelegenheiten nutzen, die zur Kompetenzentwicklung der Studierenden beitragen können.

Mit dem Ziel, handlungsbezogene Medienkompetenzen bei Studierenden des Lehramts an Grundschulen auszubilden, wurde im Wintersemester 2018/19 an einer bayrischen Universität ein 10-wöchiges Intensivpraktikum am Lehrstuhl für Grundschulpädagogik und Grundschuldidaktik eingeführt. Das Praktikumskonzept basiert darauf, den Studierenden die Möglichkeit zu bieten, selbst entwickelte Unterrichtsszenarien mit und über digitale Medien in diesem geschützten Rahmen zu erproben und somit das Praktikum zur Berufsfelderprobung im Bereich ‚Lehren und Lernen mit digitalen Medien‘ zu nutzen.

Im Rahmen der formativen Evaluation wurde in drei Semestern ab Wintersemester 2018/19 qualitativ-empirisch die Perspektive der Studierenden erhoben. Die Stichprobe umfasste Studierendengruppen aus drei Praktikumskohorten (gesamt N=20), die nach dem Praktikum in leitfadengestützten Gruppeninterviews befragt wurden. Die Auswertung erfolgte anhand der qualitativen Inhaltsanalyse mit deduktiv-induktiver Kategorienbildung. Die Mehrheit der Befragten gibt an, durch das Praktikum ermutigt worden zu sein, digitale Medien in ihrem zukünftigen Unterricht einzusetzen. Zudem zeigen sie ein vertieftes Verständnis für die Potenziale und Anforderungen eines digital gestützten Unterrichts.

 

Identifikation integrations- und empowermentfördernder Gelingensbedingungen pädagogischen Handelns im Kontext von geflüchteten und migrierten Familien

Dr. Tamara Ehmann, Sylvia Klinge, Prof. Dr. Heinz Reinders
Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Deutschland

Insbesondere außerschulische Bildungsangebote stellen Räume der Integrations- und Empowermentförderung von geflüchteten und migrierten Heranwachsenden und deren Familien dar. Auf Grundlage von zwei Begleitstudien im Bereich der außerschulischen Bildungsangebote können Aussagen über integrations- sowie empowermentfördernde Gelingensbedingungen getätigt werden. In beiden Studien kamen sowohl qualitative als auch quantitative Längsschnittstudien zum Einsatz. Hierbei wurden die Projektdurchführenden zur Umsetzung der jeweiligen Gelingensbedingungen sowie ihrer Einschätzung hinsichtlich des Integrations- sowie Empowermentsbestrebens der Teilnehmenden innerhalb ihrer Praxisprojekte befragt.

Die anfangs angenommene theoretische Grundlage pädagogischer Institutionen nach Merkens (2006) konnte durch die durchgeführten wissenschaftlichen Begleitstudien nicht vollumfänglich belegt werden, sodass aufgrund der pädagogischen Praxis eine Theorieerweiterung vorgenommen wurde.

An diesen beiden vorgestellten Begleitstudien soll die eingangs aufgezeigte Gratwanderung des Erforschens von pädagogischer Praxis abschließend reflektiert und forschungsleitende Implikationen insbesondere im Bereich der Verwendung des Transfers von Forschungsergebnissen und dessen Grenzen diskutiert werden.

Literatur

Merkens. H. (2006). Pädagogische Institutionen. Pädagogisches Handeln im Spannungsfeld von Individualisierung und Organisation. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

 
14:00 - 16:30De/bordering education in polarizing times: sociological, comparative, and pedagogical perspectives on global citizenship and cosmopolitan identities
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 07
 

Chair(s): Prof. Dr. Sabine Hornberg (TU Dortmund), Dr. Simona Szakács-Behling (Georg-Eckert-Institut – Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung, Deutschland)

Borders are both dissolving and being re-built in novel alignments that challenge the nation-state as default frame of reference for social action. The decoupling of 'the national' from 'the state' manifests in the educational realm in manifold ways, opening up transnational spaces where boundaries between private/public, state/non-state, home/abroad become blurred. Are education for global citizenship and new cosmopolitan identities the answer or the catalyst for societal polarization in the context of multiple de/borderings of education? In this symposium we address this question and its broader societal and research implications. The contributions span different continents and educational contexts (schools, universities) and mobilize interdisciplinary perspectives (sociology, comparative education, pedagogy) thus enabling innovative dialogue between theoretical insights that hardly ever speak to each other (neoinstitutionalism, Luhmanian theory, cosmopolitanism, transnationalism).

 

Beiträge des Panels

 

Between World Society and World Community. Global Citizenship Education as pedagogical chance to deal with the Great Transition

Prof. Dr. Gregor Lang-Wojtasik
Pädagogische Hochschule Weingarten

Climate Catastrophe, wars, migration, poverty etc. are visible phenomenon of the Great Transition taking place within the late modern age (Spätmoderne) and beyond nation-states (Lang-Wojtasik, 2021). Transformation seems to be necessary based on sustainability, justice, non-violence and partnership. These are normative orientations on global level to deal with these challenges in respect of human dignity and democracy. World society and world community encompass an implicit unity of difference between abstract communicative offers and concrete interactions. What can we learn from these meta-theoretical perspectives for the description of education and didactics within school to deal with the challenge of Knowledge and Action? (Lang-Wojtasik & Oza, 2020/fc.) What are common options within concepts like Education for Sustainability, Global Learning, Peace Education, Human Rights or Intercultural Education, encompassed as Global Citizenship Education?

 

The Reach and Limits of Global Citizenship

Prof. Dr. Yasemin Soysal1, Prof. Dr. Héctor Cebolla-Boado2
1Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), 2Senior Scientist at the National Research Council-CSIC (Madrid, Spain)

The post-war liberal world order, and its neoliberal transformations since the 1990s, supported a citizenship model that envisions agentic, rights-bearing and globally oriented cosmopolitan individuals. This model unfolded and became standardized through a number of interacting dynamics including national and transnational courts (e.g. the European Court of Justice), instruments of international organizations (e.g. the International Conventions on Human Rights, the UN’s Human Development Index), and the expansion of education worldwide and a network of expertise around it. Using a multi-sided, representative survey, we analyze the reach and limits of this citizenship model among higher education students. The survey countries (UK, Germany, Japan, and China) span liberal/non-liberal political spectrum on the one hand, and individualist/collectivist cultural spectrum on the other, and thus provide a good basis for comparative analysis. Higher education is particularly pertinent context as it is a highly transnationalized and competitive field, and subject to isomorphic tendencies around global imaginations and international aspirations.

 

Expanded Education and Global Integration: Solidarity and Conflict

Prof. Dr. David John Frank1, Prof. Dr. John W. Meyer2
1University of California, Irvine, 2Stanford University

The dramatic expansion and rising social significance of education integrates the world’s populations and elites under a common ontological frame and on the basis of common human identities rooted in educational status and cultural content. Education-based integration driven, inter-alia, by universities (Frank & Meyer 2007), supports institutions of solidarity – large-scale organizational structures in national and global societies, and common cognitive and normative cultural materials. It also creates expanded grounds for conflict in the context of growing nationalism, authoritarianism, and illiberalism (Frank & Meyer 2020). In this presentation, we review the matter.

 

Revisiting “Transnational Education Spaces”: Interdisciplinary Boundary Transgressions

Dr. Simona Szakács-Behling1, Prof. Dr. Sabine Hornberg2
1Georg-Eckert-Institut – Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung, Deutschland, 2TU Dortmund

Transnationalism, transmigration, and transnational developments have become buzzwords in different academic fields such as sociology, history and education. The growing interest in these phenomena is however accompanied by a lack of terminological clarity, with confusions often made between terms such as internationalization, transnationalization, and globalization. In this presentation we disentangle this field and propose conceptual and methodological ways forward. First, we provide clarifications to the “transnational” hype by distinguishing key understandings of relevant terms. We focus on the concept “transnational educational spaces” (Adick 2005; Hornberg 2010, 2021) which originally combined three separate areas of interest in view of processes of Ent|grenz|ungen in education: socialization in transnational spaces, transnational convergences in education, and transnational education. Drawing together approaches from ethnography (Glick Schiller et al. 1992), transnational studies (Levitt & Khagram 2008), the sociology of migration (Faist 2000; Pries 2001), and sociology of organizations (Bromley & Meyer 2005), we argue that a fourth lens is necessary for “transnational educational spaces” to be made empirically useful at the hitherto often neglected micro level of organizations (schools), particularly in what the ideatic and discursive dimensions are concerned. We end with an illustration from a qualitative study of state schools as agents of transnationalization.

 
14:00 - 16:30Die Be- und Entgrenzung von Schule und Unterricht in der Corona Krise als Herausforderung für pädagogisches Handeln
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 22
 

Chair(s): Prof. Dr. Gabriele Bellenberg (Ruhr-Universität Bochum, Deutschland), Grit im Brahm (Ruhr-Universität Bochum), Christian Reintjes (Universität Osnabrück)

Diskutant*innen: Raphaela Porsch (Otto-von_Guericke Universität Magdeburg)

Die durch die Corona-Pandemie ausgelöste Krise führt zu Be- und Entgrenzungsprozessen von Schule und Unterricht, die für pädagogisches Handeln eine Herausforderung darstellen. Anhand dreier empirischer Studien wird solche Be- und Entgrenzungsprozesse im Mehrebenensystem Schule dargestellt, diskutiert und eingeordnet. Die Befunde zielen auf die einzelschulische Bewältigung der Organisation von Schule und Unterricht, auf zusätzliche Ungleichheitsdimensionen durch Schulschließungen im angepassten Regelbetrieb sowie die Suche und Wahrnehmung von Unterstützungsstrukturen seitens der Schulen. Die Befunde werden als Herausforderung für das pädagogische Handeln von Schulen diskutiert und eingeordnet.

 

Beiträge des Panels

 

Standortspezifische Bewältigung der Herausforderungen bei der Organisation von Schule und Unterricht nach dem 1. und 2. Lockdown: Befunde der Schulleitungsbefragungen HOSUL

Christian Reintjes1, Grit im Brahm2
1Universität Osnabrück, 2Ruhr-Universität Bochum

Im Zentrum von Beitrag 1 stehen Befunde von zwei Online-Befragung von Schulleitungen aller allgemeinbildenden Schulformen (T1: Mai/Juni 2020, T2: März 2021). Insgesamt haben 683 Schulleitungen in der 1. Befragung bzw. 382 Schulleitungen in der 2. Befragung vollständig geantwortet. In den Bundesländern NRW und NI, deren Daten diesen Auswertungen zugrunde liegen, lagen mit Abstand die meisten vollständigen Datensätze vor (NRW: 520 GS/302 SI; NI: 110 GS/ 76 SI).

Mit Blick auf die Stundentafeln, die Corona-bedingten Maßgaben und die verbleibenden Spielräume der Schulen emergierte eine große Bandbreite von organisationalen Bewältigungsstrategien. Bei den schulform- und standortspezifischen Lösungen für den Präsenzunterricht nach den Lockdowns spielen die einzelschulisch variierenden, verfügbaren Ressourcen eine zentrale Rolle. Vor dem Hintergrund Bourdieus Theorie der Reproduktion sozialer Ungleichheit durch Schule (2012) wird geprüft, inwiefern Leitungen in Abhängigkeit von sozialräumlichen Lagen die ihnen zur Verfügung stehenden personellen, materiellen und räumlichen Ressourcen mit Blick auf die zu bewältigenden Aufgaben different einschätzen (Bremm et al., 2021). Unter governancetheoretischen Annahmen wird unter Berücksichtigung ministerieller Vorgaben sowie einzelschulischer Entscheidungsprozesse der Frage nachgegangen, welche Strategien die Schulen mit Blick auf die Re-Etablierung von Präsenzunterricht gewählt haben. Der Beitrag endet mit einer schultheoretischen Diskussion.

 

Schule und Unterricht im angepassten Regelbetrieb. Analyse und Reflexion Corona-bedingter (Teil-)Schließungen von Schulen anhand der COSMO-Befragung in NRW

Jörg-Peter Schräpler1, Gabriele Bellenberg1, Christian Reintjes2, Markus Küpker3
1Ruhr-Universität Bochum, 2Universität Osnabrück, 3Ruhr-Futur

In diesem Beitrag wird auf der Grundlage der auf Nordrhein-Westfalen (NRW) bezogenen Daten der Corona-Schnellmeldung online (COSMO) für den Zeitraum des angepassten Regelbetriebs untersucht, ob und wie sich die dort registrierten (Teil-)Schulschließungen durch pandemiebezogene bzw. schulische Kontextfaktoren erklären lassen. Die (Teil-)Schließungen von Schulen in NRW sind das Ergebnis eines Abwägungsprozesses der Schulleitung in Abstimmung mit dem Schulträger wie der Schulaufsicht. Der Beitrag geht der Frage nach, inwiefern sich Erklärungszusammenhänge aus relevanten Kontextfaktoren wie dem kommunalen Infektionsgeschehen, der Schulform oder dem spezifischen Einzugsgebiet der Schule zeigen. Die Befunde werden eingeordnet und vor dem Hintergrund der Rahmenbedingungen der Organisation von Schule und Unterricht in NRW sowie mit Blick auf die mit den COSMO-Daten verfolgten Zielstellungen im Mehrebenensystem Schule diskutiert. Die vorgelegten Ergebnisse zeigen, dass sich auf der Grundlage der COSMO-Daten wichtige Erkenntnisse über den Einfluss der Pandemie auf das Bildungssystem gewinnen lassen, die zusätzliche Ungleichheitsdimensionen eröffnen. Die Befunde werden schultheoretisch und schulpädagogisch diskutiert.

 

Unterstützung von Lehr- und Lernprozessen in Zeiten der Krise. Eine explorative Studie zur Systematisierung wahrgenommener Initiativen im Mehrebenensystem Schule

Matthias Forell1, Philipp Matthes2, Grit im Brahm1
1Ruhr-Universität Bochum, 2niversität Bochum

Der Krisenbegriff impliziert, dass Akteure eines Systems angesichts einer unerwarteten und als bedrohlich wahrgenommenen Situation angesichts einer Vielzahl möglicher (systemimmanenter sowie umwelteigener) Handlungsoptionen mit Orientierungslosigkeit und Unsicherheit reagieren. Vor diesem Hintergrund wurden in NRW explorativ 11 leitfadengestützte Interviews mit schulischen Akteuren (Schulleitung, Lehrkräfte, Elternpflegschaft, Schüler*innenvertretung) durchgeführt und qualitativ-inhaltsanalytisch ausgewertet. Hypothesengenerierend wird darin untersucht, (1) welche Unterstützungsinitiativen den schulischen Akteuren auf der Meso- und Mikroebene bekannt und von diesen genutzt wurden, (2) welchen Gegenstand die Unterstützungsangebote fokussieren, (3) wo sich deren Anbieter im Handlungsfeld von System und Umwelt verorten lassen sowie (4) welche weiterführenden Unterstützungsbedarfe die schulischen Akteure identifizieren. Die vorgelegte Systematik ermöglicht die Einordnung und das Verständnis darüber, welche Initiativen Schulen als unterstützend identifizieren und ggfs. genutzt haben sowie welche weiterführenden Unterstützungsbedarfe schulische Akteure erkennen. Ferner stellt sich die Frage, welche Bedeutung die in der Krise wahrgenommenen umwelteigenen Unterstützungsangebote künftig für die Entwicklung des Meso-, Mikro-, aber auch Makrosystems Schule haben werden. Die Befunde werden governancetheoretisch eingeordnet sowie schultheoretisch diskutiert.

 
14:00 - 16:30Die Überwindung von institutionellen Grenzen in der Grundbildung und Alphabetisierung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 12
 

Chair(s): Dr. Julia Koller (Universität zu Köln, Deutschland), Dr. Ewelina Mania (Deutsches Institut für Erwachsenenbildung)

Diskutant*innen: Dr. Lisanne Heilmann (Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr)

Im Feld der Grundbildung und Alphabetisierung konnten in den letzten Jahren durch diverse Förderinitiativen sowohl wissenschaftliche Erkenntnisse als auch konkrete Angebote, Maßnahmen, Kooperationen und Initiativen angestoßen werden. In dem Bestreben eine breite Zielgruppe zu erreichen, werden neue Formate entwickelt, vielfältige Lernorte etabliert, neue Kooperationen angestrebt, politische Steuerungsformen verändert und Förderungen angepasst. Im Rahmen des Symposiums werden vielfältige Tendenzen in der Grundbildung und Alphabetisierung betrachtet, die allesamt die Öffnung und Erweiterung institutioneller Grenzen betreffen. So sind die traditionellen Institutionen der Erwachsenenbildung dazu aufgefordert, ihre Angebote, Kooperationen, Finanzierungen und Zielgruppen im Hinblick auf organisationale Fragen, weitere Bildungsinstitutionen, Kontexte zu entgrenzen. Die Vorträge nehmen diese Aspekte im Feld über unterschiedliche Gegenstandsbereiche in den Blick.

 

Beiträge des Panels

 

Innovationen in der Grundbildung und Alphabetisierung

Dr. Julia Koller
Universität zu Köln

In gewisser Weise ist die Auseinandersetzung mit dem Neuen in der erwachsenenpädagogischen Bildungsarbeit eingeschrieben. Die Thematisierung zeigt sich auf den verschiedenen Handlungsebenen des Weiterbildungssystems. Dabei geht es um Veränderungen der Steuerung im Bildungssystem, die Entwicklung, den Wandel und das Lernen von Organisationen sowie um neue Methoden der Bildungsarbeit. Dies betrifft insbesondere das Feld der Alphabetisierung, das sich zuletzt durch einen bildungspolitischen Fokus stark entwickelte. Ein Schlüsselbegriff in der Debatte um Wandel ist der Begriff der Innovation. Als vielfach unbestrittener Zielbegriff, ist ihm eine Bearbeitung von Grenzen diverser Art eingeschrieben: als paradoxer Grenze zwischen alt und neu, innen und außen und einem schöpferischen Akt der Überwindung derselben (vgl Briken 2019). Die Klärung des Begriffs "Innovation" ist im Hinblick auf eine differenzierte Wissenschaftssprache und die gezielte Kommunikation in Politik und Praxis ungeklärt. Entsprechend fokussiert der Vortrag aus der Perspektive einer sozialwissenschaftlichen reflexiven Innovationsforschung und empirisch durch zwei umfassende Dokumentenanalysen den Innovationsbegriff und der in ihm eingeschriebene Umgang mit Grenzen in der Grundbildung und Alphabetisierung.

 

Intraorganisationale Kooperationen in der Alphabetisierung und Grundbildung

Dr. Ewelina Mania1, Farina Wagner1, Prof. Dr. Hannes Schröter2
1Deutsches Institut für Erwachsenenbildung, 2Deutsches Institut für Erwachsenenbildung und FernUniversität Hagen

Die Entwicklung von passgenauen und wirksamen Angeboten wird im Bereich Grundbildung und Alphabetisierung seit vielen Jahren als Herausforderung diskutiert (Löffler & Korfkamp, 2016; Rosenbladt & Lehmann, 2013). Es stellt sich die Frage, wie eine bedarfsorientierte und lernförderliche Organisations-, Programm- und Lernangebotsentwicklung im Grundbildungs- und Alphabetisierungsbereich vor dem Hintergrund der unterschiedlichen organisationalen Handlungsebenen angelegt werden kann. Auf der Ebene des Einrichtungsmanagements, der Ebene der Programmentwicklung und Angebotsplanung sowie der Ebene des Kursgeschehens bzw. der Lehr-Lern-Interaktion in den Weiterbildungsorganisationen zeigen sich jeweils eigenständige Steuerungs- und Gestaltungslogiken. Um jedoch pädagogische Professionalität, Qualität und Leistungserbringung herstellen und sichern zu können, bedarf es einer systematischen Verzahnung dieser Ebenen an entsprechenden Scharnier- und Schnittstellen (Goeze & Stodolka, 2019).

Im Rahmen dieses Vortrags werden die Anforderungen an ein Beratungs- und Qualifizierungskonzept vorgestellt, das diese Schnittstellen und "Position[en] des Dazwischen" (Seitter, 2013, S. 45) zum Gegenstand macht und das Intermediäre (Jenner, 2018) und Vermittelnde herausstellt. Im Sinne der Freisetzung von Innovationspotenzialen geht es um das Spannungsfeld zwischen begrenzenden Logiken der einzelnen Handlungsebenen und entgrenzenden intraorganisationalen Kooperationsanforderungen.

 

Zwischen Verbleib und Abbruch in der Alphabetisierung und Grundbildung

Jana Arbeiter1, Marie Bickert2, Lena Sindermann1, Dr. Veronika Thalhammer2
1Universität zu Köln, 2Ludwig-Maximilians-Universität München

Die Entwicklung der Erwachsenenbildung ist geprägt von vielfältigen Entgrenzungstendenzen (u. a. institutionelle, normative, didaktische Entgrenzung) (Arnold, 2011). Plurale Kursformate sind v.a. durch den Zuwachs von nonformalen und informellen Lehr-Lernstrukturen Ausdruck von Entgrenzung des Lernens Erwachsener (Hof, 2005). Zugunsten von Teilhabemöglichkeiten setzen sich auch in der Alphabetisierung und Grundbildung Veranstaltungsformate mit kursähnlichen oder "semi-institutionellen" Strukturen in eher informellen Orten der Begegnung durch (z. B. Lesecafés, Nähtreffs) (Kulmus, 2018; Rohling & Wolk-Pöhlmann, 2014). Dies nimmt Einfluss auf den Verbleib und Abbruch (Drop-out) seitens der Teilnehmenden.

Im Vortrag wird die Frage nach der Bedeutung von Drop-out in Alphabetisierungs- und Grundbildungsangeboten diskutiert, anhand der Ergebnisse von zwei Teilstudien aus dem Projekt „Dropout in der Alphabetisierung und Grundbildung“. Die 1. Teilstudie widmet sich dem theoretischen Diskurs von Drop-out in der Erwachsenenbildung bzw. in der Alphabetisierung und Grundbildung, basierend auf einem narrativen Review von insg. 62 wissenschaftlichen Beiträgen. Die 2. Teilstudie erarbeitet die Bedeutung von Drop-out in der Alphabetisierung und Grundbildung aus der Anbieterperspektive, basierend auf 9 Expert:inneninterviews (u. a. Fachbereichsleiter:innen). Die Ergebnisse verweisen auf Grenzen des erwachsenenpädagogischen Begriffsverständnisses von Drop-out in entgrenzten Angebotsformaten.

 
14:00 - 16:30Digital Ent|grenz|ung in Education – Use, Potentials and Challenges of Twitter
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 21
 

Chair(s): Johannes Schuster (Universität Leipzig), Dr. Kerstin Drossel (Universität Paderborn), Prof. Dr. Nina Kolleck (Universität Leipzig)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Sandra Hofhues (FernUniversität Hagen), Bob Blume (Windeck-Gymnasium Bühl)

In the age of digitization, digital spaces (e.g., social media platforms) play an important role in overcoming existing boundaries and the increase in their use has therefore led to processes of digital Ent|grenz|ung (dissociation), even in education, which must be considered in both educational research and practice. The social media platform Twitter, which is one of the most widely used virtual spaces by individual actors and organizations, has gained increasing influence in the education sector. Twitter has the potential to dissolve boundaries between digital and analog teaching and learning, allowing for debates in digital and analog spaces and bringing together actors from the respective spheres. However, the topic has so far received little attention in the German educational research community. Therefore, the aim of this symposium is to present and discuss different approaches to analyze potentials and challenges of Twitter in education.

 

Beiträge des Panels

 

Shaping discourse through social media – Using Foucauldian discourse analysis to explore the narratives that influence education policy

Dr. Cecile Sam
Rowan University, USA

In a Digimodern era (Kirby, 2009) where technology and social media are inextricably woven into our experience, Ent|grenz|ung seems to be taking place between experts in the field, policymakers, leaders, and laypersons. Twitter is one social media platform where the dissolution of boundaries among stakeholders seems to be taking place, where power and legitimation is determined by number of followers and influential connections rather than expertise. Through Twitter, users craft narratives about the world in three ways: through their own authored tweets, by sharing tweets of others, and linking to other resources. The “truth” of these narratives is irrelevant—it is that people believe these narratives to be true which is important. These narratives inform opinions, shape social consciousness (Giroux et al., 1999; Fowler, 2016) and ultimately motivate people to action. These narratives can be consequential because they influence how people understand policy, assign blame and responsibility, and determine what courses of action are possible and acceptable (Gee, 2005; Hill, 2001).

One of the ways to explore these narratives on Twitter is through Foucauldian discourse analysis (FDA). This presentation highlights how FDA can be used to explore narratives around educational policy, and more specifically focuses on recent educational reforms in the United States.

 

Education in times of crisis – How private actors gain influence on Twitter

Johannes Schuster, Prof. Dr. Nina Kolleck
Universität Leipzig

The outbreak of the COVID-19 pandemic led to enormous societal changes worldwide and forced countries to close school. Particularly in countries with comparatively low levels of digitalization in schools, this situation opened up opportunities for private actors to gain influence in the education sector (e.g., Williamson, 2020). On social media platforms, such as Twitter, private actors face comparatively little barriers to participate in education-related debates and shape discourses (Malin & Lubienski, 2015). For this article, we draw on policy network approaches and network theory to analyze Twitter discussions around digital learning and homeschooling just before and after the decision to close schools in Germany due to the COVID-19 crisis. We use social network analysis to identify the actors involved and their influences in the issue-specific Twitter communication network. Our results indicate that the network is mainly dominated by individual education-related actors and small and medium-sized enterprises that benefit from the blurring boundaries between private and public. Furthermore, Twitter is used as a forum to promote their own products and platforms, including by globally operating companies such as Microsoft and YouTube, while public actors remain barely visible. Our findings help illustrate the different actors involved in Twitter debates about education and may contribute to a broader understanding of Twitter use in education policy.

 

Virtual networks as boundaryless learning spaces for teachers – How do teachers in Germany cooperate in cross-school virtual networks via Twitter and what use and costs do they see in this form of cooperation?

Daniela Conze, Dr. Kerstin Drossel, Prof. Dr. Birgit Eickelmann
Universität Paderborn

In the age of digitization, the (continuous) training and cooperation of teachers are important building blocks for the successful implementation of digital media in schools and classrooms (Drossel et al., 2019). With Web 2.0 and social media, teachers can now network and cooperate with each other virtually, independent of time and place, which also allows them to continue their education and training in a self-directed manner. Teachers in Germany, for example, exchange job-related information using the hashtag #twitterlehrerzimmer and interact across disciplines beyond the boundaries of their own schools, federal states and even worldwide (Carpenter & Krutka, 2014). How often teachers engage in this kind of cooperation and which advantages they attribute to it has rarely been investigated for German-speaking teachers networking via Twitter.

To address this research desideratum, this empirical paper uses data from teachers using Twitter for work-related purposes and participating in a survey in June 2019 (N=124) to investigate how often these teachers share and draw on job-related information via Twitter. Descriptive evaluation methods are also used to examine what benefits teachers perceive in Twitter collaboration for themselves and their professional learning as well for their school or students, and what costs it entails from their perspective.

 

Twitter, cyber-violence, and the need for a critical social media literacy in teacher education

Dr. Joelle Marie Nagle
Western University, Kanada

Relying on digital tools during a global pandemic creates new educative spaces and opportunities for teaching and learning that transcend the boundaries of the physical classroom. Social media networking offers educators the ability to connect and to share new strategies and work through problems of practice (e.g., Carpenter & Krukta, 2014). While new research reports on the experiences of harassment and abuse of women scholars in higher education via social media (Veletsianos, 2018), there is little discussion in teacher education that addresses the ethical implications of using social media. This omission is of notable concern given the potential for online spaces to be unsafe. The social media site Twitter, used and promoted by educators to collaborate in professional learning networks (e.g., Carpenter & Krutka, 2015), is rife with misogyny and racial violence. Based on a systematic review on social media use in teacher education with a multi-disciplinary perspective on issues of cyber-violence, I discuss ethical implications for teacher educators who want to use Twitter as a pedagogical tool and offer a framework to develop critical social media literacy practices with students.

 
14:00 - 16:30Ent- und Begrenzungen durch Digitalisierung: Perspektiven auf Teilhabe in der Erwachsenenbildung/Weiterbildung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 20
 

Chair(s): Dr. Christian Bernhard-Skala (Deutsches Institut für Erwachsenenbildung (DIE), Deutschland), Prof. Dr. Matthias Rohs (TU Kaiserslautern)

Die Be- und Entgrenzung von gesellschaftlicher und bildungsbezogener Teilhabe in und durch Erwachsenenbildung/Weiterbildung (EB/WB) wird in Politik und Praxis kontrovers diskutiert. Die Digitalisierung von EB/WB lässt sich als ein sozialer Aushandlungsprozess beschreiben, in dem technologische Affordanzen und Anforderungen gesellschaftlicher Akteure an EB/WB auf Überzeugungen von Professionellen der EB/WB treffen. In dieser Perspektive rückt angesichts der Teilhabefrage das professionelle Handeln und dessen Gestaltungsmöglichkeiten in der Digitalisierung in den Fokus. Das Symposium widmet sich den Be- und Entgrenzungen von Teilhabemöglichkeiten in der Digitalisierung. In verschiedenen theoretischen Perspektiven werden Facetten der Be- und Entgrenzung von Teilhabe deutlich gemacht und Gestaltungsoptionen für Teilhabe durch die Digitalisierung aufgezeigt.

 

Beiträge des Panels

 

Corona-Pandemie und Weiterbildung - Auswirkungen auf Angebotsgestaltung und Beteiligungsmöglichkeiten

Stefanie Dernbach-Stolz, Prof. Dr. Erik Haberzeth
Pädagogische Hochschule Zürich

Für die Sicherung der Weiterbildungsbeteiligung kommt Weiterbildungsanbietern eine zentrale Funktion zu. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie beeinflussen die Leistungserstellung der Anbieter erheblich. Sie führen zu einer weitreichenden Digitalisierung des Angebots und regen dazu an, neue Settings zu entwickeln (SVEB, 2021). Diese Veränderungen können mit Blick auf die Teilnahme an Weiterbildung je nach Zielgruppe sowohl entgrenzende als auch begrenzende Wirkungen entfalten (Autorengruppe Bildungsberichterstattung, 2020). Empirische Erkenntnisse dazu, welche Auswirkungen diese Entwicklungen auf die Weiterbildung und die Teilhabe an Weiterbildung haben, liegen bisher kaum vor. Hier setzt der Beitrag an. Auf Basis qualitativer Fallstudien wird zum einen aufgezeigt, wie sich die Angebotsgestaltung durch die Corona-Krise und den einhergehenden Digitalisierungsschub verändert hat. Damit verbunden sind auch Erkenntnisse dazu, wie nachhaltig und umfassend die digitale Transformation des Weiterbildungsangebots ist. Zum anderen liegt ein Fokus des Beitrags auf der Abschätzung möglicher Folgen für die Beteiligungschancen unterschiedlicher sozialer Gruppen an Weiterbildung.

Autorengruppe Bildungsberichterstattung (Hrsg.) (2020): Bildung in Deutschland 2020. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildung in einer digitalisierten Welt. Bielefeld: wbv.

SVEB (2021): Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Weiterbildung. Zürich: SVEB.

 

Bereichsethisch fundierte Grenzziehungen im Kontext der Erwachsenen- und Weiterbildung

Dr. Nils Bernhardson-Laros1, Prof. Dr. Matthias Rohs2
1Universität der Bundeswehr München, 2TU Kaiserslautern

Ein wesentliches ethisches Problem, das bzgl. der Digitalisierung im Feld der Erwachsenen-/Weiterbildung (EB/WB) zu beobachten ist, besteht darin, dass sich Lehrende, Anbieter und Verbände gefordert sehen, moralische Kommunikation (Krohn, 1999) zu nutzen, um sich von Erwartungen bzgl. des Einsatzes digitaler Technologien abzugrenzen. Diese werden von außen, aus anderen gesellschaftlichen Tätigkeitsfeldern und Funktionsbereichen, an die Akteure der EB/WB herangetragen, wie z. B. der umfassende Einsatz digitaler Lehr-/Lernmedien. Diese und ähnliche Erwartungen können in Konflikt mit individuellen Werthaltungen und im Feld etablierten Normen wie z. B. Mündigkeit oder soziale Teilhabe treten. Im Rahmen des Beitrags wird u. a. diskutiert, mit welchen ethischen Fragen und Dilemmata die Akteure im Feld der EB/WB durch die Digitalisierung konfrontiert sind und wie eine bereichsethische Unterstützung des Feldes in diesen Fragen aussehen kann. Bei der Bearbeitung und Diskussion dieser Fragen orientieren wir uns an einem theoretischen Modell zur Erfassung moralischer Probleme und ethischer Fragen in der EB/WB (Bernhardsson-Laros, 2020).

Bernhardsson-Laros, N. (2020). Moralische Probleme und ethische Fragen von Lehrenden der Erwachsenen- und Weiterbildung. Zeitschrift für Weiterbildungsforschung 43(1), 13-30.

Krohn, W. (1999). Funktionen der Moralkommunikation. Soziale Systeme, 5(2), 313–338.

 

Dimensionen einer Digitalen Grundbildung für die gesellschaftliche Teilhabe

Prof. Dr. Ilka Koppel
Pädagogische Hochschule Weingarten

Mit zunehmender Digitalisierung ändern sich Wege und Modalitäten der gesellschaftlichen Teilhabe. Für die aktive Teilhabe sind daher nicht nur Grundkompetenzen im Bereich Schriftsprache und Rechnen, sondern auch im Umgang mit digitalen Medien notwendig. Mit der Digitalisierung erhöht sich damit aber das Risiko des Teilhabeausschlusses gering literalisierter Erwachsener (Buddeberg, 2019). Während die klassischen Grundkompetenzen bisher recht stabile Konstrukte waren, die keinen schnellen Veränderungsprozessen unterlagen, stellen digitale Kommunikations- und Handlungsräume höchst vielfältige, schnell veränderliche abstrakte Anforderungen an die Grundbildung (Koppel & Wolf, 2021). Um das Ziel gesellschaftlicher Teilhabe zu erreichen, bedarf es daher eines Konzepts für eine digitale Grundbildung. Der alleinige Rückgriff auf objektiv prüfbare, tendenziell statische Kompetenzdefinitionen erscheint aber aufgrund des schnellen Fortschreitens technologischer Innovationen nicht ausreichend. In dem Beitrag wird daher der Frage nachgegangen, welche Perspektiven einzubeziehen und welche (Kompetenz)Dimensionen für eine digitale Grundbildung zu berücksichtigen sind.

Buddeberg, K. (2019). Digitale Praktiken und Grundkompetenzen. Alpha-Dekade-Konferenz, Hamburg.

Koppel, I. & Wolf, K. (2021). Digitale Grundbildung in einer durch technologische Innovationen geprägten Kultur. Zeitschrift für Pädagogik, 1, 182–199.

 

Audiovisuelle digitale Praktiken als Erweiterung kommunikativer und informativer Handlungsfähigkeit

Dr. Klaus Buddeberg1, Prof. Dr. Petra Grell2
1Universität Hamburg, 2TU Darmstadt

Digitale Kommunikation gilt im Kontext von Mediatisierung trotz persistenter digitaler Ungleichheit als weitgehend ubiquitär. Veränderte Kommunikationsformen verlassen das Feld der schriftlichen Kommunikation und nutzen audiovisuelle Pfade. Gering literalisierte Erwachsene berichten häufige Nutzung audiovisueller/rezeptiver Praktiken (Buddeberg & Grotlüschen, 2020). In der Grundbildungsforschung ist damit oft implizit eine Interpretation als Vermeidungsstrategie verbunden. Demnach eröffnen Sprachnachrichten zwar ein höheres Maß von Teilhabe, aber um den Preis möglichen Kompetenzverlustes. Der Beitrag nimmt auf Basis der LEO Studie 2018 den Wechsel zu einer medienpädagogischen Sichtweise vor, die audiovisuelle Praktiken als Erweiterung kommunikativer und informativer Handlungsfähigkeit fokussiert. Jüngere Altersgruppen und Migrant*innen nutzen häufig diese erweiterten Handlungsoptionen. Im internationalen Vergleich finden audiovisuelle Praktiken in Deutschland selten Anwendung (Hootsuite, 2021). Wir stellen die Frage zur Diskussion, wieviel die deutsche Gesellschaft von ihren jüngeren Mitgliedern und von Migrant*innen lernen kann, um hier aufzuholen.

Buddeberg, K. & Grotlüschen, A. (2020): Literalität, digitale Praktiken und Grundkompetenzen. In: A. Grotlüschen & K. Buddeberg (Hrsg.): LEO 2018 – Leben mit geringer Literalität. Bielefeld: wbv, 197-225.

Hootsuite (2021): Digital 2021: Global Overview Report. https://datareportal.com/reports/digital-2021-global-overview-report

 
14:00 - 16:30Entgrenzte Bildungsprozesse – zur Vulnerabilität von Biographien im Kontext von Flucht und Migration
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 24
 

Chair(s): Prof. Dr. Juliane Engel (Goethe Universität Frankfurt, Deutschland), Prof. Dr. Bettina Fritzsche (PH Freiburg)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Christine Riegel (PH Freiburg)

Das internationale und interdisziplinäre Symposium geht empirisch und bildungstheoretisch der Frage nach, wie sich Biographien im Kontext von Flucht und Migration als entgrenzte und entgrenzende Bildungserfahrungen untersuchen lassen. Hierzu wird der Begriff der Vulnerabilität aus vier Perspektiven für erziehungswissenschaftliche Diskussionen fruchtbar gemacht: Unter Bezug auf die (Un-)Möglichkeit des (biographischen) Sprechens für Subjekte, die in Ländern des globalen Nordens als flucht*migriert sind, im Blick auf Praktiken der separierenden Platzierung in Schule und Unterricht, auf der Grundlage einer Analyse von Elternengagement und schließlich am Beispiel von Artikulationen von Sprache und Differenz in schulischen Kontexten Deutschlands und Österreichs.

 

Beiträge des Panels

 

„Flüchtling“ werden. Subjektivierungstheoretische Überlegungen zu den Grenzen von (Biographie-) Forschung im Kontext von Flucht*Migration

Prof. Dr. Nadine Rose, Dominik Schütte
Universität Bremen

Der Beitrag beschäftigt sich mit der Frage nach der (Un-)Möglichkeit des (biographischen) Sprechens für Subjekte, die in Ländern des globalen Nordens als flucht*migriert markiert werden. Dabei werden empirische Ergebnisse diskutiert, die den einschränkenden wie ermöglichenden Konsequenzen der (Be-)Sprechbarkeit erzeugenden Flüchtlingskategorisierung nachgeht. Aufgrund der Prekarität wie Vulnerabilität der (sprachlichen) Anwesenheit flucht*migrierter Subjekte, wird ihnen ein, an ein hegemonial-dominanzgesellschaftliches (Rommelspacher 1998) Sprechen angelehntes, Sprechen (über sich selbst und ihre Biographie) zugemutet, das von einem Netz von Formationsregeln und Äußerungsmodalitäten geprägt ist. Ihre Sprechakte sollen deshalb als Erwiderungen auf dominanzgesellschaftliche Anrufungen an ihre Biographien – als Erzählungen über sich selbst – verstanden werden. Die Wiederholung dieser Erwiderungen, so lässt die Analyse erkennen, bringt eine spezifische (Subjekt-)Erzählung hervor, die wir als „Legitimitäts- und Dankbarkeitserzählung“ lesen und auf der Basis des empirischen Materials nachzeichnen möchten. Die Erwiderungen verweisen dabei auf den doppelten Charakter der Subjektivierung: Auf der einen Seite müssen sich die Erzählungen dominanzgesellschaftlich akzeptierten Erzählcodes unterwerfen und auf der anderen Seite machen sie Platz für Verschiebungen, sie sind „almost the same, but not quite“ (Bhabha 1984, 127).

 

Biographie und Raum. Schulische Segregation als begrenzende Bildungserfahrung

Prof. Dr. Juliane Engel, Cristina Diz-Munoz
Goethe Universität Frankfurt

Der geplante Beitrag diskutiert empirische Ergebnisse eines drittmittelgeförderten Forschungsprojekts einer Exzellenzinitiative. Untersucht wurden (Bildungs-) Biographien (ehemaliger) Schüler*innen sogenannter „Türken- und Übergangsklassen“ in Bayern. Dabei soll nicht zuletzt der gesellschaftshistorische und -politische Kontext der sogenannten türkischen Arbeitsmigration in den Blick genommen und die (damals) alltäglich praktizierte Form der (räumlichen) Selbst- und Fremdverortung in Schule und Unterricht in ihren biographisierenden Potentialen präsentiert werden. So zeigen die videobasierten Analysen biographischer Interviews, dass wir es hier mit einer vulnerablen Gruppe zu tun haben. Praktiken der separierenden Platzierung sowie damit verbundene, verletzte Biografien im Kontext minorisierender und marginalisierender Zugehörigkeits(an-)ordnungen lassen sich empirisch rekonstruieren und bildungstheoretisch erfassen. Auf diese Weise werden Ansätze der relationalen Raum- und bildungsorientierten Biographieforschung auf neue Weise verbunden. Die Verschränkung von empirischen Daten (Fragebogenerhebungen, biografische Erzählungen, organisational bzw. kontextuelle Bedingungen der sog. „Türken- und Willkommensklassen“, videographic walks mit den ehemaligen Schüler*innen durch Schul- und Unterrichtsräume) erlauben einen differenzierten Blick auf ein bisher bildungsgeschichtlich wenig beachtetes Phänomen deutsch-türkischer Migrationsgeschichte und Gegenwart

 

Bildungsbiographien in Verhältnissen von (postkolonialen) Be- und Entgrenzungen – eine Fallanalyse zum Elternengagement im Schulkontext

Dr. Oxana Ivanova-Chessex1, Dr. Wiebke Scharathow2, Lalitha Chamakalayil3
1PH Zürich, 2PH Freiburg, 3FHNW, HSA

Eltern werden diskursiv zunehmend als Bildungsakteur*innen angesprochen. Ihre individuelle Leistungs- und Engagementbereitschaft gilt als eine wichtige Bedingung erfolgreicher Bildungsverläufe ihrer Kinder (vgl. Jergus, 2018, 2019). Im Kontext von Migrationsgesellschaft und Postkolonialität sind elterliche Vulnerabilitäten bezogen auf diese gesellschaftlichen Anrufungen ungleich verteilt. Wie können Eltern, deren Alltag durch Be- und Entgrenzungen strukturiert ist, sich für die Bildung ihrer Kinder engagieren und wie ist dieses Engagement biographisch verortet? Dem wird im vorliegenden Beitrag anhand der Rekonstruktion (vgl. Dausien, 2010; Rosenthal, 2011) eines biographischen Interviews (vgl. Schütze, 1983) mit einer Mutter nachgegangen. Mit der subjektivierungstheoretischen Perspektivierung (vgl. Butler, 2001, 2006) wird herausgearbeitet, wie elterliche Sprache – als Sprache der Kolonisierung wie auch als Sprache der Flucht – und elterliches Sprechen im Schweizer Schulkontext mit rassialisierten und (neo)-linguizistischen (vgl. Aygün-Sagdic et al., 2015; Dirim, 2010) Begründungsfolien als (il)legitim hervorgebracht und erfahren wird. Das elterliche Handeln an der Schnittstelle zwischen den biographischen Erfahrungen, elterlichen Ansprüchen und gesellschaftlichen Anrufungen rückt dabei in den analytischen Blick. Die Grundlage dieser Analysen sind Daten aus einem vom SNF geförderten Forschungsprojekts zu Eltern und Schule im Kontext gesellschaftlicher Ungleichheiten.

 

„…wenn sie auf Kopf schlagen: ‚Nein du kannst nicht.‘“ Zur stickiness von Vulnerabilitätserfahrungen im schulischen Kontext

Natascha Khakpour
PH Freiburg

Stickiness ist mit Sara Ahmed, “an effect of the histories of contact between bodies, objects, and signs” (2004, S. 90), ein Resultat sich wiederholender, ideologisch-affektiv vermittelter, Erfahrung. In meinem Beitrag beziehe ich mich auf Ergebnisse meines, im Rahmen der HBS-Nachwuchsforschungsgruppe zu Bildungskontexten Flucht/Migration entstandenen, Dissertationsprojekts, dem die Analyse von Artikulationen von Sprache und Differenz in schulischen Kontexten Deutschlands und Österreichs zugrunde lag. Anhand von biographisch orientierten Interviews konnte die Bedeutsamkeit der Signifikationspraxis Deutsch-Können, wie sie sich in schulischen institutionalisierten Verfahren sowie in Interaktionen artikuliert, für (Selbst-)Bildungsprozesse rekonstruiert werden. Ziel des Konferenzbeitrags ist es, darauf aufliegend, zu einer vulnerabilitätssensiblen Lektüre biographischer Konstruktionen zu gelangen. Vulnerabilität wird hierbei als paradoxe Kategorie verstanden, der Verletzlichkeit, ebenso wie das Potenzial zur Entwicklung neuer Formen (kollektiver) Handlungsmacht inhärent sein können (Castro Varela/Dhawan 2016, S. 14). Der analytische Zugriff, der sich mit der Frage nach der „Klebrigkeit“, etwa von rassismusrelevanten Anrufungen (Rose 2012), verbindet, stellt deren affektive Dimension in den Vordergrund und erlaubt, so mein methodologischer Einsatz, eine nicht-essenzialisierende Perspektive auf Vulnerabilität und deren Erfahrung.

 
14:00 - 16:30Entgrenztes Wissen? Pädagogische Ratgeber im Fokus der Erziehungswissenschaft
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 15
 

Chair(s): Prof. Dr. Jens Oliver Krüger (Universität Koblenz-Landau, Deutschland), Sofia Konrad (Universität Koblenz-Landau)

Das Symposium widmet sich dem Wissen pädagogischer Ratgeber und reflektiert die Vielschichtigkeit der aktuellen erziehungswissenschaftlichen Zugänge zu entsprechenden Publikationen.

Für die Auseinandersetzung mit pädagogischen Ratgebern sind Grenzziehungen in mehrfacher Hinsicht bedeutsam:
- Epistemisch stellt sich die Frage nach der genauen Abgrenzbarkeit zwischen erziehungswissenschaftlichem und ratgeberischem Wissen.
- Handlungslogisch stellt sich die Frage nach der Abgrenzung zwischen Theorie und Praxis.
- Professionstheoretisch ist die Abgrenzung zwischen beratungsbedürftigen Laien und Expert*innen zu hinterfragen.
- Und schließlich lässt sich fragen, wie Grenzen der pädagogischen Handlungsfähigkeit in pädagogischen Ratgebern zum Thema gemacht werden.

In Bezug auf diese Fragehorizonte präsentiert das Symposium unterschiedliche empirische und theoretische Zugänge zur pädagogischen Ratgeberliteratur und bringt diese miteinander ins Gespräch.

 

Beiträge des Panels

 

Versuche, das Feld pädagogischer Ratgeber zu begrenzen und zu systematisieren

Dr. Jakob Kost
PH Bern, Schweiz

Mit der zunehmenden Konjunktur der Ratgeberforschung (Schmid et al. 2019) wird deutlich, dass die Gegenstandsbestimmung von „Ratgebern“, Forschende vor einige Herausforderungen stellt.

Bisherige Arbeiten haben sich an Themen, Perspektiven und medialen Vermittlungsformen (Zeitschriften, Buchratgeber, Elternbriefe etc.) unterschiedlicher Ratgebermedien orientiert (Oelkers 1995). Erziehungswissenschaftliche Arbeiten haben sich insbesondere auf Ratgeber in Buchform konzentriert (Schmid 2008) und argumentiert, Ratgeber würden ein eigenes Genre darstellen (Höffer-Mehlmer 2003). Daneben liegen Arbeiten vor, die sich bei der Analyse populärpädagogischen Wissens auf Magazine und Elternzeitschriften (Kingma 1996) oder Elternbriefe (Kost 2010) beziehen. Zunehmend wird auf die Absenz einer, den Ratgeber in Buchform überschreitende, Systematisierung des Feldes populärpädagogischen Wissens hingewiesen (Schmid 2016), welche den angedeuteten inhaltlichen Aspekten, strukturellen Dimensionen und medialen Vermittlungsformen Rechnung trägt.

Der Beitrag beleuchtet bisherige Systematisierungsversuche populärpädagogischer Ratgeber entlang ihrer thematisch-inhaltlichen Ausrichtung und rekonstruiert deren vielfältige Prämissen. Dabei werden Probleme vereindeutigender Gegenstandsbestimmungen ersichtlich und ein möglicher Ausweg aus textlinguistischer Perspektive skizziert. In der abschließenden Diskussion werden diese Herausforderungen kondensiert und Anregungen für die weitere Forschung formuliert.

 

Grenzen der Aneignung? Eine qualitative Explorationsstudie zur Inanspruchnahme von Ratgebermedien durch Eltern und frühpädagogische Fachkräfte

Prof. Dr. Ulf Sauerbrey, Liubov Andreeva
Hochschule Neubrandenburg

Nicht nur Laien, sondern auch pädagogische Fachkräfte nutzen Ratgebermedien (Cleppien et al. 2021). Der Beitrag referiert Ergebnisse einer laufenden Studie, finanziert durch eine hochschulinterne Forschungsförderung, zur Inanspruchnahme von Eltern und frühpädagogischen Fachkräften anhand von 20 Interviews. Wir erfassen die subjektiven Perspektiven von Eltern und Fachkräften durch offen angelegte, problemzentrierte Video- und Telefoninterviews (vgl. Keller 2008; Jahn 2012; Zeller 2018). Ausgewertet werden die Transkripte mittels qualitativer Inhaltsanalyse gemäß Kuckartz (2016) unter Verwendung der Software MAXQDA im konsensuellen Kodieransatz. Im Zentrum stehen Fragen nach Themen, medialen Formaten (gedruckten und digitalen) und Nutzungsmotiven. Erste Befunde hierzu deuten insbesondere im Vergleich zu genuin wissenschaftlicher Fachliteratur an, dass die Popularität einiger Ratgeberautor*innen, eine ihnen zugeschriebene Expertise, ein konkreter Problembezug und eine hohe Verständlichkeit/Anschaulichkeit bei der Wissensvermittlung eine Rolle bei der Ratgeberauswahl spielen. Der aneignende Zugriff auf Ratgebermedien scheint in beiden Gruppen jedoch meist fallspezifisch selektiv und reflexiv zu erfolgen. Die interviewten Fachkräfte nutzen Ratgeber im Vergleich zu den Eltern etwas differenzierter und betonen im Hinblick auf das rezipierte Ratgeberwissen den ‚eigenen Kopf‘. Geschildert werden aber auch Situationen, in denen sie bei der Ratgebernutzung ‚an ihre Grenzen gelangen‘.

 

„Bis hierher und (nicht) weiter“? Konfigurationen der (Ent-)Grenzung in kontrastierenden Sparten zeitgenössischer Ratgebermedien

Prof. Dr. Nicole Hoffmann
Universität Koblenz-Landau

„Erkenne deine Grenzen“, „Kinder brauchen Grenzen“, „Wie Sie durch Selbstoptimierung Ihre eigenen Grenzen sprengen“ – Formulierungen dieser Art gehören oftmals zum Leistungsversprechen eines Genres, das ‚Grenzfragen‘ menschlicher Entwicklung auf spezifische Weise aufgreift: die sog. Ratgeber-Medien. Dieser – erziehungswissenschaftlich seltener berücksichtigte – Bereich informeller Lernangebote ist geprägt von einer großen thematischen Breite, diversen konzeptionellen Anlagen sowie von heterogenen Sprechpositionen und Zielgruppen. ‚Grenzen‘ haben hier viele Gesichter; sie sind mal zu setzen, mal zu achten, mal zu überschreiten... Aus dem weiten Feld dieser Gattung greift der geplante Beitrag kontrastierende Sets zeitgenössischer Ratgeber aus den Sparten ‚Lebensführung‘, ‚Beruf‘ und ‚Erziehung‘ heraus, um – auf Basis einer argumentationsorientierten Dokumentenanalyse – die dort anzutreffenden Konfigurationen der (Ent-)Grenzung zu portraitieren und nach ihrer legitimatorischen Einbettung zu fragen.

 
14:00 - 16:30Entgrenzung fremder Orte: Organisation(en) und ihre Spielräume Organisationspädagogische und andere Grenzbearbeitungen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 03
 

Chair(s): Prof. Dr. Olaf Dörner (Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg,), Prof. Dr. Sebastian Manhart (Universität der Bundeswehr München), Prof. Dr. Christoph Damm (Hochschule Magdeburg-Stendal)

Das Symposium thematisiert organisierte Praktiken der Be- und Entgrenzung, (organisations-)pädagogische Formen der Grenzbearbeitung, der Öffnung für neue Zielgruppen und kategoriale Muster in analog wie digital organisierten Bildungszusammenhängen. Organisationen erzeugen eine personenverändernde Dynamik, indem sie Zugänge nach eigenen kategorialen Mustern begrenzen und soziale Gruppen über strukturelle Erwartungen auseinanderordnen, um sie für eigene Ziele zu koordinieren. Vertrautheit und Fremdheit sind Elemente einer produktiven Unterscheidung, die es erlaubt, die Dynamik des Verhältnisses von Organisationen, Gruppen und Personen auf den Ebenen des kommunizierten wie erfahrenen Sinns von Bildungsprozessen zu beschreiben. Organisationale Öffnungsstrategien stellen die beteiligten Akteure vor die Herausforderung, die Grenzen des Vertrauten zu überwinden, sich bis dahin Fremdes zu eigen zu machen: im Fremden das Vertraute und im Vertrauten das Fremde aufzusuchen.

 

Beiträge des Panels

 

Digitale Entgrenzung als Organisation fremder Orte

Prof. Dr. Sebastian Manhart1, Dr. Thomas Wendt2
1Universität der Bundeswehr München, 2Universität Trier

Digitalisierung konstituiert reale Orte interaktiver Virtualität. Deren anfängliche Fremdheit beruht auf den Eigenheiten technisch vermittelter Kommunikation. Leibliche Begrenzungen der Interaktion im physischen Nahraum werden durch technische Beschränkungen zeitlicher Synchronisation abgelöst. Arbeit, Unterricht und Hilfe lösen sich von den Anforderungen physischer Co-Präsenz. Das relativiert analoge Muster des Kontakts zwischen Lehrenden und Lernenden, Klient:innen und Fachkräften. In der Nutzung wird ein Vertrauen in die Möglichkeiten virtueller Zeit-Räume erlernt, das neue Grenzen und alte Probleme kaschiert. Analoge Formen der Interaktion werden nun zunehmend fremd. Die Ablösung vom physischen Ort und die beständige Erneuerung sozialer Begrenzungen und Regeln sind in der modernen Form der Organisation strukturell längst vorbereitet. Nicht nur Bildungsorganisationen fördern das Erlernen ausschließlich sozial erzeugter Vorgaben. Organisationen fordern und habitualisieren jene Offenheit des Subjekts für den beständigen Wechsel zwischen Vertrautheit und Fremdheit, die der Beitrag als Voraussetzung der Digitalisierung diskutiert. Digitale Fernsynchronisation baut organisationale Muster des Auseinanderordnens von Sozialität aus und verändert damit Arbeitszusammenhänge und Lehr-Lern-Arrangements. Diese Entwicklung folgt einer langlaufenden organisationspädagogischen Praxis, die nun aber ihrerseits fremd zu werden droht.

 

Begrenztes Mandat im entgrenzten Raum. Transformation Sozialer Arbeit infolge der Digitalisierung

Prof. Dr. Christoph Damm
Hochschule Magdeburg-Stendal

Soziale Arbeit „als umfassender Reparaturbetrieb für die zentrifugalen Folgen der Industrialisierung“ (Sascha Weber, 2020) ist in dreifacherweise mandatiert: Klient:innenbezogene Hilfeleistungen, staatliche Kontrollfunktionen und professionelle Ansprüche der Sozialarbeiter:innen stehen in einem spannungsreichen, für die soziale Arbeit konstitutiven Verhältnis. Die wachsenden Anforderungen und Überlegungen, Soziale Arbeit im virtual space durch digitalisierte Hilfs-, Dienstleistungs-, Beratungs- und Bildungsangebote auch dort zu verorten, wo sich ihre Adressat:innen aufhalten, lässt diese gewachsene Mandatierungsstruktur mindestens im Hinblick auf die staatliche Kontrollfunktion wanken: Der virtual space ist räumlich wie rechtlich entgrenzt und es ist unklar, ob staatliche Kontrolle durch Serverstandorte, Providersitze oder Interaktionsorte gegenüber privaten Dienstanbietern legitimiert wird. Aufbauend auf der Problematisierung eines begrenzten Mandats Sozialer Arbeit wird im Beitrag diskutiert, welche Ableitungen sich vor dem Hintergrund der Herausbildung Sozialer Arbeit infolge der Industrialisierung für eine Transformation Sozialer Arbeit infolge der Digitalisierung ziehen lassen.

 

Der ausgeübte Beruf als fremder Ort. Entgrenzung des Normallebenslaufs durch berufliche Wechseln

Stefan Rundel
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

Seit der These der Institutionalisierung des Lebenslaufs von Martin Kohli (1985, 2003) gilt der Normallebenslauf als (Identitäts-)Norm für die Berufsbiographie. Er strukturiert die Lebensführung entlang einer Bildungs-, Erwerbs- und Ruhephase. Demgegenüber zeigen Studien aus der Berufssoziologie, dass fast 50 Prozent der Berufstätigen mindestens einmal ihren Beruf wechseln (vgl. Karl Ulrich Mayer et al., 2010). Da in Deutschland der Zugang zu Berufen nach wie vor an die Vergabe von Bildungstiteln gekoppelt ist, geht ein beruflicher Wechsel (meist) mit der Teilnahme an (organisierter) Weiterbildung einher. Ergebnisse aus einem qualitativ-empirischen Forschungsprojekt zeigen, inwiefern der Beruf vor einem Wechsel als fremder, problematischer Ort erfahren wird und der Wechsel durch Bildungsorganisationen prozessiert wird. Dabei treten alte und neue (Identitäts-)Normen in ein Spannungsverhältnis zur Handlungspraxis (vgl. Ralf Bohnsack, 2017). An dieser Schwelle zwischen bisherigem und fremden Beruf und neuem Beruf setzt der Beitrag an und fragt danach, inwiefern durch die Praxis der beruflichen Wechsel der Normallebenslauf entgrenzt wird, bzw. sich neue Grenzen in Bezug auf den Beruf ergeben. Dabei werden in biographischer Perspektive Berufswechsler*innen betrachtet, deren Wechsel von einem alten, fremden Beruf in einen neuen Beruf durch die Teilnahme an Weiterbildung organisiert wird.

 

Fremde Vertrautheit, vertraute Fremdheit – Hochschulen als (Weiter-)Bildungsorte für Erwachsene mit einer geistigen Behinderung?

Prof. Dr. Olaf Dörner, Katharina Maria Pongratz
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

Geistig behinderte Erwachsene gehören nicht zur Adressatenschaft der wissenschaftlichen Weiterbildung. Inwiefern sie es sein können, sollten und sind, ist angesichts des Diskurses über Inklusion eine berechtigte, notwendige und insbesondere empirisch zu klärende Frage (Bettina Fritzsche et al., 2021). Für wissenschaftliche Weiterbildung als die für Erwachsenen- und Weiterbildung an Hochschulen zuständige Institution ist es daher notwendig, sich zu positionieren (Marc Ruhlandt, 2021). In unserem Beitrag möchten wir anhand von Ergebnissen eines qualitativ-empirischen Forschungsprojektes zur Rekonstruktion von Bildungsorientierungen geistig behinderter Erwachsener, die an hochschulischen (Bildungs-)angeboten teilnehmen bzw. diese mitgestalten
a) die Frage fokussieren, inwieweit Hochschulen fremde und/oder vertraute Orte für sie sind,
b) aufzeigen, inwieweit hochschulische Weiterbildungsangebote für diese Gruppe von Bedeutung sind und schließlich
c) Möglichkeiten und Grenzen wissenschaftlicher Weiterbildung für und mit geistig behinderten Erwachsenen zur Diskussion stellen.

 
14:00 - 16:30Entgrenzungen des Pädagogischen. Schule, Lehrpersonenbildung und soziale Bewegungen 1920 bis 1980
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 23
 

Chair(s): Dr. Andrea De Vincenti (Pädagogische Hochschule Zürich, Schweiz), Prof. Dr. Norbert Grube (Pädagogische Hochschule Zürich, Schweiz), Prof. Dr. Andreas Hoffmann-Ocon (Pädagogische Hochschule Zürich, Schweiz)

Im 20. Jahrhundert suchten verschiedene soziale Bewegungen die Gesellschaft zu mobilisieren und mit pädagogisierenden Ambitionen zu verbessern. Ihre grenzüberschreitend global zirkulierenden vielfältigen, (massen)medial verbreiteten Wissensbestände waren mit lokalen Protestformen und verschiedenen gesellschaftlichen Teilbereichen verwoben, so auch mit Bildungs- und Erziehungsinstitutionen. Die AG erkundet bildungshistorisch-vergleichend und quellennah die Verflechtungen der durch Zirkulation entgrenzten verschiedenen, auch pädagogischen Wissen zwischen den Praxisfeldern von Schule, Lehrpersonenbildung und sozialen Bewegungen an deutschen und schweizerischen Fallbeispielen zwischen 1920 und 1980. Diskutiert wird, wie durch soziale Bewegungen forcierte Wissensformen im Bildungsfeld sowohl als Aufbruch und Autoritätsverschiebung, gleichzeitig aber auch als krisenhaft-unübersichtliche, entgrenzende Umordnungen verstanden werden konnten, sodass Wissenskämpfe um das Pädagogische entstanden.

 

Beiträge des Panels

 

Vom ausgegrenzten Dissidententum zum Schulfach: Sozialreformerische Kämpfe um den Lebenskundeunterricht zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Dr. Elija Horn
Ausbildungsinstitut für Humanistische Lebenskunde des HVD Berlin-Brandenburg

Im Jahr 1920 fand in Berlin erstmals ein dezidiert weltlich ausgerichteter Werte- und Moralunterricht statt – der Lebenskundeunterricht. Die Einrichtung dieses Schulfachs war das Ergebnis jahrzehntelanger Bemühungen und Kämpfe von Akteur*innen verschiedener sozialer Bewegungen – sowohl aus dem Kontext proletarischer Kirchenaustrittsbewegungen, sozialdemokratischer Frauenbewegung als auch bürgerlicher Ethik-Gesellschaften. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es Initiativen zur nichtkonfessionellen sittlichen Unterweisung der Jugend, die jedoch keine staatliche Unterstützung fanden und teils Verfolgungen durch die Justiz nach sich zogen. Die Einführung eines weltlichen Lebenskundeunterrichts an staatlichen Schulen vollzog sich in der Weimarer Republik, häufig in reformpädagogischen Versuchsschulen, z.B. an Fritz Karsens Karl-Marx-Schule in Berlin-Neukölln.

Der Vortrag vollzieht anhand von historischen Quellen die Zirkulation politischer und sozialreformerischer Ideen zwischen verschiedenen sozialen Bewegungen und pädagogischen Konzepten und Zielstellungen nach, die in ein institutionalisiertes Schulfach in der Weimarer Republik mündeten. Mit der Quellenanalyse von Assessorenarbeiten, wird ein Bezug zur Lehrkräfteausbildung hergestellt. Schwerpunktmäßig wird der Frage nachgegangen, welche grundsätzlichen Schwierigkeiten die Realisierung sozialer und politischer Ziele mittels Pädagogik für die pädagogische Umsetzung mit sich bringen.

 

Paradoxe Be- und Entgrenzungen in der Lehrpersonenbildung. Wissenszirkulation und -kämpfe im bewegten Zürich 1960-1980

Dr. Andrea De Vincenti, Prof. Dr. Norbert Grube, Prof. Dr. Andreas Hoffmann-Ocon
Pädagogische Hochschule Zürich, Schweiz

Der Beitrag fokussiert im Zeitraum von Bildungsexpansion, Jugend- und Studierendenprotesten am Beispiel Zürichs, wie verschiedene Wissen, die zwischen der Lehrpersonenbildung und sozialen Bewegungen zirkulierten, durch paradoxe und konfliktreiche Aneignungen den Ausbildungsalltag von Lehramtsstudierenden prägten. Die traditionell für angehende Unterrichtende etablierten Wissensordnungen wurden mit Forderungen nach gesellschaftlichem Umbau konfrontiert und um neue, auch wissenschaftliche Elemente, neue Unterrichtsinhalte und didaktisch-dialogische Formen entgrenzend erweitert, um u.a. wahrgenommenen Rollenkonflikten in der Schule – etwa zwischen Förderung der Mündigkeit und Selektion, Autorität und Emanzipation – zu begegnen. Untersucht wird, wie dieses Wissen in der Lehrpersonenbildung mit Forderungen und performativen Ansätzen neuer sozialer Bewegungen verwoben war, etwa bei Leitbildern der Gemeinschaft, Solidarität, Selbstbestimmung, Partizipation, Ganzheitlichkeit, Theorie- und Praxisdebatten. Gleichzeitig lässt sich in der Lehrpersonenbildung wie auch in Gruppen politischer Aktivist*innen eine quasi-kanonisierende und wissensbegrenzende Hinwendung zu pädagogisch-politischen ‘Klassiker’-Texten und Autoren beobachten, die zur (Re-)Legitimierung gesellschaftlicher Positionierungen gebraucht wurden. Quellenfundiert, u.a. anhand von Jahresberichten und Periodika, werden Einblicke in die durch soziale Bewegungen mitgeprägten Wissenskämpfe in der Lehrpersonenbildung gewährt.

 

Grenzverschiebungen schulischer Autoritätsverhältnisse in und durch Schülerzeitungen in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945

Prof. Dr. Joachim Scholz
Ruhr-Uni­ver­si­tät Bo­chum

Im 20. Jahrhundert fand ein Wandel des Verhältnisses zwischen Lehrpersonen und Schüler*innen statt. Quellen aus der Schulpraxis zur Rekonstruktion von Veränderungen der innerschulischen Interaktionsordnung sind eher rar und selten genutzt (Kluchert 2003, 52). Für die Betrachtung der Schüler*innen-Perspektive kommen Schüler*innenzeitungen in Frage, und schon eine erste größere Welle ihrer Gründung zur Zeit der Weimarer Republik deutet eine Tendenz zur Liberalisierung an großstädtischen höheren Schulen an. In der zweiten Nachkriegszeit expandierten Schüler*innenzeitungen sprunghaft, gerade auch im Kontext sozialer Bewegungen. Sie beeinflussten gymnasiale Schulkulturen nicht unwesentlich. Der Beitrag gibt einen Überblick über die Bedeutung von Schüler*innenzeitungen im deutschen höheren Schulwesen des 20. Jahrhunderts für Grenzverschiebungen bei Interaktionen zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen. Er legt einen Schwerpunkt auf die Zirkulation schulkritischer und autoritätsbezogener Wissensformen unter Schüler*innen sowie auf Praktiken des Sich-Arrangierens mit und des taktischen Aufweichens von starren Autoritätsverhältnissen. Gefragt wird nach dem Beitrag von Schüler*innen zur allmählichen Liberalisierung und Enthierarchisierung ihrer Beziehungen zu Lehrpersonen – insbesondere in der Bundesrepublik nach 1945.

Kluchert, G. (2003): Die Entwicklung der Lehrer-Schüler-Interaktion und die Bildungswachstumsschübe. Zur inneren Schulreform im 20. Jahrhundert. In: ZfPäd 49 (1), 47-60.

 
14:00 - 16:30Entgrenzungen im Zugang zu (früh-)kindlichen Bildungseinrichtungen? Handlungsspielräume zwischen (staatlicher) Steuerung, strukturellen Bedingungen und elterlichen Wahlmustern
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 01
 

Chair(s): Prof. Dr. Nina Hogrebe (HAW Hamburg, Deutschland), Prof. Dr. Johanna Mierendorff (MLU Halle-Wittenberg, Deutschland), Gesine Nebe (MLU Halle-Wittenberg, Deutschland), Stefan Schulder (HAW Hamburg, Deutschland)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Peter Cloos (Universität Hildesheim), Dr. Ingela Naumann (University of Edinburgh)

Zugangschancen zum (früh-)kindlichen Bildungsbereich sind ungleich verteilt. Im Elementarbereich sind Partizipationsmöglichkeiten u.a. durch Platzknappheit eingeschränkt und sozial selektiv (Pavolini & Van Lancker 2018). Zusätzlich zeigen sich – auch im Primarbereich – Entmischungsprozesse (Segregation), die auf begrenzte Zugänge zu bestimmten Einrichtungen oder Einrichtungsformen hinweisen.­ Akteure der Angebotsseite (Politik, Administration, Träger, Einrichtungen) können im Rahmen gegebener Bedingungen Kindern den Zugang zu Bildungsangeboten erschweren oder eröffnen. Innerhalb dieser Handlungsräume bewegen sich die Nachfrager der Bildungsangebote (Drange & Telle 2020). Das Symposium hat das Ziel, das Zusammenspiel der oben genannten Dimensionen aus nationaler und internationaler Perspektive auszuloten, in denen sich der Zugang zu Bildungseinrichtungen realisiert, und zu diskutieren, welche Grenzziehungen oder Entgrenzungsbestrebungen dabei sichtbar werden.

 

Beiträge des Panels

 

Ausmaß und Ursachen von Kita-Segregation auf regionaler Ebene

Nora Jehles
TH Köln, Deutschland

Vor dem Hintergrund der vertikalen und horizontalen Pluralität des Kita-Systems in Deutschland werden Ausmaß und Ursachen von Segregation untersucht. Als Kita-Segregation wird der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund in den Einrichtungen der öffentlichen, evangelischen, katholischen und anderer Träger verstanden. In dem Beitrag wird der Frage nachgegangen, ob sich Kinder mit Migrationshintergrund in Kitas bestimmter Träger konzentrieren, ob es regionale Unterschiede zwischen den Ländern und den 559 Jugendämtern gibt und ob Strukturmerkmale der Jugendämter einen Einfluss auf das Ausmaß der Kita-Segregation haben.

Für einen bundesweiten Überblick über das Ausmaß der Segregation wird die amtliche Kita-Statistik genutzt. Mit quantitativ-deskriptiven Verfahren werden Segregationsmuster zwischen den Ländern und Jugendämtern beschrieben. Es werden Zusammenhänge zwischen dem Ausmaß der Kita-Segregation und Strukturmerkmalen der Jugendämter herausgearbeitet. Dabei werden erhebliche regionale Unterschiede bezüglich des Anteils von betreuten Kindern mit Migrationshintergrund deutlich. Darüber hinaus zeigt sich, dass zwischen den Jugendämtern einzelner Länder z.T. erhebliche Unterschiede bestehen. Auffällig ist, dass insbesondere in Großstädten Kinder mit Migrationshintergrund vorallem in öffentlichen Kitas betreut werden.

 

Stadt, Land, Träger: Kontextspezifische Segregationsmuster und Kitaplatzvergabeprozesse in West- und Ostdeutschland

Prof. Dr. Nina Hogrebe1, Prof. Dr. Johanna Mierendorff2, Gesine Nebe2, Stefan Schulder1
1HAW Hamburg, Deutschland, 2MLU Halle-Wittenberg, Deutschland

Segregation und die resultierende Einrichtungskomposition wird zunehmend als ungleichheitsrelevante Dimension im Elementarbereich erkannt. Allerdings gibt es nur wenig Forschung über Bedingungsfaktoren, die Segregationsprozesse verstärken oder abmildern. Wenngleich vereinzelte Lokalstudien darauf hinweisen, dass die Zusammensetzung von Kindertageseinrichtungen mit ihrer Trägerschaft in Verbindung steht (z.B. Strohmeier et al. 2014), ist der Einfluss der pluralen Trägerlandschaft mit Blick auf konzeptionelle Profile und mögliche Segregationseffekte kaum untersucht (vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2020, S. 83). Insbesondere gibt es bislang keine Arbeiten, die Segregation als Ergebnis und den diese Ergebnisse hervorbringenden Prozesse gleichermaßen in den Blick nehmen.

Der Beitrag stellt die Ergebnisse einer Studie dar, die quantitative Sekundäranalysen von nationalen Bildungsstudien (n = 165 bis 685 Kitas) und qualitative Interviews mit Trägern und Einrichtungsleitungen (n = 35) miteinander verbindet, um Segregationsmuster in spezifischen Bedingungskonstellationen aufzuzeigen und entsprechende Handlungsanforderungen und -logiken der Akteure im Kontext lokal eingebetteter Platzvergabeprozesse zu beschreiben. Im Ergebnis zeigen sich (fast) keine generellen trägerspezifischen Segregationsmuster, sondern vielmehr regional spezifische Ausgestaltungen, die für die entsprechenden Akteure bestimmte Handlungsbedingungen darstellen, innerhalb derer sie sich positionieren.

 

KiTa-Zugang im Kontext wohlfahrtsstaatlicher Traditionen: Empirische Ergebnisse qualitativer Fallstudien zu lokaler Zugangssteuerung in Deutschland, Kanada und Schweden

Dr. Antonia Scholz, Britta Menzel
Internationales Zentrum Frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung (ICEC)

Viele Länder haben sich zum Ziel gesetzt, sozialen Ungleichheitsverhältnissen entgegen zu treten, indem sie die Zugangsbedingungen ihrer frühkindlichen Bildungs- und Betreuungssysteme besonders für Kinder aus benachteiligten Lebenslagen verbessern. Ihre KiTa-Politik ist dabei nicht zuletzt in die jeweiligen wohlfahrtsstaatlichen Traditionen eingebettet. Dies gilt nicht nur für programmatische Zielsetzungen auf nationaler Ebene, sondern auch für die konkrete Umsetzung von KiTa-Zugängen in lokalen Kontexten.

Hier setzt der vorliegende Beitrag an und nimmt die Zugangsgestaltung in Deutschland, Kanada und Schweden insbesondere auf den lokalen Steuerungsebenen empirisch in den Blick. Ziel ist dabei die jeweiligen Wohlfahrtslogiken der FBBE-Systeme und die lokale Ausrichtung der Zugangssteuerung zu KiTa in Bezug zueinander zu setzen. Datengrundlage bilden qualitative Experteninterviews, die im Rahmen von Fallstudien mit Kommunalverwaltungen und Trägern in ausgewählten Kommunen geführt wurden.

Die Ergebnisse zeigen, wie lokale Akteure in den drei Ländern ihre Handlungsspielräume in der Zugangsgestaltung nutzen. In international vergleichender Perspektive wird deutlich, inwieweit sich lokales Steuerungshandeln im Feld KiTa dabei in der jeweiligen Wohlfahrtstradition verorten lässt. Gleichzeitig zeigen sich diesbezüglich auf unterschiedlichen Ebenen aber auch Brüche, die Zugänge in unterschiedlichem Maße begrenzen oder öffnen und damit Ungleichheitsverhältnisse beeinflussen (können).

 

Soziale (Ent-)Mischung in Quartier und Schule? Segregationsdynamiken im Kontext elterlicher Grundschulwahl

Alina Goldbach1, Dr. Isabel Ramos Lobato2
1Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung, Dortmund, 2Universität Helsinki

Neben dem Handlungsspielraum institutioneller Akteure und der sozialräumlichen Struktur hat das elterliche Wahlverhalten einen entscheidenden Einfluss auf den (ungleichen) Zugang zu Bildungseinrichtungen. Insbesondere für bildungsaffine Mittelschichtseltern ist die Wahl der ‚richtigen‘ Einrichtung zu einem sensiblen Thema geworden (Wilson & Bridge 2019). Elterliche Netzwerke sowie Fragen der sozialen Passung scheinen dabei eine große Rolle zu spielen. Unklar ist jedoch, inwieweit das Wahlverhalten von Mechanismen, die explizit über den lokalen Kontext des Wohnquartiers vermittelt sind, gesteuert wird und welchen Einfluss die Intersektionalität des individuellen sozialen und ethnischen Hintergrunds der Eltern hat.

Anhand einer Kombination quantitativer und qualitativer empirischer Daten analysiert der vorliegende Beitrag wie sich das Zusammenspiel aus elterlichem (lokalem) Sozialkapital, ihrer Informationszugänge sowie schulischer Informationspolitik und Profilbildung auf die elterliche Grundschulwahl auswirkt. Somit werden neben der Quantität und Entwicklung von Schulwahl und -segregation auch die dahinterliegenden Motive und Abwägungsprozesse erfasst. Vor dem Hintergrund der 2008 in Nordrhein-Westfalen abgeschafften Grundschuleinzugsbereiche wurde für die empirische Erhebung ein sozial und ethnisch gemischtes Quartier in Düsseldorf ausgewählt, in dem mehrere Grundschulen in unmittelbarer Nähe zueinander liegen, jedoch von sehr unterschiedlicher Zusammensetzung geprägt sind.

 
14:00 - 16:30Entgrenzungen und Begrenzungen - eine spannungsreiche Dynamik in psychoanalytisch-pädagogischer Perspektive
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 08
 

Chair(s): Prof. Dr. David Zimmermann (Humboldt-Universität zu Berlin, Deutschland)

Das Symposium richtet einen psychoanalytisch-pädagogischen Blick auf Prozesse von "Ent|grenz|ungen (...) in ihrer Bedeutung für Prozesse von Bildung, Erziehung und Sozialisation" (CfP). Ein gemeinsamer Referenzpunkt aller Beiträge des Symposiums liegt in der Erweiterung der pädagogischen Professionalisierungs- und Institutionsentwicklungsdiskurse um unbewusste Prozesse auf der individuellen und sozialen Ebene. Da das Unbewusste im Sinne von verdrängten, also sprachlos gewordenen Vorstellungsinhalten immer auf gesellschaftliche Normen und Zwänge verweist, geht es in der Reflexion von innerpsychischen und Beziehungsdynamiken stets auch um die Kritik dieser sozialen Verwerfungen.

Das Symposium zielt auf die partielle Beantwortung der damit aufgeworfenen Fragen sowohl in grundlagentheoretischer Perspektive als auch unter Bezugnahme auf primär tiefenhermeneutisch fundierte Empirie.

 

Beiträge des Panels

 

Die Entgrenzung der Zweigeschlechtlichkeit und ihre Verunsicherung in professionellen Beziehungen

Lara Spiegler, Prof. Dr. Margret Dörr
Katholische Hochschule Mainz

Im gesellschaftlichen Diskurs ist eine Steigerung der Sensibilität für nicht-binäre Geschlechtsidentitäten zu bemerken. Dennoch bleiben alltagspraktische Unsicherheiten bezüglich der Entgrenzung des heteronormativen Identitätsmodells weiterhin virulent. Im Beitrag werden tiefenhermeneutisch gewonnene Forschungsergebnisse (Lorenzer, 2002) des BMBF-geförderten Forschungsverbunds VISION-RA, welcher Affektabstimmungsprozesse zwischen Fachkräften und Nutzenden gemeindepsychiatrischer Angebote in den Blick nimmt, diskutiert. Anhand eines transkribierten Gesprächs zwischen einer weiblich identifizierten Fachkraft und einem seine Geschlechtsidentität wechselnden Bewohner eines gemeindepsychiatrischen Wohnheims wird der Frage nachgegangen, wie sich die durch die Entgrenzung der Zweigeschlechtlichkeit provozierten Verunsicherungen in Interaktionen mit Menschen, die sich nicht binär identifizieren, niederschlagen. Zentral wird gezeigt werden, wie die die professionelle Beziehung zu entgrenzen drohende Verliebtheit des derzeitig männlich identifizierten Bewohners in die Bemühung der Fachkraft umschlägt, die Beziehung möglichst allumfassend zu begrenzen – wenn nicht gar zu verunmöglichen.

 

Biopolitische Begrenzungen und Disziplinarmacht als Spannungsfeld in Pflegeschaftsverhältnissen

Dr. Mej Hilbold
Université Paris 8 Vincennes Saint-Denis

Die Frage der Grenzen in erschwerten Erziehungsverhältnissen wird auf zwei Ebenen behandelt: zum einen die Grenzen, die sich aus den verschiedenen – gesellschaftlich dominanten - (kognitiven) Kategorien von Kindern ergeben, die man in der Erziehungspraxis sowie in der Forschung finden kann („die traumatisierten Kinder“, „die schwierigen Kinder“), zum anderen die Grenzen, die den Kindern im Rahmen der pädagogischen Beziehung selbst auferlegt werden.

Diese beiden Ebenen entsprechen theoretisch zwei von Michel Foucault identifizierten Modalitäten der Macht: der biopolitischen Macht und der Disziplinarmacht (Foucault, 1975, 1976). Im Beitrag werden die subjektiven, primär unbewusst wirksamen Effekte dieser Machtmodalitäten auf professionelle Pflegeeltern und ihr pädagogisches Handeln diskutiert.

Empirisch wird sich der Beitrag auf eine Forschung über Pflegefamilien stützen, die aus syrischen Kriegsgebieten (Islamischer Staat und später syrische oder türkische Lager) nach Frankreich repatriierte Kinder aufgenommen haben. Es wurden 4 semistrukturierte Interviews mit Pflegeeltern geführt, die insgesamt 6 Kinder aufgenommen haben. Sie wurden dann thematisch und tiefhermeneutisch analysiert. Das Spannungsfeld zwischen normativem Erziehungsrahmen und der angenommenen Besonderheit der Kinder ist eines der zentralen Motive der Interviews und wird hier zum Thema der Diskussion über die Grenzen.

 

Entgrenzte Professionalität und unbewältigte Nähe in der Arbeit mit marginalisierten Geflüchteten

Katharina Obens, Prof. Dr. David Zimmermann
Humboldt-Universität zu Berlin

Der Beitrag fragt nach den Beziehungsdynamiken zwischen hoch engagierten Mitarbeitenden des bundesweit ersten Beratungs- und DaZ-Qualifizierungsprojekt und Geflüchteten mit kognitiven Beeinträchtigungen. Auf der Basis einer längsschnittlich und partizipativ angelegten wissenschaftlichen Begleitung des Projekts (mit tiefenhermeneutischer Analyse von Interviews und Unterrichtsbeobachtungen) wird das Wechselspiel sozialer Begrenzungen und beziehungsdynamischer Entgrenzungen aus psychoanalytisch-pädagogischer Perspektive diskutiert. Anschließend werden Möglichkeiten der partiellen Auflösung dieses Spannungsfelds vorgestellt.

In den Forschungsdaten spiegeln sich zum einen die umfassenden gesellschaftlichen Begrenzungen jenes Arbeitsfelds wieder: Geflüchtete mit psychosozialen Beeinträchtigungen an der Schnittstelle von Flüchtlingsversorgung und dem System Behindertenhilfe leiden an der fehlenden Repräsentanz in den Versorgungssystemen. Zum anderen zeigen sie aber auch auf, dass die Mitarbeitenden versuchen einen „Familienersatz“ für die Ratsuchenden darzustellen. Sie versuchen die defizitären Hilfemaßnahmen durch eigenes Engagement auszugleichen und bilden eine „eingeschworene Gemeinschaft“ mit den Ratsuchenden, bei deren Ausgestaltung auch die eigene Migrationsgeschichte der Mitarbeitenden eine Rolle spielt und in der es zu zahlreichen Erosionen sowohl professioneller Nähe-Distanz-Regulierung als auch professioneller Ansprüche kommen kann.

 

Was darf ich sagen, wie muss ich's sagen? - Überlegungen zur Begrenzung durch Sprachnormierungen, ihrer psychodynamischen Funktion und ihren pädagogischen Implikationen

Dr. Achim Würker
Gymnasium Darmstadt

Der Beitrag wird sich aus psychoanalytisch-pädagogischer Perspektive mit der Problematik der aktuellen Debatte um Sprachnormierungen befassen, wie sie u.a. um Themen wie Rassismus und Gender geführt wird. Allgemein kann diese Debatte verstanden werden als eine Abwehr der Identitätsverunsicherungen, wie sie durch die bedrohlichen globalen Entwicklungen und die von ihnen ausgelösten Gefühle von Desorientierung und Machtlosigkeit ausgelöst werden (Bezugnahme auf u.a. Reinke 1998, Fourest 2020, Türcke 2021 sowie aktuellen Presseartikel). Schwerpunkt des Beitrags ist es, in psychoanalytisch-pädagogischer Perspektive unter Bezugnahme auf Lorenzers sozialisations- und symboltheoretischen Überlegungen (Lorenzer 1970, 1981, 2002) die bewusstseinsferne Dynamik zu untersuchen, die hierbei im Spiel ist. Unter Einbeziehung von Szenen aus der pädagogischen und sozialpädagogischen Praxis wird der Versuch unternommen zu ertasten, welche Dynamik von Be- und Entgrenzungen sich im Zusammenhang mit sprachlichen Normierungen entfalten kann. Im Sinne von Hypothesen werden abschließend Möglichkeiten zur Debatte gestellt, wie den negativen Effekten dieser Dynamik entgegengewirkt werden kann.

 
14:00 - 16:30Entgrenzungen von Unterricht
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 10
 

Chair(s): Dr. Thorsten Merl (Philipps-Universität Marburg, Deutschland), Prof. Dr. Matthias Proske (Universität zu Köln)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Till-Sebastian Idel (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg)

In der erziehungswissenschaftlichen Unterrichtsforschung gilt die Bestimmung von Unterricht als nicht abschließend geklärt, da dessen Grenzen Wandlungsprozessen unterliegen. Das Symposium widmet sich deshalb aktuellen Phänomenen in Unterricht (Gegenentwürfe zum Unterricht in der Entschulungsbewegung, Bedeutungskonstruktionen von Unterricht als Arbeit und Tablets als neue unterrichtliche Wissens- und Kooperationsmedien) und Unterrichtsforschung, die Fragen nach Grenzverschiebungen und Entgrenzungen von Unterricht in je unterschiedlichen Hinsichten neu aufwerfen. Geprüft wird, wie Grenzen bestimmt werden, welche Differenzkonzepte (z.B. System-Umwelt, Innen-Außen, Norm-Abweichung) dabei genutzt werden und welche Relationierungskonzepte notwendig sind, um den Wandel von Unterricht empirisch zu analysieren und theoretisch einzuordnen. Damit zielt das Symposium darauf, Gegenstandsbestimmungen von Unterricht in der Unterrichtsforschung neu auszuschärfen.

 

Beiträge des Panels

 

Zur Entgrenzung von Unterricht als Arbeit(-szeit)

Dr. Thorsten Merl
Philipps-Universität Marburg

Ausgangspunkt des Beitrags ist die beobachtete Omnipräsenz des Terminus Arbeit im Unterricht (z.B. Arbeitshefte, -blätter, -auftrag, -zeit, Einzel- & Gruppenarbeit etc.; vgl. auch Breidenstein et al. 2017), der einen zentralen Bezugspunkt in der Praxis darstellt, dessen Bedeutung in bisherigen Gegenstandsbestimmungen von Unterricht aber kaum Berücksichtigung findet. Der Beitrag fragt entsprechend nach der Bedeutung des Arbeitsbegriffs im Unterricht und inwiefern damit eine mögliche Entgrenzung einhergeht.

Auf Basis eigener Praxeographien von Unterricht wird dafür zunächst der Frage nachgegangen, welche autorisierende Funktion Arbeit für die unterrichtliche Praxis übernimmt. Mit der Perspektive der Autorisierung des Pädagogischen (Jergus & Thompson 2017, Reh 2014) lässt sich die unterrichtliche Herstellung von Zuständigkeit analysieren, indem gefragt wird, wodurch Lehrkräfte zu welchem unterrichtlichen Handeln autorisiert werden. So zeigen empirische Analysen, dass Lehrkräfte mittels des Arbeitsbegriffs eine permanente Verpflichtung von Schüler:innen auf verschiedenste Tätigkeiten gänzlich unabhängig pädagogisch-didaktischer Ansprüche zu etablieren in der Lage sind. Dies wird als mögliche Grenzverschiebung in Relation zu bestehenden Bestimmungen analysiert – bspw. von Unterricht als im Kern pädagogischen Ordnung (Reh et al. 2011).

 

Familiale Arbeitsbündnisse? Entgrenzte Vermittlungsentwürfe in der Entschulungsbewegung

Tim Böder
Universität Duisburg-Essen

Der Beitrag greift eine grundsätzliche Fragestellung in der Relationierung zwischen familialer und schulisch-unterrichtlicher Vermittlungspraxis auf. Dazu wird als theoretischer Bezugspunkt das Modell des pädagogischen Arbeitsbündnisses gewählt, dessen interaktive Herstellung für die unterrichtliche Vermittlungspraxis als konstitutiv angenommen wird (vgl. Oevermann 1996; Helsper/Hummrich 2008). Daran anknüpfend wird gefragt, ob die Verwirklichung absichtsvoller Vermittlungsbezüge in familial-pädagogischen Generationsbeziehungen – analog zur unterrichtlichen Lehrer-Schüler-Interaktion – die situative Herstellung eines pädagogischen Arbeitsbündnisses notwendig macht.

Hierzu vorgestellt werden Befunde einer Dissertationsschrift zu Bewährungsmythen in der Entschulungsbewegung, die sich auf die objektiv-hermeneutische Rekonstruktion von narrativen Interviews mit Eltern stützen, welche sich gegen eine Beschulung ihrer Kinder entschieden haben. Gezeigt wird, wie diese Eltern die Vermittlungsaufgabe sinnstiftend entwerfen, auf welche Gegenentwürfe zum schulischen Unterricht sie rekurrieren und wie sie zugleich durchaus spannungsreich Strukturmomente schulischen Unterrichtens adaptieren. Angesichts der Befunde wird abschließend systematisiert, welche Grenzverschiebungen diesen Vermittlungsentwürfen gegenüber der unterrichtlichen Vermittlungspraxis immanent sind und welche Grenzen der familialen Vermittlungsansprüche sich darin manifestieren.

 

Grenzverschiebungen im digitalisierten Unterricht. Tablets zwischen Privatheit und Öffentlichkeit

Prof. Dr. Matthias Herrle1, Dr. Markus Hoffmann2, Juliane Spiegler2
1Bergische Universität Wuppertal, 2Universität zu Köln

Präsenzunterricht konstituiert sich durch eine spezifische Form pädagogisierter Sozialität (Ricken 2018). Innerhalb dieser gelten die individuellen Mitschriften und Arbeitsnotizen von Schüler*innen zwar als integraler Bestandteil des Formats Unterricht, die persönlichen Arbeitshefte selbst jedoch nicht als klassenöffentliche, also allen zugängliche Artefakte. In diesem Beitrag wird der Frage nachgegangen, wie durch die Nutzung von Tablets in iPad-Klassen die Grenzen zwischen Privatheit und Klassenöffentlichkeit neu kalibriert werden. Ausgangspunkt hierfür ist die Beobachtung, dass Tablets als genutzte Arbeitswerkzeuge mit veränderten Möglichkeiten der klassenöffentlichen Sichtbarmachung schüler*innenseitiger Wissensprodukte oder Produktionsprozesse verbunden sind. Im Unterschied zu anderen soziomateriellen Artefakten (Rabenstein 2018) erlauben Tablets eine direkte Einbindung visueller Indizien persönlicher Aufgabenbearbeitung in klassenöffentliche Prozesse pädagogischer Kommunikation (Proske et al. 2021).

Welche Konsequenzen damit für Praktiken der Unterrichtsgestaltung und -partizipation verbunden sind und wie sich durch sie die Konstitution und Abgrenzung von Privatheit und Öffentlichkeit im Unterricht verändert, wird in diesem Beitrag anhand von Befunden einer videographischen Untersuchung zur sozialen Organisation des Lehr-Lerngeschehens in iPad-Klassen (TabU – Tablets im Unterricht) dargestellt.

 

Unterricht als interdependenter Zusammenhang. Methodologische Überlegungen zur Re-Formulierung des Unterrichtsbegriffs der Unterrichtsforschung

Prof. Dr. Matthias Proske1, Prof. Dr. Kerstin Rabenstein2
1Universität zu Köln, 2Georg-August-Universität Göttingen

In ihren gegenstandstheoretischen Modellierungen hat die qualitative Unterrichtsforschung (UF) Unterricht als ein „Innen“ untersucht, das gegenüber einem „Außen“ abgegrenzt wurde. Die Grenzziehung erfolgte in materiell-räumlicher, zeitlicher, sozialer und sachlicher Hinsicht. Mit der so ermöglichten Fokussierung auf Unterricht als Interaktionsgeschehen (vgl. Proske et al. 2021) hat sich die UF zwar aus in Schulforschung, Lehr-Lernforschung und Allgemeiner Didaktik herausgestellten Betonungen eines „Außen“ (z.B. Funktionen, Wirkungen und normative Ziele) gelöst, damit aber zugleich anders gefasste Innen-Außen-Relationen aus dem Blick verloren. Angesichts von Tendenzen zur Verantwortung von Unterricht in Teams oder der unterrichtlichen Bedeutung von – anderswo produzierten – digitalen Technologien rücken vermehrt weitere Aktanten – jenseits der Interaktionssituation - in den Blick, die an Unterricht mitwirken. Im Vortrag wird die die UF prägende Grenzziehung daraufhin befragt, ob sie theoretisch noch haltbar bzw. empirisch fruchtbar ist. Angesichts erster Vorschläge einer transsituativen Unterrichtsforschung (z.B. Lange & Wiesemann 2019) sucht der Beitrag nach sozialtheoretischen und methodologischen Ansatzpunkten, um Unterricht als einen interdependenten Zusammenhang besser zu verstehen.

 
14:00 - 16:30Global challenges for national education systems on the American continent: the dissolution of boundaries for educational trends
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 29
 

Chair(s): Dr. Sieglinde Jornitz (DIPF _Leibniz Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation, Deutschland), Prof. Dr. Marcelo Parreira Do Amaral (Universität Münster)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Paul Fossum (University of Michigan-Dearborn)

The global dimension of education is highlighted in contemporary discussions that include the idea of a dissolution of boundaries. At the same time, education systems have developed idiosyncratic characteristics related to the specific cultural traits and the local practicalities. The symposium will focus on the American continent and its national specific initiatives on dealing with inequality and the implementation and use of digital technologies in education settings. Both aspects challenge boundaries in education. Three contributions present initiatives and developments from Brazil, Mexico and Uruguay. They represent different parts of the continent, with different traditions and political decisions at play in efforts to overcome educational challenges in inequality and to invest in digital technologies to take part in global development. We open up a space for discussing how national education systems act and if there is a global path that lead to a dissolution of boundaries.

 

Beiträge des Panels

 

Brazil and the National Education Plan

Prof. Dr. Wivian Weller1, João Luiz Horta Neto2
1Universidade de Brasília, 2Instituto Nacional de Estudos e Pesquisas

The contribution on Brazil presents an overview of the development of the Brazilian education system, followed by an analysis of the organization of Brazilian education in the federal, state and municipal spheres. The focus lies on the implementation of a monitoring system for the goals prescribed in the National Education Plan (2014-2024). One of the remaining challenges is the need to expand the right to education, not only regarding access and continuation in the education system, but also the reduction of inequality in the education system and the right of students not only to learn contents, but also to be educated in a human, cultural and scientific sense. How initiatives for integrating digital technology are linked to it, will be part of the contribution.

 

Mexico and how to deal with inequality, standardisation, and compensation in education

Dr. Eugenia Roldán Vera
Cinvestav-Coapa

The contribution on Mexico outlines the historical development of the Mexican education system, presents an overview of its institutional and organizational structure. It shows how the Mexican education system struggled to catch up with an expanding population that was divided by enormous social, economic and cultural inequalities. The author illustrates how the divides between indigenous/rural and urban populations, men and women, regional and central educational traditions, among other factors, were only to an extent ameliorated by a system that unified administration and curriculum.

The analysis of political reforms tending towards de-centralization, de-regulation, and accountability will show how the way in which the funds for education were allocated changed, especially regarding the new weight given to evaluation, but increased further inequalities between schools in marginal contexts and those in more socially privileged ones.

The provision of public schools with infrastructure for information and communication technologies, often via programs designed under a public and private partnership scheme, was part of national initiatives. How they proceed and which part of population they missed will be presented.

 

Uruguay and its leading role in Education for Latin America

Dr. Tabaré Fernández Aguerre1, Dr. Santiago Cardozo Politi1, Agustina Marques Hill2
1University of Uruguay, 2Berlin Social Science Center

The Uruguayan educational system has exhibit through its history significant and early in time features that have made Uruguay an educative developed country with solid institutions. Nevertheless, Uruguay presents today persistent problems in education inequality and low graduation proportion of secondary education. This is of even greater concern when considering the coluntry's good social and economic position in the region. The contribution will present the main features of the Uruguayan educational system in terms of its history and social origins; its institutions and governance and its trends in access, attendance, graduation and learning achievements of the population of the educative system, with a special focus on inequality and recent trends in digital technology. In the later the Ceibal Plan, an adaptation of the One Laptop per Child (OLPC) project devised by the Massachusetts Institute of Technology (MIT), has been the most important ICT initiative in Uruguay.

The Uruguayan educational system is considered as highly developed in the Latin American context. This is the result both of historical and of more recent salient achievements.

 
14:00 - 16:30Grenzen und Entgrenzungen pädagogischen Handelns
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 13
 

Chair(s): Prof. Dr. Werner Helsper (Martin Luther Universität Halle Wittenberg), Prof. Dr. Andreas Wernet (Leibniz Universität Hannover)

Grenzen und Entgrenzungen stellen im Kontext pädagogischen Handelns eine permanente Herausforderung für die beteiligten Akteure dar. Das pädagogische Handeln, das im Zentrum dieses Symposiums stehen soll, ist auf Begrenzungen angewiesen. Nur durch Grenzziehung ist pädagogisches Handeln von anderen Formen des Handelns unterscheidbar und entgeht der Versuchung einer diffusen Allzuständigkeit. Und zugleich droht, bei zu starken Begrenzungen, eine rigide Schließung und Erstarrung im pädagogischen Handeln. „Grenzöffnungen“ und Grenzgänge gehören deswegen konstitutiv zum pädagogischen Handeln. Dabei ist es nicht immer einfach zu bestimmen, wann es sich um notwendige Grenzbewegungen und -öffnungen und wann um diffundierende und übergriffshafte Formen der Entgrenzung handelt. In diese Spannung ist das pädagogische Handeln eingerückt. Das geplante Symposium strebt eine theoretisch und empirisch fundierte Diskussion dieser Spannung von Grenzziehung und Entgrenzung im pädagogischen Handeln an.

 

Beiträge des Panels

 

Einleitung in das Symposium

Prof. Dr. Werner Helsper1, Prof. Dr. Andreas Wernet2
1Martin Luther Universität Halle Wittenberg, 2Leibniz Universität Hannover

Grenzen und Entgrenzungen pädagogischen Handelns: Einleitung in das Symposium

 

Grenzen – Eine kleine Genealogie

Prof. Dr. Norbert Ricken
Ruhr Universität Bochum

›Grenzen‹ provozieren – zumindest modern. Wie in kaum einer anderen Zeit gelten ›Grenzen‹ in der modernen Wahrnehmung als Begrenzungen und Einschränkungen, die Bewegungs- und damit Freiheitsspielräume einzuschränken scheinen und oft mindestens hinausgeschoben, wenn nicht sogar aufgehoben werden sollen. Kaum erstaunlich ist es daher, dass – insbesondere fixe – Grenzsetzungen als Ausdruck autoritärer, anti-liberaler Haltungen wahrgenommen werden und wohl auch werden müssen; modern ist, auf Grenzen mit Kritik, Emanzipation und Ent-Grenzung zu antworten. Das macht es aber umgekehrt – auch derzeit – enorm schwierig, mit Grenzen, mit Begrenzung und Begrenztheit überhaupt umzugehen. Gerade spätmodern rückt immer mehr in den Aufmerksamkeitskreis, dass wir auf einem begrenzten Planeten leben und auch begrenzt unsere Leben führen müssen; insgesamt zeichnet sich eine ambivalente Perspektive ab, in der es einerseits um Begrenztheit geht und andererseits sich aber (faktische, geforderte etc.) Grenzen gerade nicht einfach fix festlegen und durchsetzen lassen.

In diesem Beitrag soll die Figur der ›Grenze‹ in ihren Erscheinungsformen und Ambivalenzen analysiert werden. Im Rahmen einer ›kleinen Genealogie‹ gilt es, die unterschiedlichen Formen der Begrenzung und Begrenztheit zu analysieren; Ziel ist es, eine kleine Typologie der Grenze und des Umgangs mit Grenzen zu rekonstruieren und für erziehungswissenschaftliche Überlegungen fruchtbar zu machen.

 

Anerkennungsbedürftigkeit und Entgrenzung – Zu einer abgeblendeten Verflechtung im Habitus und Handeln von Lehrer*innen

Dr. Marlene Kowalski
Stiftung Universität Hildesheim

Im Diskurs um das Handeln und die Professionalität von (angehenden) Lehrer*innen gibt es zwar eine intensive theoretische und empirische Beschäftigung mit Anerkennungs- und Adressierungsweisen in der Interaktion mit Schüler*innen, dabei wird aber zumeist die eigene Anerkennungsbedürftigkeit von Lehrkräften als konstitutiver Bestandteil des eigenen Habitus ausgeblendet. Im Beitrag wird der Frage nachgegangen, wie sich dieser verdrängte Teil des eigenen Begehrens nach Anerkennung im beruflichen Habitus von Lehrkräften in Bezug zu ihrem Handeln verorten lässt und ob bzw. welche Gefahren der Entgrenzung damit einhergehen. Anschließend an Ergebnisse aus einer empirischen Studie wird diskutiert, welche Auswirkungen das eigene Anerkennungsbegehren von Lehrkräften auf pädagogische Beziehungen und deren mögliche Entgrenzungen haben kann und welche Reflexions- und Professionalisierungsprozesse in der Lehrer*innenbildung notwendig wären.

 

Erziehung an ihren Grenzen oder: Pädagogisches Handeln zwischen Kooperation und Eskalation

Prof. Dr. Sandra Rademacher1, Dr. Eike Wolf2
1Europa Universität Flensburg, 2Ruhr Universität Bochum

Erziehung ist wie jedes soziale Handeln a priori auf Sozialität angewiesen. Pädagogisches Handeln stellt diese Sozialität also nicht her, sondern setzt diese als interaktive Reziprozität und konstitutive Kooperativität immer schon voraus. In diesem Vortrag sollen an familialen und schulischen Erziehungssituationen die Grenzen erzieherischer Möglichkeiten fallrekonstruktiv ausgelotet werden. In den Fällen, die manifest als Interaktionskrisen auffällig sind, wird die Kooperation einseitig aufgekündigt, womit die Beziehungsstrukturen selbst zumindest situativ infrage gestellt und brüchig werden. Eine empirische Erschließung dieser krisenhaften Interaktionen führt uns zu einer theoretischen Perspektive, die es nahelegt, Erziehungskrisen begrifflich als Kooperationskrisen zu fassen und verstehbar zu machen. Insofern Reziprozität und Kooperativität nicht nur begrenzender Rahmen, sondern auch Voraussetzung erzieherischen Handelns sind, nehmen wir mit dem Fokus auf Kooperationskrisen pädagogisches Handeln nicht nur an seinen Grenzen, sondern in den Momenten seiner Grenzüberschreitungen in den Blick. Für pädagogisches Handeln ist dies insofern besonders virulent, als so die strukturell grundgelegten und interaktiv wechselseitigen Entgrenzungen der Akteure abseits rollentheoretischer Modellierungen greifbar werden.

 

Pädagogische Grenzen digitaler Entgrenzungen. Beobachtungen und Rekonstruktionen digital mediatisierter Unterrichtsinterkation

Prof. Dr. Sven Thiersch
Ruh Universität Bochum

Mit der zunehmenden Digitalisierung von Schule und Unterricht werden, nicht zuletzt im Kontext des Fernunterrichts, Entgrenzungen und Verschiebungen von Kommunikation, Wissen, Zuständigkeiten oder des Raum-Zeit-Gefüges herausgearbeitet und diskutiert. Der Beitrag entfaltet im Anschluss an eine system- und strukturtheoretische Perspektive und auf der Grundlage einer empirischen Untersuchung zur Interaktion im digitalisierten Unterricht die These, dass die Digitalisierung neben dieser fluiden und kontingenten Seite zugleich eine Trägheit und Regelmäßigkeit des Unterrichtssystems (re-)produziert. Präsentiert werden zum einen Ergebnisse digitaler Entgrenzungsphänomene in modifizierten Praktiken des Koordinierens, Sichtbarmachens, Verantwortens, Aktivierens und Sicherns. Zum anderen wird gezeigt, wie in der pädagogischen Absicht, Grenzen des Unterrichts (Raum, Zeit, Sozialität) und pädagogische Handlungsprobleme mit neuen Technologien optimierend zu steuern und zu überwinden, im schulischen Feld Optimierungsparadoxien und nicht intendierte Effekte in der Konsolidierung pädagogischer Sozialität und generationaler Differenzen (z.B. entgrenzende Disziplinierungen) hervorgebracht werden. Die Irritationen und Transformationen, die von der „digitalen Lehrkraft“ in den schulisch-pädagogischen Beziehungen und Ordnungen ausgehen, werden in der pädagogischen Interaktion kanalisiert, reguliert bzw. begrenzt und verfestigen so gerade starre Grenzziehungen und die Strukturiertheit des Feldes.

 
14:00 - 16:30Gymnasium und andere Wege zum Abitur – Begrenzungen und Entgrenzungsdynamiken im Migrationskontext
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 14
 

Chair(s): Dr. Dita Vogel (Universität Bremen), Prof. Dr. Yasemin Karakaşoğlu (Universität Bremen)

Im deutschen Schulsystem erweist sich Bildungsteilhabe als in besonderem Maße abhängig von Herkunftssprache und Aufenthaltsperspektive, was sich u.a. in unterschiedlichen Schulabschlüssen spiegelt. In drei empirisch fundierten Beiträgen werden exemplarisch systemische Begrenzungen auf dem Weg zum Abitur als höchstem Schulabschluss nachgezeichnet: Institutionelle beim Zugang von im Schulalter Migrierten zum Gymnasium; curriculare durch enge Regelvorgaben für den Nachweis einer sogenannten ‚zweiten‘ Fremdsprache sowie didaktische am Beispiel diskursiver Aushandlungsprozesse in der Lehramtsausbildung. Diskutiert wird auch, welche Ansätze einen Beitrag zur Überwindung der Begrenzungen leisten. Ein abschließender internationaler Beitrag diskutiert den Ansatz theoretisch im Licht anti-rassistischer, polit-ökonomischer und linguizistischer Ansätze.

 

Beiträge des Panels

 

Zugang zum Gymnasium im Kontext von Migrationsbewegungen der 2010er Jahre: Institutionelle Begrenzungen und Entgrenzungsstrategien unterschiedlicher Akteure

B. Johanna Funck
Universität Bremen

Die Frage, wie im Sekundarschulalter Migrierte in die monolingual-deutschsprachig verfasste Schule einmünden, wirft vor dem Hintergrund des stratifizierten Sekundarsystems zugleich die Frage nach der Bildungsplatzierung auf.1 Bremen hatte flächendeckend an allen Sekundarschulen – auch den Gymnasien – Vorkurse eingerichtet. Um Wege ins Schulsystem zu erfassen wurden in einem Promotionsprojekt elf Interviews mit Eltern und Jugendlichen geführt, die zwischen 2012 und 2018 nach Bremen migriert sind und in unterschiedliche aufenthaltsrechtliche Zonen2 gelangten. Wenige der Minderjährigen wurden von Anfang an auf einem Gymnasium platziert, andere sind zu einem späteren Zeitpunkt gewechselt. Durch Follow-Up Interviews mit Akteur*innen aus der Bildungsbehörde, Gymnasien, Beratungsstellen und Unterkünften wurden die Schulplatzierungsprozesse mehrperspektivisch untersucht. Die Analyse erfolgt mittels eines inhalts-, deutungs- und argumentationsanalytischen Ansatzes. Im Beitrag wird präsentiert, welche Faktoren den Zugang zu einem Gymnasium begünstigen oder verhindern können.

1Massumi, Mona (2019): Migration im Schulalter. Systemische Effekte der deutschen Schule und Bewältigungsprozesse migrierter Jugendlicher. Berlin

2Buckel, Sonja (2013): "Welcome to Europe"- die Grenzen des europäischen Migrationsrechts. Juridische Auseinandersetzungen um das "Staatsprojekt Europa". Bielefeld

 

„Fremdsprachenunterricht“ - Curriculare Begrenzungen und Entgrenzungstendenzen

Dr. Dita Vogel
Universität Bremen

Wer in Deutschland Abitur machen will, muss eine „Fremdsprache“ ins Abitur einbringen und Unterricht in einer zweiten nachweisen. Nur in Ausnahmefällen kann die Belegpflicht durch den Nachweis von außerschulisch erworbenen Sprachkompetenzen ersetzt werden. Diese curriculare Vorgabe ignoriert weitgehend, dass viele Schüler*innen bereits mehrsprachig aufwachsen. Sie müssen die Angebote in Französisch, Latein und Spanisch wahrnehmen, auch wenn sie schon weitere Sprachen sprechen, die sie bestenfalls in einem Herkunftssprachenunterricht außerhalb der regulären Stundentafel pflegen können. Diese Begrenzungen werden zunehmend problematisiert und die Prüfung und Weiterentwicklung aller Sprachen vorgeschlagen1, wobei an bereits vorhandene entgrenzende Regelungen der Bundesländer wie Sprachprüfungen und Anerkennung des Herkunftssprachenunterrichts angeknüpft wird. Der Beitrag skizziert solche Regelungen auf der Basis einer Dokumentenanalyse im Überblick und resümiert den Stand der Debatte unter der Perspektive von Begrenzungen und Entgrenzungsdynamiken auf dem Weg zum Abitur.

1RfM (Hg.) (2021): Drei Sprachen sind genug fürs Abitur! Ein Reformvorschlag für den Abbau der Diskriminierung von mehrsprachig Aufgewachsenen bei Schulabschlüssen. Rat für Migration Debatte 2020. Redaktion Norbert Cyrus Linda Supik. Rat für Migration. Berlin

 

Das Verhandeln von Sprache im Kontext migrationsgesellschaftlicher Aushandlungsprozesse in der Lehramtsausbildung – Eine ent- und begrenzende Wissensproduktion

Deniz Barasi
Universität Bremen

Die monolinguale Ausrichtung von Schulen trägt zu einer geringeren Wertschätzung anderer Sprachen als Deutsch bei und begrenzt inhaltliche Zugänge in den verschiedenen Fächern.1 Die Universität reagiert mit der Vermittlung von sprachsensiblen Konzepten in den Fachdidaktiken und kritischen Perspektiven in den Erziehungswissenschaften. Im Diskurs dieser Lehrveranstaltungen wird zu sprachsensiblem Unterricht angeleitet sowie (vermeintliches) Wissen über als ‚Migrationsandere‘2 konstruierte Schüler*innen reflektiert, aber auch (re-)produziert. Im Rahmen eines rassismuskritisch ausgerichteten Promotionsprojekts wurden Lehrveranstaltungen der Erziehungswissenschaften und Physikdidaktik über zwei Semester teilnehmend beobachtet und durch Forschungsgespräche ergänzt. Die erhobenen Daten wurden im Sinne der Reflexiven Grounded Theory diskurskritisch analysiert. Der Beitrag skizziert diskursive Aushandlungsprozesse von Sprache sowie die damit verbundene Wissensproduktion über Migration und diskutiert, welche Be- und Entgrenzungen damit erzeugt werden.

1Dirim, İnci.; Khakpour, Natascha (2018): Migrationsgesellschaftliche Mehrsprachigkeit in der Schule. In: İnci Dirim & Paul Mecheril (Hg.): Heterogenität, Sprache(n), Bildung. Eine differenz- und diskriminierungstheoretische Einführung. Bad Heilbrunn, S. 201-225

2Mecheril, Paul (2004): Einführung in die Migrationspädagogik. Weinheim u.a

 

Anti-racist and political-economic perspectives on Entgrenzungen, language, and schooling

Prof. Dr. Jeff Bale
University of Toronto

This paper draws on critical anti-racist and political-economic perspectives to consider Entgrenzungen in two ways. “Removing barriers” implies change; this requires us to clarify our assumptions about what has to change and who has to change when boundaries are dissolved. A materialist, anti-racist approach to education policy1 re-frames structural changes as primarily a question of the distribution of material resources in society. As we discuss curricular or structural reforms to secondary schools, how do we assess whether these Entgrenzungen work to destabilize, and not reinscribe, social hierarchies based on race, language, migration status, etc. A raciolinguistic perspective2 on language in education3 challenges us to change expectations that users of minoritized languages learn to speak differently, and instead require that users of dominant languages learn to listen differently. The paper uses these theoretical perspectives to discuss the findings presented earlier in this session.

1Bale, J. (2016). In defense of language rights: Re-thinking the rights-orientation from a political economy perspective. Bilingual Research Journal, 39, 231–237

2Flores, N., & Rosa, J. (2015). Undoing appropriateness: Raciolinguistic ideologies and language diversity in education. Harvard Educational Review, 85, 149–171

3Rösch, H. (2019). Linguizismus(-kritik) in der Lehrkräftebildung. In Schmölzer-Eibinger et al. (Eds.), Mit Sprachen Grenzen überwinden (pp. 179–194). Münster

 
14:00 - 16:30Hass kennt keine Grenzen: Empirische Studien zu Hatespeech-Erfahrungen von Jugendlichen in der Schule und im Internet
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 02
 

Chair(s): Dr. Sebastian Wachs (Universität Potsdam, Deutschland), Prof. Dr. Ludwig Bilz (Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Wilfried Schubarth (Universität Potsdam)

In den letzten Jahren ist eine verrohte Kommunikationskultur im Internet und in der Schule häufig thematisiert worden. Ein Fachbegriff, der diese verrohte Kommunikationskultur zum Ausdruck bringt, ist Hatespeech. Hatespeech beschreibt kommunikative Äußerungen, mit dem Ziel gewisse Personengruppen (z.B. aufgrund der nationalen Herkunft, Religionszugehörigkeit, sexuellen Orientierung) öffentlich und mit Absicht auszugrenzen, abzuwerten oder zu demütigen (Wachs et al., 2020). Bis heute liegt jedoch nur sehr wenig empirisch abgesichertes Wissen über Hatespeech unter Heranwachsenden und dem Umgang damit in der Schule vor. Hier setzt das vorliegende Symposium an, in dem aktuelle empirische Beiträge basierend auf qualitativen und quantitativen Studien präsentiert werden und Implikationen für die zukünftige Forschung und die pädagogische Praxis abgeleitet werden.

 

Beiträge des Panels

 

„Ist das (schon) Hatespeech?“ Grenzziehungen von Schüler_innen und schulischem Personal zwischen legitimen Äußerungen und Hatespeech

Cindy Ballaschk1, Friederike Schulze-Reichelt1, Prof. Dr. Ludwig Bilz2, Dr. Sebastian Wachs1
1Universität Potsdam, 2Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg

Der Vortrag präsentiert erste Forschungsergebnisse zu Grenzziehungspraktiken in Bezug auf das Begriffsverständnis von Hatespeech. Dafür wurden Schüler*inen (n = 55), Lehrkräfte (n = 18) und Sozialpädagog_innen (n = 16) leitfadengestützt interviewt. Die Ergebnisse zeigen, dass die Befragten die Grenze zwischen sozial akzeptiertem Verhalten und Hatespeech entlang folgender Fragen verhandeln: Welche Gruppen sind das Ziel von Hatespeech, wie wird Hatespeech ausgeübt und wo findet sie statt? Die Interviewten ziehen die Grenze zwischen legitimen Meinungsäußerungen und Hatespeech sehr verschieden. Bei der Frage, welche Gruppen von Hatespeech betroffen sind, wird deutlich, dass abwertende Äußerungen gegen behinderte Schüler_innen eher als Hatespeech eingeordnet werden als Abwertungen gegen transgeschlechtliche Schüler_innen. In Bezug auf die Frage, wie Hatespeech ausgeübt wird, wird die Grenze zu Hatespeech häufig als überschritten gesehen, wenn sie im Zusammenhang mit Gewalt und Mobbing auftritt. Hinsichtlich der Frage wo Hatespeech auftritt, gaben die Befragten an, Hatespeech vorrangig als Online-Phänomen wahrzunehmen, wobei auch diverse Fälle von Hatespeech in der Schule beschrieben werden. Schlussfolgernd lässt sich ein Bedarf erkennen, Schüler_innen und pädagogisches Schulpersonal für unterschiedliche Zielgruppen, Ausdrucksformen und Fälle von Hatespeech in der Schule zu sensibilisieren, um Schule als einen diskriminierungskritischen Raum zu gestalten.

 

Systematisches Review zu Hatespeech bei Kindern und Jugendlichen: Definition, Verbreitung und Überlappung mit verwandten Phänomenen

Julia Kansok-Dusche1, Dr. Sebastian Wachs2, Prof. Dr. Ludwig Bilz1
1Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg, 2Universität Potsdam

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Verbreitung von Hatespeech (HS) bei Heranwachsenden sowie mit den Überschneidungen z.B. mit Mobbing hat im deutschsprachigen Raum erst begonnen (z.B. Wachs et al., 2021). Der geplante Vortrag präsentiert die Ergebnisse eines systematischen Reviews des internationalen Forschungsstandes. Hierbei waren die folgenden Fragen leitend: 1. Wie wird HS in Studien mit Kindern und Jugendlichen (5–21 Jahre) definiert? 2. Wie stark ist HS in dieser Altersgruppe verbreitet? 3. Wie wird HS von verwandten Formen der Gewalt definitorisch abgegrenzt und wie hoch ist die empirische Überlappung? Eine String-Suche in sozialwissenschaftlichen Datenbanken erbrachte insgesamt 1.850 Publikationen. Die Einschlussprüfung stufte davon 18 Publikationen aus zehn Studien als relevant ein. Zwei Kodiererinnen werteten die Publikationen kriteriengeleitet aus (κ =.80) und ermittelten ihre Qualität. Alle Studien (USA, Europa, Asien) basierten auf Jugendstichproben, keine Studie untersuchte Kinder. Die identifizierten HS-Definitionen, Messinstrumente und Abgrenzungskriterien variierten erheblich. Jugendliche erleben HS am häufigsten aus der Beobachter*innenperspektive (31–69%), gefolgt von Opfererfahrungen (7%–23%) und Täter*innenschaft (5%–11%). Mobbing und HS korrelieren miteinander (r =.15 – .47). Der Vortrag endet mit praktischen Implikationen für zukünftige Forschungen (z.B. Vorschlag einer breiten HS-Definition).

 

Dem Hass entgeg(n)en – Eine qualitative Studie zu Interventionsmaßnahmen von pädagogischem Schulpersonal bei Hatespeech in der Schule

Norman Krause1, Prof. Dr. Ludwig Bilz2, Dr. Sebastian Wachs1
1Universität Potsdam, 2Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg

Hatespeech-Erfahrungen können sich negativ auf das Wohlbefinden auswirken (Krause et al., 2021). Als häufig erste Erwachsene, an die sich Schüler*innen hilfesuchend wenden können, liegt es in der Verantwortung des pädagogischen Schulpersonals, eine Intervention zu initiieren. Bisher wurde jedoch nicht untersucht, welche Interventionsmaßnahmen in Bezug auf Hatespeech in der Schulpraxis durchgeführt werden. Aus diesem Grund werden in dem vorliegenden Beitrag Interviews von Schüler*innen (n=21) und Pädagog*innen (n=27) zum Interventionshandeln des pädagogischen Schulpersonals bei Hatespeech ausgewertet. Die Ergebnisse weisen auf verschiedene Interventionsziele (Auflösen der beobachteten Hatespeech-Situation als kurzfristiges Primärziel sowie verhaltensbezogene und einstellungsbezogene Sekundärziele) hin. Weiterhin konnten zwei Interventionsstrategien unterschieden werden: direktiv-disziplinierende Interventionen (z.B. Bestrafungen, Instruktionen) und partizipativ-verhandelnde Interventionen (z.B. kompromissorientierte Mediationen, integrativ-konsensorientierte Verhandlungen). Insgesamt zeigt sich, dass Lehrkräfte auf ähnliche Strategien zurückgreifen wie bei anderen Gewaltphänomenen. Bei einstellungsmotivierter Hatespeech stößt eine rein verhaltenskonditionierende Interventionslogik jedoch an ihre Grenzen, woraus sich Forderungen nach Fortbildungsmaßnahmen für das Schulpersonal und Maßnahmen zur Stärkung einer Werteerziehung für die Schüler*innen ableiten lassen.

 

Online Correlates of Cyberhate Involvement among Adolescents from Ten European Countries: An Application of the Routine Activity and Problem Behaviour Theory

Dr. Sebastian Wachs1, Dr. Angela Mazzone2, Dr. Tijana Milosevic2, Dr. Michelle Wright3
1Universität Potsdam, 2Dublin City University, 3Pennstate University

Recent evidence shows that young people across Europe are encountering hateful content on the Internet. However, there is a lack of empirically tested theories to understand young people’s involvement in online hate speech. To fill this gap, the present study aims to test the Routine Activity Theory to explain hate speech victimisation and the Problem Behaviour Theory to understand hate speech perpetration. Participants were 5433 young people (Mage = 14.12, SDage = 1.38; 49.8% boys from ten countries of the EU Kids Online IV survey). Self-report questionnaires were administered to assess hate speech involvement, experiences of data misuse, frequency of contact with unknown people online, problematic aspects of sharenting, excessive Internet use, and sensation seeking. Results showed that being a victim of hate speech was positively associated with target suitability (e.g., experiences of data misuse, and contact with unknown people), lack of capable guardianship (e.g., problematic facets of sharenting), and exposure to potential offenders (e.g., witnessing cyberhate, and excessive Internet use). Furthermore, being a perpetrator of hate speech was positively associated with several online problem behaviors. Hence, findings support the general usefulness of both theories to understand hate speech involvement of young people. The findings can be used to develop intervention and prevention programmes on a local, national, and international level.

 
14:00 - 16:30Kontingenzen ableistischer Grenzen in schulischen Programmatiken und Praktiken
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 19
 

Chair(s): Prof. Dr. Anja Hackbarth (Johannes-Gutenberg Universität Mainz, Deutschland), Dr. Benjamin Wagener (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Lisa Pfahl (Universität Innsbruck)

Dem schulischen Erziehungs- und Bildungssystem liegen normative Legitimationen fähigkeitsbezogener Grenzziehungen und damit auch von Normalitäts- und Abweichungskonstruktionen zugrunde, die sich mittels des heuristischen Rahmens der Disability Studies in Education als ableist divide identifizieren lassen. In dem Symposium werden diese ableistischen Grenzen entlang schulischer Programmatiken und / oder Praktiken vergleichend betrachtet und im Hinblick auf Kontingenzen, Behinderungen und Teilhabe diskutiert. Dafür werden in den praxeologisch oder diskursanalytisch angelegten Einzelvorträgen transnationale (Vergleich unterrichtlicher Interaktionen in der Schweiz und in Kanada), nationale (Schulcurricula in Österreich) als auch regionale (kleinräumige Schulprofilierungen) Analysefokusse entfaltet. Diese werden abschließend von Prof. Dr. Lisa Pfahl aus der Perspektive der Disability Studies in Education diskutiert.

 

Beiträge des Panels

 

Professionelles Handeln zwischen Individualisierung und Pathologisierung im inklusiven Fachunterricht

Dr. Benjamin Wagener
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Anhand von Videographien des Fachunterrichts in inklusiven Sekundarschulklassen in der Deutschschweiz untersucht der Beitrag das (Spannungs-)Verhältnis von (Identitäts-)Norm und Praxis im Interaktionssystem Unterricht. Die Interaktion zwischen den Schulischen Heilpädagog:innen und den Schüler:innen mit zugeschriebenem „besonderem Bildungsbedarf“ kennzeichnet eine primäre Rahmung durch Pathologisierung und Konstruktion ‚behinderter’ Identität, die durch Absprache eigenverantwortlichen Handelns und partieller Suspendierung der Leistungsordnung und somit der sozialen Schüler:innen-Identität charakterisiert ist. Im Mathematikunterricht steht die stigmatisierende Identitätskonstruktion einem primär sachbezogenen und individualisierenden Typus gegenüber, der mit einer gesteigerten Erwartung an die Eigenverantwortung der Schüler:innen ohne attestierten besonderen Bildungsbedarf einhergeht und Zugriffe auf ihre Person vermeidet. Dies geht zugleich mit fehlenden Anschlüssen an die persönlichen Sachzugänge einher, was das Risiko des Ausschlusses aus dem (gemeinsamen) Unterricht, in dem die Sache als standardisiert hervorgebracht wird, erhöht. Die rekonstruierbare handlungspraktische Grenzziehung zwischen Nicht_Pathologisierung (im soziologischen Sinne) und Nicht_Leistungsfähigkeit eröffnet Anschlüsse an normative Fragen pädagogischer Professionalität im Kontext von Inklusion/Exklusion.

 

Konstruktion von Leistungsdifferenzen im Mathematikunterricht der Sekundarstufe – ein internationaler Vergleich professionalisierter Praxen ein- und mehrgliedriger Schulsysteme

Prof. Dr. Tanja Sturm
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

In dem Beitrag sollen Rekonstruktionen, die auf Basis von Videografien im Mathematikunterricht kanadischer Sekundarschulen generiert wurden, vorgestellt und mit denen des Beitrags von Vortrag 1 verglichen werden. Die im Projekt „Soziale Genese unterrichtlicher Praxen der Konstruktion von (Leistungs-)Differenzen im transnationalen Vergleich“, das in der Praxeologischen Wissenssoziologie verankert ist, generierten Ergebnisse zeigen, dass sich der Mathematikunterricht in mehr- wie in eingliedrigen Schulkontexten durch eine primäre Rahmung der Sachorientierung auszeichnet. Neben dieser Homologie unterscheiden sich damit verbundene unterrichtliche Bewertungspraxen: während in der Deutschschweiz nicht nur die Produkte (z.B. mathematische Rechnung), sondern auch die Schüler:innen, die sie erstellt haben, bewertet werden, weist das kanadische Sample keine vergleichbare Identitätskonstruktionen auf. Fehlerhafte Produkte stellen in den kanadischen Praxen Anlass für versachlichte Erläuterungen dar. Vergleichbare ableistische Grenzziehungen liegen also nicht vor. Eine soziogenetische Erklärung für die unterschiedlichen konstituierenden Rahmungen der Praxen liegt in den kodifizierten Leistungsverständnissen der Schule: während individuelle Leistungszuschreibungen im mehrgliedrigen Schulsystem Grundlage für die Legitimation von Allokationsentscheidungen und damit verbundenen ableistischen Grenzziehungen darstellen, ist dies in eingliedrigen Systemen nicht vergleichbar gegeben.

 

Curriculum und Fähigkeit

Prof. Dr. Tobias Buchner
PH Oberösterreich

Curricula stellen ein politisches Programm dar, über welches die Parameter der Subjektproduktion an Schulen geregelt werden sollen. So findet sich darin festgelegt, welches Wissen und welche Fähigkeiten an Schulen erworben werden sollen – um die gesellschaftlich benötigten, ‚erwünschten Bürger*innen‘ zu produzieren. Darüber werden implizit auch fähigkeitsbezogene Konstruktionen von ‚Normschüler*innen‘ vollzogen – und damit verwobene Grenzziehungen nahegelegt.

Bezugnehmend auf das Konzept des ‚Ableism‘ wird im Beitrag das Zusammenspiel von Fähigkeit und Curricula untersucht. Dazu wird im Rahmen einer diskursanalytischen Herangehensweise der Frage nachgegangen, welche unterschiedlichen Fähigkeitserwartungen sich in verschiedene Lehrpläne der Sekundarstufe I in Österreich eingeschrieben finden – und aufgezeigt, welche Normalitätskonstruktionen sowie Behinderungen von Teilhabe darüber impliziert werden.

So werden die in Curricula der Gymnasien, Mittel- sowie der Sonderschulen eingelagerten, unterschiedlich konnotierten fähigkeitsbezogenen Grenzziehungen herausgearbeitet. Dabei wird aufgezeigt, wie über fähigkeitsbezogene Konstruktionen ein grundlegender ‚great divide‘ im Sinne einer qua curricularer Definitionen nahegelegten Unterteilung in nicht_normal zwischen Schüler*innengruppen forciert wird - aber auch wie Hierarchisierungen oberhalb des ‚ableist divide‘, zwischen Schüler*innen der Gymnasien und der Mittelschulen, nahegelegt werden.

 

Räumliche Konstituierung von Normalität und Abweichung

Prof. Dr. Anja Hackbarth1, Dr. Patricia Stošić2
1Johannes-Gutenberg Universität Mainz, 2Goethe-Universität Frankfurt

Im folgenden Beitrag wird die räumliche Konstituierung von Normalität und Abweichung als fähigkeitsbezogene Grenzziehung auf der Ebene von Einzelschulen im Bildungsraum reflektiert. Der Bildungsraum lässt sich dabei raumtheoretisch (u.a. Löw 2001) als Konstellationen von Schulen verstehen, die durch die Platzierung von Schulen an bestimmten Orten und durch spezifische Praktiken (z.B. der Schulprofilierung) hervorgebracht werden. Vorgestellt werden machtvolle einzelschulbezogene Grenzziehungen, die aus dokumentarisch analysierten Interviews mit Schulleitenden sowie mit Eltern von Kindern mit sonderpädagogischen Förderbedarfen aus dem vom BMBF geförderten Projekt "Lokale Konstellationen inklusiver Bildung. Wissen, Handeln, Organisation im Bildungsraum (LoKoBi)" rekonstruiert wurden. Diesen expliziten fähigkeitsbezogenen Grenzsetzungen unterliegen Normalitäts- und Abweichungskonstruktionen, die insbesondere an den Rändern der Grenzen sowohl kontingent als auch fluide aufscheinen, was wiederum neue Optionen von Zugängen als auch von Ausschlüssen schafft.

Literatur

Löw, M. (2001). Raumsoziologie. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

 
14:00 - 16:30Multiliteracies as an educational resource in the 'boarderless' society
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 30
 

Chair(s): Prof. Dr. Ingrid Gogolin (University of Hamburg), Dr. Irina Usanova (University of Hamburg)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Ingrid Gogolin (University of Hamburg)

The rapid cultural, social, and technological change is altering the requirements for basic cultural skills. Particularly affected are literacy skills as the key to perhaps the most crucial social resource - education (Parveva 2017). Linguistic, cultural, and technological pluralization requires multilingual and multimodal literacy skills - summarized under the term "multiliteracies" (Cope & Kalantzis 2000). Multiliteracies can represent cultural capital for learners, with the potential to be transformed into economic capital (Agirdag 2014). The guiding perspective of our symposium is to discuss theory- and evidence-based arguments for a resource-oriented perspective on components of multiliteracies as a potential basis for educational achievement. We focus on research from Belgium and Germany on multimodal aspects (oral and literate skills; reading and writing) and aspects of multilingualism. The discussion will address the relevance of results for innovation of educational practice.

 

Beiträge des Panels

 

The More Languages, the Merrier? Investigating the Role of Children’s Emotion Differentiation Ability

Dr. Graziela Dekeyser, Prof. Dr. Jozefien De Leersnyder
KU Leuven, Belgium

Children’s school well-being (e.g. school belonging) critically depends on their emotional competence (Denham & Brown, 2010). Among monolinguals, more emotion vocabulary is positively associated with emotional competence (Smidt & Suvak, 2015), which improves your ability to select and employ an adequate emotion regulatory strategy (Rieffe & De Rooij, 2012). To date, it remains unclear whether being able to speak and comprehend multiple languages goes hand in hand with increased emotional competence and subsequent school well-being. The currents study aims to address the following research questions: Do multilingual children differ significantly from monolingual children on ratings of school well-being (RQ1)? Does emotional competence mediate the relationship between being monolingual/multilingual and school well-being (RQ2?) And is the relationship between language background and emotional competence conditional upon the role of the school’s language policy (RQ3) and children’s language proficiency (RQ4)? We use survey data from primary school children (aged 10 to 12) from two different datasets: study 1: N = 1049 (MInA, 2014-2015); study 2: N = +/- 2500 (ECDIS, 2021). We expect a multilingual advange in emotional competence which in turn increases children’s school well-being. However, we assume that children may only reap off this advantage if they are fluent enough in the majority and the home language and/or if their school’s language policy welcomes their home language.

 

Multilingual Reading and writing skills in Students’ Successful Transition from Secondary to Tertiary Education

Dr. Birger Schnoor, Dr. Irina Usanova
University of Hamburg

Large-scale studies on educational success focus on disparities between migrant and non-migrant students in majority-language skills (mostly measured as reading comprehension). Multiliterate skills, i.e. complex linguistic repertoires (reading and writing in the variety of languages) were barely considered. However, previous research shows that heritage language maintenance may have positive effects on educational careers of bilinguals (Rumbaut, 2014; Santibanez & Zarate, 2014). Our presentation is based on a study in which the role of multilingual reading and writing skills of German-Russian and German-Turkish bilinguals in Germany for their transition from secondary to tertiary education is investigated. We analyze writing skills in multilinguals in three languages: the language of schooling (German), heritage languages (Russian or Turkish) and the foreign language (English). The overall sample is composed of 805 students (mean age = 15.0 years), including 306 German-Russian and 499 German-Turkish bilinguals. To explore the role of multiliterate skills in the transition to the tertiary sector, we conduct logistic regression to estimate the odds of university enrollment conditional to students’ literacy skills (reading and writing) in the students’ three languages. The results will reveal the role of multiliteracies in students’ transition from secondary to tertiary education.

 

Do young adults with deficient reading comprehension share a deficit also in oral comprehension?

Prof. Dr. Irit Bar-Kochva1, Dr. Réka Vágvölgyi2, Prof. Dr. Josef Schrader3, Prof. Dr. Hans-Christoph Nuerk3
1University of Cologne, 2University of Kaiserslautern, 3University of Tübingen

Profound deficits in reading comprehension, despite the completion of compulsory education, is a world-wide phenomenon (OECD, 2016). While previous research of adults with low literacy skills focused mainly on their reading ability, less is known about their oral language skill. Hence, in this study, the listening comprehension skills of young adults (ages 16 to 19) with deficits in reading comprehension were analyzed. Data from 26 participants were selected from a previously collected database of low literate adults (Vagvolgyi, 2018). Participants were included in analysis providing they were enrolled in a professional training, were born in Germany, had a normal non-verbal IQ and a reading comprehension ability below the level expected from 6th graders. Results from standardized listening comprehension tests (ADST, Steinert, 2011) were analyzed. These examined semantic understanding of a story and grammatical understanding of sentences. The raw scores were converted into standardized scores, while relating to norms of 9th graders attending “Hauptschulen”. The mean standard score in story comprehension was -1.73 (SD = 1.40), and -1.06 (SD = 1.49) in grammatical understanding. At the same time, a considerable variance was observed (range of standard scores: -4.58 to 1.44). These results join a line of studies pointing to a great variance of the group in focus, while suggesting that this variance is not restricted to reading skills, but extends also to oral comprehension.

 
14:00 - 16:30Optimierung als Entgrenzung. Markierungen der Pädagogischen Anthropologie
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 04
 

Chair(s): Prof. Dr. Markus Dederich (Universität zu Köln, Deutschland), Moritz Krebs (Universität zu Köln, Deutschland), Philipp Seitzer (Universität zu Köln, Deutschland), Dr. Gabriele Sorgo (PH Salzburg, Österreich), Prof. Dr. Jörg Zirfas (Universität zu Köln, Deutschland)

Mit der Optimierung fokussiert das Symposion eine paradoxe Technologie der Moderne. Ideen und Praktiken zur Verbesserung oder Vervollkommnung des Menschen gibt es schon seit der Antike, werden aber unter den Bedingungen der Moderne zu einem potentiell unabschließbaren Projekt, das kein überhistorisch gültiges Optimum mehr zum Ziel hat. Optimierung steht also für den entgrenzten Versuch, unter bestimmten Ausgangslagen und mit Blick auf spezifische Zielsetzungen Lösungen zu finden, die „Verbesserungen“ bedeuten. Gegenwärtig erscheint es kaum mehr möglich, sich nicht optimieren zu wollen oder zu können. Optimierung erweist sich in anthropologischer Perspektive als vieldeutige und spannungsreiche Figur, die mit teilweise widersprüchlichen Bedeutungen aufgeladen ist, die regulative Ziele vorgeben, Entwicklungsperspektiven und -richtungen kanalisieren, praktisch-technologische Umsetzungsmöglichkeiten vorschreiben und positive (Neben-)Wirkungen prognostizieren will.

 

Beiträge des Panels

 

Bildsamkeit und Vervollkommnung. Historische Perspektiven

Prof. Dr. Markus Dederich, Prof. Dr. Jörg Zirfas
Universität zu Köln, Deutschland

Historisch erscheint die Umstellung der Semantik von Vollkommenheit als Optimum menschlicher Entwicklung auf Perfektionierung bzw. Vervollkommnung im 16. und 17. Jahrhundert bedeutsam. Infolge dessen wurde die Vervollkommnung von der (absoluten) Vollkommenheit gelöst bzw. die Vollkommenheit selbst als entwicklungsfähig bzw. steigerbar angesehen. Wenn in den aktuellen Debatten weder von einer Vollkommenheit des Menschen, noch von seiner Vollendung die Rede ist, ist das auch ein Indiz dafür, dass ein integrales Ziel menschlichen Lebens nicht mehr vorstellbar erscheint. Genau dieser Verlust macht die Figur der Optimierung attraktiv, bietet diese doch eine irgendwie geartete Orientierung. Zwei pädagogische Grundbegriffe sind mit dieser Orientierung verbunden: Bildsamkeit und Vervollkommnung. Bildsamkeit kann ganz allgemein als eine dem Menschen zugeschriebene Fähigkeit verstanden werden, Fähigkeiten auszubilden und zu entwickeln, zu lernen und sich mit pädagogischer Unterstützung und im Austausch mit der natürlichen, sozialen und kulturellen Welt zu bilden. Auf der anderen Seite verweist der Begriff der Vervollkommnungsfähigkeit darauf, dass das Konzept der Bildsamkeit mit einem Telos versehen werden muss, auf das diese hin entwickelt werden soll. Unter den Bedingungen der Moderne geraten Bildsamkeit und Vervollkommnung in den Sog eines entgrenzten Optimierungsmodells, das in seinen extremen Spielarten über den Menschen hinausweist.

 

Optimierung von Subsumtionsprozessen. Anmerkungen zur Dialektik räumlicher und zeitlicher Entgrenzungen im Kapitalozän

Moritz Krebs
Universität zu Köln, Deutschland

Kapitalistische Vergesellschaftung unterliegt mit Marx einer fortwährenden Unterordnung menschlicher Praxis und vorhandener Ressourcen unter die Erfordernisse der Verwertung. Diese Prozesse werden als formelle und reelle Subsumtion bezeichnet. Formell insofern, als sowohl die lebendige Arbeitskraft als auch die jeweils erschließbaren Ressourcen dem kapitalistischen Produktionsprozess ein- und untergeordnet werden. Reell insofern, als die Produktion des relativen Mehrwerts durch ständige Produktivitätssteigerung historisch zur prägenden Produktionsweise wurde. Einerseits sind Prozesse der Subsumtion auf die historische Entwicklung des Kapitalismus und der bürgerlichen Gesellschaft bezogen, andererseits aber auch ein ständig weitergetriebener Prozess, der stetig neue Formen der Entgrenzung mit sich bringt. Insbesondere lassen sich Aspekte der zeitlichen Entgrenzung (Postone 2003) von Aspekten der räumlichen Entgrenzung (Moore 2020) unterscheiden. Während zeitliche Entgrenzung mit dem Drang zur technischen und sozialen Beschleunigung und Optimierung einhergeht, ist räumliche Entgrenzung auf die materiellen Grundlagen menschlichen Lebens bezogen. Beide Tendenzen bringen jeweils spezifische Anthropologien hervor, die entweder in neuartiger Weise die Conditio humana reflektieren oder aber in Form neuer Menschenbilder affirmativ oder kritisch auf diese Prozesse Bezug nehmen. Welche Bedeutung Vorstellungen von Grenzziehungen in diesen Diskursen haben, soll Gegenstand der Erörterung sein.

 

Grenzen sonderpädagogischer Optimierung jenseits von Defizit- und Ressourcenorientierung

Philipp Seitzer
Universität zu Köln, Deutschland

Die Themen Grenzen und Entgrenzung spielen in der Heil- und Sonderpädagogik eine zentrale Rolle. Heil- und sonderpädagogisches Handeln setzt dort an, wo die allgemeinen Erziehungswissenschaften an ihre Grenzen stoßen und normalisierte Lernprozesse brüchig werden (Möckl 2019). Andererseits findet es traditionell innerhalb institutionalisierter Grenzen statt, die als Schutzbereiche im Sinne bedarfs- und entwicklungsgerechter Sonderumwelten legitimiert waren. Damit einher ging jedoch, dass immer zumindest implizit gewisse Grenzen, etwa der Bildbarkeit und Integrationsfähigkeit, mitgedacht wurden. Diese institutionellen und einstellungsbasierten Grenzen wurden später selbst ins Zentrum der Kritik gerückt und ein Perspektivwechsel von einer individuumszentrierten und defizitorientierten zu einer sozialkritischen und ressourcenorientierten Haltung gefordert. Je mehr jedoch reale Verhältnisse ein von Diskriminierung, Fremdbestimmung und struktureller Gewalt beherrschtes Bild abgeben, desto verheißungsvoller erscheinen auf der anderen Seite die durch Optimierung, Selbstbestimmung und Resilienz gekennzeichneten „Paradiesmetaphern von Bildung“ (Stinkes 2008). In diesem Vortrag soll die Spannung zwischen diesen beiden Seiten der Optimierung als Entgrenzung herausgearbeitet und der Frage nachgegangen werden, ob der Ausgang von der Vulnerabilität des Menschen einen geeigneten Ansatz darstellt, um sonderpädagogische Grenzpfeiler zu bestimmen, die jenseits gängiger Alternativen verlaufen.

 

Not happy to bleed. Entgrenzung und Optimierung des weiblichen Körpers

Dr. Gabriele Sorgo
PH Salzburg, Österreich

Seit der gesetzlichen Gleichstellung der Geschlechter, so würde man logisch schließen, gehören alte abendländische Vorstellungen von einer größeren Vollkommenheit des Mannes gegenüber der Frau endgültig der Vergangenheit an. Doch die spätmodernen Praktiken des Umgangs mit der Menstruation weisen in eine andere Richtung: die Medizin will sie minimieren bzw. abschaffen, um Frauen von dieser als Behinderung eingestuften Heimsuchung zu befreien. Als Norm gilt der männliche Körper ohne zyklische Blutungen. Der Vortrag stützt sich auf anthropologische Studien zum Menstruationstabu, um zu zeigen, dass Menstruierende nach wie vor stigmatisiert werden, während die Menstruation in pädagogischen Diskursen zur Inklusion „vergessen“ wird. Die These lautet, dass die Monatsblutung die Natur-Kulturschranke und somit die androzentristische Vorstellung des vernünftigen Subjekts in Frage stellt, welches Natur und Tier als das Andere des Anthropos sieht. Neue Technologien ermöglichen in marketinggesteuerten Kontrollgesellschaften den Frauen nun, sich vom concealment-imperative zu befreien und sich zu optimieren, indem sie die Grenzen der Natur überschreiten und den Männern körperlich gleicher werden. Theoretisch knüpft der Beitrag an die Theorien von Michel Foucault zur Biopolitik und von Rosi Braidotti zum Posthumanismus an.

 
14:00 - 16:30Orte und Landschaften des kollaborativen Lernens. Pädagogisch-anthropologische Explorationen zu Grenzerfahrungen und -praktiken im Anthropozän
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 05
 

Chair(s): Dr. Oktay Bilgi (Universität zu Köln, Deutschland), Prof. Dr. Ursula Stenger (Universität zu Köln)

Folgt man aktuellen Zeitdiagnosen, dann leben wir in einer geochronologischen Epoche des Anthropozän. Der Begriff des Anthropozän reflektiert dabei nicht nur die geopolitischen Auswirkungen der technologischen Evolution. Er bietet ebenfalls ein sozialwissenschaftliches Konzept, um tradierte Geschichten des Menschen und seiner Bildung neu zu diskutieren (vgl. Wulf 2020). Das Symposion fragt nach erfinderischen Weisen des gemeinsamen Lernens und Lebens an Orten und in Landschaften des Anthropozän. Die Metapher der »Ent|grenz|ungen« nimmt das Symposion dabei zum Anlass für eine interdisziplinäre Perspektivierung von Phänomenen der Ent- und Begrenzung, die auf der Verschränkung unterschiedlicher Forschungsansätze (Human Animal Studies, Landscape Studies, Phänomenologie, Neuer Materialismus, Kunst- und Theaterforschung) beruht und am Beispiel pädagogischer Felder (Frühe Kindheit, Grundschule, Theaterpädagogik, Kulturelle Bildung) Orte und Praxen des kollaborativen Lernens untersucht.

 

Beiträge des Panels

 

Konstitution und ethische Implikationen von Kitas als Orte des gemeinsamen Lernens und Lebens im Anthropozän

Dr. Oktay Bilgi1, Prof. Dr. Ursula Stenger2
1Universität zu Köln, 2Universiät zu Köln

Der Vortrag fragt nach Konstitutionsprozessen und ethischen Implikationen von Orten des gemeinsamen Lernens in der frühen Kindheit, die über anthropozentrische Partikularinteressen hinaus neue Wege des Handelns und Denkens im Umgang mit nicht-menschlichen Anderen (Pflanzen, Tieren, Materialien, Landschaften) erfordern. Kollaborative Orte des Lernens konstituieren sich als relationale Assemblage von vielfältigen Beziehungsformen und Arten der Grenzbearbeitung. Wie werden Orte zu jenen pädagogischen Orten des kollaborativen Lernens, in denen andere Arten von pädagogischen Beziehungen möglich werden können? Wie müssen diese Orte pädagogisch und didaktisch gestaltet sein? Der Vortrag greift Ergebnisse aus dem BMBF Projekt RaumQualitäten zum lebendigen Raum zurück, in dem Kinder, Fachkräfte und nicht-menschliche Lebewesen Orte bilden, die durch vielfältige Praktiken und Erfahrungen der Grenze zwischen dem Vertrauten und dem Neuen (vom Kindergarten in den Wald), zwischen dem, was war und dem, was an neuen Lebenslinien entsteht, gekennzeichnet sind. Am Beispiel von Naturerfahrungen in der frühen Kindheit kann so gezeigt werden, wie durch das Zusammenspiel von Körpern, Beziehungen, Geschichten und Grenzbearbeitungen Orte geteilter Erfahrungen entstehen, die (Mit-)Gefühl für und Verantwortung gegenüber einer mehr als menschlichen Welten fördern können.

 

‚Kindheit und Natur‘ als Topos der Grundschulpädagogik. Eine Re-Analyse situierter Praktiken und pädagogischer Legitimationsfiguren aus Sicht posthumaner Entgrenzungsdiskussionen

Prof. Dr. Heike Deckert-Peaceman
PH-Ludwigsburg

Im Anschluss an internationale Diskurse, die Kindheit in einer posthumanen Landschaft neu verorten (https://commonworlds.net/), soll die Parallelisierung von Kindheit und Natur als pädagogische Legitimationsfigur, wie sie sich in der Moderne herausbildet und bis in die Gegenwart hinein wirkmächtig bleibt, hinterfragt werden. In den Blick genommen wird die Kind-Tier-Relation in Bezug auf situierte Praktiken in der Grundschule als performative Orte des Lernens. Konkret werden Protokolle einer teilnehmenden Beobachtung zur pädagogisch inszenierten Naturbegegnung in den 1980er Jahren (re-)analysiert. Dabei wurden Raupen auf Naturerkundungsgängen gefunden und Schmetterlinge im Klassenzimmer „geboren“. Die Reanalyse situierter Praktiken erfolgt demnach auch aus historischer Perspektive. Mit der historischen Einordnung werden unterschiedliche Modi der Ent- und Begrenzung in der Diskussion des Kind-Tier-Verhältnisses seit den 1980er rekonstruierbar. Gefragt wird, wie Kinder und Tiere historisch wie aktuell voneinander abgegrenzt werden, wie Pädagogik darüber legitimiert und Kindheit hervorgebracht wird. Geprüft wird, inwiefern die posthumane Entgrenzungsdiskussion zu anderen pädagogischen Praktiken und normativen Begründungsfiguren beitragen kann.

 

Landschaft als Mitspielerin? Ortsbezogene Performance in ländlichen Räumen

Micha Kranixfeld, Prof. Dr. Kristin Westphal
Universität Koblenz Landau

Die Zentrierung auf den Anthropos als einzigen Akteur von Geschichte wie Theater ist mit dem Zeitalter des Anthropozän in Frage gestellt. Unsere Vorstellungen einer Grenzziehung von Natur und Kultur sind überholt. Kunst und Bildung sind herausgefordert, das Verhältnis von Kunst und Natur zu befragen und neu zu denken. Zu beobachten sind verstärkt Praktiken in den Performancekünsten, die sich einer anthropogenen Zukunft widmen. Das umfasst urbane, rurale, industrielle Landschaften mit Performance zusammenzudenken. Landschaften wie das Gestein, Meer, der Wald sind nicht nur als Hintergrund für Performances zu sehen, sondern als Kräfte anderer Formen des Lebens, von denen das Menschliche selbst existenziell abhängig ist. Es rührt in ethischer Hinsicht an die Verantwortung für die Kommenden. Im Rahmen unserer fortlaufenden Beobachtung von Kollaborationen zwischen Künstler*innen und Bewohner*innen ländlicher Räume setzen wir uns mit dem Landschaftsbegriff auseinander und fragen, welche Rolle Landschaft dabei als Mitspielerin einnimmt. In den ortsspezifischen Projekten, die wir im Rahmen des BMBF-Forschungsprojekts Der Dritte Ort? Künstlerische Residenzen in ländlichen Räumen begleiten, wird Landschaft zum Verhandlungsraum zwischen Generationen, in dem menschliche Erfahrung eingeschrieben ist und an dem sich neue Erfahrungen der Entgrenzung am Schnittpunkt von Kunst, Natur und Bildung herausbilden können.

 

Affective Landscapes

Prof. Dr. Birgit Althans1, Prof. Dr. Gabrielle Ivinson2
1Kunstakademie Düsseldorf, 2Manchester Metropolitan University

Landschaften sind nicht-menschliche Akteure des Anthroprozäns und haben pädagogisches Potenzial: Landschaften prägen auf zutiefst körperliche Weise Rhythmen menschlicher Aktivität, wie Bewegung, Arbeit, Spiel, Entspannung und Schlaf. Landschaften lösen so Gefühle von Zugehörigkeit, Entfremdung und Ausgrenzung aus, sie können als eine kulturelle Ressource (Jullien 2017) aufgefasst werden. Erfahrungen junger Migrant*innen und marginaler ethnischer Gruppen können mit Bezug auf geteilte, sensorische, körperlich-affektive Erfahrung der Materialitäten und Atmosphären von Landschaften als Verlust- oder Zugehörigkeitserfahrungen verstehbar werden und zu einem neuen (post)migrantischen Imaginären beitragen. Dies verlangt jedoch einen relational gedachten Landschaftsbegriff. In der europäisch-kolonialen Tradition zeigen sich Landschaften stets in einem Subjekt-Objekt-Dualismus. Landschaft soll hier als performative Bezogenheit nicht-menschlicher und menschlicher Akteure als Teil von ineinander verschränkten, inzwischen global beschädigten NaturKulturen aufgefasst werden. Der Beitrag, der auf einem Forschungsprojektantrag der Vortragenden basiert, die kolonial und imperial geprägte Landschaften in Bezug auf (Post-)Migrationserfahrungen im Vergleich zwischen UK und BRD aus Perspektive von New Materialism und Landscape Studies untersuchen möchten, versteht sich als Zeitdiagnose von politisch gerahmten Auffassungen von Landschaft mit ihren pädagogischen Potenzialen.

 
14:00 - 16:30Profilierungen des Allgemeinen. Zur disziplinpolitischen Eingrenzung und Neukonturierung der Allgemeinen Erziehungswissenschaft
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 31
 

Chair(s): Prof. Dr. Kerstin Jergus (TU Braunschweig, Deutschland), Dr. Carsten Bünger (PH Schwäbisch Gmünd)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Hans-Christoph Koller (Universität Hamburg), Prof. Dr. Edwin Keiner (Universität Frankfurt)

Das Symposium diskutiert die Ent- und Begrenzungen Allgemeiner Erziehungswissenschaft, die sich aus dem Spannungsfeld zwischen grundlagentheoretischen Lehr- und Forschungsanspruch und disziplinpolitischen (z.B. institutionellen) Zuständigkeitsbestimmungen ergeben. Die hieraus resultierenden Fragestellungen werden aus vier unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet: Es werden erstens die Stellung von Theoriebildung auch im internationalen Kontext betrachtet, zweitens die Bedeutsamkeit historisch-systematischer Theoriezugänge für Forschung und Theoriebildung diskutiert, drittens die strukturellen Entwicklungen im Bereich Studium und Lehre aufgegriffen und viertens die Stellung der Allgemeinen Erziehungswissenschaft im Hinblick auf internationale Forschungskulturen fokussiert. Das Symposium strebt somit eine Auseinandersetzung und Verständigung über die Lage der Theoriebildung im Allgemeinen und den Stellenwert der Allgemeinen Erziehungswissenschaft im Besonderen an.

 

Beiträge des Panels

 

The Inherent Radicality of Pedagogy: Equality and Democratization

Prof. Dr. Carl Anders Säfström
Maynooth University

The Sophists, as devoted democrats, founded their thinking on equality, introduced the educational theory in Greek culture as a condition for a democratic city-state and understanding nature and culture as such. According to the Sophist, anyone could be taught which is the profound radicality of education and teaching, as Jaeger (1939/1965; 1943/1986) shows. This provokes the need for anti-democratic forces, as Masschelein & Simons (2013) say, to tame education, teachers and schools. Education and teaching are introduced in intellectual history as radical in this sense, as an adversarial response to inequality. The paper will be discussing the radical performativity of education and teaching as indistinguishable from democratization, and therefore democratization as already embedded in pedagogy. As is argued in the paper, what is at stake then in defending education and teaching is the very possibility of democracy itself. The paper intends to be discussing this 'original' radicality of education and teaching and show how it works as responses to some pressing issues of today. As such the paper highlights and specify radicality in education as a sophistical practice (Cassin 2014). Such practice, the paper will conclude, is a condition for mobilising educational theory as a response to actual and pressing social conditions and problems.

 

Die Ortlosigkeit historisch-systematischer Zugänge als Effekt der Ausdifferenzierung und Diversifizierung der Erziehungswissenschaft?

Prof. Dr. Meike Baader
Universität Hildesheim

Der Vortrag entfaltet die These, dass mit einer zunehmenden Ausdifferenzierung und Spezialisierung der Erziehungswissenschaft durch stark handlungsfeldbezogene Studiengänge, z.B. „Pädagogik der Kindheit“, die Gefahr verbunden ist, dass die Reflektion historisch-systematischer Fragen ihren Ort verliert. Diese sind Gegenstand der Allgemeinen Erziehungswissenschaft als „teildisziplinübergreifende Teildisziplin“. Der starke Handlungsfeld-, Praxis- oder Transferbezug verweist jedoch die historisch-systematische Reflektion tendenziell, möglicherweise nicht immer intendiert, in den Bereich der Nutzlosigkeit oder der verzichtbaren Theorie. Der These soll auch empirisch mit einem Blick auf das Profil von Studiengängen und Curricula nach der Bologna-Reform und auf eine stärkere Wettbewerbsorientierung der Hochschulen nachgegangen werden (Langewiesche 2007, Münch 2014). Zugleich wird in einer disziplingeschichtlichen Perspektive danach gefragt, wann, wo und zu welchen Anlässen die Diskussion um die Allgemeine Erziehungswissenschaft intensiver geführt wird, und wann diese in den Hintergrund tritt. Als Basis dient hier die Analyse von Beiträgen in einschlägigen erziehungswissenschaftlichen Zeitschriften. Zugleich wird, in einem wissenschaftsgeschichtlichen Zugang, nach Phasen der Theorieorientierung und der Theoriedistanz gefragt. Hierbei können etwa Programme pädagogischer Verlage in den Blick genommen werden. Insgesamt ist der Beitrag stark wissenschaftsgeschichtlich ausgerichtet.

 

‚Arbeit an den Grenzen‘ – Allgemeine Erziehungswissenschaft im Studienreformprozess

Prof. Dr. Cathleen Grunert
Universität Halle

Der Beitrag fragt ausgehend von einem historischen Blick auf den Stellenwert allgemein-erziehungswissenschaftlicher Studieninhalte in den fachgesellschaftlichen Empfehlungen zu einem ‚Kerncurriculum Erziehungswissenschaft‘ zunächst in quantitativer Perspektive nach deren Verankerung in erziehungswissenschaftlichen Bachelor- und Masterstudiengängen. Curricula werden dabei als soziale Konstruktionen und Ausdruck disziplinärer Grenzziehungsarbeit aufgefasst, in denen sich innerdisziplinäre Ordnungsentwürfe spiegeln. Den Dynamiken der Aushandlung disziplinärer Grenzziehungen wird dann auf der Basis von Gruppendiskussionen an verschiedenen Hochschulen nachgegangen. Darin erweist sich Curriculumentwicklung in einer an Pluralität ausgerichteten und fragmentierten Disziplin nicht nur als (machtvoller) kollegialer Aushandlungsprozess, in dem die Allgemeine Erziehungswissenschaft hoch different zum Tragen kommt. Vielmehr werden darüber hinaus im Zuge von New Public Management an Hochschulen Spannungsmomente zwischen disziplinärer Orientierung und der Hochschule als Organisation deutlich, deren Wirkmächtigkeit auf die fachspezifischen Curricula von pluralen Faktoren abhängig ist. Sowohl in innerdisziplinären Grenzziehungsprozessen wie auch im Spannungsfeld von Disziplin und Organisation erscheint die Arbeit an den Grenzen ‚einer‘ Allgemeinen Erziehungswissenschaft im Studienreformprozess als kontrastreiches und hochgradig standortindividuelles Geschehen.

 

Kriterien der Förderfähigkeit. Internationaler Anspruch und Anschluss der Allgemeinen Erziehungswissenschaft

Dr. Susann Hofbauer
HSU Hamburg

Gegenwärtig sind Kriterien der Exzellenz, der internationalen Sichtbarkeit und Förderfähigkeit besonders prominent, die durch finanzielle Anreize auch die erziehungswissenschaftliche Wissensproduktion lenken. Dieser Beitrag analysiert die Kriterien der Förderfähigkeit sowohl nationaler (DFG; BMBF) wie europäischer Drittmittelgeber und Empfehlungen zur Forschungsförderung (Erasmus +; EU Framework Programme, EC HORIZON; OECD). Diese Kriterien zielen auf anschlussfähige und übergreifende Forschungskulturen, die nur sektoral praktiziert werden, aber zu kollegialer Aufmerksamkeit (Franck 2007) verhelfen. Sie führen zum einen zu Prozessen, die die Offenheit wissenschaftlicher Karrieren durch die Koppelung an die Drittmittelanforderungen des New Public Management engführen. Zum anderen ergeben sich außerdisziplinäre, teils internationale Ansprüche an erziehungswissenschaftliche Forschung, die Bildungsprozesse als institutionell angebunden, nutzensorientiert und steuerbar versteht. Konträr dazu zeigt sich eine Entwicklung, die eine Reformulierung von grundlagentheoretischen Themen aus der geisteswissenschaftlich, humanistisch geprägten Tradition der (Selbst)Bildung erwarten lässt. Dies gilt z.B. für skandinavische Länder, Japan, oder Italien. Vor diesem Hintergrund werden Möglichkeiten einer Aufmerksamkeitskommunikation (Kade 2011) diskutiert, die sich zu einem produktiven und wertschätzenden wissenschaftlichen Grundlagendiskurs weiterentwickeln lässt.

 
14:00 - 16:30Soziale Repräsentationen von Arbeit
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 25
 

Chair(s): Dr. Alexandra Brutzer (Universität Kassel, Deutschland)

Der Stellenwert von Arbeit und Beruf ist kein neuer Diskurs. Über Jahrzehnte hinweg wurde hierzu geforscht und diskutiert (Bolder 2012). Während die soziale Gestalt von Arbeit als berufsförmige Tätigkeit in Deutschland etabliert ist und in sich geschlossen erscheint, scheint dies bei einzelnen Berufsfeldern aufgrund von ökonomischen bzw. gesellschaftlichen Entwicklungsdynamiken nicht der Fall zu sein, so dass nicht nur das Konzept der Beruflichkeit in Frage gestellt wird, sondern auch einzelne Berufe (u.a. Heisler 2015, S. 84f.). Dementsprechend stellt sich die Frage, inwiefern Beruflichkeit noch in allen Bereichen nicht-akademischer Arbeit tragfähig ist bzw. inwiefern dies einen Beitrag zur individuellen beruflichen Orientierung bieten kann. Im Rahmen des Symposiums werden entlang des theoretischen Konzepts der sozialen Repräsentationen (Moscovici 1984) unterschiedliche Sichtweisen von Akteur*innen beruflicher Bildung auf Arbeit und Beruf präsentiert.

 

Beiträge des Panels

 

Berufliche Sozialisation in der Jugend zwischen Ent- und Begrenzung

Pia Buck
Universität Kassel

Die Jugendphase zeigt sich weitestgehend entgrenzt. Sie orientiert sich kaum mehr an Generalisierungen und Normierungen, sondern ist pluraler und individualisierter. Die Verantwortung für Lebens- und Berufsverläufe sowie deren (Miss-)Erfolg werden zunehmend den Individuen übertragen. Konnotiert mit positiven Eigenschaften scheint Jugendlichkeit zudem lebensphasenübergreifend erstrebenswert (Grundmann 2019). Gleichwohl werden an Jugendliche Entwicklungsaufgaben herangetragen, die sie bewältigen sollen. So haben sie zunehmend autonomer zu werden, um sich als mündige (Erwerbs)bürger*innen gesellschaftlich zu integrieren. Ökonomische Autonomie wird i. d. R. mittels einer Berufstätigkeit verwirklicht, weshalb Jugendliche realistische Berufsaspirationen entwickeln und entsprechende Kompetenzen und Qualifikationen erwerben sollen (Hurrelmann & Quenzel 2016; Oerter & Dreher 2008). Soziale Repräsentationen von sich beruflich orientierenden Jugendlichen zu Arbeit im Kontext ihrer ökonomischen Autonomieaspirationen sollen in dem Beitrag vorgestellt werden. Die vorläufigen Erkenntnisse basieren auf einer qualitativen Interviewstudie. Die Interviews, die aus einem narrativen, einem vignettenbasierten sowie einem immanenten und exmanenten Fragenteil bestehen, werden mit der Situationsanalyse nach Clarke (2018) und der dokumentarischen Methode nach Nohl (2013a, b) und Bohnsack (2013, 2011) ausgewertet.

 

Arbeit zwischen Selbstverwirklichung, Pragmatismus und Ehre: Soziale Repräsentationen von Arbeit bei sozialstaatlichen Akteur*innen in der beruflichen Orientierung

Sina Schadow
Universität Kassel

Gelingt der Übergang von Schule in den Beruf nicht und werden junge Menschen abhängig von Sozialstaatstransfers, werden die Expert*innen der beruflichen Integration aktiv. Sie agieren dabei nicht nur als Berater*innen der Berufswahl, sondern auch als Gatekeeper*innen (Behrens und Rabe-Kleberg 2000), die beispielweise auch über den Zugang zu Fördermöglichkeiten entscheiden, eine Vorauswahl der jungen Menschen hinsichtlich einer beruflichen Passung durchführen und gegebenenfalls definieren, wer noch nicht bereit für den Arbeitsmarkt ist. Dabei bringen sie ihre eigenen und institutionellen verankerten Vorstellungen von einer „normalen“ Arbeit in die Interaktion mit den jungen Menschen mit ein, anhand derer Orientierungs- und Handlungslogiken zur Bewältigung des Übergangs vorgeben werden.

Auf Basis von leitfadengestützten Experteninterviews mit Berufsberater*innen und Integrationsfachkräften, die mittels der Grounded Theory (Glaser 2010) ausgewertet wurde, lassen sich drei Typen von Expert*innen differenzieren. Arbeit wird entweder verstanden als Selbstverwirklichung, als Ehre oder als pragmatische Notwendigkeit. Jeder dieser Vorstellungen von Arbeit produziert eigene Handlungslogiken und eigene Orientierungsunsicherheiten, die die Integration von jungen Menschen in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt erschweren können.

 

Soziale Repräsentationen von Arbeit in Deutschland - von Lichtblicken, Übergansperspektiven, Dequalifizierung und Sackgassen aus Sicht von Migrant*innen

Natalie Hubenthal, Dr. Serhat Yalcin, Dr. Juliane Dieterich
Universität Kassel

Durch Zuwanderung entstehen in Deutschland Felder der Arbeit, – u. a. im Reinigungsgewerbe, im Gastgewerbe sowie zunehmend auch in der Pflege – die migrantisch geprägt sind. Ein wesentliches Merkmal ist, dass sie sich von den traditionell berufsfachlich organisierten Arbeitsfeldern unterscheiden. Im Rahmen unseres Forschungsprojekts gehen wir der Frage nach, wie Migrant*innen ihre Arbeit innerhalb der genannten Felder erleben und welche Bilder, Gedanken und Ideen bei ihnen zu Arbeit in Deutschland vorhanden sind. Relevant sind diese Fragen nicht nur aufgrund der Bedeutsamkeit dieser Arbeitsfelder bei der Beschäftigung von Zugezogenen. Auch ist bedeutend, dass das hiesige Berufsbildungssystem den Zugezogenen vielfach fremd ist und dass sie Benachteiligung beim Zugang zum berufsfachlich organisierten Arbeitsmarkt erleben.

Mit leitfadengestützten Interviews wurden Daten erhoben und fallbasiert sequenzanalytisch ausgewertet. Zur Orientierung wurde ein Analyserahmen zugrunde gelegt, der aus Pries (2010) Ausführungen zu Erwerbsregulierung entwickelt wurde. Der Beitrag präsentiert Ergebnisse, die zu einem verbesserten Verständnis der Sichtweisen von Migrant*innen beitragen. Betrachtet wird u. a., welche Elemente bei ihrer Orientierung im Arbeitsmarkt eine Rolle spielen und an welchen Stellen Handlungspotenziale festgestellt werden können. Die Ergebnisse liefern bedeutsame Erkenntnisse sowie wichtige theoretische und praktische Impulse für die Berufspädagogik.

 

Soziale Repräsentation nicht-akademischer Arbeit aus der Perspektive betrieblicher Gatekeeper*innen

Claudia Hunink
Universität Kassel

Einstellungen, Wahrnehmungen und Ideen zu nicht-akademischer Arbeit sind in einer Gesellschaft, so auch in der mexikanischen, kulturell verankert und finden sich in individuellen Narrativen wieder. Von besonderem Interesse sind in diesem Kontext die Einstellungen bzw. sozialen Repräsentationen betrieblicher Gatekeeper*innen, wie z. B. Mitarbeitende im Personalwesen, weil sie den Zugang in Unternehmen regulieren. Das geschieht zwar auf der Grundlage von organisationalen Übergangspolitiken, allerdings sind Entscheidungsprozesse – so die Annahme – maßgeblich durch individuelle Einstellungen und Wahrnehmungen geprägt (Behrens & Rabe-Kleberg 2000). Aus diesem Grund erscheint die Perspektive dieser „entscheidungsmächtigen Zugangswächter“ (Struck 2001, S. 39) besonders interessant, da ihre Aussagen einen Rückschluss darüber zulassen, ob getätigte Bildungsinvestitionen auf nicht-akademischer Ebene in Mexiko Anerkennung finden und sich amortisieren.

Im Rahmen des Projektes wurden leitfadengestützte Expert*innen (Struck 2001) durchgeführt und mittels der Grounded Theory (Boehm 1994) ausgewertet. Die bislang vorliegenden Ergebnisse deuten darauf hin, dass das Konzept der nicht-akademischen Arbeit tendenziell mit dem der einfachen Arbeit gleichgesetzt wird, was auf fehlende Anerkennung sowie mangelnde Erwartungssicherheit schließen lässt.

 
14:00 - 16:30Sozialpädagogische Grenzbearbeitung – Zur Übersetzung einer Denkfigur
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 16
 

Chair(s): Prof. Dr. Fabian Kessl (Universität Wuppertal, Deutschland), Paula Achenbach (Universität Marburg, Deutschland), Prof. Dr. Susanne Maurer (Universität Marburg, Deutschland)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Birgit Bütow (Universität Salzburg, Österreich), Prof. Dr. Catrin Heite (Universität Zürich, Schweiz)

Das Symposium will die Potenziale der – seit ca. 2005 in den Diskurs eingeführten - Denkfigur einer „(sozial)pädagogischen Grenzbearbeitung“ für die erziehungswissenschaftliche Theoriebildung und Forschung weiter profilieren. Mit dieser Denkfigur werden bestehende gesellschaftliche Verhältnisse als wirkmächtige Begrenzungen und Grenzsetzungen ebenso thematisiert wie die vielfältigen Versuche, diese zu problematisieren und zu überwinden. Dabei erfolgt eine gleichzeitige Inblicknahme struktureller Bedingungen des menschlichen Handelns im Allgemeinen, des (sozial)pädagogischen Tuns im Besonderen sowie der alltäglichen Bildungs- und Bewältigungspraxis der Menschen. Die Perspektive (sozial)pädagogischer Grenzbearbeitung präzisiert die damit verbundenen widersprüchlichen und konflikthaften Konstellationen, indem sie diese über ihre jeweiligen historisch-gesellschaftlichen Bezugspunkte konkretisiert. Exemplarisch zeigen dies die Vorträge des Symposiums theoretisch wie empirisch auf.

 

Beiträge des Panels

 

Die Pluralität von Grenzverständnissen: Ein Blick auf implizites Wissen von Mitarbeiter*innen in Bundespolizei, Aufenthaltsbehörden und Aufenthaltsberatungsstellen

Dr. Lisa Janotta
Universtität Rostock

Die deutsche Aufenthaltsordnung ist ein einheitlicher, bundesweit gültiger Rechtskorpus. Beim Thema Einwanderungs- und Aufenthaltsrecht assoziiert man vor allem die territorialen Grenzen des Nationalstaats – und die Frage, wer sich darin aufhalten darf. Die homogenisierenden Vorstellungen von ‚der Nation‘ sind in globalisierungs- und migrationstheoretischer Perspektiven kritisch kommentiert worden. Doch wie sehen Grenzen, und wie die grenzüberschreitenden Migrant:innen, aus der Sicht derjenigen Grenzakteur:innen aus, die darüber befinden, wer da sein darf und wer gehen muss? Auf der Basis narrativer Interviews mit Mitarbeiter:innen in Bundespolizei, Ausländerbehörden und Aufenthaltsberatungsstellen konnte rekonstruiert werden, dass diese drei Berufsgruppen sehr unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wer Non-Citizens ‚vor dem Aufenthaltsrecht‘ sind, wer wieso bleiben darf und wie mit Personen umgegangen werden kann, die ‚die Grenzen überschreiten‘. Das ist vor allem deshalb interessant, weil sich alle drei Berufsgruppen auf das gleiche Aufenthaltsrecht berufen. Im Beitrag wird die Pluralität der Grenzverständnisse skizziert und aufgezeigt, wie jede Berufsgruppe eigensinnig moralisierend mit Konfliktfällen umgeht. Abschließend wird danach gefragt, wie die Denkfigur der Grenzbearbeitung im Lichte der rekonstruierten Pluralität von Grenzverständnissen und Moralisierungen weiterentwickelt werden kann. Ein wichtiger Aspekt ist hier nicht zuletzt die Gestalt der Non-Citizens.

 

Grenzbearbeitung und (De-)Thematisierung – die Bearbeitung eines Spannungsverhältnisses

Bianca Bassler
PH Freiburg, Deutschland

Der Vortrag unternimmt den Versuch das Spannungsverhältnis von Thematisierung und Dethematisierung systematisch auf die Perspektive von Sozialer Arbeit als Konfliktorientierung (Schäuble 2020) zu beziehen. Den Ausgangspunkt dafür bildet die Beobachtung, dass das Nicht-Thematisieren von Macht- und Ungleichheitsverhältnissen in der Praxis Sozialer Arbeit mit dem gleichzeitigen ‚Thematisieren‘ derselben einhergehen kann. Der Beitrag fragt hier nach dem „Wie“ und geht dabei von der These aus, dass ein ‚Dethematisieren’ besonders dann zu verzeichnen ist, wenn es um das Offenlegen von Konflikten geht. Thematisiert wird dann zwar eine (bestimmte) Perspektive auf einen Fall, das Konflikthafte daran bleibt letztlich aber unberührt. Vor diesem Hintergrund bedeutet ‚Dethematisierung’ Konfliktthemen wie Macht und Ungleichheit eben gerade nicht zu benennen und dadurch auch der Bearbeitung zu entziehen. Gezeigt wird dies anhand ethnographisch erhobenen Materials aus einem Promotionsprojekt zu Differenzkonstruktionen in der Kinder- und Jugendhilfe, in dem die Denkfigur der Grenzbearbeitung quasi ‚empirisch umgesetzt‘ worden ist. Reflektiert wird dabei auch, inwiefern diese Denkfigur in Einrichtungen der Sozialen Arbeit zur machtreflexiven Auseinandersetzung sowohl des eigenen Handelns wie auch institutioneller Strukturen beitragen kann. Nicht zuletzt wird im Beitrag verdeutlicht, wie die Denkfigur der Grenzbearbeitung als Reflexionsfigur für das eigene Forschen dienen kann.

 

Imaginationen des Körpers. Fotografische Selbstdarstellungen Jugendlicher und junger Erwachsener in digitalen sozialen Netzwerken als Formen der Grenzbearbeitung

Clarissa Schär
Universität Zürich, Schweiz

Im dritten Beitrag wird die Figur der Grenzbearbeitung im Kontext eines qualitativen Forschungsprojekts diskutiert, das sich mit fotografischen Selbstdarstellungen Jugendlicher und junger Erwachsener in digitalen sozialen Netzwerken als Form der Auseinandersetzung mit einer visuellen und ästhetisierten Gesellschaft beschäftigt. Die fotografischen Selbstdarstellungen werden dabei als ‚Imaginationen des Körpers‘ gefasst, weil sie nicht einfach Wiedergaben der Realität sind, sondern eher Konstruktionen von Neuem, die ‚real Vorhandenes‘ in einem ‚anderen Licht‘ präsentieren. Mit diesen Imaginationen des Körpers werden dabei unterschiedliche Grenzverhältnisse 'bedient', und auch neue erzeugt. Entlang von ‚Ordnungen der Differenz‘ erleben Jugendliche und junge Erwachsene zum Beispiel aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Behinderung Grenzen und Begrenzungen (vermittelt etwa über Körper-Normen), die sie imaginativ ‚erfüllen‘, ausloten und auch überschreiten. An diesen Grenzen zeigt sich die Auseinandersetzung mit Ambivalenzen und widersprüchlichen Anforderungen. Es werden aber auch neue Grenzen verhandelt, wie etwa die ‚Grenzen der Optimierung’ im Medium fotografischer Selbstdarstellungen. Die empirischen Befunde lassen sich bildungstheoretisch im Spannungsverhältnis von Subjektivierung (Ausgesetztheit) und Subjektivität (Ermöglichung von Eigensinn) lesen, und laden zur Reflexion von Pädagogik als Grenzbearbeiterin ein.

 

Körperleibliche Grenzverhältnisse. Überlegungen zum Intimen und zur Verletzbarkeit

Prof. Dr. Veronika Magyar-Haas
Universität Fribourg, Schweiz

Philosophische Analysen, welche sich – in Anlehnung an anthropologische und phänomenologische Perspektiven – mit den Grenzen des Körpers auseinandersetzen, betonen den Doppelcharakter der Grenze: Diese trenne ‚Innen‘ und ‚Außen‘ und öffne sie zugleich füreinander; die Grenzen des Körpers konstituierten sich im Sozialen, innerhalb räumlicher und zeitlicher Möglichkeiten (Krüger 2001: 269), und seien entsprechend plastisch und formbar. Wird der Körperleib jedoch sozialontologisch bestimmt, lässt er sich – durch seine Abhängigkeit von anderen und von sozialen, politischen, ökonomischen und ökologischen Bedingungen (Butler 2010) – wesentlich deutlicher in seiner Schutzlosigkeit, Verletzlichkeit und Gefährdung betrachten und damit als Grenze konzeptualisieren (Brumlik 2002, 76). Im Beitrag wird der Figur des Körperleibs als Grenze systematisch nachgegangen und dabei in Bezugnahme auf das Phänomen des Intimen die Frage nach Ent-Grenzung gestellt, schließlich hebt das Intime durch die Öffnung für den Anderen die Trennung, die Grenze zu ihm auf (Jullien 2013). So wird diskutiert, mit welchen sozialpädagogischen, aber auch ethischen, politischen und sozialen Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten die Konzipierung des Körperleibs als Grenze einhergeht und welche Bedeutung dabei dem Intimen zukommen mag.

 
14:00 - 16:30Transforming Boundaries By Crossing Them
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 33
 

Chair(s): Prof. Dr. Christine Freitag (Universität Paderborn, Deutschland), Prof. Dr. Katrin Temmen (Universität Paderborn)

The participants of this symposium are bound together by their involvement in a project on research and teaching for development, funded by BMBF. The content focus is research and development on sustainable modular energy grids for better grid stability (ART-D Grids) in East African Countries. The speciality of the project is that we do not simply want to implement sustainable energy technology in East Africa, but rather intend to contribute to and strengthen a multidisciplinary and globalised approach to sustainability of microgrid projects. We are jointly studying the impact of sustainability and sustainable thought on people’s lifeworlds, and thus offer discursive and co-constructive pathways to education.Whilst sustainable energy technology may seem to be crossing borders easily, we are trying to look at the conditions of its implementation as a process of translation.

 

Beiträge des Panels

 

• Researching different aspects of translation processes when crossing borders in a globalised world

Prof. Dr. Christine Freitag
Universität Paderborn

For some people, the idea of the project may seem a simple process of (physical) translation, i.e. taking sustainable energy technology to Africa and thus bringing light to that part of the world. But we consider translation to be a far more complex process with many more aspects. This contribution will not elaborate on questions of a locally suitable and thus ‘applied’ technology, but rather illuminate the social and educational sides of the intended translation process. Firstly, the normativity of wanting to act sustainably, brings in tensions between the overall aims and the steps to be taken at a certain time and in a certain place. Needs, context and targets will have to be matched, always considering differences and tensions between the local and the translocal. Thus we come to focus translation mainly as a process of negotiation between target groups’ demands, project stakeholders and socio-technical solutions of local community problems. We are addressing local communities directly, mainly through local researchers. Still we will be crossing borders that may be seen as cultural, but by referring to cultures as spaces of negotiation, we are hoping to transform existing boundaries into productive communitisation processes. Educational strategies will address and interlink communities as well as different institutional levels. In order to keep that focus, all activities will be oriented to conflict sensitivity, thus hoping to detect and actively work on boundaries.

 

• Researching Lifeworlds And Conflict

Teddy Mangeni
Universität Paderborn

Globalisation envisions great development strides transcending across borders which enhance digitalization and welfare of populations both in developed and developing countries. These potential benefits are translated to societies each unique in context and dynamics. Unless assessed with the beneficiaries’ participation, capitalizing existing capacities and intricacies is neglected and rather societies clutch on to their destructive trends and meet with opposition to that which is envisaged to benefit them. In East Africa, amidst low electrification rates, the main energy sources are biomass and fossil fuels in spite of the vast largely unexploited energy resources. The high population growth rates increase wood fuel demand hence continued forest cover endanger and effects to global climate change. There are apparent needs and opportunities to address the status quo yet a number of invested interventions to the looming energy crisis meet resistance from beneficiary populations, civil society organisations and, or state institutions. While other interventions have failed at sustainability, lasting not long after investors´ departure. Through an interdisciplinary lens inclusive of conflict sensitivity, the ART-D project using micogrid projects in East Africa will examine points at which socialization, digitalisation and globalisation complement and differ, and pedagogy of institutional and community education for sustainable development for transfer knowledge across all levels.

 

• Discursive Analyses on Globalization, Gender and Education for Sustainable Renewable Energy Development

Henry Asiimwe
Universität Paderborn

Globalization and digitalization of information including education have created enormous opportunities majorly resulting from technology transfer. However, due to the digital divide partly brought by unbalanced international systems, dependency relations and constrained mobility, the global south has found itself at the losing end. The benefits accruing from global systems may not be sustainable as long as a large percentage of this south become passive observers. Migration which is often seen as a last resort affects women to a large extend. Additionally, as a result of unbalanced gender relation characterized by a complex culture dominated by patriarchal structures, women comparatively benefit less particularly from technological progress. One of the major tools to stimulate women participation would be through education, which unfortunately is also gendered limiting female participation, especially in the STEM subjects. Thus, basing on the ongoing Art-D Grids research on Sustainable Energy Development, this presentation focuses on the lifeworlds and gender with the major focus on the gendered barriers and enablers and how they interact in diverse ways to enable or disable women participation in sustainable technological development in East Africa. As part of the translation process, gender perspectives from different educational systems and programmes will be studied to trigger mutual learning processes in order to find and produce possible options.

 

• Developing participatory education formats and materials for sustainable modular electrical energy grids

Henrik Bode, Paul Bogere
Universität Paderborn

Modular Electrical Energy Grids (MEEGs) are a cost effective solution to the low electrical energy access levels in developing countries. Although many MEEG projects have been funded in Africa, a considerable number is not sustainable beyond the funding period. Interdisciplinary approach is envisioned as a vital sustainability pillar for MEEGs. In the ART-D Grids project, a multidisciplinary participatory approach was considered for the transfer of MEEGs knowledge. For sustainability, it is not only the technical knowledge transfer. Crossing boundaries between aspects like conflicts, social, gender, economical, and didactics is as important as crossing the national boundaries between all African and European partners. To this end, instructional materials for transferring knowledge to: secondary school children, rural communities, engineering and technical teacher students are being developed. Additionally, Graduate Trainings (GTs) of one-week intensive course format are being organised. The combination of an intercultural lecturer team, interdisciplinary participants, the limited timeframe, pandemic-related restrictions and differing targets of the individual stakeholders compress many challenges of most other education situations. This contribution deals especially with the GT integrated in the overall project, including planning phase, implementation, result evaluation and occurring stumbling blocks of such a training format.

 
14:00 - 16:30Verdeckung umstrittener Grenzziehungen – eine Re-Perspektivierung von Inklusionsbemühungen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 09
 

Chair(s): Prof. Dr. Michaela Vogt (Universität Bielefeld, Deutschland), Prof. Dr. Saskia Bender (Universität Bielefeld)

Diskutant*innen: Daniel Tröhler (Universität Wien)

Ziel dieses Symposiums ist es, Praktiken der Verdeckung durch eine disziplinübergreifende Betrachtung der umstrittenen Grenzen im weiten Feld der Inklusion exemplarisch zu isolieren, hinsichtlich ihrer Wirkungsweisen und Mechanismen zu analysieren und auf dieser Grundlage erste Hypothesen zu einem Konzept von Verdeckung zu entwickeln. Durch diese interdisziplinäre Begriffs- und Theoriearbeit leistet das Symposium in mehrerlei Hinsicht einen wissenschaftlichen Mehrwert, da der zentrale Begriff der Inklusion als Ausdruck der Grenzbearbeitung weiterentwickelt und unter Gesichtspunkten der Verdeckung re-perspektiviert wird.

In den einzelnen Beiträgen werden die durch inklusive Bemühungen neu gezogenen Grenzen aus erziehungswissenschaftlichen, soziologischen (Vortrag 1), politikwissenschaftlichen (Vortrag 2) und philosophischen (Vortrag 3) Blickwinkeln begefragt.

 

Beiträge des Panels

 

Verdeckung als Notwendigkeit inklusiver Programmatiken – (Bildungs-)Soziologische Perspektiven

Marc Jacobsen, Till Neuhaus
Universität Bielefeld

Dieser Beitrag setzt es sich zum Ziel, die konzeptionelle Ausrichtung des Terminus ‚Inklusion‘ bildungssoziologisch zu betrachten. Im Rahmen der Analyse wird – aufgrund der definitorischen Vagheit des Begriffes (Dederich 2020) – die potenzielle Unmöglichkeit von Inklusion herausgearbeitet. Dabei erfassen wir Inklusion als eine empirische Kategorie, in dem wir sie als ein normatives Ziel, als Anspruch und Erwartung von sozialen Akteuren erfassen, deren vollumfängliche Realisierung aus zahlreichen Gründen strukturell unwahrscheinlich ist. Philosophisch gesprochen handelt es sich bei Inklusion um einen (höchsten) Wert. In der Folge treffen diese normativen Forderungen auf (schul-)strukturelle Hindernisse und müssen entsprechend angepasst werden; es entwickelt sich ein praktisch-technisches Inklusionsverständnis, das zwar umsetzbar ist, allerdings nie den höchsten Wert vollends widerspiegelt und ihn über die Zeit zunehmend vernachlässigt. Da Schule im 21. Jhd. sich primär nach außen verantworten muss (Ritter 2021), hat diese Nichtpassung von inklusiven Ansprüchen und technisch-praktischer Realisierung das Potenzial die Annäherung ans Ideal im Rahmen der umzusetzenden Programmatik zu unterminieren. Damit eine Fortführung inklusiver Programmatiken unter Rückbezug des politisch-öffentlichen Diskurses über Schule stattfinden kann, muss Verdeckung zwangsläufig mitgedacht werden, da alternativ Heucheleikosten (Greenhill 2016) entstehen, die auf die inklusive Programmatik zurückfallen.

 

Spannungsfeld von Inklusion und Exklusion

Prof. Dr. Oliver Flügel-Martinsen
Universität Bielefeld

Die Kontestation von Exklusionsmechanismen setzt demokratietheoretisch die Kritik bestehender Zugehörigkeitsordnungen voraus. Als schwierig erweist sich in diesem Zusammenhang, dass gerade die politischen Ordnungen in demokratischen Gesellschaften sich zumeist nicht offen als Ausgrenzungsordnungen zu erkennen geben, sondern selbst erklärtermaßen Ansprüche auf Inklusion und Teilhabe erheben, die jedoch ihrerseits Exklusionseffekte verdecken. Um Ordnungen und ihre Grenzziehungen einer Kritik zu unterziehen, könnte es daher zunächst erforderlich erscheinen, bestehende Inklusionsvorstellungen mit einem umfassenderen Konzept von Inklusion zu konfrontieren. Dadurch entsteht eine enorme Begründungslast, die vielfach zu Recht als normative Überfrachtung kritisiert wird.

Im Anschluss an Jacques Rancières (2018) Überlegungen zur sinnlichen Aufteilung (partage du sensible) der Welt und der mit ihr verbundenen Hervorbringung eines Teils ohne Anteil (la part des sans-part) lässt sich eine negativ verfahrende Kritik der Verdeckung von Exklusionsmechanismen entwickeln, die – nicht nur – demokratietheoretisch fruchtbar ist: Sie setzt ihrerseits nicht auf eine umfassende normative Konzeption von Inklusion etwa in Form einer inklusiven sinnlichen Weltaufteilung, sondern nimmt erstens ausschließenden Effekte jeder Weltaufteilung kritisch in den Blick und weist zweitens die Kontingenz und damit verbunden auch die Möglichkeit der Neuaufteilung gegebener Ordnungen und ihrer Grenzziehungen aus.

 

Die Umdeutung des Labels ‚Inklusion‘ seitens der universitären Fachdidaktiken

Dr. Kinga Golus
Universität Bielefeld

In den Fachdidaktiken kollidieren die seitens der (Schul-)Politik artikulierten Ansprüche an Lehrer*innenbildung mit den strukturellen, institutionellen sowie historisch gewachsenen (Fach-)Traditionen innerhalb der Universitäten. Eine der zentralen Forderungen der vergangenen zehn Jahre war die Arbeit im Themenfeld ‚Inklusion‘, in dem sich die o.g. Widersprüche in besonderer Art und Weise manifestieren. Exemplarisch wird am Beispiel der (Bielefelder) Philosophiedidaktik aufgezeigt, wie das Fach mit diesen divergierenden Ansprüchen – von außen artikulierten Ansprüchen auf der einen Seite, den fachlich-theoretischen Grenzen auf der anderen – umgeht. Seitens der Philosophie erfolgt bspw. eine vorweggenommene Flucht aus der Praxis (inklusionsorientierter Philosophieunterricht) in die vertraute Theorie, die neu gedeutet wird (Inklusion als philosophischer Gegenstand) (Golus/Bergmann 2021). Inwiefern eine bestimmte Fachkultur als Ausdrucksform einer stabilen, hegemonial-sozialen Praxis (Nonhoff 2019) gedeutet werden kann, deren inhaltlicher Zugang zum Thema der schulischen Inklusion im Gegensatz zur praktizierten Fachkultur steht, lohnt der Untersuchung. Die Philosophie begründet nämlich inhaltlich eine Praxis der (schulischen) Inklusion, doch gleichzeitig vollziehen sich diese Begründungen innerhalb einer praktizierten Fachlogik, die möglichst praxisfern (verdeckend) arbeitet. Im Rahmen des Symposiums kann dieses Vorgehen exemplarisch als Verdeckungsleistung gedeutet werden.

 
14:00 - 16:30Vergewisserungspraxen von Jugendlichen in entgrenzten Zeit-Räumen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 17
 

Chair(s): Prof. Dr. Sina-Mareen Köhler (RWTH Aachen University, Deutschland), Prof. Dr. Andreas Walther (Goethe Universität Frankfurt), Yağmur Mengilli (Goethe Universität Frankfurt)

Diskutant*innen: Prof. Dr. Barbara Stauber (Universität Tübingen)

Nicht nur anlässlich der Auswirkungen der Covid-19-Pandemie lassen sich zeittheoretische Fragen zu gesellschaftlicher Be- und Entschleunigung erneut aufrollen, sondern auch angesichts bestehender Herausforderungen für Jugendliche im Übergang. Gesellschaftliche, berufliche und persönliche Zukunftsvorstellungen sind zu präzisieren und umzusetzen, wobei deren Ungewissheit stets individuell und in kollektiv geteilten Vergewisserungen mündet. Das geplante Symposium widmet sich diesem Themenkomplex mit vier Beiträgen. Anforderungen an Jugendliche der Zeit- und Zukunftsgestaltung und den dazu nötigen gegenwärtigen Zeit-Räumen werden aus einer internationalen zeitsoziologischen Perspektive in einem ersten Vortrag theoretisch breit aufgefächert. Daran anknüpfend widmen sich drei empirische Vorträge der bislang weniger im Zentrum des Diskurses stehenden kollektiven Dimension der Vergewisserungspraxen von Jugendlichen als Bearbeitung von Zukunftsungewissheit.

 

Beiträge des Panels

 

Dealing with uncertainty. A journey into contemporary young people’s temporalities

Prof. Dr. Carmen Leccardi
University of Milano-Bicocca

Against a backdrop of increasing social acceleration and uncertainty, the ‘long duration’ – the time of social institutions – loses out in favour of immediacy as a criterion for action. This restructuring of social temporalities includes a deep transformation of the future as a timeframe for the construction of biographies and identities. However, even though insecurity and anxiety seem to make it less and less realistic to plan and shape the future, many young men and women appear to be engaged in reinventing a personal, positive relationship with the time to come; yet, often to the cost of reducing the scope of their temporal horizons. In this scenario, everyday life becomes most appropriate for innovation and expression of agency and subjectivity. On the one hand, micro routines and short term cyclicity help building a reassuring, protective order; on the other, in everyday life young people search for new relations between personal creation in the future, and the specific conditions of uncertainty they have to deal with. In other words, forms of personal resilience are often expressed through micro temporal practices of daily creativity and ‘singularization’ (Reckwitz 2020) largely decoupled from institutional rhythms and schedules. Some young people seem to be able “to use time against time”: by inventing new temporal practices they try to forge a positive relationship with the future, which also translates into new forms of social and political participation.

 

Doing Transitions Online – Übergangspraktiken (Post-)Adoleszenter fernab körperlicher Kopräsenz

Jana Heer
Goethe Universität Frankfurt

Durch gegenwärtige Kontaktbeschränkungen im Zuge der Pandemie bleibt auch die Art, wie Übergänge in der (Post-)Adoleszenz hergestellt und gestaltet werden, nicht unberührt. Rituale wie der Abiball, aber auch kopräsente peerkulturelle Praktiken, entfallen teilweise unwiederbringlich (Stauber 2021) und damit auch performative Momente (Wulf 2015), durch die eine Person von anderen als andere:r anerkannt werden kann (Friebertshäuser 2020). Durch kollektive Online-Praktiken scheint dieser Wegfall gegenwärtig in Sozialen Medien kompensiert zu werden, indem bspw. unter dem Motto „what I would have worn“ Outfits via Kurzvideos präsentiert werden, die zum 1. CSD oder dem Abiball getragen worden wären. Doch bleiben diese sog. Online-Trends nicht der imaginierten und nicht mehr eintreffenden Zukunft im Zuge der Pandemie vorbehalten. Gleichermaßen wird in reflexiver Selbstbezugnahme mit dem eigenen ‚Ich‘ der Vergangenheit in Dialog getreten (coming back from the future telling myself…), Zukunftsentwürfe antizipiert (wie ich aussehe, wenn ich nach der Schule nach Berlin ziehe) oder Gegenwartsentwürfe mit veränderten Vergangenheiten (ich heute, wenn ich mich vor 4 Jahren geoutet hätte) imaginiert. Jene Arten kollektiver Praktiken im translokalen Raum des Web 2.0 sollen im Beitrag aufgegriffen und die Frage diskutiert werden, wie (aufge(sc)hobene) Übergänge online gestaltet bzw. (stellvertretend) vollzogen werden, ohne (wie üblich) in körperlicher Kopräsenz bezeugt und validiert zu werden.

 

Chillen als jugendkulturelle Praxis zwischen Vergewisserung und Abgrenzung

Yağmur Mengilli
Goethe Universität Frankfurt

Chillende und rumhängende junge Menschen in ihren Peergruppen beschäftigen seit Jahrzehnten jene, die sich mit Jugend befassen. Von Zuschreibungen wie Apathie oder Politikverdrossenheit über widerständige Praktiken (Willis 1979) bis hin zur Kritik am Fehlen von Freiräumen (BMFSFJ 2017) wird auf informelle Praktiken wie das Chillen Bezug genommen. Was sagen informelle jugendkulturelle Praktiken jedoch über Jugend aus? Inwiefern werden beim Chillen gesellschaftliche Anforderungen bearbeitet oder ausgegrenzt? In der Dissertationsstudie wurden Praktiken des Chillens in Peergruppen rekonstruiert. Einerseits bewegt sich die Peergruppe innerhalb ihres Zusammenschlusses zwischen Vergewisserungs- und Gewissheitspraktiken, um sich zu zeigen, dass sie zusammengehören, um sich andererseits nach außen hin abzugrenzen. Diese Abgrenzungspraktiken sind Grenzziehungen zu Gleichaltrigen und Andersartigen, zu Generationen und zu gesellschaftlichen Rollenerwartungen. Mit dem Code des Chillens können Gleichaltrige über habitualisierte Vergewisserungs- und Gewissheitspraktiken einander verstehen und sich gleichzeitig von anderen abgrenzen. Junge Menschen positionieren sich mit dieser Grenzbearbeitung als Grenzbearbeiter:innen (Mangold 2015) mit ihren Peergruppen innerhalb der Gesellschaft. Daraus ergibt sich die Bearbeitung des Spannungsverhältnisses zwischen entfremdete Beanspruchung eine nicht planbare Zukunft planen zu müssen sowie dabei eine selbstbestimmte Gegenwart authentisch zu erleben.

 

Zukunftsvorstellungen und Vergewisserungen im Kreise der Peers

Prof. Dr. Sina-Mareen Köhler1, Dr. Maren Zschach2
1RWTH Aachen, 2Deutsches Jugendinstitut

Bildungsprozesse von Jugendlichen pädagogisch zu unterstützen, erfordert aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive die Schaffung von Möglichkeitsräumen der Reflexion und somit tatsächliche Vergewisserungspraxen des Bildungsgeschehens in seiner Prozesshaftigkeit. Dies umfasst sowohl die Betrachtung des Bildungsanstoßes, ob Krise oder Aktionismus (vgl. Koller 2009), das Ausmaß der Transformation, die veränderten lebensweltlichen Gegenstands- und Personenbezüge sowie die Selbstvergewisserung als Biografisierung des eigenen Lebensverlaufes in der Zeit (vgl. Marotzki 1990). Der geplante Vortrag greift dieses Themenfeld auf, indem die biografische Bedeutung der Peerbeziehungen für die Entwicklung von Zukunftsvorstellungen im Längsschnitt beim Übergang ins junge Erwachsenenalter betrachtet wird. Um dabei vor allem die kollektive Dimension des Verhältnisses von Selbstvergewisserung und Zukunftsvorstellungen näher zu beleuchten, werden die biografischen Erzählungen von befreundeten Schulabsolventinnen fokussiert, die beide den erweiterten Realschulabschluss an einer Hauptschule erlangten, aber unterschiedliche Übergänge in den Beruf realisierten. Im Zentrum des Vortrages stehen zwei Fragen, wie die Freundinnen sich jeweils im Zeitverlauf gegenseitig thematisieren und wie ihre Zukunftsvorstellungen mit spezifischen Autonomie- und Partizipationspotentialen verwoben sind.

 
14:00 - 16:30Zur Entgrenzung institutioneller Bildungskontexte mit und durch mobile Medien
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 28
 

Chair(s): Prof. Dr. Dorothee M. Meister (Universität Paderborn), Lara Gerhardts (Universität Paderborn), Lukas Dehmel (Universität Paderborn)

In der medienpädagogischen Forschung hat sich ein breiter Diskurs um das Lehren und Lernen mit mobilen Medien – insbesondere mit Tablets – etabliert, das Thema wurde in den letzten Jahren in zahlreichen Studien beforscht. Kaum berücksichtigt wurde in diesem Kontext bislang allerdings die systematische Reflexion von Entgrenzungsprozessen und die damit verbundenen Neuordnungen von institutionellen Bildungskontexten, die sich auf unterschiedlichen Ebenen zeigen können. Sie lassen sich als eine Art „Nebenprodukt“ begreifen, das mit der Öffnung für mobile Technologien einhergeht und gleichzeitig massive Folgen für den Alltag der beteiligten Personengruppen haben kann. Diese Forschungslücke soll mit dem Symposium adressiert werden. Die Vorträge thematisieren die angesprochenen Entgrenzungsprozesse in der schulischen, der beruflich-inklusiven und der universitären Bildung und rücken sie in den Blick empirischer und theoretischer Forschung.

 

Beiträge des Panels

 

Der Einsatz von digitalen Medien als Begrenzung im familialen Umfeld - Perspektiven auf Homeschooling-Phasen von Schulanfänger*innen

Prof. Dr. Birgit Hüpping1, Prof. Dr. Melanie Kubandt2, Dr. Mirja Kekeritz3
1Pädagogische Hochschule Ludwigsburg, 2Universität Vechta, 3Universität Koblenz-Landau

Die Covid19-Pandemie hat die Grenzen zwischen Familie und Schule in Phasen von Homeschooling verschoben und den Einsatz mobiler Medien neu entfacht. Der Beitrag fokussiert Bewältigungsstrategien von Grundschulkindern im Umgang mit digitalen und analogen Medien bzw. schulischen Lerninhalten im familialen Umfeld. Grundlage bildet eine qualitative Studie, die speziell Perspektiven von Kindern aus einer Grundschulklasse auf Basis von 10 leitfadengestützten Interviews, Fragebögen (n=21), Kinderzeichnungen und nicht-reaktiven Audiostatements untersucht. Die Auswertung erfolgt gemäß der Grounded Theory in Rückgriff auf praxistheoretische Zugänge (Eßer 2016; Idel, Rabenstein & Reh 2013) mit Fokus auf das familiale und schulische Interaktions- und Beziehungsgefüge. Die Ergebnisse zeigen, dass der Einsatz digitaler Medien eine Begrenzung im familiären Umfeld erfährt, da der Raum für traditionelle Aufgabenformate (Stichwort: Arbeitsblatt) durch die Grenzziehungen der Erwachsenen definiert wird. Handlungsspielräume zum Einsatz digitaler Medien wie z.B. Tablets werden den Kindern in einer ergänzenden Funktion als Lernspiele oder Rechercheaufgaben zugestanden, sodass hier mit Blick auf das junge Alter der Kinder eine Bewahrfunktion greift. Neben Lernen im Kontext formaler Bildung verweisen die Ergebnisse darauf, auch non-formale und informelle Bildungsanlässe sowie Schule als Sozialraum (Hummrich 2015) bei der digitalen Unterrichtsgestaltung und -planung stärker zur berücksichtigen ist.

 

Zur Entgrenzung arbeitsbezogener Kommunikationskulturen durch Tablets - ein Blick auf den Lehrer*innenberuf

Lukas Dehmel, Lara Gerhardts, Prof. Dr. Dorothee M. Meister
Universität Paderborn

Der Beitrag geht der Frage nach, wie sich die Einführung von Diensttablets auf die Entgrenzung von arbeitsbezogenen Kommunikationskulturen in Lehrer*innenkollegien auswirkt. Dafür beziehen wir uns auf Überlegungen der Schulkulturtheorie, die Schulkulturen als symbolische Sinnordnungen versteht, die sich im Handeln zwischen schulischen Akteuren*innen formieren (Helsper 2008). Zur Beantwortung der Forschungsfrage greifen wir auf Gruppendiskussionen mit Lehrkräften zurück und realisieren eine zweiteilige Analyse. Zunächst untersuchen wir mithilfe eines „Walk Through“ (Light et al. 2018), inwiefern die graphische Gestaltung der innerhalb der Gruppendiskussionen zentral gesetzten Mailing-App und deren Einbindung auf dem Tablet-Interface Affordanzen für die Arbeitskommunikation bereithält. Anschließend rekonstruieren wir mithilfe der Objektiven Hermeneutik, wie diese Affordanzen in den Gruppendiskussionen verhandelt werden und wie sich im Umgang mit dem Tablet neuartige berufliche Kommunikationskulturen ausgestalten, die hinsichtlich der Entgrenzung von Arbeits- und Freizeit bedeutsam sind. Es zeigt sich, dass die Gerätekonfiguration auf eine niedrigschwellige Berufskommunikation ausgerichtet ist, die im Zuge der in den Kollegien befürworteten Nutzung des Dienstgerätes für private Belange auch in die Freizeit vordringt. Dabei erzeugt insbesondere die visuelle und auditive Aufbereitung des Eingangs neuer Nachrichten in den Kollegien einen ungewollten Kommunikationsdruck.

 

Inklusives berufliches Lernen mit mobilen Medien - Entgrenzungsperspektiven am Beispiel eines überfachlichen Qualifizierungskonzeptes

Nele Sonnenschein, Prof. Dr. Anna-Maria Kamin
Universität Bielefeld

Mobilen Medien, insbesondere Tablets, werden zahlreiche Potenziale zur Gestaltung inklusiver Bildung zugesprochen. Aufgrund ihrer flexiblen Einsatz- und intuitiven Bedienmöglichkeiten können sie zur Überwindung von Barrieren u.a. in den Bereichen Lernen oder Kommunikation beitragen und somit neue Teilhabechancen eröffnen (Sonnenschein & Kamin 2020). Die sich in diesem Kontext vollziehenden Grenzüberschreitungen und -auflösungen möchte der Beitrag insofern als Chance begreifen und mit Fokus auf die berufliche Bildung untersuchen. Am Beispiel eines in einem gestaltungsorientierten Forschungsprojekt entwickelten inklusiven und digital unterstützten Qualifizierungskonzeptes, das auf die Förderung überfachlicher berufsbezogener Kompetenzen zielt und durch die Einbindung von Tablets in berufliche Lernprozesse realisiert wird, sollen Entgrenzungen auf verschiedenen Ebenen aufgezeigt und theoretisch eingeordnet werden. Hierbei wird der Frage nachgegangen, wie die durch den Einsatz mobiler Medien evozierten und/oder ermöglichten Grenzüberschreitungen und -auflösungen – etwa in Bezug auf Lernort, Lernzeit, Lerngruppe oder Lerninhalte – in der beruflichen Bildung gezielt zur Förderung von Inklusion fruchtbar gemacht werden können.

 

„Praktisch und überfordernd zugleich“ - zur Sicht von Lehramtsstudierenden auf entgrenztes Lernen

Prof. Dr. Sonja Ganguin, Julia Nickel
Universität Leipzig

Auf Basis qualitativer Befragungsergebnisse stellt der Beitrag die Sicht von Lehramtsstudierenden auf entgrenztes Lernen (Kirchhöfer 2004) sowie damit verbundene Potenziale und Herausforderungen vor und diskutiert aus medienpädagogischer Perspektive Implikationen für die Professionalisierung angehender Lehrkräfte im Bereich der Digitalisierung. Entgrenzungsprozesse des Lernens sind im Rahmen der pandemiebedingten Umstellung auf digitale Lehr-Lernformate im Hochschulkontext für Studierende verschärft erlebbar geworden, so hat sich etwa die Auflösung räumlicher und zeitlicher Begrenzungen von Freizeit und Studium (Bettinger et al. 2013) noch verstärkt. Lehramtsstudierende stehen der Anforderung gegenüber, in ihrer späteren Berufspraxis selbst digitale Medien didaktisch sinnvoll im Unterricht einzusetzen und die Medienkompetenz von Schülerinnen und Schülern zu fördern (KMK 2017). Die (pandemiebedingten) Erfahrungen und Einstellungen von Studierenden im Zusammenhang mit digitalen Medien und entgrenztem Lernen rücken somit besonders in den Blickpunkt. So wird davon ausgegangen, dass digitalisierungsbezogene Bestandteile in der Ausbildung, in Lehr-Lernerfahrungen mit digitalen Medien und die Einschätzung der Potenziale digitaler Medien in Lehr-Lernkontexten Einflussfaktoren in Bezug auf den Einsatz digitaler Medien in der (späteren) Berufspraxis darstellen (Drossel et al. 2019).

 
17:00 - 18:00Informationsveranstaltungen von BMBF, DFG, UNESCO, FID
Ort: *rein digital*
17:00 - 18:00DFG- und BMBF-Förderung in der Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 37
Chair der Sitzung: Dr. Annabell Zentarra, Deutsche Forschungsgemeinschaft
 

Dr. Annabell Zentarra, Maren Heise

DFG-Förderung in der Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung: Aktuelle Informationen zu Förderprogrammen, Antragstellung und Begutachtungs- und Entscheidungsverfahren

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ist die zentrale Selbstverwaltungseinrichtung der Wissenschaft zur Förderung der Forschung an Hochschulen und öffentlich finanzierten Forschungsinstitutionen in Deutschland. In 2021 hat die DFG Forschungsvorhaben in der Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung mit über 10 Mio. Euro gefördert. Damit ist die DFG für die Forschenden in der Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung eine wesentliche Quelle für Drittmittel. Im Rahmen der Veranstaltung werden aktuelle Informationen zu allen Förderprogrammen der DFG, zur Antragstellung und zu den Begutachtungs- und Entscheidungsverfahren präsentiert. Welche Forschungsvorhaben können mit welchen Förderinstrumenten unterstützt werden? Welche Formalia sollten bei der Antragstellung beachtet werden? Wie sollte ein „guter“ Antrag aufgebaut sein? Nach welchen Kriterien wird begutachtet? Wer sind die Gutachterinnen und Gutachter? Wie sieht der weitere Entscheidungsprozess aus? Die Veranstaltung bietet die Möglichkeit, mit der Vertreterin der DFG-Geschäftsstelle über Fragen und Probleme im Rahmen der Einwerbung von DFG-Mitteln zu diskutieren.

BMBF-Förderung der Bildungsforschung – aktuelle Informationen zu Fördermöglichkeiten

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert Forschung im Bundesinteresse. Gute Bildung von Anfang an – das ist das Fundament eines zukunftsfähigen Bildungswesens und einer leistungsfähigen Wissensgesellschaft. Um Erkenntnisse für eine verbesserte Praxis in den Bildungseinrichtungen zu gewinnen und das Bildungssystem wissenschaftlich fundiert weiterzuentwickeln, fördert das BMBF die empirische Bildungsforschung – sowohl institutionell als auch mittels Projektförderung. Das BMBF stärkt die Wissensbasis für Bildungspolitik und -praxis und unterstützt, dass die Erkenntnisse in der Bildungspraxis ankommen.

Im Rahmenprogramm empirische Bildungsforschung fördert das Bundesbildungsministerium Forschungsprojekte, die wissenschaftlich hohe Qualität aufweisen und gleichzeitig sehr anwendungsbezogen sind. Das seit 2017 laufende Programm hat eine Laufzeit von vorerst sieben Jahren und ist mit einem geplanten Mittelvolumen von bis zu 250 Millionen Euro ausgestattet. Forschungsanträge können im Rahmen von Bekanntmachungen von Förderrichtlinien eingereicht werden.

Im Vortrag werden die Ziele und Schwerpunkte der aktuellen Forschungsförderung im Rahmenprogramm empirische Bildungsforschung geschildert. Außerdem wird auf verschiedene Aspekte der Projektförderung eingegangen, und es werden Förder- und Begutachtungskriterien sowie Entscheidungsprozesse beschrieben. Im Anschluss an den Vortrag können die Teilnehmenden Rückfragen stellen und gemeinsam diskutieren.

 
17:00 - 18:00Erbe und Zukunft: Ent/Grenz/ungen in Bildungs- und Kulturräume. Perspektiven aus der Arbeit der UNESCO
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 35
Chair der Sitzung: Prof. Dr. Christoph Wulf, Freie Universität Berlin
 

Christoph Wulf

Freie Universität Berlin, Deutschland

Eine Informationsveranstaltung von Deutsche UNESCO-Kommission/Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft.

Einen Beitrag dazu zu liefern, wie die Weltgemeinschaft mit dem Erbe von Natur und Kultur unter den Bedingungen des Anthropozäns kreativ umgehen kann, ist eine zentrale Aufgabe der UNESCO. Da sie eine multilaterale Institution ist, spielen Grenzen, Entgrenzungen und Begrenzungen eine zentrale Rolle. Daher soll die Bedeutung von Grenzen und Entgrenzungen in vier Bereichen untersucht werden, in denen die UNESCO wichtige Bildungsprobleme bearbeitet. Erstens: Wie verändern sich im Anthropozän die Grenzen zwischen kulturellem Erbe und Naturerbe und welche Bedeutung hat die Gemeinsamkeit des Erbes für Grenzziehungen und Entgrenzungen? Zweitens: Welche Potentiale hat ein kreativer Umgang mit Grenzen für die Verwirklichung nachhaltiger Entwicklung in Erziehung und Bildung? Drittens: Wie wird kulturelle Bildung von anderen Formen der Bildung unterschieden und welche Erziehungs- und Bildungsmöglichkeiten entstehen aus diesen Formen der Entgrenzung und Begrenzung? Viertens: Welche Fragen und Probleme ergeben sich aus der weltweiten digitalen Transformation und der damit verbundenen Entgrenzung von Wissen und Kommunikation?

Prof. Dr. Christoph Wulf (Bonn/Berlin): Die Gestaltung des Natur- und Kulturerbes im Anthropozän. Zur Veränderung überkommener Grenzziehungen

Prof. Dr. Inka Bormann (Berlin): Nachhaltige Entwicklung als Bildungsaufgabe. Zur Notwendigkeit neuer Werte und den Herausforderungen eines kreativen Umgangs mit Grenzen.

Prof. Dr. Annette Scheunpflug (Bamberg): Kulturelle Bildung in der Weltgesellschaft. Über die Veränderung traditioneller Grenzziehungen.

Prof. Dr. Benjamin Jörissen (Erlangen-Nürnberg). Die Entgrenzung von Erziehung und Bildung in der digitalen Transformation und die Notwendigkeit neuer Grenzen.

 
17:00 - 18:00Open Science mit dem Verbund Forschungsdaten Bildung und dem Fachportal Pädagogik
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 36
Chair der Sitzung: Jens Röschlein, DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation
 

Dr. Sonja Bayer, Jens Röschlein, Dr. Christoph Schindler

FID Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung, Deutschland

Unter dem Begriff Open Science werden zunehmend gegenwärtige Entwicklungen und Praktiken für eine offenere und zugänglichere Wissenschaft subsumiert, die mit einer neuen Wissenschaftskultur einhergehen. Die Session knüpft an diese Entwicklungen an und befasst sich mit Aktivitäten und Services zur Unterstützung von Open Science in der Erziehungswissenschaft. Ziel ist ein fachlich-thematischer Austausch mit den Teilnehmenden.

Im ersten Beitrag wird ein kurzer Überblick über den aktuellen Stand von Open Science in der Erziehungswissenschaft gegeben. Im Anschluss daran werden die gegenwärtigen und geplanten Open Science Aktivitäten des Fachportals Pädagogik mit dem Fachinformationsdienst Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung dargestellt. Im Fokus stehen dabei die offene Auffindbarkeit von Forschungsliteratur und die Unterstützung von Open Access Publikationen, wie die mit dem Fachrepositorium peDOCS anvisierte Publikationsplattform für Zeitschriften und Schriftenreihen sowie einem verlagsübergreifenden Crowdfunding von OA-Monografien.

In einem weiteren Beitrag werden die Angebote des Verbunds Forschungsdaten Bildung (VerbundFDB) zur Archivierung, Publikation und Nutzung von Forschungsdaten sowie damit verbundene Anforderungen aufgezeigt. Der VerbundFDB unterstützt u.a. bei der Suche zugänglicher Forschungsdaten für eigene Forschungsvorhaben und stellt, gemeinsam mit Datenzentren der Bildungsforschung, Strukturen und Beratung für die Publikation von Forschungsdaten bereit.

Ziel der Veranstaltung ist es, gegenwärtige Unterstützungsangebote für eine offene Wissenschaft bekannt zu machen und zukünftige zu diskutieren. Dabei werden auch Möglichkeiten aufgezeigt, wie Sie selbst Ihre Forschung und ihre Forschungsdaten anderen möglichst offen zugänglich machen können. Zudem möchten wir mit den Teilnehmenden Möglichkeiten und Grenzen der offenen Wissenschaft anhand der Angebote diskutieren und Bedarfe der Bildungsforschung eruieren.

 
17:00 - 18:00Kulturprogramm: parallele Angebote
Ort: *rein digital*

In diesem Zeitfenster stehen fünf interaktive Kulturangebote von Bremer Kultureinrichtungen zur Auswahl. Alle Angebote werden in deutscher Sprache durchgeführt. 

17:00 - 18:00Denkort Bunker Valentin - Digitale Vorstellung der Gedenkstätte
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Raum Bunker Valentin

Der Bunker "Valentin" ist die Ruine einer U-Boot-Werft der deutschen Kriegsmarine aus dem Zweiten Weltkrieg. In den Jahren 1943 bis 1945 wurden hier Tausende von Zwangsarbeiter:innen aus ganz Europa und Nordafrika eingesetzt - Zivilarbeiter:innen ebenso wie Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge. Der Denkort Bunker Valentin ist ein Dokumentations- und Erinnerungsort, der Raum bietet, sich mit der Geschichte des Bunkers auseinanderzusetzen. Im Rahmen einer digitalen Vorstellung werden die Gedenkstätte, die Geschichte des Ortes und die pädagogischen Angebote kurz vorgestellt. Im Anschluss an den Vortrag wird es Raum für Fragen geben.

 

Denkort Bunker Valentin Mitarbeitende

Universität Bremen, Deutschland

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17:00 - 18:00Führung Kunsthalle Bremen: Die große Einfachheit der Form. Paula Modersohn-Becker und die Moderne
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 27

Die Kunsthalle Bremen beherbergt eine der bedeutendsten Sammlungen von Gemälden und Zeichnungen von Paula Modersohn-Becker, der großen Pionierin der Moderne in Deutschland. Von den frühen Selbstporträts, Aktgemälden und Skizzen bis zu ihren radikal einfachen, den Kubismus vorwegnehmenden Bildern, die sie unter dem Eindruck ihrer Parisreisen und der französischen Avantgarde schuf, stellt Ihnen die Führung das Schaffen dieser Ausnahmekünstlerin vor.

 

Kunsthalle Bremen Mitarbeitende

Universität Bremen, Deutschland

Die Kunsthalle Bremen beherbergt eine der bedeutendsten Sammlungen von Gemälden und Zeichnungen von Paula Modersohn-Becker, der großen Pionierin der Moderne in Deutschland. Von den frühen Selbstporträts, Aktgemälden und Skizzen bis zu ihren radikal einfachen, den Kubismus vorwegnehmenden Bildern, die sie unter dem Eindruck ihrer Parisreisen und der französischen Avantgarde schuf, stellt Ihnen die Führung das Schaffen dieser Ausnahmekünstlerin vor.

 
17:00 - 18:00Führung Kunsthalle Bremen: Die Sammlung neu sehen – von Meisterwerk zu Meisterwerk
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 26

Vom Madonnenbild der Renaissance bis zur multimedialen Rauminstallation der Gegenwart beherbergt die Sammlung der Kunsthalle Meisterwerke aus 700 Jahren Kunstgeschichte. Die Führung präsentiert Ihnen so unterschiedliche Künstlerinnen und Künstler wie Albrecht Dürer, Vincent van Gogh, Paula Modersohn-Becker oder James Turrell.

 

Kunsthalle Bremen Mitarbeitende

Universität Bremen, Deutschland

Vom Madonnenbild der Renaissance bis zur multimedialen Rauminstallation der Gegenwart beherbergt die Sammlung der Kunsthalle Meisterwerke aus 700 Jahren Kunstgeschichte. Die Führung präsentiert Ihnen so unterschiedliche Künstlerinnen und Künstler wie Albrecht Dürer, Vincent van Gogh, Paula Modersohn-Becker oder James Turrell.

 
17:00 - 18:00Übersee-Museum: Digitaler Rundgang Vermittelte Welt – Weltvermittlung im Übersee-Museum
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Seminarraum 34

Vor mehr als 125 Jahren wurde das Übersee-Museum in Bremen eröffnet. Der Gründungsdirektor Hugo Schauinsland träumte von „Einem Museum für alle“, Wissenschaftler*innen und interessierte Laien sollten gleichermaßen angesprochen werden. Dazu entwickelte er Dioramen und Schaugruppen, die - allerdings oftmals stereotype - Einblicke in die Natur und Kultur ferner Länder und Kontinente gaben. Die jetzigen Ausstellung- und Vermittlungskonzepte des Übersee-Museums verfolgen zwar das Grundvorhaben weiterhin, sie unterliegen jedoch dem stetigen gesellschaftlichen Wandel. Es geht vor allem um einen transparenten und kritischen Umgang mit den eigenen Sammlungen im Hinblick auf die Kolonialgeschichte im Austausch mit den Herkunftsgesellschaften. Auf dem digitalen Rundgang führt Sie die Direktorin Prof. Dr. Wiebke Ahrndt durch die Dauerausstellungen des Übersee-Museum Bremen. Der Fokus liegt auf der Ausstellung „Spurensuche“, die sich explizit mit der Geschichte des Hauses beschäftigt. Prof. Ahrndt beleuchtet die Veränderungen in den Sammlungsstrategien und Vermittlungskonzepten. Zudem gibt sie einen Einblick in Restitutionen des Übersee-Museums und Kooperationsprojekte mit Herkunftsgesellschaften.

 

Prof. Dr. Wiebke Ahrndt

Universität Bremen, Deutschland

Vor mehr als 125 Jahren wurde das Übersee-Museum in Bremen eröffnet. Der Gründungsdirektor Hugo Schauinsland träumte von „Einem Museum für alle“, Wissenschaftler*innen und interessierte Laien sollten gleichermaßen angesprochen werden. Dazu entwickelte er Dioramen und Schaugruppen, die - allerdings oftmals stereotype - Einblicke in die Natur und Kultur ferner Länder und Kontinente gaben. Die jetzigen Ausstellung- und Vermittlungskonzepte des Übersee-Museums verfolgen zwar das Grundvorhaben weiterhin, sie unterliegen jedoch dem stetigen gesellschaftlichen Wandel. Es geht vor allem um einen transparenten und kritischen Umgang mit den eigenen Sammlungen im Hinblick auf die Kolonialgeschichte im Austausch mit den Herkunftsgesellschaften. Auf dem digitalen Rundgang führt Sie die Direktorin Prof. Dr. Wiebke Ahrndt durch die Dauerausstellungen des Übersee-Museum Bremen. Der Fokus liegt auf der Ausstellung „Spurensuche“, die sich explizit mit der Geschichte des Hauses beschäftigt. Prof. Ahrndt beleuchtet die Veränderungen in den Sammlungsstrategien und Vermittlungskonzepten. Zudem gibt sie einen Einblick in Restitutionen des Übersee-Museums und Kooperationsprojekte mit Herkunftsgesellschaften.

 
17:00 - 18:00Workshop Gerhard-Marcks-Haus: H.G. Prager und die Kinder - Eine Reise zu den Verhältnissen
Virtueller Veranstaltungsort: Zoom Workshop Raum Marcks Haus
Chair der Sitzung: Sven Trostmann, Universität Bremen

Das Gerhard-Marcks-Haus in Bremen ist ein Museum für moderne und zeitgenössische Bildhauerei. Hier werden Sonderausstellungen zur Geschichte und Gegenwart der Bildhauerei gezeigt, die beweisen, dass Skulptur ein lebendiges Medium ist. In diesem Sinne ist eine Kooperation einer Grundschulklasse und dem Museum initiiert worden, in der Kinder einer 3./4. Grundschulklasse Objekte des deutschen Künstlers Heinz-Günter Prager auf der pädagogischen Spielwiese des Museums begegnen können.

Doch was passiert dabei?

Die vielfältigen Begegnungen der Kinder werden in Form von Bild- und Tonaufnahmen dokumentiert. Dieses Material wird den Kongressteilnehmenden u.a. durch Videoschnipsel und Bilder zugänglich gemacht. Aber auch Interaktionsmöglichkeiten sollen den Teilnehmenden angeboten werden. In einer anschließenden Gesprächsrunde mit dem Leiter des Gerhard-Marcks-Hauses, mit der beteiligten Grundschullehrkraft und Kindern aus der Gruppe bietet sich die Gelegenheit für einen dialogischen Austausch rund um diese Aktion.

 

Dr. Arie Hartog1, Sven Trostmann2

1Gerhard-Marcks-Haus Bremen; 2Universität Bremen

Das Gerhard-Marcks-Haus in Bremen ist ein Museum für moderne und zeitgenössische Bildhauerei. Hier werden Sonderausstellungen zur Geschichte und Gegenwart der Bildhauerei gezeigt, die beweisen, dass Skulptur ein lebendiges Medium ist. In diesem Sinne ist eine Kooperation einer Bremer Grundschulklasse und dem Museum exklusiv für den Kongress initiiert worden, in der Kinder einer 3./4. Klasse an sechs Projekttagen Skulpturen u.a. des deutschen Künstlers Heinz-Günter Prager auf der pädagogischen Spielwiese des Museums begegnen werden.

Doch was passiert dabei?

Die vielfältigen Begegnungen der Kinder werden in Form von Bild- und Tonaufnahmen dokumentiert. Dieses Material wird den Kongressteilnehmenden u.a. durch Videoschnipsel und Bilder zugänglich gemacht. Aber auch Interaktionsmöglichkeiten sollen den Teilnehmenden angeboten werden. In einer anschließenden Gesprächsrunde mit dem Leiter des Gerhard-Marcks-Hauses, mit der beteiligten Grundschullehrkraft und Kindern aus der Gruppe bietet sich die Gelegenheit für einen dialogischen Austausch rund um diese Aktion.

 
18:00 - 18:45Sektions-/Kommissionssitzungen
Ort: *rein digital*

Die Sektions- und Kommissionsitzungen richten sich an die Mitglieder der Sektionen und Kommissionen der DGfE.

Alle Sitzungen finden in deutscher Sprache statt.

18:00 - 18:45Kommission 2b Qualitative Bildungs- und Biographieforschung
Virtueller Veranstaltungsort: Link wird von der Sektion per Mail versendet
18:00 - 18:45Kommission 2c Wissenschaftsforschung
Virtueller Veranstaltungsort: Link wird von der Sektion per Mail versendet
18:00 - 18:45Kommission 3a Vergleichende und Internationale Erziehungswissenschaft
Virtueller Veranstaltungsort: Link wird von der Sektion per Mail versendet
18:00 - 18:45Kommission 3b Interkulturelle Bildung
Virtueller Veranstaltungsort: Link wird von der Sektion per Mail versendet
18:00 - 18:45Kommission 3c Bildung für nachhaltige Entwicklung
Virtueller Veranstaltungsort: Link wird von der Sektion per Mail versendet
18:00 - 18:45Kommission 10a Pädagogische Freizeitforschung
Virtueller Veranstaltungsort: Link wird von der Sektion per Mail versendet
18:00 - 19:00Sektion 4 Empirische Bildungsforschung
Virtueller Veranstaltungsort: Link wird von der Sektion per Mail versendet
18:00 - 19:30Kommission 8a Sozialpädagogik
Virtueller Veranstaltungsort: Link wird von der Sektion per Mail versendet
18:00 - 19:30Kommission 8b Pädagogik der frühen Kindheit
Virtueller Veranstaltungsort: Link wird von der Sektion per Mail versendet
18:00 - 19:30Sektion 1 Historische Bildungsforschung
Virtueller Veranstaltungsort: Link wird von der Sektion per Mail versendet
18:00 - 19:30Sektion 5 Schulpädagogik
Virtueller Veranstaltungsort: Link wird von der Sektion per Mail versendet
18:00 - 19:30Sektion 7 Berufs- und Wirtschaftspädagogik
Virtueller Veranstaltungsort: Link wird von der Sektion per Mail versendet
18:00 - 19:30Sektion 9 Erwachsenenbildung
Virtueller Veranstaltungsort: Link wird von der Sektion per Mail versendet
18:00 - 19:30Sektion 11 Frauen- und Geschlechterforschung in der Erziehungswissenschaft
Virtueller Veranstaltungsort: Link wird von der Sektion per Mail versendet
18:00 - 19:30Sektion 12 Medienpädagogik
Virtueller Veranstaltungsort: Link wird von der Sektion per Mail versendet
18:45 - 19:30Sektion 2 Allgemeine Erziehungswissenschaft
Virtueller Veranstaltungsort: Link wird von der Sektion per Mail versendet
18:45 - 19:30Sektion 3 Interkulturelle und International Vergleichende Erziehungswissenschaft
Virtueller Veranstaltungsort: Link wird von der Sektion per Mail versendet
19:00 - 19:30Kommission 4a Arbeitsgruppe Empirische Pädagogische Forschung
Virtueller Veranstaltungsort: Link wird von der Sektion per Mail versendet
19:00 - 19:30Kommission 4b Bildungsorganisation, Bildungsplanung, Bildungsrecht
Virtueller Veranstaltungsort: Link wird von der Sektion per Mail versendet
20:00Abend der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)
Virtueller Veranstaltungsort: Link wird von der GEW per Mail versendet

Organisiert durch die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft. Anmeldung in ConfTool oder direkt bei der GEW erforderlich.


 
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